A N A LY S E ARBEIT UND SOZIALE GERECHTIGKEIT MIT DEM RÜCKEN ZUR WAND Lateinamerikanische Gewerkschaften Achim Wachendorfer April 2020 Gewerkschaften spielten eine wichtige soziale und po­ litische Rolle bei der Entwick­ lung Lateinamerikas. Infolge der neoliberalen Agenda der 1990er-­Jahre verloren sie in den meis­ten Ländern jedoch drastisch an Bedeutung. Aktuell prägen ein heterogener Arbeitsmarkt sowie ein feind­ seliges politisches Umfeld die Situation der Gewerkschaften. Zudem stellen die Veränderun­ gen in der Arbeitswelt, wie die Digitalisierung, die Gewerk­ schaften vor neue Herausfor­ derungen. Um ihre Überle­ bensfähigkeit zu bewahren, müssen Gewerkschaften auch interne Reformen angehen und verstärkt Allianzen mit an­ deren gesellschaftlichen und politischen Akteuren suchen. ARBEIT UND SOZIALE GERECHTIGKEIT MIT DEM RÜCKEN ZUR WAND Lateinamerikanische Gewerkschaften Inhalt Die vielen Gesichter der lateinamerikanischen Gewerkschaften .................. 2 Wirtschaftliche Faktoren und politisches Umfeld begrenzen gewerkschaftliche Entfaltung ................................................ Korporative Gewerkschaftstraditionen sui generis in lateinamerikanischen Schlüsselländern ................................................ Gewerkschaftliche Innovationen: der Novo Sindicalismo in Brasilien ............ Gewerkschaftlicher Niedergang infolge des Neoliberalismus ...................... Gewerkschaften in Zeiten der sogenannten progressiven Regierungen ........ Zwischen Relevanz und Marginalisierung: zur aktuellen Situation der Gewerkschaften ............................................ Die internationale Verortung lateinamerikanischer Gewerkschaften ............ Ein Blick in die Zukunft ........................................................................ 8 Literatur ........................................................................................... 11 Abkürzungsverzeichnis 12 1 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – MIT DEM RÜCKEN ZUR WAND DIE VIELEN GESICHTER DER LATEIN­ AMERIKANISCHEN GEWERKSCHAFTEN Ein Markenzeichen der lateinamerikanischen Gewerkschaf­ ten ist ihre Vielfalt. In ihrer wechselvollen Geschichte haben sie einzigartige Ausdrucksformen entwickelt und unter­ schiedliche, manchmal gegensätzliche Rollen und Funktio­ nen eingenommen. So haben Gewerkschaften in Ländern wie Chile, Uruguay, Brasilien, Bolivien, Peru und Argentinien in den 1970/­1980er-­ Jahren entscheidende Beiträge für die Überwindung von Mili­ tärdiktaturen und die Wiederherstellung demokratischer Rechte geleistet. Auf der anderen Seite arrangierten sich Ge­ werkschaften mit neoliberalen Regierungen – wie mit der Menem-Regierung in Argentinien – oder paktierten wie im Falle Mexikos jahrzehntelang mit Regimen, die erhebliche De­ mokratiedefizite aufwiesen(Levitsky / Mainwaring 2009: 108). Viele Gewerkschaften verfolgen explizit gesellschaftspoliti­ sche Ziele, da sie von der Erfahrung und dem Bewusstsein geprägt sind, dass sich die sozialen Verhältnisse in der Regi­ on mit der weltweit größten Ungleichheit nicht nur durch Tarifverhandlungen verändern lassen. Um ihre Ziele zu errei­ chen und ihre Verhandlungsmacht zu stärken, sind diese Gewerkschaften häufig strategische Allianzen mit anderen Akteuren eingegangen. Beispiele dafür sind die Gewerk­ schaftsdachverbände CUT Brasilien, PIT-CNT Uruguay, CTA Argentinien und UNT Mexiko. In anderen Fällen lehnen Ge­ werkschaften solche Allianzen hingegen ab und begrenzen ihr Handeln strikt auf die direkte Interessenvertretung. Die meisten Gewerkschaften verbleiben männerdominierte Organisationen. Obwohl der Anteil von Frauen auf dem Ar­ beitsmarkt und in den Gewerkschaften in den letzten Jahr­ zehnten stark angestiegen ist, sind sie weiterhin kaum in ge­ werkschaftlichen Führungspositionen vertreten. Anders(oder unterschiedlich) verliefen die Entwicklungen im wichtigsten und größten Dachverband der Region, der CUT Brasilien. Nach langen Auseinandersetzungen konnten die Gewerk­ schafter_innen Genderparität auf allen Führungsebenen und eine Öffnung der Organisation für genderspezifische Themen durchsetzen – ein weltweit ziemlich einmaliger Fall. Es gibt sowohl finanziell schlecht gestellte als auch reiche Gewerkschaften. Letzteren wurde im Gegenzug für politi­ sches Wohlverhalten oft Zugriff auf attraktive Finanzie­ rungsquellen gewährt. In Argentinien verfügen die Gewerk­ schaften seit den 1960er-Jahren über eigene Krankenkas­ sen; in Brasilien profitierten sie jahrzehntelang von der Ge­ werkschaftssteuer, einer Zwangsabgabe, die alle Arbeitneh­ mer_innen zahlen mussten. In anderen Ländern überleben Gewerkschaften nur prekär auf der Basis niedriger Mit­ gliedsbeiträge. Die Landwirtschaft hat drastisch an Bedeutung verloren. Dennoch gibt es aktive und mobilisierungsfähige Gewerk­ schaften und Verbände von Landarbeiter_innen sowie Klein­ bäuer_innen, die in Ländern wie Brasilien und Bolivien eng mit den»klassischen« Gewerkschaften verbunden sind. In der überwiegenden Mehrheit der Länder bestehen je­ weils mehrere gewerkschaftliche Dachverbände. Besonders hoch ist deren Zahl in einigen kleineren Ländern, die von ge­ werkschaftlicher Atomisierung und einem niedrigen Organi­ sationsgrad geprägt sind. Im Gegensatz dazu konnten sich in größeren Ländern allerdings auch Gewerkschaftskulturen herausbilden, die von einem starken Einheitsgedanken ge­ prägt sind. So geschehen in Bolivien(COB seit 1952) und Uruguay(CNT, später PIT-CNT seit 1964). Ein Sonderfall ist Kuba, wo nach der Revolution 1959 – analog zum staatsso­ zialistischen Gewerkschaftsmodell der ehemaligen Sowjet­ union – der Einheitsverband CTC ins Leben gerufen wurde. Während die meisten Gewerkschaften klassische Funktio­ nen wahrnehmen, haben sich zum Beispiel in Mexiko spezi­ fische Ausdrucksformen herausgebildet. Dort sind soge­ nannte Simulationsgewerkschaften weit verbreitet – eine Variante, die im Widerspruch zu allen gewerkschaftlichen Prinzipien steht. Zwielichtige Anwält_innen, die über eine offizielle staatliche Registrierung zur Gründung einer Ge­ werkschaft verfügen, offerieren Unternehmen»Schutzver­ träge«, die lediglich Arbeitgeber_inneninteressen repräsen­ tieren und deren Existenz und Inhalte den Beschäftigten nicht bekannt sind. WIRTSCHAFTLICHE FAKTOREN UND ­POLITISCHES UMFELD BEGRENZEN ­GEWERKSCHAFTLICHE ENTFALTUNG Trotz der markanten Unterschiede zwischen den gewerk­ schaftlichen Akteuren lassen sich einige gemeinsame Ten­ denzen im politischen und ökonomischen Umfeld der Ge­ werkschaften feststellen. Die lateinamerikanische Wirtschaft ist historisch auf den Ex­ port von Rohstoffen ausgerichtet, wodurch sich eine vielfäl­ tige Abhängigkeit von den industrialisierten Ländern und Metropolen verfestigt hat(Waldmann 1983). Obwohl sich in einigen größeren Ländern im Rahmen der Importsubstitu­ tion zeitweise ein wichtiger Industriesektor herausgebildet hatte, kam es zu keinem Zeitpunkt zu einer industriellen Dy­ namik wie in Europa, Nordamerika oder Teilen von Asien. Auch die verstärkte Einbeziehung der Region in die globale Dynamik hat ihre Rolle als prioritäre Rohstofflieferantin nicht grundlegend verändert. Mit China ist ein neuer wichtiger Exportmarkt hinzugekommen und eine größere Anzahl von transnationalen Unternehmen engagiert sich mittlerweile in der Region. Der aus dieser wirtschaftlichen Entwicklung entstandene, hochgradig heterogene Arbeitsmarkt weist einige Merkmale auf, die das gewerkschaftliche Organisationspotenzial dras­ tisch begrenzen. Dies gilt für die hohe Anzahl von Kleinun­ ternehmer_innen, die auf den nationalen Markt ausgerichtet sind, insbesondere aber für den umfangreichen informellen Arbeitsmarkt, wobei die Übergänge fließend bleiben. Aktuell arbeiten in Lateinamerika knapp 50 Prozent der Be­ schäftigten mit einem hohen Frauenanteil in der informellen 2 Korporative Gewerkschaftstra­ditionen sui generis in latein­amerikanischen Schlüsselländern Wirtschaft(Casabon 2017). Dabei gibt es regional und natio­ nal große Unterschiede: So ist der Anteil der in der informel­ len Wirtschaft Beschäftigten in den Ländern des Cono Sur mit etwa 30 bis 40 Prozent erheblich niedriger als in den meisten Ländern der Andenregion, Zentralamerikas und der Karibik, wo informelle Arbeitsverhältnisse Spitzenwerte von über 70 Prozent erreichen. Zwar gibt es Beispiele für die er­ folgreiche Organisierung von Beschäftigten in der informellen Wirtschaft, so im Agrarbereich oder bei Hausangestellten, in­ formelle Arbeitsbeziehungen bleiben jedoch eine schwer überwindbare Barriere für eine nachhaltige gewerkschaftli­ che Organisierung. Den Gewerkschaften, die oft große Orga­ nisationsdefizite im formellen Arbeitsmarkt aufweisen, fehlen in vielen Fällen Kapazitäten, Ressourcen, Know-how und oft auch der Wille, hier effektiv tätig zu werden. Knapp 80 Prozent aller Arbeitnehmer_innen in der Privat­ wirtschaft konzentrieren sich in Betrieben mit weniger als 20 Beschäftigten(Villavicencio Ríos 2014). In diesen Kleinbetrie­ ben dominieren in der Regel patriarchalische und familiäre Strukturen, die zusammen mit legalen Organisationsverbo­ ten eine gewerkschaftliche Organisierung erschweren oder sogar unmöglich machen. Gleichzeitig beeinträchtigen politische Faktoren die Gestal­ tungs- und Entwicklungsmöglichkeiten von Gewerkschaf­ ten. So haben die herrschenden politischen und ökonomi­ schen Eliten Lateinamerikas historisch ein gespaltenes Ver­ hältnis zu Gewerkschaften. Sofern sich Gewerkschaften der politischen Agenda und Strategie einer Regierung unterord­ nen oder sich zumindest in sie einfügen, werden sie zumeist geduldet oder sogar gefördert. Gewerkschaften, die hinge­ gen Autonomie einfordern, werden – von wenigen Ausnah­ men abgesehen – drangsaliert und ausgegrenzt. Die Ablehnung unabhängiger Gewerkschaften schlägt sich auch in einer langen Tradition staatlicher Interventionen in gewerkschaftliche Belange nieder(Villavicencio Ríos 2014: 118f.). Dabei handelt es sich nach den Worten Oscar Ermida Uriartes, eines bekannten Experten für Arbeitsrecht, um ei­ ne Obsession des Staates, Gewerkschaften und ihre Aktivi­ täten zu kontrollieren(1993: 31). Die daraus erwachsene ex­ zessive Regulierung gewerkschaftlicher Aktivitäten steht häufig im Widerspruch zu dem zentralen ILO-Übereinkom­ men 87 über Gewerkschaftsfreiheit. Die Ausnahme von der Regel bildet Uruguay, wo sich eine andere politische und ju­ ristische Tradition entwickeln konnte. In zahlreichen lateinamerikanischen Ländern diktiert der Staat die Art und Weise, wie sich Gewerkschaften zu organi­ sieren haben. Für ihre Anerkennung müssen sie oft kompli­ zierte und langwierige Prozesse durchlaufen. Der Staat kann in vielfältiger Form in Tarifverhandlungen und Tarifabkom­ men eingreifen. Dieser Einfluss wird durch multiple Begren­ zungen des Streikrechts ergänzt. In den meisten Ländern der Region dominieren Betriebsgewerkschaften, die aber in der Regel nur in Betrieben mit mindestens 20 Arbeitnehmer_in­ nen gegründet werden können(Villavicencio Ríos 2014: 119). In diesem Sinne sind Atomisierung und Zersplitterung der Gewerkschaften nicht in erster Linie deren eigenem Un­ vermögen zuzuschreiben, sondern Folge rigider staatlicher Vorschriften. Oft genug werden die Interventionsmöglichkei­ ten des Staates manipulativ genutzt; dadurch ergibt sich eine tiefe Kluft zwischen Recht und Realität(Ermida Uriarte 1993). So wurden zum Beispiel unter verschiedenen Regierungen in Argentinien, Mexiko oder Kolumbien den Gewerkschaften, die nicht auf Regierungslinie lagen, die Anerkennung und Ta­ riffähigkeit verweigert. Die vielfältigen Eingriffe des Staates in gewerkschaftliche Handlungsfelder haben ihrerseits die Politisierung von Arbeitskonflikten zur Folge. Viele gewerk­ schaftliche Proteste richten sich dann nicht nur gegen Unter­ nehmen, sondern auch gegen die Staatsmacht. Weitaus stärker als unter legalen Restriktionen bei gewählten Regierungen haben Gewerkschaften unter Diktatur und au­ toritärer Herrschaft gelitten, die prägend für viele lateiname­ rikanische Länder waren. Dies galt in hohem Maße für die verschiedenen Militärdiktaturen, die in den 1960/1970er-Jah­ ren das gesamte südliche Lateinamerika erfassten. Gewerk­ schafter_innen waren eine der bevorzugten Zielgruppen staatlicher Repression. Viele wurden ermordet, inhaftiert, ins Exil getrieben oder verloren ihren Arbeitsplatz. Doch auch in Ländern mit demokratisch legitimierten Regierungen können Gewerkschaften mitunter nur prekär überleben. Der drama­ tischste Fall ist Kolumbien, wo allein zwischen 1984 und 2011 über 2.800 Gewerkschafter_innen ermordet wurden (PNUD 2013). Diese Zustände machten Kolumbien zum welt­ weit gefährlichsten Land für Gewerkschafter_innen. Der ko­ lumbianische Staat war nicht in der Lage, sie adäquat zu schützen. Ähnlich schutzlos sind Gewerkschafter_innen auch in anderen Ländern wie Guatemala und Honduras. Die Kon­ sequenzen waren in allen Fällen fatal: eine kontinuierliche und konstante Fortentwicklung der Gewerkschaften wurde brutal verhindert und oft genug gingen ganze Generationen von Gewerkschafter_innen verloren. KORPORATIVE GEWERKSCHAFTSTRA­ DITIONEN SUI GENERIS IN LATEIN­ AMERIKANISCHEN SCHLÜSSELLÄNDERN Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich in den urbanen Zentren und Exportenklaven vor allem des südlichen Latein­ amerikas und Mexikos Gewerkschaften herausgebildet. An­ dere Länder zogen nach. Die Anfänge der Gewerkschaftsbe­ wegung waren in hohem Maße von europäischen Im­ migrant_innen und Intellektuellen geprägt, die ihre Organisa­ tionserfahrungen und politischen Überzeugungen einbrach­ ten. Der Agrarsektor, in dem sich damals noch eine Mehrheit der Beschäftigten konzentrierte, wurde von dieser Entwick­ lung zunächst nicht berührt. Bis in die 1930er-Jahre hinein dominierten in den Gewerkschaften anarchistische bezie­ hungsweise anarchosyndikalistische, sozialistische und kom­ munistische sowie in geringerem Maße christliche(Sozialen­ zyklika Rerum Novarum von 1891) Ideen und Vorstellungen. Seit den 1930er-Jahren kam es in den wichtigsten Ländern Lateinamerikas zu einer weitreichenden und nachhaltigen Transformation der Gewerkschaftssysteme. Eine kurze Ana­ lyse dieser in der Fachliteratur ausführlich kommentierten, 3 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – MIT DEM RÜCKEN ZUR WAND profunden Umgestaltung zuvor»klassischer« Gewerkschaf­ ten in korporative Gewerkschaftsstrukturen mit einer spezi­ fisch lateinamerikanischen Ausprägung ist aus mehreren Gründen geboten. Zum einen erfolgten diese Entwicklun­ gen – etwa zeitgleich – in den wichtigsten Ländern der Re­ gion, in denen sich circa 60 Prozent(1950) der Bevölkerung konzentrierten; zum anderen prägten sie jahrzehntelang die Gewerkschaftskultur der entsprechenden Länder und wir­ ken teilweise bis heute nach. In ihrer Entstehung, den spezifischen Ausformungen und den Ergebnissen weisen diese gewerkschaftlichen Transformati­ onsprozesse in Brasilien, Mexiko und Argentinien zwar wich­ tige Unterschiede auf, jedoch gibt es auch Gemeinsamkeiten. Im Brasilien der 1930er-Jahre etablierte der Diktator Getulio Vargas(1930–1945; 1950–1954 gewählter Präsident) ein einheitliches vertikales Gewerkschaftssystem, das de facto unter staatlicher Kontrolle stand, wobei das Arbeitsgesetz des faschistischen Italiens(Carta di Lavoro) als Referenz diente. Die Gewerkschaften wurden nach Wirtschaftszwei­ gen organisiert(Martins Rodrigues 2009). Da es keinen na­ tionalen Dachverband gab, waren die politischen Gestal­ tungsmöglichkeiten der Gewerkschaften begrenzt. Sie ver­ fügten jedoch dank einer Gewerkschaftssteuer(imposto sindical) über beträchtliche ökonomische Ressourcen. Erst in den 1970er-Jahren wurden diese Gewerkschaftsstruktur und das daraus resultierende Gewerkschaftsverständnis in­ frage gestellt. In Argentinien schuf General Juan Domingo Perón in seiner Funktion als Arbeitsminister(1943–1945) einer Militärre­ gierung und anschließend als gewählter Präsident(1946– 1955) ebenfalls ein neues Gewerkschaftssystem, dessen Kern mächtige hierarchisch strukturierte Industriegewerk­ schaften bildeten, die im Dachverband CGT zusammenge­ fasst wurden. Zuvor bestehende anarchistische, sozialisti­ sche und kommunistische Tendenzen wurden ausgeschal­ tet. Anders als in Brasilien wurde den Gewerkschaften mit dem Ziel, das peronistische Entwicklungsmodell durchzu­ setzen, nicht nur ökonomische, sondern auch politische Macht eingeräumt. Nach dem Sturz Peróns 1955 konnten die Gewerkschaften ihre starke Position halten und bewie­ sen auch unter widrigen Bedingungen eine beachtliche Überlebensfähigkeit. Unter der Militärregierung Juan Car­ los Onganías(1966–1970) wurde die Macht der Gewerk­ schaften durch die Verfügungsgewalt über die obras sociales, de facto Krankenkassen für Arbeitnehmer_innen und ihre Familien, erweitert. Die große Mehrheit der Gewerk­ schaften in Argentinien hat ihre peronistische Identität be­ wahrt. Diese wenig greifbare, diffuse Weltsicht erlaubt ih­ nen, sowohl mit den unterschiedlichen peronistischen als auch mit politisch anders orientierten Regierungen prag­ matisch und flexibel Absprachen zu treffen, Kooperatio­ nen einzugehen und Abkommen zu schließen. In Mexiko öffnete Staatspräsident Lázaro Cárdenas Ende der 1930er-Jahre die Revolutionspartei Partido de la Revolución Mexicana(PRM), die später zur Partido Revolucionario Institu­ cional(PRI) mutierte, auch für die Organisationen von Arbei­ ter_innen und landwirtschaftlich Beschäftigten. Dies markier­ te den Beginn einer jahrzehntelangen korporativen»Interes­ sengemeinschaft« zwischen der Systempartei PRI, dem mexi­ kanischen Staat und dem Gewerkschaftsapparat. Für das Re­ gime brachte diese Verknüpfung Legitimität, Machtzuwachs und sozialen Frieden, für die Gewerkschaften Teilhabe an der Macht und Zugang zu großen ökonomischen Ressourcen. Wenngleich diese Interessengemeinschaft in den ersten Jah­ ren etwa bei Kollektivverhandlungen durchaus beachtliche Fortschritte für Gewerkschaften erzielte, zementierte sie langfristig die Unterordnung der Gewerkschaften unter die diversen PRI-Regierungen(Manz 2015). Als dieses korporati­ ve Modell in den 1980er-Jahren infolge neoliberaler Regie­ rungspolitik in die Krise geriet und die PRI im Jahre 2000 nach über 70 Jahren zudem die Regierungsgeschäfte abgeben musste, zerfiel diese Interessengemeinschaft, was zu einem rapiden Bedeutungsverlust der Gewerkschaften führte. In dem so entstandenen korporativen Gewerkschaftsmodell wurden in allen drei Ländern die Beziehungen zwischen Ge­ werkschaften und Staat neu geregelt. Dabei wurde den Ge­ werkschaften eine klare Rolle in der jeweiligen politischen Strategie der Regime zugeschrieben. Für die Gewerkschaf­ ten barg diese neue Konstellation wiederum handfeste Vor­ teile, die sich in einer beachtlichen Erhöhung der Mitglieds­ zahlen, der Ausweitung von Arbeitnehmer_innenrechten, in symbolischer Aufwertung und im Zugang zur politischen Macht ausdrückten. In allen drei Varianten korporativer Gewerkschaftspolitik tra­ ten im Laufe der Zeit die negativen Aspekte dieses Gewerk­ schaftsmodells in den Vordergrund, die sich in demokrati­ schen Defiziten, geringer Alternanz in den Führungspositio­ nen, Anfälligkeit für Korruption und in der wachsenden Kluft zwischen Mitgliedschaft und bürokratisierter Führung sowie einem generell schlechten Image in der Öffentlichkeit wider­ spiegelten. In allen drei Ländern wurde das korporative System immer wieder von oppositionellen Gewerkschaftsströmungen in­ frage gestellt. Doch nur in Brasilien konnten sich die oppos­ tionellen Strömungen als dominant durchsetzen. In anderen lateinamerikanischen Ländern kam es nicht zu vergleichbaren Entwicklungen. Dort dominierten in den meisten Gewerkschaften weiterhin kommunistische, sozia­ listische oder linke sowie sozialdemokratische, christliche und am US-Modell orientierte Richtungsgewerkschaften, in der Regel in Allianz mit den entsprechenden Parteien. GEWERKSCHAFTLICHE INNOVATIONEN: DER NOVO SINDICALISMO IN BRASILIEN Das von Getúlio Vargas im Brasilien der 1930er-Jahre geschaf­ fene Gewerkschaftssystem hatte verschiedene Regierungs­ formen und auch den längsten Teil der Militärdiktatur weitge­ hend unbeschadet überstanden. Doch dann wurde seine Da­ seinsberechtigung von einem neuen Akteur, dem novo sindicalismo, radikal infrage gestellt. Der novo sindicalismo, eben­ 4 Gewerkschaftlicher Niedergang infolge des Neoliberalismus falls eine spezifisch lateinamerikanische Gewerkschaftsvari­ ante, war letztlich Ausdruck einer neuen Arbeiterklasse, die sich als Folge einer dynamischen Industrialisierung in den 1960er/1970er-Jahren im Großraum von São Paulo, dem so­ genannten ABC, herausgebildet hatte. Motor dieses lokal be­ grenzten Industrialisierungsprozesses waren Konzernfilialen der großen Automobilunternehmen. Der novo sindicalismo, dessen prägende Führungsfigur der spätere zweimalige Staatspräsident Luis Inácio Lula da Silva war, konfligierte so­ wohl mit der endenden Militärdiktatur als auch mit dem tra­ ditionellen Gewerkschaftsapparat(Rodrigues 1997). Der novo sindicalismo wies relevante Unterschiede zu den bislang bestehenden Gewerkschaften auf, war bis zu einem gewissen Grad auch ein Gegenmodell zu den korporativen Gewerkschaften und ist sicherlich die wichtigste gewerk­ schaftliche Innovation Lateinamerikas in den letzten Jahr­ zehnten. Aus ihm ging 1983 der nationale Dachverband CUT hervor, aktuell mit circa acht Millionen Mitgliedern der größte Lateinamerikas, wenngleich neben ihm auch andere Dachverbände mit unterschiedlicher politischer Ausprägung existieren(Rademacher / Melleiro 2007: 125f.). Ein Marken­ zeichen des novo sindicalismo und später der CUT war die Fähigkeit, lang dauernde tragfähige Allianzen mit anderen sozialen Bewegungen einzugehen, deren Forderungen auf­ zunehmen und in die Gewerkschaftsagenda einzubeziehen. In diesem Sinne engagierte sich die CUT frühzeitig für die Rechte von Frauen in der Arbeitswelt, im Kampf gegen Ras­ sismus und für eine nachhaltige Umweltpolitik. Die Zusam­ menarbeit der CUT mit feministischen Gruppierungen trug wesentlich dazu bei, sowohl eine umfassende Genderpolitik innerhalb der Organisation durchzusetzen als auch den Dachverband nach außen als anerkannten Akteur für Gleich­ stellung zu profilieren(Godinho Delgado 2017). Während sich politisch und gesellschaftlich ein profunder Wandel in der Gewerkschaftsbewegung vollzog, blieben in der Gesetzgebung wesentliche Teile des korporativen Erbes bestehen(Bensusán 2016). Der novo sindicalismo war auch Geburtshelfer der 1983 ge­ gründeten Arbeiterpartei(PT), die sich zu einer der wichtigs­ ten Parteien des Landes entwickeln sollte. Die strategische Allianz zwischen PT und CUT hielt auch in den folgenden Jahrzehnten, wobei beide Seiten weitgehend ihre Autono­ mie bewahrten. GEWERKSCHAFTLICHER NIEDERGANG INFOLGE DES NEOLIBERALISMUS Die Militärdiktaturen, die sich seit den 1960er-Jahren nach und nach im südlichen Lateinamerika ausbreiteten, gingen mit aller Härte gegen Gewerkschaften vor. Organisationen wurden aufgelöst und verboten, zahlreiche Gewerkschaf­ ter_innen verfolgt, gefoltert, ermordet, ins Exil oder den Un­ tergrund getrieben. Dennoch fiel den Gewerkschaften, vor allem in Chile, Uruguay und Brasilien, eine tragende Rolle im Widerstand gegen diese Diktaturen und für die Wiederher­ stellung der Demokratie zu. Infolgedessen vergrößerten Ge­ werkschaften ihren politischen Einfluss in der Phase des Übergangs von der Diktatur zur Demokratie. Dieser Zustand hielt allerdings nicht lange vor, da sich vor dem Hintergrund der vertieften Globalisierung in den 1990er-Jahren ein Konzept in der Region durchsetzte, das als Neoliberalismus oder»Konsens von Washington« bekannt wurde. Begünstigt wurde dessen Erfolg durch den Umstand, dass in der Mehrheit der lateinamerikanischen Länder Präsi­ denten aus dem Mitte-rechts-Spektrum regierten, die das Wohlwollen der Märkte genossen, sich außenpolitisch an den USA orientierten sowie eine Öffnung der Märkte und Privati­ sierungen vorantrieben. Diese Wirtschaftsprogramme, die oft zum Zusammenbruch ganzer Industrien führten, gingen in der Regel mit Deregulierung und Flexibilisierung der Arbeits­ beziehungen sowie in einigen Ländern mit der Privatisierung von Sozialversicherungen und öffentlichen Dienstleistungen einher. Armut, Informalisierung und gesellschaftliche Desinte­ grationsprozesse waren die Folgen(Cook 2004: 240). Von diesen Umwälzungen war mit Ausnahme Kubas die ge­ samte Region betroffen, wobei die Auswirkungen in den einzelnen Ländern unterschiedlich waren. In Chile war das neue Wirtschaftskonzept bereits unter dem Militärregime (1973–1989) durchgesetzt worden und wurde von nachfol­ genden demokratischen Regierungen nicht grundlegend in­ frage gestellt. Am konsequentesten wurde die neoliberale Agenda in Argentinien unter der Regierung des Peronisten Carlos Saúl Menem implementiert. In einigen Ländern wa­ ren die Auswirkungen weniger tiefgreifend, nicht zuletzt wegen des Widerstandes sozialer Akteure, darunter auch der Gewerkschaften. So gelang es in Uruguay mittels ge­ setzlich verpflichtender Volksabstimmungen, bei denen Ge­ werkschaften eine entscheidende Rolle spielten, die Privati­ sierung von Staatsbetrieben und der Sozialversicherung zu verhindern(Padrón/Wachendorfer 2017: 69). Doch insgesamt hatte die neoliberale Politik für die Gewerk­ schaften fatale Folgen(Levitsky/Mainwaring 2007: 130). Un­ ter dem Druck von wirtschaftlicher Liberalisierung, Privatisie­ rung und der Flexibilisierung der Arbeitsmärkte ging in vielen Ländern der Organisationsgrad drastisch zurück und die po­ litische Bedeutung der Gewerkschaften sank. Vor allem staatliche Unternehmen und Industrien, traditionell Hoch­ burgen gewerkschaftlicher Organisation, verblieben nach ih­ rer Privatisierung oft nahezu gewerkschaftsfrei. In den meis­ ten Fällen haben sich die Gewerkschaften bis heute nicht von den Folgen des Neoliberalismus erholt. Nur in wenigen Län­ dern wie in Argentinien und Brasilien konnten die Gewerk­ schaften, teilweise begünstigt durch die Relikte der korpora­ tiven Gesetzgebung, einigermaßen ihren Bestand sichern (Bensusán 2016: 53). GEWERKSCHAFTEN IN ZEITEN DER SOGE­ NANNTEN PROGRESSIVEN REGIERUNGEN Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kam es vor allem in Süd­ amerika zu weitreichenden politischen Veränderungen. In einer Reihe von Ländern übernahmen im Laufe weniger 5 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – MIT DEM RÜCKEN ZUR WAND Jahre Persönlichkeiten, Parteien und Bewegungen, die dem progressiven Umfeld zugerechnet wurden, die Regierung. Dieser tiefgreifende politische Wandel war sowohl Aus­ druck einer Krise der traditionellen herrschenden Eliten als auch Folge der sozialen Verwerfungen durch die neolibera­ le Politik. Ein externer Faktor, der diesen Wandel begünstig­ te, war das reduzierte Interesse der USA an der Region. von Kirchners Ehefrau und Nachfolgerin, Cristina Fernández de Kirchner(2007–2015), kam es dann zum Bruch und zum Konflikt mit wichtigen Teilen der Gewerkschaften. Alles in al­ lem bedeutete die Regierungszeit der Kirchners jedoch eine beachtliche Aufwertung der Gewerkschaften, wobei regie­ rungskonforme Arbeiter_innenvertretungen besonders privi­ legiert, andere dagegen benachteiligt wurden. Viele lateinamerikanische Autor_innen betrachteten diese progressiven Regierungen, deren Lebensdauer sich zumeist auf zehn bis zwanzig Jahre begrenzte, als gleichwertig und weitgehend identisch. Tatsächlich gab es einige Gemein­ samkeiten: ein gegen den Neoliberalismus gerichteter Dis­ kurs, die Priorisierung der sozialen Agenda, eine Revalori­ sierung des Staates und der Politik sowie die Betonung von regionaler Integration und lateinamerikanischer Identität. Alle diese Regierungen profitierten zudem von dem Wirt­ schaftsboom, der infolge der hohen Weltmarktpreise für Rohstoffe nahezu ein Jahrzehnt anhielt und die Finanzie­ rung umfassender Sozialprogramme und Lohnerhöhungen ermöglichte. Doch trotz dieser Parallelen waren die betreffenden Regie­ rungen von Anfang an sehr verschieden, was sich im Laufe der Zeit immer stärker manifestierte. So gab es tiefgreifen­ de Unterschiede in Bezug auf die politischen Akteure, ihre politischen und wirtschaftlichen Ziele, den Regierungsstil, die Umsetzung der Reformagenda und das Demokratiever­ ständnis. Einer dieser Unterschiede bezieht sich auch auf das Verhältnis der Regierungen zu den Gewerkschaften. In den Ländern, wo diese am meisten von den Veränderun­ gen profitierten, waren Parteien und Persönlichkeiten an die Macht gekommen, die historisch enge Beziehungen zu Ge­ werkschaften aufwiesen. Im Brasilien war Luis Inácio»Lula« da Silva, historische Führungsfigur des novo sindicalismo, 2002 als Kandidat der Arbeiterpartei(PT) im dritten Anlauf zum Staatspräsidenten gewählt worden. Seine Kandidatur wurde nicht nur von der CUT, die enge Beziehungen zur PT pflegte, sondern von fast allen Gewerkschaften unterstützt. Unter den beiden Regierungen Lulas, in denen viele Ge­ werkschafter_innen wichtige Regierungsämter bekleideten, sowie unter seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff kam es zu einer erheblichen Ausweitung des gewerkschaftlichen Spiel­ raums(Krein/Dias 2017), was sich auch in einer beträchtli­ chen Steigerung der gewerkschaftlichen Mitgliedschaft aus­ drückte. Trotz einiger Reformen blieben die Grundlagen des korporativen Gewerkschaftssystems aber bestehen, auch weil die Linke im Parlament weiterhin in der Minderheit war und die konservativen Koalitionspartner entsprechende Re­ formen blockierten. In Uruguay hatten die Gewerkschaften in den 1990er-Jahren dramatische Mitgliederverluste hinnehmen müssen. Nicht zuletzt infolge der ausgeprägten sozialstaatlichen und de­ mokratischen Tradition des Landes spielten sie jedoch wei­ terhin eine wichtige politische Rolle und konnten sich ihre Mobilisierungsfähigkeit bewahren. Mit dem Wahlsieg Ende 2004 des linken Bündnisses Frente Amplio, dem langjährigen Verbündeten des Einheitsdachverbandes PIT-CNT, änderte sich die Situation grundlegend. Die zuvor vereinbarten um­ fangreichen Reformen in der Arbeitswelt wurden nach dem Regierungsantritt zügig umgesetzt, mit dem Ergebnis, dass sich die Situation der Beschäftigten, aber auch die Stellung der Gewerkschaften drastisch verbesserte. Das Tarifsystem wurde ausgeweitet, sodass aktuell circa 90 Prozent der ab­ hängig Beschäftigten durch Tarifverträge abgesichert sind – was wiederum zur Folge hatte, dass sich die gewerkschaftli­ che Organisationsrate verdreifachte. Damit verbunden war ein beträchtlicher politischer Machtzuwachs der Gewerk­ schaften(Padrón/Wachendorfer 2017). In Bolivien und Chile trug die Politik der progressiven Regie­ rungen nur wenig zu einer entscheidenden Besserstellung der Gewerkschaften bei. Die bolivianischen Gewerkschaf­ ten konnten auf eine glorreiche Vergangenheit zurückbli­ cken. So waren sie wesentlich an der Revolution von 1952 beteiligt, in deren Folge der Bergbau verstaatlicht und eine Agrarreform durchgeführt wurde. Im gleichen Jahr gründe­ te sich der Einheitsverband COB, der in den darauffolgen­ den Jahren eine wichtige Rolle spielte, seit den 1980er-Jah­ ren jedoch an Bedeutung verloren hat. Mit der Wahl von Evo Morales kam 2006 auch in Bolivien eine progressive Re­ gierung an die Macht. Anders jedoch als in Brasilien und Uruguay gab es keine historische Verbindung zwischen der Regierungspartei MAS, die ihre Wurzeln im Agrarbereich hatte, und der COB. Zwischen der neuen Regierung und der COB blieb das Verhältnis immer kompliziert. Zwar engagier­ te sich die COB 2012 für die Wiederwahl von Morales und forderte 2018 eine Regierungsbeteiligung, andererseits ver­ harrten wichtige Teile der Gewerkschaften in kritischer Dis­ tanz. Obwohl die Regierung mit einigen Reformen die Ge­ werkschaften gestärkt hat, haben sie an Bedeutung verlo­ ren, was sich auch in einem starken Rückgang der gewerk­ schaftlichen Organisationquote äußert. Nach der schweren Krise von 2001/2002 wurde in Argentini­ en 2003 überraschend Néstor Kirchner(2003–2007), einer von drei peronistischen Kandidaten, zum Präsidenten ge­ wählt. Obwohl er zu Beginn seiner Amtszeit kaum über ge­ werkschaftliche Unterstützung verfügte, gelang es ihm rela­ tiv schnell, sich durch eine gewerkschaftsfreundliche Politik der Unterstützung der drei CGT-Fraktionen und deren Kon­ kurrenzverband CTA zu versichern. Unter der Präsidentschaft Obwohl die ehemals starken chilenischen Gewerkschaften unter der Pinochet-Diktatur brutal verfolgt worden waren, leisteten sie einen entscheidenden Beitrag zur Überwindung der Militärdiktatur und zur Redemokratisierung. Die Regie­ rungsübernahme durch die Concertación(1990–2010), ein Mitte-links-Parteienbündnis, das enge Verbindungen zu den Gewerkschaften hatte, weckte Hoffnungen auf eine Verbes­ serung ihrer desolaten Situation und auf die Wiederherstel­ 6 Zwischen Relevanz und Margina­lisierung lung früherer Rechte(Drake 2003). Zwar verbesserten sich die politischen Rahmenbedingungen substanziell, doch For­ derungen der Gewerkschaften nach einer Reform der rest­ riktiven Arbeitsgesetzgebung von 1979 wurden immer wie­ der hintangestellt, teils mit dem Argument, die transición, den Übergang von der Diktatur zur Demokratie, nicht ge­ fährden zu wollen. Erst unter der zweiten Regierung von Mi­ chelle Bachelet(2014–2018) kam es zu einigen bescheide­ nen Reformen im Arbeitsrecht. Anders als zum Beispiel in Uruguay oder in Brasilien profitierten die chilenischen Ge­ werkschaften nur wenig von einer ihnen nahestehenden Re­ gierung, was sicherlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass es ihnen nicht gelang, überkommene Organisationsfor­ men zu überwinden und die traditionelle Unterordnung un­ ter die Agenda der regierenden Parteien zu durchbrechen. Anders entwickelte sich die Situation in Venezuela und Ecua­ dor. Weder die dort gewählten Präsidenten noch die jeweils auf ihre Person zugeschnittenen Bewegungen hatten Bezie­ hungen zu den Gewerkschaften. In Venezuela war 1999 mit dem Wahlsieg des ehemaligen Militärs Hugo Chávez der Konflikt mit dem historisch bedeutenden, eng mit der voran­ gegangenen Regierungspartei Acción Democrática verbun­ denen Dachverband CTV vorprogrammiert. Gleich zu Beginn versuchte die Regierung mit diversen Mitteln, die CTV auszu­ schalten, was von der ILO als Bruch grundlegender Rechte verurteilt wurde. Die Versuche, regierungskonforme Organi­ sationen wie zunächst die UNT und später die CSB aufzu­ bauen, waren langfristig wenig erfolgreich. Denn letztlich gab es in dem Konzept des»Sozialismus des 21. Jahrhun­ derts«, bei dem der Staat die Interessen der Bevölkerung de­ finierte, keinen Raum für auch nur ansatzweise unabhängige Gewerkschaften(Iranzo 2018: 108f.). Dies drückt sich auch in der neuen Arbeitsgesetzgebung aus, die dem Staat auf vielfältige Art ermöglicht, Gewerkschaften zu disziplinieren und in ihre internen Angelegenheiten einzugreifen. Als Fazit lässt sich für die Regierungszeit von Hugo Chávez und sei­ nem Nachfolger Nicolas Maduro festhalten, dass Gewerk­ schaften sowohl durch die Regierungspolitik als auch durch die sich in den letzten Jahren dramatisch verschärfende Wirt­ schaftskrise erheblich geschwächt wurden, was auch der be­ trächtliche Rückgang der Mitgliederzahlen belegt. In Ecuador war der Ökonom Rafael Correa 2007 zum Präsi­ denten gewählt worden. Zunächst unterstützten die vor al­ lem seit den 1990er-Jahren schwachen und zersplitterten Gewerkschaften die Regierung, zumal die 2008 verabschie­ dete Verfassung deutliche Fortschritte für die Arbeitsagenda enthielt. Doch dann gestalteten sich die Beziehungen zu­ nehmend komplizierter und konfliktiver: Zum einen trieb die Regierung die Schaffung eines loyalen Gewerkschaftssek­ tors voran(mit begrenztem Erfolg), zum anderen suchte sie den gewerkschaftlichen Aktionsraum mit legalen Mitteln einzuschränken. Ähnlich wie für die Regierung Chavez galt, dass soziale Organisationen akzeptiert und gefördert wur­ den, die sich der staatlichen Entwicklungsstrategie unterord­ neten; andere dagegen, die sich der Vereinnahmung durch die Regierung verweigerten, wurden ausgegrenzt. Nach den drei Präsidentschaften von Rafael Correa stand die Gewerk­ schaftsbewegung insgesamt eher schlechter da als zuvor. Als Fazit lässt sich festhalten, dass die gewerkschaftliche Situ­ ation in denjenigen Ländern, in denen enge historische Bezie­ hungen zwischen progressiver Regierung und Gewerkschaf­ ten bestanden, substanziell oder zumindest ein wenig verbes­ sert wurde. In Ländern, in denen diese Verbindung nicht exis­ tierte, wurden Gewerkschaften eher als Störenfriede empfun­ den. Versuche, eine eigene, regierungsnahe Gewerkschafts­ basis aufzubauen, wurden in diesen Fällen eher halbherzig betrieben und waren wenig erfolgreich. In den meisten Län­ dern wurden die progressiven Regierungen inzwischen abge­ löst oder sie zeigen, wie im Falle Venezuelas, schwere Krisen­ erscheinungen. Doch wirken die Ergebnisse ihrer Politik, gera­ de was die Gewerkschaften angeht, teilweise bis heute nach. ZWISCHEN RELEVANZ UND MARGINA­ LISIERUNG: ZUR AKTUELLEN SITUATION DER GEWERKSCHAFTEN In der Gewerkschaftslandschaft ist es zu grundlegenden Veränderungen gekommen. Verbände, die in den 1960erund 1970er-Jahren einflussreich waren, wie die CTM Mexi­ kos und die CTV Venezuelas, aber auch die CUT Chiles oder COB Boliviens, haben aus unterschiedlichen Gründen teilweise dramatisch an Bedeutung verloren. Aktuell finden sich im Cono Sur, dem südlichen Lateinameri­ ka, Elemente von Gewerkschaftsmacht, während in der An­ denregion, in Mexiko und Zentralamerika sowie in der Karibik Arbeitnehmer_innenorganisationen, von Ausnahmen abge­ sehen, nur noch begrenzte Relevanz haben. Dabei hat es durchaus seine Logik, dass sich die bedeutendsten Gewerk­ schaften in Argentinien, Uruguay und Brasilien befinden: Dank der vergleichsweise entwickelten Wirtschafts- und Sozi­ alstrukturen besteht dort ein höheres gewerkschaftliches Or­ ganisationspotenzial. So zählen diese drei Länder, in geringe­ rem Maße auch Chile, zu den wenigen, in deren Privatwirt­ schaft noch eine relevante gewerkschaftliche Organisation existiert. Dazu kommt, dass nach dem Ende der Diktaturen Gewerkschaften generell nicht verfolgt, sondern unter den progressiven Regierungen sogar gefördert und institutionell gestärkt wurden. Dies wirkte sich auch positiv auf die Erhö­ hung der gewerkschaftlichen Organisationsrate aus(Uruguay und Argentinien circa 40 Prozent, Brasilien circa 20 Prozent). Hierbei erweist sich als Vorteil, dass in Brasilien, Argentinien und Uruguay das Industrieprinzip(mit einer spezifischen Vari­ ante in Brasilien) dominiert, während Gewerkschaften an­ sonsten zumeist auf betrieblicher Ebene organisiert sind. Infol­ gedessen ist eine deutliche Mehrheit der formell Beschäftig­ ten durch Tarifverträge abgesichert: in Uruguay circa 90 Pro­ zent, in Argentinien circa 60 Prozent und etwas weniger als 60 Prozent in Brasilien(zum Vergleich: elf Prozent in Mexiko, zehn Prozent in Chile). In allen drei Ländern haben die Ge­ werkschaften mit unterschiedlichen Strategien auch in schwie­ rigen Zeiten ihre Überlebensfähigkeit bewiesen. So haben sich die wichtigsten Gewerkschaften Argentiniens dank ihres»his­ torischen Pragmatismus« mit den unterschiedlichsten Regie­ rungen arrangiert. In Brasilien und Uruguay haben die Ge­ werkschaften eine relativ hohe Mobilisierungsfähigkeit ge­ zeigt und durch umfassende politische und soziale Allianzen 7 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – MIT DEM RÜCKEN ZUR WAND ihre Relevanz steigern können. Allerdings deuten sich im Falle Brasiliens dramatische Veränderungen an: Nach dem fragwür­ digen parlamentarischen Impeachment-Verfahren, das 2016 zur Absetzung der Präsidentin Dilma Rousseff führte, hat sich die politische und finanzielle Situation der Gewerkschaften er­ heblich verschlechtert und ihr Handlungsspielraum reduziert. In den anderen südamerikanischen Ländern haben sich die Gewerkschaften nie richtig von den Folgen des Neoliberalis­ mus erholt. In einigen Ländern wie Chile und Bolivien stellt sich die Situation etwas besser dar, in Peru, Ecuador oder Pa­ raguay spielen Gewerkschaften hingegen eher eine margina­ le Rolle. In Kolumbien bleibt die Gewalt gegen Gewerkschaf­ ten, obwohl sie zurückgegangen ist, ein zentrales Problem. Auch in Mexiko, dem an Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft wichtigsten Land nach Brasilien, sind die Gewerkschaften ge­ schwächt. Die dortige Gewerkschaftslandschaft stellt sich als eine krude Mischung von Organisationen, die weiterhin von der autoritär-korporativen Tradition geprägt sind, von Simula­ tionsgewerkschaften mit»Schutzverträgen«, unternehmer­ nahen»gelben« Gewerkschaften und Ansätzen zum Aufbau demokratischer Gewerkschaften dar. In Zentralamerika finden sich unterschiedliche Tendenzen. Gemeinsamer Nenner ist, dass Gewerkschaften politisch wenig relevant sind und ihr Spielraum von Staat und Regie­ rungen in unterschiedlicher Weise eingegrenzt wird. In Gu­ atemala, El Salvador und Honduras haben Gewerkschaften unter langjährigen Diktaturen oder autoritären Regimen ge­ litten. Doch auch unter gewählten Regierungen bleibt in Guatemala und Honduras ein gewerkschaftsfeindliches Kli­ ma bestehen. Dagegen werden Gewerkschaften in Costa Rica, das als demokratisches Musterland gilt, zwar nicht ver­ folgt, doch wird in der Privatwirtschaft die Organisations­ freiheit stark eingeschränkt. In Nicaragua hat die sandinisti­ sche Revolution zu einer beachtlichen Ausweitung gewerk­ schaftlicher Organisation geführt(13 Prozent), wobei regie­ rungsnahe Gewerkschaften begünstigt wurden. Panama hat mit 18 Prozent eine relativ hohe Organisationsrate. Hier kommt vor allem der Baugewerkschaft Bedeutung zu. Für praktisch alle diese Länder, mit Ausnahme des Cono Sur, gilt, dass gewerkschaftliche Relevanz sich fast nur noch auf den öffentlichen Bereich beschränkt und die Privatwirt­ schaft weitgehend gewerkschaftsfrei bleibt. Dies zeigt sich exemplarisch in Costa Rica, wo sich im Privatsektor zwar 85 Prozent der Erwerbstätigen finden, von denen jedoch nur drei Prozent gewerkschaftlich organisiert sind, während der öffentliche Bereich eine relativ hohe Organisationsrate auf­ weist. Kuba bleibt ein Ausnahmefall. DIE INTERNATIONALE VERORTUNG LATEINAMERIKANISCHER GEWERK­ SCHAFTEN Internationale gewerkschaftliche Organisation spielt sich in Lateinamerika im Wesentlichen auf drei Ebenen ab: Neben den klassischen Formen, das heißt Zusammenschlüssen von Dachverbänden und Branchengewerkschaften, spielen als Folge der Globalisierung sogenannte Internationale Rah­ menabkommen und gewerkschaftliche Netzwerke in trans­ nationalen Unternehmen eine Rolle. Trotz der Einbindung Lateinamerikas in die globale wirtschaftliche Dynamik ist die Politik der Gewerkschaften wie auch in anderen Weltregio­ nen weiterhin national ausgerichtet. Somit spielt die interna­ tionale Agenda eine untergeordnete Rolle. Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts haben sich lateiname­ rikanische Gewerkschaften in regionalen und internationalen Zusammenschlüssen zusammengefunden. Nach dem Zwei­ ten Weltkrieg waren die lateinamerikanischen Regionalorga­ nisationen der internationalen Verbände von der Logik des Kalten Krieges und somit von der Konfrontation ideologi­ scher Lager geprägt. Dabei stand die ORIT, die kontinentale Regionalorganisation des eher sozialdemokratisch ausgerich­ teten IBFG, in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens stark unter dem Einfluss der US-Gewerkschaften, die sich wieder­ um als Instrument US-amerikanischer Außenpolitik verstan­ den und dank ihres finanzstarken Kooperationsinstituts be­ trächtlichen Einfluss auf einen relevanten Teil der lateinameri­ kanischen Gewerkschaften ausüben konnten. Mit dem zu­ nehmenden Selbstbewusstsein der lateinamerikanischen Ge­ werkschaften, dem größeren Interesse europäischer Organi­ sationen an der Region sowie einem Kurswechsel im US-amerikanischen Dachverband AFL-CIO öffnete sich die ORIT und wurde zunehmend attraktiver für Gewerkschafts­ verbände, die eher aus einem linken Umfeld kamen, wie zum Beispiel die brasilianische CUT. Auf der anderen Seite funktionierte die CPUSTAL de facto als Regionalverband des von der Sowjetunion dominierten Welt­ gewerkschaftsbundes und organisierte in Lateinamerika vor allem die Gewerkschaftsverbände, die von kommunistischen Parteien beeinflusst wurden. Die christliche CLAT versuchte ohne große Erfolge, sich als Regionalverband des WVA zwi­ schen ORIT und CPUSTAL zu positionieren. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und das Ende des Kal­ ten Krieges schufen neue Voraussetzungen. Der WGB ver­ sank in die Bedeutungslosigkeit, zwischen IBFG und dem klei­ neren WVA kam es zu einer Annäherung, die schließlich 2005 zu einer Fusion und zur Schaffung des IGB führte. Wenig später, Anfang 2008, wurde nach komplizierten Ver­ handlungen die entsprechende Regionalorganisation CSA ins Leben gerufen, in der sich die ORIT, die CLAT sowie eine Rei­ he von wichtigen, bislang nicht international organisierten Verbänden(wie die CTA Argentiniens und die CUT Kolumbi­ ens) zusammenfanden(Wachendorfer 2007). Der neue Ver­ band(50 Mio. Mitglieder) suchte den Schulterschluss mit den progressiven Regierungen, schloss umfassende Allianzen mit anderen sozialen Organisationen und Bewegungen und ent­ wickelte mit partizipativen Methoden ein Programm, das auf gesellschaftliche Veränderungen in der Region ausgerichtet war. In Bereichen wie Umwelt, Handel und Gender vertrat die CSA weitaus progressivere Positionen als viele der ihr ange­ schlossenen gewerkschaftlichen Dachverbände(Anigstein 2017). Dies provozierte schließlich Konflikte mit einem klei­ 8 Ein Blick in die Zukunft nen Teil der Mitgliedsorganisationen, die konservative Positio­ nen vertraten. Diese Verbände, darunter Forza Sindical aus Brasilien, CMT und CROM aus Mexiko, CGT Kolumbien und kleinere Organisationen, verließen 2017 die CSA und gründe­ ten wenig später ihren eigenen Verband, die ASL, der aller­ dings weitgehend inaktiv ist. Das Encuentro Sindical de Nuestro América(ESNA), das vom venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chávez ins Leben gerufen wurde und vor allem dank der organisatorischen Stütze der kubanischen CTC überlebt, hat sich eher als ideo­ logische Diskussionsplattform konstituiert. Das zweite Standbein der internationalen Gewerkschaftsbe­ wegung in Lateinamerika bilden die Regionalorganisationen der Global Union Federations(GUFs), insgesamt acht welt­ weite gewerkschaftliche Zusammenschlüsse auf Branchene­ bene. Mit zunehmender Globalisierung haben die GUFs vor allem durch die Förderung gewerkschaftlicher Interessenver­ tretungen in transnationalen Unternehmen an Relevanz ge­ wonnen. So konnten mit diversen transnationalen Konzernen Internationale Rahmenvereinbarungen(IRVs) abgeschlossen werden, mit denen unternehmensweit verbindliche Arbeitsund Sozialstandards festgelegt werden(Platzer/Rüb 2013). Diese generell positive Entwicklung stößt jedoch an ihre Grenzen: Zum einen beschränken sich die Abkommen nur auf Belegschaften der jeweiligen transnationalen Unternehmen, obgleich es zunehmend gelingt, auch Zulieferer einzubezie­ hen; zum anderen konnten diese Abkommen fast ausschließ­ lich mit europäischen Unternehmen abgeschlossen werden, wo eine entsprechende Gewerkschaftskultur vorherrscht, während zum Beispiel US-amerikanische oder chinesische Fir­ men außen vor bleiben. Auch in anderen Bereichen sind die GUFs zunehmend aktiv, so bei der Schaffung gemeinsamer Verhandlungsplattformen, in regionalen Initiativen zur Unter­ nehmensbesteuerung oder für handelspolitische Konzepte sowie Kampagnen zur Durchsetzung von Gewerkschafts­ rechten. Ein markantes Beispiel für die oben genannte Neuausrichtung der GUFs ist der erfolgreiche Aufbau eines gewerkschaftli­ chen Netzwerkes in der Fluglinie LATAM, mittlerweile eine der größten der Welt, die unter den beiden Marken LAN Chi­ le und TAM Brasilien operiert. Das Unternehmen mit unge­ fähr 47.000 Beschäftigten war für seine gewerkschaftsfeind­ liche Haltung berüchtigt. In einem langen Prozess, in den auch die International Transport Federation(ITF) involviert war, gelang es Gewerkschaften aus neun lateinamerikani­ schen Ländern sowie Spanien und Australien, ein seit 2006 gut funktionierendes Netzwerk aufzubauen, das mit Aktio­ nen, Streiks und Verhandlungen Erfolge verbuchen konnte, die sich auch in einer Reihe tariflicher Abkommen nieder­ schlagen(Feller / Conrow 2017: 112ff.). EIN BLICK IN DIE ZUKUNFT Generell steht es nicht besonders gut um die lateinamerika­ nischen Gewerkschaften. Vor allem die Jahre des Neolibera­ lismus haben sie nachhaltig geschwächt. Dabei geht es nicht nur um den generellen Rückgang der Organisationsrate, die im internationalen Vergleich nicht besonders niedrig ausfällt, sondern um ihre – von Ausnahmen abgesehen – schwache Stellung im politischen System. Doch damit stehen sie nicht allein da. Krisenerscheinungen lassen sich nicht nur in Latein­ amerika, sondern weltweit beobachten. Selbst in Westeuro­ pa, historisch die gewerkschaftliche Vorzeigeregion, sind Re­ levanz und Mitgliederzahlen der Gewerkschaften stark zu­ rückgegangen. Das gilt nicht zuletzt für Deutschland, wo – trotz vergleichsweise erheblich besserer ökonomischer und politischer Bedingungen – die gewerkschaftliche Organisati­ onsrate von 27 Prozent im Jahre 1994 auf nunmehr 17 Pro­ zent gesunken ist. Diese Entwicklung provoziert generell Fra­ gen nach der Zukunft der Gewerkschaften. Auch ein Blick in die Zukunft der Arbeitswelt zeigt, dass die Situation der Gewerkschaften nicht einfacher werden wird. Die prognostizierten Veränderungen, vor allem im Kontext der Digitalisierung der Wirtschaft, werden auch in Latein­ amerika Wirkung zeigen. Zwar gibt es bisher noch relativ wenige Studien zur Zukunft der Arbeit in der Region, den­ noch lassen sich bereits einige Tendenzen erkennen. So ge­ hen Weltbankprognosen und andere Studien davon aus, dass in Lateinamerika zwischen 50 Prozent und zwei Drittel der Jobs von der Digitalisierung betroffen sein werden(Dirk­ sen 2018). Andere Schätzungen wie von der OECD und der CEPAL, der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika, sind allerdings weitaus weniger pessimistisch und prognos­ tizieren als Folge des technologischen Wandels bis 2030 »nur« eine Zerstörung von ein bis zwei Prozent der Arbeits­ plätze(OECD). Allerdings werden die größten Verluste in den Sektoren erwartet, in denen Gewerkschaften noch re­ lativ präsent sind, nämlich in Industrie, Verwaltung und Ber­ gbau(Dirksen 2018). Neue Arbeitsplätze könnten vor allem in Bereichen mit niedrigerer Produktivität und mit geringe­ ren Löhnen entstehen – dort, wo gewerkschaftliche Organi­ sation schwierig ist. Es würde zu kurz greifen, nur äußere Umstände für die kom­ plizierte Situation der Gewerkschaften verantwortlich zu machen. In vielen Fällen sind interne Reformen seit Jahren überfällig. Einige der Problembereiche sind schon angespro­ chen worden: Zersplitterung, obsolete Organisationsstruk­ turen, Defizite bei interner Demokratie und Partizipation der Mitglieder, fehlender Generationenwechsel, männliche Do­ minanz in den Führungspositionen und Fehlen einer Gen­ derperspektive, geringe Attraktivität für Jugendliche und Frauen, kaum Konzepte für die Organisation in der informel­ len Wirtschaft sowie ein reduziertes Interesse an der inter­ nationalen Agenda. In Ländern wie Mexiko und Argentinien belasten zudem Korruptionsfälle und mangelhafte Transpa­ renz das Ansehen der Gewerkschaften. In anderen Ländern haben Gewerkschaften notwendige gesellschaftspolitische Reformen, so zum Beispiel im Bildungsbereich, blockiert. Solche Verhaltensformen tragen dazu bei, dass das Image der Gewerkschaften in der öffentlichen Meinung vieler Län­ der Lateinamerikas nicht besonders gut ist. In manchen Gewerkschaften wird jedoch darüber diskutiert, wie man sich den Herausforderungen stellen kann. In diesem 9 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – MIT DEM RÜCKEN ZUR WAND Sinne wurden vor allem im südlichen Lateinamerika interne Reformprozesse in Angriff genommen. Auch der Regional­ verband CSA versucht, Impulse zu geben. Da sich Verände­ rungen und Reformprozesse meist auf lokaler und regionaler Ebene vollziehen, sind sie auf nationaler Ebene kaum sichtbar. zeichnete, markiert Mexiko einen Gegentrend. Es bleibt ab­ zuwarten, ob die von der neuen Regierung bislang imple­ mentierten Reformen in der Arbeitsgesetzgebung in der La­ ge sind, positive Impulse für die desolate Gewerkschaftssitu­ ation zu geben. Von zentraler Bedeutung für das Überleben der Gewerk­ schaften wird sein, ob sie in der Lage sind, tragfähige und langfristige Allianzen mit anderen sozialen Akteuren zu ent­ wickeln, um notwendige gesellschaftliche Reformprozesse anzustoßen. Diese Zusammenschlüsse könnten dazu beitra­ gen, die strukturelle Schwäche der Gewerkschaften in eini­ gen Bereichen zu kompensieren. Zudem öffnen Allianzen mit anderen gesellschaftlichen Akteuren den Blick der Gewerk­ schaften für neue Themen, wie zum Beispiel die Nachhaltig­ keitsagenda, und erhöhen die Chancen, dass gewerkschaftli­ che Forderungen auch von anderen aufgegriffen werden. Zentral bleibt die Frage nach der Allianz mit politischen Ak­ teuren. Dies ist ein sensibler Punkt, da Bündnisse mit Parteien in der Vergangenheit für Gewerkschaften in einer Reihe von negativen Erfahrungen mündeten. Ursache dafür war in der Regel die Unterordnung unter die Agenda der Parteien bezie­ hungsweise des Staates und der damit einhergehende Verlust der Autonomie. Doch letztlich sind Allianzen mit politischen Akteuren, die eine Regierungsoption darstellen und offen für Kooperation mit Gewerkschaften sind, unabdingbar, um die in den meisten Ländern restriktive, tendenziell gewerk­ schaftsfeindliche Arbeits- und Gewerkschaftsgesetzgebung zu reformieren und ihre gesellschaftliche Position zu stärken. Struktureller Bedeutungsverlust, ein zumeist feindseliges po­ litisches Umfeld, die Notwendigkeit interner Reformen sowie massive Veränderungen in der Arbeitswelt prägen aktuell die Situation der Gewerkschaften. Zudem haben die heftigen und umfassenden sozialen Proteste in vielen lateinamerikani­ schen Ländern im Jahre 2019 verdeutlicht, dass Gewerk­ schaften nicht mehr die Speerspitze sozialer Mobilisierung sind. Es sind in erster Linie die Bewegungen von Studieren­ den, Frauen und Indigenen, die diese Rolle aktuell übernom­ men haben. Jedoch hat sich vor allem in Chile und Kolumbi­ en gezeigt, dass die Identifizierung und Solidarisierung der Gewerkschaften den Protestbewegungen eine zusätzliche Dynamik und ein ungleich größeres Gewicht gegeben ha­ ben. Auch das spricht dafür, dass Gewerkschaften – trotz al­ ler Probleme und vielleicht in veränderter Form – eine Zu­ kunft haben. Natürlich machen den Gewerkschaften auch die politischen Veränderungen der letzten Jahre zu schaffen. Mit den Wahl­ siegen der Konservativen in Argentinien, Chile, Kolumbien und Peru sowie dem fragwürdigen Impeachment-Verfahren in Brasilien, gefolgt vom Wahlsieg des rechtsextremen Ex-Mi­ litärs Jair Bolsonaro hat sich das politische Umfeld, in dem Ge­ werkschaften operieren, erheblich verschlechtert. Besonders dramatisch stellt sich die Situation in Brasilien dar: Schon 2017 war von der Übergangsregierung eine Arbeitsreform verab­ schiedet worden, die Gewerkschaften entscheidend schwäch­ te und einer extremen Flexibilisierung der Arbeitsbeziehun­ gen Tür und Tor öffnet(Portela 2017). Der seit Januar 2019 amtierende Präsident hat seine Abneigung gegen Gewerk­ schaften deutlich bekundet. Laut Präsident Bolsonaro müssen sich die Beschäftigten zwischen Rechten und Arbeitsplätzen entscheiden. In seinem ersten Amtsjahr hat seine Regierung bereits Maßnahmen getroffen, um die Gewerkschaften fi­ nanziell auszutrocknen. Das Arbeitsministerium wurde aufge­ löst, weitere Gesetze, mit denen Gewerkschaften zurückge­ drängt werden sollen, sind in Vorbereitung. Die daraus fol­ gende Schwächung der brasilianischen Gewerkschaften zeigt auch über das Land hinaus negative Wirkungen, da vor allem die CUT finanziell und politisch zu einer wichtigen Referenz der Regionalorganisationen und der Gewerkschaften in der Region geworden ist. Während sich in den letzten Jahren in nahezu allen latein­ amerikanischen Ländern eine klare Tendenz zu rechtslibera­ len, konservativen oder rechtsradikalen Regierungen ab­ 10 Literatur LITERATUR Anigstein, Cecilia(2017): Nuevos horizontes para el sindicalismo hemisférico: la Confederación Sindical de las Américas(CSA), Buenos Aires. Bensusán, Graciela(2016):»Organizing workers in Argentina, Brazil, Chile and Mexico. The Authoritarian-Corporatist Legacy and Old Institutional De­ signs in a New Context«, in: Theoretical Inquiries in Law, Vol. 17, S. 131–161. 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In diesem Zusammen­ hang war er auch für verschiedene regionale Gewerk­ schaftsprojekte zuständig. Er ist Autor diverser Publikationen zu Gewerkschaften und zur Arbeitswelt in Lateinamerika. Friedrich-Ebert-Stiftung| Referat Lateinamerika und Karibik Hiroshimastr. 28| 10785 Berlin| Deutschland Verantwortlich: Valeska Hesse, Leiterin des Referats Lateinamerika und Karibik Tel.:+49-30-269-35-7484| Fax:+49-30-269-35-9253 http://www.fes.de/referat-lateinamerika-und-karibik/ Bestellungen/ Kontakt: info-lak@fes.de Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-EbertStiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung. Diese Pub­ likation wird auf Papier aus nachhaltiger Forstwirtschaft gedruckt. ISBN 978-3-96250-511-0 MIT DEM RÜCKEN ZUR WAND Lateinamerikanische Gewerkschaften Trotz schwieriger Rahmenbedingungen spielten lateinamerikanische Gewerk­ schaften in unterschiedlichen Funktio­ nen eine wichtige Rolle in Politik, Wirt­ schaft und Gesellschaft. So trugen sie im südlichen Lateinamerika in den acht­ ziger Jahren zur Überwindung der vor­ herrschenden Militärdiktaturen und zur Wiederherstellung der Demokratie bei. Jedoch arrangierten sich auch einige Ge­ werkschaften mit neoliberalen Politiken oder paktierten mit demokratisch frag­ würdigen Regierungen. Die neoliberale Welle der Neunzigerjahre hatte dramati­ sche Auswirkungen auf die Gewerk­ schaften. Privatisierungen der Staatsbe­ triebe, Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und politischer Druck reduzierten so­ wohl ihre Organisationsfähigkeit als auch ihre politische Bedeutung. Nur in wenigen Ländern, wie Uruguay, Argen­ tinien und Brasilien verbesserte sich un­ ter den progressiven Regierungen in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts die Situation der Gewerkschaften. Ein wichtiges Hindernis für gewerk­ schaftliche Organisation bleibt der he­ terogene Arbeitsmarkt mit teils hoher Informalität. Durch die Wahl von rechts­ liberalen und rechtsradikalen Regierun­ gen mit dezidiert antigewerkschaftlicher Haltung wird zunehmend auch der poli­ tische Spielraum der Gewerkschaften eingeschränkt. Zudem wird durch die prognostizierten Veränderungen in der Arbeitswelt, wie der Digitalisierung, ihre Situation nicht einfacher werden. Doch nicht nur äußere Umstände sind für die problematische Situation der Ge­ werkschaften verantwortlich. Oftmals tragen Zersplitterung, obsolete Struktu­ ren, mangelhafte Genderpolitik, Ver­ nachlässigung der internationalen Agen­ da, undemokratische Willensbildungs­ prozesse, sowie Korruption zur Schwä­ che der Gewerkschaften bei. Allerdings steigt in Teilen der Gewerkschaften die Bereitschaft für Reformen. Von hoher Priorität, auch mit dem Ziel soziale und gesellschaftliche Reformen durchzuset­ zen, bleiben der Wille und die Fähigkeit der Gewerkschaften verstärkt strategi­ sche Allianzen mit politischen und sozia­ len Akteuren einzugehen. Dies kam bei den heftigen sozialen Protesten von 2019 zum Ausdruck, auch wenn sie ihre zuvor führende Rolle an andere gesell­ schaftliche Akteure abgeben mussten. Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie hier: www.fes.de/referat-lateinamerika-und-karibik