EXPERTISEN FÜR DEMOKRATIE DEZEMBER | 2019 Verschwörungsmythen als Radikalisierungs­beschleuniger: Eine psychologische Betrachtung Pia Lamberty Aktualisierte Fassung April 2020 INHALT 1. Eine Frage des Begriffs: Von der Verschwö-­ rungs­theorie zum Verschwörungs­mythos 2. Verbreitung von Verschwörungsglauben 3. Warum glauben Menschen an Verschwörungen? Eine psychologische Einordnung a. Das Internet als Katalysator von Verschwörungsglauben? b. Die Motive hinter dem Glauben an Verschwörungsmythen c. Cui bono? Wem nützen Verschwörungserzählungen? 4. Handlungsmöglichkeiten beim Umgang mit Verschwörungsmythen a. Reflektion: Mit wem kommuniziere ich? b. Debunking – Verschwörungsmythen entlarven c. Gegenrede: Haltung zeigen gegen ­menschenfeindliche Inhalte d. Wenn der Bruder an Reptilienmenschen glaubt: Umgang mit Verschwörungsmythen im nahen Umfeld Forum Berlin FES GEGEN RECHTS EXTREMISMUS Die Erde ist eigentlich flach, die amerikanische Regierung versteckt in der Area 51 seit Jahren außerirdisches Leben und die Teilnehmenden der Bilderberg-Konferenz versuchen im Geheimen, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Es geht um ­Verschwörungsmythen. Das Thema ist in den vergangenen Jahren zunehmend – auch durch die ­Präsidentschaft von Donald Trump – in den gesellschaftlichen Fokus gerückt. Der von seiner Beraterin Conway geprägte Begriff„Alternative Fakten“ wurde 2017 sogar zum Unwort des Jahres gewählt. Verschwörungsmythen spielen aber nicht nur im U­ S-amerikanischen Raum eine Rolle – auch in Deutschland sind sie Teil des politischen und gesellschaftlichen Diskurses. Selbst scheinbar unpolitische Ereignisse wie der verheerende Brand im Krefelder Zoo zur Jahreswende 2019/20 gerieten ins Zentrum von Verschwörungsideolog_innen. Das Gleiche sah man auch im Gesundheitsbereich: Der CoronaVirus, der sich seit Januar 2020 von China aus verbreitete, sei angeblich von Bill Gates ent­ wickelt worden oder ein Produkt von Handy­ strahlung. Impressum| Herausgegeben Franziska Schröter, ­Forum Berlin der Friedrich-Ebert-Stiftung/ Projekt gegen Rechtsextremismus| Text: Pia Lamberty| Lektorat: Franziska Schröter|© Friedrich-Ebert-Stiftung 2019| Hiroshimastraße 17| 10785 Berlin| Gestaltung: Meintrup, Grafik Design| Fotos: dpa, Pia Lamberty, Picture Alliance, Pixabay| ISBN 978-3-96250-549-3 | www.fes-gegen-rechtsextremismus.de| Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten An­sich­ten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung. 2 EXPERTISEN FÜR DEMOKRATIE DEZEMBER| 2019 Verschwörungserzählungen sind auf der ganzen Welt verbreitet. Zu den Terroranschlägen am 11. September 2001 gibt es unzählige Mythen, nach denen manchmal die USA selbst oder Israel als Drahtzieher hinter den Anschlägen genannt wird. 1. Eine Frage des Begriffs: Von der Ver­s­ chwö­ rungs­theorie zum Verschwörungs­mythos Die meisten wissen intuitiv, wovon man spricht, wenn man über Verschwörungs­theorien redet. Trotzdem ist es doch gar nicht so leicht, eine allgemeingültige Definition für dieses Phänomen zu finden. Es fängt schon beim Begriff an: „Verschwörungstheorie“ gerät immer mehr in die Kritik, da es durch die Nutzung des Begriffs „Theorie“ zu einer Aufwertung von teilweise abstrusen Ideen und Ideologien kommt, die sich jeder Nachprüfbarkeit entziehen. Eine Theorie macht überprüfbare und falsifizierbare Aussagen über etwas, und kann – sollten die Fakten ihr widersprechen – auch widerlegt werden. Genau das passiert allerdings im Reich der Verschwörungsgläubigen kaum. Aus diesem Grund wurden verschiedene Alternativen für den Begriff„Verschwörungstheorie“ vorgeschlagen. In diesem Text wird der ­Begriff des Verschwörungsmythos benutzt, wenn es darum geht, konkrete Verschwörungen zu bezeichnen. Der Glaube an Reptilienmenschen, die die Menschen aus dem Erdinneren heraus steuern, wäre ein Beispiel für einen Verschwörungsmythos. Daneben gibt es aber noch den Glauben an Verschwörungen, also das Weltbild dahinter. Das wird in der Psychologie als Verschwörungsideologie oder Verschwörungsmentalität bezeichnet. Hier geht es dann um die individuelle Tendenz, die Welt als Ort voller Verschwörungen wahrzunehmen. Aber das erklärt immer noch nicht, was genau ein Verschwörungsmythos ist. Laut dem Duden bezeichnet dies die„Annahme, dass eine Verschwörung Ausgangspunkt von etwas sei“. Der amerikanische Soziologe Ted Goertzel, der 1994 eine der ersten sozialpsychologischen S­tudien zu dem Thema gemacht hat, definierte einen Verschwörungsmythos hingegen als eine Erklärung für„wichtige Ereignisse, die durch geheime Verschwörungen durch mächtige und böswillige Personen oder Gruppen” entstanden sind. Das FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 3 mag vielleicht erst einmal trivial klingen. Allerdings enthält diese Definition drei zentrale Komponenten: Wenn die Verschwörung nicht geheim ist, ist sie keine Verschwörung, sondern eine öffentliche Information. Wenn die Verschwörer zwar böswillig sind, aber nicht mächtig, können sie sich zwar wünschen, mit Flugzeugen giftige Chemikalien zu versprühen, wären aber niemals in der Lage, dies auch zu tun. Auch die unterstellte Böswilligkeit ist hier zentral. Wären diese drei Komponenten nicht zwingend, könnte jede Überraschungs­party zum Verschwörungsmythos umdefiniert werden. 2. Verbreitung von Verschwörungsglauben Zu Beginn der Forschung zu dem Phänomen Verschwörungsglauben wurden die Anhänger_innen solcher Ideologien eher pathologisiert und als kleine Minderheit betrachtet. Dieser A­ nsatz, das hat auch die Forschung schnell gemerkt, spiegelt die Wirklichkeit allerdings nur bedingt ­wider. Verschwörungsmythen gab es schon immer und überall und finden teilweise enorm viele Anhänger_innen. Sobald es zu einer gesellschaftlichen Tragödie kommt, entstehen in Windeseile verschwörungsideologisch aufgeladene Erklärungen, wer eigentlich„wirklich“ hinter dem Ereignis stecken würde. Nach dem Brand der französischen Kirche Notre Dame 2019 hieß es beispielsweise in sozialen Medien, dass der Brand eigentlich ein terroristischer Akt von Islamist_innen gewesen sei, die Europa gezielt destabilisieren wollten. Verschwörungsmythen aber sind kein Thema einer gesellschaftlichen Randgruppe. Mehr als die Hälfte der Befragten der Studie„Verlorene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19“ der FriedrichEbert-Stiftung 1 waren der Meinung, dass die „Medien und die Politik unter einer ­Decke“ ste1 Weitere Informationen zu den FES-Mitte-Studien: www.fes.de/ mitte-studie cken würden. Immerhin noch 41 Prozent glaubten,„Politiker und andere Führungspersönlichkeiten“ seien„nur die Marionetten der dahinterstehenden Mächte“. Davon, dass Studien zum Klimawandel meistens gefälscht seien, waren fast 12 Prozent der Bevölkerung überzeugt. Dass der Glaube an Verschwörungen nichts Neues ist und damit auch deutlich älter als soziale Medien, zeigt auch die im Jahr 1981 veröffentlichte„SINUS-Studie zum Rechtsextremismus“, in der auch die Zustimmung zu Verschwörungsmythen abgefragt wurde. Bereits damals glaubten fast 40 Prozent an das Narrativ der„Lügenpresse“. Etwas mehr als 20 Prozent meinten, dass die Bundesregierung„eine Marionettenregierung von Amerikas Gnaden“ sei. Diese Entwicklungen finden sich nicht nur in Deutschland. Weltweit glauben Menschen, dass finstere Mächte im Geheimen Böses tun. Eine Studie aus dem Jahr 2016 zeigte beispielsweise, dass jede_r zweite US-Amerikaner_in mindestens an einen Verschwörungsmythos glaubte. Fast zwanzig Prozent der Befragten meinten, dass die Regierung die Wahrheit über die Anschläge vom 11. September 2001 verheimlichen würde. Eine andere US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2013 kam zu dem Schluss, dass 21 Prozent der Befragten davon überzeugt waren, dass die US-Regierung eine UFO-Landung von 1947 verheimlichen würde und immerhin noch 13 Prozent hielten den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama für den Antichristen. In Ägypten machten 43 Prozent der Befragten laut einer in 2008 durchgeführten Umfrage Israel für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich, während ein Drittel der befragten Mexikaner_innen Amerika als Drahtzieher hinter dem Terroranschlag sah. Aber was sind das für Menschen, die überall Verschwörungen wittern? Tatsächlich gibt es relativ wenig konkrete Faktoren, die hier eine Rolle spielen. Laut der FES-Mitte-Studie von 2019 war die Zustimmung zu Verschwörungsmythen über alle Altersgruppen hinweg beispielsweise kon- 4 EXPERTISEN FÜR DEMOKRATIE DEZEMBER| 2019 stant. Das Alter spielte also keine Rolle. I­n­t­er­e­ssanterweise war es auch irrelevant, ob die Befragten in Ost- oder Westdeutschland ­aufgewachsen waren oder einen Migrations­ hintergrund berichten. Die Verschwörungsmentalität war auch unabhängig von der ­eigenen Berufstätigkeit. Interessanterweise hatten aber Menschen mit ausgeprägter Verschwörungsmentalität trotzdem eher das Gefühl, wirtschaftlich schlechter zu stehen. Ihnen ging es also nicht objektiv schlechter, sie fühlten sich aber trotzdem benachteiligt. Auch die politische Orientierung spielt eine Rolle, wenn es um die V­ erbreitung von Verschwörungsglauben geht. Prinzipiell fanden sich die höchsten Zustimmungswerte bei Menschen, die sich politisch stark rechts verorten und rechtspopulistischen Diskursen zustimmen. Was sich auch zeigte war, dass Befragte mit niedrigem oder mittlerem Bildungsniveau deutlich empfänglicher für Verschwörungsmythen waren als solche mit hohem. Womit hängt das zusammen? Eine Studie aus den Niederlanden von dem Psychologen Jan Willem van Prooijen konnte zeigen, dass diese Unterschiede nicht unbedingt mit Bildungsunterschieden zu erklären waren. Stattdessen hatten Menschen mit niedrigerer formaler Bildung eher das G­ efühl, keinen Einfluss auf die Gesellschaft nehmen zu können, was sie dann anfälliger machte für den Glauben an Verschwörungen. Das b­ edeutet allerdings nicht, dass Bildung komplett vor Verschwörungsglauben schützt. Der Jüdische Weltkongress konnte in seiner im Herbst 2019 vorgestellten Studie zeigen, dass unter Hochschulabsolvent_innen mit einem Jahreseinkommen von mindestens 100.000 Euro fast 30 Prozent an den antisemitischen Verschwörungsmythos glaubten, dass jüdische Menschen zu viel Macht in der Wirtschaft und in der Weltpolitik hätten. 3. Warum glauben Menschen an Verschwö­ rungen? Eine psychologische Einordnung Prinzipiell unterscheidet man in der Psychologie verschiedene politische Ideologien: die soziale Dominanzorientierung, rechtsgerichteten Autoritarismus und die Verschwörungsmentalität. Die soziale Dominanzorientierung spiegelt wider, wie sehr Menschen davon ausgehen, dass es Hierarchien in der Welt gibt und diese Generalisierte politische Einstellungen, zugehörige Weltbilder und Zielgruppen damit verbundener Vorurteile Einstellung Soziale Dominanzorientierung Rechtsgerichteter Autoritarismus Verschwörungsmentalität Weltbild Präferenz für Hierarchien und Dominieren von status­niedrigeren Gruppen Unterordnung unter Autoritäten und Einhalten von Traditionen Verteidigen der Eigengruppe vor mächtigen Gruppen Zielgruppe k  Vorurteil Gruppen mit niedrigem Status (z. B. Obdachlose /Abwertung wohnungsloser Menschen) Gruppen, die den Status quo bedrohen(z. B. Feministinnen / Sexismus) Gruppen, die als mächtig wahrgenommen werden(z. B. Juden / Antisemitismus) Quelle: Jonas Rees& Pia Lambert(2019):„Mitreißende Wahrheiten: Verschwörungsmythen als Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhang“ IN: Andreas Zick / Beate Küpper / Wilhelm Berghan, Verlorene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018 / 19. S. 210 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 5 auch für richtig erachten. Menschen mit starker Ausprägung in dieser Kategorie haben Vorurteile ­gegenüber Gruppen, die sie als statusniedrig ­ansehen. Dazu zählen beispielsweise Benachteiligte wie ALGII-Empfänger_innen. Der rechtsgerichtete Autoritarismus bezieht sich darauf, wie sehr Menschen sich an Normen und Autoritäten halten. Das Feindbild für Menschen mit hohem rechtsgerichtetem Autoritarismus sind in dieser Logik dann„Abweichler_innen“, die diese Normen in Frage stellen und den Autoritäten nicht folgen. Das können dann zum Beispiel Linke oder Feminist_innen sein. Die Verschwörungsmentalität spiegelt die generelle Tendenz wider, an Verschwörungen zu glauben. Sie ist die einzige Ideologie, die einem Feindbild folgt, welches nicht„nach unten“ tritt. Sie zeigt sich als generalisiertes Misstrauen gegenüber Personen oder Gruppen, die als mächtig wahrgenommen werden. Das können Eliten sein, Manager_innen, Mediziner_innen oder eben auch soziale Gruppen wie Jüdinnen und Juden. So erklärt sich auch, warum der Glaube an Verschwörungen so oft antisemitisch konnotiert ist. Menschen mit ausgeprägter Verschwörungsmentalität sind überzeugt davon, dass es nicht so gewesen sein kann, wie es„die Elite“ ihnen weismachen möchte. Sie sind sich im Gegenzug allerdings nicht unbedingt sicher, wie es denn wirklich war. Das konnten die britischen Psycholog_innen Wood, Douglas und Sutton in verschiedenen Studien zeigen. Wer meinte, dass Lady Di vom britischen Geheimdienst getötet wurde, war auch eher der Überzeugung, dass die „Prinzessin der Herzen“ ihren eigenen Tod nur vorgetäuscht hatte. Aber auch in Diskussionen bei Anhänger_innen der„Flachen Erde“ 2 lässt sich dieses Muster gut erkennen. Manche meinen, dass NASA eine antarktische Eiswand ­bewacht, die die Erde umgeben würde, andere halten das gesamte Weltall für eine Erfindung der Regierung. Einig sind sich die Anhänger_innen der Flachen-Erde-Verschwörung nur darin, dass NASA oder andere Regierungsbehörden der Bevölkerung verschweigen, dass die Erde eigentlich nicht kugelförmig sei. a. Das Internet als Katalysator von Verschwö­ rungsglauben? Die Flache-Erde-Verschwörung ist auch ein gutes Beispiel für den Einfluss von sozialen Medien auf den Glauben an Verschwörungsmythen. Laut einer amerikanischen Studie, bei der sogenannte„Flat Earther“ interviewt wurden, spielte bei 29 von 30 Interviewten die Videoplattform YouTube die entscheidende Rolle bei der ­ Meinungsbildung. Die Interviewten hatten ­Videos zur Mondlandung oder anderen gängigen Verschwörungsmythen angeschaut und wurden dann von dem Videoportal automatisch zur„Flachen Erde“ weitergeleitet. Diese Videos weckten das Interesse der Menschen und führten https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flat_earth.png 2 Seit einigen Jahren hat die Idee, dass die Erde eigentlich eine Scheibe sei, wieder an Zustimmung gewonnen. In den USA konnten Studien zeigen, dass etwa ein Sechstel der Bevölkerung von einer Kugelform der Erde nicht überzeugt sind. Die Anhänger_innen dieser Idee werden oft auch„Flat Earther“ genannt. Die Erde ist eine Scheibe! Laut einer Studie von YouGov (https://tinyurl.com/YouGovConspiracy) aus dem Jahr 2019 glauben drei Prozent der Bevölkerung, dass die Erde eigentlich flach sei. 6 EXPERTISEN FÜR DEMOKRATIE DEZEMBER| 2019 Die Idee, dass Flugzeuge Chemikalien versprühen würden, um entweder das Klima zu beeinflussen oder die Menschheit zu vergiften, ist ein weit verbreiteter Mythos unter Verschwörungsideolog_innen. dann dazu, dass sich diese weiter in ihrer ­Meinung radikalisierten. Aber welche Rolle spielen soziale Medien? Menschen, die jetzt im Internet aktiv Verschwörungsmythen verbreiten, hätten das vermutlich auch ohne soziale Medien getan – allerdings mit einem deutlich kleineren Publikum. Auch ­Filterblasen sind kein neues Phänomen. Menschen neigten schon immer dazu, sich in ­Räumen zu bewegen, die ihre eigenen Werte ­widerspiegeln. Wenn auch die psychologischen Mechanismen nicht neu sind, können sich ­soziale Netzwerke aber auf das Maß der Verbreitung von solchen Haltungen auswirken. Das zeigt sich auch bei anderen Themen: Wer„Impfen“ im Internet sucht, stößt dabei schnell auf verschwörungsideologisch aufgeladene Informationen und wird in sozialen Medien dann zu immer radikaleren Inhalten weitergeleitet. Eine britische Studie konnte zeigen, wie problematisch das ist: Schon die einmalige Konfrontation mit Verschwörungsmythen zu Impfungen genügt, um die eigene Impfintention zu ­reduzieren – und zwar unabhängig davon, ob man vorher an Verschwörungen geglaubt hat oder nicht. Wir können also davon ausgehen, dass Y­ ouTube, ­Facebook und Co den Glauben an Verschwörungen verstärken können. Insbesondere durch Videos werden emotionale Inhalte ­besonders stark vermittelt. Der eingesetzte ­Algorithmus, nachdem immer radikalere Inhalte präsentiert werden, verstärkt diese noch. Auch wenn insbesondere YouTube versucht hat, mit diesem Problem umzugehen, gehen diese Änderungen oft nicht weit genug. So werden teilweise unter verschwörungsideologisch aufgeladene Inhalte Links zu Wikipedia-Artikeln gesetzt. Da steht dann ein Video, das insbesondere die Gefühls­ ebene anspricht, einem eher nüchternen Text gegenüber. b. Die Motive hinter dem Glauben an Ver­ schwörungsmythen Aber warum glauben Menschen nun eigentlich an Verschwörungen? Welchen Nutzen hat es, überall nur Böses und Hinterhältigkeit zu FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 7 ­wittern? Die Psychologin Karen Douglas und ihre Kolleg_innen haben die psychologischen ­Motive, die der Glaube an Verschwörungen ­potenziell befriedigen kann, genauer untersucht. Das Forschungsteam konnte zeigen, dass der Verschwörungsglaube ganz grundlegende Bedürfnisse nach Kontrolle und Sicherheit befrieden soll. Auch andere Studien bestätigen diese Annahme: Im Jahr 2008 hatten die Psycholog_innen Whitson und Adam ­Galinksy Studien durchgeführt, die bis heute ­Relevanz besitzen. Die Proband_innen mussten Spiele spielen, bei denen sie vollkommen zu­fälliges Feedback bekamen – egal was sie taten. Das Ergebnis: Wer Kontrollverlust fühlte, sah ­Muster auch dort, wo keine waren und glaubte mehr an Verschwörungen. Sie konnten damit zeigen, wie relevant und einschneidend ein(gefühlter oder realer) Kontrollverlust für unsere Psyche ist. Das mag vielleicht erst einmal abstrakt klingen, Kontrolle spielt aber in unserem Leben eine wichtige Rolle. Der plötzliche Verlust von Angehörigen, überraschende Arbeitslosigkeit oder auch schon der ICE, den man verpasst, weil die S-Bahn zu langsam war – das sind alles Beispiele für Kontrollverlust. Wenn wir einer Situation ausgesetzt sind, die wir nicht beeinflussen können, wie z. B. in der Corona-Pandemie, führt das zu Stress und kann langfristig sogar Depressionen verursachen. Wenn Menschen also objektiv keine Kontrolle herstellen können, versuchen sie es auf psychologischem Wege und verbinden zufällige Punkte zu Mustern. Eine andere Studie konnte das Ergebnis bestätigen: Den Teilnehmenden wurden abstrakte Gemälde gezeigt. Sie sollten dann bewerten, inwiefern sie Muster im Chaos sehen. Es zeigte sich, dass Menschen, die an Verschwörungen glaubten, eher in diesen abstrakten Gemälden Muster und Struktur entdeckten. Verschwörungsmythen sind oft genau das: Es werden Punkte verbunden, die nicht immer ­zusammengehören. Der Zufall spielt dann keine Rolle mehr, alles fügt sich in diesem Weltbild ineinander. Man sieht dieses Phänomen auch in sozialen Netzwerken. Im Internet kursieren dann Videos, die meinen aufgedeckt zu haben, dass die Uhrzeit im Werbespot der Bahn ein Indiz für einen kommenden Anschlag sein könnte. Es werden Muster und Codes entdeckt und zum umfassenden Beleg einer Verschwörung. Der Einfluss von Kontrollverlust auf Verschwörungsglauben zeigte sich nicht nur im Labor, sondern auch im wahren Leben. Je weniger Kontrolle jemand über seinen Beschäftigungsstatus hat, umso eher ist die Person geneigt, überall Verschwörungen zu sehen. Auch wer über seine finanzielle Situation Unsicherheit verspürt, glaubt eher an Verschwörungen. Allerdings muss man diesen Befund mit Vorsicht betrachten: In den FES-Mitte-Studien konnte gezeigt werden, dass sich Menschen, die an Verschwörungen glauben, zwar subjektiv schlechter gestellt fühlen, es objektiv aber nicht unbedingt waren. Eine andere Erklärung, warum Menschen an Verschwörungen glauben, ist eher instrumen­teller Natur. Verschwörungsideolog_innen verkünden häufig lautstark und voller Selbstbewusstsein selbst krudeste Thesen und nehmen dafür sogar sozialen Ausschluss in Kauf. Daher kann man davon ausgehen, dass es neben dem Kontrollverlust auch andere Gründe geben muss, warum Menschen an Verschwörungen glauben. Als einzige Person„die Wahrheit“ zu sehen, kann eben nicht nur Kontrolle erzeugen, sondern verstärkt auch das Gefühl, besonders zu sein. Wer etwas behauptet, was ein Großteil der Gesellschaft ablehnt, hebt sich so auch von der Masse ab. Das ist erst einmal ein grundlegendes Bedürfnis von Menschen. Studien konnten ­allerdings zeigen, dass Menschen mit einem b­esonders ausgeprägten Bedürfnis nach Einzigartigkeit auch eher anfällig sind, an Verschwörungen zu glauben. c. Cui bono? Wem nützen Verschwörungs­ erzählungen? Verschwörungsmythen sind nicht nur weit verbreitet, sondern haben auch starken Einfluss auf 8 EXPERTISEN FÜR DEMOKRATIE DEZEMBER| 2019 alle möglichen Bereiche unseres Lebens. Sie wirken sich darauf aus, wen wir wählen, welche Medikamente wir nehmen, wie wir uns in einer Demokratie verhalten und wen wir als unseren Feind ansehen. Im Folgenden soll es daher um die Konsequenzen gehen, wenn Menschen überall Verschwörungen wittern. Gerade im Medizinbereich sind Verschwörungsmythen weit verbreitet. Da heißt es dann, dass das HI-Virus eine Erfindung der CIA sei oder dass die Barcodes auf Produkten Krankheiten verursachen würden. Die Verbindung zwischen Verschwörungsmythen und Medizin ist dabei keine Erfindung der Neuzeit. Zwischen 1348 und 1353 kam es während der Pestepidemie zu zahlreichen Pogromen gegen Jüdinnen und ­Juden in Mitteleuropa. Jüdischen Menschen wurde damals vorgeworfen, die Brunnen zu vergiften oder es hieß, dass die Pest eine Strafe Gottes sei, weil Jüdinnen und Juden unter Christ_innen leben würden. Dieser Verschwörungsmythos führte dazu, dass teilweise ganze jüdische Gemeinden vertrieben oder ermordet wurden. Aber auch in der Gegenwart spielen Verschwörungsmythen im Gesundheitsbereich noch eine große Rolle. Der Mythos, dass Impfen zu Autismus führen würde, hält sich bis heute – trotz zahlreicher ­Stellungnahmen und Dementi der Ursprungs­ studie. Die WHO hat 2019 Impfgegner_innen als globale Bedrohung eingestuft, da die Anzahl der Masern­erkrankungen aufgrund von„Impfskeptiker_innen“ in den letzten Jahren immer weiter anstieg. Und das gilt auch für Deutschland. So glaubten 2016 15 Prozent der deutschen Bevölkerung, dass Ebola kein natürlicher Virus sei, sondern eine von den USA getestete Waffe. In den USA waren 2014 über 30 Prozent der Meinung, dass die Regierung die Wahrheit über die Herkunft von AIDS verschleiern würde. Ein Grund für die starke Verbreitung von Verschwörungsmythen im Gesundheitsbereich ist, dass die ­Medizin und Pharmafirmen als besonders mächtig wahrgenommen werden, während sogenannte„Alternative Verfahren“ eher als den klassischen Ansätzen unterlegen gelten. Menschen mit ausgeprägter Verschwörungsmentalität stehen aber all dem, was als mächtig gilt, misstrauisch gegenüber. Aus diesem Grund befürworten diese Menschen auch Homöopathie, Naturheilkunde und Ähnliches und lehnen konventionelle Therapien wie Impfungen oder Antibiotika prinzipiell eher ab. Das individuelle Verständnis einer Erkrankung und die Wahl der Behandlung kann also stärker von der eigenen ­Ideologie abhängen als man denkt. ­Rationale Überlegungen spielen hier nur bedingt eine Rolle. Natürlich ist die Medizin nicht der einzige ­Bereich, auf den Verschwörungsmythen Einfluss nehmen. Sie sind mittlerweile Teil von ­vielen politischen Diskursen geworden. Es hat sich immer wieder gezeigt, dass Verschwörungsmythen das Potenzial haben, direkt als Radikalisierungsbeschleuniger zu wirken. Insbesondere rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppen nutzen sie teilweise gezielt als Instrument, um ihre eigene politische Agenda durchzubringen und Misstrauen in der Gesellschaft zu säen. Studien zeigen: Je mehr Menschen Verschwörungen überall sehen, desto eher misstrauen sie auch der Regierung, der Presse oder anderen Institutionen. Jene, die an Verschwörungsmythen glauben, sind deutlich misstrauischer gegenüber dem politischen System. Mit diesem dualistischen Weltbild geht eine Unterteilung von„Gut“ versus„Böse“ einher. Verschwörungsideolog_innen sehen sich als Kämpfer_innen für eine gute Welt, während alle anderen entweder Teil der Verschwörung oder„Schlafschafe“ sind, also jemand, der die Wahrheit ignoriert und blind„der Herde“ folgt. Das gilt dann auch für Kritiker_innen aus den eigenen Reihen. Gruppen, in denen Verschwörungsmythen eine zentrale Rolle spielen, haben nur noch wenig Raum für kritische Auseinandersetzungen. Durch diesen Gruppendruck FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 9 entsteht eine Meinungshomogenität, die dann auch wieder radikalisierend wirken kann. Im letzten Schritt können Verschwörungsmythen sogar Gewalt legitimieren. Wer davon überzeugt ist, dass die Regierung durch Wettermanipulation(„Chemtrails“) die eigene Bevölkerung vergiftet oder die Anschläge auf das World Trade Center fingiert hat, um eigene politische Ziele zu verfolgen, der ist seltener bereit, sich an demokratische Regeln zu halten. In dieser apokalyptischen Weltsicht ist dann Gewalt oft die einzige Option, sich der vermeintlichen Verschwörung zur Wehr zu setzen. Auch die ­Daten der FES-Mitte-Studie belegen, dass Verschwörungsmythen Gewalt legitimieren können. Je mehr Menschen an Verschwörungen glauben, desto eher befürworten sie politische Maßnahmen außerhalb des demokratischen Spektrums bis hin zur Gewalt und desto weniger sind sie bereit, am demokratischen Diskurs teilzunehmen. Verschwörungsmythen können also direkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie als solche gefährden. 2019 und 2020 konnte man die brutale Strahlkraft von Verschwörungsmythen gleich an mehreren Stellen sehen. Sowohl der Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch(Neuseeland) als auch der rechtsextreme Anschlag an Jom ­Kippur in Halle/Saale oder der rassistische Terroranschlag in Hanau wurden durch Verschwörungsmythen legitimiert. Der Attentäter von Christchurch veröffentlichte ein„Manifest“ mit dem Titel„Der große Austausch“. Dieser Verschwörungsmythos basiert auf dem gleich­ namigen Buch des französischen Autors Renaud Camus, nach dem die weiße Bevölkerung in ­Europa angeblich sukzessive durch Migrant_innen ausgetauscht würde. Der rechtsextreme ­Attentäter in Halle nutzte das antisemitische Wahnbild als Rechtfertigung seiner Taten, dass Jüdinnen und Juden hinter dem imaginierten Bevölkerungsaustausch steckten, während der Täter in Hanau davon ausging, dass er von ominösen Geheimdiensten überwacht werden würde. Dieser rechte Kampfbegriff der„Umvolkung“ wird in Deutschland auch von der Alternative für Deutschland(AfD) genutzt und verbreitet. So sprach Alexander Gauland im Frühjahr 2017 davon, dass der„Bevölkerungsaustausch in Deutschland auf Hochtouren“ laufen würde. Björn Höcke, Fraktionsvorsitzender der AfD im Thüringer Landtag, veröffentlichte im Jahr 2018 ein Buch, in dem es hieß, dass angeblich der „Volkstod durch Bevölkerungstod“ bevorstehe. Besorgniserregend ist, wie verbreitetet dieser Verschwörungsmythos in Deutschland ist. Fast jede_r Zehnte geht in Deutschland davon aus, dass„unkontrollierte Einwanderung eine Strategie“ sei,„um das deutsche Volk abzuschaffen“. Gerade dieser gewalttätige Verschwörungsmythos bietet Menschen eine Möglichkeit, sich selbst als Opfer einer angeblichen politischen Agenda und ihr Handeln als angebliche Notwehr zu stilisieren. Solche Argumentationsmuster konnte man auch beim Attentäter im neuseeländischen Christchurch beobachten. 4. Handlungsmöglichkeiten beim Umgang mit Verschwörungsmythen Das alles führt zu der Frage, wie man mit Verschwörungsmythen am besten umgehen sollte. Leider gibt es hier kein einfaches Patentrezept. Dennoch gibt es ein paar Ansätze und Handlungsoptionen, die im Umgang mit Verschwörungsideolog_innen hilfreich sein können: a. Reflektion: Mit wem kommuniziere ich? Zuallererst sollte man sich bewusst machen, auf welcher Ebene man handeln möchte: Geht es um einen Menschen im nahen Umfeld? Wie ideologisch verfestigt ist die Person? Hat die Person das erste Mal vom angeblichen Zusammenhang von Impfungen und Autismus gehört oder organisiert sie Treffen von Leuten, die aus der „BRD GmbH“ nach Russland auswandern wollen? Oder möchte ich auf jemand Fremdes reagieren, dessen Facebook-Kommentar ich gerade 10 EXPERTISEN FÜR DEMOKRATIE DEZEMBER| 2019 zufällig entdeckt habe? Wer soll angesprochen werden? Möchte ich eine hoch ideologisierte Person direkt erreichen oder möchte ich versuchen, anderen, die nur mitlesen oder zuhören, aufzuzeigen, wo hier problematische Ideologien vertreten werden? Diese Fragen sind zentral für den eigenen Umgang mit Verschwörungsideologien. Wenn in sozialen Netzwerken Verschwörungsmythen gepostet werden, gibt es nicht nur die Verbreiter_innen solcher Fehlinformationen, sondern auch viele(oftmals stille) Mitlesende. Diese über die Problematik von Aussagen zu informieren und auf gefährliche Argumentationsmuster aufmerksam zu machen, ist häufig ein wichtiger Schritt im Umgang mit Verschwörungsmythen. Humor oder Satire kann dabei ein Stilmittel sein, was aber auch seine Fallstricke hat. Gerade auf„Unentschlossene“ kann es abschreckend wirken, wenn Personen zum Ziel von Spott und Häme werden und es kann dann zu ungewollten Solidarisierungen mit den Verschwörungsideolog_innen kommen. Anstelle sich über eine Person lustig zu machen, sollte man sich stattdessen auf das problematische Weltbild fokussieren und dieses kritisieren. b. Debunking – Verschwörungsmythen entlarven Eine gängige Methode im Umgang mit Verschwörungsmythen ist das sogenannte Debunking . Hier geht es darum, falsche Informationen, die verbreitet werden, offenzulegen und sich dagegen zu positionieren. Allerdings muss man immer auch bedenken, dass Menschen, die tief in dieser Ideologie verankert sind, sich nicht durch die einfache Präsentation von Fakten umstimmen lassen. Debunking richtet sich also nicht unbedingt an überzeugte Verschwörungsideolog_innen, sondern mehr an die stillen Mitlesenden und Mithörenden. Das birgt aber auch Gefahren: Menschen erinnern sich besser an Fehlinformationen als an Fake News verbreiten sich insbesondere in Krisenzeiten wie der Corona-Pandemie rasant. Die WHO hatte bereits im Februar 2020 gewarnt, dass man nicht nur eine Pandemie bekämpfen würde, sondern auch eine Infodemie. die korrigierte Version. Wer also„Fake News“ postet, um dagegen aufzuklären, kann unbeabsichtigt zu deren Verbreitung beitragen. Aus diesem Grund rät beispielsweise auch die Amadeu Antonio Stiftung dazu, lieber die wesentlichen Fakten wiederzugeben und nicht die „verschwörungsideologische Falschinformationen zu wiederholen“. Wichtig ist es auch, sich nicht auf der Sachebene zu verzetteln. Wer schon einmal mit Anhänger_innen der 9/11-Verschwörung diskutiert hat, wird schnell feststellen, dass diese Personen scheinbar unendlich viele Details zu wissen glauben. Dann geht es darum, bei welcher Temperatur Stahl schmilzt, was die gefundenen Pässe bedeuten oder inwiefern es Indizien für eine angebliche Sprengung der Türme gibt. Selbst Expert_innen mit Fachwissen in Statik würden bei der Bewertung solcher Detailfragen schnell an ihre Grenzen kommen. Besser ist es daher, sich auf eine abstraktere Ebene zu begeben und eher die generelle Idee und das zugrundeliegende Weltbild zu hinterfragen. c. Gegenrede: Haltung zeigen gegen ­menschenfeindliche Inhalte Verschwörungsmythen haben oft einen zut­ iefst antipluralistischen, menschenf­ eindlichen Kern. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 11 Der Schritt vom scheinbar harmlosen Verschwörungsmythos zu einem antisemitischen Welt­ erklärungsmodell ist oft leider schneller gemacht als man denkt. Hier gilt es, sich ­menschenfeindlichen, rassistischen und anti­ semitischen Ideologien konsequent entgegenzustellen. Auch wenn Verschwörungsideologien verstärkt in rechten Kreisen zu finden sind, finden sich Anhänger_innen von Verschwörungsmythen in der ganzen Gesellschaft. Wenn menschenfeindliche Inhalte geäußert werden, ist es wichtig, unmissverständlich klar zu machen, dass eine rote Linie überschritten wurde. Das gilt im Internet wie beim Familienbesuch. Passiert dies nicht, fühlen sich die Verbreiter_innen solcher Hetze im Recht und es kann zur Normverschiebung kommen. d. Wenn der Bruder an Reptilienmenschen glaubt: Umgang mit Verschwörungsmythen im nahen Umfeld Wenn Menschen Anhänger_innen von Verschwörungsmythen in ihrem nahen Umfeld ­haben, kann das auch großen Leidensdruck für die Familie bedeuten. Plötzlich glaubt der B­ ruder an einen„großen Austausch“ oder die Tante impft ihre Kinder nicht mehr, weil sie meint, dass die Pharma­industrie alle krank machen will. Hier ist es erst einmal ­wichtig, dass die ­Familienangehörigen sich selbst reflektieren und ihre eigenen Grenzen kennen. Der Umgang mit Verschwörungsideologien ist belastend. Prinzipiell ist es aber wahrscheinlicher, dass sie mit nahestehenden Personen im Austausch über die Verschwörungsideologie bleiben können als es bei Fremden der Fall wäre. Die persönliche Nähe macht einen Austausch einfacher. Wenn die Verschwörungsideologie allerdings zu stark ausgebildet und vielleicht sogar in eine Gruppenstruktur eingebettet ist, sollten sich ­Betroffene beim Umgang mit dem Thema Hilfe und psychosoziale Beratung holen. Verschiedene Stellen wie die Amadeu Antonio Stiftung, die Mobilen Beratungsstellen gegen Rechtsextremismus, HateAid oder Sektenberatungsstellen bieten Unterstützung beim Umgang mit Verschwörungsideologien an und helfen Betroffenen und deren Angehörigen. Die Autorin Pia Lamberty ist ­Psychologin und Expertin im Bereich Verschwörungs­ ideologien. Ihre Forschung führte sie an die Universitäten in Köln, Mainz und Beer Sheva(Israel). ­Lamberty untersucht derzeit im Rahmen ihrer Dissertation die Rolle von Verschwörungserzählungen für Radikalisierungsprozesse. Gemeinsam mit Katharina N­ ocun verfasste sie das im Quadriga Verlag veröffentlichte Buch„Fake Facts: Wie Verschwörungs­theorien unser Denken bestimmen“. Pia Lamberty ist zudem Co-Autorin in der„MitteStudie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung 2018/19. 12 EXPERTISEN FÜR DEMOKRATIE DEZEMBER| 2019 Weiterlesen … Alt, Christian& Schiffer, Christian(2018): Angela Merkel ist Hitlers Tochter. Im Land der Verschwörungstheorien. München: Carl Hanser Verlag GmbH Co KG. Amadeu Antonio Stiftung(2015): No World Order: Wie antisemitische Verschwörungsideologien die Welt verklären. www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/no-world-order/ Brotherton, Rob(2015): Suspicious minds: Why we believe conspiracy theories. London, UK: B­ loomsbury ­Publishing. Butter, Michael(2018): „Nichts ist, wie es scheint.“ Über Verschwörungstheorien. Bonn: BDP. www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/politische-grundfragen/276793/nichts-ist-wie-es-scheint Douglas, Karen, Sutton, Robbie& Cichocka, Aleksandra(2017): The psychology of conspiracy theories. Current directions in psychological science, 26(6), 538–542. Goertzel, Ted(1994): Belief in conspiracy theories. 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Rees, Jonas,& Lamberty, Pia(2019): „Mitreißende Wahrheiten: Verschwörungsmythen als Gefahr für den ­gesellschaftlichen Zusammenhang“ IN: Andreas Zick / Beate Küpper / Wilhelm Berghan, Verlorene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19. www.fes.de/mitte-studie Das Projekt „Gegen Rechtsextremismus“ im Forum Berlin / Abteilung Politischer Dialog der Friedrich-EbertStiftung bietet kontinuierlich ­Veranstaltun­gen, Publikationen und Seminare zu aktuellen Erscheinungsformen von Rechts­extremismus und Rechtspopulismus sowie zu ­effektiven ­Gegenstrategien an. In der Publikationsreihe „Impulse gegen Rechtsextre­ mismus“ werden die Ergebnisse wichtiger Veranstaltungen zusammengefasst. Sie wird ­ergänzt durch ­ „Expertisen für Demokratie“ , die ausgewählte Analysen und Fachb­ eiträge zu aktuellen Fragestellungen in der Aus­einandersetzung mit Rechtsextremismus bieten. Wenn Sie bis jetzt noch nicht in unserem Verteiler sind und zukünftige Ausgaben der Reihe„Expertisen für Demokratie“ erhalten möchten, senden Sie bitte eine E-Mail mit Ihren Kontaktdaten an: forum.rex@fes.de . Mehr ­Informationen zur Arbeit der FES für Demokratie und gegen Rechts­extremismus finden Sie unter: www.fes-gegen-rechtsextremismus.de