POLITISCHE BILDUNG FÜR SOZIALE DEMOKRATIE Inhalt Statt eines S. 6 Vorworts 1 Politische Bildung in unruhigen Zeiten S. 8 2 Heraus- S. 18 3 Unsere S. 46 forderungen politische und Themen Bildungarbeit – unserer politischen von der Planung Bildungsarbeit bis zur Wirkung 1.1 Warum ist S. 10 politische Bildung wichtig? 2.1 Welche Gesellschaft wollen wir? S. 20 3.1 Wie S. 48 definieren wir unsere Ziele? 1.2 Wo liegen S. 11 Möglichkeiten und Grenzen der politischen Bildung? 1.3 Warum S. 13 machen wir politische Bildung? 1.4 Was ist das S. 14 Besondere an der politischen Bildungsarbeit der FriedrichEbert-Stiftung? 2.2 Wie bleibt Demokratie lebendig? S. 28 2.3 Wie können S. 35 wir weltweit solidarisch sein? 2.4 Wie lässt sich S. 40 der Kapitalismus im 21. Jahrhundert zähmen? 3.2 Wen wollen S. 51 wir erreichen? 3.3 Was bieten S. 58 wir in unserer Bildungsarbeit? 3.4 Wie sichern S. 69 wir Qualität? Statt eines S. 76 Nachworts Impressum S. 78 Statt eines Vorworts Ein Chat mit e-Bert Du bist jetzt also neu bei der FES. Ein Chatbot? KI bei der Stiftung? Klingt spannend. Was machst Du genau? Ja, ich bin relativ neu bei der Stiftung. Ich kümmere mich um mobile politische Bildung im Chat. Für die, die gerne online lernen, und für alle, die unsere Angebote bisher aus Zeit- oder anderen Gründen nicht wahrnehmen, entwickeln wir Chats zu politischen Themen. Unser Leben findet immer mehr online statt. Deshalb muss auch die politische Bildung digitaler werden. Was ist das Besondere an der politischen Bildungsarbeit der FES? Das kann ich Dir sagen: Wir leisten politische ­Bildung und Beratung im Inland und im Ausland. Wir sind nah bei den Menschen und dicht an der Politik. Das Besondere aber an unserer Arbeit ist die Werteorientierung. Wir stehen der ­Sozialen Demokratie nahe. Freiheit, Gerechtigkeit und ­Solidarität sind deshalb die Werte, die unsere ­Bildungsarbeit bestimmen. Muss politische Bildung nicht„neutral“ sein? Und wer darf eigentlich zu euch kommen? 6 Erstens: Muss sie nicht. Und zweitens: Wir sind o­ ffen für alle. Politische Bildung muss demokratisch sein, aber sie soll auch Orientierung geben. Gerade in politisch unruhigen Zeiten ist es wichtig, dass politische Stiftungen sich dieser Aufgabe stellen. Davon haben alle etwas. Was sind die drängend­sten gesellschaftlichen ­Herausforderungen und welche Themen betont die FES in ihrer Arbeit? Immer weniger Menschen sind mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden. Zugleich werden rechte Kräfte stärker. Darin sehe ich eine der wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit. Für unsere Arbeit heißt das, dass wir mit unseren Angeboten drängende gesellschaftliche Probleme und Themen aufgreifen, um auf diese Weise das Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen wieder zu stärken. Das gilt im Übrigen auch für die digitale Welt. Aha, dann weiß ich ja Bescheid. Warum soll ich dann jetzt noch die Broschüre lesen? Na, das ist doch klar: Weil hier alles Wichtige ­drinsteht und weil Du zudem viele praktische ­Beispiele unserer Arbeit findest. Und weißt Du, was das Beste ist? Diese Broschüre gibt es nicht nur g­ edruckt, sondern auch digital.;-) 7 1 Politische Bildung in unruhigen Zeiten 1.1 Warum ist politische Bildung wichtig? 1.2 Wo liegen Möglichkeiten und Grenzen der politischen Bildung? 1.3 Warum machen wir politische Bildung? 1.4 Was ist das Besondere an der politischen Bildungsarbeit der FriedrichEbert-Stiftung? FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 1 Politische Bildung in unruhigen Zeiten „Demokratie braucht Demokraten“ – hinter Friedrich Eberts Erkenntnis stehen die Erfahrungen der 1920er Jahre: Die Demokratie bedarf der überzeugten Zustimmung ihrer ­Bürger_innen, denn nur so kann sie dauerhaft gesichert und fortentwickelt werden. 1.1 Warum ist politische Bildung wichtig? Demokratie braucht Demokrat_innen. Deshalb ist es für alle in Deutschland Lebenden nötig, die Grundzüge der Verfassung zu kennen, den Gehalt der Grund- und Menschenrechte zu begreifen und die Bedeutung des Rechtsstaates zu verstehen. Hinzu muss die Bereitschaft treten, auch als Demokrat_in zu handeln, Verantwortung zu übernehmen und die Gesellschaft mitzugestalten. Nur dann lässt sich erfahren, wie viel Freiheit, Frieden und Sicherheit diese politische Ordnung allen bietet. Beides leistet politische Bildung: Sie vermittelt Wissen und fördert Partizipation, um die Demokratie für ­gesellschaftliche und politische Krisenzeiten zu stärken. Auftrag der ­politischen Bildung: Demokratie stärken Politische Bildung ist gegenwärtig zunehmend gefordert, denn die Gesellschaft steht stärker unter Druck als noch vor einigen Jahren. Die zunehmende Spaltung in Arm und Reich, rechtspopulistische Bewegungen und autoritäre Regierungen auch in Europa bedrohen die Demokratie und den sozialen Frieden. Zu vielen politischen Themen sind die Meinungen in der Gesellschaft so unterschiedlich, dass ein Dialog schwierig ist. Menschen nehmen mehr denn je solche politischen Informationen wahr, die bereits dem eigenen Weltbild entsprechen – Stichwort„Filterblasen“. Eine Verständigung darüber, wie alle gut miteinander leben können, wird schwieriger. Wir streben mit unserer Arbeit eine freie und solidarische Gesellschaft an. Alle sollen gleiche ­Chancen haben, sich politisch, wirtschaftlich, sozial und kulturell nach ihren eigenen Vorstellungen entfalten zu können – unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder ­Religion. Dafür braucht man eine demokratische Ordnung. Politische Bildung wiederum stärkt eine­lebendige Demokratie. 10 Frank Decker, Volker Best, Sandra Fischer, Anne Küppers Vertrauen in Demokratie Wie zufrieden sind die Menschen in Deutschland mit Regierung, Staat und Politik? Bild: Thomas Pflaum/VISUM Studie zum Demokratievertrauen Weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland ist damit zufrieden, wie die Demokratie in unserem Land funktioniert. Ein Großteil glaubt, dass es den nachfolgenden Generationen schlechter gehen wird. Das Vertrauen in unsere Demokratie ist so niedrig wie lange nicht. Die Studie zeigt diese und weitere Ergebnisse einer repräsentativen Befragung auf. ­Zudem machen die Autor_innen der Vertrauensstudie Vorschläge, wie das Vertrauen der Menschen in Regierung, Staat und politische Entscheidungen wieder gestärkt werden kann. Politische Bildung greift die Herausforderungen für die Demokratie auf und schärft das Problembewusstsein. Sie stärkt eine demokratische Haltung und fördert demokratisches Handeln. Sie dient dem gesamtgesell­ schaftlichen Interesse, weil sie die Bereitschaft und die Fähigkeiten zu demokratischer Teilhabe fördert. Politische ­Bildung ersetzt nicht ­politisches Handeln Politische Bildung ist hingegen kein Allheilmittel für politische und soziale Probleme und kein Ersatz für gute Politik. Denn die Identifikation mit Demokratie wächst vor allem mit der Erfahrung, dass in dieser politischen Ordnung die wesentlichen Probleme tatsächlich fair gelöst oder zumindest besser bewältigt werden können als in jeder anderen. Politische Bildung vermittelt Wissen und stärkt die Fähigkeit, sich kompetent und motiviert in politische Entscheidungen einzubringen. Sie bringt aktuelle Fragen zur Diskussion und schafft Orte der Verständigung über soziale und politische Probleme und deren Lösungsmöglichkeiten. Doch politische Entscheidungen werden von politisch Verantwortlichen getroffen. Zufriedenheit mit und Vertrauen in Demokratie sind am Ende eng mit Qualität und Ergebnissen dieser politischen Entscheidungen selbst verbunden. Politische Bildung alleine kann Vertrauen in Demokratie nicht schaffen. Sie behebt weder als Feuerwehr plötzlich auftretende Krisen in Gesellschaft und ­Politik, noch stößt sie mithilfe kurzfristiger Projekte 11 Politische Bildung ist freiwillig ­gesellschaftliche Veränderungen unmittelbar an. ­Politische Bildung wirkt, wenn Lernende Impulse in ihr Denken und Handeln übernehmen, sich anregen und verändern lassen. Wann und in welchem Umfang das geschieht, liegt bei den Lernenden selbst. Über die persönliche Ebene hinaus bestimmen die konkreten politischen und gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse maßgeblich mit, was sich durch veränderte Sicht- und Verhaltensweisen tatsächlich bewegt. Politische Bildung wirkt also in einem komplexen Zusammenspiel mit den vielen Faktoren, die Politik und Gesellschaft prägen. Sie ist selten der mächtigste, aber doch einer der zentralen Faktoren, um Zugänge zur Gestaltung unseres Zusammenlebens zu ermöglichen. Politische Bildung darf das Denken von Menschen nicht gegen deren Willen beeinflussen. Es geht nicht darum, eine für richtig erachtete Meinung dem Anderen aufzuzwingen. Politische Bildung dient neben der selbstbestimmten politischen Urteilsbildung und Interessensvertretung auch der gleichberechtigten Verständigung mit anderen. Sie ist selbst demokratische Praxis und muss es auch sein. Sie ermöglicht Erfahrungen mit Demokratie und kann dadurch dazu beitragen, Identifikation mit Demokratie zu stärken. Trotz bestehender Berührungspunkte zu anderen ­Bildungssektoren – etwa der beruflichen Weiterbildung oder dem sozialen Lernen – besitzt politische Bildung ein eigenes und spezifisches Anforderungs- und Aufgabenprofil im Prozess des lebensbegleitenden Lernens. Sie hat nicht nur das Miteinander im konkreten Umfeld im Blick, sondern gesamtgesellschaftliche Fragen und dient nicht allein der Qualifizierung für den Arbeitsmarkt. So hat sie eine eigenständige Bedeutung in unserer Gesellschaft für Gegenwart und Zukunft. Sie muss als offenes Angebot allen Menschen in Deutschland kontinuierlich zur Verfügung stehen. 12 1.3 Warum machen wir politische Bildung? Vielfalt in der ­politischen Bildungslandschaft Die Friedrich-Ebert-Stiftung ist seit ihrer Gründung der Demokratieförderung verpflichtet und richtet ihr politisches Bildungsprogramm danach aus. Unsere ­Informations-, Orientierungs- und Qualifizierungsangebote motivieren und befähigen zu einem ­erfolgreichen politischen, gewerkschaftlichen und bürgerschaftlichen Engagement. Wir verbessern die Teilhabe der Bürger_innen an gesellschaftlichen Diskussions- und Entscheidungsprozessen. Wir sind gemeinwohlorientiert und öffentlich gefördert. Das Geld für unsere politische Bildungsarbeit kommt ganz überwiegend vom Staat, genauer gesagt aus dem Bundeshaushalt. Der Staat delegiert seinen politischen Bildungsauftrag u. a. an gemeinnützige, privatrechtlich organisierte politische Stiftungen, weil diese mit ihren Organisationsstrukturen flexibler, unbürokratischer und effizienter arbeiten können als staatliche Behörden. Die Gesamtheit der politischen Stiftungen spiegelt dabei den pluralen Charakter der parlamentarischen Demokratie selbst wider. Zugleich stellen die politischen Stiftungen einen Teil der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland dar. Sie können komplementär arbeiten und wichtige Zielgruppen so besser erreichen, als dies mit einer singulären Demokratiestiftung möglich wäre. Im Einklang mit der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts orientiert sich die Friedrich-Ebert-Stiftung an den Grundwerten der Sozialen Demokratie. Sie handelt aber rechtlich und tatsächlich unabhängig von der ihr nahestehenden Partei. 13 Kontrovers, aber nicht beliebig 1.4 Was ist das Besondere an der politischen Bildungsarbeit der FriedrichEbert-Stiftung? Der„Beutelsbacher Konsens“ von 1977 ist nach wie vor Richtschnur unserer politischen Bildungsangebote. Das heißt: Für unseren Bildungsauftrag gelten gleichrangig das Überwältigungsverbot(Absage an jedwede Indoktrination), das Kontroversitätsgebot bezüglich der Inhalte der Bildungsarbeit(was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch beim Lernen kontrovers behandelt werden) sowie das Prinzip der Urteilsbefähigung(die Teilnehmenden werden befähigt, eine politische Situation und die eigenen Interessen zu analysieren und die politische Lage dementsprechend zu beeinflussen). Der Wortlaut des Beutelsbacher Konsenses ist abrufbar unter: https:// www.bpb.de/die-bpb/51310/beutelsbacher-konsens Der Beutelsbacher Konsens steht nicht für Beliebigkeit, sondern wurde mit dem Ziel verfasst, die Demokratie zu stärken. Er bedeutet insofern kein politisches Neutralitätsgebot, das verlangen würde, demokratiefeindliche Meinungen gleichrangig zu behandeln. Die geschilderte Wertgebundenheit sowie die anfangs skizzierten gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen machen ein entschiedenes Eintreten für Demokratie, Menschenrechte und die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik Deutschland unverzichtbar. Mit Blick auf rechtspopulistische Strömungen, die insbesondere das Kontroversitätsgebot zu instrumentalisieren versuchen, um ausgrenzende Argumentationsmuster in die politische Bildung zu tragen, diskutieren wir gegenwärtig mit zahlreichen anderen politischen Bildungsträgern ein zeitgemäßes Verständnis des Beutelsbacher Konsenses. Die Orientierung an den Werten der Sozialen Demokratie ist ein Alleinstellungsmerkmal der politischen Bildungsarbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung. Zugleich sind unsere Angebote offen für alle. Denn wir verstehen politische Bildung – zwischen Wertebindung und Offenheit – als einen Diskussionsprozess, der gerade durch widerstreitende ­Meinungen bereichert wird. Den sozialdemo­ kratischen Werten verpflichtet Das Leitbild unserer Bildungsarbeit ist die Soziale ­Demokratie. Damit teilen wir das Grundwerteverständnis der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands(SPD) und der Gewerkschaften als Teil der demokratischen Arbeiterbewegung. Soziale Demokratie beruht auf den Grundwerten Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Diese bilden eine Einheit, sind gleichwertig und gleichrangig, bedingen und begrenzen einander. In der Sozialen Demokratie bedeutet Freiheit, dass alle die Möglichkeit haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Von seiner individuellen Freiheit Gebrauch machen kann aber nur, wer über die notwendigen Ressourcen verfügt. Gerechtigkeit gründet in der gleichen und unteilbaren Würde jedes Menschen, mit der das Grundgesetz beginnt. Sie bedeutet gleiche Freiheit und gleiche Lebenschancen, unabhängig von Herkunft, sozialer Lage oder Geschlecht. Solidarität ist gleichermaßen Voraussetzung und Ziel Sozialer Demokratie, weil ein menschenwürdiges Leben für alle nur dann gewährleistet ist, wenn Menschen bereit und fähig sind, für andere einzustehen und einander zu helfen. Politik braucht klare Orientierung. Nur wer die Ziele seines Handelns eindeutig benennen kann, wird sie auch erreichen und andere dafür begeistern. Daher fragt dieses Lesebuch„Geschichte der Sozialen Demokratie“: Was zeichnet die Geschichte der Sozialen Demokratie aus? Wo liegt ihr ursprung? Was waren prägende Wegmarken? Wohin führt ihr Weg im 21. Jahrhundert? Wissen, wohin man geht, im Wissen, woher man kommt: Geschichte bedeutet Identität. Die Akademie für Soziale Demokratie ist ein Beratungs- und Qualifizierungsangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung für politisch Engagierte und Interessierte. Ihr Symbol ist ein Kompass. Weitere Informationen zur Akademie: www.fes-soziale-demokratie.de ISBN 978-3-86498-443-3 Geschichte der Sozialen Demokratie LESEBuCH DER SOZIALEN DEMOKRATIE LESEBuCH DER SOZIALEN DEMOKRATIE Michael Reschke, Christian Krell, Jochen Dahm u. a. Geschichte der Sozialen Demokratie Bild: Frédéric Cilon/PhotoAlto „Lesebücher“ der Akademie für Soziale Demokratie Die Lesebücher der Akademie für Soziale Demokratie bieten die Möglichkeit, sich verschiedenen Themenfeldern selbstständig anzunähern. Sie sind klar in der Sprache, fundiert in der Analyse und bieten Zugänge aus Theorie und Praxis. In knapper und verständlicher Form liefern sie eine solide Einführung zu den großen Linien und Kontroversen der jeweiligen Themen. Dies sind: Grundlagen der Sozialen Demokratie, Geschichte, Wirtschaft, Sozialstaat, Europa, Integration und Zuwanderung, Partizipation, Globalisierung sowie Frieden und Sicherheit. 14 15 Politische Bildung zum Mitmachen 16 Soziale Demokratie erweitert und festigt das demokratische Gemeinwesen durch soziale Gerechtigkeit, gesellschaftliche Demokratisierung, soziale Sicherheit, nachhaltige Entwicklung und internationale Solidarität. Soziale Demokratie erstrebt gleiche Lebens­ chancen und gleiche Mitbestimmungsmöglichkeiten für alle Bürger_innen. Sie sucht somit nach verwirklichter Demokratie für alle, geht von Demokratie als Lebensform aus und ist damit eine dauerhafte Aufgabe. Dadurch schafft die Soziale Demokratie die Voraussetzungen dafür, dass alle Bürger_innen ihre politischen Grund- und Teilhaberechte ohne Einschränkungen wahrnehmen und zur Entwicklung ihres Landes beitragen können. Indem wir unsere Wertgebundenheit transparent machen, fördern wir zugleich den Wettbewerb der demokratischen politischen Kräfte um Ideen, Konzepte und praktische Lösungen. Nach unserem Verständnis zielt politische Bildung nicht allein auf die Vermittlung politischen Wissens. Gerade vor dem Hintergrund der Gründungsgeschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung in der am Ende zerstörten Demokratie der Weimarer Republik will unsere politische Bildung zu gesellschaftspolitischem Engagement motivieren und qualifizieren. Politische Bildung verstehen wir als einen Prozess aus Wissensvermittlung, Dialog und Beteiligung für eine demokratische und gerechte Gesellschaft. Wo die Gesellschaft davon noch entfernt ist, nehmen wir Missstände in den Blick, loten Veränderungsmöglichkeiten aus und stärken die Mitsprache aller Betroffenen. Deswegen ist es von herausragender Bedeutung, dass politische Bildung Menschen aller sozialer Schichten, aller Regionen und mit verschiedenen Bildungs­ biografien erreicht. Auch das zählt explizit zum Gründungsauftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung und gilt bis heute. Der zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung und der wachsenden Sprachlosigkeit zwischen Menschen verschiedener politischer Meinung begegnen wir daher mit Angeboten, die auf die Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen zugeschnitten sind(ausführlich dazu ­Kapitel 3). Neben dieser Zielgruppenorientierung haben wir aber auch den Anspruch, Menschen ­zusammenzubringen und Verständigung gerade zwischen verschiedenen Gruppen zu fördern. Bild: Andrea Schmidt/ Typografie im Kontext Debatten-Reihe„What’s left? Was bleibt von der linken Utopie?“ In unseren Debatten wollen wir die Alltagspolitik mit den großen Fragen verbinden: Wohin soll die Reise der Sozialen Demokratie gehen? Im Fishbowl ­diskutieren junge Menschen mit Stimmen aus Philosophie und Politik, wie sie sich einen mutigen linken Gesellschaftsentwurf für die Zukunft vorstellen. Aus dem Graphic Recording entsteht mit der Zeit eine bildliche Zukunftserzählung der Sozialen Demokratie: www.fes.de/whatsleft Politische Bildung und Beratung verbinden – national und international Die politische Bildung gehört zu den zentralen Säulen unserer gesellschaftspolitischen Arbeit. Zugleich verbindet die Friedrich-Ebert-Stiftung ihre verschiedenen Arbeitsbereiche miteinander. Arbeitserfahrungen in über 100 Ländern weltweit, unsere Begabtenförderung sowie die wissenschaftsbasierte Politikberatung er­möglichen uns, politische Bildung aktuell und fundiert anzubieten. Dank unseres jahrzehntelangen Engage­ ments steht uns eine Fülle an Erfahrungen, M­ ethoden und Netzwerken zur Verfügung, die in unsere Angebote politischer Bildung einfließen. Umgekehrt profitiert unsere Beratungsarbeit vom permanenten Kontakt mit Bürger_innen und deren Sichtweise auf Politik und ­Gesellschaft. Dieses Wissen fließt neben den Ergebnissen von Studien und Gutachten in unsere Politikberatung ein. Dadurch ist es uns möglich, in unsere Konzepte politischer Bildung ständig aktuelle Entwicklungen unserer Gesellschaft sowie internationale Dynamiken, Veränderungen im Bildungsverhalten und neue didaktische und methodische Erkenntnisse aus der Bildungs- und Lernforschung aufzunehmen. Unsere politische Bildungsarbeit stets auf der Höhe der Zeit zu halten und sie auf künftige Anforderungen auszurichten, ist unser Anspruch. 17 2 Herausforderungen und Themen unserer politischen Bildungsarbeit 2.1 Welche Gesellschaft wollen wir? 2.2 Wie bleibt Demokratie lebendig? 2.3 Wie können wir weltweit solidarisch sein? 2.4 Wie lässt sich der Kapitalismus im 21. Jahrhundert zähmen? FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 2 Herausforderungen und Themen unserer politischen Bildungsarbeit Frei, gerecht und solidarisch – so wollen wir zusammenleben. Eine starke und soziale Demokratie ermöglicht eine Gesellschaft mit gleichen Chancen der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Teilhabe für alle. Um mit unserer politischen Bildungsarbeit dazu beizutragen, müssen wir uns mit Veränderungen in Gesellschaft und Politik auseinandersetzen. Dieses Kapitel benennt in aller Kürze eine Auswahl zentraler Herausforderungen für Politik und Gesellschaft, die wir bei unserer politischen Bildungsarbeit berücksichtigen. 2.1 Welche Gesellschaft wollen wir? Teilhabe für alle Eine lebenswerte Gesellschaft zeichnet sich aus durch Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Eine solche Gesellschaft ermöglicht es allen Menschen, ein gutes Leben zu führen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und politisch mitzubestimmen. Teilhabe basiert aber auf materiellen und sozialen Voraussetzungen, die der Staat schaffen, sichern und weiterentwickeln muss. Von gleichen Voraussetzungen haben wir uns jedoch entfernt. Auseinanderdriftende Vermögensentwicklung, ungleicher Zugang zu höherer Bildung, große Einkommensunterschiede bei Erwerbsarbeit und Rente oder prekäre Arbeit führen zu mehr sozialer Ungleichheit. Während eine neue Generation von Nachkommen ihr Vermögen ohne eigenes Zutun vermehrt, gibt es immer mehr Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben können. Alleinerziehende und Beschäftigte im Niedriglohnbereich, darunter viele Migrant_innen, sind auch im Alter oft ungenügend abgesichert und müssen sich auf ein Altern in Armut einstellen – s­ ofern Politik nicht gegensteuert. ­Muster der Benachteiligung verfestigen sich: Nicht nur Reichtum wird vererbt, sondern auch Armut. Aus Sicht der Sozialen Demokratie ist mehr Teilhabe politisch notwendig, wirtschaftlich richtig und sozial gerecht. Gleichzeitig entwickeln sich die Regionen in Deutschland immer weiter auseinander. Gerade in Regionen mit negativer Entwicklung haben viele Menschen den Eindruck, dass der Staat sich zurückzieht. Bild: Valentum 20 Ausstellung„Mehr bezahlbarer Wohnraum – aber wie?“ Die leicht aufzubauende Wanderausstellung informiert auf neun Tafeln über die Ursachen der aktuellen Wohnungsfrage in Großstädten, zeigt kommunalpolitischen Handlungsspielraum für bezahlbaren Wohnraum auf und gibt erfolgreiche Praxisbeispiele. So können Interessierte sich zu einem komplexen Thema informieren, Kommunalpolitiker_innen Impulse für ihre Arbeit bekommen und eine Diskussion zu dieser aktuellen sozialen Frage angestoßen werden. Zusammenhalt in der Gesellschaft Die Soziale Demokratie zielt auf gleichwertige Lebensverhältnisse für alle Bürger_innen, unabhängig von sozialer Herkunft, Alter, Geschlecht oder Wohnort. In den Städten sind Investitionen in Schulen, Nahverkehr sowie öffentliche und soziale Sicherheit notwendig. Eine ausgewogene soziale Mischung in den Stadtvierteln sorgt dabei für eine gute Stadtentwicklung. Der ländliche Raum bedarf Investitionen in Pflege und ­Gesundheit, Digitalisierung, Mobilität, Infrastruktur und Kultur. Zugleich setzt sich die Soziale Demokratie ein für eine bessere soziale Absicherung von Lebensrisiken – zum Beispiel Krankheit, längerfristige Arbeitslosigkeit oder Altersarmut – sowie ­für gerechtere Löhne in Ost- und Westdeutschland. Diese Maßnahmen sichern den gesellschaftlichen Zusammenhalt, ökonomische wie politische Stabilität sowie wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt. Politischer Bildung und Beratung kommt dabei die Rolle zu, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen mit Bürger_innen zu diskutieren, Lösungsansätze zu entwickeln und diese im Dialog mit Politik zu erörtern. Das ist herausfordernd. Denn die Zusammenhänge und Themen sind komplex und vielschichtig. Je nach Zielgruppe müssen die passenden Formate gefunden werden: Vom eher niedrigschwelligen Angebot einer Wanderausstellung zum Thema bezahlbarer Wohnraum bis zur wissenschaftlichen Untersuchung der ungleichen Lebensverhältnisse in Deutschland als Grundlage für die Entwicklung von Lösungsansätzen. Die traditionellen gesellschaftlichen Milieus sind schon seit langem in Auflösung begriffen. Die Zugehörigkeit vieler Menschen zu einer sozialen Schicht, einer Religionsgemeinschaft oder Berufsgruppe nimmt ab. Solche Bindungen unterliegen zunehmend einem dynamischen Wandel durch Individualisierung der Lebensentwürfe, Flexibilisierung der Arbeitswelt, Auflösung fester Geschlechterrollen und digitaler Durchdringung aller Lebensbereiche. Trotz einer insgesamt hohen Lebenszufriedenheit empfinden manche Menschen die vielen ­Veränderungen 21 als bedrohlich. Allein Ostdeutschland hat in kurzer Zeit viele Prozesse des politischen und wirtschaftlichen Wandels erlebt. Auch drei Jahrzehnte nach der Deutschen Einheit fühlen sich manche Menschen im gemeinsamen Deutschland nicht angekommen und in ihrer Lebensleistung ungenügend gewürdigt. Die Folge eines teilweise überhasteten – oder gar verfehlten – wirtschaftlichen Strukturwandels sowie der geringen Zahl ostdeutscher Führungskräfte und Entscheidungsträger_innen in Politik und Gesellschaft ist ein in Ostdeutschland geringeres Vertrauen in die Institutionen unserer Demokratie. Bautzen-Forum zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Bild: Friedhelm Denkeler „Bautzen-Forum“ Die jährlichen Bautzen-Foren zählen seit 1990 zu den wichtigsten Veranstaltungen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Deutschland. Sie stellen neueste Ergebnisse der DDR-Forschung zur Diskussion und würdigen die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft und ihr Eintreten für Freiheit und Demokratie. Die Foren bieten eine Dialogmöglichkeit für ehemals politisch Verfolgte der SED, für Vertreter_innen aus Politik, Wissenschaft und Schulen, für Jugendliche und die interessierte Öffentlichkeit. Die Politik der Sozialen Demokratie nimmt das Gemeinwohl in den Blick, anstatt die Interessen Weniger zu vertreten. Grundvoraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt ist soziale Gerechtigkeit, denn nur sie ermöglicht Freiheit für alle Menschen. Menschen ­müssen sehen und spüren, dass Fortschritt und Wohlstand auch ihnen nützen. Sie müssen an der Gestaltung des ­gesellschaftlichen Wandels mitwirken können. Unsere politische Bildung führt daher Menschen unterschiedlicher Milieus zusammen, um den kritisch-konstruktiven Dialog über ein solidarisches Miteinander in einer sich rasant verändernden Lebenswirklichkeit zu fördern. Mit einer Vielzahl von Angeboten und Methoden begegnen wir unterschiedlichen Lebenswelten. Wir gehen zu den Menschen mit unserer„aufsuchenden politischen Bildung“ sowie mit digitalen Bildungsangeboten. 22 Miteinander in Vielfalt Die deutsche Gesellschaft ist vielfältig. Alter, Geschlecht, Region, Religion, Bildungsbiografie, Lebens­ stil – die Liste der Faktoren für Vielfalt ließe sich fortsetzen. Auch Einwanderung ist ein Faktor für Vielfalt. Immer wieder hat sich die Zusammensetzung der Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland durch Einwanderung, Flucht und Arbeitsmigration verändert. Die Haltungen der Menschen dazu sind sehr unterschiedlich. Während ein Teil der Bevölkerung Einwanderung als Gewinn und Bereicherung wahrnimmt, fürchten andere Konkurrenz um knappe Güter wie bezahlbaren Wohnraum, den Verlust ihrer Heimat und von vertrauten Werten. Wer gehört zu unserer Gesellschaft? Wer ist gemeint, wenn wir von„wir“ sprechen? Diese Fragen werden sehr kontrovers diskutiert und oft nur mit Einwander_innen verknüpft, obwohl sie uns alle betreffen. Von rechtspopulistischer Seite werden sie zudem gezielt instrumentalisiert, um auszugrenzen, abzuwerten und Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen. Die Soziale Demokratie steht in der Einwanderungspolitik zu ihrer humanitären wie rechtlichen Verantwortung und setzt zugleich auf ökonomische Vernunft. Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen, bietet sie Schutz und Aufnahme. Zur Deckung des Fach- wie Arbeitskräftemangels schafft sie Regeln, um Deutschland zu einem modernen Einwanderungsland zu machen. In diesem müssen durch eine aktive Integrationspolitik alle die Chance bekommen, unsere Gesellschaft voranzubringen. Die Integration aller Einwanderungsgruppen gelingt dann, wenn alle die Werte des Grundgesetzes ebenso akzeptieren wie die Existenz kultureller Vielfalt in unserer Gesellschaft. Der Staat wiederum muss funktionierende Strukturen für alle anbieten. 23 Bild: Mina Gerngross Leitbild„Miteinander in Vielfalt“ Wie wollen wir zusammenleben und was braucht es, damit das demokratisch, frei und friedlich gelingt? Diese Fragen beantwortete eine von der FES einberufene, divers besetzte Expert_innenkommission, die als Diskussionsvorschlag während der hitzigen öffentlichen Debatten um Flucht, Migration und Integration ein „Leitbild für die Einwanderungsgesellschaft“ vorlegte, das seither immer wieder diskutiert wird. Unsere politische Bildung und Beratung setzt an verschiedenen Stellen an: Bei der Qualifizierung ehrenamtlicher Helfer_innen oder kommunaler Integrationsbeiräte, der Schaffung von Begegnungsräumen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, der Entwicklung von Politikvorschlägen für die Integration von Einwander_innen in Bildung und Arbeit oder der grundsätzlichen Verständigung über ein Leitbild für Deutschland als Einwanderungsland. Gute Bildung Gute Bildung stärkt die Einzelnen sowie die gesamte Gesellschaft. Denn gemeinsames Lernen ermöglicht Verständigung, schafft gemeinsame Werte und Sichtweisen, motiviert zu Beteiligung und fördert den­gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bild: Meintrup Grafik Design Handbuch:„Pimp my School – 1x1 der SV-Arbeit“ Das SV-Handbuch vermittelt Grundwissen für die Schülervertretungsarbeit. Es zeigt neben den rechtlichen Grundlagen, was man alles erreichen kann, und gibt Tipps und Hilfestellungen, wie das zu schaffen ist. Es enthält die Erfahrungen von aktiven Schülervertreter_innen, das zusammengetragene Wissen aus zahlreichen SV-Seminaren der Friedrich-Ebert-­ Stiftung seit den 1980er Jahren sowie vorangegangenen ­Handbüchern. Es ist ein Leitfaden zur Selbsthilfe, der als Werkzeug dienen und dazu ermutigen soll, Dinge auszuprobieren und kritisch zu sein. 24 Gerechte Geschlechter­ verhältnisse Der Zugang zu Bildung muss für alle gleich sein und darf nicht vom Elternhaus, vom Stadtviertel, in dem man aufwächst, oder vom Migrationshintergrund abhängen. Es ist ungerecht, dass dies heute nicht der Fall ist, und diese Ungerechtigkeit gefährdet den ­Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Durch die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, die mit der Digitalisierung einhergehen, kommt auch dem lebensbegleitenden Lernen eine Schlüsselrolle zu. Weiterbildung und Qualifizierung sollten selbstverständlicher Teil eines Arbeitslebens sein. Die Vorbereitung auf und der Umgang mit Veränderungen verhindern, dass Teile der Gesellschaft abgehängt werden oder sich abgehängt fühlen. Gleichzeitig wird eine wichtige Grundlage für die zukünftige Innovationsfähigkeit und soziale Sicherheit des Wirtschaftsstandorts Deutschland gelegt. Um ein leistungsstarkes, durchlässiges und sozial ­gerechtes Bildungssystem zu erreichen, sind Veränderungen auf allen Ebenen der Bildungspolitik nötig. Wir setzen uns ein für eine Bildungslandschaft, die die Qualität der frühkindlichen Erziehung verbessert, Inklusion lebt und Integration in den Schulen fördert, gemeinsames und berufsbegleitendes Lernen sowie maximale Durchlässigkeit im Bildungssystem ermöglicht. Wichtige Ansatzpunkte dafür sind eine Reform der Lehrer_innenausbildung und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Beschäftigten im Bildungssektor. Dafür sind umfangreiche Investitionen notwendig. Hier setzt beispielsweise unsere politische Beratung an und entwickelt mit Expert_innen und Betroffenen Politikvorschläge, die öffentlich ­diskutiert werden. Geschlecht prägt auf vielfältige Weise unser Leben und unsere Gesellschaft. Doch es wird auch dazu benutzt, um in der Gesellschaft Ungleichheit, Hierarchien, Benachteiligung oder Unterdrückung zu schaffen. Beispielsweise wird die Leistung von Frauen für die Wirtschaft und die Gesellschaft – Erziehung von Kindern, Pflege von Eltern – weder gleichermaßen 25 anerkannt noch bezahlt. Frauen sind häufiger von Altersarmut betroffen als Männer und nicht in gleicher Weise in der Politik beteiligt. Das zu ändern und individuelles wie gesellschaftliches Leben geschlechtergerecht und vielfältig zu gestalten, ist daher ein zentraler Aspekt von sozialem Fortschritt. Geschlechtergerechtigkeit ist ein Motor für soziale Gerechtigkeit und damit ein Kernprojekt der Sozialen Demokratie. Sie ist zugleich der Kompass für eine weltoffene und moderne Gesellschaft. Der von uns vertretene zeitgemäße und intersektionale Feminismus tritt nicht nur für die Rechte und die Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft ein, sondern umfasst auch die Überzeugung einer sozialen, politischen und ökonomischen Gleichheit der Geschlechter. Bild: Andrea Schmidt/ Typografie im Kontext Themenportal„Gender Matters“ Wie auch die anderen FES-Themenportale berichtet „Gender Matters“ über ein Schwerpunktanliegen der FES: Geschlechtergerechtigkeit und Geschlechterpolitik. Das online-Informationsangebot ermöglicht einen schnellen Überblick über aktuelle und vergangene geschlechterpolitische Veranstaltungen und Publikationen der FES in Deutschland, Europa und weltweit. Die Texte und Bilder der verschiedenen Rubriken n­ ehmen darüber hinaus aktuelle geschlechterpolitische Themen und Diskurse ins Visier und vermitteln ausgewählte Gender-Aspekte und-Debatten mit­­Bezug zu FES-Aktivitäten. Diese steht im Gegensatz zu rückwärtsgewandten Vorstellungen rechtspopulistischer und antifeministischer Gruppen über Familie und Geschlechterrollen. Das Konzept der Intersektionalität bietet die Möglichkeit, die Vielschichtigkeit und das Zusammenwirken unterschiedlicher Diskriminierungserfahrungen abzubilden. Rassismus, Sexismus und Klassismus bilden drei Formen der Diskriminierung neben anderen, die sich alle gegenseitig beeinflussen und verstärken. Geschlechtliche und individuelle Vielfalt wahrzunehmen, heißt auch, eindimensionale Geschlechter-Stereotypen und-rollen 26 Demografischer Wandel als Chance zu überwinden. Die gesellschaftliche Gleichstellung von LSBTIQ(Lesbisch, Schwul, Bi, Trans*, Inter*, Queer) durchzusetzen, bleibt trotz rechtlicher Fortschritte eine politische Aufgabe. Unsere politischen Bildungsformate vermitteln daher ein modernes Geschlechterbild und Kompetenzen für das Miteinander in Vielfalt. Der geschlechtersensible Blick ist oft auch der Schlüssel zu fortschrittlichen Konzepten in unserer Politikberatung. Die Menschen in unserer Gesellschaft werden immer älter. Zugleich gehen trotz der jüngsten Zuwanderung von vielen Geflüchteten und Migrant_innen alle Prognosen davon aus, dass ab 2035 die Bevölkerungszahl in Deutschland schrumpfen wird. Zusammen mit der veränderten Bevölkerungsstruktur wird dies alle Lebensbereiche der Gesellschaft berühren, wobei die Auswirkungen des demografischen Wandels in verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich ausfallen werden. Dies erfordert eine Reihe von Veränderungen. Neben den offensichtlichen Auswirkungen einer alternden Bevölkerung auf die öffentliche Gesundheits- und Pflegestruktur der Kommunen sind Städte und Gemeinden gefragt, auf veränderte Bedürfnisse im Bereich Wohnen einzugehen oder auch die Integrations-, Familien- und Bildungspolitik anzupassen. Darin liegt eine Chance zur politischen Gestaltung der Gesellschaft. Wichtig bleibt aus Sicht der Sozialen Demokratie, die Interessen junger wie älterer Menschen in der Gestaltung des demografischen Wandels gleichermaßen zu berücksichtigen. Für junge Menschen bedeutet eine alternde Gesellschaft, dass ihre Interessen insgesamt schneller aus dem Blick geraten könnten, da sie einen kleiner werdenden Anteil der Bevölkerung stellen. Die Interessen der Generationen sind jedoch nicht immer konträr: Von einem guten öffentlichen N­ ahverkehr profitieren Junge wie Ältere zugleich. Und eine konsequente Bekämpfung von Altersarmut beginnt mit guter Arbeit für die erwerbstägige Generation. 27 2.2 Wie bleibt Demokratie lebendig? Demokratie im Wandel In einer Vielzahl von Jugendbeteiligungsprojekten verschaffen wir jungen Stimmen in der Politik mehr Gehör. Vorschläge für ein gutes Leben im Alter greifen unsere politischen Bildungsangebote beispielsweise in der Kommunalakademie auf, die Probleme des demografischen Wandels und ihre Lösungen aus kommunaler Sicht mit Expert_innen skizziert. Demokratie ist kein Selbstläufer. Nicht nur in Europa und der Welt sind vielerorts autokratische Tendenzen auf dem Vormarsch, auch in Deutschland bröckelt der lange sicher geglaubte demokratische Konsens. Rechtsextreme, rechtspopulistische und demokratiefeindliche Einstellungen gibt es längst auch in der Mitte der Gesellschaft. In den vergangenen Jahren haben sich zudem rechtspopulistische Gruppen oder Parteien gebildet, bei Wahlen etabliert und inhaltlich radikalisiert. Sie verbreiten nicht nur rassistisches und menschenfeindliches Gedankengut, sondern leugnen wissenschaftliche Erkenntnisse(z.B. über die angebliche„Klimalüge“), werten ganze Menschengruppen (z.B. Geflüchtete) ab und verunglimpfen die Arbeit demokratischer Institutionen. Politische Bildung muss angesichts dieser Entwicklung differenziert über Politik und Gesellschaft aufklären und diskutieren, muss mit ihren Angeboten einen statt spalten und Menschen dazu bewegen, die Demokratie aus Überzeugung mitzutragen. Dazu gehört auch, klar aufzuzeigen, wo eine Aussage den Boden des demokratischen Miteinanders verlässt, weil sie Menschen verschiedenen Wert beimisst – der Kerngedanke des Rechtsextremismus und unvereinbar mit der im Grundgesetz garantierten Menschenwürde. 28 Bild: iconscreen Ausstellung„Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ Die mehrfach aktualisierte Ausstellung wird seit rund 10 Jahren bundesweit in Schulen, Jugendzentren und Rathäusern gezeigt. Sie zeigt jugendgerecht, was ­Demokratie bedeutet, wie diese von Rechts­ extremisten angegriffen wird, mit welchen Strategien die extreme Rechte auf Jugendliche zugeht und wie man demokratische Gegenwehr leisten kann. 2020 wurde die Ausstellung neu konzipiert und um digitale ­Bestandteile ergänzt. Zugleich erfordert der gesellschaftliche Wandel auch veränderte politische Prozesse. Politiker_innen, Parteien und Behörden müssen auf der Höhe der Zeit und mehr denn je unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Bürger_innen arbeiten. Dies ist auch deshalb nötig, da unabhängig von rechtsextremen Einstellungen ein genereller Vertrauensverlust in die Demokratie zu beobachten ist. Er betrifft sowohl die Institutionen und Politiker_innen als auch die Ergebnisse demokratischer Politik. Unter dem Eindruck von Globalisierung, Finanzkrise, Erderwärmung und digitalem Kapitalismus stellen sich viele Menschen die Frage, inwieweit demokratische Politik in der Lage ist, zu gestalten – im globalen Großen wie im lokalen Kleinen. Neben dem Vertrauen in demokratische Institutionen sinkt auch die Mitgliederzahl von Großorganisationen sowie von Volksparteien mit ihrem Gemeinwohlinteresse. Zudem haben überdurchschnittlich viele Menschen mit niedrigem Einkommen den – wie Studien zeigen teilweise berechtigten – Eindruck, dass ihre Probleme aus dem Blickfeld politischer Entscheidungsträger_innen geraten sind, und nehmen daher nicht mehr an Wahlen oder dem politischen Dialog teil. Es gibt aber auch Zeichen einer gesunden Demokratie: Engagement und Einsatz der Deutschen für die Gesellschaft sind hoch, das hat nicht zuletzt der immense zivilgesellschaftliche Einsatz in der Flüchtlingshilfe gezeigt. Auch das Vertrauen in den Rechtsstaat ist ­überwiegend intakt. Die Wahlbeteiligung ist nach 29 Wege der Bürgerbeteiligung 30 Jahren des Rückgangs zuletzt bei fast allen Wahlen wieder gestiegen. Es besteht demokratischer Konsens, dass Rechtspopulismus keine gleichberechtigte Meinung neben anderen ist und deshalb nicht an Regierungen beteiligt werden darf. Diese positiven Tendenzen wollen wir unterstützen: Wir setzen uns ein für eine demokratische und gerechte Gesellschaft. Politische Teilhabe in diesem Sinne braucht soziale Absicherung und Solidarität, eine starke Zivilgesellschaft, neue Beteiligungsangebote und eine zupackende Politik der konkreten Problemlösung. Gleichzeitig ist die Rolle von politischen Parteien in der demokratischen Willensbildung zentral. Demokratische Parteien können ihre Legitimität und Repräsentativität aber nur stärken, wenn sie sich dem gesellschaftlichen Diskurs stellen und den neuen sozialen Bewegungen öffnen. Politische Bildung steht dabei vor der komplexen Aufgabe, berechtigter Kritik an politischen Zuständen einerseits Raum zu geben, andererseits demokratische Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und Bürger_innen unterschiedlicher sozialer Milieus daran zu beteiligen. Gerade jetzt kommt es darauf an, die wachsende Kluft sowohl zwischen politischen Institutionen, demokratischen Parteien und Bürger_innen als auch zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu überwinden. Die Zustimmung zur Idee der Demokratie ist nach wie vor hoch – jenseits der im vorigen Kapitel erwähnten rechtspopulistischen Kreise. Dennoch sind viele Menschen mit dem praktischen Funktionieren der Demokratie in Deutschland nicht zufrieden. Eine starke Demokratie lebt von Engagement und Beteiligung ihrer Bürger_innen. Es ist eine permanente Aufgabe, Demokratie als Staats- wie Lebensform für alle immer wieder neu erfahrbar zu machen. Bürgerbeteiligung zu ermöglichen stellt daher eine Kernaufgabe politischer Bildung dar – ob mit Bürgerforen, Zukunftskonferenzen, Aktionen für Jugendliche oder anderen Methoden. Je niedrigschwelliger und alltagsnäher diese Beteiligungsangebote auch für ­politikferne und wirtschaftlich benachteiligte Gruppen sind, desto­ größer ihre Chancen, die Erfahrung politischer Selbstwirksamkeit zu ermöglichen. Gemeinsam Ideen und Lösungsansätze für mehr Teilhabe zu entwickeln, stärkt das Miteinander – und damit die Demokratie. Bild: Andrea Schmidt/ Typografie im Kontext Projekt„Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier?“ In allen ostdeutschen Bundesländern wurden in Workshops – ausgehend von den besonderen Lebenslagen und Erfahrungen vor Ort – Handlungsstrategien zur Stärkung der Menschen in Ostdeutschland erarbeitet. Dabei nutzten wir die Methode Design Thinking, bei der„Personas“ entwickelt werden, die stellvertretend für unterschiedliche Lebenslagen, Milieus und lokale Bedürfnisse stehen. Ein Handbuch fasst die politischen Vorschläge zusammen und schlägt Projekte vor, die Bedürfnisse, Denkweisen und politische Kreativität von Menschen in Ostdeutschland spiegeln und beteiligungsorientiert vor Ort durchgeführt werden können. Unsere Stiftung setzt dies in vielfältiger Weise um: mit Mitmach-Formaten zum Erlernen demokratischer Praxis, mit inhaltlichen Debatten zu demokratiepolitischen Themen, Grundrechten und Grundwerten, mit Foren zum Austausch zwischen Politik und Bürger_­ innen, mit wissenschaftlicher und praktischer Expertise und Vorschlägen zur Reform des politischen Systems, mit Know-how und Handwerkszeug für politisch Engagierte in Zivilgesellschaft, Parteien und(Kommunal) Politik. 31 Medien für die plurale Gesellschaft Wir leben in einer von Medien durchdrungenen Gesellschaft. Nie waren die Möglichkeiten Informationen aufzunehmen und zu verbreiten zahlreicher als heute. Daher ist die Existenz freier Medien nicht nur Grundlage für eine lebendige und plurale Demokratie(„Vierte Gewalt“), sondern auch für die Verständigung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und damit letztendlich für den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Gleichzeitig bietet die vielfältige und regional v­ erankerte Medienlandschaft allen in Deutschland lebenden Menschen eine Basis zur eigenen Meinungs- und politischen ­Willensbildung. Sie ist damit von unersetzlichem Wert für die Demokratie und deshalb schützenswert. Bild: Kneppeck „denkraum_medien“ Im denkraum_medien wird die Medienentwicklung in Deutschland vor- und mitgedacht. Jeder Abend ­besteht aus einem thematischen Impuls und einer ­Diskussion mit dem Fachpublikum aus Mediemacher_innen, ­Politiker_innen sowie Nutzer_innen. Die Veranstaltung findet zweimal jährlich in Köln statt. Die Impulsvorträge werden von der FES publiziert. Durch die Digitalisierung befinden sich Medien in einem kontinuierlichen Strukturwandel. Dieser stellt manche medialen Geschäftsmodelle in Frage. E­ inige Anbieter sind bereits vom Markt verschwunden, mancherorts formieren sich Informationsmonopole. Auch das Informationsverhalten der Bürger_innen ändert sich kontinuierlich durch Online-Nutzung und soziale Medien. Parallel erfahren Medien – ähnlich wie Parteien und Politiker_innen – einen teilweise erheblichen Vertrauensverlust. Beide Prozesse ­stellen die stabilisierende Funktion von Medien für die D­ emokratie in Frage. In diesem Strukturwandel setzt die Sozialen Demokratie auf eine Medienpolitik für möglichst viel Informationsfreiheit sowie regionale Medienvielfalt. Zugleich wirkt sie der Verletzung von Persönlichkeitsrechten im Netz entgegen. Darüber hinaus fördert sie die Balance zwischen privaten Anbietern und 32 Demokratie weltweit im Blick Ein demokratisches und soziales Europa dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der mit seiner ­Gemeinwohlorientierung die höchste Glaubwürdigkeit bei den Bürger_innen genießt. Vor diesem Hintergrund leistet unsere politische Bildungsarbeit mit ihren Studien, Publikationen und Veranstaltungen Beiträge zur Verständigung über die weitere Entwicklung des Mediensystems in seiner inhaltlichen und technischen Vielfalt. Die steigenden Anforderungen an ­unabhängige und kompetente Journalist_innen greifen wir mit gezielten Weiterbildungsangeboten zur Förderung des Qualitätsjournalismus auf. Global gesehen wird die Demokratie vielerorts in Frage gestellt. Wir setzen uns weltweit für Soziale Demokratie ein. Denn überall gilt: Menschen sollten ihre Gesellschaften und Politik mitgestalten und gemeinsam Kompromisse erarbeiten können, um Konflikte friedlich zu lösen. In Europa müssen Antworten auf den Vertrauensverlust in die EU entwickelt sowie die Errungenschaften der Demokratie gegen den erstarkenden Rechtspopulismus verteidigt werden. Autoritär regierte Staaten(z.B. China oder Russland) zeigen zudem, 30 Jahre nach dem Ende des Ost-WestDualismus, wieder eine Systemalternative zur Demokratie auf. Mit von oben gesteuerter Modernität ohne Liberalität sowie Wohlstand und Wachstum ohne Mitsprachemöglichkeit bieten sie für identitär-nationalistische und populistische Kräfte einen durchaus reizvollen Gegenentwurf. Politische Bildung und Politikberatung müssen daher demokratiefeindliche Entwicklungen in der Welt analysieren und in Deutschland bekannt machen. Zugleich müssen wir politische Alternativen für die bestehenden Konflikte in der globalen Politik innerhalb des demokratischen Dialogs aufzeigen. Auf Grundlage der Werte der Sozialen Demokratie lässt sich beispielsweise dafür sensibilisieren, dass eine Schrumpfung des Staates und eine EU ohne Sozialstandards den gesellschaftlichen Frieden und damit die demokratische Gemeinschaft in Europa gefährden. Diese internationale Dimension von Demokratieförderung in passende Bildungs- und Beratungsformate zu entwickeln, ist ein dauerhafter Bestandteil unserer Arbeit. 33 Ein demokratisches und soziales Europa Für viele Menschen steht die Europäische Union nach wie vor für Frieden, Demokratie und Wohlstand. Doch viele Bürger_innen sind mittlerweile enttäuscht, dass die EU einige ihrer Versprechen nicht einlöst: Statt Wohlstand für alle herrschen Konkurrenzkampf, zunehmende soziale Ungleichheit und prekäre Arbeit. Statt gemeinsam ausgehandelter Politik sehen wir immer wieder nationale Alleingänge einzelner ­Regierungen. Das Gemeinschafts- und Friedensprojekt EU droht durch das Erstarken nationaler Interessen auseinanderzudriften. Schulprojekttage„Die EU und Du“ Bei den fünfstündigen Projekttagen„Die EU und Du“ diskutieren Schüler_innen ab der 9. Klasse über wichtige Fragen der Europäischen Union. Es wird dabei erklärt, wie die Entscheidungen der EU den Alltag der Jugendlichen beeinflussen, welche Chancen die EU gerade jungen Menschen bietet und wie sie sich in Entscheidungsprozesse aktiv einbringen können. Ziel des Workshops ist es, gerade jungen Menschen zu vermitteln, wie nah die EU an ihrem Leben ist und Bild: FES dass es sich lohnt, sich für sie einzusetzen. Unsere Stiftung geht in ihrer Europaarbeit den Gründen hierfür nach und setzt sich in der Bildungsarbeit kritisch mit den Schwächen und Entwicklungspotenzialen der EU auseinander. Eine EU mit Zukunft sollte heißen: Solidarität statt jeder gegen jeden. Eine bessere und sicherere Zukunft – nicht für wenige, sondern für alle in einem friedlichen Europa. Die Krisen der vergangenen Jahre – sei es die Euro- und Finanz­ krise 2008/9, die starken Meinungsverschiedenheiten ­angesichts der Flüchtlingseinwanderung 2015/16 sowie die Corona-Pandemie 2020 – haben verdeutlicht, wie langsam und gehemmt die EU-Institutionen reagieren können, obwohl eine starke europäische Zusammenarbeit nötig wäre. Der Reformbedarf wurde in diesen Krisen wie durch ein Brennglas deutlich. In diesem Sinne entwickelt unsere politische Beratung Vorschläge für eine Reform der Europäischen Union, 34 Friedrich-Ebert-Stiftung Regionalbüro Mainz Rheinland-Pfalz / Saarland Große Bleiche 18 – 20 55116 Mainz Für Fensterumschlag beispielsweise den europaweiten Schutz von Arbeitnehmer_innenrechten, eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik oder ein europäisches Migrationsregime. Diese Vorschläge werden mit ­europäischen ­Partnern ebenso diskutiert wie im Inland mit Expert_ innen und der interessierten Öffentlichkeit. Workshops an Schulen bringen Schüler_innen wie Lehrkräften Werte, Geschichte, Aufbau und Errungenschaften der EU nahe und reflektieren Chancen und Schwächen der EU mit der nächsten politischen Generation. 2.3 Wie können wir weltweit solidarisch sein? Gerechte Gestaltung der Globalisierung Globale Herausforderungen verlangen nach globalen Lösungen. Denn die Welt rückt im Zuge technischer Entwicklung und weltweiten Handels immer mehr zusammen. Global stehen wir im 21. Jahrhundert vor riesigen Herausforderungen: soziale Ungleichheit nimmt zu, Bodenschätze werden rücksichtslos ausgebeutet, Korruption, Gewalt und Kriege prägen viele Gesellschaften. Die globalisierte Ökonomie setzt Arbeitsmärkte und Sozialstrukturen unter Druck, begünstigt Steuerflucht und einen ungesunden Steuerwettbewerb. Arbeitnehmer_innen sind überall auf der Welt Lohn- und Sozialdumping ausgesetzt. Immer mehr Kapital, Güter, Nachrichten und Menschen sind in immer kürzerer Zeit rund um den Globus unterwegs. Die Folgen der globalen Erderwärmung, der klimaschädlichen Emissionen und des Ressourcenraubbaus werden für uns alle spürbarer und sorgen dafür, dass internationale Probleme und Konflikte sich zuspitzen. Um Anmeldung wird gebeten bis zum 22.6.2017 per Post, Fax, E-Mail oder telefonisch bei der Friedrich-Ebert-Stiftung Regionalbüro Mainz Rheinland-Pfalz/ Saarland Große Bleiche 18-20 55116 Mainz Tel.: 06131 96067 – 0 Fax: 06131 96067 – 66 E-Mail: mainz@fes.de oder direkt im Internet unter http://www.fes.de/mainz/veranstaltungen.php Bei Anmeldungen per E-Mail bitten wir Sie, Ihre Postanschrift hinzuzufügen. Ihr Ansprechpartnerin: Svenja Budde Tel.: 06131-9606714 E-Mail: Svenja.Budde@fes.de Veranstaltungsort: Kulturzentrum HAUS CATOIR Römerstraße 20 67098 Bad Dürkheim Bei Fragen zur barrierefreien Durchführung der Veranstaltung wenden Sie sich bitte an uns. © Fotos: Von Altera levatur- Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58075025; Aquir, PhotoSG/fotolia.com; Retusche Pellens; lcodacci/iStockphoto.com Globale Ver nd a el n n twortung Forum olitisches Ha rt ntwicklungsp lz und vor O E heinland-Pfa ürkheim ni 201 i 7 n , 1 R 9 Uhr, Bad D 26. Ju „Forum Globale Verantwortung“ Das Forum Globale Verantwortung greift zweimal pro Jahr entwicklungspolitische Fragestellungen von internationaler Bedeutung auf, um sie durch lokalen und regionalen Bezug bedeutsam für Bürger_innen vor Ort zu machen. Die Perspektiven der UN-Nachhaltigkeitsziele sind ebenso Thema wie weltweite Handelsströme, Steuerhinterziehung oder Rohstofffragen. Durch gezielte Kooperationen sollen besonders junge engagierte Menschen gewonnen werden. 35 Universelle Geltung der Menschenrechte 36 Es ist Aufgabe der Sozialen Demokratie, darauf überzeugende, fortschrittliche und positive Antworten zu geben und diese mit ihren internationalen Partner_­ innen zu diskutieren. Es gilt, Zukunftskonzepte für alle Ebenen zu entwickeln, von der kommunalen bis zur globalen Ebene. Als Leitplanken unserer Vorschläge fungieren unsere Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, die auch im globalen Maßstab gelten. Die folgenden Themenfelder veranschaulichen unsere Ansätze in der politischen Bildung und Beratung. Menschenrechte sind grundlegende Rechte, die in ihrer Gesamtheit darauf abzielen, die Würde des ­Menschen zu schützen. Sie ermöglichen jedem Menschen ein freies, selbstbestimmtes Leben in Gemeinschaft mit anderen. Sie sind universell und müssen überall verwirklicht werden. Sie sind damit auch Grundlage und Gegenstand unserer Bildungsarbeit. Die Liste der Herausforderungen für die Menschenrechte im 21. Jahrhundert ist lang. Die Klimakrise bedroht grundlegende Menschenrechte wie das Recht auf Nahrung, sauberes Wasser oder angemessene Wohnungen. Durch Sparmaßnahmen sollen Staatshaushalte konsolidiert werden. Gleichzeitig werden dadurch soziale Sicherheit, Gesundheit und Arbeit für viele Menschen gefährdet. Das globalisierte Handelssystem mit seinen undurchsichtigen Liefer­ketten erschwert es, Unternehmen zur Verantwortung zu ziehen. Viele kommen ihren Verpflichtungen für den Schutz der Rechte von Arbeitnehmer_innen, Verbraucher_innen und der betroffenen lokalen Gemeinschaften nicht nach. Nationale und internationale Standards werden umgangen, Steuerschlupflöcher vielfach ausgenutzt. Gute Arbeit weltweit zu stärken und Bedingungen für faire Handelsbeziehungen weltweit zu etablieren, sind Kernaufgaben, um Menschenrechte durchzusetzen und Ungleichheit zu reduzieren. Durch enge Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen, wie beispielsweise der Internationalen Arbeitsorganisation(ILO), und im Rahmen internationaler Globale Arbeits­ migration und ­Solidarität mit ­Geflüchteten ­Vereinbarungen arbeiten wir gemeinsam mit anderen daran, die Förderung und den Schutz der Menschenrechte durch das System der Vereinten Nationen zu stärken. Im Inland thematisieren wir internationale Fragen der Menschen­rechte und machen wenig beachtete ­Konflikte auch hierzulande bekannt. Migration ist im 21. Jahrhundert zur Normalität in einer global vernetzten Welt geworden. Mehr als 250 Millionen Menschen leben nicht mehr in ihren Herkunftsländern, auch die Binnenmigration nimmt in vielen Ländern stark zu. Menschen waren, sind und werden immer in Bewegung sein – aus unterschiedlichen Gründen. Migration zu gestalten ist daher eine politische Aufgabe. Was wir brauchen, ist eine Vision für die Zukunft, in der Migration und Mobilität global gerecht gestaltet sind – eine Vision, die auf Werten der Menschenrechte und globaler Solidarität beruht. Zugleich sind weltweit Millionen Menschen auf der Flucht – mehr als jemals zuvor nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Kriege, Gewalt, Folgen der Klimakrise oder wirtschaftliche Perspektivlosigkeit haben sie bewogen, unfreiwillig ihre Heimat zu verlassen. Es zählt zu den international größten Herausforderungen, die Ursachen von Flucht und Vertreibung zu überwinden, Migration zu steuern und die Aufnahme geflüchteter Menschen menschenwürdig zu gestalten. Um Antworten auf nationaler wie internationaler Ebene zu entwickeln, nutzen wir unser weltweites Netzwerk von rund 100 Auslandsbüros und verbinden die deutsche, europäische und internationale Perspektive. Politikvorschläge für die Gestaltung weltweiter Migration sowie Handlungsempfehlungen für die Vereinten Nationen und die Europäische Union sind Teil unserer Auslandsarbeit. 37 Bild: FES Afghanistan Film„Return to Afghanistan“ Das FES-Büro in Afghanistan hat 2016 einen Film produziert, der die Lebensgeschichten von Menschen zeigt, die aus Afghanistan geflüchtet waren, aber aus verschiedenen Gründen in das Land zurückgekehrt sind. Der Film zeigt die Realität zirkulärer Migration und verleiht den Geflüchteten Gesicht und Stimme. Während der intensiven flüchtlingspolitischen Diskussionen in Deutschland 2015–2017 wurde der Film von FES-Landesbüros gezeigt und an vielen Orten diskutiert. In der Inlandsarbeit klärt unsere politische Bildungsarbeit über Fluchtursachen und die Lage in den Transitund Aufnahmeländern auf, qualifiziert ehrenamtliche Helfer_innen, organisiert Begegnungsveranstaltungen mit Geflüchteten und entwickelt Handlungsempfehlungen für eine wirkungsvolle Integrationspolitik in Bund, Ländern und Kommunen. Zivile Konfliktlösung Friedenspolitik der Sozialen Demokratie ist weit mehr als Sicherheitspolitik, denn Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Gewalt. Menschen sind erst dann sicher, wenn sie ihre Potenziale frei entfalten können. F­ rieden und menschliche Sicherheit sind die Säulen, auf denen unsere Auslandsarbeit ruht. Konkret bedeutet dies: Wir setzen weltweit auf Abrüstung, Dialog und ­Kooperation. Unsere Politikberatung im Ausland stärkt regionale Bündnisse und Plattformen, die bei Konflikten moderieren und notfalls eingreifen ­können. Dazu zählt beispielsweise die Unterstützung der Reform der Vereinten Nationen oder die Zusammenarbeit mit Partnern, um die demokratische Kontrolle von Sicherheitsstrukturen und-akteuren zu verbessern. Die politische Bildungsarbeit im Inland unterstützt diese Prozesse in der Politikvermittlung und mit Fachtagungen, in denen sie für den internationalen politischen Handlungsbedarf sensibilisiert, die Komplexität internationaler Verhandlungen transparent macht und konkrete Lösungsansätze mit Expert_innen und der interessierten Öffentlichkeit diskutiert. 38 Faire Wege aus der Klimakrise Die menschengemachte globale Erderwärmung ist real und ihre Auswirkungen sind an vielen Orten der Welt spürbar. Um der Zerstörung unseres Planeten entgegenzuwirken, müssen wir ressourcenschonender und ökologischer leben und wirtschaften. Der damit verbundene Strukturwandel bietet große Chancen, wenn er sozial gerecht gestaltet wird. Wir setzen uns weltweit für eine sozial-ökologische Transformation ein, die ökologische und soziale Frage gemeinsam beantwortet: durch ein emissionsarmes, ressourcenschonendes und sozial inklusives Wirtschaften, das allen Menschen die Chance auf ein gutes und ­menschenrechtsbasiertes Leben bietet. Das sozialdemokratische Verständnis von Fortschritt im 21. Jahrhundert verbindet soziale, ökonomische und ökologische Verantwortung. Umweltschutz und Nachhaltigkeit beschäftigen die Umweltbewegung, Agrarverbände, Gewerkschaften und Unternehmen gleichermaßen. Zwischen deren oft unterschiedlichen Positionen bauen wir Brücken für stabile, breite und fortschrittliche Bündnisse, die den Weg in eine nachhaltigere Zukunft ebnen. Bild: Björn Schürmann Planspiel„Act now! Faire Wege aus der Klimakrise“ Energiewende, Verkehrswende, Agrarwende und kaum noch Zeit zu handeln – in diesem Planspiel stehen die Teilnehmenden angesichts der Klimakrise als Verantwortliche in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eines fiktiven Industrielands vor enormen Herausforderungen. Gelingt es, sich auf einen fairen Strukturwandel zu verständigen? In drei Spielrunden werden die Teilnehmenden mit den sozialen und ökologischen Folgen ihres Handelns konfrontiert. Das Lernangebot eignet sich für Expert_innen wie für Jugendliche. Die inländische politische Bildung greift auf, was in Deutschland zu tun ist, z.B. in Diskussionsforen und Fachtagungen zur Mobilitätswende, zur Umsetzung der deutschen Klimaschutzziele oder zum sozial verträglichen Auslaufen der Kohlestromförderung mit dem Ziel, in strukturschwachen Regionen einen 39 2.4 Wie lässt sich der Kapitalismus im 21. Jahrhundert zähmen? Faire Handelsund Steuerpolitik 40 ­weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Innovative und partizipative Formate bieten klimapolitisch interessierten Jugendlichen zudem Möglichkeiten, ihr Wissen zu vertiefen, und unterstützen bei der Verbindung von sozialer und ökologischer Verantwortung im politischen Engagement. Handel im Zeitalter der Globalisierung ist geprägt durch neue Technologien, die Digitalisierung und weltweite Verflechtung. Die Logik des entfesselten Marktes führt auch dazu, dass sich bestehende ökonomische Ungerechtigkeiten weiter verschärfen und sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen vieler Menschen verschlechtern. Durch Steuervermeidungs­strategien tragen transnationale Unternehmen häufig wenig zur Finanzierung des Gemeinwohls bei. Der verstärke Standortwettbewerb verschärft die Konkurrenz zwischen Staaten und führt dazu, dass viele mit niedrigen Sozial- und Umweltstandards locken. Die Mitgliedsstaaten der EU müssen hier mit gutem Beispiel vorangehen und zu einer gemeinsamen Politik der Unternehmensbesteuerung finden. Aus der Perspektive der Sozialen Demokratie ist klar: Wirtschafts-, Handels- und Steuerpolitik sollte übergeordneten Zielen dienen. Vor allem sind sie Instrumente, den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand zu fördern und die Ungleichheit innerhalb und zwischen Staaten, zwischen dem globalen Norden und Süden abzubauen. Das bedeutet zuallererst: Der gesellschaftliche Nutzen wirtschaftlichen Handelns hat stets im Vordergrund zu stehen. Genau wie Bürger_innen eines Staates haben Wirtschaftsakteure Rechte und Pflichten: Sie genießen staatlichen Schutz, müssen sich aber auch an geltendes Recht halten, öffentliche Güter, wie eine intakte Umwelt bewahren, Steuern zahlen und dafür haften, wenn sie Schäden verursachen. Aufgabe unserer wertegebundenen politischen Bildung ist es, die globalen Zusammenhänge der Handelsbeziehungen verständlich zu machen und aufzuzeigen, auf welchen Ebenen Gestaltungsmöglichkeiten für ein gerechteres und nachhaltigeres Handels- und Steuersystem bestehen. Staatliche Handlungsfelder reichen von fairen Vergabepraktiken von Kommunen und Unternehmen, gezielten Steueranreizen und fairer Besteuerung aller Einkommensarten, Regulierungen auf nationalstaatlicher Ebene bis hin zur Reform der Agrar- und Handelspolitik auf europäischer Ebene. Beitragen kann aber auch jede_r Einzelne, etwa mit der persönlichen Kauf- und Konsumentscheidung oder mit einem Engagement in einer Nord-Süd-Städtepartnerschaft. Gestaltung der digitalen Wirtschaft Die Digitalisierung verändert unsere Wirtschafts- und Arbeitswelt grundlegend. Sie bietet große Chancen und kann helfen, viele ungelöste Fragen unserer Zeit zu beantworten. Smart Data und künstliche Intelligenz erlauben eine ökologische wie ökonomische Trendwende bisher ungeahnten Ausmaßes. Der Einsatz digitaler Technologien kann sowohl die Verkehrsplanung als auch die medizinische Diagnostik revolutionieren. Ebenso erleichtern digitale Geräte das Berufs- wie Privatleben an vielen Stellen. Besorgungen und Behördengänge werden einfacher, räumliche Distanzen zu nahestehenden Menschen verlieren an Bedeutung. Bild: AdsD/FES, und Julian/ stock.adobe.com Kongresse„Digitaler Kapitalismus“ Bringt die neue Wirtschaft wirklich den versprochenen Fortschritt für alle oder nur enorme Macht und Profite für wenige? Führt die Digitalisierung unweigerlich zu mehr Ungleichheit – im wirtschaftlichen Wettbewerb, auf dem Arbeitsmarkt, bei Einkommen und Vermögen? Wie können wir die Rahmenbedingungen so gestalten, dass alle am Fortschritt teilhaben und von den Potenzialen der neuen Technologien profitieren? Diesen und weiteren Fragen widmet sich die FES seit 2017 jährlich im Rahmen eines Kongresses zum ­digitalen Kapitalismus. 41 Gute Arbeit im digitalen Zeitalter 42 Mit dem Fortschreiten von Digitalisierung, Auto­ matisierung, Robotik sowie der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz werden neue Wirtschaftsstrukturen und Arbeitsverhältnisse, aber auch neue soziale Problemlagen und möglicherweise neue soziale Ungleichheiten entstehen. Geschäftsmodelle, Branchen und Unternehmen geraten unter Druck, Berufe und Arbeitsplätze verändern sich oder werden ersetzt. Unkontrolliertes Sammeln von großen Datenmengen ermöglicht es monopolartig agierenden internationalen Großkonzernen, Staaten und Gesellschaften ihr Geschäftsmodell aufzuzwingen. Diese Praxis bietet Potenzial für Manipulation und bedroht Gemeinwohl wie Demokratie. Die Schattenseiten des digitalen Kapitalismus sind ­weder zwangsläufig noch ist der digitale Strukturwandel ein Phänomen, das von außen über eine Gesellschaft hereinbricht. Zur Gestaltung der Digitalisierung muss die Soziale Demokratie dafür sorgen, dass nicht nur wenige Technik-Riesen bestimmen, wie wir alle ­leben und arbeiten, was wir wissen und kaufen. Wie sieht eine Strategie aus, die den gesellschaftlichen Nutzen und damit den Menschen in das Zentrum stellt? Wie gelingt es, eine wirksame und innovative Digitalisierung auf den Weg zu bringen, die den Menschen und das Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellt? Welche Rolle spielt der Staat dabei? Wie muss er seine Bildungs-, Forschungs- und Innovationspolitik ausrichten? Diese Kernfragen beschäftigen uns in der politischen Bildung und Beratung, in denen Antworten auf diese Zukunftsfragen erarbeitet und diskutiert werden. Gute Arbeit ist das Leitbild für eine humane und moderne Arbeitswelt mit fairer Entlohnung und guten Arbeitsbedingungen. Die Digitalisierung lässt als vierte industrielle Revolution bisher nicht dagewesene Geschäftsmodelle und Beschäftigungsformen in allen Branchen entstehen. Neben dem technischem Fortschritt kann sie auch Motor für soziale Innovation sein und Chancen für mehr Wohlstand und Lebensqualität bieten, etwa durch flexibleres und ortsungebundenes Arbeiten und damit u.a. eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Bild: Dominik Ziller/DZGN Studie„(Arbeits)zeit zu gestalten!“ Bei der Umsetzung von flexiblen und selbstbestimmten Arbeitszeitmodellen stehen kleine und mittlere Unternehmen(KMU) vor besonderen Herausforderungen. Allerdings bietet eine flexible Arbeitszeitgestaltung, die Raum für Selbstbestimmung lässt, für KMU auch herausragende Potenziale. In Zeiten, in denen bspw. die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für viele Arbeitnehmer_innen an Bedeutung gewinnt, können flexible und selbstbestimmte Arbeitszeiten einen Beitrag dazu leisten, Fachkräfte an das Unternehmen zu binden. Andererseits steht zu befürchten, dass im Zuge der Digitalisierung der Industrie viele Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren. An anderer Stelle werden zwar neue Arbeitsplätze entstehen, diese werden aber in den wenigsten Fällen am gleichen Ort angesiedelt sein oder dieselbe Qualifikation erfordern. Weil der Zugang zu sowie die Verteilung von Arbeit eine zentrale Rolle für die Lebensqualität, soziale Absicherung, Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit von Menschen spielt, ist ihre faire Ausgestaltung und damit die Schaffung von Guter Arbeit so wichtig für die Gesellschaft. In einer Arbeitswelt 4.0 gilt es, die Spaltung des Arbeitsmarktes in gute und prekäre Beschäftigungsverhältnisse, zwischen den Sektoren, aber vor allem im Dienstleistungssektor zu überwinden. Ein Beispiel: In der Pflege kommt es darauf an, durch intelligente Technologien den Arbeitsalltag der zumeist weiblichen Pflegefachkräfte zu unterstützen und die Arbeitsbedingungen gleichzeitig attraktiv zu machen – auch für männliche Pflegekräfte. Entscheidend wird es daher darauf ankommen, den digitalen Wandel im Sinne der lohnabhängig Beschäftigten wie auch der Selbstständigen zu gestalten und die Zahl der Verlierer_innen dieses gewaltigen Umbruchs so gering wie möglich zu halten. Beschäftigungsformen wie Crowd-, Cloud- und GigWorking entziehen sich weitgehend bestehenden sozialen Standards, Arbeitsschutz- und Arbeitnehmer_innenrechten. Neue Abhängigkeiten und Formen der Ausbeutung entstehen. Letztlich kann sich die 43 Mehr Staat, weniger Markt im digitalen Kapitalismus 44 ­gesellschaftliche Spaltung vertiefen, indem diejenigen, die Zugang zu digitalen Technologien haben bzw. die entsprechenden Geschäftsmodelle besitzen, ihre Einkommen und Vermögen steigern. Im Ergebnis gewinnen sie auch an gesellschaftlichem Einfluss gegenüber denjenigen, die keinen oder nur beschränkten Zugang zu den neuen Technologien haben bzw. durch den digitalen Wandel schlechtere Arbeitsbedingungen oder gar Arbeitslosigkeit erfahren. Kritische Diskussionen über diese Prozesse werden in unserer politischen Bildungsarbeit geführt. Unsere politische Beratung entwickelt daneben Konzepte, die auch bei den mit Digitalisierung verknüpften Arbeitsmodellen Gute Arbeit ermöglicht, von deren Lohn die Menschen leben können. In Deutschland wie weltweit braucht es dafür starke Gewerkschaften, die sich für Mitbestimmungsrechte einsetzen. Die Bedingungen der digitalen Arbeitswelt verlangen nach neuen Methoden und Organisationsformen, um die arbeitende Bevölkerung zu vertreten und zu schützen. Wie dies politisch gestaltet werden kann, ist Ansatzpunkt unserer politischen Bildungs- und Beratungsangebote in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften. Die Gestaltungsmacht des Staates hat sich in den letzten Jahren verringert, während gleichzeitig ungeregelte Märkte an Macht und Bedeutung gewonnen haben. Gründe dafür sind internationale Herausforderungen wie Globalisierung, Klimakrise oder die Auswirkungen der Digitalisierung auf sämtliche Lebensbereiche. Diese Entwicklungen verflechten die Welt in zunehmendem Maße und sind daher national nur noch teilweise ­gestaltbar. Aber auch der neoliberale Zeitgeist hat erheblich dazu beigetragen, dass die Gestaltungsmacht von Politik in den vergangenen Jahrzehnten geschrumpft ist. Umfangreiche Privatisierungen staatlicher Dienstleistungen im Transport- und Telekommunikationswesen, im Versand und im kommunalen Bereich waren die Folge. So führte beispielsweise der Verkauf von städtischen Versorgungsbetrieben und von ­städtischem ­Wohneigentum nicht nur in Deutschland zu ­wachsender gesellschaftlicher Spaltung. Aus Sicht der Sozialen Demokratie braucht es eine neue gesellschaftliche Verständigung: An welchen Stellen muss der Staat stärker agieren und investieren, um seine Bürger_innen auch im Zeitalter der umfassenden Digitalisierung mit den passenden Fähigkeiten auszustatten? Wie kann er faire Rahmenbedingungen schaffen, um wirtschaftliche Ungleichgewichte zu verhindern, lebenswichtige Güter zuverlässig bereitzustellen und zum Wohle der Menschen zu agieren? Bild: FES 191023_utopie_flyer_RZ.indd 1 Die Ringvorlesung ist als Studium Universale Bestandteil des Vorlesungsplans der Universität Bonn und steht Studierenden aller Fakultäten sowie der interessierten Öffentlichkeit offen. 23.10.19 15:15 Ringvorlesung„Nur Utopien sind realistisch“ Als Sehnsuchtsorte oder als Gegenentwurf für eine bessere Welt nehmen Utopien seit der Antike eine zentrale Rolle für das politische Denken ein. Sie dienen als Orientierung und Inspirationsquelle für gesellschaftliche Emanzipationsbestrebungen. Ausgehend von den Ungerechtigkeiten und Problemstellungen der Gegenwart haben sie dabei stets ein besseres Morgen zum Ziel. In Kooperation mit der Universität Bonn rückt die Friedrich-Ebert-Stiftung die Frage nach der Kraft von Utopien ins Zentrum einer Ringvorlesung. Für eine nachhaltige Wirtschafts- und Wohlstandsentwicklung bedarf es einer aktiven Wirtschaftspolitik im Interesse der Daseinsvorsorge: Politik muss einen ordnungspolitischen Rahmen setzen, mit geld- und fiskalpolitischer Maßnahmen ökonomische Entwicklungen abfedern oder fördern und mit einer aktiven Industriepolitik den digitalen Strukturwandel begleiten sowie Zukunftsbranchen fördern. Diese Fragen in ihrer Komplexität zu durchleuchten und eine gesellschaftliche Debatte über die Gestaltung der Gesellschaft anzustoßen, die den digitalen Kapitalismus zähmt und die von der Digitalisierung hervorgerufenen Herausforderungen löst, ist eines der wichtigsten Zukunftsanliegen der politischen Bildung und Beratung aus der Perspektive der Sozialen Demokratie. 45 3 Unsere politische Bildungarbeit – von der Planung bis zur Wirkung 3.1 Wie definieren wir unsere Ziele? 3.2 Wen wollen wir erreichen? 3.3 Was bieten wir in unserer Bildungsarbeit? 3.4 Wie sichern wir Qualität? FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 3 Unsere politische Bildungsarbeit – von der Planung bis zur Wirkung Wie bearbeitet die Friedrich-Ebert-Stiftung die im vorigen Kapitel angesprochenen wichtigen Herausforderungen unserer Zeit? Wen sprechen wir an und welche Ziele ­wollen wir mit unserer Bildungsarbeit erreichen? Auf diese Fragen antwortet dieses Kapitel. Was wir uns vornehmen, erreichen wir selten alleine. Wir arbeiten zusammen mit Gewerkschaften, Vereinen und Initiativen, wissenschaftlichen Instituten, Schulen und anderen wichtigen Akteur_innen. In eigenen oder in Kooperationsprojekten setzen wir öffentliche ­Mittel verantwortungsvoll ein. Es ist nicht möglich, bei uns Fördergelder zu beantragen. 3.1 Wie definieren wir unsere Ziele? Unser Leitbild Unsere Arbeit im In- und Ausland 48 Als parteinahe politische Stiftung orientieren wir unsere Arbeit an den Grundwerten der Sozialen ­Demokratie: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Das verbindet uns ideell mit der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften. Als gemeinnützige Einrichtung gestalten wir unsere Arbeit eigenständig und unabhängig. Unser Leitbild der Sozialen Demokratie strebt eine freie und solidarische Gesellschaft mit gleichen ­Chancen der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Teilhabe an; eine lebendige und starke Demokratie; eine nachhaltig wachsende Wohlstandsund Wirtschaftsentwicklung mit guter Arbeit für alle; einen Sozialstaat, der vorsorgend mehr Bildung und bessere Gesundheit ermöglicht, aber auch Armut bekämpft und die großen Lebensrisiken absichert; eine Politik, die in Europa und der Welt Verantwortung für Frieden und sozialen Fortschritt sowie für ökologische Nachhaltigkeit übernimmt. Gerade in schwierig werdenden Zeiten ist es wichtig, diese Werte zu verteidigen. Denn das Eintreten für Freiheit, Frieden, soziale Gerechtigkeit und internationale Solidarität hat vor dem Hintergrund des weltweit aufkommenden Nationalismus und des Erstarkens rechtspopulistischer und rechtsextremer Kräfte an Bedeutung gewonnen. Unsere politische Bildungs- und Beratungsarbeit im In- und Ausland dient der Demokratieförderung. Wir fördern die Soziale Demokratie vor allem durch: — Politische Bildungsarbeit, die die Zivilgesellschaft stärkt: Unsere Informations-, Orientierungs- und Qualifizierungsangebote motivieren und befähigen zu einem erfolgreichen politischen, gewerkschaftlichen und bürgerschaftlichen Engagement. Wir verbessern die Teilhabe der Bürger_innen an gesellschaftlichen Diskussions- und Entscheidungsprozessen. — Politikberatung: Wir entwickeln Antworten auf aktuelle Fragen der Politik sowie zu Grundsatzfragen der Demokratieentwicklung. Mit unseren Instrumenten der Politikberatung vermitteln wir Informationen, neue Ideen und Kompetenzen für die Verbesserung der Analyse- und Handlungsfähigkeit politischer Akteure. — Internationale Zusammenarbeit: Mit Auslandsbüros in über 100 Ländern unterstützen wir eine Politik für friedliche Zusammenarbeit und Mensche­nrechte, fördern den Aufbau und die ­Konsolidierung demokratischer, sozialer und rechtsstaatlicher Strukturen, sind Wegbereiter für freie Gewerkschaften und eine starke Zivilgesellschaft. Im europäischen Einigungsprozess treten wir für ein soziales, demokratisches und wettbewerbsfähiges Europa ein. — Begabtenförderung: Wir fördern Studierende und Promovierende unter besonderer Berücksichtigung von Personen aus einkommensschwachen Familien und solchen mit Migrationshintergrund. Dadurch tragen wir zu mehr Bildungsgerechtigkeit bei. — Bewahrung des kollektiven Gedächtnisses der Sozialen Demokratie: Mit Archiv, Bibliothek und zeitgeschichtlichen Projekten halten wir die Erinnerung an die historischen Wurzeln von Sozialdemokratie und Gewerkschaften lebendig und unterstützen die gesellschaftspolitische und ­historische Forschung. Zugleich verpflichten wir uns, mit unserer Arbeit dazu beizutragen, die geschlechtsbezogenen Benachteiligungen in der Gesellschaft zu überwinden. Wir setzen Gender Mainstreaming sowohl fachlich-wirkungsbezogen als auch organisational-verfahrensbezogen als Querschnittsaufgabe um. Geschlechtergerechtigkeit wird deswegen bei der Konzeption der politischen Bildungs- und Beratungsarbeit systematisch ­berücksichtigt. 49 Caroline Bolz, Robert Grimm, Alexandra Schoen, Laura Wolfs, Armgard Zindler Entlastung gesucht Gute Politik für Frauen mit geringem Einkommen Studie„Entlastung gesucht – Gute Politik für Frauen mit geringem Einkommen“ Empirische Befragungen liefern wertvolle Hinweise, wie passgenaue politische Angebote aussehen sollten. Die Studie„Entlastung gesucht – Gute Politik für Frauen mit geringem Einkommen“ befragte über 2.000 Frauen mit geringem Einkommen u.a. dazu, welche geschlechter- und familienpolitischen Angebote sie kennen und wie bedeutsam diese eingeschätzt werden. 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wurde zudem analysiert, welche Nachwirkungen die unterschiedlichen historischen Ausgangslagen von Frauen in Ost und West auf Gleichberechtigungs- und ­Vereinbarkeitsfragen noch heute zeigen. Ziele unserer politischen Bildung und Beratung im Inland Demokratie lebt von Einstellungen, Handlungsfähigkeit und-bereitschaft sowie dem konkreten Engagement der Bürger_innen. Daher fördert unsere politische Bildungsarbeit als Stützpfeiler und wichtiges Instrument der Demokratie das gesellschaftspolitische Engagement der Bevölkerung. Mit politischer Information fördern wir das politische Wissen und Interesse von Menschen jeglicher Altersgruppen, schärfen ihre politische Urteils- und Handlungsfähigkeit und motivieren wie qualifizieren für ein gesellschaftspolitisches Engagement. Mit der Entfaltung der Kompetenzen für Soziale Demokratie – Sachkenntnis, Identifikation mit den Grundwerten der Sozialen Demokratie, Argumentationsfähigkeit, politische Beteiligungsbereitschaft, Kommunikations- und Organisationskompetenz – bei möglichst vielen Bürger_innen wollen wir zur Belebung der demokratischen Institutionen und Parteien beitragen. Wir fördern eine aktive Bürgergesellschaft, welche die Distanz zwischen demokratischer Politik und jenem Teil der Bevölkerung verringert, der ihr zunehmend gleichgültig bis ablehnend gegenübersteht. 50 Bild: Jens Vogelsang Die Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung Alle zwei Jahre untersucht die FES rechtsextreme und rechtspopulistische Einstellungen sowie menschenfeindliche, antipluralistische und illiberale Haltungen in Deutschland. Die aktuelle Studie„Verlorene ­Mitte – Feindselige Zustände“(2019) erforscht zudem Möglichkeiten der Demokratieförderung und zeigt – 3­ 0 Jahre nach der Wende – Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Ost und West auf. 3.2 Wen wollen wir erreichen? Bei der Identifikation von Zielen unserer Bildungs- und Beratungsprojekte reflektieren wir die sozialen und politischen Erfahrungen unserer Adressat_innen und Zielgruppen aus der Alltags- und Berufswelt sowie aus den verschiedenen Feldern bürgerschaftlichen Engagements. Gleichermaßen wichtig sind uns deren Impulse und Erwartungen zum Programmangebot. Deshalb gilt für uns das didaktische Prinzip der Teilnehmer_innenorientierung bei der Inhalts- und ­Methodenauswahl. Auf der Basis dieser Lebenswelt- und Zielgruppenorientierung, den identifizierten gesellschaftspolitischen Herausforderungen(vgl. Kapitel 2) und dem Leitbild der Sozialen Demokratie entwickeln wir einen Planungszyklus, der übergreifende Oberziele, konkrete Projektziele und daraus abgeleitete Aktivitäten umfasst. Erfolg, Qualität und Nachhaltigkeit unserer Angebote werden anhand von Indikatoren in einem qualitativen Wirkungsmonitoring beobachtet und gesteuert(ausführlich dazu unter 3.4). Inhaltlich tragen diese Angebote zu den politischen Schwerpunkten der gesamten In- und Auslandsarbeit der Friedrich-EbertStiftung bei, die in einem mehrjährigen Rhythmus neu festgelegt werden. Die politischen Bildungsangebote der Friedrich-EbertStiftung stehen allen Menschen offen. Die Teilnahme an ihnen ist nicht an die Mitgliedschaft in Parteien, Verbänden oder Organisationen gebunden. Als gemeinnützige und öffentlich finanzierte Institution ist 51 es uns wichtig, möglichst keine Barrieren aufzubauen, die eine Teilnahme verhindern könnten, und bestehende Barrieren abzubauen, wo wir sie erkennen. Somit wollen wir mit unseren Angeboten alle Bürger_innen erreichen. Politische Bildung für alle – jeweils spezifisch Zugleich ist es in einer heterogenen Gesellschaft ­wenig erfolgversprechend, einfach„alle“ erreichen zu wollen. Vielmehr braucht es zielgruppenspezifische Angebote, da sich unterschiedliche Menschen für unterschiedliche Themen und Methoden interessieren. Unabdingbar für die praktische Arbeit ist das ­große Netz unserer Kooperationspartner, durch die wir unser Angebot viel breiter aufstellen und v­ erschiedene ­Menschen erreichen können. Im Idealfall gelingt es uns, durch die Palette unseres Angebots und in Verbindung mit unseren Partnerorganisationen Menschen verschiedener sozialer, regionaler und kultureller Herkunft sowie mit unterschiedlich ausgeprägten politischen Interessen zu erreichen. Bild: Andrea Schmidt/Typografie im Kontext Praxishandbuch„Eine Ode die Methode“ Will man neue Phänomene oder Trends in der Gesellschaft mit politischer Bildung begleiten oder demokratische Teilhabe unmittelbar erfahrbar machen, dann ist das„Wie?“ mindestens so wichtig wie das „Was?“ und„Wer?“. Dieses Handbuch stellt Methoden in den Mittelpunkt. Ausgehend von aktuellen Trends und Herausforderungen für die politische Bildung zeigen wir passende methodische Möglichkeiten auf und liefern das notwendige Rüstzeug für die praktische Anwendung gleich mit. Zugleich ist dieses Buch ein Diskussionsangebot für politisch aktive, engagierte Menschen und die Praktiker_innen der politischen Bildung, wie Bürger_innen für gesellschaftliche ­Diskussionsprozesse gewonnen werden können. STUDIE STUDIE Kartografie der politischen Landschaft in Deutschland Jana Faus, Rainer Faus, Alexandra Gloger Kartografie der politischen Landschaft in Deutschland Forum Berlin Unsere Angebote setzen an den sozialen und ­politischen Erfahrungen unserer Zielgruppen aus ihrem Alltag und ihrem gesellschaftspolitischen Engagement sowie ggf. ihrem beruflichen Kontext an. Sowohl in der Planung als auch in der Ausgestaltung einer Aktivität greifen wir die Impulse unserer Partnerorganisationen sowie der Veranstaltungsgäste auf. Diese Teilnehmendenorientierung sichert die Anschlussfähigkeit an differenzierte Lebenssituationen, politische Einstellungen, Alltagserfahrungen und prägt deshalb unsere Inhalts- und Methodenauswahl. Unsere Sozialforschung dient nicht nur der Analyse von wichtigen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft, sondern verschafft uns Erkenntnisse darüber, welche gesellschaftlichen Gruppen welche politischen Prioritäten sehen und was ihre politischen Einstellungen prägt. Aus diesen Erkenntnissen lässt sich in einem zweiten Schritt ableiten, wie sich bestimmte Zielgruppen inhaltlich und methodisch von politischer Bildung ­ansprechen lassen und welche Formen der (politischen) Kommunikation diese Gruppe zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit erreichen können, damit sie von u­ nserem Bildungsangebot auch erfahren. Studie„Kartografie der politischen Landschaft in Deutschland“ Wie tickt Deutschland? Ohne Vorannahmen begann die Beantwortung dieser fundamentalen Frage mit 50 Tiefeninterviews zufällig ausgewählter Menschen in ganz Deutschland. Die gewonnenen Erkenntnisse flossen in eine Repräsentativbefragung, an deren Ende neun politisch ähnlich denkende Segmente in der Bevölkerung identifiziert wurden. Schon 2015 wurde dabei deutlich: Neben sozio-ökonomischen gibt es auch erhebliche Einstellungsunterschiede, die die Gesellschaft polarisieren. 52 53 Wichtige Zielgruppen Gesellschaftspolitisch engagierte Menschen sind eine erste wichtige Zielgruppe, für die die Friedrich-EbertStiftung eine Fülle von Angeboten zur Verfügung stellt. Dabei richten sich politische Bildungsangebote an — ehrenamtliche Mandatsträger_innen in Kommunen, — politische Entscheidungsträger_innen, — Gewerkschafter_innen, — Journalist_innen, — Mitarbeiter_innen von zivilgesellschaftlichen Nonprofit-Organisationen — ehrenamtlich aktive Bürger_innen. Menschen, die etwas verändern wollen, finden bei uns einerseits Möglichkeiten, über progressive Ideen und Politikvorschläge nachzudenken, und können andererseits ihre praktischen Kompetenzen für das Haupt- oder Ehrenamt erweitern. Gesprächskreis„Digital in NRW“ Ziel dieses Gesprächskreises ist es, den Austausch und die Vernetzung progressiver Akteur_innen im Land Nordrhein-Westfalen zu fördern, die den digitalen Wandel mitgestalten können. Die Gewerkschaftsperspektive ist dabei von zentraler Bedeutung. Die Arbeitsergebnisse des Gesprächskreises finden Eingang in eine gleichnamige Seminarreihe, in der Gewerkschaftsvertreter_innen in verschiedenen Themenfeldern als Bild: FES Referent_innen eingebunden werden. Bild: BayernForum „Red Dinner – Gespräche über den Tellerrand“ Beim Red Dinner kommen Menschen, die an gesellschaftlichen und politischen Fragen interessiert sind und sich bereits engagieren, zu einem bestimmten Thema zusammen. Eingerahmt von einer inspirierenden Tischrede tauschen sie Ideen, Forderungen und Erfahrungen aus und vernetzen sich zu ihren Anliegen. 54 Demokratie wird nicht vererbt, sie muss von jeder Generation neu gelernt werden. Deswegen ist die politische Jugendbildung ein zentraler Schwerpunkt unserer Arbeit und entsprechend sind Jugendliche eine Zielgruppe von herausgehobener Bedeutung. Wir wollen Jugendliche für Politik interessieren und insbesondere bei Jung- und Erstwähler_innen die Bereitschaft zur demokratischen Teilhabe wecken. Dafür gehen wir an Schulen, arbeiten mit Schülervertreter_innen, kooperieren mit Jugendinitiativen und schulen junge Menschen für ihr Engagement. Speziell bei Bildungsangeboten für junge Menschen spielen digitale Lernformen in unserer Arbeit eine große Rolle. RETTET DIE W AHLEN! Bild: Meintrup Grafik Design Workshops„Rettet die Wahlen“ Warum ist es wichtig, in einer Demokratie das Wahlrecht zu nutzen? Wen oder was wählt man eigentlich? Wie sieht ein Wahlzettel aus? Worüber wird im Parlament entschieden und was hat das mit dem Lebensumfeld Jugendlicher zu tun? Diese Fragen werden mit diesem Workshopangebot beantwortet, das jeweils an die nächste anstehende(Landtags-, Bundestags- oder Euroopa-) Wahl angepasst wird. Dadurch erhalten Jugendliche eine Orientierung, damit sie anschließend selbstbewusst und selbstbestimmt an der Wahl ­teilnehmen können. Bild: Petra Bähner „e-Bert“ – politische Bildung im Chat e-Bert bietet mobile politische Bildung zeit- und ortsunabhängig im Chat. Der online-Coach trainiert die Auseinander­setzung mit Fake News und populistischer Stimmungsmache(z.B. gegen Europa) unmittelbar dort, wo es nötig ist, für Demokratie und Zusammenhalt einzutreten. Halb Spiel, halb Argumentationstraining ist e-Bert im Facebook Messenger oder unabhängig von sozialen Netzwerken als App direkt aufrufbar. 55 In Teilen der Gesellschaft stehen Menschen dem demokratischen System und politischen Parteien mit Skepsis gegenüber. Diese Menschen mit politischer Bildung zu erreichen, die auf der normativen Anerkennung von Demokratie und der Gleichwertigkeit aller Menschen beruht, ist eine besondere Herausforderung, der sich unsere Bildungsarbeit stellt. Oft erreichen wir diese Menschen nicht mit klassischen Bildungsformaten. Analysiert man die Teilnehmenden von FES-Veranstaltungen der vergangenen Jahre, so zeigt sich, dass häufig junge Eltern oder Menschen, die Angehörige pflegen unterrepräsentiert sind. Gleiches gilt für Arbeitnehmer_innen im Schichtbetrieb oder in anderen zeitintensiven Berufen. Daher braucht es spezifische Angebote für zeitknappe Menschen sowie „aufsuchende“ politische Bildung vor Ort, in Wohnquartieren und im öffentlichen Raum. Die Praxis zeigt: Es ist möglich, diese Menschen besser zu erreichen, wenn etwa für Kinderbetreuung gesorgt ist oder wenn Angebote auch einen gewissen Freizeitwert für die Teilnehmenden haben. Demokratische Bildung für Geflüchtete Das Grundgesetz und seine Relevanz in Alltagssituationen sind die Gesprächsgrundlage zweitägiger Seminare, die für geflüchtete Menschen von arabisch- und persischsprachigen Trainer_innen in ganz Deutschland durchgeführt werden. Sie bestehen aus theoretischen und praktischen Elementen und gehen immer von der Lebenssituation und den Erfahrungen Bild: FES der Geflüchteten aus. Schließlich möchte die Friedrich-Ebert-Stiftung denjenigen eine Stimme geben, die selten politisch zu Wort kommen. Vertreter_innen wenig repräsentierter und/ oder häufig diskriminierter Gruppen sind daher ebenfalls eine wichtige Zielgruppe unserer Arbeit. So kann politische Bildung zu Teilhabe befähigen und diese direkt fördern, denn wir reden nicht über Menschen, sondern mit ihnen. 56 Unsere wichtigsten Zielgruppen in der Übersicht: Dass die Einteilung von Personen in Zielgruppen stets eine Konstruktion bedeutet und dass ein Mensch zugleich zu verschiedenen dieser Gruppen gehören kann, ist uns bewusst. Zielgruppen Haupt- und Ehrenamtliche in Politik, Zivilgesellschaft und Medien … Wenig repräsentierte Gruppen … (Frauen, religiöse, ethnische oder sexuelle Minder­ heiten u. a.) Enttäuschte … Progressive ­Diskursträger_ innen … Zeitknappe ­Menschen … Junge Menschen … Politisch Interessierte … Detailgruppen u. a. Kommunalpolitiker_innen, junge Journalist_ innen usw. u. a. Gleichstellungsbeauftragte, Ausländerbeiräte, junge Frauen, LGBTI-Aktivist_ innen u. a. Nichtwähler_ innen, Bürger_ innen in Regionen mit niedrigem Pro-KopfEinkommen u. a. Intellektuelle, Mandatsträger_ innen u. a. junge Eltern, Menschen, die Angehörige pflegen, Arbeitnehmer_innen in zeitintensiven Jobs u. a. Schüler_­ innen, Studierende, Jusos, Azubis Angebot … denen wir Qualifizierung und Orientierung anbieten. … deren Stimme und Rolle wir stärken wollen. … die wir für die(Soziale) Demokratie­ ­zurückgewinnen wollen. … denen wir Expertise, Vernetzung und Plattformen anbieten. … deren Ei­nbindung in politische Diskurse wir fördern wollen. … deren ­demokratische Beteiligung wir stärken wollen. … denen wir ein Angebot zur politischen Weiterbildung machen wollen. 57 3.3 Was bieten wir in unserer Bildungsarbeit? Gesellschaften wandeln sich und politische Bildung mit ihnen. Frei nach Willy Brandt ließe sich sagen: Jede Zeit braucht eigene Antworten – in der Politik wie in der politischen Bildung. Den Veränderungen in der Gesellschaft und bei den Zielgruppen gehen wir durch Forschung, empirische Umfragen oder Fokusgruppenbefragungen und Evaluierungen nach und entwickeln davon ausgehend unsere politische Bildungs- und Beratungsarbeit. Daraus ergibt sich eine kontinuierliche Suche nach Formen und Wegen, Menschen mit unserer Arbeit zu erreichen. Dafür schöpfen wir aus den vielfältigen Erfahrungen und Ressourcen unserer Arbeit im In- und Ausland. Zeitzeugengespräch live aus Israel Pesach Anderman wurde 1929 in Galizien geboren, überlebte die Shoa und half, den Staat Israel aufzubauen. Nach 60 Jahren sprach er erstmals über seine Erlebnisse in der NS-Zeit und schrieb die Autobiografie „Der Wille zu leben“. Zur Vorbereitung auf das Zeitzeugengespräch lesen die Schüler_innen sein Buch. In einer zweistündigen Videokonferenz sprechen sie mit Pesach Anderman über Judenverfolgung, den Aufbau des Staates Israel und wie aktuell Populismus und Nationalismus unsere Demokratie und die Menschenrechte bedrohen. Grundsätze unserer Bildungsarbeit 58 Für wirkungsvolle Bildungsarbeit ist das„Wie?“ in der Planung so wichtig wie das„Was?“ und das„Wer?“. Wir verbinden Lerninhalte, Themen und Zielgruppen mit den geeigneten Methoden und führen unsere Angebote mit den jeweils vor Ort verfügbaren Ressourcen bestmöglich durch. Regionalisierung und Differenzierung bei der Angebotsstruktur und Teilnehmenden- und Beteiligungsorientierung bei den konkreten Bildungsprozessen prägen unsere Planung. Die Regionalisierung unseres Angebots ermöglicht lokale Bezüge bei der Gestaltung der Angebote und eine bessere Erreichbarkeit für die Teilnehmer_­innen. Politische Urteils- und Handlungskompetenzen k­ önnen Die FriedrichEbert-Stiftung in Deutschland: mit direktem Bezug zum eigenen Wirkungsfeld gefördert werden. Unsere Landes- und Regionalbüros haben hier eine wichtige Funktion. Hinzu kommen zahlreiche dezentrale Aktivitäten der in Bonn und Berlin angesiedelten Arbeitseinheiten. Daneben kennzeichnen auch themen- und zielgruppenspezifische, bundesweite Projekte unsere Bildungsangebote: Diese Differenzierung unserer Angebote ermöglicht es, die Lerninteressen und Herausforderungen unterschiedlicher Adressatenkreise inhaltlich und methodisch gezielt und flexibel zu berücksichtigen. Auch der zeitliche Umfang unserer Angebote ist vielfältig und passgenau, von einer einstündigen Diskussionsveranstaltung bis zum mehrtägigen Seminar. Neben der Förderung einer breiten öffentlichen Auseinandersetzung zur Verständigung über wichtige politische und gesellschaftliche Fragen kann ein Austausch bestimmter Akteure oder Interessensgruppen die jeweilige politische Handlungskompetenz stärken. 59 Um den Anspruch der Regionalisierung und Differenzierung zu erfüllen, nutzen wir eine große Vielfalt an Lernorten. Um Menschen in ihrem Lebensumfeld zu erreichen, gehen wir auch in die Quartiere. Ein Netzwerk von festen und wechselnden Veranstaltungsorten ermöglicht eine bessere Erreichbarkeit und regionale Anbindung. Bild: FES/Christian Testorf Kneipenquiz„Friedrich fragt“ Zu einem politischen Pubquiz lädt das Julius-Leber-­ Forum der FES seit 2019 in Kneipen u.a. in Hamburg-­ St. Pauli ein. Jeweils ein politisches Thema steht im Mittelpunkt der Abende und zwischen den Raterunden wird über dieses Thema mit politischen Gästen gesprochen. Das Kneipenquiz erreicht ein junges, urbanes Publikum, das zuvor keine politischen Bildungsangebote der FES wahrgenommen hat. Auch die politischen Gäste sind begeistert, in lockerer K­ neipen-Atmosphäre mit Menschen sprechen zu können. Bild: FES/Andrea Schmidt 60 Virtuelle Lernorte spielen für unsere Bildungsarbeit eine große Rolle. Neben der Bedeutung als Informationsquelle ist das Internet ein zentraler Ort des Dialogs, des politischen und sozialen Engagements sowie der öffentlichen Auseinandersetzung mit Politik und Gesellschaft. Wir sind mit digitalen Angeboten präsent, die teilweise auch diejenigen wahrnehmen, die wir sonst nur schwer erreichen. Das direkte Gespräch bleibt als wesentliches Element von politischen Bildungsprozessen unverzichtbar, wird aber mit neuen Möglichkeiten verknüpft. sagwas.net – das online Debattenportal Auf www.sagwas.net werden Themen aus Politik und Zeitgeschehen kontrovers diskutiert. Junge Autor_­innen sowie alle User_innen finden hier eine digitale Plattform, um verschiedene Meinungen und Standpunkte auszutauschen, eine konstruktive und demokratische Streitkultur in unserer Gesellschaft zu fördern und unterschiedliche digitale Formate vom Podcast bis zum Webvideo zu produzieren. Ansätze unserer Bildungsarbeit Unsere politische Bildungsarbeit prägt die­­konsequente Teilnehmenden- und Beteiligungsorientierung. Die politische Urteils- und Handlungskompetenz ­sowie das Engagement der Bürger_innen nachhaltig zu stärken, kann nicht gelingen ohne die aktive Einbindung der Teilnehmenden, ihrer Interessen, Fragen und Anregungen. Bei der Entwicklung gesellschaftlicher Innovationen sind neue und beteiligungsorientierte Lern- und Arbeitskulturen gefragt, die den Menschen nicht nur einbeziehen, sondern in den Mittelpunkt stellen. Darüber hinaus ist uns wichtig, durch unsere Arbeit eine wirkungsvolle Beteiligung in Politik und Gesellschaft zu unterstützen. Teilnehmenden- und Beteiligungsorientierung sind damit mehr als didaktische Überlegungen zur Gestaltung nachhaltiger Lernprozesse. Sie sind auch Ausdruck unserer Überzeugung, dass Demokratie eine breite und engagierte Beteiligung ihrer Bürger_innen und eine Offenheit im politischen Prozess zur Mitgestaltung von Lösungen für unser Zusammenleben braucht. Unsere Bildungsarbeit basiert auf den vier Säulen ­Politikvermittlung, Lernprojekte, Kompetenztrainings und Politikberatung. Diese Dimensionen unserer Arbeit sind idealtypisch zu verstehen und können in der Praxis ineinander übergehen. Jeder dieser Ansätze trägt auf seine eigene Weise zur Entwicklung der politischen Kultur in der Demokratie und zur Weiterentwicklung der Urteils- und Handlungskompetenz der Bürger_innen bei. Die jeweiligen Methoden und Zugänge zu wichtigen politischen und gesellschaftlichen Fragen wählen wir danach aus, wie geeignet sie für die Erreichung der Ziele unserer politischen Bildungsarbeit sind. 61 Politikvermittlung Vor Ort — Öffentliche Dialoge — Regionalforen/ Themenforen — Gesprächskreise — Ausstellungen — Fachkonferenzen — Seminare für Arbeitnehmer_ innen — Legislatives Theater Online — Informations­portale — Interaktive Lernplattformen — Themenmodule — Wissenssnacks — Live-Streaming — Mediatheken — Blogs/Podcasts/ Videos — Webinare Lernprojekte Vor Ort — Themen erarbeiten — Verständigung lernen — Kultur erleben — Jugendtalk/ -tage/-fahrten — Begegnungsworkshops — Planspiele/ Simulationen — Open SpaceVeranstaltungen — Kreativwerkstätten/ Poetry Slams Online —„Blended Learning“ — Arbeitsmaterialien — Lernpartnerschaften — OnlineAkademie — eCampus — Messengerprojekte Politikberatung Vor Ort — Fachgespräche — Wissenschaftsdialoge — Expertenhearings — Policy Papers — Zukunftswerkstätten/SzenarioWorkshops Online — Publikationen — Analysen — Expertenforen Kompetenztrainin g Vor Ort — Medientraining — JournalistenAkademie — Qualifizierung für politisches und bürgerschaftliches Engagement — Akademie für Soziale Demokratie Online —„Blended Learning“ — Arbeitsmaterialien/ Medienset —„Interviews geben“ — Online-Netzwerke — Argumentations training — Lernplattform — Kommunalpolitik Politik­vermittlung Unsere Informations- und Dialogangebote tragen zum politischen Dialog und zur Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels bei, indem sie Orientierung bieten über grundsätzliche und aktuelle Fragestellungen aus Politik und Gesellschaft. In der Politikvermittlung geht es vor allem um die Förderung einer demokratischen Öffentlichkeit durch differenzierte Information mit vielfältigen, offenen Zugängen für verschiedene Zielgruppen und Adressaten. An dieser Zielsetzung ausgerichtete Angebote machen politische Entscheidungsprozesse, ihre Hintergründe, aber auch politische Interessenkonflikte sichtbar. Sie fördern politisches Verständnis und regen die kritische Diskussion zwischen gesellschaftspolitisch Interessierten, Fachkundigen und politischen Akteuren an. Als Foren des wechselseitigen Austauschs leisten sie darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zur Beteiligung einer breiten Öffentlichkeit an politischen Meinungs­ bildungsprozessen. Unsere Foren und Dialogreihen, in der Regel mehrstündige Diskussionsveranstaltungen, sind oft auf ein Politikfeld oder eine besondere aktuelle oder regionale Frage von öffentlichem Interesse bezogen. Längere Symposien und Fachtagungen sind Dialogorte mit Verantwortlichen aus Politik, Wissenschaft, Gewerkschaften, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Medien. Gesprächskreise, Vorträge und Expertengespräche sind weitere Angebote der Politikvermittlung. Diejenigen Zielgruppen in ein Gespräch zu bringen, die zwar gemeinsam von einem Thema betroffen sind, aber nicht immer zu einem unmittelbaren Austausch finden, ist uns ein besonderes Anliegen. 62 63 Bild: Maren Strehlau 64 BarCamp Frauen BarCamps bieten einen besonderen Raum, um gesellschaftliche Themen offen und vielseitig zu diskutieren, Lösungen zu entwickeln und Ergebnisse(analog und digital) zu erzielen. Das BarCamp Frauen setzt sich explizit mit frauen- und genderpolitischen Themen auseinander, lädt zur Vernetzung und ist mittlerweile in vielen deutschen Städten das herausragende innovative Format für junge politische Frauen. In einer Art „Ad-hoc-Konferenz“ werden Workshops und Sessions von den Teilnehmenden angeboten. Das BarCamp lebt vom offenen und gleichberechtigten Austausch, der Spontanität der Gäste und folgt dem Prinzip der Selbstorganisation. Eine Vielfalt an Lernprojekten ist die zweite ­Säule ­unserer politischen Bildungsarbeit. In ihnen wird jenseits der Alltagsdebatten fundiertes Wissen über Politik vermittelt, Urteilskraft gefördert, Dialogkompetenz und demokratische Teilhabe gestärkt. Sie wenden sich entweder an bestimmte Zielgruppen oder sind für alle am jeweiligen Thema interessierten Menschen offen. Entsprechend unterschiedlich sind die pädagogisch-didaktischen Arbeitsformen. Digitale Angebote bieten den Lernenden die Möglichkeit, Zeitpunkt, Intervalle, Tempo und Ort ihrer Lernaktivitäten selbst festzulegen oder Menschen an verschiedenen Orten zu einem Thema zusammenzubringen, beispielsweise in Webinaren der JournalistenAkademie. Auch in Verbindung mit Präsenzangeboten spielen digitale Elemente eine wichtige Rolle, beispielsweise für eine größere Reichweite, zur bewussten Einbeziehung der Öffentlichkeit, für die Vorbereitung vor oder Vertiefung nach Veranstaltungen. Themenseminare, Zeitzeugengespräche oder Exkursionen werden von uns ebenso angeboten wie stärker interaktive und beteiligungsorientierte Lernprojekte, beispielsweise in Form von Open-Space-Veranstaltungen, Fish-Bowl-Diskussionen oder World Cafés zu politischen und gesellschaftlichen Fragen. Gerade für junge Zielgruppen bieten zudem politische Planspiele vielfältige Lernchancen. Aber auch über kreativ-kulturelle Zugänge laden wir zur Auseinandersetzung mit politischen Themen ein, etwa in Theater-, Film- oder Literaturworkshops. ­Jugendliche erarbeiten in Film-, Schreib-, Theater- oder Musikwerkstätten eigene Perspektiven auf wichtige politische oder gesellschaftliche Herausforderungen, wie beispielsweise die Zukunft der Europäischen Union oder die interkulturelle Verständigung. Über die Erarbeitung von Orientierungswissen hinaus unterstützen derartige Lernprojekte die Entwicklung eigener politischer Standpunkte. Poetry Slam„Zusammen!“ In Poetry-Slam-Workshops erarbeiten Jugendliche eine eigene Sichtweise auf politische und gesellschaftliche Herausforderungen unseres Zusammenlebens und bringen ihre Anliegen und Fragen öffentlich auf die Bühne. Über einen jugendkulturellen Zugang beginnt so politisches Handeln. In einem jährlichen Wettbewerb des Landesbüros NRW prämiert eine Jury aus politischen Gästen, professionellen Slam-Poet_innen und engagierten Jugendlichen die besten Beiträge. Unsere Kompetenztrainings umfassen vielfältige Qualifizierungsangebote, die methodische Schlüssel­ qualifikationen für die Übernahme von politischer und zivilgesellschaftlicher Verantwortung vermitteln. Handlungskompetenz steht dabei im Mittelpunkt. Dazu zählen Rhetorik und Kommunikationsverhalten, Medienkompetenz und Öffentlichkeitsarbeit, organisatorische Kompetenzen wie Projekt- und Zeitmanagement und Teamentwicklung und Konflikt­ management. Aber auch Programm- und Strukturkompetenzen, wie beispielsweise Kenntnisse zu kommunaler Verwaltung und Haushaltssteuerung, Planungs- und Beteiligungsformen oder historische Kenntnisse werden vermittelt. 65 Bild: FES/Vinzenz Huzel Seminar„Ich will Bürgermeister_in werden! Aber wie?“ Der vielseitige, unmittelbare und verantwortliche Umgang mit Menschen und der Zukunft einer Kommune fordert Bürgermeister_innen in jeder Facette ihrer Persönlichkeit. Doch um Bürgermeister_in zu sein bzw. zu werden, braucht es unterschiedliche Kompetenzen. Unser Seminar bringt Interessierten diesen Beruf und den Weg dahin näher. Es benennt mögliche Stolpersteine und gibt Tipps für die Amtsausübung. Kompetenztrainings werden als Einzelseminare oder Ausbildungsprogramme angeboten. Sie sind oftmals modular angelegt und wenden sich insbesondere an Führungs- und Nachwuchskräfte in gemeinnützigen Organisationen sowie in Kommunen oder an ausgewählte Zielgruppen, die besondere Qualifikationen für ein schon realisiertes oder angestrebtes politisches Engagement suchen. Die Arbeitsformen sind auf die Anforderungen der Zielgruppe zugeschnitten und die Lernwege mit Impulsreferaten und Lehrund Beratungsgesprächen, Plan- und Rollenspielen, ­Gruppen- und Einzelarbeit, aber auch als Online-­ Module ­vielfältig gestaltet. Die Akademie für ArbeitnehmerWeiterbildung Das Akademieprogramm bietet Weiterbildungsmöglichkeiten, um das eigene Verständnis für gesellschaftliche, soziale und politische Zusammenhänge zu verbessern und die Mitverantwortung in Staat und Gesellschaft zu fördern. Dabei reicht das Themenspektrum der mehrtägigen Seminare von der Entwicklung der Europäischen Union über die Herausforderungen von Flucht und Migration bis zur gerechteren Gestaltung der globalen Gesellschaft. Unser Angebot richtet sich insbesondere an Arbeitnehmer_innen aus ­Nordrhein-Westfalen. 66 Politikberatung Die Stärkung von Urteils- und Handlungskompetenz ist zentrales Anliegen unserer Bildungsarbeit. Nach unserem Verständnis muss politische Bildung auch dazu beitragen, politischen Sachverstand herauszubilden und fortzuentwickeln – bei Bürger_innen und Politiker_innen gleichermaßen. Mit unseren Instrumenten der Politikberatung streben wir die Vermittlung von Informationen und Kompetenzen für die unmittelbare Verbesserung der Analyse-, Orientierungs- und Handlungsfähigkeit politischer Akteure an. Politikberatung im Rahmen der politischen Bildung umfasst dabei mehrere Aspekte: Sie kann die Vermittlung fachlicher und methodischer Expertise ebenso beinhalten wie die Dialogorganisation und Darstellung unterschiedlicher Positionen im Expert_innenkreis eines bestimmten Politikfeldes. Zugleich kann Politikberatung eine unterstützende Rolle beim Agenda-Setting spielen, etwa indem sie hilft, Zukunftsthemen durch Beratung und Dialogorganisation auf die Agenda politischer Entscheidungsträger_innen zu setzen. Gerade im Rahmen der politischen Bildungsarbeit kann Politikberatung aber auch bedeuten, Bürgerbeteiligung zu einer politischen Frage zu organisieren. Sie nimmt dann eine wichtige Vermittlungsfunktion zwischen Politik und Bürger_innen ein: Wenn Lösungswege für gesellschaftliche Probleme gemeinsam entwickelt und verantwortet werden, verringert sich die vermeintliche Kluft zwischen Bürger_innen und Staat und Vertrauen in Politik kann gestärkt werden. Bild: Joseph&Sebastian Grafikdesign „Deine Idee für deine Gegend“ Dieses Projekt verwandelt politisches Interesse und grenzenlose Visionen in konkrete lokale Aktionen. Die Teilnehmer_innen entwickeln in einem zweitägigen Workshop nach der Methode Design-Thinking ihre Ideen und setzen diese in greifbare Ergebnisse und Aktionen um(eine App, der Plan für ein Straßenfest, ein Antrag an den Stadtrat, das Konzept eines YouTube-Kanals), die am Ende vor Vertreter_innen aus Zivilgesellschaft und Politik präsentiert und ­diskutiert werden. 67 Unsere politische Beratung übt mit ihren ­nationalen wie internationalen Netzwerken in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft dauerhaft eine wichtige Scharnierfunktion aus. Durch Analysen und Gutachten sowie den Austausch mit der Fachöffentlichkeit in Hintergrundgesprächen und Tagungen tragen wir dazu bei, dass gerade bei komplexen Themenstellungen verschiedene, auch konkurrierende Positionen zur Kenntnis genommen und berücksichtigt werden. Dort, wo wir politikberatend wirken, vermitteln wir auch Erfahrung mit neuen Engagement- und Beteiligungsmöglichkeiten für die politische Praxis. Vor allem in kommunalen und lokalen Entscheidungsprozessen lassen sich mit geeigneten Formaten unter starker Zusammenarbeit mit Betroffenen neue Lösungsansätze entwickeln. Diese können anschließend der Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit vorgestellt werden und so in den politischen Gestaltungsprozess einfließen. Szenarioworkshops, Labs oder Planungszellen sind einige der von uns verwendeten Methoden, mit denen wir eine partizipative Entwicklung gesellschaftlicher und politischer Problemlösungen anbieten. Prima Klima? Klimapolitik der nächsten Generation Zur Weltklimakonferenz COP23 in Bonn entwickelten junge Engagierte über mehrere Monate in Online-­ Foren, Zukunftswerkstätten, Expert_innenengesprächen und im Dialog mit Politik und Zivilgesellschaft eine„Klimapolitik der nächsten Generation“. Ihre Agenda übergaben sie an politisch Verantwortliche sowie die internationale Delegation der FriedrichEbert-Stiftung als Impuls für die laufenden Verhandlungen. Nachwuchsjournalist_innen erarbeiteten aus den Ansätzen der jungen Agenda Zukunftsszenarien, die von der FES veröffentlicht wurden. 68 3.4 Wie sichern wir Qualität? So wie sich gesellschaftliche Bedingungen und Voraussetzungen oder Ressourcen verändern, so muss sich auch politische Bildung ständig in ihrer Ausrichtung anpassen. Hierfür ist es notwendig, die Wirkungen und Ergebnisse der Arbeit zu beobachten und zu bewerten. Dies dient zum einen dazu, Schlüsse für unsere Arbeit zu ziehen und diese kontinuierlich zu verbessern. Zum anderen bringen wir die Evaluationsergebnisse in die Rechenschaftslegung und Erfolgskontrolle über die Verwendung der uns zur Verfügung gestellten Mittel gegenüber unseren Zuwendungsgebern ein. Das Qualitätsmanagement der FES findet in einem jährlichen systematischen Kreislauf von Planung, Monitoring, Auswertung und daraus folgender neuer Planung statt. Der Erfolg politischer Bildung und Beratung misst sich dabei nicht allein an Zahlen. Jenseits quantitativer Betrachtungen liegt uns sehr daran zu überprüfen, ob wir die zuvor beschriebenen Ziele mit unseren Bildungsangeboten auch erreichen, indem wir beobachten, inwiefern wir Wirkungen(Impact) erzielen. Den Kreislauf unserer politischen Bildungsarbeit beschreiben wir in einem Wirkungszusammenhang. Dabei wird dargestellt, warum wir davon ausgehen, dass unsere Arbeit zu gewünschten Veränderungen führt. Bild: FES/MuP Die Qualifizierungsangebote für Engagierte der Akademie Management und Politik Die Akademie Management und Politik(MuP) der Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützt Engagierte und Verantwortliche in zivilgesellschaftlichen Organisationen und möchte Wissen und Instrumente für das professionelle Management und die erfolgreiche Kommunikation zur Verfügung stellen. In unseren funktionsbegleitenden Seminaren und Ausbildungsgängen sowie unseren Webinaren und praxisnahen Veröffentlichungen erwerben Engagierte Kompetenzen für die nachhaltige und zukunftsfähige Gestaltung ihrer Arbeit. 69 Bild: FES/ Lars Hübner Die Wirkung politischer Bildung zu erfassen, ist herausfordernd: Politische Bildung zielt nicht vorrangig auf isoliertes Wissen, sondern auf Einstellungs- und Verhaltensänderungen in den Lebensbezügen der Teilnehmenden. Letztlich entscheiden diese selbst, was sie aus den Angeboten mitnehmen und daraus machen. Welche gesellschaftlichen oder politischen Veränderungen anschließend mit neu erworbenen Kompetenzen gelingen, bestimmt wiederum ein komplexes Zusammenspiel aus vielfältigen Faktoren, das sich nur begrenzt beeinflussen und vorhersagen lässt. Ob gesellschaftliche Veränderungen durch einzelne Bildungsaktivitäten hervorgerufen wurden, lässt sich also nicht konkret messen. So sagt beispielsweise die Anzahl der Teilnehmenden einer Veranstaltung nur sehr begrenzt etwas darüber aus, ob man das Projektziel mit dieser Aktivität erreicht hat. Der Wirkung der Arbeit von politischen Stiftungen kann man sich jedoch über ein Indikatoren-System annähern. Wirkungsbeobachtung – ein Praxisbeispiel Welche konkrete Wirkung die in unseren Seminaren vermittelten Handlungskompetenzen entfalten, ist nicht leicht zu evaluieren – schließlich verläuft die Arbeit an gesellschaftspolitischen Transformationsprozessen nicht linear. Daher sei hier ein Beispiel gegeben: Das Netzwerk„Gesund ins Leben“ wurde 2009 von Maria Flothkötter gegründet. Sie hatte kurz zuvor das FES-Seminar„Netzwerke und Kooperationsprojekte effektiv steuern“ besucht und davon bei der eigenen Netzwerkgründung profitiert. Seither wuchs„Gesund ins Leben“ kontinuierlich und ist heute Teil des Bundeszentrums für Ernährung(BZfE), eines Zusammenschlusses von rund 600 zentralen Institutionen, ­wissenschaftlichen Fachgesellschaften sowie Verbänden. 70 Ein gut verfasster Wirkungszusammenhang gibt ­Antworten auf die Fragen: — Welche Veränderungen sollen durch unsere Arbeit angestoßen werden? — Wie müssen wir hierzu vorgehen? — Mit wem sollten wir zusammenarbeiten? — Wie lautet die Annahme, von der wir ausgehen, damit unsere Arbeit erfolgreich ist? Bei der Formulierung von Wirkungszusammenhängen gehen wir argumentativ und interpretativ vor. Man kann die Wirkung einer Bildungsaktivität beispielsweise im Hinblick auf das gesetzte Projektziel beschreiben und Plausibilitätsvermutungen anhand von Beobachtungen und Befragungen der Teilnehmenden oder des Aktivitätsumfeldes anstellen. Eine Wirkungsbeobachtung politischer Bildung kann nur dann sinnvolle Ergebnisse(Output) erbringen, wenn zuvor klare Ziele formuliert wurden, die durch die Bildungsaktivitäten und-projekte erreicht werden sollen(Outcome). Bei der Festlegung der Ziele ist die zentrale Frage häufig: Wie breit oder wie konkret sollte ein Ziel sein? Die pauschale Antwort auf diese Frage lautet: So konkret und eindeutig wie möglich. Für die praktische Umsetzung der Wirkungsbeobachtung ist es daher sinnvoll, sich dem Problem über qualitative Aussagen zu nähern. Hierfür lassen sich Indikatoren entwickeln. Das nachfolgende Schaubild stellt einen typischen Wirkungszusammenhang mit den verschiedenen Zieldimensionen dar. Um die Wirkungen belegen zu können, müssen Informationen gesammelt werden. Daten und Quellen für das Wirkungsmonitoring sind z.B. Zeitungsartikel, Radiobeiträge, Gesetzestexte, Statute, Partner_innengespräche, Teilnehmer_innen-Fragebögen, Interviews, Aufrufe von Webseiten, Downloadzahlen von Publikationen, Parlamentsprotokolle. Wir holen direktes Feedback in Auswertungsgesprächen mit den Teamer_ innen und Moderator_innen von Veranstaltungen ein. Besonders wichtig sind uns die Rückmeldungen der Teilnehmer_innen, die wir systematisch auswerten. 71 Dafür nutzen wir einen standardisierten Frage­bogen, der unter anderem Fragen nach dem Nutzen der­ ­Inhalte für die Teilnehmenden enthält: Praxisbeispiel: Befragung der Teilnehmenden an Präsenzseminaren 2019 der Akademie für Soziale Demokratie Frage: Haben Sie eine Vorstellung davon, wie Sie die Ergebnisse der Veranstaltung zukünftig nutzen können? Inwiefern treffen die folgenden Aussagen zu? Ich kann politische Sachverhalte nun besser beurteilen 65,5 Ich kann die vermittelten Kenntnisse im Rahmen meines Berufes nutzen 17 Ich kann die Kenntnisse im Rahmen ­meines ehrenamtlichen oder gesellschaftspolitischen Engagements nutzen 57,3 Die Veranstaltung hat mich ­motiviert, mich künftig gesellschaftlich zu­ ­engagieren 19,3 N=171 Angaben in Prozent(Mehrfachnennung möglich) 0 20 40 60 80 100 Verständnis und Praxis der Evaluation Die durch das Monitoring gesammelten Daten und Informationen können nicht nur für das Projektmanagement und die Berichterstattung genutzt werden, sondern auch für die Evaluation. Wir evaluieren punktuell größere Bildungsprojekte, um diese zu verbessern, wenn nötig neu auszurichten und ihre Wirksamkeit zu erhöhen. Evaluierungen kontrollieren nachvollziehbar den Erfolg der politischen Bildungsarbeit und bewerten ihre Relevanz und Wirkungen. Sie unterstützen die Weiterentwicklung eines Projektes, dienen dem internen Lernen, auch hinsichtlich der Verbesserung der didaktischen Mittel, sowie der Legitimierung unserer Arbeit gegenüber Dritten. Kriterien, die durch den Entwicklungshilfeausschuss der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung(OECD-DAC) festgelegt wurden, ­helfen bei dieser Beurteilung: — Relevanz: Haben wir die„richtigen“ Problemfelder bearbeitet? — Effektivität: Haben wir unsere Ziele erreicht oder uns ihnen angenähert? — Effizienz: War das Verhältnis von Nutzen und Kosten angemessen? — Wirkung: Welchen Nutzen haben unsere Partner und Zielgruppen vom Projekt? — Nachhaltigkeit: Haben die angestoßenen Veränderungen auch langfristig Bestand? Wir legen diese Kriterien für die Durchführung von sowohl internen als auch externen Evaluationen an. 72 73 Wie erzielen wir Wirkung? Handlungsrahmen der FES Handlungsrahmen der Partner/Zielgruppen Aktivitäten Seminare, Konferenzen, Publikationen etc. Ergebnisse OUTPUT Projektziel Nutzung durch und Nutzen für Partner und Zielgruppen (Anwendung von Erlerntem, Einstellungs- und Verhaltensänderung) Oberziel Wirkung auf gesellschaftspolitischen Kontext OUTCOME IMPACT Indikatoren zur Beobachtung von Einstellungen, Verhalten oder im Kontext Qualitätssiegel und-management Mit der Methode der EFQM(European Foundation for Quality Management) organisieren wir einen kontinuierlichen Prozess der internen Selbstbewertung und Identifizierung von Verbesserungsprojekten. Diesem Modell liegt ein integrales Qualitätsverständnis ­zugrunde, das sich u. a. durch die Partizipation aller Mitarbeiter_innen an der Umsetzung von Projekten zur Qualitätsverbesserung auszeichnet, die extern evaluiert werden. Seit 2006 wurde uns das EFQM-Gütesiegel„Committed to Excellence“ mehrmals verliehen. Darüber hinaus unterliegen wir der jährlichen Erfolgskontrolle durch die Zuwendungsgeber des Bundes und der Länder, darunter das Bundesministerium des Inneren, das Bundesverwaltungsamt, das Bundes­ ministerium für Bildung und Forschung. Darüber ­hinaus wird die ordnungsgemäße Verwendung der uns zur Verfügung gestellten Mittel durch Wirtschaftsprüfer, Rechnungshöfe und Finanzämter kontrolliert. 74 Seit 2018 gibt es mit dem Arbeitskreis Qualitäts­ management ein stiftungsweites Gremium, das wichtige Veränderungen in den Geschäftsprozessen vorbereitet und begleitet. Er definiert Qualitätsstandards und fördert die stiftungsweite Zusammenarbeit. Bei der Weiterentwicklung von institutionellen Lernprozessen legen wir besonderen Wert auf die Analyse von Erfolgen und Misserfolgen in der Arbeit, die wir als wertvolle Quelle des Lernens intensiv diskutieren. Aus Verpflichtung gegenüber unserem Leitbild, unseren Zielgruppen, der Öffentlichkeit und unseren Zuwendungsgebern bleiben Innovation und Qualitätssicherung eine dauernde Aufgabe, damit das Lernen für Soziale Demokratie in der Friedrich-Ebert-Stiftung so wirkungsvoll wie möglich gestaltet wird. 75 Statt eines Nachworts Wir sehen uns Die vorangegangenen Kapitel haben das Selbstverständnis der ­politischen Bildungsarbeit der F­ riedrich-Ebert-Stiftung dargelegt: die Grundsätze unserer Arbeit, die Bedeutung der politischen B­ ildung für die(Soziale) Demokratie, unsere Ziele, die aus unserer Sicht ­besonders wichtigen Themen, mit denen wir uns beschäftigen, unsere Methoden­vielfalt und das Qualitätsmanagement. Wir werden auf der Basis der Werte der Sozialen Demokratie mit ­unseren vielfältigen Kompetenzen und mit einem stets wachen Geist für politische Entwicklungen in Deutschland, Europa und weltweit unsere politische Bildungs- und Beratungsarbeit fortsetzen. Dabei freuen wir uns, Fragen zu unserer Arbeit zu beantworten und sind dankbar für Anregungen von außen. Es fehlt am Ende nur noch: Das Tun. Das kann und will ein geschriebener Text nicht ersetzen. In diesem Sinne: Wir sehen uns bei einer der vielen Aktivitäten der Friedrich-Ebert-Stiftung. Im Namen aller Kolleginnen und Kollegen Dr. Manuela Erhart Dr. Sabine Fandrych 76 Impressum 78 Frei – Gerecht – Solidarisch Politische Bildung für soziale Demokratie Herausgegeber Friedrich-Ebert-Stiftung Politische Akademie Godesberger Allee 149 D-53170 Bonn Friedrich-Ebert-Stiftung Politischer Dialog Hiroshimastraße 17 D-10785 Berlin Autor_innen Matthias Eisel, Stefanie Elies, Manuela Erhart, ­Sabine Fandrych, Anna-Lena Koschig, Dietmar Molthagen, Kerstin Ott, Markus Trömmer, Urban Überschär Lektorat Valerie Lange – Interrobang Gestaltung und Satz agentur rubbeldiekatz GmbH, Bonn Druck Druckerei Brandt GmbH, Bonn Die Friedrich-Ebert-Stiftung ist im Qualitätsmanagement zertifiziert nach EFQM(European Foundation for Quality Management): Committed to Excellence Das Papier dieser Broschüre stammt aus nachhaltiger Forstwirtschaft und wird im Einklang mit dem Standard des Forest Stewardship Council(FSC)­produziert. ISBN 978-3-96250-522-6 © 2020 Friedrich-Ebert-Stiftung