Empirische Sozialforschung 11 Auf der Suche nach dem verlorenen Dialog. Erkenntnisse einer qualitativen Studie über die fragmentierte Gesellschaft in Deutschland. Von Matthias Hartl und Jana Faus Studie Empirische Sozialforschung 11 Auf der Suche nach dem verlorenen Dialog. Erkenntnisse einer qualitativen Studie über die fragmentierte Gesellschaft in Deutschland. Von Matthias Hartl und Jana Faus Studie Impressum ISBN 978-3-96250-530-1 Herausgegeben vom Forum Berlin Friedrich-Ebert-Stiftung Jan Niklas Engels Hiroshimastraße 17 10785 Berlin Autor_innen Matthias Hartl und Jana Faus Lektorat Corina Alt, Publicate Graphic Recording Jens Nordmann, Visual Facilitators Gestaltung Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Umsetzung Meintrup, Grafik Design Druck Druckerei Brandt GmbH, Bonn © 2020 by Friedrich-Ebert-Stiftung, Abteilung Politischer Dialog Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Inhalt Zusammenfassung /Abstract ................................................................ 4 1. Das dreigeteilte Land ..................................................................... 5 2. Methodisches Vorgehen .................................................................. 7 Auswahl der Teilnehmer_innen .............................................................. 7 Triaden und Workshop ....................................................................... 9 Mehrstufiger qualitativer Forschungsprozess .............................................. 9 3. Diagnose: Gesellschaftliche Spaltung ................................................ 11 3.1 Unterschiedliche thematische Standpunkte .................................. 12 Polarisierung durch unterschiedliche Standpunkte ..................................... 12 Selbstwahrnehmung: Das Extrem, das sind die anderen .............................. 12 Die bewegliche Mitte als(müde) Beobachterin ......................................... 13 Stärkere Polarisierung in Ostdeutschland ................................................ 13 3.2 Unterschiedliche Konstruktion von Werten und Identität ................ 13 Unterschiedliche Grenzen der Identitätsbildung ........................................ 13 Unterschiedliche Schwerpunktsetzungen im Wertegerüst ............................ 14 Überschneidung häufig nur bei der Wahl der Begriffe ................................ 15 Die unterschiedliche Konzeption von Freiheit und Sicherheit ......................... 16 4. Drei Perspektiven auf Deutschland ................................................... 18 4.1 Das Deutschlandbild der weltoffen Orientierten: Konstruktive Kritik .................................................................. 18 4.2 Das Deutschlandbild der beweglichen Mitte: Soziale Marktwirtschaft ........................................................... 19 4.3 Das Deutschlandbild der national Orientierten: Ein Land vor dem Abgrund ........................................................ 19 5. Wunsch nach Überwindung der Spaltung .......................................... 21 5.1 Diffuses Zusammengehörigkeitsgefühl ........................................ 21 Die Ideen der national Orientierten ....................................................... 21 Die Ideen von beweglicher Mitte und weltoffen Orientierten ........................ 22 5.2 Mögliche Brückenthemen ......................................................... 22 Integration .................................................................................... 22 Soziale Gerechtigkeit ....................................................................... 23 Bildung ........................................................................................ 24 6. Fehlendes gesellschaftliches Leitbild ................................................. 25 Scheitern des öffentlichen Dialogs ........................................................ 25 Scheitern des privaten Dialogs ............................................................ 26 7. Die Wiederherstellung der Dialogfähigkeit ........................................ 27 Es gibt keine Brückenthemen, um die gesellschaftliche Spaltung zu überwinden ............................................................................... 27 Wiederherstellung des Dialogs als gesamtgesellschaftliche Aufgabe ................ 27 »Tag der Demokratie« ...................................................................... 28 Utopischer Realismus ....................................................................... 29 Literaturverzeichnis ........................................................................... 30 Abbildungsverzeichnis ....................................................................... 31 Informationen zu den Autor_innen ...................................................... 32 EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 4 Zusammenfassung Abstract Die Polarisierung stellt eine zunehmende Belastung für die deutsche Gesellschaft dar. In der vorliegenden Studie wird deshalb untersucht, ob es Brückenthemen gibt, durch die die Gräben innerhalb der deutschen Gesellschaft überwunden werden können. Die qualitative Studie basiert auf Fokusgruppen-Interviews und einem Workshop mit national und weltoffen orientierten Personen sowie Angehörigen der beweglichen Mitte. Alle wünschen sich einen stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt und weniger Polarisierung, doch fehlt ein grundsätzliches Verständnis für die jeweils andere Position. Als Problem werden die(extremen) Einstellungen der anderen angesehen. Auch bei den Werten und Zielvorstellungen gibt es Überschneidungen: Familie, Freunde, Respekt, Sicherheit, Toleranz und Freiheit sind für alle drei Gruppen zentral. Doch nur die Begrifflichkeiten sind gleich. Die inhaltlichen Vorstellungen sind sehr unterschiedlich. Ähnlich verhält es sich bei den identifizierten möglichen Brückenthemen Integration von Migrant_innen, soziale Gerechtigkeit und Bildung, denen alle eine enorme Bedeutung zuschreiben. Doch die grundsätzlichen Unterschiede zwischen diesen Gruppen sind nicht über diese Themen zu kitten. Zuerst ist eine Wiederbelebung des gesellschaftlichen Dialogs notwendig, um eine gemeinsame Basis oder zumindest eine Offenheit für die anderen Positionen zu schaffen. Die Autor_innen empfehlen daher, zunächst bei der Wiederherstellung der gesellschaftlichen Dialogfähigkeit anzusetzen. Sie schlagen die Schaffung eines»Tags der Demokratie« vor, an dem sich die Menschen einmal im Jahr in gemischten Gruppen versammeln und, von professionellen Moderator_innen begleitet, über das Leben in Deutschland diskutieren. German society is increasingly reeling under the effects of polarisation. This study thus explores whether there may be certain issues that can help bridge the rifts appearing in German society. The qualitative study is based on focus group interviews and a workshop attended by nationaland cosmopolitan-minded persons and members of the mobile middle class. Everyone would like to see greater social cohesion and less polarisation, but a fundamental understanding of the other respective position is lacking. The(extreme) attitudes of the other side are held to pose a problem. Values and objectives also overlap: Family, friends, respect, security, tolerance and freedom are key values for all three groups. But only the terms themselves are identical. Views of what they stand for and what is behind them differ considerably. The same can be said of the possible bridging topics identified: integration of migrants, social justice and education, to which everyone ascribes an enormous importance. But the fundamental differences of opinion existing between these groups cannot be patched up by these topics. First of all, the social dialogue needs to be revived in order to establish a common basis or at least an openness for others‘ positions. The authors therefore recommend that restoration of an ability to engage in social dialogue be made the starting point. They suggest creating a„Day of Democracy“ on which people get together once a year in mixed groups accompanied by professional moderators to discuss life in Germany. AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. 1. Das dreigeteilte Land 5 Im September 2019 wurden die Menschen im ARDDeutschlandTREND gefragt, ob sie sich Sorgen machen, dass die gesellschaftlichen Gruppen weiter auseinanderdriften(infratest dimap 2019). Der Befund fiel ziemlich eindeutig aus: Für 83 Prozent der Befragten ist dies eine (sehr) große Sorge – ein Anstieg um 8 Prozentpunkte in Vergleich zum Mai desselben Jahres. Wie sehr den Bürger_innen das Thema wirklich unter den Nägeln brennt, zeigt jedoch der Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Sorgen: Obwohl das Thema Klimawandel monatelang die mediale Agenda beherrschte, die Bürgerbewegung Fridays for Future Millionen Menschen auf der ganzen Welt auf die Straße brachte und die Deutschen zwei trockene und heiße Sommer in Folge erlebten(Wort des Jahres 2018: Heißzeit), zeigten sich in derselben Umfrage weniger Menschen besorgt darüber, dass der Klimawandel unsere Lebensgrundlage zerstört. Die Studie Kartografie der politischen Landschaft in Deutschland(Faus, Faus& Gloger 2016) gab unter anderem Aufschluss über Einstellungen der Deutschen zu aktuellen Themen, ihren Zukunftserwartungen, Sorgen und Problemen sowie über die Zufriedenheit mit dem demokratischen System und dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland. Ein zentrales Ergebnis der Studie, die pollytix im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung 2015 erstellte, war schon damals, dass es eine gesellschaftliche Polarisierung entlang zentraler Spaltungslinien gibt. Die wichtigste Konfliktlinie war die der»Abschottung« versus»Weltoffenheit«. Die Polarisierung der Gesellschaft steht immer wieder im Fokus der Forschung und auch die Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht regelmäßig dazu: Der Sozioökonomische Disparitätenbericht(Fink, Hennicke & Tiemann 2019) liefert eine umfassende Bestandsaufnahme der sozioökonomischen Ungleichheit in Deutschland. Der Bericht deckt die unterschiedlichen Problemlagen verschiedener Regionen auf und weist auf das daraus resultierende Spaltungspotenzial, den schwindenden sozialen Zusammenhalt sowie regional unterschiedliche Potenziale für rechtspopulistische Bewegungen hin. Die Spaltung der deutschen Gesellschaft entlang der Konfliktlinie»geschlossene« versus»offene« Gesellschaft untersucht die Studie Das pragmatische Einwanderungsland (Faus& Storks 2019a). Zwar wurde diese Konfliktlinie bestätigt, allerdings konnte auch gezeigt werden, dass es eine breite Gruppe gibt, die in der Mitte steht(bewegliche Mitte) und keinem der beiden Pole(national Orientierte versus weltoffen Orientierte) zugerechnet werden kann. In der öffentlichen Debatte werden bislang hauptsächlich die Unterschiede zwischen den beiden Polen beleuchtet und betont. Mit der beweglichen Mitte zeigt sich allerdings, dass es eine Gruppe zwischen den Polen gibt, die je nachdem welcher Diskurs gerade dominiert, zu einer der beiden Richtungen neigt. Deutschland ist also nicht in zwei, sondern in drei unterscheidbare Einstellungsgruppen geteilt. In diesen Studien, aber auch in der öffentlichen Debatte wird der Fokus meist auf das Trennende gelegt, um bestehende Konflikte aufzuzeigen. Auch die Kartografie-Studie aus dem Jahr 2015 hatte das Ziel, verschiedene Segmente so herauszuarbeiten, dass Unterschiede deutlich wurden. Zwar wurde in der Studie ebenfalls auf verbindende Elemente und»Brückenthemen« verwiesen, sie standen aber nicht im Fokus. Selbstverständlich ist es wichtig, die Unterschiede zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen oder Milieus zu erkennen. Um einer weiteren Polarisierung der Gesellschaft entgegenzuwirken, sollten jedoch auch die verbindenden Elemente und mögliche Gemeinsamkeiten in den Blick genommen werden. In der vorliegenden Studie wird deshalb die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und den verbindenden Elementen in den Mittelpunkt gestellt. Ziel der Studie ist es, mögliche Brückenthemen herauszuarbeiten, die Menschen mit sehr unterschiedlichen Identitäten und Wertvorstellungen sowie konträren Einstellungen zusammenbringen können. Gibt es einen gemeinsamen Nenner, auf den sich möglichst viele Menschen einigen können? Welche geteilten Werte und Einstellungen stiften Zusammenhalt und Gemeinsamkeit? Welche gesellschaftlichen und politischen Themen können als verbindende Agenda EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 6 über die verschiedenen gesellschaftlichen Milieus gelegt werden? Gibt es gesellschaftliche Brückenthemen, hinter denen sich die Menschen in Deutschland versammeln und die existierenden Einstellungsunterschiede kitten können? Diesen Gemeinsamkeiten, verbindenden Elemente und Brückenthemen wurde mithilfe eines qualitativen Forschungsansatzes nachgespürt. Dafür wurden zunächst je drei Triaden(Gruppendiskussionen mit drei Teilnehmer_ innen) in Leipzig, Berlin und Bochum mit Menschen der identifizierten Einstellungsgruppen weltoffen Orientierte, bewegliche Mitte und national Orientierte durchgeführt. Anschließend wurde aus jeder Triade ein_e Botschafter_in nach Berlin gesendet, wo in neuer Zusammensetzung sechs weitere Triaden und ein gemeinsamer Workshop stattfanden. Das Ergebnis der Studie ist zunächst ernüchternd: Es gibt momentan keine Brückenthemen, mit denen die Unterschiede zwischen diesen drei Gruppen kurzfristig verringert werden könnten. Insbesondere den weltoffen und den national Orientierten fehlt hierfür ein gemeinsames Verständnis davon, wie das Zusammenleben in Deutschland aussehen soll. Um die Polarisierung wirksam zu bekämpfen, müsste zunächst ein gesellschaftlicher Dialog geführt werden, für den allerdings momentan der Raum fehlt. Deshalb findet sich im Fazit der Studie ein Vorschlag, wie dieser Dialog doch gelingen könnte: durch die Einführung eines»Tags der Demokratie«, an dem Menschen in ganz Deutschland in moderierten Kleingruppen miteinander diskutieren. Abbildung 1: Auswahl der Standorte Bochum Berlin Leipzig AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. 2. Methodisches Vorgehen 7 Die Frage, worin sich die Menschen in Deutschland unterscheiden, ist im Hinblick auf ihren sozioökonomischen Status und ihre Einstellungen und Meinungen vielfach untersucht und durch quantitative Studien mit Zahlen belegt worden(Faus, Faus& Gloger 2016; Faus& Storks 2019a). Wenn man die Frage aber umdreht und untersucht, was die Menschen in Deutschland zusammenbringt, ist es essenziell, sich mit größtmöglicher Offenheit zu nähern und ein tieferes Verständnis zu entwickeln. Deshalb wurde in dieser Studie ein qualitativer Forschungsansatz gewählt. Denn: Durch qualitative Forschung ist es nicht nur möglich, neue bisher unbekannte Sachverhalte und Perspektiven aufzudecken, sondern auch dahinterliegende Begründungsmuster und Argumente zu verstehen. Auswahl der Teilnehmer_innen Um mögliche Brückenthemen aufzudecken, die Menschen mit ganz unterschiedlichen Perspektiven auf das Leben in Deutschland zusammenbringen, muss sichergestellt sein, dass eben diese verschiedenen Perspektiven auch abgebildet werden. Da bei qualitativen Methoden die Menschen nicht standardisiert und sehr intensiv befragt werden, ist es nicht möglich, eine so große Anzahl zu befragen, die für eine statistische Repräsentativität ausreichend ist. Obwohl es nicht der Anspruch qualitativer Forschung ist, bevölkerungsrepräsentative Aussagen zu liefern, sollen dennoch Aussagen gemacht werden, die über Einzelfallbeschreibungen hinausgehen. Umso wichtiger ist, dass Teilnehmer_innen bestimmte Perspektiven repräsentieren. Deshalb ist es methodisch nicht sinnvoll, eine Zufallsauswahl zu treffen: Weder erlaubt die Fallzahl inferenzstatistische Verfahren, noch wäre garantiert, dass bestimmte Perspektiven wirklich vertreten sind. Daher wurde eine bewusste Auswahl vorgenommen, die sich an den Ergebnissen der bisherigen Forschung orientiert: Erstens, es gibt aufgrund von Sozialisation und Lebensumständen regional unterschiedliche Perspektiven auf das Leben in Deutschland. Zweitens, es gibt aufgrund soziodemografischer Unterschiede unterschiedliche Perspektiven auf das Leben in Deutschland. Und drittens, es gibt aufgrund unterschiedlicher Einstellungen zu gesellschaftlichen Themen unterschiedliche Perspektiven auf das Leben in Deutschland. Für die Auswahl der Interviewpartner_innen wurde ein standardisierter Auswahlfragebogen entwickelt, der die drei Kriterienbereiche zur Quotenauswahl abbildet. Um die geografische Diversität Deutschlands abzubilden, wurden Teilnehmer_innen aus drei möglichst unterschiedlichen Regionen befragt. Da die Befragten sich zu gemeinsamen Workshops zusammenfinden sollten, wurden aus forschungsökonomischer Sicht Standorte gewählt, welche die Heterogenität Deutschlands repräsentieren, aber in zumutbarer Reiseentfernung liegen. Die Auswahl fiel auf die Standorte Berlin, Bochum und Leipzig(siehe Abbildung 1). Abbildung 2: Berücksichtigung unterschiedlicher Raumtypen Gewählter Standort Raumtyp Berlin(Kernstadt) Dynamische Großstadt mit Exklusionsgefahr; Sonderstatus als Stadtstaat Berlin(Umland) Deutschlands solide Mitte Leipzig(Kernstadt) Dynamische Großstadt mit Exklusionsgefahr Leipzig(Umland) Ländlich geprägter Raum in der dauerhaften Strukturkrise Bochum(Kernstadt) Städtisch geprägte Region im andauernden Strukturwandel Bochum(Umland) Deutschlands solide Mitte; städtisch geprägte Region im andauernden Strukturwandel Eigene Darstellung nach Fink, Hennicke& Tiemann 2019. EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 8 Abbildung 3: Soziodemografische Zusammensetzung der Teilnehmer_innen Standort Geschlecht Alter m w 18 – 34 35 – 44 45 – 54 55+ Berlin 6 3 3 2 2 2 Bochum 5 4 2 4 2 1 Leipzig 5 4 5 2 2 0 Stufe 1 16 11 10 8 6 3 Stufe 2–4 5 4 2 1 5 1 *Abweichungen in der Gesamtsumme ergeben sich aufgrund von verweigerten Angaben. Bildung niedrig mittel 3 1 2 3 2 3 7 7 2 4 hoch 5 4 4 13 3 Einkommen* niedrig mittel 1 2 1 4 2 3 4 9 2 2 hoch 4 4 4 12 4 Diese Standorte bilden Ost- und Westdeutschland ab, da in Studien hier immer wieder Unterschiede in Hinblick auf demokratische und gesellschaftliche Einstellungen belegt und auch politisch diskutiert werden. Durch die Einbeziehung des jeweiligen Umlands sind darüber hinaus städtisch und ländlich geprägte Gebiete vertreten. Insgesamt bildet die Auswahl unterschiedliche Raumtypen, inklusive vom Strukturwandel betroffene Gegenden ab, wie sie im Sozioökonomischen Disparitätenbericht(Fink, Hennicke& Tiemann 2019) beschrieben werden. So werden regionale Verteilungen und Ungleichheiten berücksichtigt, die sich mit der Wohnlage in unterschiedlichen Raumtypen begründen lassen(siehe Abbildung 2). Den Annahmen zufolge finden sich in der einen Gruppe vor allem Menschen, die sich durch Globalisierung und Digitalisierung bedroht fühlen und einen starken souveränen Nationalstaat bevorzugen. Sie sind heimatverbunden, befürworten eine Leitkultur und stehen Migration sowie offenen Grenzen skeptisch bis ablehnend gegenüber. Die andere Gruppe besteht aus Menschen, die von Globalisierung und Digitalisierung profitieren, internationale Zusammenarbeit und Vernetzung präferieren und sozialliberale Positionen hinsichtlich kultureller Fragen und Identitätspolitik befürworten. Sie sind kulturell tolerant und weltoffen sowie aufgeschlossen gegenüber Migration und offenen Grenzen. Neben der regionalen Abdeckung wurde an jedem Standort eine ausgewogene Mischung in Bezug auf die soziodemografischen Merkmale Alter, Geschlecht, Einkommen, Berufstätigkeit und Bildungsabschluss angestrebt, um Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen zu befragen(siehe Abbildung 3). Durch die unterschiedliche regionale und soziodemografische Zusammensetzung der Befragten ist eine gewisse Einstellungsbandbreite wahrscheinlich. Um aber eine Verteilung nach politischen Einstellungsgruppen zu garantieren, wurde als drittes Auswahlkriterium die Verortung der Befragten auf einer gesellschaftspolitischen Achse herangezogen. Die Studie Kartografie der politischen Landschaft in Deutschland(Faus, Faus& Gloger 2016) hat eine zentrale Spaltungslinie innerhalb der Bevölkerung bereits identifiziert: Die Polarisierung verläuft maßgeblich entlang der Spaltungslinie»national orientiert« versus»weltoffen«. In weiteren Studien wird diese Spaltungslinie immer wieder festgestellt, auch wenn sie zum Teil unterschiedlich bezeichnet wird(Goodhart 2017; Merkel 2017). In der Studie Das pragmatische Einwanderungsland(Faus & Storks 2019a) wurden diese Annahmen empirisch überprüft. Mittels Korrelations- und Faktorenanalyse konnten vier Aussagen identifiziert werden, die eine zentrale polarisierende Dimension abbilden und anhand derer sich die Spaltung messen und eine Zuordnung zu verschiedenen Einstellungsgruppen durchführen lässt. Diese vier ermittelten Aussage-Items beziehen sich auf den»Stellenwert von Minderheiten«, das»Gefühl, fremd im eigenen Land zu sein«, die»Vor- bzw. Nachteile Deutschlands in der EUMitgliedschaft« sowie die»Rolle des Nationalstaats«. Die Ergebnisse zeigen, dass die Gesellschaft bei Weitem nicht so klar polarisiert ist, wie oft angenommen wird, sondern die Unterschiede vielmehr graduell sind. Neben einer eher weltoffen-pluralistischen Gruppe, die Zuwanderung weitgehend befürwortet, und einer eher nationaltraditionellen Gruppe, die Zuwanderung weitgehend ablehnt, gibt es vor allem eine breite Mitte, welche die verschiedenen Facetten von Zuwanderung differenziert bewertet und sich weniger deutlich positioniert. Zu dieser beweglichen Mitte zählt etwa die Hälfte der Bevölkerung, AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. Abbildung 4: Verteilung der Einstellungsgruppen 9 Weltoffen Orientierte 26% 11% 8% 5% 2% Bewegliche Mitte 49% 15% 18% 16% National Orientierte 25% 14% 5% 4% 2% 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0 Eigene Darstellung nach Faus& Storks(2019a). auf die beiden Gruppen mit entschiedenerem Meinungsbild entfallen jeweils circa ein Viertel(siehe Abbildung 3). Für diese Studie wurden die vier Dimensionen»Stellenwert von Minderheiten«, das»Gefühl, fremd im eigenen Land zu sein«, die»Vor- bzw. Nachteile Deutschlands in der EUMitgliedschaft« sowie die»Rolle des Nationalstaats« im Auswahlfragebogen abgefragt und jeweils die gleiche Anzahl aus allen drei Einstellungsgruppen eingeladen. 1 Triaden und Workshop Da Sichtweisen auf das Zusammenleben und die Gesellschaft nicht im stillen Kämmerlein entstehen, sondern in sozialen Situationen ausgehandelt werden, müssen diese Fragen auch in einem sozialen Setting diskutiert und analysiert werden. Dafür wurden in einem mehrstufigen Verfahren zunächst drei Runden mit Triaden durchgeführt. Triaden sind Gruppendiskussionen mit drei Teilnehmer_innen. In Triaden haben die einzelnen Personen einen vergleichsweise hohen Redeanteil und zugleich lassen sich individuelle Aussagen in einem gruppendynamischen Prozess vertiefen. Durch eine professionelle Moderation wird sichergestellt, dass alle Teilnehmer_innen zu Wort kommen und Begründungsmuster aufgedeckt werden. Die Befragten beschäftigten sich in diesen Triaden mit ihren eigenen Sichtweisen, ihren Einstellungen und Werten, zentralen Themen und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. In wechselnden Gruppenkonstellationen (homogene versus heterogene Zusammensetzung) wurden dabei verbindende und trennende Elemente entdeckt und diskutiert. Zum Abschluss der Forschung wurden die Befragten aus unterschiedlichen Regionen und mit unterschiedlichen Einstellungen in einem Workshop zusammengebracht, wo mit diesen Erkenntnissen weitergearbeitet und diese vertieft wurden. Mehrstufiger qualitativer Forschungsprozess 1 Diese Einteilung stellt eine starke Vereinfachung der unterschiedlichen Einstellungsgruppen in Deutschland dar. Insbesondere die große Gruppe der beweglichen Mitte kann weiter aufgespalten werden. Da es in dieser Studie aber insbesondere um die Ränder geht, bietet das Raster eine gute Möglichkeit, die Rekrutierung der Teilnehmer_innen umzusetzen. Eine detaillierte Segmentierung findet sich in der Kartografie der politischen Landschaft in Deutschland(Faus, Faus& Gloger 2016). Durch den mehrstufigen qualitativen Forschungsprozess wurde sichergestellt, dass sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Gruppen und geografischen Regionen gefunden werden. Dafür wurden die Teilnehmer_innen sowohl in homogene und heterogene Einstellungsgruppen sowie homogene und heterogene geografische Gruppen eingeteilt(siehe Abbildung 4). EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 10 Abbildung 5: Vierstufiger Forschungsprozess Standort 1: Bochum Standort 2: Berlin Standort 3: Leipzig Stufe 1 Zusammentreffen in Berlin Stufe 2 Stufe 3 Stufe 4 Workshop Weltoffen Orientierte Bewegliche Mitte National Orientierte In der ersten Stufe fanden neun Triaden an drei Standorten statt, je eine Triade mit national Orientierten, beweglicher Mitte und weltoffen Orientierten. Aus jedem Standort wurde pro Triade und Einstellungsgruppe eine Person als»Botschafter_in« für zwei Tage nach Berlin entsandt. Dort fanden in Stufe 2 jeweils einstellungshomogene Triaden mit Menschen aus unterschiedlichen geografischen Regionen statt. Für Stufe 3 wurde erneut gemischt und die Teilnehmer_innen diskutierten in Triaden mit Menschen aus ihrer Region, die aber andere Einstellungen vertreten. Und in Stufe 4 folgte ein gemeinsamer Workshop aller Botschafter_innen. Stellen der Studie. Zitate von Teilnehmer_innen sind inhaltlich unverändert, wurden gegebenenfalls aber gekürzt und sprachlich geglättet. Der Forschungsprozess wurde durch» Graphic Recording« visuell begleitet. Beim Graphic Recording werden die Inhalte von Gesprächen und Workshops in Echtzeit in Bilder und Texte übersetzt. So entsteht ein visuelles Protokoll. Ergebnisse des Graphic Recording illustrieren einige AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. 3. Diagnose: Gesellschaftliche Spaltung 11 Die Spaltung der Gesellschaft ist kein Thema, das nur Wissenschaft und Politik beschäftigt. Ganz im Gegenteil: Dass »ein Riss mitten durch die Gesellschaft geht«(national orientiert) 2 , erleben Menschen aus allen drei Einstellungsgruppen in ihrem persönlichen Leben – teilweise gehe der Riss sogar durch die eigene Familie oder den Freundeskreis. Besonders wenn es um das Thema Migration geht, kommt es im Alltag der Teilnehmer_innen der Studie immer wieder zum Krach. Die Konflikte im persönlichen Bereich sind so ausgeprägt, dass dafür unterschiedliche und zum Teil 2 Falls nicht anders gekennzeichnet, stammen die Zitate im Folgenden von Teilnehmer_innen der Triaden oder des Workshops. Wenn es für das Verständnis notwendig ist, wird die jeweilige Einstellungsgruppe genannt. drastische Umgehungsstrategien entwickelt wurden: Kontroverse politische Themen werden entweder im Privaten überhaupt nicht mehr angesprochen oder bestimmte Personenkreise werden gemieden, da sonst ein Eklat droht. Unabhängig von diesen persönlichen Erfahrungen, die scheinbar(dazu später mehr) auf unterschiedliche politische Standpunkte gegenüber Zuwanderung zurückzuführen sind, nehmen die Menschen eine Reihe von Spaltungslinien wahr. So werden unter anderem rechts/ links, Ost/ West, arm/ reich, alt/ jung, Männer/ Frauen, Auto/ Fahrrad als Spaltungslinien angesehen(siehe dazu beispielhaft Abbildung 6). Insgesamt ist der Eindruck verbreitet, dass der Ton in Deutschland rauer wird. Gesellschaftlichen ZusammenAbbildung 6: Was macht Deutschland für Sie aus? Collage von weltoffen Orientierten Zeitschriftenquellen für die Collage: mobil und TV Spielfilm EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 12 halt, so die Diagnose der Studienteilnehmer_innen,»gibt Diskussion bei diesem Thema kaum möglich ist, wenn es nicht mehr so häufig, nur stellenweise, nicht wie früman auf Menschen trifft, die einen deutlich von der eigeher«(bewegliche Mitte). nen Meinung abweichenden Standpunkt haben. 3.1 Unterschiedliche thematische Standpunkte Wie bereits beschrieben, wird die gesellschaftliche Spaltung vor allem dann sicht- und greifbar, wenn politische Themen unter Menschen, die hierzu unterschiedliche Ansichten haben, diskutiert oder auch nur angesprochen werden. Die unterschiedlichen Standpunkte zu bestimmten Themen werden von allen drei gesellschaftlichen Gruppen als so unvereinbar wahrgenommen, dass Diskussionen häufig im Streit enden und sogar Familien entzweien. »Auf Familienfeiern ist es so, wenn ich komme, kommen mein Onkel oder meine Cousins nicht mehr. Ich habe meinem Onkel ein Sektglas über den Kopf geschüttet, nachdem der seine NaziScheiße gelabert hatte.[…] Wenn ich irgendwelche Nazis in meiner Familie habe, können die mir gestohlen bleiben und ich will mit denen nichts zu tun haben.«(weltoffen orientiert) Polarisierung durch unterschiedliche Standpunkte Diese Spaltung wird vor allem beim Themenkomplex Flucht, Migration und Integration sichtbar, wo sich unterschiedliche Perspektiven anscheinend unversöhnbar gegenüberstehen. »Im Studium haben wir nicht über Politik geredet und wenn nur am Rande. Da war es scheißegal, ob der eine die Grünen, CDU oder SPD wählte. Heute, wenn auf einer Feier das Thema Flüchtlinge oder das Thema Politik kommt, dann gibt es immer zwei Fronten.«(national orientiert) Die national Orientierten diskutieren dieses Thema hochemotional; die Weltoffenen hingegen reagieren auf die Positionen und das Vokabular der national Orientierten bei diesem Thema allergisch. Und die bewegliche Mitte beobachtet ein»Wegbröckeln« an den(extremen) Rändern und rechnet sich selbst keinem der beiden Pole zu. Einig sind sich alle drei Gruppen, dass eine friedliche Vor allem für die national Orientierten dominiert Migration alle anderen Themen und wird mit diesen vermischt. Wenn beispielsweise über das Thema Wohnen diskutiert wird, spielt für sie besonders der Flüchtlingszuzug seit 2015 eine Rolle. In ihrer Wahrnehmung werden für Flüchtlinge Wohnungen bereitgestellt, während Deutsche häufig keine Wohnung finden können. Ein Problem, auf das die Politik ihrer Meinung nach nicht reagiert. Dieses Muster zieht sich durch die gesamte Diskussion: Wenn über den Sozialstaat geredet wird, haben sie den Eindruck, dass die»Kassen durch die Flüchtlingskrise komplett leer gemacht werden«(national orientiert). Beim Thema Bildung besteht die Sorge, dass das Niveau wegen der»nicht deutschsprechenden Kinder«(national orientiert) nicht zu halten sein werde. Auch wenn Migration der Grundkonflikt ist: Die Studie zeigt, dass sich die Spaltung bei weiteren Themen wie dem Klimaschutz manifestiert. Während insbesondere die Weltoffenen, aber auch die bewegliche Mitte mehr Klimaschutz fordern, ist unter national Orientierten der Eindruck verbreitet, dass die Menschen mit der Konstruktion eines menschengemachten Klimawandels»manipuliert« werden und eine geplante CO 2 -Abgabe dazu diene,»zu verschleiern, dass die Kassen leer sind und durch irgendwelche Pseudosteuern Gelder wieder eingespielt werden sollen«. Insgesamt zeigt sich bei den national Orientierten, dass sie weltoffen Orientierte mit progressiven Lebensentwürfen, die beispielsweise bei Umweltdemonstrationen mitwirken oder sich vegan ernähren, als»Gegner« wahrnehmen. Selbstwahrnehmung: Das Extrem, das sind die anderen Trotz oder gerade wegen der Schärfe der wahrgenommenen gesellschaftlichen Spaltung: Grundsätzlich wünschen sich alle Einstellungsgruppen einen stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt und weniger Polarisierung. Das bedeutet für alle Gruppen aber nicht, das eigene Verhalten zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern, sondern dass»die anderen« ihr Verhalten ändern müssen. Alle drei Gruppen sind überzeugt: Ich selbst stehe auf der richtigen Seite und habe mich selbst mit meinen AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. Einstellungen kaum bewegt, während der Rest»verPolarisierung berichtet, die sich auch im Studienverlauf 13 rückt« geworden ist. immer wieder zeigte – es ist kein Zufall, dass die drastischen Zitate, die oben die Spaltung innerhalb von FamiliObwohl sich Weltoffene und national Orientierte bei den en und Freundeskreisen illustrieren, von Leipziger_innen Themen Migration und Klimaschutz diametral gegenstammen. überstehen, haben sie jeweils nicht den Eindruck, sie selbst hätten in der Diskussion eine Extremposition inne. Ebenso ist auffällig, dass sich die national Orientierten in Sie sehen die jeweils andere Position als Grund, warum Leipzig häufig extremer äußerten als national Orientierte die Gesellschaft hier gespalten ist, und verlangen eine aus den anderen Standorten. Verhaltens- und Einstellungsänderung. »Deutschland ist wie eine schwangere Sau, wo Die bewegliche Mitte, müde ob der andauernden Konzehn Ferkel an zehn Zitzen davorliegen, aber noch fliktsituation, sieht sich selbst nicht als Teil dieser Konflikzwei Ferkel daneben, die nicht mehr an die Zitzen te, sondern als außenstehende Beobachterin zunehmend passen« –»Ich würde eher artfremde Tiere dranfeindseliger Auseinandersetzungen und einer geselllegen, die versuchen, sich auszubreiten, und die schaftlichen Situation, die entgleitet. Ferkel immer mehr zur Seite schieben.« Die bewegliche Mitte als(müde) Beobachterin Die bewegliche Mitte bewertet, wie der Name schon sagt, viele Themen(darunter auch Zuwanderung) differenzierter und positioniert sich weniger stark als Weltoffene und national Orientierte. Diese Menschen zeigen sich genervt von der Schärfe und Unversöhnlichkeit der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Sie verhalten sich eher passiv und bewerten die verschiedenen gesellschaftlichen Konflikte mit wachsendem Missfallen. Da sie keine Lust haben, zwischen die Fronten zu geraten, fallen sie als mögliche Brückenbauer zwischen den beiden»Rändern« derzeit aus. In der beweglichen Mitte ist der Eindruck, die gesamte Gesellschaft spiele verrückt, am deutlichsten ausgeprägt. »Ich nehme auf Twitter wahr, wie Diskussionen abdriften. Man liest die Tweets, da sind manchmal pure Hass-Tweets dabei.[…] Die Leute treffen sich noch nicht auf der Straße und hauen sich die Rübe ein. Das gab es aber schon. Zwei YouTuber hatten einen Beef-Fight und die Fans haben sich die Köpfe eingeschlagen. Es gab eine Massenschlägerei.« Stärkere Polarisierung in Ostdeutschland 3.2 Unterschiedliche Konstruktion von Werten und Identität Wie oben bereits angedeutet, sind die unterschiedlichen Standpunkte bei(gesellschafts-)politischen Themen nur die sichtbare Auswirkung gesellschaftlicher Spaltungslinien; die eigentlichen Ursachen liegen tiefer. Die erste Ursache für die Spaltung liegt in der eigenen Identitätskonstruktion, die zweite in den unterschiedlichen Wertegerüsten. Unterschiedliche Grenzen der Identitätsbildung Der Frage nach der Identität, also danach, wer man selbst ist und ob man sich einem bestimmten sozialen Kollektiv zugehörig fühlt, konnte im Rahmen dieser Studie nur im begrenzten Maße nachgegangen werden. Dieser Frage könnte man eine eigene Studie widmen. Allerdings kann die Art und Weise, wie innerhalb der Einstellungsgruppen Identität konstruiert wurde, sowohl mögliche Überschneidungen als auch mögliche Unterschiede erklären. Träger von Identität sind ganz unterschiedliche Merkmale wie Alter, Geschlecht, sozioökonomische Situation, Sprache, Religion, Kultur oder Tradition. Vereinfacht gesagt erfolgte die Identitätskonstruktion der Studienteilnehmer_innen entlang geografischer und politischer Einheiten(siehe Abbildung 7). Unabhängig von der jeweiligen Einstellungsgruppe wird in Ostdeutschland über eine wesentlich dramatischere Wenn man die Identität der drei Einstellungsgruppen als Zwiebelprinzip darstellt, findet sich eine Begründung für EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 14 Abbildung 7: Die Identitätskonstruktion der drei Einstellungsgruppen Weltoffen Orientierte Welt Europa Deutschland Region Stadt Nachbarschaft Bewegliche Mitte Welt Europa Deutschland Region Stadt Nachbarschaft National Orientierte Deutschland Region Stadt Nachbarschaft die Sonderrolle der national Orientierten, welche in der Studie immer wieder zutage tritt. Zwar stellt in allen drei Einstellungsgruppen die unmittelbare Nachbarschaft und die»eigene« Stadt(an der sich auch die im ländlichen Umfeld lebenden Menschen häufig orientieren) den Kern des Zugehörigkeitsgefühls dar. Aber: Während sich weltoffen Orientierte und die bewegliche Mitte auch – mal mehr, mal weniger – der Weltgemeinschaft und Europa verbunden fühlen, spielt das für die Nationalen keine Rolle mehr: Ihre Identitätskonstruktion endet an der Grenze Deutschlands. Unterschiedliche Schwerpunktsetzungen im Wertegerüst Die zweite tieferliegende Ursache für die Spaltung ist in den unterschiedlichen Wertegerüsten und den daraus abgeleiteten Zielvorstellungen für die Gesellschaft begründet. Die Begriffe»Werte« und»Zielvorstellungen« werden in dieser Studie sehr breit gefasst und entsprechen dem subjektiven Verständnis der Teilnehmer_innen, da das jeweilige Verständnis der Begriffe bereits Aufschluss über die jeweiligen Einstellungsgruppen gibt. Der Name»national Orientierte« trägt damit bereits dem hohen Stellenwert der Nation für diese Einstellungsgruppe Rechnung. Nation wird dabei häufig – im Unterschied zu den beiden anderen Gruppen – nicht nach Staatszugehörigkeit, sondern biologistisch und kulturell gedacht. »Wir, die Urdeutschen, die in Deutschland Geborenen. Die Einwanderer, die Türken, die interessieren sich nicht dafür, Hauptsache die Dönerbude läuft und der Mercedes steht vor der Tür. Das Gefühl stellt sich ein, dass wir die Einzigen sind, die sich für das Land interessieren. Wir sind die hier geborenen Deutschen. Man muss einen Bodenbezug haben. Man muss hier geboren sein, aufgewachsen sein, die Sprache sprechen. Uns verbindet die Heimat, die Kultur, die Musik, die Geschichte.« Auf die Frage, welche Werte denn wichtig sind, zeigen sich deutlich unterschiedliche Schwerpunktsetzungen. Auch in diesem Hinblick präsentieren sich Weltoffene und national Orientierte als Gegenpole(siehe Abbildung 8). Weltoffene heben die Aufgeschlossenheit für andere Kulturen(»Weltoffenheit«), ein»positives Menschenbild«, »Neugier« und»Kreativität« hervor und vertreten eher postmaterialistische Wertvorstellungen der Selbstentfaltung. National Orientierte berufen sich vor allem auf die Wichtigkeit von»preußischen« Tugenden wie»Ehrlichkeit«,»Pünktlichkeit« und»Standhaftigkeit«. Deutlich zeigen sich die Unterschiede auch darin, dass Weltoffene »kritisches Denkvermögen«, also das Hinterfragen gesellschaftlicher Konventionen betonen, während die national Orientierten»Loyalität«, mit der Tendenz zu Gehorsam, AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. Abbildung 8: Werte und Zielvorstellungen der drei Einstellunggruppen 15 Zusammenhalt Bewegliche Mitte Stabilität Weltoffen Orientierte Hilfsbereitschaft Neugier Empathie Kritisches Denken Positives Menschenbild Familie? Freunde? Respekt? Toleranz? Sicherheit? Freiheit? Gesellschaftliche Ordnung Fleiß National Orientierte Loyalität Standhaftigkeit Ehrlichkeit Kreativität Pünktlichkeit Weltoffenheit Unabhängigkeit fordern. Nicht nur hier erinnert die von den national Orientierten genannte Wertebasis an Adornos Studien zum autoritären Charakter(1973), bei der er autoritäre Denkmuster mittels der F-Skala ermittelt, indem er beispielsweise die Zustimmung zu der Aussage»Gehorsam und Respekt gegenüber der Autorität sind die wichtigsten Tugenden, die Kinder lernen sollen« misst. Die bewegliche Mitte weist, wie der Name bereits andeutet, Überschneidungen mit den beiden anderen Einstellungsgruppen auf. Mit den Weltoffenen teilt sie soziale Werte wie»Hilfsbereitschaft« und»Empathie«, mit den national Orientierten den Wunsch nach einer klaren»gesellschaftlichen Ordnung« und»Fleiß«, wobei die bewegliche Mitte in der Tonalität und in der Konzeption deutlich stärkere Verbindungen mit den Weltoffenen hat und die Konzeption der national Orientierten teils sogar explizit ablehnt. Überschneidung häufig nur bei der Wahl der Begriffe Die Diagnose, dass Weltoffene und national Orientierte Gegenpole sind und nur die Mitte Überschneidungen mit den beiden anderen»Lagern« hat, überrascht beim Blick auf Abbildung 8 – schließlich zeigt sie auch Werte und Zielvorstellungen, die von allen drei Gruppen genannt werden:»Familie«,»Freunde«,»Respekt«,»Sicherheit«, »Toleranz« und»Freiheit«. Der Grund ist, dass diese Überschneidungen nur begrifflicher, aber nicht inhaltlicher Art sind. Das bedeutet, dass die Einstellungsgruppen zwar die gleichen Begriffe verwenden, ihnen aber eine gänzlich andere Bedeutung zuschreiben und völlig unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie diese Zielvorstellungen zu erreichen sind. Deshalb sind diese Begriffe in der Abbildung mit Fragezeichen versehen. »Familie« und»Freunde« werden beispielsweise bei den national Orientierten − als Resultat eines sehr geringen Vertrauens in die Mitmenschen − viel enger gefasst als bei EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 16 den anderen Einstellungsgruppen und führen teilweise erneut: nur auf den ersten Blick.(Soziale) Sicherheit und sogar in eine Wagenburgmentalität: wir gegen die. Die Freiheit sind allen Einstellungsgruppen wesentlich, aber es Kernfamilie und gleichgesinnte Freunde sind der Rückgibt sehr unterschiedliche Konzeptionen davon. zugsort in einer ansonsten feindlich scheinenden Umwelt, der vor äußeren Einflüssen(etwa kriminellen Flüchtlingen) Weltoffen Orientierte sehen die Sicherheit insbesondere geschützt werden muss. durch Rechtsextreme bedroht. Während»Respekt« von Weltoffenen und beweglicher Mitte als etwas»gegenseitiges« betrachtet wird, steht bei den national Orientierten der Wunsch im Fokus, selbst mit Respekt behandelt zu werden. Zum einen haben sie den Eindruck, gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden, indem sie beispielsweise als»Nazis« oder»Rechte« verunglimpft werden, zum anderen halten sie sich im Vergleich zu Flüchtlingen für benachteiligt. Ähnlich verhält es sich mit»Toleranz«. Während Weltoffene und die bewegliche Mitte Toleranz – beziehungsweise häufig eine weitergehende Akzeptanz – anderer Kulturen und Lebensweisen anmahnen, fordern national Orientierte Toleranz für sich selbst ein. Sie haben neben der beschriebenen Empfindung, ausgegrenzt zu werden, den Eindruck, dass ein»linker Mainstream« besteht und man in Deutschland seine Meinung bei bestimmten Themen wie Einwanderung oder Islam nicht äußern kann. Was sie damit zum Ausdruck bringen, ist: Im Grunde fordern sie Toleranz für ihre eigene Ablehnung einer offenen Gesellschaft ein. Das dominierende Thema der national Orientierten, das sich durch die gesamte Studie zieht, ist die(beinahe apokalyptisch anmutende) Bedrohungs- und Betrugslage an der Bevölkerung durch die Eliten und die Migration, die von den anderen beiden Einstellungsgruppen nicht geteilt wird. »Ich habe eigentlich keine Angst, ich habe bloß Angst davor, wenn ich sehe, wie viele die AfD gewählt haben.« Sie schätzen die Freiheiten und Sicherheiten, die durch das Grundgesetz garantiert sind. »Ich glaube, dass vielen gar nicht bewusst ist, wie viel Freiheit wir eigentlich so im Vergleich zu anderen Ländern haben. Man darf hier seine Meinung äußern, es gibt eine Absicherung und es gibt keine hohe Kriminalität.« Allerdings sind sie besorgt, dass die Schere zwischen Arm und Reich sich weiter öffnet und wünschen sich deshalb häufig einen stärkeren Sozialstaat. »Ich wünsche mir mehr Vermögensaufteilung. Jeder reiche Mensch sollte Steuern zahlen und 30 Prozent an den Staat geben. Öffentlicher Nahverkehr, Recht auf Wohnen, das sollte damit gesichert sein.« Die bewegliche Mitte hat hier viele Überschneidungen mit den Weltoffenen. Auch sie wünscht sich einen starken Sozialstaat, wobei hier in der Tendenz auch eine Leistungsbereitschaft der Hilfesuchenden betont wird(Fördern und Fordern). Die unterschiedliche Konzeption von Freiheit und Sicherheit Die Sicherheit sehen Vertreter_innen der beweglichen Mitte besonders durch zunehmende Kriminalität in Gefahr, die eine fehlende Sichtbarkeit der Polizei begünstigt. Bei den Übereinstimmungen stechen»Freiheit« und »Sicherheit« hervor, weil die bisher erörterten Begriffe von den Studienteilnehmer_innen vor dem Hintergrund des individuellen Handelns diskutiert wurden, Freiheit und Sicherheit aber vor dem Hintergrund staatlichen Handelns. Da die Studie der Frage nachgeht, ob es(politische) Brückenthemen gibt, hinter denen sich alle Menschen versammeln können, scheinen sie damit gefunden. Doch »Mir ist Sicherheit wichtig, dass einfach vom Staat für die Sicherheit der Bürger gesorgt wird. Es wird immer mehr mit der Kriminalität.« Grundsätzlich sind sie aber froh, in einem Land zu leben, in dem politische, rechtliche und wirtschaftliche Stabilität herrscht. AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. »Mir ist Stabilität wichtig, eine gewisse Rechtssi17 cherheit. Rechtssicherheit gibt Sicherheit. Es gibt Länder, da gilt das Faustrecht.« Teilweise machen sie sich Sorgen, dass sie selbst, oder ihre Kinder, sozial beziehungsweise materiell abrutschen könnten. »Meine Kinder sind über 20. Bekommen die noch einen Job? Ich werde vielleicht mit 70 Rente bekommen, aber wie wird es bei meinen Kindern sein?« Die national Orientierten sehen die Sicherheit hingegen vor allem durch Migration bedroht. »Wir haben im Freundeskreis eine Polizistin. Womit hat sie zu tun? Mit unseren Neuzugezogenen.« Dazu trägt auch der Eindruck bei, dass bei Migrant_innen Kriminalität nicht verfolgt wird – ein weiterer Beleg für sie, dass insbesondere Flüchtlinge in vielen Bereichen bevorteilt und sie selbst ungerecht behandelt werden. »In Leipzig wird mit zweierlei Maß gemessen. Wenn man hier lebt, wird eine Straftat anders geahndet als bei Zugezogenen.« Anders als die Weltoffenen haben sie den Eindruck, dass ihre persönlichen Freiheitsrechte nur noch auf dem Papier existieren, in der Realität aber schon lange nicht mehr gelten. Sie fühlen sich durch Staat und Gesellschaft, beispielsweise in der Meinungsfreiheit, eingeschränkt und gegängelt. »Wir leben in einem demokratischen Land, trotzdem spürt man keinen Freiraum mehr.« Auch weil sie den Eindruck haben, dass die Sozialsysteme durch Einwanderung ausgebeutet und überlastet werden, wünschen sie sich einen exklusiveren Sozialstaat für»Urdeutsche«. »Wir sind megagut abgesichert, haben das beste Gesundheitssystem. Mit der Ausländerzuwanderung hat sich alles geändert.« EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 18 4. Drei Perspektiven auf Deutschland Die Unterschiede in den drei Einstellungsgruppen führen zu drei Perspektiven auf Deutschland – wobei das düstere Deutschlandbild der national Orientierten stark von dem der anderen abweicht(siehe Abbildung 9). einen zu starken Fokus auf die Leistungsgesellschaft hat, bestimmte Bereiche zu sehr auf Effizienz und Wirtschaftlichkeit getrimmt sind und zu wenig auf soziale und menschliche Belange Rücksicht genommen wird. 4.1 Das Deutschlandbild der weltoffen Orientierten: Konstruktive Kritik Das Deutschlandbild der Weltoffenen ist zwar durchaus heterogen, insgesamt ist diese Gruppe aber mit den grundsätzlichen Werten und Möglichkeiten in Deutschland zufrieden: In Deutschland herrscht Frieden, der Staat ist demokratisch und rechtsstaatlich organisiert. Ein Sozialstaat bietet ein Auffangnetz für alle und politische Freiheiten sowie Minderheitenrechte sind garantiert. Durch einen allgemeinen Zugang zu Bildung bieten sich schichtübergreifend Chancen und Aufstiegsmöglichkeiten. »Eigentlich sieht das ganz gut aus, das muss nur mal jemand sagen.« Das bedeutet nicht, dass die Weltoffenen keine Verbesserungsmöglichkeiten sehen. Ihr Bild ist vielmehr konstruktiv-kritisch: So besteht der Eindruck, dass Deutschland Deshalb gibt es eine Reihe von Verbesserungswünschen an die Politik: p bezahlbarer Wohnraum, damit auch Menschen mit geringem Einkommen sich eine angemessene Wohnung leisten können p stärkere soziale Sicherheit, damit Menschen vor Armut bewahrt werden p größere Anstrengungen beim Klimaschutz, damit die globale Erwärmung mit all ihren sozialen Folgen eingedämmt wird p Ausbau der öffentlichen Infrastruktur, insbesondere des öffentlichen Verkehrs sowie einer guten und kostenlosen Bildung, wovon alle Menschen in Deutschland profitieren p Stärkung der Demokratie und des gesellschaftlichen Zusammenhalts, um das Zusammenleben zu verbessern p Förderung von Multikulturalität und einer liberalen Gesellschaft, damit keine Menschen ausgeschlossen werden Abbildung 9: Deutschlandbilder der drei Einstellungsgruppen(Beispiele Graphic Recording) Weltoffen Orientierte Bewegliche Mitte National Orientierte © Jens Nordmann AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. Wichtiger Ankerpunkt für die Weltoffenen ist die deutp Der Staat muss stark und wehrhaft sein und gegen 19 sche Geschichte, vor allem die Zeit des NationalsozialisExtremismus vorgehen. mus, woraus sich für sie eine besondere deutsche Verantp Zudem besteht der Wunsch, dass Deutschland in entwortung(nicht: Schuld) ergibt. Diese Verantwortung wird scheidenden Bereichen wie Klimaschutz, Wirtschaft nicht als Belastung erlebt, sondern positiv erfahren. und Menschenrechten die Vorreiterrolle behält oder einnimmt. »Seit 1945 sind wir so gepolt, besser zu werden. p Spaltungstendenzen(etwa arm/ reich, Stadt/ Land) solDarauf kann man stolz sein. Die Demokratie funklen politisch bekämpft werden. tioniert nicht immer auf Anhieb, denn Demokratie ist sehr langsam. Aber darauf bin ich stolz.« Die Mitte zeichnet sich durch eine Grundzufriedenheit und die Bereitschaft zu Kompromissen aus. Kunst, Kultur, der(europäische) Wertekanon der Aufklärung und die 4.2 Das Deutschlandbild der beweglichen Mitte: Soziale Marktwirtschaft jüngere deutsche Geschichte sind für sie relevante Ankerpunkte. Das Deutschlandbild der beweglichen Mitte ist grundsätzlich positiv, auch wenn sie ebenfalls Verbesserungswünsche und Sorgen haben. An Deutschland schätzen sie insbesondere, dass soziale und wirtschaftliche Belange gut austariert sind: Einerseits gibt es soziale Sicherheit, flächendeckende Gesundheitsversorgung und Chancengleichheit durch kostenlose Bildung; andererseits verfügt Deutschland über eine starke und stabile Wirtschaft, die leistungsfähig und innovativ ist. Sie haben den Eindruck, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit im Großen und Ganzen funktionieren und politische Rechte genauso garantiert sind wie die Rechte von Minderheiten. »In Deutschland leben wir gut. Auch das Gesundheitswesen und die Rente sind gut. Wir haben es hier gut. Wenn wir meckern, ist es Meckern auf hohem Niveau.« Das Wunschdeutschland dieser Gruppe entspricht dem alten Versprechen der Bundesrepublik und der sozialen Marktwirtschaft, laut dem Erwerbsarbeit und soziale Sicherung ein gutes Leben in Sicherheit und Stabilität garantieren: p Der Sozialstaat sichert ab, sanktioniert bei Missbrauch aber auch. Insbesondere bei der Pflege und Altersarmut werden Verbesserungen erwartet. p Die Menschen werden vor Kriminalität geschützt, dafür müssen Gesetze teilweise konsequenter durchgesetzt und mehr Polizisten eingestellt werden. p Migrant_innen müssen besser integriert werden, bei Straffälligkeit aber abgeschoben werden. 4.3 Das Deutschlandbild der national Orientierten: Ein Land vor dem Abgrund Das Deutschlandbild der national Orientierten unterscheidet sich deutlich von dem der anderen beiden Gruppen. Im Grunde sehen sie das Land kurz vor dem Untergang. »Ich lebe gerne in Deutschland, nur wenn es so weiterläuft, muss ich mein Land verlassen.« Nationalstolz ist für sie ein wichtiger Fixpunkt, aber im Moment überwiegen für sie vor allem die Bedrohung für das Land und eine Benachteiligung von Deutschen. Dabei werden immer wieder gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausgespielt, meist Deutsche gegen Nichtdeutsche. Typische Überzeugungen in dieser Gruppe sind: p Wer hart arbeitet, bekommt nicht genug, aber für Flüchtlinge wird Geld ausgegeben. p Für die deutsche Mittelschicht wird nichts getan, aber für Flüchtlinge ist Geld da. p Flüchtlinge werden bevorzugt, etwa bei Wohnraum oder Kinderbetreuungsplätzen. p Bei Straftaten wird gegen Deutsche härter vorgegangen als gegen Nichtdeutsche. p Rechtsradikalismus wird stärker bekämpft als Linksradikalismus. Das Bedrohungsbild folgt klassischen rechtspopulistischen Mustern(Lewandowsky 2017): Eine Elite regiert am Volk vorbei und manipuliert es. Diese Elite ist es auch, die Deutschland insbesondere über Zuwanderung in SchwieEMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 20 rigkeiten bringt. Menschen mit Migrationshintergrund und ökonomisch Schwache werden stigmatisiert. Sie haben den Eindruck, dass die Demokratie im Moment in Deutschland nicht funktioniert, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt ist und die Medien Informationen manipulieren oder Informationen bewusst zurückhalten. Die Liste mit Änderungswünschen ist deshalb lang und fundamental: p konsequente Abschiebungen und Zuwanderungsstopp p weniger Einfluss der EU auf Deutschland p Politik für»Deutsche« durch steuerliche Entlastung der Mittelschicht, Rente mit 65 und höhere Sozialleistungen für Deutsche p Einführung der direkten Demokratie, da sie glauben, die Bevölkerung werde von der Elite an der Durchsetzung des»Volkswillens« gehindert p Durchsetzung der Gesetze und härtere Strafverfolgung insbesondere bei Migrant_innen p Einführung von»wirklich« freien Medien und Wiederherstellung von»echter« Meinungsfreiheit AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. 5. Wunsch nach Überwindung der Spaltung 21 Trotz dieser sehr unterschiedlichen Perspektiven auf Deutschland – in einem Punkt sind sich tatsächlich alle Einstellungsgruppen einig: in dem Wunsch, die Spaltung zu überwinden. Die bewegliche Mitte, die besonders darunter leidet, dass sie sich zwischen zwei Fronten eingezwängt fühlt, wünscht sich, dass»wir nicht auseinanderdriften«. Auch die Weltoffenen würden es sehr begrüßen, »wenn es ein anderes Klima gäbe, wie man miteinander ins Gespräch kommt«. Und die national Orientierten wären froh, wenn politische Diskussionen nicht ständig eskalieren würden. Sie haben den Eindruck, immer auf der Hut sein zu müssen, mit wem sie über was sprechen, weil es»sonst richtig Knatsch im Freundeskreis geben würde, das ist schlimm«. Auch der Zusammenhalt im Kleinen, etwa im Sportverein oder in der Nachbarschaft, funktioniert nicht vorbehaltlos, sondern nur, wenn kontroverse Themen ausgeblendet werden. Die drei Einstellungsgruppen sind sich darin einig, dass sich»alle« wohlfühlen und friedlich zusammenleben wollen und dass soziale Absicherung wichtig ist. Keine Einigkeit besteht hingegen darüber, wer zu»allen« wirklich dazugehört, was benötigt wird, um sich wohlzufühlen, und was beim Thema soziale Sicherheit konkret wichtig und richtig ist. Für die Weltoffenen gehören beispielsweise alle dazu, die in Deutschland wohnen, für einige national Orientierte nur die»Urdeutschen«. 5.1 Diffuses Zusammengehörigkeitsgefühl Der Wunsch, die Spaltung zu überwinden, entspringt dem Bedürfnis, das eigene Stresslevel zu senken. Allerdings gibt es auch ein diffuses Zusammengehörigkeitsgefühl, das man zum Beispiel erfährt, wenn man andere Deutsche im Ausland trifft. Sich darauf zu einigen, was diese»deutsche Identität« aber ausmacht, fällt schwer: »Es scheint eine Art schwammige, wolkige deutsche Identität zu geben, die wir gar nicht benennen können, aber diese Identität, die ist da, die hält uns irgendwo zusammen.« Werden Gemeinsamkeiten genannt, sind sie insgesamt eher abstrakt: Sowohl Sprache und Traditionen als auch Werte und Regeln werden prinzipiell als gemeinschaftsstiftend gesehen. Bei genauerer Diskussion über Gemeinsamkeiten stoßen die Einstellungsgruppen aber an ihre Grenzen: »Ich würde sagen, diesen Klebstoff gibt es nicht.« »Es ist leichter zu sagen, was nicht geht, als das, was geht.« »Vielleicht haben wir nicht gemeinsame Ziele.« Die Lösungsvorschläge, um in Deutschland den Zusammenhalt zu stärken, fallen in den Einstellungsgruppen unterschiedlich aus. Die Ideen der national Orientierten Die national Orientierten haben vier Ideen, um Gemeinsamkeiten wiederherzustellen. Über ein gemeinschaftliches positives Erlebnis in Verbindung mit dem Nationalstolz, wie es sich beispielsweise kurz nach der Wiedervereinigung einstellte, so lautet die erste Idee. Sie glauben, wenn die ganze Nation ein positives Erlebnis teilen würde, würde auch das Nationalgefühl wieder positiver. Allerdings sind solche Ereignisse nicht planbar oder absichtsvoll herbeizuführen. Ein klares Bekenntnis zu Deutschland, das ist ihre zweite Idee. Da sie aber selbst nicht alle deutschen Staatsangehörigen als Deutsche akzeptieren, sondern häufig nur ethnische Deutsche, ist dieser Vorschlag nicht zum Brückenbau geeignet. In Deutschland haben laut Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes etwa ein Viertel der Menschen einen Migrationshintergrund, wovon etwa die Hälfte Deutsche, die andere Hälfte Ausländer_innen sind (Statistisches Bundesamt 2018) – ein großer Anteil der in Deutschland lebenden Menschen würde hier von vornherein ausgeschlossen werden. EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 22 Die dritte in der Gruppe entstandene Idee ist ein gemeinkann, wenn es zukunftsgerichtet und lokal umsetzbar samer Gegner, der die Bevölkerung in Deutschland zuist. Sie hoffen, dass diese gemeinsame Aufgabe, dieses sammenschweißen würde. Selbst wenn man die Frage gemeinsame Ziel, das Leben der in Deutschland lebenaußen vor lässt, ob es dem Gedanken des Grundgesetzes den Menschen konkret zu verbessern, dazu geeignet ist, entspricht oder es sich dabei nicht eher um ein Merkmal dass Menschen mit sehr unterschiedlichen Einstellungen eines autoritären Staats handelt, einen»äußeren Feind« und Meinungen zusammen arbeiten und damit zusamzu konstruieren, um den inneren Zusammenhalt zu stärmen kommen. ken: In den einstellungsmäßig gemischten Gruppen wurde schnell festgestellt, dass es keinen gemeinsamen Gegner gibt, auf den sich die Vertreter_innen der drei Gruppen 5.2 Mögliche Brückenthemen einigen können. Ideen, die von den national Orientierten zutiefst verachtet oder abgelehnt werden, gelten für In den Diskussionen in Kleingruppen und im abschließenWeltoffene oder bewegliche Mitte häufig nicht als probleden Workshop wurde versucht mögliche Themen zu erarmatisch oder sogar als wünschenswert – was natürlich beiten, bei denen Menschen mit unterschiedlicher Herauch umgekehrt gilt. kunft und Einstellung bereit wären, sich unterzuhaken und gemeinsam für ein Ziel zu kämpfen. Dabei wurden Die vierte Idee der national Orientierten hat eine starke drei Themenkomplexe gefunden, die alle drei Gruppen als »Führungspersönlichkeit« zum Ziel, die nah am Volk ist wichtig empfinden. Erstens die Integration von Migrant_ und sich für die Interessen des Volkes einsetzt. Erneut innen, weil alle drei Gruppen den Eindruck haben, dass es zeigt sich hier ein Rückgriff auf das populistische Narrativ, keinen gesellschaftlichen Frieden geben wird, solange der dass»die Politik« und»die Elite« die Interessen des Volkes Konflikt um Migration schwelt. Zweitens soziale Gerechnicht repräsentieren. Immerhin werden als Vorbilder für tigkeit, weil es einen breiten Konsens darüber gibt, dass diese Führungspersönlichkeiten demokratische Politiker die Absicherung grundlegender Bedürfnisse nicht nur per wie Ludwig Erhard, Willy Brandt und Helmut Kohl gese erstrebenswert ist, sondern auch, weil man hofft, dass nannt. Dennoch zeigt sich auch hier eine Verbindung zu die Gesellschaft zusammenrückt, wenn soziale SpannunAdornos Konzept des autoritären Charakters: Ein weiteres gen entschärft werden. Und drittens Bildung, weil alle drei Merkmal für autoritäre Denkmuster sei die Zustimmung Gruppen überzeugt davon sind, dass die Chancengleichzu der Aussage,»was dieses Land vor allem braucht, heit und die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands davon mehr als Gesetze und politische Programme, sind ein paar abhängen, wie junge Menschen in Deutschland ausgebilmutige, unermüdliche, selbstlose Führer, denen das Volk det werden. vertrauen kann«(Adorno 1973). Die Ideen von beweglicher Mitte und weltoffen Orientierten Die bewegliche Mitte und die Weltoffenen teilen diese Ideen nicht. Sie sind sich in ihren Vorstellungen aber relativ ähnlich: Sie sind erstens davon überzeugt, dass eine Voraussetzung für mehr Zusammenhalt ein sozialer Ausgleich ist und deshalb die Spaltung zwischen Arm und Reich reduziert werden muss. Sie glauben zweitens, dass es»uns in Deutschland« vergleichsweise gut geht und dass man das denjenigen Menschen vermitteln muss, die Deutschland am Abgrund sehen. Und sie glauben drittens, dass ein gemeinsames Projekt, wie beispielsweise die gemeinsame Gestaltung von freien Flächen in der Nachbarschaft, zusammenschweißen Integration Es besteht Einigkeit darüber, dass das Thema Integration einen großen Einfluss darauf haben wird, ob sich die Polarisierung der Gesellschaft in Zukunft verringern lässt. Migration ist, wie oben beschrieben, das Thema, bei dem sich die gesellschaftliche Spaltung in Deutschland in Konflikten entlädt und sichtbar wird. Deshalb wurde im Workshop immer wieder die These vertreten, dass eine Annäherung der gesellschaftlichen Gruppen nicht möglich sei, bis dieser Konflikt ausdiskutiert und befriedet wurde. Dafür spricht auch der hohe Stellenwert, den das Thema für die national Orientierten hat, die bei fast jedem anderen politischen Thema Migration ins Spiel bringen. Und selbst national Orientierte können unter Umständen bereit sein, die Prämisse zu akzeptieren, dass in Deutschland AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. Zugewanderte leben, selbst wenn ihnen die Flüchtlings»Ich finde,[wenn Flüchtlingen alles bezahlt wird] 23 politik seit 2015 als Grundübel gilt. setzt man ein falsches Signal. Man signalisiert den Leuten, du musst nichts tun, nur Flüchtling sein. »Es ist ja jetzt nun mal so, wie es ist. Man kann ja Wenn man den Leuten das Signal setzt, tu was für nicht alle Menschen wieder abschieben.« dein Geld, geh arbeiten, wenn du eine Arbeitserlaubnis hast und unsere Sprache beherrschst, dann Es gibt zwei mögliche Ziele, auf die sich die Gruppen geben die uns auch was zurück.« einigen können: erstens, dass alle Zugewanderten Deutsch lernen sollen und dass der Staat für diese Für national Orientierte bedeutet Integration Assimilation. Deutschkurse Geld in die Hand nehmen muss. Und zweiMenschen, die nach Deutschland eingewandert sind, tens, dass versucht werden sollte, dass alle Zugewandermüssen sich anpassen und sind Deutschland zur Dankbarten mit Bleibeperspektive einen sozialversicherungskeit verpflichtet. pflichtigen Job bekommen. Die Motivation hinter diesen Zielen mögen sehr unterschiedlich sein – die Weltoffenen »Die sollen sich an uns anpassen. Wenn sie hier denken beispielsweise(auch) an das Wohl der Migrant_ leben müssen, dann sollten die sich anpassen. Es innen, die national Orientierten wollen nicht, dass sie ihkann nicht sein, dass wir uns ihnen anpassen. Es nen auf der Tasche liegen –, dennoch wurden diese Ziele kann nicht sein, dass es im Kindergarten zum Beinach einer längeren moderierten(!) Diskussion akzepspiel kein Schweinefleisch mehr gibt.« tiert. In den ersten Gesprächsrunden wäre dieser Vorschlag in den einstellungshomogenen Gruppen der national Orientierten nicht angenommen worden, Verständnis Soziale Gerechtigkeit und Kompromissbereitschaft entstanden erst durch eine Diskussion mit Menschen, die eine andere Meinung verDie zweite Idee, eine Vision zu sozialer Gerechtigkeit zu traten. entwickeln, die als gesellschaftlicher Kitt dienen könnte, bietet ebenfalls nur oberflächlich ein mögliches Brücken»Die größte Ungleichheit ist bei den Migranten, thema. Der Wunsch nach sozialer Grund- und Absichedie sollten arbeiten dürfen.«(bewegliche Mitte) – rung ist breiter Konsens in Hinblick auf verschiedene »Die sollten sogar arbeiten müssen.«(national Elemente. Beispielsweise ist man sich einig, dass Altersorientiert) armut durch eine ausreichende Rente verhindert wird, dass es bezahlbaren Wohnraum geben und dass die Klar ist für die Teilnehmer_innen auch, dass Integration Grundsicherung gewährleistet sein muss. Allerdings bemehr bedeutet, als Menschen in den Arbeitsmarkt einzusteht keine Einigkeit über konkrete Politikangebote, weil binden. Und bei dieser Frage, wie in Deutschland das Zuerneut der Grundkonflikt über Migration hervorbricht. sammenleben mit Migrant_innen aussehen soll, zeigt Die Vorstellungen zu einem Sozialstaat gehen – wie in sich, dass das Thema Integration gerade nicht als BrückenKapitel 3.2 beschrieben – deutlich auseinander. Wähthema geeignet ist, weil auch hier das Verständnis der drei rend Weltoffene und bewegliche Mitte hier aber eine Gruppen zu unterschiedlich ist. gemeinsame Gesprächsgrundlage haben, ist der Wunsch der national Orientierten nach einem exklusiven SozialWeltoffene betonen beim Thema Integration die Rechte staat nur für»Urdeutsche« mit ihnen nicht zu machen. der Zugewanderten und die Pflichten der schon in Die national Orientierten sehen den Sozialstaat aber weDeutschland Lebenden. gen der Zuwanderung als überlastet an und haben den Eindruck, dass dieser von Migrant_innen ausgenutzt »[Es braucht Toleranz] gegenüber anderen Kultuwird. ren und Menschen anderer Herkunft.« »Wenn man eine Verkäuferin hat, die nach StatisDie bewegliche Mitte betont, dass es für Migrant_innen tik 1,5 Kinder hat und erst um 21 Uhr aus der sowohl Rechte als auch Pflichten gibt. Kaufhalle kommt, um nach Hause zu gehen, und sie dann eine Migrantin sieht, die schwanger ist EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 24 und noch zwei Kinder an der Hand hat, dann überdie drei Gruppen sich also nicht auf Normen und Werte legt sie, wie die sich das leisten kann. Das spaltet einigen können, besteht auch beim Thema Bildung zwar die Leute.« Einigkeit über die Wichtigkeit, aber nicht darüber, wie man eine solche Vision umsetzen könnte. Bildung Auch das Thema Bildung ist nur auf den ersten Blick als Brückenthema geeignet. Zwar werden Investitionen in Bildung von allen befürwortet, auf einen gemeinsamen Nenner kommen die unterschiedlichen Einstellungsgruppen jedoch nicht. Die Argumentationskette ist folgende: Kostenlose Bildung bietet Chancengleichheit und ermöglicht es Menschen aus allen Schichten, sich für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Diese Fachkräfte sichern den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands und damit ein gutes Leben in Deutschland. Wenn in Deutschland ausreichend Fachkräfte ausgebildet werden, sinkt der Bedarf an Fachkräften aus dem Ausland, was den Gedanken anschlussfähig für national Orientierte macht. Allerdings wird Bildung auch im Zusammenhang mit Integration diskutiert. Hier geht es zum einen um Sprachkurse, zum anderen aber um einen»Gemeinschaftskundeunterricht«, weil Bildung für viele nicht nur der Erwerb von Fähigkeiten für den Arbeitsmarkt bedeutet, sondern auch Wertevermittlung mit einschließt. Dieser angedachte Gemeinschaftskundeunterricht soll Regeln und Normen vermitteln, die bisher nicht in Gesetzen oder anderen Vorschriften kodifiziert sind. Insbesondere der Aspekt von Bildung als Grundlage für Integration führt zurück zu den grundsätzlichen Streitfragen rund um das Wertegerüst: Welche Werte sollen in diesem Unterricht vermittelt werden und wie werden sie bestimmt? National Orientierte betonen einen Ansatz, bei dem es darum geht, den Zugewanderten zu vermitteln, warum sie sich an»deutsche Werte« halten sollen. »Wir müssen erklären, warum. Was ist der Vorteil von Pünktlichkeit. Was ist der Vorteil von Zucht und Ordnung.« Mit diesem Plan sind die anderen Gruppen nicht einverstanden, schließlich besitzen sie ganz andere Werte und Zielvorstellungen(siehe Abbildung 8 in Kapitel 3.2). Da AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. 6. Fehlendes gesellschaftliches Leitbild 25 Es besteht nicht nur eine objektive Spaltung in Hinblick auf die Einstellungen der drei Gruppen, sondern die Polarisierung wird von den Menschen auch subjektiv als Problem empfunden. Unterschiedliche Identitäten, Wertorientierungen und verschiedene Einstellungen und Meinungen sind in einer pluralistischen Gesellschaft selbstverständlich und sogar erwünscht. Im Moment scheitert aber der Dialog zwischen den gesellschaftlichen Gruppen, der zwingend notwendig wäre, um die Konflikte gesellschaftlich auszutragen. Da keine gemeinsame Diskussionsgrundlage in Form eines geteilten gesellschaftlichen Leitbildes vorhanden ist, ist es gegenwärtig nicht möglich, diese Spaltung durch einzelne Policies, also reine Sachpolitik, zu überwinden. Im Grunde genommen muss(neu) ausgehandelt werden, wie das Zusammenleben in Deutschland aussehen soll. In den letzten Jahren ist dieser gesellschaftliche Dialog jedoch immer wieder gescheitert und müsste zur Auflösung der Konflikte erst(wieder) aktiviert werden(siehe Abbildung 10). Scheitern des öffentlichen Dialogs In den Diskussionen zeigt sich immer wieder, dass sich viele Menschen, aber insbesondere die national Orientierten, durch Politik, Parteien und Politiker_innen nicht ausreichend repräsentiert fühlen. Das ist zum einen das Resultat einer insgesamt abnehmenden Bindung an Parteien, aber auch das Ergebnis eines tiefen Misstrauens gegenüber den»Eliten«. Der im Parlament stattfindende Diskurs gibt ihnen daher nicht das Gefühl, dass ihre Probleme und Ansichten dort zur Sprache kommen und verhandelt werden. Auch andere öffentlich geführte Dialoge, wie Talkshows oder Podiumsdiskussionen, werden häufig negativ und eher als Kampf und weniger als konstruktiver Meinungsaustausch erlebt. Abbildung 10: Deutschlandbilder der drei Einstellungsgruppen(Beispiele Graphic Recording) © Jens Nordmann Die Spaltung besteht und wird als Problem empfunden. Solange der Grundkonflikt besteht, reichen einzelne Policies nicht für eine Überwindung der Spaltung aus. Wiederholtes Scheitern des gesellschaftlichen Dialogs als Ursache für bleibende Spaltung. Lösung: (Re-)Aktivierung des gesellschaftlichen Dialogs. EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 26 Scheitern des privaten Dialogs »Ich bin extrem positiv überrascht. Ich bin hier hingekommen und hatte tatsächlich Sorge. Ich wussDie private Sphäre kann diese Empfindung nicht wettte, dass Integration ein Thema sein wird. Wir haben machen. Selbst im engsten Umfeld, also in der Familie uns aber gut unterhalten. Wir haben unsere oder unter Freunden, führen kontroverse Themen wie Meinung akzeptiert. Solange das noch möglich ist, Flucht und Migration mitunter zur Eskalation, sodass nicht solange habe ich noch Hoffnung für dieses Land. konstruktiv miteinander gesprochen werden kann. Als Ich hoffe, dass wir das auf eine breitere Basis stelResultat folgen im besten Falle, dass bestimmte Themen len.« gemieden werden, im schlimmeren Falle Dialog- oder gar Kontaktabbrüche. Um die Spaltung also zu überwinden, ist es zunächst notwendig, die Diskussionskultur wieder zu beleben. Eine besondere Rolle spielen hier die sozialen Medien und die Debattenkultur im Netz, wo private Kommunikation in die Öffentlichkeit übergeht. Die Netzkultur ist in der Wahrnehmung häufig durch Beleidigungen, persönliche Angriffe, Lügen und Hetze geprägt. Daraus resultiert – im analogen wie im digitalen Leben – ein Rückzug in einstellungshomogene Gruppen, in denen die eigene Meinung eher noch bestärkt wird und ein Austausch verschiedener Meinungen nicht stattfindet. Die Diskussionen innerhalb der Dreiergruppen und des Workshops zeigen, dass es möglich ist, diese Debatten zu führen, ohne dabei beleidigend zu werden, sich anzuschreien oder abbrechen zu müssen. Allerdings: Die Teilnehmer_innen haben während des Abschlussworkshops für sich selbst den Schluss gezogen, dass eine Diskussion, wie sie dort geführt wurde, ohne Moderation nicht möglich gewesen wäre. Die Möglichkeit, solche Gespräche mit Menschen ganz unterschiedlicher Meinung zu führen und die hinter diesen Meinungen liegenden Beweggründe zu verstehen, wurde als bereichernd wahrgenommen. Ein weltoffen Orientierter sagte nach der Diskussion mit einem national Orientierten in einer der Gesprächsrunden: »Ich kann ihn verstehen und ich habe das Gefühl, er kann mehr Zugeständnisse machen, als er vorgibt. Ich hätte ihn anders eingeschätzt, aber so ist er gar nicht. Er hat Angst, begründet oder unbegründet, ist aber kompromissbereit und will eigentlich nur Gutes fürs Land, für sich, für uns.« Zum Abschluss der Veranstaltung, als die Teilnehmer_innen nach ihrem Fazit gefragt wurden, kam immer wieder der Wunsch auf, dass es solche Veranstaltungen häufiger geben sollte. AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. 7. Die Wiederherstellung der Dialogfähigkeit 27 Ziel der Studie war es, verbindende Elemente und Brückenthemen zwischen unterschiedlichen Einstellungsgruppen zu finden, um die Polarisierung der Gesellschaft zu verringern. Hier ist die Studie gescheitert – nicht weil das Forschungskonzept nicht aufging, sondern weil es aktuell einfach keine verbindenden Elemente gibt. Aber, der Prozess der Forschung zeigt, dass es durchaus möglich ist, die Polarisierung der Gesellschaft durch einen(moderierten) Austausch zu verringern: indem der Dialog wiederbelebt wird. Die Verbesserung, die durch die Diskussion in den Gruppen erreicht werden kann, ist kein plötzlicher Konsens, sondern ein wachsendes Verständnis für andere Sichtweisen und eine zunehmende Akzeptanz von Kompromissen. Es gibt keine Brückenthemen, um die gesellschaftliche Spaltung zu überwinden Die Unterschiede offenbaren sich vor allem bei Fragen zu Migration und Flüchtlingen. Dieses Thema dominiert für national Orientierte alle anderen und wird mit allen Themen vermischt. Dass die national Orientierten progressive Lebensentwürfe und Forderungen ablehnen, tritt in der Diskussion ebenfalls immer wieder zutage. Dies zeigt sich beispielsweise in Kommentaren über die Fridays for Future-Bewegung oder Veganismus. Solange diese fundamentalen Unterschiede bestehen, scheint es unmöglich, die sich gegenüberstehenden Einstellungsgruppen durch Brückenthemen zusammenzubringen. Zuerst wäre ein groß angelegter gesellschaftlicher Diskurs notwendig, um eine gemeinsame Basis oder zumindest ein grundsätzliches Verständnis für die jeweils anderen Positionen zu schaffen. Im Moment fehlt jedoch der Diskussionsraum, in dem dieser gesellschaftliche Diskurs geführt werden kann. Es gibt zwar Themen, die in allen drei Gruppen, also bei den national Orientierten, bei den weltoffen Orientierten und der beweglichen Mitte, anschlussfähig sind. Allerdings ist es im Moment nicht möglich, über diese Themen die grundsätzlichen Unterschiede zwischen diesen Gruppen zu kitten und auf der Policy-Ebene, also durch Sachpolitik, zu überwinden. Die beiden Pole national Orientierte und weltoffen Orientierte stehen sich derzeit so feindselig gegenüber, dass kein konstruktiver, unmoderierter Dialog(mehr) möglich ist. Die bewegliche Mitte fühlt sich zunehmend als hilflose Zuschauerin. Sie ist dieser gesellschaftlichen Spaltung überdrüssig und selbst nicht bereit, als Brückenbauerin einzuspringen. Es gibt zwischen Weltoffenen und national Orientierten keine Übereinkunft darüber, wie das Zusammenleben in Deutschland aussehen soll. Selbst wenn auf den ersten Blick ähnliche Ziele genannt werden(etwa Gerechtigkeit oder Sicherheit), gibt es weder ein gemeinsames Verständnis davon, was das konkret bedeutet, noch sind sie sich einig, wie diese Ziele erreicht werden können. Das Zusammenleben von Weltoffenen und national Orientierten ist oft nur möglich, wenn politische Themen grundsätzlich vermieden werden. Der häufig gewählte Weg, sich in einstellungshomogene Gruppen zurückzuziehen, verstärkt die eigene Haltung und fördert die Polarisierung. Dies hat nicht nur Einfluss auf die private Sphäre: Wenn die Menschen sich in ihre Einstellungsgruppen zurückziehen und gleichzeitig extremer werden, bedeutet das auch, dass es für die Politik immer schwieriger wird, Kompromisse zu schließen. Erstens, weil die Parteien diese extremer werdenden Positionen aufgreifen müssen, um ihre Wähler_innen zu repräsentieren, zweitens, weil Kompromisse an sich in Verruf geraten. Wiederherstellung des Dialogs als gesamtgesellschaftliche Aufgabe Es reicht also nicht, an einzelnen Stellschrauben zu drehen; die Wiederherstellung der Dialogfähigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und bedarf großer Anstrengungen. Auf den ersten Blick scheint die Diagnose etwas paradox, schließlich gibt es heute so viele Möglichkeiten, EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 28 um miteinander ins Gespräch zu kommen, wie nie zuvor. »Tag der Demokratie« Dass der Dialog aber sowohl online als auch offline momentan scheitert, beweist, dass technische Lösungen Die drei genannten Anforderungen und die auszuhanhierfür nicht ausreichen werden. Die Erfahrung der Disdelnden Themen machen klar: Einfach ist eine Umsetzung kussionen in Dreiergruppen und des Workshops zeigen nicht. Ein bisschen»Rumdoktern« wird nicht ausreichen, drei Anforderungen an eine(Re-)Aktivierung des gesellzu tief sind die Gräben. Es muss also ein großer Wurf her. schaftlichen Diskurses: Dieser große Wurf könnte sein, einen neuen Feiertag in Form eines»Tags der Demokratie« einzuführen, an dem Erstens, die Menschen müssen in großer Breite beteiligt sich die Menschen einmal im Jahr in gemischten Gruppen werden. Die Repräsentation des Diskurses beispielsweise versammeln und über das Leben in Deutschland diskutiedurch die Politik funktioniert aus Sicht vieler Bürger_innen ren. Das klingt erst einmal utopisch(und ist es vielleicht im Moment nicht, weshalb möglichst viele direkt eingeauch), schließlich ist allein die politische Durchsetzung bunden werden müssen. Das bedeutet nicht, die repräeines Feiertags, geschweige denn die Organisation und sentative Demokratie durch direkte Demokratie zu ersetFinanzierung von Gruppendiskussionen für mehr als 60 zen. Vielmehr muss durch eine verbesserte Dialogfähigkeit Millionen Wahlberechtigte, eine Herkulesaufgabe. das Vertrauen in die Repräsentation wiederhergestellt werden. Dafür, diese Idee nicht sofort zu verwerfen, sprechen dennoch drei Dinge: Erstens, die Polarisierung ist so stark, Zweitens, ein solcher Dialog muss unbedingt sinnvoll modass die Spaltung ansonsten(zumindest mittelfristig) deriert werden, um überhaupt die Grundvoraussetzungen akzeptiert werden müsste, was eine ständige Belastung dafür zu schaffen, ein Verständnis füreinander aufzubrinfür die Gesellschaft darstellen würde. Zweitens, die Disgen und konstruktiv zusammenarbeiten zu können. kussionen in den Kleingruppen haben bewiesen, dass es tatsächlich noch möglich ist, diesen Dialog zu führen, Und drittens, das Projekt muss klar überparteilich sein. wenn man es strukturiert angeht. Und drittens gibt es beDas Vertrauen in Parteien ist stark erschüttert(Faus& reits eine Blaupause für die Idee, die zwar aus anderen Storks 2019b). Zudem spiegelt sich die Polarisierung in Beweggründen entstanden ist, aber sehr gut auf die Proder Parteienlandschaft wider: Für viele national Orientierblemlage anpassbar wäre. te sind alle Parteien außer der AfD»Altparteien« oder gar »Volksverräter«, während für Weltoffene und bewegliche Bruce Ackerman und James Fishkin(2003) schlagen in eiMitte die AfD als rechtsextreme Partei gilt, mit der man nem Essay ebenfalls die Einführung eines neuen Feiertags nicht zusammenarbeiten kann. vor: den Deliberation Day. Die Autoren wollen mit diesem Feiertag die Kernforderungen der sogenannten deliberatiIn solch einem Dialog müssen grundsätzliche Fragen disven Demokratie verwirklichen: Deliberation und Massenkutiert werden, die mit konkreten Umsetzungen kombipartizipation. Unter Deliberation wird die»argumentativ niert werden können: Wie wollen wir in Zukunft zusamabwägende, verständigungsorientierte Beratschlagung« menleben? Wie können mehr Gemeinsamkeiten (Schmidt 2008) verstanden. In der deliberativen Demokrageschaffen werden? Auf welche Themen, Werte und tie werden Politikergebnisse wie Gesetze nur dann als beRegeln kann man sich einigen, die beispielsweise Teil des rechtigt angesehen, wenn sie in einer offenen, sachkundiSchul- oder Integrationsunterrichtes werden? In zweieingenundabwägendenDebattezwischenallenBürger_innen, halb Tagen Diskussion im Rahmen der Studie wurde hier die davon betroffen sind, zustande kommen. zwar kein Konsens gefunden, aber es wurde deutlich, dass der Dialog noch funktionieren kann. Der Deliberation Day soll eine Woche vor der Präsidentschaftswahl in den USA stattfinden. Wähler_innen Nur indem die aktuell passive bewegliche Mitte aktiviert schließen sich in lokalen Gruppen zusammen und diskuund einbezogen wird und Menschen mit konträren tieren gemeinsam die ihnen am wichtigsten erscheinenAnsichten wieder verstärkt ins Gespräch miteinander den gesellschaftspolitischen Themen. Als Anreiz zur Teilkommen, kann dieser Dialog auch gesamtgesellschaftlich nahme gibt es eine Bezahlung von 150 US-Dollar für (re-)aktiviert werden. jede_n Teilnehmer_in, jede Art der Werktätigkeit wird AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. verboten. Die Bürger_innen haben so die Wahl, ob sie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu verbessern. 29 einen freien Tag haben oder für ihr Engagement bezahlt Punkte drei und vier gäbe es gratis dazu und sie würden werden. In verschiedenen aufeinander aufbauenden die Demokratie in Deutschland zusätzlich stärken. Gruppendiskussionen beraten sie zunächst untereinander und später mit Vertreter_innen der Parteien. Utopischer Realismus Da der Deliberation Day nie eingeführt wurde, gibt es keine empirischen Ergebnisse über Kosten und Nutzen. Ackerman und Fishkin nennen ihren eigenen Vorschlag Allerdings haben Ackerman und Fishkin im kleinen Stil so»utopischen Realismus«. Und auch hier ist klar, dass für genannte Deliberative Polls(deliberative Umfragen) die Umsetzung eines»Tags der Demokratie« hohe Hürden durchgeführt, woraus sich mögliche Wirkungen solch eiüberwunden werden müssten. nes Feiertags ableiten lassen. Anders als bei gewöhnlichen Umfragen geht es dabei nicht darum, wie die öffentliche Es gibt bereits Aktionen, die genau das Ziel verfolgen, Meinung ist, sondern wie sie wäre, wenn die Bürger_inMenschen mit unterschiedlichen Meinungen an einen nen sie in einem abwägenden Prozess gebildet hätten. Tisch zu bringen. Beispielsweise die Plattform»DeutschHierfür werden Menschen ganz ähnlich wie in dem Setting land spricht«(ZEIT ONLINE 2019), an der sich insgesamt dieser Studie zu Gruppendiskussionen eingeladen. Eine sechs Medienhäuser beteiligt haben und die den Grimme Vorher- und Nachher-Befragung der Teilnehmer_innen Online Award 2018 bekommen hat. Im Oktober 2019 belegt, dass sich die Ansichten im Verlauf verändert haben haben sich nach eigener Aussage»Tausende Menschen – eine Erfahrung, die auch in dieser Studie gemacht in ganz Deutschland« getroffen. Ohne dieser Aktion den wurde. Auf Grundlage dieser Erfahrung leiten Ackerman Erfolg absprechen zu wollen: Für einen wirklichen Wanund Fishkin vier zentrale Verbesserungen ab. del müsste ein viel größerer Anteil der Bevölkerung erreicht werden. Ähnliches gilt für den»Bürgerrat DemoErstens eine Verbesserung des Dialogs durch Begegnungskratie«, initiiert von Mehr Demokratie e. V. und der räume: Eine zufällige Zusammensetzung der Gruppen Schöpflin Stiftung. Hier wurde ein eigener»Tag der führt dazu, dass Menschen mit unterschiedlicher HerDemokratie« ausgerufen: Am 15. November 2019 wurkunft, Schichtzugehörigkeit und Einstellung miteinander den Ergebnisse eines Bürgerrats mit 160 zufällig ausgeins Gespräch kommen, die sonst im Alltag wenig mitwählten Bürger_innen der Öffentlichkeit vorgestellt und einander zu tun haben. der Politik übergeben(Mehr Demokratie e. V. 2019). Durch eine Institutionalisierung könnte eine solche Idee Zweitens eine Stärkung der Gemeinschaft, indem neue auf ein neues Level gehoben werden. Eine niedrigschwelBekanntschaften geschlossen werden und sich das geligere Alternative wäre die Einführung von Bürgerkamgenseitige Interesse erhöht. mern, in der zufällig ausgeloste Bürger_innen die Themen stellvertretend diskutieren. In diese Kerbe schlägt Drittens ein erhöhtes Informationsniveau, weil die Menauch die Studie Mehr Mitsprache wagen(Geißel& Jung schen sich im Vorfeld mit politischen Themen beschäfti2019) der Friedrich-Ebert-Stiftung, in der vorgeschlagen gen, um sich in der Diskussion nicht zu blamieren, und wird, die repräsentative Demokratie durch einen Beteiliweil sie neue Informationen in der Diskussion bekommen. gungsrat für die Bundespolitik zu stärken. Fraglich ist, ob bei solchen Verfahren dieselbe Breitenwirkung entfaltet Und viertens Deliberation in der Politik: Themen werden werden kann, selbst wenn die Ergebnisse im Nachhinein nicht oberflächlich besprochen, sondern argumentativ publiziert werden. und unter Abwägung von Interessen anderer. Die Hoffnung ist, dass durch diesen Prozess Argumente und KomDeshalb bleibt die Frage nach der Teilnahmebereitschaft. petenzen so verbreitet werden, dass ein vereinfachender Die Teilnehmer_innen an den Gruppendiskussionen und Populismus keine politische Erfolgsstrategie mehr darstellt. den Workshops bekamen eine Aufwandsentschädigung. Zwar gaben viele im Nachgang an, dass sie auch ohne Die ersten beiden Punkte erfüllen genau die in dieser Geld mitgemacht hätten, dennoch mussten sie zunächst Studie formulierten Ziele: den Dialog wiederzubeleben motiviert werden. Deshalb scheint es unumgänglich, – EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 30 wie im Vorschlag zum Deliberation Day – eine Teilnahmeprämie zu bezahlen. Damit schließt sich unweigerlich die Kostenfrage an. Ein solcher Feiertag wäre mit signifikanten Ausgaben verbunden. Zur Bezahlung der Teilnehmer_innen kommen die Kosten für die Organisation und die Produktivitätsausfälle der Wirtschaft hinzu. Ackerman und Fishkin gehen für ihren Vorschlag von jährlichen Kosten in Höhe von 15 Milliarden US-Dollar für die USA aus. Die Frage ist, ob eine signifikante Belebung der Demokratie und eine Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts nicht auch eine Milliardenausgabe rechtfertigen würde. Die größte Hürde ist damit sicherlich der politische Wille zur Durchsetzung. Selbst bei den politischen Kräften, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt tatsächlich stärken wollen, müsste viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Noch problematischer ist allerdings, dass es auch politische Kräfte gibt, die überhaupt kein Interesse an der Aussöhnung haben, weil sie von der Polarisierung profitieren und die gezielte Spaltung als Machtmittel einsetzen. Trotz all dieser Hürden dürfen auch die Folgen nicht unterschätzt werden, wenn die gesellschaftliche Spaltung weiter voranschreitet: Die Gefahr besteht, dass das Land unregierbar wird, weil Kompromisse nicht mehr möglich sind und in der Folge Zukunftsthemen nicht bearbeitet werden können. Gleichzeitig führt die Polarisierung bereits heute zu einem Leidensdruck, den die Menschen deutlich spüren. Das rechtfertigt ein starkes politisches Engagement für die Reaktivierung des Dialogs allemal. AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. Literaturverzeichnis Schmidt, M.(2008). Beteiligungszentrierte Demokratie31 theorien. In Demokratietheorien. Eine Einführung Ackerman, B.& Fishkin, J. S.(2003). Deliberation Day. In (S. 236–253). Wiesbaden: Springer VS. J. S. Fishkin& P. Laslett(Hrsg.), Debating Deliberative Democracy(S. 7–30). Malden: Blackwell Publishing. Statistisches Bundesamt.(2018). 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Ungleiches Deutschland: Sozioökonomischer Disparitätenbericht Abbildung 3: Soziodemografische Zusammensetzung der Teilnehmer_innen .............. 8 Abbildung 4: Verteilung der Einstellungsgruppen ..... 9 Abbildung 5: Vierstufiger Forschungsprozess ......... 10 2019. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung. Abbildung 6: Was macht Deutschland für Sie aus? Geißel, B.& Jung, S.(2019). Mehr Mitsprache wagen. Ein Collage von weltoffen Orientierten ..................... 11 Beteiligungsrat für die Bundespolitik. Bonn: FriedrichEbert-Stiftung. Abbildung 7: Die Identitätskonstruktion der drei Einstellungsgruppen ....................................... 14 Goodhart, D.(2017). The Road to Somewhere: The Populist Revolt and the Future of Politics. London: Oxford University Press. infratest dimap.(2019). ARD-DeutschlandTREND September 2019. Abgerufen am 20. November 2019 von www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundes weit/ard-deutschlandtrend/2019/september. Abbildung 8: Werte und Zielvorstellungen der drei Einstellungsgruppen ............................. 15 Abbildung 9: Deutschlandbilder der drei Einstellungsgruppen(Beispiele Graphic Recording) ... 18 Abbildung 10: Der lange Weg zu einem gesellschaftlichen Leitbild ................................ 25 Lewandowsky, M.(2017). Was ist und wie wirkt Rechtspopulismus? Bürger& Staat, Rechtspopulismus, Heft 1/2017(S. 4–11). Mehr Demokratie e.V.(2019). Bürgerrat Demokratie. Abgerufen am 20. November 2019 von www.buergerrat.de. Merkel, W.(2017). Kosmopolitismus versus Kommunitarismus: Ein neuer Konflikt in der Demokratie. In P. Harfst, I. Kubbe& T. Poguntke(Hrsg.), Parties, Governments and Elites. Vergleichende Politikwissenschaft. Wiesbaden: Springer VS. EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 11 © Philipp Jester © Philipp Jester 32 Informationen zu den Autor_innen Matthias Hartl hat einen Master-Abschluss in politischer Kommunikation und ist Seniorberater bei der pollytix strategic research gmbh. Jana Faus ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin und geschäftsführende Gesellschafterin der pollytix strategic research gmbh. AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN DIALOG. – ERKENNTNISSE EINER QUALITATIVEN STUDIE ÜBER DIE FRAGMENTIERTE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND. ISBN 978-3-96250-530-1