DISKURS 05/ 2020 Moritz Arndt, Kai Buschbom, Claudia Neu, Ljubica Nikolic, Helena Reingen, Maike Simmank, Berthold Vogel, Dagmar Wicklow SOZIALE ORTE Ein Konzept zur Stärkung lokalen Zusammenhalts WISO DISKURS 05/ 2020 Die Friedrich-Ebert-Stiftung Die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) wurde 1925 gegründet und ist die traditionsreichste politische Stiftung Deutschlands. Dem Vermächtnis ihres Namensgebers ist sie bis heute verpflichtet und setzt sich für die Grundwerte der Sozialen Demokratie ein: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ideell ist sie der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften verbunden. Die FES fördert die Soziale Demokratie vor allem durch: – politische Bildungsarbeit zur Stärkung der Zivilgesellschaft; – Politikberatung; – internationale Zusammenarbeit mit Auslandsbüros in über 100 Ländern; – Begabtenförderung; – das kollektive Gedächtnis der Sozialen Demokratie mit u. a. Archiv und Bibliothek. Die Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung Die Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik verknüpft Analyse und Diskussion an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik, Praxis und Öffentlichkeit, um Antworten auf aktuelle und grundsätzliche Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik zu geben. Wir bieten wirtschafts- und sozialpolitische Analysen und entwickeln Konzepte, die in einem von uns organisierten Dialog zwischen Wissenschaft, Politik, Praxis und Öffentlichkeit vermittelt werden. WISO Diskurs WISO Diskurse sind ausführlichere Expertisen und Studien, die Themen und politische Fragestellungen wissenschaftlich durchleuchten, fundierte politische Handlungsempfehlungen enthalten und einen Beitrag zur wissenschaftlich basierten Politikberatung leisten. Die Autor_innen Moritz Arndt hat einen Bachelorabschluss in Agrarwissenschaften von der Universität Hohenheim, seit 2018 studiert er evangelische Theologie in Göttingen. Kai Buschbom ist gelernter Bankkaufmann, studierte von 2011 bis 2015 an der Universität KasselWitzenhausen Ökologische Landwirtschaft und absolviert in Witzenhausen zurzeit seinen Master. Prof. Dr. Claudia Neu ist seit 2016 Professorin für Soziologie ländlicher Räume an den Universitäten Göttingen und Kassel. Ljubica Nikolic , Oecotrophologin(MA), ist seit 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Soziologie ländlicher Räume der Universität Göttingen. Helena Reingen-Eifler, Geografin und Ethnologin(MA), arbeitet seit Oktober 2017 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen(SOFI) an der Universität Göttingen. Maike Simmank, Soziologin(MA), ist seit 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen(SOFI) an der Universität Göttingen. Prof. Dr. Berthold Vogel ist Geschäftsführender Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) an der Universität Göttingen. Dagmar Wicklow ist gelernte Landwirtin, sie studierte Ökologische Landwirtschaft an der Universität Kassel-Witzenhausen und schloss 2019 mit dem Master ab. Unter Mitarbeit von Jenny Buchmann, Mira Fink, Lisa Langs, Jolanthe Miething, Miriam Schuster studierten im Wintersemester 2016/17 an der Universität Kassel-Witzenhausen im Fachbereich Ökologische Landwirtschaft. Für diese Publikation ist in der FES verantwortlich Max Ostermayer ist in der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik für den Arbeitsbereich Klima-, Energie- und Strukturpolitik verantwortlich und leitet den Arbeitskreis Nachhaltige Strukturpolitik. 05/ 2020 Moritz Arndt, Kai Buschbom, Claudia Neu, Ljubica Nikolic, Helena Reingen, Maike Simmank, Berthold Vogel, Dagmar Wicklow SOZIALE ORTE Ein Konzept zur Stärkung lokalen Zusammenhalts WISO DISKURS 2 Vorwort 3 Zusammenfassung 4 1 EINLEITUNG 6 2 GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT 7 3 RAUMORDNUNGSTHEORIE UND NEUER ANSATZ ZUR SICHERUNG DES GESELLSCHAFTLICHEN ZUSAMMENHALTS 7 3.1 Das Zentrale-Orte-Konzept 8 3.2 Das Soziale-Orte-Konzept 10 4 EINE FORSCHUNGSFRAGE – ZWEI LANDKREISE 10 4.1 Untersuchungsdesign 11 4.2 Landkreis Saalfeld-Rudolstadt 13 4.3 Landkreis Waldeck-Frankenberg 17 5 SOZIALE ORTE – FALLSTUDIEN AUS DEN LANDKREISEN 17 5.1 Fallstudien Saalfeld-Rudolstadt 23 5.2 Fallstudien Waldeck-Frankenberg 28 6 ZUSAMMENFASSENDE ERGEBNISSE DER FALLSTUDIEN UND HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN 31 7 SOZIALE ORTE UND DIE POLITIK DES ZUSAMMENHALTS 34 Literaturverzeichnis 36 Studienverzeichnis 36 Netzwerke FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 2 Vorwort Als am 18. Juli 2018 die Kommission„Gleichwertige Lebensverhältnisse“ von der Bundesregierung eingesetzt wurde, waren mit deren Arbeit viele Erwartungen verbunden. Denn über die letzten Jahrzehnte hatte die regionale Ungleichheit in Deutschland zugenommen. Die Lebensrealitäten der Menschen drifteten immer weiter auseinander. Der sozioökonomische Disparitätenbericht der Friedrich-Ebert-Stiftung hatte bereits im Jahr 2016 eine eindrückliche Bestandsaufnahme der regionalen Unterschiede gezeichnet, seine zweite Auflage im Jahr 2019 sollte dieses Bild bestätigen. Anlass dafür, dass dieses dringliche Thema auf höchster politischer Ebene behandelt wurde, waren sicherlich die rechtspopulistischen Wahlerfolge und die politische Polarisierung der vorausgegangenen Jahre. Auch wenn die Ursachen für diese Entwicklung vielfältig sind und sich nicht monokausal erklären lassen, stand rasch fest: Die teilweise grundverschiedenen Lebenswirklichkeiten der Menschen in Deutschland, die unterschiedliche Qualität der öffentlichen und privaten Daseinsvorsorge sowie der öffentlichen Infrastruktur spielten als Erklärungsfaktor eine wichtige Rolle. Dort, wo sich der Staat aus der Fläche zurückzieht, verschwinden auch Orte der Begegnung und des zivilgesellschaftlichen Engagements. Sei es das Schwimmbad, das vom lokalen Sportverein nicht länger genutzt werden kann, oder das Jugendzentrum mit seinen zahlreichen Kunst- und Kulturangeboten. Immer dort, wo es an finanziellen Ressourcen fehlt, fehlt es an öffentlichen Strukturen. Immer dort, wo es an öffentlichen Strukturen fehlt, fehlt es an Kristallisationspunkten für private Initiativen und lokalen Zusammenhalt. Kurz gesagt: an Sozialen Orten. Die vorliegende Publikation definiert fünf Voraussetzungen dafür, wie solche Sozialen Orte zur Stärkung des lokalen Zusammenhalts entstehen und gedeihen können. Eine zentrale Bedingung dafür ist das Vorhandensein öffentlicher Infrastrukturen und Institutionen und einer Verwaltung, die genügend Kapazitäten für Kooperationen und Dialog mit der lokalen Zivilgesellschaft hat. Dafür bedarf es vor allem finanzieller und personeller Ressourcen vor Ort. Bund und Länder sind deshalb gefragt, dafür die Voraussetzungen zu schaffen. Kommunen, die sich aus eigener Kraft nicht mehr von ihren Altschulden befreien können, müssen zügig entschuldet werden. Damit diese nicht von neuem hohe Kassenkredite anhäufen, sollte der Bund im Sinne des Konnexitätsprinzips einen höheren Finanzierungsanteil bei den Sozialausgaben übernehmen. Die deutlichen Mehreinnahmen der Länder im Zuge der Neuordnung der BundLänder-Finanzbeziehungen sollten sich zudem angemessen in den kommunalen Haushalten widerspiegeln. Nur so entsteht aufseiten der Kommunen langfristig ein größerer Handlungsspielraum. Die Ergebnisse der Regierungskommission Gleichwertige Lebensverhältnisse, die im Juli 2019 im Bundeskabinett verabschiedet wurden, gehen in die richtige Richtung. Es kommt jetzt darauf an, die politische Umsetzung engagiert voranzubringen. HANS EICHEL Bundesfinanzminister a. D. und Sprecher des Arbeitskreises Nachhaltige Strukturpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung MAX OSTERMAYER Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der FriedrichEbert-Stiftung SOZIALE ORTE WISO DISKURS 3 Zusammenfassung Die Sorge um die Polarisierung der Gesellschaft ist zu einem zentralen gesellschaftlichen Thema geworden. Angesichts der Verstetigung regionaler und sozialer Disparitäten stellt sich die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt neu. Soziale Milieus bleiben in einzelnen Stadtvierteln zunehmend unter sich, die Nutzer_innen digitaler Filterblasen bestärken sich gegenseitig in ihrer eigenen Meinung. Andere Stadtviertel verwahrlosen, periphere ländliche Räume schaffen den Anschluss an die gesamtgesellschaftliche Entwicklung nicht mehr. Wo aber begegnet sich die Gesellschaft noch? Die Frage stellt sich insbesondere dann, wenn der Abbau öffentlicher Infrastruktur die Orte der Begegnung – Schulen, Sparkassen und Schwimmbäder – verschwinden lässt. Dies führt nicht nur zur Verschlechterung der wohnortnahen Grundversorgung, sondern greift auch soziale Strukturen an. Denn fehlt es an Daseinsvorsorgeleistungen, die stets Motoren der sozialen und territorialen Integration waren, dann mangelt es auch an Orten der Begegnung und Kommunikation im öffentlichen Raum. Es fehlt an Orten, an die sich Engagement anheften kann. Doch wie entstehen diese Sozialen Orte? Am Beispiel zweier Landkreise – Saalfeld-Rudolstadt in Thüringen und Waldeck-Frankenberg in Hessen – wird aufgezeigt, was die Bedingungsfaktoren für die Institutionalisierung Sozialer Orte sind: 1. Unabdingbar für Soziale Orte sind das Vorhandensein und das Vorhalten öffentlicher Infrastrukturen und Institutionen. Soziale Orte entwickeln sich nicht gegen oder ohne öffentliche Strukturen, sondern mit ihnen. 2. Die Möglichkeit, nicht nur ein Projekt, sondern ein Prozess zu sein, ist entscheidend, da es nicht darum geht, immer wieder befristete Projekte zu ermöglichen, sondern Prozesse in Gang zu setzen, die nachhaltig nach dem Vorsorgeprinzip wirken können. 3. Für die Initiierung und Stabilisierung Sozialer Orte sind überdurchschnittlich engagierte und innovationsfähige Akteur_innen erforderlich. Zum Ehrenamt kann man niemanden zwingen, aber ermutigen!(Finanzielle) Unterstützung, Wertschätzung und Freiräume benötigen die Akteur_innen dringend. 4. Ein weiterer zentraler Punkt ist die Offenheit in der Verwaltung für partizipative Prozesse und innovative Kooperationen. Hilfreich wäre es, die Verwaltung als wichtigen Partner bei der Produktion von Zusammenhalt mitzudenken und ihre Rolle als demokratische Infrastruktur anzuerkennen. 5. Schließlich benötigen Soziale Orte überregionale Aufmerksamkeit und Einbindung. Soziale Orte sind netzwerkbedürftig und benötigen Anerkennung über den engeren lokalen Zusammenhang hinaus. Was braucht es also neben einer politischen Rückbesinnung auf den politischen Leitgedanken der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, um der gesellschaftlichen Polarisierung entgegenzuwirken und Zusammenhalt zu stärken? Eine Antwort lautet: Es braucht vor allem neue(Infra-)Strukturen und Institutionen, die öffentliche Orte schaffen, an denen Menschen zusammenkommen und Gesellschaft gestalten können. Ein wesentliches Kapital unserer Gesellschaft, diese Aufgabe zu bewältigen, bilden neben einer flächendeckend funktionierenden Daseinsvorsorge insbesondere das Engagement der Bürger­_innen, eine vielerorts aktive Kommunalverwaltung und eine kooperative Wirtschaft. Sie sind die Ressource einer vitalen demokratischen Gesellschaft – gerade auf der lokalen Ebene. Konkret bedeutet dies, dass ergänzend zur Pyramide hierarchisch organisierter Ober-, Mittel- und Unterzentren – dem Zentrale-Orte-Konzept der Raumordnung – neue tragfähige Infrastrukturen des Zusammenhalts entstehen müssen, die in der Horizontalen, also lokal, wirken können: ein horizontales Netz Sozialer Orte. Die Institutionalisierung Sozialer Orte, wie sie mit dem Soziale-Orte-Konzept angestrebt wird, ist dabei das genaue Gegenprogramm zur Absiedlung und Entleerung ländlicher Räume und segregierter Städte, das sich an der normativen Leitidee der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse orientiert. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 4 1 EINLEITUNG Die Schere zwischen prosperierenden und schrumpfenden Regionen, wachsenden Städten und sich lichtenden Dörfern, überforderten Kleinstädten und boomenden Agglomerationen öffnet sich. Angesichts der dispersen ökonomischen und demografischen Entwicklung fällt es immer schwerer, die sozialstrukturelle und räumliche Spaltung unserer Gesellschaft abzufangen und die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in allen Regionen der Bundesrepublik zu gewährleisten. Daseinsvorsorge und Infrastrukturen stehen nicht überall in angemessenem Umfang zur Verfügung, um die gesellschaftliche Teilhabe aller Bürger_innen zu gewährleisten. Dies gilt nicht nur für den ländlichen Raum, sondern auch für viele großstädtische Quartiere, die unter Segregation leiden. Dabei ist nicht zu übersehen, dass die in der Vergangenheit eingesetzten politischen und rechtlichen Ausgleichsinstrumente wie Länderfinanzausgleich, Solidaritätspakt und EUStrukturfonds ebenso wenig wie die unübersehbare Zahl an regionalspezifischen Modellprojekten eine raumwirksame Trendumkehr herbeigeführt haben. Eine ganze Reihe von Expertisen und Gutachten – so zum Beispiel die Raumordnungsberichte(2011, 2017) und die beiden Disparitätsberichte der Friedrich-Ebert-Stiftung(Albrech et al. 2015, Fink et al. 2019) belegen vor allem eines: Die Disparitäten und Unähnlichkeiten zwischen und in den verschiedenen Regionen der Bundesrepublik nehmen zu und verstetigen sich. Großstädtische Agglomerationen wie Hamburg oder Berlin wachsen. Arbeitskräftezuzug, hohe Gewerbeeinnahmen und attraktive Infrastruktur lassen die großen Städte boomen. Strukturdefizite werden hingegen durch die demografische Alterung und die Infrastrukturkrise noch weiter zugespitzt.„Ländlich geprägte Räume in der dauerhaften Strukturkrise“(Fink et al. 2019) schrumpfen und altern stark. Eine Entwicklung, so der aktuelle Disparitätenbericht der Friedrich-Ebert-Stiftung, von der ca. 8,1 Millionen Bundesbürger_innen betroffen sind. Der dauerhafte Infrastrukturabbau in der Fläche, der sich vor allem im Verlust von Gesundheits-, Bildungs-, Verwaltungs- und Kulturinfrastruktur manifestiert, hat nicht nur zu einer Verschlechterung der wohnortnahen Grundversorgung geführt, sondern hat auch soziale Strukturen„angegriffen“. Denn fehlt es hier an Daseinsvorsorgeleistungen, die stets Motoren der sozialen und territorialen Integration waren, SOZIALE ORTE WISO DISKURS 5 dann mangelt es auch an Orten der Begegnung und Kommunikation im öffentlichen Raum. Hinzu kommt: Mit der Schließung lokaler Verwaltungseinrichtungen, Sparkassen, Schulen und Arztpraxen gehen auch die lokalen Trägergruppen und Milieus des Engagements verloren, die sozialen Zusammenhalt produzieren. Verstetigte Kontakte, die Aushandlung des ortsüblichen Konsenses sowie die Entwicklung von Kooperationen – alles Basiselemente des sozialen Zusammengehörigkeitsgefühls, des Engagements und nicht zuletzt der Demokratie – werden sukzessive erschwert bis unmöglich. Regionen, Kleinstädte und Dörfer verlieren ihre Mitte(Kersten et al. 2019; Neu et al. 2007, 2009; Neu/Nikolic 2014; Nikolic 2013; Kersten et al. 2012; Kersten et al. 2013). Was braucht es neben einer politischen Rückbesinnung auf den Wert gleicher Lebensverhältnisse(Kersten et al. 2015a), um der gesellschaftlichen Polarisierung entgegenzuwirken und Zusammenhalt zu stärken? Eine Antwort lautet: Es braucht vor allem neue(Infra-)Strukturen und Institutionen, die öffentliche Orte schaffen, an denen Menschen zusammenkommen und Gesellschaft gestalten können. Das Engagement der Bürger­_innen, eine vielerorts aktive Kommunalverwaltung und eine kooperative Wirtschaft sind neben einer flächendeckend funktionierenden Daseinsvorsorge das wesentliche Kapital unserer Gesellschaft zur Bewältigung dieser Aufgabe. Diese Kräfte gilt es zu identifizieren und zu stärken. Sie bilden die Ressource einer vitalen demokratischen Gesellschaft – gerade auf der lokalen Ebene. Konkret bedeutet dies, dass ergänzend zur Pyramide hierarchisch organisierter Ober-, Mittel- und Unterzentren – dem Zentrale-OrteKonzept der Raumordnung – neue tragfähige Infrastrukturen des Zusammenhalts entstehen müssen, die in der Horizontalen, also lokal, wirken können: ein horizontales Netz Sozialer Orte. Wichtig ist, neben der theoretischen Ausarbeitung(Kersten et al. 2017), die Suche nach der Wirklichkeit Sozialer Orte. Die vorliegenden Fallstudien zum thüringischen Kreis SaalfeldRudolstadt sowie zum hessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg veranschaulichen das Konzept Sozialer Orte, geben ihm ein Gesicht. Wovon konkret sprechen wir, wenn wir Soziale Orte thematisieren? Welche Orte sind gemeint, welche Akteur_innen kommen in den Blick, in welchen regionalen und lokalen Konstellationen bewegen wir uns dabei? An den im Folgenden vorgestellten Orten entwickeln sich bemerkenswerte Dinge, die zum Zusammenhalt der Kommunen auch in kritischen Zeiten beitragen und dabei helfen, lokale Demokratie zu stärken. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 6 2 GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT „Zusammenhalt“ hat Konjunktur. Zusammenhalt impliziert Nähe, Vertrauen, Miteinander. Nachbarschafts-Apps, Co-WorkingSpaces, Heimatdiskurse sind sichtbare Zeichen für eine Hinwendung, um nicht zu sagen Sehnsucht nach(mehr) gesellschaftlichem Zusammenhalt. Doch Zusammenhalt ist nicht nur das normative Konzept einer„guten“ Gesellschaft, die nach Wohlergehen aller ihrer Mitglieder strebt, die Ausgrenzung und Marginalisierung bekämpft und soziale Aufstiege ermöglicht(OECD o. J.). Zusammenhalt ist auch ein gesellschaftliches Projekt, das von den Bürger_innen selbst geschaffen werden muss. Doch was sind die Grundbedingungen für diese gemeinsame Produktion von Zusammenhalt? Zuerst sind die Grundrechte der Bürger_innen der Motor des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Eigentumsrechte, Berufs-, Religions-, Versammlungsfreiheit, um nur einige wenige Rechtsansprüche, die zumeist auch mit Pflichten verbunden sind, zu nennen. Auf diesem sicheren Fundament erfüllen Religionsgemeinschaften, Familien und Schulen, Vereine und Genossenschaften, Unternehmen und Stiftungen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände wichtige gemeinwohlstiftende Funktionen. Darüber hinaus betrachtet sind Grundrechte nicht nur Freiheitsrechte. Sie begründen auch verfassungsrechtliche Schutzpflichten, die der Staat durch die Gewährleistung von öffentlichen Gütern und Dienstleistungen, wie etwa durch ein flächendeckendes Gesundheitssystem, zum Schutz des Lebens und der Gesundheit bereitstellt. Dabei haben alle Bürger_innen einen Anspruch auf gleiche Teilhabe an und diskriminierungsfreien Zugang zu Daseinsvorsorgeleistungen, was die kollektive Dimension des sozialen Zusammenhalts zusätzlich verstärkt. Auch Verfassungsgüter zielen auf die Stärkung des Zusammenhalts: Gemeinden und Staat werden vom Grundgesetz als menschliche Gemeinschaften verstanden(Art. 1 Abs. 2, Art. 28 Abs. 2 S. 1 GG). Das bundesstaatliche Rechtsgut der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse(Art. 72 Abs. 2 GG) fordert den Zusammenhalt des gesamten Sozialraums der Bundesrepublik, also von Gemeinden, Regionen, Ländern und des Bundes insgesamt. Schließlich zielen auch die Staatsfundamentalnormen auf die Sicherung des Zusammenhalts der Bundesrepublik und die Kompensation sozialer Ungleichheit. Dies gilt vor allem für das Bundesstaats-, Republik-, Sozialstaats- und Demokratieprinzip(Art. 20 Abs. 1, Art. 28 Abs. 1 S. 1 GG). Das Bundesstaatsprinzip garantiert zwar grundsätzlich die föderal differenzierte Entwicklung in der Bundesrepublik, begrenzt sich jedoch zugleich selbst durch das föderale Kohäsionsgut der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. Das Republikprinzip versteht die Länder und den Bund als Gemeinwesen, die dem allgemeinen Wohl aller Bürger_innen verpflichtet sind und deshalb auf den Zusammenhalt und den Ausgleich sozialer Ungleichheit zielen. Dieses republikanische Verfassungsversprechen lösen Daseinsvorsorge, Infrastrukturen und öffentliche Güter ein. Aber insbesondere das Sozialstaatsprinzip gewährleistet die Kohäsion der Bundesrepublik und wendet sich gegen soziale Polarisierung und Ungleichheit. Das soziale Staatsziel verpflichtet die Bundesrepublik, erstens„für einen Ausgleich der sozialen Gegensätze und damit für eine gerechte Sozialordnung zu sorgen“(BVerfGE 22, 180(204); 69, 272(314)), zweitens für die„Herstellung erträglicher Lebensbedingungen für alle“(BVerfGE 1, 97(105)) einzutreten und drittens eine„annähernd gleichmäßige Förderung des Wohles aller Bürgerinnen und Bürger und annähernd gleichmäßige Verteilung der Lasten“(BVerfGE 5, 85(198)) anzustreben. Das Demokratieprinzip ist für die Gewährleistung und Gestaltung des Zusammenhalts ebenfalls von zentraler Bedeutung: Eine lebendige Demokratie lebt vom demokratischen Verhalten ihrer Mitglieder(Kersten et al. 2019: 12ff.). Doch das Grundgesetz gibt nur den verfassungsrechtlichen Rahmen des Zusammenhalts vor, der politisch gestaltet und vor Ort konkretisiert und gelebt werden muss, um so die Basis für gedeihliche soziale Beziehungen, Verbundenheit mit den öffentlichen Institutionen und einer ausgeprägten Gemeinwohlorientierung, die sich in gesellschaftlicher Teilhabe, bürgerschaftlichem Engagement und Solidarität mit den Notleidenden zeigen, bieten zu können(Arant et al. 2016). SOZIALE ORTE WISO DISKURS 7 3 RAUMORDNUNGSTHEORIE UND NEUER ANSATZ ZUR SICHERUNG DES GESELLSCHAFTLICHEN ZUSAMMENHALTS Der demografische Wandel hat, in Kombination mit dem transformationsbedingten Strukturwandel, zuerst in den neuen Bundesländern offenbart, dass die alten und neuen Konzepte der räumlichen Kohäsionspolitik – das Zentrale-OrteKonzept, der Stadtumbau, die Soziale Stadt – nur(noch) eingeschränkte Steuerungswirkung zeigen. Diverse Modellprojekte der Raumordnung sind aufgelegt worden, Fördergelder in Milliardenhöhe geflossen – und doch konnte der weiteren sozialen wie territorialen Polarisierung nicht Einhalt geboten werden. Und es ist auch nicht so, dass die Abkopplungsprozesse unbemerkt blieben: Die Abgehängten, die Verdrossenen und Ungehörten erheben ihre Stimme, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Diese in weiten Teilen keineswegs nur ökonomische, sondern auch mentale Spaltung, droht die Nationen zu zerreißen. Die Antworten auf diese Herausforderung können mithin nicht wie bisher allein ökonomischer Natur sein(„Mehr Wachstum!“). Vielmehr geht es auch um die Verankerung im sozialen Raum, die ganz maßgeblich von Infrastrukturen vor Ort abhängt. Eben hier scheitert das Zentrale-Orte-Konzept zusehends. 3.1 DAS ZENTRALE-ORTE-KONZEPT Das Zentrale-Orte-Konzept(ZOK) hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem zentralen raumordnerischen Steuerungsansatz der Bundesrepublik entwickelt. Aufgabe dieses Konzepts ist es, infrastrukturelle Daseinsvorsorgeleistungen im Raum zu„verteilen“. Dabei verfolgt dieses Konzept einen eher strukturellen Ansatz, um territoriale Ungleichheit auszugleichen und so den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern. Dies geschieht mithilfe einer drei-(manchmal auch mehr-)stufigen Hierarchisierung von Siedlungen. Es wird zwischen Grund-, Mittel- und Oberzentren unterschieden: Grundzentren stellen dabei den täglichen Lebensbedarf im Hinblick auf Lebensmittel, Grundschule und ärztliche Versorgung sicher. Mittelzentren bieten ausgeweitete Einkaufsmöglichkeiten, weiterführende Schulen und Krankenhäuser. Oberzentren offerieren umfassende Konsummöglichkeiten, Hochschulen und spezialisierte Gesundheitsversorgung. Auch wenn das Zentrale-Orte-Konzept seit Langem in der Kritik steht, so bestimmt es nach wie vor, faktisch und rechtlich, die Raumordnungspolitik in der Bundesrepublik: faktisch, weil die Umsetzung des Zentrale-Orte-Konzepts strukturelle Pfadabhängigkeiten geschaffen hat, die sich bis heute auswirken; rechtlich, weil das Zentrale-Orte-Konzept einen wichtigen Baustein des Raumordnungs- und Landesentwicklungsrechts darstellt. Die Raumordnung folgt heute dem Leitbild einer nachhaltigen Raumentwicklung, die einen verhältnismäßigen Ausgleich zwischen den sozialen, ökonomischen und ökologischen Anforderungen an den Raum suchen und zu einer dauerhaften, großräumig ausgewogenen Ordnung mit gleichwertigen Lebensverhältnissen in den Teilräumen führen soll(§ 1 Abs. 2,§ 2 Abs. 1 ROG). Dieses Leitbild einer nachhaltigen Raumentwicklung wird über die Grundsätze der Raumordnung dahingehend konkretisiert, dass im Gesamtraum der Bundesrepublik und in seinen Teilräumen ausgeglichene soziale, infrastrukturelle, wirtschaftliche, ökologische und kulturelle Verhältnisse angestrebt werden sollen(§ 2 Abs. 2 Nr. 1 Satz 1 ROG). Diese Aufgaben sind gleichermaßen in Ballungs- und in ländlichen Räumen sowie in strukturschwachen und in strukturstarken Regionen zu erfüllen(§ 2 Abs. 2 Nr. 1 Satz 3 ROG), wobei auf einen Ausgleich räumlicher und struktureller Ungleichgewichte zwischen den Regionen hinzuwirken ist(§ 2 Abs. 2 Nr. 1 Satz 5 ROG). Das Raumordnungsgesetz unterstreicht in diesem Zusammenhang die Sicherung einer nachhaltigen Daseinsvorsorge(§ 2 Abs. 2 Nr. 1 Satz 2 ROG). Es fordert darüber hinaus, die Versorgung mit Dienstleistungen und Infrastrukturen der Daseinsvorsorge – insbesondere die Erreichbarkeit von Einrichtungen und Angeboten der Grundversorgung wie etwa Energie und Wasser, Gesundheit und Bildung für alle Bevölkerungsgruppen – zur Sicherung von Chancengerechtigkeit in angemessener Weise zu gewährleisten(§ 2 Abs. 2 Nr. 3 Satz 1 ROG), auch in dünn besiedelten Teilräumen. Für die Umsetzung dieser Gewährleistung misst das Raumordnungsgesetz dem Zentrale-OrteKonzept besondere Bedeutung zu: Grundsätzlich ist die Siedlungstätigkeit räumlich zu konzentrieren und vorrangig auf vorhandene Siedlungen mit ausreichender Infrastruktur sowie auf Zentrale Orte auszurichten(§ 2 Abs. 2 Nr. 2 Satz 4,§ 8 Abs. 5 Satz 1 Nr. 1 lit. b ROG). Darüber hinaus soll die soziale FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 8 Infrastruktur vorrangig in Zentralen Orten gebündelt werden (§ 2 Abs. 2 Nr. 3 Satz 2 Hs. 1 ROG). Die Erreichbarkeits- und Tragfähigkeitskriterien des Zentrale-Orte-Konzepts sind flexibel an regionalen Erfordernissen auszurichten(§ 2 Abs. 2 Nr. 3 Satz 2 Hs. 2 ROG), die räumlichen Voraussetzungen für die Erhaltung der Innenstädte und örtlichen Zentren als zentrale Versorgungsbereiche zu schaffen(§ 2 Abs. 2 Nr. 3 Satz 3 ROG)(Kersten et al. 2017). Eine Fahrt über Land macht vielerorts schnell deutlich, dass der demografische Wandel und knappe öffentliche Kassen zunehmend die Tragfähigkeit dieses Modells infrage gestellt haben: Leere Ladenlokale, geschlossene Grundschulen und verwaiste Jugendclubs zeugen davon, dass es insbesondere Grund- und Mittelzentren in Schrumpfungsgebieten schwerfällt, die ihnen zugeordneten Funktionen überhaupt noch zu erfüllen. Das Raumordnungsgesetz versucht durchaus, auf diese Entwicklung zu reagieren. So soll demografischen, wirtschaftlichen, sozialen sowie anderen strukturverändernden Herausforderungen bei der Umsetzung des Leitbilds der nachhaltigen Raumentwicklung Rechnung getragen werden, gerade im Hinblick auf den Rückgang und den Zuwachs von Bevölkerung und Arbeitsplätzen(§ 2 Abs. 2 Nr. 1 Satz 4 Hs. 1 ROG). Konkret heißt dies dann aber oft, dass die Bewohner_innen weitere Einschränkungen und weiteren Abbau, vor allem sozialer Infrastruktur, in der Fläche oder im Quartier hinnehmen müssen. 3.2 DAS SOZIALE-ORTE-KONZEPT Hier setzt nun das Soziale-Orte-Konzept(SOK) an, das sich als ein konzeptioneller Vorschlag im Rahmen einer übergeordneten Politik des Zusammenhalts(Kersten et al. 2019b) versteht. Das Zentrale-Orte-Konzept bleibt weiterhin ein zentraler Baustein der Raumordnungspolitik. Hinzutreten soll nun aber eine horizontale Ergänzung des bekannten, hierarchisch ausgelegten Konzepts, die vorrangig auf den sozialen Zusammenhalt in lokalen Kontexten ausgerichtet ist. Denn es braucht Orte der Begegnung, öffentliche Räume, Gelegenheitsstrukturen, Vernetzungsmöglichkeiten – Soziale Orte, die gesellschaftlichen Zusammenhalt(erst) möglich machen. Sie entstehen aber nicht einfach im luftleeren Raum, sondern sind eine Funktion vorhandener Ressourcen – Infrastruktur, Verwaltungskompetenz, bürgerschaftliches Engagement –, die in unterschiedlichem Umfang und Stärke vorliegen können. Während das Zentrale-Orte-Konzept die Einordnung von Orten in Grund-, Mittel- und Oberzentren anhand von Bevölkerungszahl, geografischer Lage und Infrastrukturausstattung vornimmt, fragt das Soziale-Orte-Konzept, wie die Bedingungen vor Ort Einfluss auf den lokalen Zusammenhalt nehmen. Diese Bedingungen sind, das kann auch nicht anders sein, sicher zuerst die demografische, wirtschaftliche und infrastrukturelle Situation der Gemeinde, die in engem Zusammenhang mit der Lage des öffentlichen Haushalts stehen. Das SOK bezieht darüber hinaus die öffentlichen Aktivitäten der Bürgerschaft, der Verwaltung und der Wirtschaft als wichtige Faktoren mit ein und blickt insbesondere auf diesen lokalen Mix der Akteur_innen – egal, ob in Dorf, Kleinstadt oder städtischem Quartier. Denn nur der Mix der drei Akteure Staat(Politik, Verwaltung), Markt(profitorientierte Privatwirtschaft, Unternehmen) und Zivilgesellschaft(mit ihren Vereinen, Verbänden, NGOs, NPOs oder Stiftungen) bildet das stabile Fundament einer vitalen demokratischen Gesellschaft. Entsprechend der theoretischen und empirischen Vorarbeiten leitet sich aus diesem Blickwinkel eine neue Einordnung von Gemeinden nach der Stärke des Zusammenhalts ab: Gemeinden oder auch nur Quartiere können – unabhängig von ihrer Größe und geografischen Lage – einen robusten, resilienten oder riskanten Zusammenhalt aufweisen. Riskanter Zusammenhalt wird dann wahrscheinlich, wenn Wirtschafts-, Infra- und/oder Sozialstruktur – etwa in Folge des demografischen Wandels – bereits so„heruntergefahren“ sind, dass öffentliches Leben kaum mehr stattfindet. Treffpunkte und Gelegenheitsstrukturen für gesellschaftliche Teilhabe fehlen. Die Kräfte schwinden, diesen Entwicklungen aktiv zu begegnen. Die Entfernung zu den Schaltstellen der Macht wird immer größer. Die Menschen sehen sich mehr und mehr an die gesellschaftliche Peripherie gedrängt. Resilienten Zusammenhalt zeigen Gemeinden, die(noch) über Ressourcen verfügen, seien es Arbeitsplätze, innovative Verwaltung oder aktive Bürgerschaft, die Handlungsspielräume zur aktiven Gestaltung lassen. Doch die Folgen des demografischen und wirtschaftsstrukturellen Wandels sind deutlich spürbar: Jugendliche wandern ab, die Zahl der Senior_innen steigt und Arbeitskräfte fehlen zunehmend. Die Bürger_innen sind ehrenamtlich„unterwegs“, punktuell werden Projekte und Prozesse angestoßen, die auf aktuelle Herausforderungen reagieren, etwa Flüchtlingsunterbringung oder eine Schulschließung. Aber die Bemühungen stoßen oft an Grenzen – hier fehlt Personal, dort fehlt Geld –, die die Arbeit am Zusammenhalt mühsam macht. Robuster Zusammenhalt wäre dann idealtypisch gegeben, wenn ausreichend Arbeitsplätze, infrastrukturelle Ausstattung und ausgeglichene Kommunalfinanzen Raum für proaktiven Umgang mit beispielsweise den Folgen des demografischen Wandels, des Klimawandels oder der Digitalisierung lassen. Kooperationen zwischen Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft haben nachhaltige Entwicklungen im Blick, stoßen neue Ideen an und bilden(überregionale) Netzwerke. Der öffentliche Raum ist inklusiv und wird diskursiv gestaltet. Drei Punkte sind für das Verständnis dieser Typologie wesentlich: Erstens führt diese Kategorisierung zu einer gänzlich anderen Einordnung von Gemeinden als die Kartografie des demografischen Wandels, des Bruttosozialprodukts oder der Arbeitslosenstatistik, die nur zwischen den allseits bekannten Wachstums- und Schrumpfungsregionen und damit häufig auch Gewinner- und Verliererregionen unterscheidet. Da der soziale Zusammenhalt einer Kommune im Fokus steht und nicht allein ihre demografische Beschaffenheit, finden sich in Schrumpfungsregionen nicht nur riskante, sondern eben auch resiliente und robuste Gemeinden. Umgekehrt lassen sich in Wachstumsregionen, gerade in den deutschen Großstädten und Metropolregionen, auch riskante Bezirke bzw. Gemeinden identifizieren. Der Begriff„Soziale Orte“ ist keineswegs nur ein Krisenbegriff. Vielmehr wirft diese neue Kartografie des gesellschaftlichen Zusammenhalts den Blick auf Ressourcen und Potenziale von Regionen, Gemeinden oder Bezirken. Das Soziale-Orte-Konzept„verteidigt“, zweitens, ganz ausdrücklich eine flächendeckende bedarfsgerechte Daseinsvor- SOZIALE ORTE WISO DISKURS 9 Infobox Soziale Stadt STADTUMBAU SOZIALE STADT Die Bundesregierung führte das Städteförderprogramm „Stadtumbau“ im Jahr 2002 in Ostdeutschland und im Jahr 2004 in Westdeutschland ein. Kernaufgabe dieser beiden Programme war es, die Städte und Gemeinden bei der Bewältigung der Auswirkungen des demografischen und wirtschaftsstrukturellen Wandels zu unterstützen. Bedingt durch die unterschiedlichen Problemlagen wurden für die ost- und westdeutschen Bundesländer unterschiedliche Schwerpunkte bei der Förderung gesetzt. Eine vergleichende Bestandsaufnahme dieser Qu b el e le: i e d ig e en n e D F ar ö ste r l d lun e g r . programme in Ost und West führte im Jahr 2016 zur Erkenntnis, dass sich flexible und segmentierte Ansätze bei der Förderung bewährt haben. Ferner wurde festgestellt, dass sich die sogenannten Funktionsverluste im Städtebau in Ost und West angleichen, obwohl dafür unterschiedliche Ursachen verantwortlich gemacht werden. Diese Entwicklung führte im Jahr 2017 zur Zusammenführung der Förderprogramme„Stadtumbau Ost“ und„Stadtumbau West“. Neben dem Erhalt, der Herstellung und der Stärkung städtebaulicher Funktionen, um den Auswirkungen des demografischen und wirtschaftsstrukturellen Wandels begegnen zu können, setzt sich dieses vereinte Städtebauprogramm u. a. auch das Ziel der Revitalisierung von Brachen und der Reduzierung von Leerständen. Im Jahr 1999 rief der Bund das Förderprogramm„Soziale Stadt“ ins Leben. Hauptaugenmerk dieses Programms liegt auf der Stabilisierung und Aufwertung strukturschwacher Stadt- und Ortsteile. Diese Strukturschwäche äußert sich in Defiziten in den Bereichen des Städtebaus, der Wirtschaft und der sozialen Gerechtigkeit. Sie erschweren den dort Lebenden die Chance auf Teilhabe und Integration. Deshalb investiert das Förderprogramm Soziale Stadt in das Wohnumfeld, die Infrastruktur und in die„Qualität des Wohnens“, um so innerhalb der jeweiligen Quartiere die Generationengerechtigkeit und Familienfreundlichkeit zu verbessern. Dadurch sollen„lebendige Nachbarschaften“ entstehen und der gesellschaftliche Zusammenhalt vor Ort gestärkt werden. Insgesamt wurden bis zum Jahr 2018 in 533 Städten und Gemeinden 934 Gesamtmaßnahmen durchgeführt. Das Finanzierungsvolumen belief sich ebenfalls für das Jahr 2018 auf 190 Millionen Euro. Quelle: BMIBH 2019b. sorge, denn sie ist Grundvoraussetzung für die Versorgung und Vorsorge sowie die gesellschaftliche Teilhabe und soziale Integration. Sie schafft Öffentlichkeit und repräsentiert Staatlichkeit. So wird auch verständlich, dass das SOK nicht der billigen Variante der Koproduktion von Daseinsvorsorge 1 nach dem Mund redet, bei der die Bürger_innen zum Ausfallbürgen für wegbrechende Infrastruktur werden. Drittens erweitert das Soziale-Orte-Konzept seinen analytischen Blick einerseits in Richtung neuer„Mitspieler“ – Zivilgesellschaft, Verwaltung, Wirtschaft. Andererseits zielt es politisch auf die Unterstützung von Akteursnetzwerken, die regional oder überregional wirken und so räumliche Verbindungen herstellen. In Gemeinden werden deshalb vor allem auch kommunale Institutionen adressiert, die in der Lage sind, eine, über ihr unmittelbares Umfeld hinausgehende Gestaltung und Vernetzung und damit zugleich Stärkung des sozialen Zusammenhalts zu gewährleisten. Diese im besten Falle interkommunale Zusammenarbeit und Vernetzung stärkt nicht nur den regionalen Zusammenhalt, sondern fördert auch die soziale Kohäsion der Länder und der Bundesrepublik insgesamt. 1 In seiner ursprünglichen Form übernahm der Staat als„Leistungsträger“ (Forsthoff 1938) die Bereitstellung von öffentlichen Gütern und Dienstleistungen, insbesondere seit den 1980er Jahren bieten auch private Unternehmen etwa Wasser, Energie oder Telekommunikation an.„Koproduktion von Daseinsvorsorge“ meint nun insbesondere, dass auch Bürger_innen mit Verwaltung und privaten Unternehmen zusammenarbeiten, um öffentliche Dienstleistungen anzubieten oder zu erhalten. Beispiel wären hier ein genossenschaftlich geführter Dorfladen oder ein Bürgerbad. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 10 4 EINE FORSCHUNGSFRAGE – ZWEI LANDKREISE Wie in der Theorie Sozial Orte beschrieben werden, wurde im vorangegangenen Kapitel kurz vorgestellt. Was aber erkennen oder bezeichnen die Menschen als Soziale Orte? Was sind die Bedingungsfaktoren für das Entstehen oder Fortbestehen Sozialer Ort? Welcher Impulsgeber und Motoren bedarf es und welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, damit in Gemeinden, in denen die Infrastruktur bereits deutlich gelitten hat und Einzelhandelsgeschäfte, Sparkassen, die örtliche Verwaltung, Schulen und Kirchen geschlossen wurden, wieder Zusammenhalt entwickelt werden kann? Diesen Fragen gehen die vorliegenden Fallstudien nach und möchten, durch empirische Recherche vor Ort die konzeptionelle Idee Sozialer Orte beleben. Es gilt zu veranschaulichen, was konkret unter Sozialen Orten verstanden wird, welche Netzwerke entstanden sind, welche Akteur_innen bereits teilhaben und welche ihr Potenzial vielleicht noch nicht ausgeschöpft haben. Im Folgenden werden deshalb Beispiele Sozialer Orte in den beiden Landkreisen Saalfeld-Rudolstadt und Waldeck-Frankenberg gezeigt, die zum Zusammenhalt in den Kommunen auch in kritischen Zeiten beitragen und dabei helfen, lokale Demokratie zu stärken. Ganz bewusst wurden hier Gemeinden ausgewählt, die hinsichtlich ihres Zusammenhalts auf den ersten Blick als resilient eingestuft werden können: Sie verfügen(noch) über Ressourcen, die Gestaltungsräume eröffnen und aktive Prozesse befördern, etwa auf demografische Veränderungen zu reagieren und dem dadurch erzeugten Druck auf die öffentliche Daseinsvorsorge auf verschiedenartige Weise und durch unterschiedliche Akteur_innen zu begegnen. Ziel der Gemeindestudien ist es, diese Prozesse zu fassen, zu umschreiben und im Hinblick auf die Frage zu analysieren, inwiefern sie sozialen Zusammenhalt stärken oder neu schaffen. Deutschlands befinden und am ehesten dem örtlichen Typus „Resilienz“ zuzuordnen sind. Das Untersuchungsdesign der Analyse im thüringischen Landkreis Saalfeld-Rudolstadts basiert auf der Kombination einer Umfeldanalyse mit Sekundärauswertung, Experteninterviews, informellen Gesprächen und direkten Beobachtungen in Netzwerktreffen oder Workshops im Landkreis. 2 Die Auswahl der Gesprächspartner_innen basierte auf der Methode von Meuser und Nagel(1991: 443), die einen Experten/eine Expertin u. a. als Person beschreiben, welche„in irgendeiner Weise Verantwortung trägt für den Entwurf, die Implementierung oder die Kontrolle einer Problemlösung“. Damit fiel die Auswahl auf Vertreter_innen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, die sehr stark oder am Rande an den im Folgenden vorgestellten Prozessen beteiligt waren. Die Untersuchungsmethodik im nordhessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg beruht auf einer Kombination von Vor-Ort-Recherche, Onlinerecherche, leitfadengestützten Einzelinterviews(sowohl persönlich als auch telefonisch), Gruppengesprächen sowie spontanen Einzelgesprächen. Diese Untersuchungen und Interviews wurden von sechs MasterStudentinnen der Universität Kassel im Rahmen ihrer Projektarbeiten durchgeführt. Die Studentinnen arbeiteten selbstständig an ihren Teilprojekten, stimmten ihr Vorgehen und ihre Interviewleitfäden jedoch aufeinander ab. Die Interviews fanden im Dezember 2016 statt. Gesprächspartner_innen waren in allen Orten Menschen, die einen besonderen Bezug zum jeweiligen neu installierten Prozess oder den neuen Sozialen Orten hatten. Da an den meisten Prozessen Kommunalpolitik, Kirchengemeinde und Zivilgesellschaft beteiligt sind, wurden verschiedene Akteur_innen aus diesen drei Bereichen kontaktiert. 4.1 UNTERSUCHUNGSDESIGN Bewusst wurden mit den beiden Landkreisen Saalfeld-Rudolstadt und Waldeck-Frankenberg zwei Untersuchungsregionen ausgewählt, die sich in ähnlicher regionaler Lage in der Mitte 2 Eine Umfeldanalyse erhebt insbesondere die infrastrukturelle Ausstattung der Untersuchungsregion(Busfahrpläne, Gaststätten, Handwerksbetriebe, Ärzt_innen, Kirchen etc.). Aus der Beteiligung am Bundeswettbewerb Zukunftsstadt lagen der Untersuchung folgende Materialien zur Sekundärauswertung vor: Interviewprotokolle mit Bewohner_innen der beteiligten Orte, Ergebnisprotokolle der Workshops, Ergebnisplakate mit Visionen für 2030+, die Studienarbeit„Zukunftsstadt Saalfeld. Gorndorf“ der FH Erfurt sowie die Entwürfe für die Beantragung des Förderprogramms „Soziale Stadt“ in Beulwitz und Gorndorf. SOZIALE ORTE WISO DISKURS 11 4.2 LANDKREIS SAALFELD-RUDOLSTADT 4.2.1 SIEDLUNGSSTRUKTUR, WIRTSCHAFT UND DASEINSVORSORGE Der Landkreis Saalfeld-Rudolstadt liegt im Süden des Freistaats Thüringen, angrenzend an den Freistaat Bayern. Die Stadt Saalfeld ist Kreisstadt und Verwaltungszentrum des Landkreises und bildet zusammen mit Bad Blankenburg und Rudolstadt das„Städtedreieck am Saalebogen“. Dem Städtedreieck fallen Aufgaben eines Mittelzentrums mit Teilfunktionen eines Oberzentrums zu. Hier sollen die oberzentralen Funktionen in den Bereichen Kultur, Sport und Gesundheit erhalten, weiter ausgebaut und das Städtedreieck so zum Impulsgeber für den südwestlichen Teil der Planungsregion Ostthüringen entwickelt werden. Prägende Elemente für Saalfeld sind dabei die Thüringenklinik mit der Medizinischen Fachschule, für Rudolstadt sind es das Theater sowie das überregionale Freizeitbad Saalemaxx und für Bad Blankenburg die Landessportschule und die Stadthalle. Zudem sind die Städte in ihrer Bedeutung als Orte des regionalen(Kultur- und Bildungs-) Tourismus dazu angehalten, ihre historischen Innenstädte als zentrale Versorgungs- und Erlebnisbereiche zu gestalten. Weitere Versorgungsaufgaben im Verflechtungsraum des Landkreises übernehmen die Grundzentren Königsee-Rottenbach, Probstzella und Oberweißbach. Die Siedlungsstruktur ist wie in ganz Thüringen kleinteilig. Von 38 Städten und Gemeinden haben sich 23 Kommunen zu vier Verwaltungsgemeinschaften und vier Kommunen zu einer Einheitsgemeinde zusammengeschlossen. Auf einer Fläche von rund 1.036 km 2 leben 107.368 Einwohner_innen (Stand 2017). Mit rund 104 Einwohner_innen/km 2 liegt die durchschnittliche Bevölkerungsdichte des Landkreises unter dem Thüringer Wert von 134 Einwohner_innen/km 2 . Das Städtedreieck verfügt über eine vergleichsweise hohe Einwohnerdichte. Hier leben rund 50 Prozent der Einwohner_innen des Landkreises. Nur die Städte Saalfeld und Rudolstadt verfügen über mehr als 10.000 Einwohner_innen. Bei der Mehrzahl der Städte und Gemeinden handelt es sich um kleinere Gemeinden(Thüringer Landesamt für Statistik o. J.c). Die Wirtschaftsstruktur im Landkreis ist durch einen kleinteiligen und robusten Branchenmix überwiegend aus Medizintechnik, Landwirtschaft und Nahrungsgüterproduktion, Elektrotechnik/Elektronik, Maschinen und Werkzeugbau, Kunststofftechnik und Fahrzeugbau, Stahlindustrie, Chemieindustrie sowie Porzellan- und Glasindustrie gekennzeichnet. Die Mehrzahl der Unternehmen ist im Städtedreieck angesiedelt. Im Zuge des Strukturwandels zu Beginn der 1990er Jahre wurden zahlreiche Unternehmen geschlossen oder waren zu einer drastischen Reduzierung ihrer Beschäftigungszahlen gezwungen. Allein die sieben größten Industrieunternehmen des Landkreises verringerten ihre Belegschaft um 50–80 Prozent. Aktuell ist die Arbeitslosenquote im Jahresdurchschnitt kontinuierlich rückläufig. Sie betrug im Jahr 2007 12,8 Prozent und liegt heute mit 5,9 Prozent im Thüringer Durchschnitt(Thüringer Landesamt für Statistik o. J.b). Mehr als 6.000 Personen aus anderen Landkreisen und Bundesländern arbeiten in Saalfeld-Rudolstadt. Allerdings übersteigt die Zahl der Auspendler_innen jene der Einpendler_innen um mehr als die Hälfte, womit der Landkreis ein Pendlersaldo von 6.643 aufweist(Thüringer Landesamt für Statistik o. J.f). Die Voraussetzungen für eine gute und umfassende Schulbildung sind im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt gegeben. Neben Grund-, Regelschulen und Gymnasien werden Förderschulen in Trägerschaft des Landkreises betrieben. Darüber hinaus gibt es Spezialschulen wie das Sprachheilpädagogische Zentrum„Freie Fröbelschule Keilhau“ oder die Förderschule „Anna-Luisen-Stift“ Bad Blankenburg und Musikschulen, drei staatliche berufsbildende Schulen sowie ein Berufs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer Ostthüringen. Als Träger der Erwachsenenqualifizierung arbeiten das Bildungszentrum Saalfeld e. V., Ökus e. V., die Kreisvolkshochschule sowie die Landvolkbildung e. V. Hochschulen sind in Saalfeld-Rudolstadt nicht ansässig. Rückläufige Bevölkerungszahlen bedingen eine zunehmend kritische Haushaltslage der Städte und Gemeinden. Die Aufgaben der kommunalen Selbstverwaltung können in einem Großteil der Gemeinden nur noch zu einem Mindestmaß und in zunehmender Abhängigkeit von Landeszuweisungen erfüllt werden. Während diese seit Jahren sinken, steigen gleichzeitig die Kreisumlagen der Gemeinden. Finanzielle Zwänge führen zur Leistungsreduzierung(u. a. im Bereich der sozialen und kulturellen Infrastruktur) mit nachhaltigen Auswirkungen auf die Wohn- und Lebensqualität vor Ort. Der Abwärtstrend – Abwanderung, Bevölkerungsrückgang, weitere Einsparungen infolge dessen – wird so weiter verstärkt. Der Gestaltungsrahmen im Kreistag und in den Kommunen, der auf„freiwillige Aufgaben“ begrenzt bleibt, ist durch fehlende finanzielle Mittel in vielen Gemeinden nicht vorhanden (Experteninterviews 2017; Stadtverwaltung Saalfeld 2017). Die demokratische Beteiligung und kreative Einbringung von Bürger_innen in Entscheidungen und Gestaltung ihrer Gemeinden wird damit stark eingeschränkt. Ebenfalls beobachten unsere Interviewpartner_innen kritische Entwicklungen im Landkreis wie den teilweisen Verlust von ehemaligen Treffpunkten als Orte des Zusammenhalts, den schwindenden Zusammenhalt in Dorfgemeinschaften im Allgemeinen sowie die Vereinsamung Einzelner. Engagement ist im Landkreis vielerorts vorhanden, die junge Bevölkerung habe allerdings durch Arbeit und arbeitsbedingtes Pendeln bereits heute Schwierigkeiten sich einzubringen. Auch„rechtslastige“ Orientierungen seien im Landkreis trotz mehrheitlichem Toleranz- und Demokratiebekenntnis unter der Bevölkerung zunehmend zu finden(Experteninterviews 2017). 4.2.2 DEMOGRAFIE Die Region ist bereits heute deutlich vom demografischen Wandel gekennzeichnet und wird als schrumpfende Region mit all ihren Folgeerscheinungen deklariert. Seit 1990 sind die Bevölkerungszahlen rückläufig. Der Landkreis hatte bis 2012 20,9 Prozent seiner Bevölkerung verloren(Thüringer Durchschnitt: –15 Prozent). Der überwiegende Teil der Gemeinden, darunter das Städtedreieck, verlor bis 2012 mehr als ein Fünftel seiner Einwohner_innen(LEADER Aktionsgruppe Slf-Ru 2015: 8). Bis 2035 wird dem Landkreis ein weiterer Rückgang seiner Einwohnerzahl auf 86.037 prognostiziert. Dies entspricht einem Rückgang um etwa 25 Prozent. Neben dem Einwohnerrückgang verändert sich auch die Altersstruktur der Bevölkerung deutlich. Glaubt man den Prognosen, wird sich die Bevölkerung zwischen 20 und 65 Jahren allein FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 12 zwischen 2014 und 2035 um etwa 40 Prozent verringern, die der unter 20-Jährigen um 14,9 Prozent(Thüringer Landesamt für Statistik o. J.h). Seit 1998 ist der Anteil der unter 25-Jährigen im Landkreis um ca. 45 Prozent gesunken(Thüringer Landesamt für Statistik o. J.c). Dies ist eine Auswirkung des„Wendeknicks“ (Geburtenrückgang nach der Wende) und der Abwanderung aufgrund der Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation im Landkreis. Im Besonderen bei jungen Frauen ist eine hohe Abwanderungsrate erkennbar, infolgedessen man zukünftig auch mit weniger Geburten rechnen kann. Tritt die prognostizierte Entwicklung mit einem stark rückläufigen Anteil an Kindern und Jugendlichen im Landkreis ein, muss mittelfristig auch mit einem spürbaren Rückgang des Bedarfs an Kindereinrichtungen im Vorschulalter gerechnet werden. Auch für Schulen, Vereine und Jugendeinrichtungen ist ein deutlich verringertes Potenzial an Nutzer_innen und Nachfrage aus diesen Altersgruppen zu erwarten. Demgegenüber steigt die Zahl der Älteren, die so lange wie möglich in ihrem vertrauten Wohnumfeld leben möchten. Im Zeitraum 2005 bis 2013 ist die Zahl der Pflegebedürftigen im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt um 20 Prozent gestiegen(LEADER Aktionsgruppe Saalfeld-Rudolstadt 2015: 16). 4.2.3 NETZWERKSTRUKTUREN Gegenläufig zu den Negativtrends in Saalfeld-Rudolstadt wird der Landkreis von außerhalb zunehmend als offene, kreative, vernetzte Region mit gewinnbringendem Akteursengagement wahrgenommen, wissenschaftlich begleitet und fördertechnisch unterstützt. In den vergangenen Jahren ist hier eine Vielzahl an Netzwerken und Arbeitsgruppen entstanden, die sich mit unterschiedlichen Fragestellungen der Entwicklung von(Teil-)Regionen oder bestimmter Themenfelder im Landkreis widmen. Darin wird darauf Wert gelegt, in Abkehr von den negativen Tendenzen und Prognosen sowie der eigenen negativen Einstellung, sich auf die regionalen Möglichkeitsräume und positiven Entwicklungen zu konzentrieren, kleine wie große Projekte mit Vorbildcharakter gemeinsam zu entwickeln und parallel dazu innovative Entwicklungsprozesse anzustoßen. Mehrheitliches Anliegen der Netzwerke ist die Einbindung und Anhörung der Bevölkerung vor Ort, um durch Beteiligungs-, Mitwirkungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten zu einer Stärkung des sozialen Engagements und lokaler demokratischer Strukturen beizutragen. Denn die Entwicklungen verlaufen regional sehr unterschiedlich, womit individuelle, den örtlichen Bedingungen angepasste Lösungsansätze notwendig erscheinen. Diese lassen sich nur mit der lokalen Bevölkerung erarbeiten und realisieren. Die Beteiligung von Bürger_innen steht in Teilen bereits zu Anfang des Prozesses, wenn der Startimpuls eines Projektes oder Prozesses z. B. direkt aus der Initiative eines für alle offenen Netzwerks entsteht oder zur Beteiligung an der Entwicklung einer Regionalstrategie aufgerufen wird(z. B. Zukunftswerkstatt Schwarzatal und LEADER Aktionsgruppe Saalfeld-Rudolstadt). Jede_r, der/ die möchte, kann den weiteren Prozess vollständig begleiten. Teilweise ist allerdings als erster Schritt die Fördermittelakquise erforderlich, womit die Einladung der Bürgerschaft zur Beteiligung z. B. an Befragungen, Diskussionen, Ideenwerkstätten oder der Umsetzung erst im zweiten Schritt erfolgen kann und damit bereits ein Thema, Standort oder ein bestimmtes Vorgehen vorgegeben ist. Auffallend für die Region sind die Bereitschaft und der Wille zur Zusammenarbeit mit externen Partner_innen aus Wissenschaft und Praxis. Nicht nur die Schwarzburger Gespräche laden jährlich zum Dialog zwischen Wissenschaft und Region unter wechselnden Themenfeldern. Auch in der Entwicklung und Umsetzung von Projekten wird die Kooperation mit externen Partner_innen geschätzt. Auf diese Weise findet die Region zunehmend ihren Platz in Studienarbeiten, wissenschaftlichen Publikationen und Präsentationen wie beispielsweise der überregional wirkenden Internationalen Bauausstellung(IBA) Thüringen(2013–2023). Eine Besonderheit in Saalfeld-Rudolstadt ist die Vernetzung und enge Abstimmung zwischen entscheidenden regionalen Akteur_innen wie dem LEADER 3 -Management, das zahlreiche Arbeitsgruppen im Landkreis prozessorientiert begleitet, und der lokalen„Partnerschaft für Demokratie“ SaalfeldRudolstadt, die konkrete Einzelmaßnahmen in der Region finanziert. Parallelstrukturen werden dadurch reduziert. In regelmäßigen Arbeitstreffen werden die Strategien und das weitere Vorgehen abgestimmt und verbessert. Der landkreisweite Begleitausschuss„Partnerschaften für Demokratie“ wurde 2015 gezielt mit Schlüsselpersonen aus Netzwerken, mit zivilgesellschaftlichen Akteur_innen und Mitgliedern des Kreistags besetzt, um den Austausch zu fördern, Kompetenzen zu nutzen, Ressourcen zu bündeln und die Akteur_innen zu stärken. Der Landrat ist Mitglied in der LEADER Aktionsgruppe sowie im Begleitausschuss der Lokalen Partnerschaft für Demokratie Saalfeld-Rudolstadt. Und auch kommunale Verantwortungsträger_innen nehmen an Planungstreffen wie der Zukunftswerkstatt Schwarzatal teil oder sind im Rahmen ihrer Mitgliedschaft, z. B. in der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft Rennsteig-Schwarzatal, über laufende Prozesse informiert und können diese in ihre Arbeit integrieren. Die Beteiligung kommunaler Verantwortungsträger_innen an der Entwicklung regionaler Prozesse, auch wenn sie nicht direkt in Form eines Projektes ihre Gemeinde betreffen, könnte aus Sicht der Akteur_innen vor Ort allerdings weitaus größer sein. Die Form der Zusammenarbeit sowie die Wirkung der Netzwerkarbeit hängen auch in Saalfeld-Rudolstadt stark von den lokalen Entscheidungsträger_innen ab. Es bedarf weiterhin viel Sensibilisierungsarbeit und dauerhafter Netzwerkstrukturen, in denen gemeinsam über die zukünftigen Entwicklungen und Chancen der Region gesprochen und gezielt an den Potenzialen gearbeitet wird, so die überwiegende Meinung in den Akteurskreisen. 3 LEADER(Liaison entre actions de développement de l'économie rurale) ist ein methodischer Ansatz der Regionalentwicklung, der es Menschen vor Ort ermöglicht, ihren Lebensraum mitzugestalten. Dafür stehen den sogenannten LEADER-Regionen Fördergelder zur Verfügung. Finanziert wird LEADER durch den„Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums“(ELER) sowie vom Bund und den Ländern. Mit LEADER werden Projekte zur Erhaltung der Lebensqualität im ländlichen Raum gefördert. SOZIALE ORTE WISO DISKURS 13 Einige Beispiele für derzeitige Netzwerkstrukturen in SaalfeldRudolstadt sind: Das Städtedreieck am Saalebogen arbeitet unter dem Titel „Dreiklang“ an der Realisierung eines Städteverbundes. Zu den konkreten Maßnahmen gehören unter anderem ein gemeinsamer Veranstaltungskalender, gemeinsame Aktivitäten im Bereich der Wirtschaftsförderung und die geplante Aufstellung eines gemeinsamen Flächennutzungsplans. Im Jahr 2016 erhielt der Landkreis die Zusage, als eine von bundesweit zwölf Regionen bis 2018 in das Modellvorhaben der Raumordnung(MORO) des BMVI und BBSR aufgenommen zu sein, in denen das Modellprogramm„Lebendige Regionen – Aktive Regionalentwicklung als Zukunftsaufgabe“ umgesetzt wird. Der Landkreis bewarb sich unter dem Titel„Kommunen im Gleichgewicht – Resiliente Strukturen sichern“ mit zwei Schwerpunktthemen: kommunale Finanzbeziehungen und Leerstandsmanagement. Über das Modellvorhaben sollten mithilfe des LEADER-Managements sowie der Unterstützung externer Betrachtung und Beratung Entscheidungsträger_innen sowie die Bevölkerung für die Themen sensibilisiert und der Blick für neue, ortsübergreifende Lösungsansätze geweitet werden.„Ziel des Modellvorhabens ist es im weitesten Sinn, die ‚Negativspirale‘ aus schwierigen kommunalen Haushaltslagen und sich in der Folge ergebender zunehmender Einschränkungen in der Wohn- und Lebensqualität zu durchbrechen“(Landkreis Saalfeld-Rudolstadt o. J.). Im Rahmen des Modellvorhabens wurde im Landratsamt Saalfeld-Rudolstadt eine Stelle für Regionalentwicklung geschaffen. Die Kommunalen Arbeitsgemeinschaften(KAG)„RennsteigSchwarzatal“ und„Thüringer Meer“ arbeiten kreisübergreifend zum Thema Tourismus. Die KAG Rennsteig-Schwarzatal teilt sich in drei Unterarbeitsgruppen auf: Marketing, Wanderregion Rennsteig-Schwarzatal und Fröbel-Kreis. Die zwei Letzteren werden vom LEADER-Management Saalfeld-Rudolstadt prozessorientiert begleitet. In den Arbeitsgruppen beteiligt sind Schlüsselinstitutionen und-personen der Region zu den jeweiligen Themen. Die Internationale Bauausstellung(IBA) Thüringen steht unter dem Thema STADTLAND(2013–2023). Eine Teilregion des Landkreises wurde im September 2014 mit dem Beitrag „Experimentierfeld Resilientes Schwarzatal“ als IBA-Kandidat ausgewählt. Darüber hinaus wurden die Projekte„Zwischenraum zum Ankommen“ in Saalfeld-Beulwitz sowie„Schloss Schwarzburg – Denkort für Demokratie“ in das IBA-Programm aufgenommen. Die IBA arbeitet eng mit den Akteur_innen vor Ort zusammen, ist(Mit-)Veranstalter von Workshops, Gesprächsrunden, bemüht sich um zusätzliche Fördermittel und unterstützt durch Expertise, wie z. B. die Beauftragung eines „Drehbuchs“ für Schloss Schwarzburg als Denkort der Demokratie. Die„Zukunftswerkstatt Schwarzatal“ ist seit Frühjahr 2017 ein eingetragener Verein, welcher sich weiterhin als offener Zusammenhang von Menschen versteht, die sich für die Zukunft der Region interessieren und engagieren. Mit wechselnder Beteiligung führt die Zukunftswerkstatt Schwarzatal regelmäßig Einzelpersonen sowie Vertreter_innen aus Kommunen, Vereinen, Institutionen und ortsansässigen Unternehmen zusammen, um konkrete Projekte zu gestalten, Ideen zu sammeln und sich über laufende Prozesse auszutauschen. Sechs Jahre zuvor, im Frühjahr 2011, lud die LEADER Aktionsgruppe zum ersten Treffen unter diesem Titel ein. Ein besonderes Anliegen der Gruppe war es, im Rahmen eines Workshops bereits benannte Probleme und Mängel in der Region hinter sich zu lassen und ausschließlich das Positive, die Potenziale der Region in den Blick zu nehmen. Seit 2011 sind zahlreiche Projektideen aus der Zukunftswerkstatt Schwarzatal hervorgegangen, die, meist in Unterstützung der Beteiligten an der Zukunftswerkstatt oder des LEADER-Managements, von Einzelakteur_innen oder Projektgruppen realisiert wurden. Auch die IBA-Kandidatur fällt dem Engagement der Zukunftswerkstatt und des LEADER-Managements zu. Den Schritt zur Vereinsgründung nahm die Zukunftswerkstatt unter anderem auch aufgrund der IBA-Kandidatur und notwendigen begleitenden Maßnahmen vor. Fortan kann sie selbst die Trägerschaft für Förderprojekte übernehmen(LEADER Aktionsgruppe Saalfeld-Rudolstadt 2017). 4.3 LANDKREIS WALDECK-FRANKENBERG 4.3.1 SIEDLUNGSSTRUKTUR UND DASEINSVORSORGE Der Landkreis Waldeck-Frankenberg liegt im Nordwesten von Hessen und grenzt im Westen an Nordrhein-Westfalen. Umliegende hessische Landkreise sind die Kreise MarburgBiedenkopf, der Schwalm-Eder-Kreis sowie der Landkreis Kassel. Mit beinahe 1.850 km 2 ist Waldeck-Frankenberg der flächenmäßig größte Landkreis Hessens. Regierungsbezirk ist Kassel. Die Stadt Korbach ist der Verwaltungssitz. WaldeckFrankenberg weist eine Bevölkerungsdichte von 84,6 Einwohner_innen/km 2 auf und liegt damit deutlich unter dem hessischen Landesdurchschnitt von 289 Einwohner_innen/ km 2 . Auch die Siedlungsdichte ist daher mit 847 Einwohner_ innen/km 2 deutlich geringer als im hessischen Vergleich mit 1.838 Einwohner_innen/km 2 . Die 157.967 Bewohner_innen (31.12.2016) verteilen sich auf 22 Städte und Gemeinden (Statistisches Landesamt Hessen 2018). Insgesamt ist die Siedlungsstruktur kleinteilig. Lediglich Korbach, Bad Arolsen, Bad Wildungen und Frankenberg besitzen eine Bevölkerung von über 10.000 Einwohner_innen. Diese Städte sind nach dem System der Zentralen Orte als Mittelzentren eingestuft. Die durchschnittliche Pkw-Fahrzeit zu diesen Mittelzentren liegt bei 15 Minuten und damit im Landesschnitt. Der Landkreis Waldeck-Frankenberg bietet eine umfassende Schulbildung mit acht Förderstufen, elf Realschulen, einer Mittelstufenschule und drei allgemeinbildenden Schulen. Des Weiteren gibt es fünf berufliche Schulen sowie eine Volkshochschule. Die im Landkreis geführten Interviews lassen darauf schließen, dass die Daseinsvorsorge in WaldeckFrankenberg aus Sicht der Bewohner_innen ein besonderes Handlungsfeld darstellt. Bedarf wurde vor allem bei der Sicherung der technischen Infrastruktur, der Infrastruktur für Kinder und Jugendliche sowie der allgemeinen sozialen und kulturellen Infrastruktur gesehen. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 14 4.3.2 DEMOGRAFIE Seit dem Jahr 1834 stehen demografische Daten über WaldeckFrankenberg zur Verfügung. Diese belegen, dass im 19. und frühen 20. Jahrhundert innerhalb der Region zwar die Kindersterblichkeit sank und der Altersdurchschnitt anstieg, die Bevölkerungszahlen aber relativ konstant zwischen 80.000 und 90.000 Einwohner_innen blieben. Die Bewohner_innen der Region Waldeck-Frankenberg wanderten in die aufstrebenden Industrieregionen und Metropolen ab(Römer 2016). Erst mit Ende des Zweiten Weltkrieges verzeichnete der Landkreis einen Anstieg in der Bevölkerungszahl, Vertriebene wanderten ein und von Mitte 1945 bis 1946 stieg die Bevölkerung rasant um das Anderthalbfache an. Ein leichter Einbruch der Bevölkerungszahl in den 1950er Jahren lässt sich mit einer vermehrten Abwanderung in die Städte erklären. Insgesamt blieb in den Jahren zwischen dem Zweiten Weltkrieg bis 1975 die Bevölkerung jedoch relativ konstant. Ab Mitte der 1970er Jahre stieg die Zahl der Einwohner_innen dann leicht an und erreichte um die Jahrtausendwende einen Peak von circa 170.000(Römer 2016). In den vergangenen Jahren – genau seit 2011 – sind die Bevölkerungszahlen wieder leicht sinkend. Die demografischen Indikatoren stellen sich in den Salden pro Jahr(p. a.) wie folgt dar: Der Landkreis verzeichnet 7,9 Geburten je 1.000 Einwohner_innen und 12,7 Sterbefälle. Damit liegt der Landkreis statistisch gesehen bei den Geburten unter dem hessischen Durchschnitt, bei den Sterbefällen pro Jahr jedoch deutlich darüber. Der natürliche Saldo ist negativ und liegt bei –4,7 je 1.000 Einwohner_innen(Bertelsmann Stiftung 2018: 8). Momentan beträgt das Durchschnittsalter der Bevölkerung 45,4 Jahre(der Median liegt bei 48,0 Jahren), was circa zwei Jahre über dem hessischen Durchschnitt liegt. Der Anteil der 65Jährigen und über 65-Jährigen liegt bei 22,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. Prognosen der Bertelsmann Stiftung für das Jahr 2030 gehen davon aus, dass die natürliche Bevölkerungsentwicklung in Waldeck-Frankenberg weiterhin abnimmt, und das mit –10,6 Prozent stärker als im prognostizierten hessischen Durchschnitt von –5,7 Prozent. Das Medianalter steigt nach diesen Berechnungen auf 51,8 Jahre. Der Anteil der über 65-Jährigen soll auf 30,9 Prozent steigen. Somit wird für das Jahr 2030 in Waldeck-Frankenberg mit einer Bevölkerung gerechnet, welche nicht nur älter als die momentane Bevölkerung ist, sondern deren Alter auch im Vergleich den hessischen Durchschnitt übersteigt(Bertelsmann Stiftung 2018). Die Abwanderung vor allem junger Frauen aus dem Landkreis stellt keinen neuen Trend dar, diese Gruppe ist seit der statistischen Aufzeichnung mobil. Aber auch junge Männer wandern ab. Konnte diese Abwanderung junger Menschen früher durch eine höhere Geburtenrate ausgeglichen werden, so führt sie nun zu einem negativen Saldo in den jüngeren Kohorten(Römer 2016). Die Bildungswanderung beträgt –14,3 Prozent. Eine Zahl, welche in deutlichem Gegensatz zum positiven hessischen Saldo steht, der bei gut 33 Prozent liegt(Bertelsmann Stiftung 2018). Junge Menschen, welche den Kreis verlassen haben, kehren allerdings in Teilen nach Abschluss ihrer Ausbildung oder ihres Studiums zurück. Insbesondere für über 30-Jährige scheint der Landkreis dann ein attraktiver Wohnort zu sein(Römer 2016). Allerdings kam es in den vergangenen Jahren auch zu Zuzügen in die Region, die zeitweise sogar die Zahl der Abwanderungen kompensierte. So ergab sich im Jahr 2016 beispielsweise ein positiver Wanderungssaldo von 5,8 je 1.000 Einwohner_ innen(Bertelsmann Stiftung 2018). Die Zuwanderung findet über alle Bevölkerungs- sowie Altersgruppen statt. Zuzüge erfolgen vor allem aus EU-Mitgliedstaaten(Römer 2018). Im Jahr 2015 nahm Waldeck-Frankenberg zudem Geflüchtete auf und steigerte so innerhalb eines Jahres den Anteil von ausländischen Mitbürger_innen an der Gesamtbevölkerung um 1,4 Prozentpunkte auf 6,8 Prozent. Auch in den darauffolgenden Jahren nahm der Landkreis weiter Geflüchtete auf (Römer 2016). Insgesamt zeigt der Landkreis Waldeck-Frankenberg, wie so viele andere Regionen auch, sehr kleinteilige demografische Prozesse, sodass Schrumpfen und Wachsen dicht beieinanderliegen. Der leicht anhaltende Trend der Zuzüge in den Kreis wird das natürliche Bevölkerungssaldo wie die Bildungswanderung voraussichtlich nicht kompensieren können, sodass die Bevölkerung im Landkreis abnehmen und altern wird. 4.3.2 WIRTSCHAFT UND LANDWIRTSCHAFT Der Landkreis ist geografisch durch seine Mittelgebirgslage und eine ungünstige Verkehrsanbindung gekennzeichnet – so hat lediglich der äußerste Norden des Landkreises mit Diemelstadt eine direkte Anbindung an die Autobahn A44. 13 Prozent der Beschäftigten pendeln in den Landkreis ein. Die Zahl der Auspendler_innen überwiegt leicht, was einen negativen Pendlersaldo von –1,2 Prozent ergibt(Bertelsmann Stiftung 2018). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Tourismus als wirtschaftliches Standbein im Landkreis entdeckt und ausgebaut. Er stellt mittlerweile einen bedeutenden wirtschaftlichen Faktor in der Region dar. Die Zahl der Übernachtungen ist die zweithöchste in Hessen, nach dem Frankfurter Raum (Römer 2018). Auch bei dem Regionalranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft wies Waldeck-Frankenberg eine Stärke im Bereich des Tourismus auf(Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft 2018). Die Industriebetriebe Conti und Vissmann stellen gemeinsam über 8.000 Arbeitsplätze in der Region. Ansonsten ist die Wirtschaft durch kleine und mittelständische Unternehmen vor allem der Holzverarbeitung und Kunststoffindustrie gekennzeichnet(2018). Die Wirtschaftsförderung und Regionalmanagement Waldeck Frankenberg GmbH setzt sich dafür ein, die Wirtschaftskraft Waldeck-Frankenbergs zu stärken und unternehmerisches Engagement zu fördern(www.wfg-hessen.de). Der Beschäftigungsanteil im ersten Sektor(Land- und Forstwirtschaft) lag 2017 bei 0,9 Prozent und im zweiten Sektor (industrielle Produktion) bei 37,9 Prozent. Durch den vergleichsweise hohen Anteil an Beschäftigten im ersten und zweiten Sektor ist der Anteil im dritten Sektor mit 61,2 Prozent weit unter dem hessischen Durchschnitt. Im unternehmensorientierten Dienstleistungssektor sind 6,3 Prozent der Beschäftigten tätig, ebenfalls weit weniger als der hessische Durchschnitt (Bertelsmann Stiftung 2018). In Waldeck-Frankenberg werden 84.000 Hektar forstwirtschaftlich und etwas über 70.000 Hektar landwirtschaftlich genutzt. Die Landwirtschaft des Kreises findet zwischen Hö- SOZIALE ORTE WISO DISKURS 15 henlagen von 180 bis 1.100 Meter bei Jahresdurchschnittstemperaturen zwischen 6,5 und 8,8° Celsius statt. Von den 2.300 Betrieben ab 1 Hektar Größe werden circa drei Viertel im Neben- oder Zuerwerb geführt. Die Rinder- und Milchviehhaltung stellt hier den Hauptproduktionszweig dar. Einige Betriebe halten ebenfalls Schweine und betreiben Landschaftspflege. Die Bodenqualität im Landkreis ist zu 60 Prozent unterdurchschnittlich, zu 25 Prozent ungenügend und zu 15 Prozent durchschnittlich. Knapp die Hälfte erfährt eine Grünlandnutzung, wobei die meisten Standorte absolutes Grünland darstellen, d. h. der Standort erlaubt keine andere landwirtschaftliche Nutzung(www.landwirtschaft-waldeckfrankenberg.de). 4.3.3 NETZWERKSTRUKTUREN Die Vernetzung von Menschen mit gleichen Interessen findet im Landkreis weitgehend in ganz klassischen Bahnen statt: in Sport- und Musikvereinen, Kirchengemeinden oder Parteien, im Bauernverband, in der Landjugend, in Naturschutzbünden, den freiwilligen Feuerwehren, in Verbänden und interessengebundenen Zusammenschlüssen. Diese klassischen Institutionen der Vernetzung auf persönlicher Ebene sind im Landkreis immer noch stark ausgeprägt, wenngleich die typischen Krisenerscheinungen des Ehrenamts und des dörflichen Vereinslebens auch vor Waldeck-Frankenberg nicht haltmachen. Aber auch neue Wege der Vernetzung werden zunehmend beschritten: Auf lokaler Ebene ist in Waldeck-Frankenberg zu beobachten, dass sich vielerorts Dorfvereine gründen, in denen sich die„herkömmlichen“ Vereinsakteur_innen, aber auch Gewerbetreibende miteinander vernetzen. Das gemeinsame Interesse gilt der positiven Gestaltung des Dorflebens durch bürgerschaftliches Engagement und Zusammenarbeit, frei nach dem Motto:„Wir für …“. Im Kontext eines besonderen Events, beispielsweise eines Ortsjubiläums, entwickeln sich diese Zusammenschlüsse zum Teil aus älteren„Verkehrsund Verschönerungsvereinen“. Solche örtlichen Netzwerke nehmen zu, sind aber in Form und Inhalt oft sehr unterschiedlich und beschränken und fokussieren sich genau auf den Ort, in dem sie existieren. Ein Beispiel für einen solchen Dorfverein ist der Sachsenberg – Städtchen mit Herz e. V. Gegründet zum Jubiläum der Stadtrechtverleihung für Sachsenberg im Jahr 2012 betreibt der Verein eine Internetseite mit Informationen zur Stadt und zum Jubiläum und hat es sich zur Aufgabe gemacht, gemeinnützige Projekte in Sachsenberg zu unterstützen, aber auch den Bekanntheitsgrad und die Entwicklung Sachsenbergs zu fördern. Auf Landkreisebene findet eine„spartenübergreifende“ Vernetzung wie in den geschilderten Dorfvereinen nicht wirklich statt. Die Aufgabe der gemeindeübergreifenden Vernetzung nehmen sicherlich die drei im Landkreis existierenden LEADER-Regionen am ehesten wahr. Die Regionen„Diemelsee-Nordwaldeck“ im Norden,„Kellerwald-Edersee“ im Zentrum und„Burgwald-Ederbergland“ im Süden gehören teilweise oder ganz zum Landkreis. Die drei LEADER-Regionen betreiben klassische Regionalförderung für den ländlichen Raum: Existenzgründungen, touristische und Bildungsinfrastruktur, kommunale Projekte und Ähnliches werden finanziell gefördert. Projektbezogen findet auch eine Zusammenarbeit der LEADER-Regionen miteinander und mit dem Landkreis statt. Eine institutionalisierte Vernetzung der drei LEADERRegionen gibt es allerdings nicht. Ein Beispiel für eine solche Vernetzung, über die Landkreisund Landesgrenzen hinaus, ist die Entstehung des Nationalen GeoPark GrenzWelten(http://www.geopark-grenzwelten.de). Der Park verbindet den Nationalpark KellerwaldEdersee und die Naturparks Diemelsee, Kellerwald-Edersee, Rothaargebirge und Habichtswald in und um WaldeckFrankenberg miteinander und möchte mit zehn regionalen Geoparkzentren, Museen, Erlebnispfaden und zahlreichen weiteren Veranstaltungen unterschiedliche Stufen der Entwicklung von Natur- und Kulturlandschaft aufzeigen. An seiner Entstehung waren neben dem Landkreis und den LEADERRegionen auch das Land Hessen und viele weitere Akteur_ innen beteiligt. Eine ähnliche, auch über den Landkreis hinausreichende Vernetzung von insgesamt sechs LEADER-Regionen in Hessen gab es auch im Jahr 2016. Es wurde gemeinsam eine Studie zu Mobilität im ländlichen Raum für die Landkreise Lahn-Dill-Kreis, Waldeck-Frankenberg und Marburg-Biedenkopf erarbeitet und veröffentlicht. Eine besondere Form des Netzwerks stellt das Network Waldeck-Frankenberg(https://www.network-wf.de/) dar. Diese private Initiative von zurückgekehrten Akademiker_innen bemüht sich um die Vernetzung von Studierenden aus Waldeck-Frankenberg mit örtlich ansässigen Firmen. Sie möchte junge, gut ausgebildete Akademiker_innen mit einer persönlichen Bindung zum Landkreis – seit Herbst 2018 auch Schulabsolvent_innen mit Interesse an einer dualen Ausbildung – und ansässige Arbeitgeber_innen zusammenbringen, um Perspektiven für beide Seiten im Landkreis WaldeckFrankenberg zu schaffen. Neben einer Jobbörse, einem Magazin und Messeauftritten werden Workshops, Veranstaltungen und Coachings angeboten. Das Network Waldeck-Frankenberg arbeitet dabei nicht nur mit der freien Wirtschaft, sondern auch mit dem Landkreis zusammen. Insgesamt stellt sich die Netzwerkstruktur in WaldeckFrankenberg als recht klassisch dar. Etablierte Netzwerkstrukturen sind in vielfältiger Art und Weise zu finden. Innovative, neuartige und„spartenübergreifende“ Netzwerke finden sich nur vereinzelt und sind häufig projektbezogen. Die geschilderten Dorfvereine konzentrieren sich stark auf die örtliche Ebene, das Network Waldeck-Frankenberg hingegen versucht, auch überörtlich zu agieren. 4.3.4 STUDIEN ZUM LANDKREIS Der Landkreis Waldeck-Frankenberg war bis 2017 drei Jahre lang„Modellregion Barrierefreiheit in Gastronomie und Tourismus“, gefördert vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration. Insgesamt standen dem Landkreis rund 40.000 Euro zur Verfügung, um das touristische Angebot im Kreis für Menschen mit Behinderung zu verbessern. Von 2009–2011 war der Landkreis außerdem Modellregion für das BiT-Projekt des Landes Hessen. BiT steht dabei für „Betreuung im Tandem“ und bezieht sich auf ein Modell, mit dem die Übernahme einer ehrenamtlichen(rechtlichen) Betreuung dadurch erleichtert werden soll, dass ein_e hauptamtliche_r Betreuer_in eines Betreuungsvereins für einen begrenzten Zeitraum gemeinsam mit dem/der ehrenamtlichen Betreuer_in agiert. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 16 Im Jahr 2016 wurde im Auftrag von sechs LEADER-Regionen, darunter auch die drei LEADER-Regionen des Landkreises, dem Landkreis Waldeck-Frankenberg selbst sowie dem Lahn-Dill-Kreis und dem Landkreis Marburg-Biedenkopf eine Studie zum Thema Mobilität auf dem Lande durchgeführt. Umgesetzt wurde die Studie, die finanziell von den sechs LEADERRegionen getragen wurde, vom Fuldaer Planungsbüro sustain! Büro für Nachhaltige Entwicklung(2018: FN 21). Die Studie beschäftigt sich in erster Linie mit dem Thema Mobilität aus Sicht der Regionalentwicklung. Dabei möchte sie konkrete Handlungsoptionen für LEADER-Regionen aufzeigen, wie Mobilität auf dem Lande gefördert und verbessert werden kann. Die Ergebnisse der Studie stammen aus sieben„Regionalworkshops“ und Erfahrungsberichten aus bestehenden Projekten.„Die größten Chancen zur bedarfsgerechten Umsetzung von Projekten mit regionalen Akteuren im Bereich des Verkehrs bestehen dort, wo die räumliche Lage und das soziale Milieu der Akteure zusammenwirken“(sustain! 2018: 19). Die Studie unterscheidet dazu drei räumliche Lagen, zu denen jeweils unterschiedliche Handlungsoptionen genannt werden. Im Stadtumland verortet die Studie insbesondere Akteur_innen aus dem„sozial-ökologischen Milieu“ und empfiehlt privates Car-Sharing als Lösungsansatz. Entlang der Hauptachsen wird die Einführung sogenannter Mobilpunkte und Zubringer über Mitfahrsysteme empfohlen, die sich an den Sinus Milieus – etwa den„Expeditiven“ und„Adaptiven Pragmaten“ – orientieren. In den peripheren Räumen trauen die Autoren dem traditionellen, konservativen Milieu die Organisation ehrenamtlicher Fahrdienste zu. Alle diese Ansätze sollen den Zugang und die Nutzbarkeit von ÖPNV verbessern, ganz im Sinne der beiden Hauptziele des Projekts: Verringerung des Verkehrs bei gleichzeitiger Verbesserung von Verkehrsangeboten. Ein weiteres Themenfeld, zu dem im Landkreis gearbeitet wurde, sind Ausbildungsangebote. Zwischen 2008 und 2012 setzten sich zwei Projekte mit unterschiedlichen Teilaspekten auseinander, nahmen aber durchaus aufeinander Bezug: Das sogenannte Jobstarter-Projekt dual regional des Berufsförderungswerkes des Handwerks hatte zum Ziel, insgesamt 60 zusätzliche Ausbildungsstellen zu schaffen. In Zusammenarbeit mit Ausbildungsschulen und Betrieben wurden Schüler_innen auf Messen, im Internet und insbesondere im persönlichen Gespräch an den Schulen beraten und teilweise über ein Matching-Konzept in partizipierende Betriebe vermittelt(Bundesministerium für Bildung und Forschung/Jobstarter 2018). Das Projekt Perspektive Berufsabschluss der Kreishandwerkerschaft Waldeck-Frankenberg hatte als Hauptziel, den Anteil an- und ungelernter Mitarbeiter_innen durch Nachqualifizierungsmaßnahmen zu verringern und Unternehmen bei der Weiterbildung zu unterstützen. Dazu wurden das Nachqualifizierungsangebot sowie die Beratungsstrukturen in der Region ausgebaut(Kreishandwerkerschaft Waldeck-Frankenberg 2013). SOZIALE ORTE WISO DISKURS 17 5 SOZIALE ORTE – FALLSTUDIEN AUS DEN LANDKREISEN Wie haben wir uns nun Soziale Orte vorzustellen? Was passiert dort? Wer ist hier aktiv? Die Auswahl der Sozialen Orte in den Landkreisen erfolgte in einem mehrstufigen Auswahlverfahren, das aus Gesprächen mit Expert_innen(Landrät_innen, LEADER-Gruppen etc.), Exkursionen in die Landkreise mit Ortsbesichtigungen, Dokumentenanalyse und Internetrecherche bestand. Die im Folgenden vorgestellten Gemeinden – Schwarzburg, Saalfeld, Diemelstadt, Löhlbach, Dalwigksthal – mit ihren Sozialen Orten weisen sehr unterschiedliche Strukturmerkmale auf: Stadt- und Ortsteile, Dörfer, diverse Aktionen und Räume, Projekte und Prozesse, unterschiedliche Netzwerke und Akteursgruppen, die sich beteiligen, verschiedene Zielgruppen. Der Blick auf das, was Menschen als Soziale Orte verstehen, denn darauf kam es an, sollte nicht durch ein vorheriges Indikatorenraster eingeschränkt werden, wenn gleich alle ausgewählten Sozialen Orte dennoch Ähnlichkeiten aufweisen, die hier am Ende dargestellt werden. 5.1. FALLSTUDIEN SAALFELD-RUDOLSTADT Im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt fiel die Wahl auf die Gemeinde Schwarzburg und die Stadt Saalfeld, in der insbesondere zwei Ortsteile untersucht wurden: Beulwitz und Gorndorf. Die thüringische Gemeinde Schwarzburg und Saalfeld werden mit ihren Sozialen Orten kurz vorgestellt. 5.1.1 SCHWARZBURG Schwarzburg liegt im Norden des Schwarzatals, rund elf Kilometer vom nächsten Mittelzentrum Bad Blankenburg(Teil des Städtedreiecks Bad Blankenburg-Rudolstadt-Saalfeld) und etwa 20 Kilometer von der Kreisstadt Saalfeld entfernt. Die nächsten Grundzentren, die Städte Königsee-Rottenbach und Oberweißbach, liegen in elf bis zwölf Kilometer Entfernung. Die eigenständige Gemeinde mit ehrenamtlicher Bürgermeisterin und Ortsbeirat ist Teil der Verwaltungsgemeinschaft Schwarzatal, mit Sitz in der Stadt Schwarzatal. Über die Landstraße 1112 ist Schwarzburg mit Bad Blankenburg und dem Umland verbunden. Durch den Haltepunkt„Schwarzburg-Trippstein“ der Schwarzatalbahn(Teil der Deutschen Bahn), etwas außerhalb der Ortslage befindlich, ist die Verbindung zwischen Schwarzburg und dem Oberen Schwarzatal bis Katzhütte sowie über Rottenbach in Richtung Saalfeld oder Erfurt vorhanden. Der Hauptwirtschaftszweig des Schwarzatals und im Besonderen in Schwarzburg war bis 1990 der Tourismus. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Schwarzburg von Sommerfrischler_innen 4 und Tourist_innen als Erholungsort aufgesucht. Die ersten Kurgäste erreichten Schwarzburg um das Jahr 1840. Fortan entwickelte sich der Ort wie auch das restliche Tal zu einem Touristenmagnet und galt bald als„Perle“ von Thüringen. Die Wirtschaft passte sich dieser Entwicklung an, durch den Ausbau von Gastbetrieben und der Konzentration von Handwerk, z. B. rund um den Ausbau, Umbau und die Restaurierung von Residenzen im Stil der Sommerfrische. Mit der Wende brach der Tourismus fast vollständig ein. Der Ort und die Menschen verloren ihre wirtschaftliche Basis und damit auch in gewissem Maße ihre Identität. Die Folge war eine starke Abwanderungswelle in den vergangenen Jahrzehnten. Seit 1990 verlor die Gemeinde fast 50 Prozent ihrer Einwohner_innen und ist seither auch von einem starken Abbau öffentlicher Infrastruktur betroffen(Stadt Saalfeld 2015b). Heute leben 557 Menschen in Schwarzburg, darunter 286 Frauen und 271 Männer. Die Altersstruktur entspricht etwa der durchschnittlichen Altersstruktur im gesamten Landkreis. Im Vergleich zum Thüringer Durchschnitt leben weniger Kinder unter 15 Jahren sowie Personen im erwerbsfähigen Alter in der Gemeinde, dafür rund drei Prozent mehr Personen über 65 Jahren(Thüringer Landesamt für Statistik o. J.e). Seit dem Jahr 2011 verzeichnet die kleine Gemeinde allerdings eindeutig mehr Zu- als Fortzüge. Nur in einem Jahr fiel der Überschuss negativ aus. Zwischen 2011 und 2015 (einschließlich 2015) liegt der Überschuss der Zu- bzw. Fortzüge insgesamt mit 56 Personen im Plus. Trotzdem prog4 Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war das landschaftlich ausgesprochen schöne Schwarzatal im Thüringer Wald so etwas wie ein touristischer „Hotspot“ und zog Gäste aus ganz Deutschland an. Es entwickelte sich sogar eine eigene Sommerfrische-Architektur, die an die Bäderarchitektur der Ostsee erinnert. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 18 nostiziert die erste regionalisierte Bevölkerungsvorausberechnung(rBv) aus 2015 der Gemeinde Schwarzburg bis 2035 eine Schrumpfung ihrer Einwohner_innenzahlen um erneute 30 Prozent auf 390 Einwohner_innen(Thüringer Landesamt für Statistik o. J.g). Bis heute ist der Ort wirtschaftlich vom Tourismus abhängig, obwohl dieser nach 1990 drastisch einbrach. Allein zwischen 2001 und 2016 sank die Besucher_innenzahl Schwarzburgs(Ankünfte) um 53 Prozent und die Zahl der Übernachtungen um rund 39 Prozent. Insbesondere die Zahl ausländischer Gäste reduzierte sich dramatisch(Thüringer Landesamt für Statistik o. J.a). Landwirtschaftliche Betriebe sind keine mehr in Schwarzburg ansässig. Dagegen befinden sich noch ein Betrieb des verarbeitenden Gewerbes und zwei des produzierenden Handwerks im Ort. Darüber hinaus konzentriert sich die Wirtschaft im Dienstleistungsgewerbe: eine Bautischlerei, ein Landschaftsbaubetrieb, ein Elektriker, ein Baudienstleister, zwei Friseur- und Kosmetikangebote, ein Schuhfachgeschäft, ein Café, vier Hotels, drei Gaststätten, zwei Pensionen, ein Reiterhof und eine Jugendherberge. Erst im vier Kilometer entfernten Sitzendorf findet sich die nächste Einkaufsmöglichkeit für den täglichen Bedarf sowie eine Filiale der Sparkasse. Schwarzburg wird wöchentlich von einem Bofrost- und Metzger-Auto angefahren(Gemeinde Schwarzburg 2017). Die ärztliche Grundversorgung ist mit einer Praxis für Allgemeinmedizin, einer Zahnärztin sowie einer Physiotherapeutin abgedeckt. Zudem sind Möglichkeiten der stationären sowie ambulanten Pflege vor Ort gegeben. Weiterhin betreibt die Gemeinde einen Kindergarten mit Hort, ein Bürgerhaus mit Tagungsraum und seit 2018 eine Touristeninformation im Torhaus zum Schlossgelände. Weitere Angebote im Ort wie der Spielplatz, die Kegelbahn, das Freibad oder der Kultursaal werden von dem großen freiwilligen Engagement der Schwarzburger_innen in elf Vereinen 5 aufrechterhalten. Trotzdem mussten die Schwarzburger_innen seit den 1990ern den Abbau zahlreicher öffentlicher Einrichtungen und die Schließung von Handwerksbetrieben und Gastgewerbe beklagen, die zuvor ihren Ort als„Thüringens Perle“ geschmückt hatten. Darunter die Grundschule, die Fachhochschule für Forstwirtschaft oder der Sportplatz(Gemeinde Schwarzburg 2017). In Einwohner_innenbefragungen während des Prozesses „Zukunftsstadt Saalfeld“ zwischen Juli 2015 und März 2016, in welchen Schwarzburg als ländliche Gemeinde eingebunden war, wurde die schwierige Versorgungslage des Ortes benannt und auf den starken Abbau von öffentlichen Einrichtungen wie auch privaten Versorgungsbetrieben oder Freizeitangeboten hingewiesen. Trotz allem hat der kleine Ort ein vergleichsweise hohes Freizeitangebot und der Zusammenhalt wird von den Interviewpartner_innen als gut empfunden. Entscheidend für die Vorhaltung der Angebote in Schwarzburg ist die starke Vereinskultur. Dem Engagement der Bürgermeisterin ist es zu verdanken, dass sich außerdem 5 Die Vereine in Schwarzburg: Badverein, Feuerwehr Schwarzburg, Förderverein Schloss Schwarzburg, Imkerverein, Kegelverein, Kirmesverein, Kultursaalverein, Sportverein, Tourismusverein, Trachtenverein, Spielplatzverein. eine kleine Jugendgruppe gefunden hat, die sich der Restaurierung einer alten Hütte als neuem Jugendtreffpunkt widmet. Ebenfalls als Treffpunkte wahrgenommen werden die jährlichen Dorffeste, der Dorfbrunnen, der Spielplatz, die Kirche und die Vereinszusammenkünfte. Der Gemeinderat setzt sich seit einiger Zeit für die Vernetzung und Kommunikation zwischen den Vereinen ein. Ein Ergebnis dieser Arbeit, aber insbesondere der Zusammenarbeit mit weiteren regionalen Netzwerken, wie der Zukunftswerkstatt Schwarzatal, ist der seit 2015 stattfindende Tag der Sommerfrische, dessen Organisation und Durchführung von der Mehrheit der Schwarzburger Vereine begleitet wird. Anlässlich der Eröffnung der Schwarzburger Waffensammlung als Ausstellung im Zeughaus im Sommer 2018, der Eröffnung einer Touristeninformation im Torhaus und die Etablierung eines Denkorts der Demokratie rund um Schloss Schwarzburg wird gegenwärtig neue Hoffnung in die Zukunft des Orts und der Region gelegt(Stadtverwaltung Saalfeld 2015e). PROJEKTE UND PROZESSE RUND UM SCHWARZBURG Schwarzburger Gespräche: Auf Initiative der Zukunftswerkstatt Schwarzatal und des Heimatbundes Thüringen unterstützt durch die LEADER Aktionsgruppe Saalfeld-Rudolstadt fanden 2011 zum ersten Mal die zweitägigen Schwarzburger Gespräche im Kaisersaal Schwarzburgs statt. Sie sind als Tagung konzipiert und stellen eine Besonderheit für den ländlichen Raum dar. Regionalentwicklung im Schwarzatal ist die Kernthematik der Schwarzburger Gespräche. Dafür werden unter jährlich wechselnden Fragestellungen und Themenfeldern Expert_innen eingeladen, Best-Practice-Beispiele aus anderen Regionen vorgestellt und gemeinsam an konkreten Chancen für das Schwarzatal gearbeitet. Auch regionale Akteur_innen finden hier die Gelegenheit, sich und ihre Arbeit in der Region zu präsentieren, im Plenum oder im Rahmen der Exkursion, die alljährlich den zweiten Tagungstag inhaltlich abrundet. Sommerfrische: Der dramatische Einbruch der Tourismusbranche sowie der Bevölkerungsrückgang ab 1990 führte u. a. zum Leerstand zahlreicher Sommerfrische-Bauten. Damit droht nun der Verlust der„Sommerfrische-Architektur“ – dem prägenden Merkmal der Region. Das Projekt„Sommerfrische“ im Schwarzatal wird angeschoben von der Zukunftswerkstatt Schwarzatal, unter Teilnahme auch Schwarzburger Bürger_innen und Entscheidungsträger_innen, begleitet durch das LEADER-Management sowie seit 2015 durch die IBA Thüringen. Ziel des Projektes ist es, Gemeinden, Objekteigentümer_innen sowie die Öffentlichkeit innerhalb und außerhalb der Region auf das Thema aufmerksam zu machen und Möglichkeiten für die Wiederbelebung der Architektur sowie des„Sommerfrische-Gefühls“ zu finden. Als Startaktion, öffentliches Event und niederschwelliges Angebot wurde 2015 der Aktionstag-Sommerfrische ausgerufen. Im Gegensatz zum negativen Bild der verfallenden typischen Architektur soll die Aktion die„Sommerfrische“ und die Region allgemein positiv beleuchten, positive Bilder nach innen und außen tragen und Beteiligungsmöglichkeiten eröffnen. SOZIALE ORTE WISO DISKURS 19 Ausgehend von diesem Aktionstag wird das Thema weiter in den Blick genommen. Aktuelle Projekte reichen von einer Onlinebörse für Sommerfrische-Architekturen bis hin zum Ausbau eines Objektes als Vorbild und Präsentationsplattform für neue Raum- und Nutzungskonzepte: dem Projekt„Probewohnen in Döschnitz“. 6 Schloss Schwarzburg – Denkort der Demokratie: Vor wenigen Jahren brachten der Förderverein Schloss Schwarzburg gemeinsam mit der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten die Idee vor, Schloss Schwarzburg gemeinschaftlich als einen Denkort der Demokratie für die Region zu entwickeln. 7 Der Ort ist bereits heute Gedenkort für Menschenund Bürgerrechte und der Förderverein Schloss Schwarzburg Vorbild für demokratisches Engagement. Anklang fand die Idee des Denkorts der Demokratie bei weiteren regionalen Initiativen und Engagierten, womit sie ein Arbeitsschwerpunkt der Zukunftswerkstatt Schwarzatal und Teil der Vision „Zukunftsstadt Saalfeld“ in Phase I des Bundeswettbewerbs Zukunftsstadt 8 wurde. Zudem wurde Schloss Schwarzburg im Sommer 2017 als Teilprojekt des IBA-Kandidaten„Experimentierfeld Resilientes Schwarzatal“ nominiert. Jene Initiativen für das Projekt bewirken, dass sich der Idee heute mehrere Vereine, Akteur_innen und Verwaltungen im Landkreis verbunden fühlen und aktiv in einem Netzwerk zusammenwirken. Die LEADER Aktionsgruppe nahm Schloss Schwarzburg bereits 2015 als Leitprojekt„Demokratiestätte Schwarzburg“ in ihre Regionale Entwicklungsstrategie auf, und auch die Lokale Partnerschaft für Demokratie sieht in Schloss Schwarzburg einen ihrer Förderschwerpunkte im Landkreis. Kennzeichnend für das Projekt und die Arbeit im Netzwerk ist der Versuch, bereits in der Konzeptplanung Bürger_ innen vor Ort einzubinden und regelmäßig über den Stand zu informieren, regionale Partner_innen zu identifizieren und zu beteiligen sowie gleichzeitig überregionale Expertise einzuholen. Auch ist der Denkort der Demokratie von Anfang an nicht als Projekt einer einzelnen Gemeinde gedacht, sondern als Projekt, eingebunden und in Verbindung mit der Region – dem Schwarzatal, dem Landkreis Saalfeld-Rudolstadt und darüber hinaus. Dass das Projekt mittlerweile Eingang in die Pläne lokaler Förderprogramme oder der IBA Thüringen gefunden hat, ist vor allem dem Einsatz der Mitglieder des Fördervereins Schloss Schwarzburgs und der Zukunftswerkstatt Schwarzatal zu verdanken. SOZIALE ORTE SCHWARZBURG/SCHWARZATAL Schwer gebeutelt von strukturellen Umbrüchen, vor allem in der Tourismusbrache, hat Schwarzburg seit vielen Jahren unter den Folgen des demografischen Wandels und dem Rückbau der Infrastruktur zu leiden. Die kleine Gemeinde mit heute noch rund 500 Einwohner_innen bietet dennoch Arbeitsplätze, Dienstleistungen und reges Vereinsleben, die sich positiv auf den sozialen Zusammenhalt in Schwarzburg auswirken. Vor allem aber die aktive Beteiligung an neuen Netzwerken, wie der Zukunftswerkstatt Schwarzatal, und das starke Engagement für das Schloss Schwarzburg haben neue Soziale Orte für den Ort, aber auch die gesamte Region hervorgebracht: Schwarzburger Gespräche, Denkort der Demokratie, Sommerfrische. Die Mitwirkung im Netzwerk und die neue Ansprache in die Region sowie nach außen haben die Wahrnehmung des Orts Schwarzburg und seine Wertigkeit für die Region stark erhöht und damit bereits beteiligte Personen und Institutionen enger an die Entwicklungen des Orts gebunden sowie neue Partner_innen dafür gewonnen. Die intensive Beschäftigung mit dem negativ besetzten Thema Leerstand unter Einbindung lokaler Bevölkerung wie auch auswärtiger Akteur_innen(z. B. IBA) trägt bereits jetzt erste Früchte. Es sind erste(junge!) Interessent_innen von außerhalb für Immobilien im Ort gefunden, die für den Erhalt des Ortsbildes und der touristischen Infrastruktur entscheidend sind(z. B. Jugendherberge Schwarzburg). Gezielt wird in den Prozessen aber nicht ausschließlich der Ort, sondern die Gesamtregion in den Blick genommen, und so das„Wir-Gefühl“(z. B. über den Tag der Sommerfrische) gestärkt. Dabei bleibt die dauerhafte Begleitung des Prozesses über die Zukunftswerkstatt Schwarzatal als kontinuierlicher Ansprechpartner und Moderator eines großen Anteils der Aktivitäten entscheidendes Kriterium für die bisherige und zukünftige positive Entwicklung der Sozialen Orte. 5.1.2 SAALFELD 6 Mehr zum Thema unter www.sommerfrische-schwarzatal.de 7 In Schwarzburg verbrachte Friedrich Ebert 1919 seinen Urlaub und unterzeichnete hier die Weimarer Verfassung. Aber auch im Dritten Reich war der Ort und das barocke Schloss Schwarzburg für Politik und Gäste interessant. So wurde es zu jener Zeit bis zur Unkenntlichkeit verwüstet, als es zu einem Reichsgästehaus umgebaut werden sollte. Heute gilt das Schloss als ein Mahnmal für die Gefährdungen von Demokratie und soll zukünftig Anlaufstelle für Projekte und demokratische Bildung im ländlich geprägten Schwarzatal sein. 8 Wie sieht die Stadt von morgen aus? Um diese Frage ging es im Wettbewerb„Zukunftsstadt“, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Wissenschaftsjahr 2015 ausschrieb(Förderphase I). 52 ausgewählte Städte, Gemeinden und Landkreise entwickelten gemeinsam mit Bürger_innen, Wissenschaft, lokaler Politik, Wirtschaft und Verwaltung eine ganzheitliche und nachhaltige Vision 2030+ für ihre Kommune(vgl. ht t ps: // w w w. i n n ova t i o ns p l a t t fo r m-z u k u nf t s s t a d t. d e/). Die Kreisstadt Saalfeld ist mit 27.705 Einwohner_innen(Thüringer Landesamt für Statistik o. J.j) die bevölkerungsstärkste Stadt des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt und bildet seit 1997 mit den Städten Rudolstadt und Bad Blankenburg das„Städtedreieck am Saalebogen“. Saalfeld ist nicht nur die bevölkerungsstärkste Stadt des Städtedreiecks, sie ist auch Verwaltungs-, Verkehrs-, Arbeits- und Einkaufszentrum der Region. Insgesamt ist die Stadt mit ihren fast 50 km 2 Fläche in zehn Stadtteile unterteilt. Neben der Städtereihe Eisenach-GothaErfurt-Weimar-Jena-Gera stellt das Städtedreieck mit einem breiten Branchenmix einen weiteren bedeutsamen Wirtschaftsraum für Thüringen dar(Städteverbund„Städtedreieck am Saalebogen“ o. J.). Die bekannteste Sehenswürdigkeit der Stadt FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 20 und ein beliebter touristischer Anlaufpunkt sind die Saalfelder Feengrotten. Verkehrlich ist Saalfeld an das Bundesverkehrsnetz über die Bundesstraße 281 und 85 angebunden. Die Altersstruktur in Saalfeld unterscheidet sich nur geringfügig von den durchschnittlichen Werten des Landkreises. Entgegen dem allgemeinen Trend hat die Stadt Saalfeld seit 2009 weniger Einwohner_innenverlust zu verzeichnen als die Region im Durchschnitt. Zwischen 2015 und 2035 wird infolge des demografischen Wandels allerdings auch ihr ein Einwohner_innenverlust von knapp 3.233 Einwohner_innen prognostiziert(Thüringer Landesamt für Statistik o. J.i). Auch wegen des Einwohner_innenrückgangs der vergangenen Jahrzehnte sinken seit Jahren Schlüsselzuweisungen des Landes und damit die städtische Finanzausstattung. Saalfeld steht demnach vor dem Problem, die Aufgaben und Ziele als Mittelzentrum mit Funktionen eines Oberzentrums dauerhaft und kontinuierlich erfüllen zu können. Auch die Gewährung des Mehrbelastungsausgleichs für Aufgaben im übertragenen Wirkungskreis wird dadurch erschwert. Der Erhalt und die Entwicklung städtischer Infrastruktur leiden unter dem geringen Budget der Stadt(Stadtverwaltung Saalfeld 2017). Zentral für Saalfeld sind die Unterschiede zwischen ihren Stadtteilen. Seit mehreren Jahren beschäftigt sich die Stadt besonders intensiv mit zwei sozialen Brennpunkten, dem Stadtteil Beulwitz, Bereich ehemalige Kaserne, und dem Stadtteil Gorndorf. Für die sozialen Belange der Bürger_innen beider Stadtteile sieht Saalfelds Verwaltung Regelungs- und Veränderungsbedarf. Die dort lebenden Menschen sind vielfach aufgrund ihrer Herkunft und/oder sozioökonomischen Situation auf eine kontinuierliche Unterstützung in ihren Bildungs- und Partizipationsprozessen angewiesen(Stadtverwaltung Saalfeld 2015a: 2). In 2015/2016 beteiligte sich die Stadt daher am Wettbewerb Zukunftsstadt und nahm in dieser Phase neben Schwarzburg insbesondere die Stadtteile Beulwitz/Alte Kaserne und Gorndorf in den Blick. In 2016 beantragte Saalfeld für beide Stadtteile die Aufnahme in das Städtebauförderprogramm„Soziale Stadt“. Mit Erfolg, in beiden Stadtteilen arbeiten heute Quartiersmanagements an der Bearbeitung der im Wettbewerb Zukunftsstadt zusammengetragenen Problemfelder und Ideen. 5.1.2.1 Saalfeld-Beulwitz Der Ortsteil Beulwitz besteht aus der historischen Dorfanlage, der Ortserweiterung durch ein Einfamilienhausgebiet und als Bindeglied zur Stadt dem Gebiet der ehemaligen Kaserne, mit heute knapp 850 Einwohner_innen. Noch im Stadtentwicklungskonzept 2010 hat die Stadt die überwiegende Fläche als Gewerbegebiet festgeschrieben und die westlich der Straße bestehende Blockbebauung als Rückbaufläche in Erwägung gezogen. Die Wohnblöcke der Konversionsfläche, hier militärische Fläche, wurden zu Beginn der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts teilweise mit Wohnungsbaufördermitteln saniert. Die Zweckbindung für Sozialwohnraum bleibt für den Großteil der Wohnbauten bestehen(Stadtverwaltung Saalfeld 2015b: 2). Durch die bestehenden Eigentumsverhältnisse und vorhandenen Leerstände erfolgte ab 2010 eine Fremdvermietung an das Landratsamt Saalfeld Rudolstadt als Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber_innen, die seit dem Jahr 2012 voll belegt ist(Stadtverwaltung Saalfeld 2015b). Dieser Schritt verfestigte die Stigmatisierung und Segregationsprozesse im Quartier„Alte Kaserne“. Sozial erfolgte die Ballung von sozialschwachen Mieter_innen, Menschen mit Migrationshintergrund und ausländischen Familien in einem gewerblich geprägten Umfeld, verbunden mit einer hohen Anzahl von Arbeitslosen und Arbeitssuchenden. Der Anteil an ausländischen Bewohner_innen des Quartiers beträgt 46,1 Prozent und liegt damit zehnmal höher als in der Gesamtstadt. Gleichzeitig findet sich dort im Vergleich zu anderen Stadtteilen der niedrigste Altersdurchschnitt – ein Potenzial, das aus Sicht der Beteiligten im Wettbewerb Zukunftsstadt bisher noch nicht ausreichend wahrgenommen und gefördert wurde(Stadtverwaltung Saalfeld 2015b: 4ff.). Die ausgeschriebene Gewerbefläche, die unmittelbar an die Gemeinschaftsunterkunft angrenzt, liegt bisher weitestgehend brach. Sanierungen an den vorhandenen Wohnungen finden nur punktuell statt, sodass das Quartier infrastrukturell und sozial stark vernachlässigt ist. Die Ausstattung des Gebiets mit sozialen Einrichtungen ist unzureichend(keine Schule, kein Kindergarten, kein Spielplatz mehr), aber die Grundversorgung in maximal 0,5 Kilometer Entfernung sowie das ÖPNV-Angebot in die Gesamtstadt sind gut(Stadt Saalfeld 2015a). Viele Einwohner_innen des Quartiers Alte Kaserne fühlen sich sozial ausgegrenzt, abgehängt und vergessen. Auch im alten Ortsteil Beulwitz sei man als Bewohner_innen der Alten Kaserne nicht willkommen. Im Rahmen des Wettbewerbs Zukunftsstadt Saalfeld wurden zwölf Interviews sowie informelle Gespräche, Workshops und Stadtteil-Fotorallys in Beulwitz durchgeführt, in welchen auf die Probleme, Chancen und Wünsche für das Quartier Alte Kaserne eingegangen werden konnte. Häufige Konflikte unter den Einwohner_innen wurden als negativ empfunden. Ebenso die ungenutzten und verwilderten Freiflächen, die Verschmutzung durch Müll, das Fehlen von Straßenüberquerungen oder die fehlende Präsenz und Kommunikation durch die Hauseigentümer_innen. Einzige Anlaufstelle und wichtiger Akteur vor Ort, der auch in den Interviews häufig als positiver Einfluss genannt wurde, mittlerweile aber nicht mehr voll durch einen Sozialarbeiter besetzt werden kann, ist die Begegnungsstätte Beulwitz(Stadtverwaltung Saalfeld 2015c). Die Begegnungsstätte ist in Trägerschaft des Landkreises und bietet Raum und Möglichkeiten der Begegnung zwischen Jung, Alt sowie unterschiedlichen Kulturen aus dem Wohngebiet. Zudem finden hier Sprachkurse, Sprechstunden, Hausaufgabenhilfe, Bewohnerversammlungen, Sozialberatung sowie offene Gruppenangebote der Mobilen Jugendarbeit Saalfeld-Rudolstadt statt (Saalfeld Young Communities o. J.). Positiven Einfluss auf die Entwicklung des Quartiers Alte Kaserne hatten die zwischen 2005–2013 fest angestellten Quartiersmanager_innen, die sich um Förderprogramme bemühten und zahlreiche Beteiligungsprojekte initiierten. Durch den zwischenzeitlichen Wegfall der Stelle kamen auch Aktivitäten wie diese mehrheitlich zum Stillstand. Befristete Förderprogramme ermöglichten, weiterhin Partizipationsmaßnahmen mit Kindern und Jugendlichen durchzuführen, konnten aber nicht die regelmäßigen Angebote vor Ort ersetzen. Der soziale Zusammenhalt innerhalb des Quartiers Beulwitz/ Alte Kaserne sowie der Stadt Saalfeld im Gesamten ist durch die Segregationsprozesse, Stigmatisierungen und Konflikte SOZIALE ORTE WISO DISKURS 21 im Quartier gefährdet. Handlungsbedarf besteht in der Aufwertung und Pflege des Freiraumes, der Schaffung von Freizeitangeboten, der Außenwirkung, der Förderung bürgerschaftlichen Engagements sowie der Einbindung der Alten Kaserne in die Stadtgemeinschaft im Allgemeinen(FH Erfurt 2015b). Zum Abschluss der Phase I im Wettbewerb Zukunftsstadt wurden einige Ideen für die Weiterentwicklung des Stadtteils, die in Zusammenarbeit mit den Bürger_innen vor Ort entstanden, vorgestellt. Als Impulsprojekt für Beulwitz/ Alte Kaserne benannte das Wettbewerbsteam den Aufbau und die Begleitung eines Kreativ- und Gründerzentrums mit temporärem Charakter, für das sie in der IBA Thüringen eine zuverlässige Unterstützung fanden. Unter dem Projekttitel„Zwischenraum zum Ankommen“ arbeiten seit 2016 also die Stadtverwaltung, das Bildungszentrum Saalfeld, die Offene Jugendarbeit Beulwitz, die Lokale Partnerschaft für Demokratie Saalfeld-Rudolstadt, die Wohnbundberatung Dessau sowie in Teilen Student_innen der FH Erfurt und natürlich die Bevölkerung vor Ort gemeinsam mit der IBA Thüringen daran, im Selbstbau neuartige Werk- und Freiräume zu schaffen.„Die experimentelle städtebauliche Entwicklung der Brache soll für die alten und neuen Nachbar_innen, aber auch Kreativen aus der Region, die Handlungsoptionen erweitern und ihnen neue Perspektiven eröffnen. Bei einer Sommerwerkstatt vom 24. Juli bis 4. August 2017 arbeiteten Anwohner_innen vor Ort, Kreative und Macher aus der Region, Studierende aus Thüringen und Geflüchtete aus aller Welt gemeinsam an einem Raumprogramm und Zukunftsperspektiven. Sie legten den Grundstein für die Entwicklung einer Gewerbebrache als Magnet und Motor für Austausch, Lernen, Arbeit und Freizeit im Quartier. In einer Experimentierphase 2018–19 wollen die Partner_innen mit den Anwohner_innen im Selbstbau die ersten Räume schaffen“(Internationale Bauausstellung Thüringen 2017). Das Quartier kann durch das Projekt aus Sicht der Akteur_innen zukünftig städtebaulich eine Aufwertung erfahren, sozial belebt werden und eine Öffnung zur Gesamtstadt sowie seine Überwindung als Stadtteil in Randlage mit Imageproblem erfahren. Partizipationsprozesse tragen bereits jetzt zur Stärkung der Menschen vor Ort bei. Die finanzielle Ausstattung für dieses Vorhaben ist allerdings noch mangelhaft. Trotzdem bleiben die Akteur_innen dran, stellen zahlreiche Förderanträge, führen mit regelmäßigen Aktivitäten am Ort die Menschen in Beulwitz und Umgebung zusammen. Seit 2018 begleitet erneut ein Quartiersmanagement den Prozess in Beulwitz/Alte Kaserne, ermöglicht durch die Aufnahme der Stadt Saalfeld in das Programm Soziale Stadt. SOZIALER ORT „ZWISCHENRAUM ZUM ANKOMMEN“ IN SAALFELD-BEULWITZ/ALTE KASERNE Beulwitz/Alte Kaserne ist ein Stadtquartier in Saalfeld, das durch Segregationsprozesse, Stigmatisierungen und Konflikte gekennzeichnet ist. Gleichzeitig hat das Quartier den niedrigsten Altersdurchschnitt in Saalfeld. Die Eröffnung der Gemeinschaftsunterkunft hatte in 2010 die Bevölkerungszahl des Quartiers angehoben und bereits bestehende Schwierigkeiten im jungen Quartier Alte Kaserne weiter verdeutlicht: Die Akteur_innen in Saalfeld reagierten darauf zunächst mit einem Beteiligungsprozess zur Bestandsaufnahme und Ideenfindung im Quartier. Daraus ist ein Gestaltungsprozess des Sozialen Ortes „Zwischenraum zum Ankommen“, einem Bindeglied zwischen altem Ortsteil Beulwitz und dem Quartier Alte Kaserne, entstanden. Das vielfach ungenutzte Potenzial, die vielen unabgerufenen Fertigkeiten der Bewohner_innen des Quartiers entdeckte die Stadt Saalfeld in der Zusammenarbeit mit weiteren Institutionen wie der Mobilen Jugendarbeit des Bildungszentrums Saalfeld und durch den intensiven Austausch mit der Bevölkerung vor Ort. Die Aufnahme in den Prozess der IBA Thüringen unterstützt die Aktivitäten rund um den„Zwischenraum zum Ankommen“, ebenso die Begleitung durch ein Quartiersmanagement im Rahmen Soziale Stadt. 5.1.2.2 Saalfeld-Gorndorf Der Stadtteil Gorndorf liegt in östlicher Randlage der Stadt Saalfeld. Seine Fläche beträgt ohne das Dorf- und das Siedlungsgebiet der 1930er Jahre circa 90 Hektar. Hier leben rund 5.250 Menschen, was 21 Prozent der Gesamtbevölkerung Saalfelds entspricht und Gorndorf zum bevölkerungsreichsten Stadtteil macht(Stadt Saalfeld 2015a: 7). Entstanden ist das heutige Gorndorf durch die Ausdehnung des ursprünglichen Dorfs Gorndorf(im Nordosten des Quartiers) hin zur Stadt Saalfeld. Die Eingemeindung fand 1962 statt, woraufhin die bauliche Lückenschließung entsprechend den Ausstattungskriterien der DDR-Städtebaurichtlinien erfolgte und die heutige Durchmischung des baulichen Bestands aus Einfamilienhäusern, Reihenhäusern, Mehrfamilienhäusern sowie Block- und Plattenbauten im nördlichen Bereich des Quartiers erklärt. Mit der Wende ab 1990 verlor der Stadtteil Gorndorf eine Vielzahl seiner Einwohner_innen, wie auch die Gesamtstadt Saalfeld, durch Fortzug in die alten Bundesländer der BRD. Wer blieb und es sich leisten konnte, verließ den bis 1990 noch sehr begehrten Plattenbau, um ein Eigenheim zu errichten oder in ein Ein- oder Mehrfamilienhaus umzuziehen. Dieser Strukturwandel traf Gorndorf besonders, da er eine sehr hohe Leerstandsquote der Plattenbauten nach sich zog und vorwiegend sozial gut gestellte Bewohner_ innen den Stadtteil verließen(FH Erfurt 2015a: 7). Ähnlich den Block- und Plattenbaugebieten der DDR und den sozialen Wohnstandorten der alten Länder trat ab Mitte der 1990er Jahre der Generationswechsel in Gorndorf ein. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 22 Ab dem Jahr 2000 überlagerte die demografische Entwicklung zusätzlich diesen Trend. Die Wohnungsmarktbereinigung mithilfe des Altschuldenhilfegesetzes und dem Rückbauprogramm des Bund-Länder-Programmes Stadtumbau Ost, Teil Rückbau versetzte die betroffenen Wohnungsunternehmen in die Lage, ihre Wirtschaftlichkeit zu erhalten. Wohnumfeldverbesserungen, Sanierungen, Teilsanierungen und Rückbau halfen dem Stadtteil zu einer gewissen Beständigkeit. Bis zum Juni 2015 wurden insgesamt 954 Wohneinheiten zurückgebaut, sodass der Leerstand im Quartier heute nur noch bei circa fünf Prozent liegt(Stadt Saalfeld 2015a: 6). Hierbei wurden auch einige innovative Ansätze wie beispielsweise das Aufbrechen der Zeilenstrukturen verfolgt und neue Freizeitmöglichkeiten in Form eines Sport- und Fitnesscenters und eines modernen Jugend- und Stadtteilzentrums geschaffen(FH Erfurt 2015a: 8). Die Ausstattung des Gebiets mit sozialen Einrichtungen für alle Generationen und gesicherter Grundversorgung in maximal 1,3 Kilometer Entfernung sowie dem guten ÖPNVAngebot in die Gesamtstadt stehen für eine gute Lebensqualität. Die Grundversorgung wird durch einen Supermarkt, eine Sparkasse, ein Ärztehaus sowie einen Imbiss im Wohngebiet abgedeckt. Mit Kita, Grundschule, Regelschule und Gymnasium sind im Stadtteil alle Bildungswege abgedeckt. Der Stadtteil bietet außerdem einen Spielplatz, einen Trampolinplatz, eine Bibliothek, eine Kletterhalle, den Skaterpark Pyra(Stadtverwaltung Saalfeld 2015d). Trotzdem leidet der Stadtteil weiterhin unter einem Imageproblem, weshalb der Zuzug sozial gut gestellter Haushalte ausbleibt. Zudem liegt das Durchschnittsalter in Gorndorf überdurchschnittlich hoch. Jede_r dritte Gorndorfer_in ist älter als 65 Jahre. Der Stadtteil ist für junge Leute bisher zu wenig attraktiv. Menschen mit Migrationsgeschichte leben hier kaum(Stadt Saalfeld 2015b). In Gorndorf geht es heute demnach nicht mehr allein um die Beseitigung städtebaulich räumlicher Missstände, sondern vor allem um eine planerische, wirtschaftliche und soziale Bewältigung des Schrumpfungsprozesses, der durch Segregationsprozesse begleitet wird. Im Ergebnis der Teilnahme am Wettbewerb Zukunftsstadt entstand für Gorndorf die Projektidee„Tauschwandel“. Die ehemalige„Quartiers-Mitte“, mit dem ehemaligen Kultur- und Stadtteilzentrum Sokolov, verlor nach 1990 ihre Bedeutung und fiel teilweise brach. Noch heute identifiziert man sich mit dem Sokolov und nimmt es gleichzeitig aber – im jetzigen Zustand – als Schandfleck und Angstraum wahr. Die Multifunktionsimmobilie wurde 1978 eröffnet und deckte den quartiersspezifischen Bedarf an Kultur, Versorgung, Gastronomie und Kommunikation. Der Wunsch der Bevölkerung ist es, das Objekt wieder zu reanimieren und zu einem lebendigen Ort von Austausch und Begegnung zu machen.„TAUSCHWANDEL steht für die Aktivierung und Stärkung der Menschen und für das SELBERMACHEN, um den Wandel im Quartier zu gestalten und sich mit dem Stadtteil zu identifizieren. Lücken erobern, temporäre Um- und Zwischennutzung realisieren, Begegnungen der Generationen fördern, Neues kennen lernen und wagen – vieles ist im künftigen Zukunftsstadtprozess möglich“(Stadtverwaltung Saalfeld 2015b: Plakat 7). (POTENZIELLER) SOZIALER ORT „QUARTIERSMITTE SOKOLOV“, SAALFELD-GORNDORF Saalfeld-Gorndorf verfügt über eine gute Infrastruktur und ist doch mit einem starken Imageproblem behaftet. Hatte der Stadtteil lange mit viel Leerstand zu kämpfen, geht es heute mehr um die planerische, wirtschaftliche und soziale Bewältigung des Schrumpfungsprozesses der vergangenen Jahrzehnte. Jede_r dritte Bewohner_in des Stadtteils ist über 65 Jahre alt. Auch in Saalfeld-Gorndorf wurde unter Beteiligung der Bevölkerung über ein Jahr und unter Mithilfe verschiedener Beteiligungsformate eine Bestandsaufnahme durchgeführt und gemeinsam an Zukunftsplänen gearbeitet. Kleinere Aktionen zur Belebung der ehemaligen Quartiersmitte wurden unternommen, die von der Bevölkerung als wichtigem Sozialen Ort beschrieben wurden. Die Zusammenarbeit hat bereits bestehende Netzwerke und Institutionen wie das Jugendund Stadtteilzentrum mit generationsübergreifenden Angeboten gestärkt. Der potenzielle Soziale Ort Sokolov wird seither allerdings nur noch wenig bespielt. Vielleicht wird das neue Quartiersmanagement in Gorndorf die aus dem Jahr 2016 stammenden Pläne gemeinsam mit der Bevölkerung erneut in den Blick nehmen. 5.1.3 ZUSAMMENFASSUNG Ziel einer Politik des sozialen Zusammenhalts in resilienten Gemeinden sollte es sein, jene Bausteine zu identifizieren, die es ihnen erlauben, z. B. die Folgen des demografischen Wandels zu neutralisieren, zu kompensieren oder für die eigene Weiterentwicklung konstruktiv zu nutzen. Ebendies erfolgt in den vergangenen Jahren für das Schwarzatal konzentriert in Schwarzburg sowie in Saalfeld speziell in den Stadtquartieren Beulwitz/Alte Kaserne und Gorndorf. Netzwerke sind entstanden, die, begleitet durch Regionalmanagements oder städtische Verwaltung und getragen durch eine Vielzahl von Akteure_innen, positive Strategien zur Wiederherstellung oder Stärkung des sozialen Zusammenhalts entwickeln. Für Schwarzburg und das Schwarzatal wurden mit der Sommerfrische und dem Denkort der Demokratie gleich zwei größere Prozesse initiiert, die mit alten und neuen Themen den ehemaligen Hauptwirtschaftszweig Tourismus wiederbeleben sowie demokratische Werte und neue Formen für Demokratie und gesellschaftliches Miteinander in der Region erhalten und entstehen lassen sollen. Damit stehen Finanzen, Infrastruktur, Wirtschaft und Soziales im Fokus ihrer Betrachtung. Ähnlich wie in anderen regionalen Initiativen – beispielweise Kunst in Kamsdorf oder das Liebhabertheater Großkochberg – erfolgt auch hier eine Funktionsübernahme im kulturellen Bereich. In Saalfeld-Beulwitz werden die wirtschaftlichen und personellen Potenziale der Bewohner_innen und des Raums auf kreative Weise im Projekt behandelt. Und das Engagement in und für die fehlende oder verschandelte SOZIALE ORTE WISO DISKURS 23 „Quartiers-Mitte“, die sich in früherer Zeit positiv auf den sozialen Zusammenhalt in Gorndorf ausgewirkte, wurde in die Pläne und Förderanträge der Stadt Saalfeld aufgenommen. Mit der Bewerbung des Landkreises um Aufnahme in das Modellvorhaben der Raumordnung zu den Themen kommunale Finanzbeziehungen und Leerstandsmanagement und der dafür geschaffenen Stelle einer Regionalentwicklerin gehen die Kommunen im Landkreis weitere Schritte auf dem Weg der Identifikation und Umsetzung für Wiederherstellung oder Erhalt des sozialen Zusammenhalts. Die beschriebenen Sozialen Orte im Landkreis SaalfeldRudolstadt lassen sich als Bindeglieder zwischen Zivilgesellschaft, Verwaltungen, Politik und Wirtschaft verstehen, wenn auch Unternehmen bisher nur eine geringe Rolle spielen. Grundlage für die Sozialen Orte ist in erster Linie ein gut funktionierendes Netz an Personen und Institutionen, die offen für kreative Ideen sind und sich gern mit ihren Fähigkeiten in unterschiedlichen Themenbereichen einbringen. Auch die Prozessbegleitung durch Förderprogramme oder unterstützende Initiativen und Vereine spielt eine entscheidende Rolle für die positive Entwicklung einiger Projekte – sie kann dennoch gleichzeitig als Behinderung der Fortentwicklung wirken, wenn sie durch wechselnde Förderprogramme und zeitlich kurz befristete Stellen oder auslaufende Förderperioden (zeitweise) eingestellt wird oder nur begrenzt tätig werden kann. 5.2 FALLSTUDIEN WALDECK-FRANKENBERG Neben dem Landkreis Saalfeld-Rudolstadt wurde ein weiterer Landkreis – das hessische Waldeck-Frankenberg – in die Untersuchung mit einbezogen. Hier wurden die drei Orte Diemelstadt, Löhlbach und Dalwigksthal, die im Folgenden näher vorstellt werden, untersucht. 5.2.1 DIEMELSTADT 9 Diemelstadt liegt am nördlichen Rand des Landkreises WaldeckFrankenberg, unmittelbar an der Landesgrenze zu NordrheinWestfalen. Die Gemeinde grenzt im Norden und Westen an die westfälischen Städte Warburg im Kreis Höxter und Marsberg im Hochsauerlandkreis, im Süden an die hessischen Städte Bad Arolsen und Volkmarsen. Die circa 83 km 2 umfassende nordhessische Kleinstadt wurde 1970 durch Zusammenlegen der Stadt Rhoden und der Gemeinde Wrexen sowie mehrerer kleinerer Orte gebildet. Die verschiedenen Stadtteile liegen daher bis zu 15 Kilometer voneinander entfernt, wobei beinahe 60 Prozent der Einwohner_innen in den beiden Stadtteilen Rhoden und Wrexen leben. Im Dezember 2015 hatte Diemelstadt 5.250 Einwohner_innen(Statistisches Landesamt Hessen 2017). Die Stadt verliert jedoch seit circa 20 Jahren, durch niedrige Geburtenraten und Wegzüge, kontinuierlich an Einwohner_innen. Auch in den kommenden Jahren ist grundsätzlich mit einem weiteren Absinken der Bevölkerungszahlen durch niedrige Geburtenraten und Abwan9 Diemelstadt wurde im Dezember 2016 von Mira Fink besucht, in diesem Zeitraum führte sie ebenfalls die Interviews. derungsbewegungen zu rechnen. Die Thematik„Demografie“ wurde schon früh vonseiten der Kommunalpolitik erkannt und kommuniziert, zudem wurde aktiv nach Lösungsansätzen gesucht. So fand beispielsweise im Januar 2015 eine Zukunftswerkstatt zur Problematik der schrumpfenden Bevölkerungszahl statt. In diesem Zusammenhang wurde Zuwanderung von kommunaler Seite aus stets als Chance gesehen, sinkenden Bevölkerungszahlen entgegenzuwirken. Als Grundzentrum bietet Diemelstadt sowohl in Rhoden als auch in Wrexen diverse Angebote zur Lebensmittelgrundversorgung. In Rhoden gibt es zwei Bankfilialen, deren Öffnungszeiten allerdings immer weiter reduziert wurden. Beide Ortsteile verfügen über einen eigenen Kindergarten. Außerdem gibt es eine Grundschule in Wrexen sowie die Schlossbergschule Rhoden – eine staatliche Schule mit Grund-, Hauptund Realschulangebot. Das nächste Gymnasium liegt circa 15 Kilometer entfernt in Bad Arolsen. Die medizinische Versorgung gewährleisten mehrere Allgemeinmediziner_innen, ein Arbeitsmediziner, zwei Zahnarztpraxen sowie Heilpraktiker_ innen, Physiotherapeut_innen und eine Diakoniestation. Die nächsten Krankenhäuser liegen in Bad Arolsen(15 Kilometer), Warburg(13 Kilometer) und Marsberg(17 Kilometer). In allen Stadtteilen stehen Kinderspielplätze und Dorfgemeinschaftshäuser zur Verfügung. Die Grundfunktionen sind auch mittelfristig nicht vom Wegfall bedroht. In verschiedenen Stadtteilen existieren gastronomische Betriebe sowie Übernachtungsmöglichkeiten. Sowohl in Rhoden als auch in Wrexen ist ein Neubaugebiet ausgewiesen worden, hier sind nahezu alle Bauplätze belegt. Diemelstadt liegt im Schnittpunkt dreier Mittelzentren. Die Entfernung zum hessischen Bad Arolsen sowie zum westfälischen Warburg und Marsberg beträgt zwischen 10 und 20 Kilometer. Die beiden Oberzentren Kassel und Paderborn sind circa 40 Kilometer entfernt. Diemelstadt ist sehr verkehrsgünstig direkt an die A44(Kassel – Dortmund) angebunden. Anschluss an den regionalen Zugverkehr besteht in den Mittelzentren Warburg, Bad Arolsen und Marsberg. Sowohl Warburg als auch Bad Arolsen sind mit dem öffentlichen Nahverkehr ohne Umstieg erreichbar. Nach Warburg fahren die Busse an Werktagen fast jede Stunde, nach Bad Arolsen ist die Verbindung etwas schlechter, jedoch ist es möglich, Anruf-Sammel-Taxis zu benutzen. Ein Fernbus nach Kassel wurde aufgrund zu geringer Nachfrage wieder eingestellt. Die Stadt verfügt über eine direkte Autobahnanbindung und ist Standort einer Reihe von Unternehmen der Papier- und Metallindustrie sowie einiger Speditionen. Durch die eingenommene Gewerbesteuer ist der Haushalt ausgeglichen. Über die Hälfte der Sozialversicherungspflichtigen der Stadt pendeln zu ihren Arbeitsplätzen außerhalb des Stadtgebiets. Nur unwesentlich geringer ist die Zahl der in die Stadt Einpendelnden. Die Landwirtschaft spielt als Erwerbszweig fast keine Rolle mehr. Die Stadt zeichnet sich durch eine aktive Dorfgemeinschaft, Kirchengemeinde und Vereinsstruktur aus. Die Stadt verfügt über zwei Freibäder, eines in städtischer Hand. Das zweite wird seit über zehn Jahren ehrenamtlich von Bürger_ innen geführt und erhalten. Daneben existieren zahlreiche Sportstätten wie Sportplätze, Hallen, Tennisplätze, Sportschützen-Schießstand und Reitplätze. Aktive Vereine sind die Sport-, Schützen-, Gesangs- und Musikvereine, die Freiwillige FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 24 Feuerwehr, der Karnevalsverein, der Deutsche Landfrauenverband, die DRK-Ortsgruppen sowie Reit- und Angelvereine. Der Sportverein in Rhoden bietet, als größter Verein der Stadt, eine Vielzahl an Sportarten für verschiedene Altersstufen an. Bei den Vorinterviews berichteten die Befragten von einem starken Zusammenhalt innerhalb ihrer Vereine, jedoch plagen auch sie Nachwuchssorgen. Dieses Problem wurde im Rahmen der zweiten Zukunftswerkstatt„Zuwanderung. Generationen. Vereine.“ 2017 angegangen. Die evangelischen Kirchengemeinden, um welche sich eine sehr aktive Pfarrerin kümmert, haben nach wie vor einen hohen Stellenwert im Alltagsleben vieler Diemelstädter_innen. Das liegt nicht zuletzt an einem umfangreichen Angebot – Kirchen- und Posaunenchor, Jugendtreff, Hospizgruppe –, das alle Altersgruppen anspricht. Besondere Höhepunkte im Jahr sind Feste wie das Schützenfest, der Viehmarkt oder das Landsknechtfest, bei denen viele Bewohner_innen zusammenkommen und auch ehemalige Bewohner_innen der Stadt anlocken. Die teilnehmende Beobachtung und die Vorinterviews belegen, dass die Einwohner_innen von Diemelstadt über eine hohe Identifikation mit ihrem Wohnort verfügen. Ab Herbst 2015 wurden Diemelstadt 140 Asylsuchende zugewiesen. Als Unterkunft dienten zwei Gemeinschaftsunterkünfte in Wrexen(ca. 70 Menschen) und Rhoden(ca. 20 Menschen) sowie von der Kommune angemietete Wohnungen. Die Politik hat von Anfang an proaktiv auf diesen Zuzug reagiert. In Zusammenarbeit mit Kirchengemeinde, Vereinen und Ehrenamtlichen wurden sehr schnell verschiedene Aktivitäten für die neuen Nachbar_innen ins Leben gerufen, um deren Einbindung in das soziale Leben sowie ihren Spracherwerb zu unterstützen und sie bei alltäglichen Herausforderungen zu begleiten. Dieses Vorgehen wurde von der Stadt sehr prominent kommuniziert, sodass die Öffentlichkeit durch regelmäßige Artikel in Kommunalzeitungen sowie auch einen Bericht im Hessischen Rundfunk informiert wurde. Es wurden regelmäßig Veranstaltungen wie Tagungen und Workshops zum Thema durchgeführt und Verwaltungsmitarbeiter_innen besuchten Weiterbildungen und Tagungen in anderen Städten. Im Sommer 2016 nahm Diemelstadt erfolgreich an einer Ausschreibung des Landes Hessen teil und wird seither als eine von sieben Modellkommunen finanziell gefördert. Im Januar 2017 wurde eine zweite Zukunftswerkstatt in Diemelstadt veranstaltet. An deren Vorbereitung und Umsetzung nahmen auch Asylsuchende als„Sprecher der Nationen“ teil. Diemelstadt gehört auch zu den Preisträgern des Bundeswettbewerbs„Zusammenleben Hand in Hand – Kommunen gestalten“ und wurde im Juli 2018 in Berlin neben 20 weiteren Kommunen ausgezeichnet. In diversen Interviews mit verschiedenen Akteur_innen aus diesem Prozess wurde den Fragen nachgegangen, ob durch das Engagement für die Asylsuchenden neue Soziale Orte geschaffen wurden und dieses soziale Engagement ländliches Wohnen für Asylsuchende wiederum attraktiver macht. Es kann zusammenfassend festgestellt werden, dass in Diemelstadt durch das Engagement für Asylsuchende auf jeden Fall neue Soziale Orte in der Stadt entstanden sind. Das städtische Gemeindehaus, welches kurz vor der Schließung stand, wurde mit der Ankunft der Asylsuchenden neu belebt. Fernerhin entstanden ein Kochtreff im Gemeindehaus, an welchem in der Regel 30–40 Personen teilnehmen, sowie eine Kleiderkammer, die„Schatzkiste“. Deren Funktion geht weit über den Tausch von Kleidern hinaus, kommen doch viele Besucher_innen einfach der Gesellschaft wegen. Diese Orte dienen zum einen als Anlaufstelle für Asylsuchende, aber ebenso als Treffpunkte für die Ehrenamtlichen untereinander. Die gemeinsame Tätigkeit hat zu neuen Formen der Interaktion und einem stärkeren Zusammengehörigkeitsgefühl bei den beteiligten Akteur_innen geführt. Hervorzuheben ist hier die gute Zusammenarbeit der verschiedenen Stadtteile in Bezug auf die Arbeit mit Asylsuchenden. Diese werden als eigene Gemeinschaften beschrieben, die vor allem in den kleineren Dörfern einen starken inneren Zusammenhalt haben. Zwischen den Stadtteilen Rhoden und Wrexen bestand in der Vergangenheit eine gewisse Konkurrenz, gerade im Hinblick auf die Sportvereine. Hier hat die gemeinsame Arbeit in der Flüchtlingshilfe alle Stadtteile näher zusammengebracht, und es kam zu Kooperationen zwischen den Sportvereinen, die vorher undenkbar erschien. Eine engagierte Kommunalpolitik scheint die Entstehung solcher Orte durch finanzielle Unterstützung, Koordination und Wertschätzung der ehrenamtlichen Arbeit ganz entscheidend zu fördern. Obwohl das Thema auch Menschen zur Mitarbeit motivieren konnte, die vorher im Ort nur wenig engagiert waren, wirkt es so, als hätten sich vorrangig doch die eingebracht, die bereits vorher in irgendeiner Form aktiv waren. Wenn es um die Einschätzung der Zufriedenheit der Asylsuchenden in Diemelstadt geht, zeichnet sich eine deutliche Diskrepanz zwischen der Einschätzung der Akteur_innen und den Angaben der Asylsuchenden ab. Entgegen der Annahme der meisten Aktiven, zeigen viele Asylsuchende eine gewisse Unzufriedenheit mit ihrem Leben in Diemelstadt. Sie nennen die geringe Verfügbarkeit der für sie bereitstehenden Arbeitsplätze, ein limitiertes Freizeitangebot, aber auch fehlenden sozialen Kontakt als Gründe für den Wunsch, in eine größere Stadt zu ziehen. SOZIALE ORTE WISO DISKURS 25 SOZIALE ORTE IN DIEMELSTADT Diemelstadt ist eine ländliche Gemeinde mit gut 5.000 Einwohner_innen, die unter den Folgen des demografischen Wandels zu leiden hat, diesem aber mit einer aktiven Zuwanderungspolitik zu begegnen versucht. In Diemelstadt mangelt es nicht an Begegnungsorten – es sind vor allem die traditionellen Sozialen Orte wie Gaststädten, Feste und Kirchengemeinde, die noch gut funktionieren. Vielmehr lässt sich an diesem Fallbeispiel zweierlei zeigen: 1. Der Zuzug der Asylsuchenden hat neue Soziale Orte geschaffen, die Schatzkiste und die Kochgruppe, die alte und neue Mitspieler_innen und Gruppen zusammenbringen. 2. Die spontane Hilfe und das vereinsübergreifende Engagement der Bürger_innen ist von der kommunalen Verwaltung, insbesondere vom Bürgermeister, konsequent zu einem Prozess ausgebaut worden, der sich nicht nur an Geflüchtete, sondern an alle Einwohner_ innen Diemelstadts wendet. Zukunftswerkstätten, Dorfmoderation und Modellprojekte stellen die Fragen nach Arbeitskräften, Mobilität, Infrastruktur und Zukunft der Gemeinde. 5.2.2 LÖHLBACH Inmitten des nordhessischen Mittelgebirges Kellerwald liegt auf 475 Höhenmetern dieser knapp 1.340 Einwohner_innen zählende und 16,7 km 2 umfassende Ort. Es ist der größte und nördlichste Ortsteil der Gemeinde Haina(Kloster) im Landkreis Waldeck-Frankenberg, Hessen. 10 Über die durch den Ort führende Bundesstraße B253 wird Löhlbach mit der 20 Kilometer entfernten Kleinstadt Frankenberg und der 13 Kilometer entfernt liegenden Stadt Bad Wildungen, über einen Abzweig der Landstraße L3077 mit dem fünf Kilometer entfernten Haina verbunden. Bis Ende 1971 war Löhlbach selbstständig, dann folgte die Eingemeindung in die Gemeinde Haina(Kloster). Löhlbach gliedert sich in vier kleinere Ortsteile, welche aus dem historischen Ortskern und den umliegenden Neubaugebieten bestehen. Rund um den Ort befinden sich landwirtschaftliche Nutzflächen, die einzelnen landwirtschaftlichen Betrieben gehören. 1215 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, feierte Löhlbach 2015 sein 800-jähriges Bestehen. Der Ort ist demografisch stabil, die Infrastruktur in Teilen noch intakt. Zwar wurde 2010 die örtliche Grundschule geschlossen und die Schüler_innen wurden nach Frankenberg und Haina verteilt, jedoch besteht weiterhin ein Kindergarten mit zwei ausgelasteten regulären Gruppen und einer voll belegten Gruppe für Kinder unter drei Jahren. Das Seniorenund Pflegeheim Löhlbacher Hof ist mit 64 Bewohner_innen 10 Löhlbach wurde von Jenny Buchmann und Miriam Schuster erfasst. Ende November 2016 besuchten sie den Ort für eine erste Umfeldanalyse, bevor sie Anfang Dezember 2016 zurückkehrten, um die Interviews durchzuführen. ebenfalls gut ausgelastet. Eine Erweiterung um 18 Einzelzimmer sowie eine Cafeteria hat begonnen. Das Löhlbacher Bürgerhaus ist frisch renoviert, im Sommer wird ein beliebtes Waldschwimmbad betrieben. Für die Versorgung der Bürger_innen stehen sowohl ein„tegut-Lädchen für alles“, eine Bäckerei, eine Metzgerei sowie zwei Geldinstitute zur Verfügung. 11 Zwei Briefkästen der Deutschen Post werden einmal täglich geleert. Die medizinische Versorgung ist über eine Hausarztpraxis mit angeschlossener Hebammenpraxis, eine Physiotherapiepraxis, eine Praxis für Ergotherapie sowie ein Fitnessstudio mit breitem Angebot abgesichert. Verordnete Rezepte können an einem Rezeptbriefkasten eingeworfen werden. Sie werden täglich von einer Apotheke aus Haina abgeholt. Für Kinder gibt es zwei Spielplätze, einen Bolzplatz vor und eine Kinderbibliothek im Gemeindehaus der evangelischen Kirche. Das gemeinsame Pfarramt der evangelischen Gemeinde Löhlbachs und des kleinen Nachbardorfes Battenhausen hat seinen Sitz in Löhlbach. In der evangelischen Kirche finden jeden Sonntag Gottesdienste statt, gelegentlich auch Kindergottesdienste. Es gibt eine Konfirmandengruppe. Am Dorfausgang liegt ein kleines Gewerbegebiet mit der ortsansässigen mittelständischen Holzverarbeitungsindustrie. In den verschiedenen Dorfteilen befinden sich mehrere Friseure, ein Reisebüro sowie Dienstleister_innen in der Steuerhilfe und aus dem IT-Bereich. Zudem zählt Löhlbach drei Gastronomiebetriebe und eine kleine, unregelmäßig geöffnete Diskothek. Die ausgebaute Bundesstraße ermöglicht eine gute Verkehrsanbindung an die bereits erwähnten nächstgrößeren Städte in der Umgebung. Die zwei Bushaltestellen im Ort werden unter der Woche fast stündlich durch Linienbusse, welche zwischen Frankenberg und Bad Wildungen verkehren, angefahren. Am Wochenende ist die Frequenz geringer. Das Dorfleben wird besonders in zahlreichen, teils schon seit Langem bestehenden Vereinen gepflegt. Darunter befinden sich unter anderem eine freiwillige Feuerwehr und Jugendfeuerwehr, Sport-, Schützen- und Musikverein und diverse Chöre, der Handwerker- und Gewerbeverein, ein Heimat-& Kulturverein sowie die Landfrauen. Zwei Parteien, ein Ortsverband der SPD und eine freie Bürgerliste, sind im Dorf politisch aktiv. Besonders erwähnt wird der gute kommunikative Austausch zwischen den Generationen. 2010 bekam Löhlbach durch den Umbau auf dem Gelände der geschlossenen Schule ein neues Dorfzentrum. Nach den Umbaumaßnahmen zogen Backwarenladen und Sparkasse in die Gebäude, das Lebensmittelgeschäft kam neu hinzu. Da das Nahversorgungszentrum wirtschaftlich rentabel ist und von den Bürger_innen gut angenommen wird, kam es, von der Grundfrage der Studie nach sozialem Zusammenhalt ausgehend, als Forschungsobjekt infrage. Dabei lag der Schwerpunkt auf der Wahrnehmung des Zentrums durch die Dorfbewohner_innen und der Einschätzung bezüglich dessen Bedeutung für das soziale Leben im Ort. Obwohl das neue Dorfzentrum nicht bottom-up aus einer Bürgerinitiative entstanden ist und weniger als Dorfprojekt denn als eine Initiative des amtierenden Bürgermeisters verstanden wird, werden die Angebote rege genutzt und als 11 Eine komplette Aufstellung der Gewerbetreiben findet sich unter: http://www.loehlbach.net/gewerbe-vereine/gewerbe/(11.2.2018). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 26 „Pluspunkt“ für das Leben in Löhlbach gesehen. Der Platz des umgestalteten früheren Schulhofs wird von befragten Bewohner_innen als neuer Mittelpunkt und Treffpunkt empfunden. Befragte Bürger_innen aller Altersgruppen nutzen die Möglichkeit der Nahversorgung und die weiteren Angebote rund um den Platz, wobei die meisten einen Großteil ihrer Besorgungen anderorts tätigen. Der Umbau wurde als wichtige Vorbeugemaßnahme gegen Leerstand und Verfall der Gebäude gesehen. Die wichtigste neue Bedeutung hat der Platz in seiner Nutzung als Veranstaltungsort erhalten. Zuvor fanden die meisten größeren Veranstaltungen wie Märkte und Feste außerhalb des Dorfkerns statt – durch die schlechte fußläufige Erreichbarkeit der Veranstaltungsorte waren sie oft weniger gut besucht. Mit der Schaffung eines zentralen Dorfplatzes werden die Kulturangebote nun von deutlich mehr Bürger_innen in Anspruch genommen. Zudem entsteht bei den öffentlichen Aktivitäten der Vereine(z. B. Schützenfest) durch die zentrale Platzierung eine Offenheit, die vermehrt auch Nichtmitgliedern die Teilnahme ermöglicht. Das neue Dorfzentrum ist aber, unabhängig von Veranstaltungen, auch zu einem alltäglichen Treffpunkt geworden. Der öffentliche Raum in Löhlbach erfährt durch die vorgenommenen Veränderungen Belebung, welche von den Bürger_innen als positiv – gerade für den sozialen Zusammenhalt – wahrgenommen wird. SOZIALE ORTE IN LÖHLBACH Löhlbach ist ein rund 1.300 Einwohner_innen zählender Ortsteil einer Großgemeinde in Hessen, die mit der Schließung der Grundschule einen wichtigen Sozialen Ort verlor. Gleichwohl sind die Bewohner_innen in einer Vielzahl von Vereinen, der Freiwilligen Feuerwehr oder der Kirchengemeinde aktiv. Allerdings mangelte es an einem verbindenden öffentlichen Ort, einer Kreuzung, an der„man sich begegnet“. Durch den Umbau zum Dorfplatz mit dem„Lädchen für alles“, der Sparkasse und dem Café, ergänzt durch die Renovierung des Bürgerhauses entstand eine neue Qualität öffentlichen Lebens in Löhlbach. Martinssingen und Osterfeuer werden wie Theaterabend und Feuerwehrjubiläum nun deutlich stärker als früher gemeinsam im Dorf begangen. 5.2.3 DALWIGKSTHAL 12 Dalwigksthal wurde im Jahr 1851 durch den Zusammenschluss der Güter Kampf, Sand und Lichtenfels gebildet. Der Ort ist heute ein Stadtteil der Gemeinde Lichtenfels mit 184 Einwohner_innen. Er liegt westlich des Nationalparks Kellerwald-Edersee und dem dazugehörigem Edersee beziehungsweise der Eder. Der Ort liegt unterhalb der Burg Lichtengfels, 12 Dalwigksthal wurde von Lisa Langs und Jolanthe Miething besucht. Am 9.12.2016 führten sie in der genossenschaftlichen Kneipe„Schule Dalwigksthal“ Einzelinterviews mit Dorfbewohner_innen zu ihrem Leben im Ort sowie den dort länger bestehenden und neuen Sozialen Orten. welche 1189 erbaut wurde, und zwischen den Städten Korbach (18 Kilometer) und Frankenberg(12 Kilometer) liegt. Die nächstgrößeren Städte sind Kassel(75 Kilometer) und Marburg (50 Kilometer). Für das kleine Dalwigksthal ist es fast erstaunlich, dass das Verkehrsnetz mit drei Haltestellen aufwartet, wobei sich die Benutzungsmöglichkeiten auf drei bis vier Fahrten am Tag beschränken. Alternativ gibt es zudem das Angebot des Anrufsammeltaxis, das stündlich zur Verfügung steht und den gesamten Landkreis abfährt. Im Nachbarort Sachsenberg(3 Kilometer) sind mehrere allgemeinmedizinische Praxen sowie ein Internist ansässig. Eine weitreichendere medizinische Versorgung wird im Mittelzentrum Korbach (18 Kilometer) geboten, das mit circa 23.500 Einwohner_innen neben einem Krankenhaus auch ein breites Spektrum an kulturellen Angeboten bietet. Die Dalwigksthaler Kinder müssen in den Nachbarort Sachsenberg zur Grundschule, nach Korbach(18 Kilometer) zur Mittelstufenschule und zum Gymnasium fahren oder aber zum Gymnasium nach Frankenberg(12 Kilometer). Das kleine Dalwigksthal bietet jedoch etliche Arbeitsplätze bei drei ansässigen Firmen: in der Firma Analyticon, mit 60 Mitarbeitenden der wichtigste Arbeitgeber in der Umgebung, im Handwerksbetrieb des Malermeisters und einem Planungsbüro. Darüber hinaus wird Dalwigksthal von den Befragten aufgrund seiner günstigen Preise und der guten Internetverbindung als attraktiver Ort für Unternehmensgründung gesehen. Für Jugendliche bleibt dennoch oft nur der Wegzug zur Ausbildung oder zum Studium. Dalwigksthal hat momentan keinen Häuserleerstand zu verzeichnen, vielmehr ist Wohnraum in diesem Dorf gefragt. Auch in dieser kleinen Siedlung beschreiben die Befragten eine hohe Identifizierung mit ihrer Gemeinde, berichten von einem guten Zusammenhalt – bei großer Offenheit gegenüber neuen Menschen im Vergleich zu anderen Dörfern. Breites Vereinsleben – Sportvereine, Landfrauen, Kegelclub, Geschichtsverein und Bürgergenossenschaft – zeichnet Dalwigksthal aus. Doch auch hier plagen Nachwuchssorgen. Zudem sprechen die Vereine nur – so wurde beklagt – einzelne Gruppen an: Die Freiwillige Feuerwehr hat nur männliche, die Landfrauen nur weibliche Mitglieder. Die Kirche in Dalwigksthal hat eine aktive evangelische Kirchengemeinde, an deren Gemeindeleben aber wiederum nur wenige Bewohner_innen teilhaben. Das Jugendhaus ist zurzeit nicht in Benutzung. Im Jahr 2012 wurde mit der Bürgergenossenschaft Schule Dalwigksthal ein neuer Dorfmittelpunkt im Ort etabliert. Aufgrund der bevorstehenden Schließung des Dorfgemeinschaftshauses in der ehemaligen Schule haben sich die Bürger_innen von Dalwigksthal und den umliegenden Orten dazu entschieden, daraus einen genossenschaftlich geführten Dorftreff mit gastronomischem Angebot zu machen, in welchem ebenfalls private Veranstaltungen stattfinden können. Mithilfe der 52 Genossenschaftsanteile(Stand Dezember 2016) von 500 Euro pro Person und durch Fördergelder der EU konnte dieses Projekt verwirklicht werden. Die Genossenschaftskneipe mit ihrer vielfältigen Nutzung ist zu dem Sozialen Ort in Dalwigksthal geworden, dessen Angebot für alle Bewohner_innen und ebenso für Menschen, die nicht in Dalwigksthal leben, offen ist. Es steht jedem und jeder frei, sich in der Kneipe zu engagieren, einen Anteil zu erwerben oder, egal ob mit oder ohne Anteil, die Angebote der Genossenschaft SOZIALE ORTE WISO DISKURS 27 zu nutzen. Hier wurde ein Ort geschaffen, der für Menschen allen Alters zur Verfügung steht. Es geht nicht erstrangig um eine profitable Investition, beim Besuch der Kneipe steht nicht der Konsum im Vordergrund, sondern vielmehr die Möglichkeit, Gemeinschaft zu erleben und einen gemeinsamen Raum für Aktivitäten zu haben. Dabei ist es nicht wichtig, wie oft der Besuch erfolgt, sondern es zählt insbesondere das Gefühl, die Möglichkeit zu einem Besuch zu haben. Es ist für die Bewohner_innen von Dalwigksthal sowohl ein Ort des Zusammenkommens als auch das Resultat einer gemeinschaftlichen Bürgerinitiative. Befragte Personen gingen zwischen zweimal die Woche oder einmal im Monat in die Genossenschaft, die meisten nutzen dieses Angebot jedoch einmal wöchentlich oder alle zwei Wochen. Einen Konfliktfaktor stellt die Genossenschaftskneipe nicht für das Dorf dar, auch wenn ein sinkendes Engagement wahrgenommen und die Schwierigkeit der Mitarbeiterplanung angesprochen wurde. Befragte gaben an, dass sie sich durchweg positiv auf Dalwigksthal auswirke. SOZIALE ORTE IN DALWIGKSTHAL Der erst knapp 150 Jahre alte Ort Dalwigksthal hat sich selbst mit seiner als Genossenschaft geführten Dorfkneipe einen Sozialen Ort geschaffen, der für alle Bürger_innen offensteht und zu den vielfältigsten Gelegenheiten genutzt werden kann: Skatabende, Geburtstagsfeiern, Kneipe und kulinarische Themenabende. Diese besondere Konstruktion einer Genossenschaft, die zum Betreiben der Kneipe gewählt wurde, macht zugleich klar, dass hier guter Wille allein nicht reicht.(Angelernter) Sachverstand im Hinblick auf rechtliche Vorschriften, Buchhaltung und Steuern ist ebenso vonvöten wie ein hohes persönliches „Commitment“ als Genosse oder Genossin, dafür wird eine Basis geschaffen, sich das Engagement vieler zu sichern. Verlässlichkeit wird zudem durch die bezahlte Arbeit in der„Alten Schule“ gewährleistet. Doch allein von den Dalwigksthaler_innen könnte die Einrichtung auch nicht leben, es ist wichtig, dass sie über die kleine Ortschaft hinaus strahlt und Genoss_innen wie Gäste anzieht. 5.2.4 ZUSAMMENFASSUNG Die Beispiele Diemelstadt, Dalwigksthal und Löhlbach zeigen sehr deutlich, dass Zusammenhalt nicht von alleine oder lediglich vom Grüßen entsteht. Es braucht einen physischen Ort, der Gemeinschaft möglich macht. Durch Initiative vor Ort – einmal bottom-up in Dalwigksthal durch die Bürger_innen selbst oder eher top-down in Löhlbach und Diemelstadt durch den Anstoß des Bürgermeisters – wurde fehlende Infrastruktur durch gute Ideen und Umnutzung nachhaltig kompensiert. Mit der Genossenschaftskneipe und der neuen Dorfmitte wurden bewusst zwei Ideen gewählt, die sich bereits seit acht bzw. sechs Jahren bewähren und Bestand haben. Auch Herausforderungen wie der Ausfall des Ladenbetreibers in Löhlbach wurden bewältigt, da man hier Prozesse installiert hat, die diese Krisen kompensieren können. Trotz fehlender Strukturdaten bestätigt sich für die vorgestellten Gemeinden Diemelstadt, Dalwigksthal und Löhlbach nach diesem doch eher groben Blick die ursprüngliche Einschätzung als Orte mit resilientem Zusammenhalt. Denn jede der Gemeinden spürt die Folgen des demografischen Wandels, wenn auch in unterschiedlichen Bereichen, reagiert und findet auch Lösungswege für die daraus resultierenden Problemstellungen. Ressourcen für ein proaktives Handeln, etwa im Hinblick auf Digitalisierungs- oder Nachhaltigkeitsstrategien oder Fachkräftegewinnung, haben die Gemeinden nicht oder erst in Ansätzen. Ein genaues Hinsehen, etwa auf die verschiedenen Ortsteile der Gemeinde Diemelstadt, würde allerdings sehr unterschiedliche Dichten sozialen Zusammenhalts zeigen, aus denen Rhoden als Solitär heraussticht. Hier waren die Akteur_innen bereits vor der Ankunft der Geflüchteten gut vernetzt, mit einer sehr starken Pfarrerin, die als Multiplikatorin viel bewegt hat. Geht man aber von der Einstufung als resiliente Gemeinden aus, die also die Möglichkeit haben, sich an demografisch bedingte Beeinträchtigungen und Störungen ihres sozialräumlichen Zusammenhalts anpassen zu können, liegt das (politische Ziel) in der Identifizierung jener Bausteine, die es ihnen erlauben, die Folgen des demografischen Wandels (weiterhin) zu neutralisieren, zu kompensieren oder für die eigene Weiterentwicklung konstruktiv zu nutzen. Genau das passiert z. B. in Diemelstadt, wo die Verwaltung rund um einen sehr aktiven Bürgermeister immer wieder neue Problemfelder angeht und sich in der Zivilgesellschaft, aber auch in der Privatwirtschaft Kooperationspartner sucht. Nach der Integration von Neubürger_innen ist nun die konzentrierte Anwerbung von Arbeitskräften für die ansässige Papierindustrie in den Fokus gerückt. Blickt man auf den gesamten Landkreis Waldeck-Frankenberg, so entdeckt man sehr schnell die enge Vernetzung der Kreisverwaltung, explizit des Fachdienstes Dorf- und Regionalentwicklung, mit den LEADER-Regionalmanager_innen, Vertreter_innen der ansässigen Kirchen, Funktionsträger_innen der Bereiche Kultur, Schule, medizinische Versorgung und Mobilität sowie zivilgesellschaftlichen Akteur_innen. Hier wird der Schulterschluss gesucht, was nicht zuletzt auch Grund für die rege wissenschaftliche Tätigkeit verschiedener Institute in der Region sein mag. Vor allem aber sind diese tragfähigen Strukturen auch die Basis für den nachhaltigen Bestand der oben beschrieben Sozialen Orte. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 28 6 ZUSAMMENFASSENDE ERGEBNISSE DER FALLSTUDIEN UND HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN Eine Leitfrage der vorliegenden Expertise, die sich auf die Suche nach der Wirklichkeit Sozialer Orte begeben hat, lautete: Was sind die zentralen Voraussetzungen für die Entwicklung und Konsolidierung Sozialer Orte sowie für deren nachhaltigen Fortbestand? Aus den Untersuchungen im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt ist festzuhalten, dass sich hier lokale Akteursnetzwerke entwickelt haben, die sich bewusst mit den Themenfeldern Demografie und Demokratie auseinandersetzen und darin eine dauerhafte Prozessbegleitung ihrer Aktivitäten anstreben, um nachhaltig wirken zu können. Auffällig ist die häufige Kooperation regionaler Akteur_innen mit wissenschaftlichen Einrichtungen oder die regelmäßige Beteiligung überregionaler Institutionen, neben der Beteiligung der lokalen Bevölkerung. Ebenfalls sticht die vielfache Einbindung regionsübergreifender Institutionen hervor(z. B. LEADER-Management), die Verbindungen herstellen und auf diese Weise vermeiden können, dass in der Region aneinander vorbei gearbeitet wird. Diese Positionen nehmen entscheidende Funktionen für die Region ein, müssten allerdings weitaus stärker besetzt sein, um flächendeckend wirken zu können. Bis zu einem gewissen Teil kann im Landkreis das Fehlen ausreichender Stellen in Regionalentwicklung, Quartiersmanagement oder Prozessbegleitung, insbesondere für den Blick von Verwaltungen oder Politik über das Alltagsgeschäft hinaus in die Zukunft, durch die erfolgreiche Teilnahme an zahlreichen Wettbewerben, Strategie- und Förderprogrammen oder-projekten kompensiert werden. Planerische Ideen und Ergebnisse von Akteursnetzwerken werden vermehrt in den Landkreisverwaltungen und den untersuchten Orten in die örtlichen Pläne aufgenommen. Die zahlreichen positiven Initiativen und Entwicklungen im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt können positive Effekte auf den sozialen Zusammenhalt in der Region haben. Doch noch ist deren weitere Entwicklung und spätere Wirkung nicht absehbar. Abhängig ist sie in jedem Fall von dem Erhalt öffentlicher Infrastruktur trotz sinkender Einwohnerzahlen und damit auch von einer entsprechenden Finanzausstattung der Gemeinden. Angestoßene Prozesse, wie sie im Schwarzatal durch die Zukunftswerkstatt zu beobachten sind, geben Hoffnung für eine Stabilisierung der Region. Entscheidend dafür ist allerdings die Fortführung und Begleitung dieses langjährigen Prozesses. Einzelprojektförderungen werden Gemeinden mit riskantem sozialem Zusammenhalt kaum stabilisieren können. Interkommunale Zusammenarbeit und Partnerschaften für die Stärkung des sozialen Zusammenhalts in der Region, wie sie auch im Soziale-Orte-Konzept vorgesehen sind(Kersten et al. 2015: 25ff.), werden im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt thematisiert und für die Zukunft verstärkt angestrebt. Während die sehr kleinteilige Gemeindestruktur regionale Zusammenarbeit häufig in der Vergangenheit ausbremste, repräsentieren Zusammenschlüsse wie die Kommunale Arbeitsgemeinschaft Rennsteig-Schwarzatal, die Kommunale Arbeitsgemeinschaft Thüringer Meer oder die Einbindung aller Landkreis-Gemeinden in das Modellvorhaben der Raumordnung (MORO) –„Lebendige Regionen – Aktive Regionalentwicklung als Zukunftssaufgabe“ gute Vorbilder. Zukünftig wären weitere interkommunale Partnerschaften innerhalb und außerhalb der Region für die gegenseitige Unterstützung zwischen riskanten, resilienten und robusten Gemeinden erstrebenswert. Im Rahmen der Untersuchungen im Landkreis WaldeckFrankenberg ist festzuhalten, dass man sich im Landkreis, und speziell in den untersuchten Gemeinden, bewusst mit den Problemfeldern des demografischen Wandels und der sozialen Integration, nicht nur der Geflüchteten, auseinandersetzt. Die ausgewählten Orte/Ortsteile haben in den vergangenen Jahren, ungeachtet ihrer sehr unterschiedlichen Ausgangslage, Soziale Orte aufgebaut, den öffentlichen Raum zurückerobert, Prozesse angestoßen und(neuen) Zusammenhalt geschaffen. Ein Teil des Erfolges im hessischen Landkreis besteht auch darin, dass die Akteur_innen aus Verwaltung, Zivilgesellschaft, Kirche und, noch zögerlich, der Privatwirtschaft oder kommunaler Unternehmen vernetzt sind und zumeist kooperativ agieren. Diese Vernetzung kommt nicht zuletzt durch die Position des Fachdienstleiters für Dorf- und Regionalentwicklung der Kreisverwaltung zustande. Die Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen sowie die Einbindung überregionaler Institutionen sind eindeutig erwünscht und werden auch regelmäßig angefragt. Projektplanungen orientie- SOZIALE ORTE Abbildung 1 Die„doppelte Akteurstrias“ WISO DISKURS 29 Motivator_in oder Katalysator_in Verw altung chaft irts W Zivilgesellchaft Quelle: eigene Darstellung. Raum- oder Ressourcengeber_in Promoter_in ren sich meist am Bottom-up-Prinzip – wobei die Beispiele aus Diemelstadt und Dalwigksthal zeigen, dass der Anstoß auch vom Bürgermeister kommen kann, wenn es gelingt, die Bürger_ innen rechtzeitig für die Idee zu gewinnen und in die Entwicklung einzubinden. Die vorgestellten Fallstudien und auch die fortgesetzte Arbeit im BMBF-geförderten Projekt„Das Soziale-Orte-Konzept. Neu Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt“(2017–2020, unter der Leitung von Claudia Neu und Berthold Vogel) belegen eindringlich, dass Soziale Orte sich bei der Lösung von Zukunftsfragen nicht im Dreiklang von Gastwirtschaft, Dorfladen und Vereinsheim erschöpfen. Vielmehr entwickeln sich Soziale Orte, wie vielfach hier dargestellt, durch das Zusammenspiel von Kommunen, lokalen Wirtschaftsunternehmen und der Zivilgesellschaft – in ihren vielfältigen Facetten des Vereins-, Verbands- und Kirchenlebens. Zunehmend gehören aber auch einzelne Akteur_innen und Initiativen dazu, die sich eher informell und außerhalb der etablierten Strukturen organisieren. Die im Projekt bisher geführten Interviews verdeutlichen, dass eine„doppelte Akteurstrias“(Abbildung 1) eine gute Basis ist, um Soziale Orte nachhaltig aufzustellen. Besonders glücklich wirkt ein Mix der Sektoren(erstes Dreieck): — die Verwaltung, die als regulierendes, ermöglichendes Organ den Prozess positiv und mit ihrem Know-how unterstützt; — die Zivilgesellschaft, die mit ihren Vereinen und Verbänden, NGOs und NPOs, Stiftungen, Selbsthilfegruppen und Bürgergemeinschaften, im öffentlicher Raum zwischen Staat, Markt und privater Sphäre agiert; — die privaten und öffentlichen Unternehmen – die Mitwirkung der Unternehmen scheint für Vertreter_innen aus dem Bereich der Verwaltung noch nicht selbstverständlich zu sein, da das unternehmerische Engagement entweder kaum wahrgenommen wird oder Unternehmen bisher nicht ernsthaft als Mitspieler in Betracht gezogen werden. Das zweite Dreieck, zeigt die Aufgabenverteilung. So benötigen Soziale Orte a) eine_n Raum- und Ressourcengeber_in, b) eine_n Motivator_in, Ideengeber_in oder Katalysator_in und schließlich c) den/die Promoter_in, der/die die Idee über den Ort hinaus trägt und damit vervielfachen kann. Aus der Zivilgesellschaft entstammen sehr häufig die Ideen und das Herzblut, die Projekte in Gang zu setzten. Die Verwaltung übernimmt zumeist die Rolle des Raum- und/oder Ressourcengebers. Die Wirtschaft ist hier aber durchaus in der Lage, Räume oder Ressourcen zur Verfügung zu stellen oder mitzuhelfen, eine Idee zu promoten(Bruchmann 2018). So spendieren Energieversorger die erste Füllung für das Freibad, die Gemeinden stellen Räume, für das gemeinsame Kochen mit Geflüchteten, und Unternehmen schenken Holz vom Bauhof, für den Budenbau der Kinder im Quartier. Resümierend verweisen die Ergebnisse aus den beiden Untersuchungsgebieten auf fünf gemeinsame Bedingungsfaktoren für die Institutionalisierung Sozialer Orte: 1. Unabdingbar für Soziale Orte sind das Vorhandensein und das Vorhalten öffentlicher Infrastrukturen und Institutionen. Hierfür bedarf es eines öffentlichen Rahmens, rechtlicher Sicherheiten und einer gewährleistenden Verwaltung. Soziale Orte entwickeln sich nicht gegen oder ohne öffentliche Strukturen, sondern mit ihnen. 2. Die Möglichkeit, nicht nur ein Projekt, sondern ein Prozess zu sein, ist entscheidend, da es nicht darum geht, immer wieder befristete Projekte zu ermöglichen, sodern Prozesse in Gang zu setzen, die nachhaltig nach dem Vorsorgeprinzip wirken können. Ein Wandel der Förderpolitik weg von der Projekt- hin zur Prozessförderung ist hier überfällig. 3. Für die Initiierung und Stabilisierung Sozialer Orte sind überdurchschnittlich engagierte und innovationsfähige Akteur_innen erforderlich. Es braucht die„richtigen Leute am richtigen Ort“ – in gewissem Sinne kommt hier die Kontingenz der Personen ins Spiel. Zum Ehrenamt kann man niemanden zwingen, aber ermutigen!(Finanzielle) Unterstützung, Wertschätzung und Freiräume benötigen die Akteur_innen dringend. 4. Ein weiterer zentraler Punkt ist die Offenheit in der Verwaltung für partizipative Prozesse und innovative Ko- FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 30 operationen. In der Entwicklung Sozialer Orte kann es zu Konflikten kommen, die keineswegs destruktiv sein müssen, sondern vielmehr produktive Effekte für die jeweiligen Orte und Regionen haben können. Hilfreich wäre es, die Verwaltung als wichtigen Partner bei der Produktion von Zusammenhalt„auf dem Schirm“ zu haben und ihre Rolle als demokratische Infrastruktur anzuerkennen. 5. Schließlich benötigen Soziale Orte überregionale Aufmerksamkeit und Einbindung. Nur dann funktionieren sie, nur dann entwickeln sie sich nicht zu Repräsentanten für lokale Engstirnigkeit und Kirchturmpolitik, nur dann können sie sich auf Dauer stellen. Soziale Orte sind netzwerkbedürftig und benötigen Anerkennung über den engeren lokalen Zusammenhang hinaus. Das ist die Voraussetzung ihrer Vitalisierung. SOZIALE ORTE WISO DISKURS 31 7 SOZIALE ORTE UND DIE POLITIK DES ZUSAMMENHALTS Wir können freilich nicht über Soziale Orte sprechen, ohne ausdrücklich die Perspektive der Akteur_innen zu stärken: Auf handelnde Personen und handlungsfähige Institutionen kommt es an! Es geht darum, dass das Zusammenspiel von Kommunen, lokalen Wirtschaftsunternehmen und der Zivilgesellschaft strukturiert geschieht und jederzeit aktiviert werden kann, sodass Gemeinden nach dem Vorsorgeprinzip besser auf den demografischen Wandel reagieren können. Dafür braucht es auch eine Politik des Zusammenhalts(Kersten et al. 2019), die insbesondere in sich leerenden ländlichen Räumen und segregierten Stadtteilen dazu beiträgt, dass Soziale Orte entstehen können. Die Gemeinden sind die zentralen, aber keineswegs die einzigen Handlungsträger der Politik des Zusammenhalts: Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sind ebenfalls wesentliche Akteure im Soziale-Orte-Konzept. Der Staat – also Bund und Länder – muss den sozialen Zusammenhalt fördern. Dies gilt nicht nur für eine europarechtlich abgestimmte Strukturförderung. Darüber hinaus könnte zum Beispiel der Bund seiner Verantwortung für den sozialen Zusammenhalt der gesamten Republik sehr viel besser gerecht werden, wenn er die regionale Daseinsvorsorge als Gemeinschaftsaufgabe in Art. 91a GG verankern würde(Kersten et al. 2015b). Die Einführung der Gemeinschaftsaufgabe der Verbesserung der regionalen Daseinsvorsorge in einem neuen Art. 91a Abs. 1 Nr. 3 GG und eine entsprechende Ergänzung des Art. 91a Abs. 3 Satz 1 GG würden dazu führen, dass der Bund die Hälfte der Kosten der regionalen Daseinsvorsorge in jedem Land trägt. Diese Finanzierungsverantwortung des Bundes für den sozialen Zusammenhalt der Bundesrepublik würde das Sozial-OrteKonzept ideal ergänzen. Auch Unternehmen und Wirtschaft können sich noch stärker als bisher in die Politik des sozialen Zusammenhalts einbringen. Die wirtschaftlichen Entwicklungspotenziale liegen nicht„nur“ im Erhalt und in der Schaffung von Arbeitsplätzen und Konsummöglichkeiten. Private und öffentliche Unternehmen, die sowohl in riskanten, resilienten und robusten Gemeinden tätig sind, tragen zu deren Vernetzung bei. Vor Ort leisten sie wichtige Beiträge durch ihr Engagement, wie etwa das kostenlose Bereitstellen von Räumen, Kulturund Sportsponsoring oder multifunktionale Wohnungsbauprojekte für Senior_innen. Überregional kommt hier den Energiewirtschafts-, Post-, Telekommunikations- und Verkehrsunternehmen eine besondere Rolle zu. Die Bedeutung dieser Unternehmen für den sozialen Zusammenhalt geht weit über die Grundversorgung(§ 1 Abs. 1 RegG,§§ 78 ff., § 150 Abs. 9 TKG,§§ 11 ff., 52 PostG,§§ 36 f. EnWG) hinaus. Sie können und sollten auch aktiv in die Entwicklung von Konzepten der(trans)regionalen Daseinsvorsorge einbezogen werden. Hier ist es ebenfalls notwendig, neue konzeptionelle Wege zu gehen. Die Zivilgesellschaft ist mit den Bürger_innen, ihren Initiativen, Vereinen, Gewerkschaften und Kirchen ein weiterer ganz wesentlicher Akteur des Soziale-Orte-Konzepts. Hier werden die Nachbarschaftshilfe und das Ehrenamt zu Recht besonders unterstrichen. So ist unbestritten, dass sich durch finanzielle Unterstützung, Koordination und Wertschätzung der ehrenamtlichen Arbeit die Entstehung Sozialer Orte ganz entscheidend fördern lässt. Aber die Bürger_innen wollen nicht lediglich als„Ausfallbürge“ für die entfallenen staatlichen Leistungen in Anspruch genommen werden: Das Ehrenamt entfaltet sich vor allem dort, wo es mit staatlichem, unternehmerischem und weiterem zivilgesellschaftlichem Engagement gemeinsam den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft sichern kann. Die Politik des sozialen Zusammenhalts geht jedoch weit über die Förderung des Ehrenamts hinaus: Sie fragt nach der besonderen Verantwortung von Wirtschaftsunternehmen und zivilgesellschaftlichen Akteur_innen, die regional- und länderübergreifend, wenn nicht sogar bundesweit in riskanten, resilienten und robusten Gemeinden präsent sind. Für die Gewährleistung des sozialen Zusammenhalts kommt es auch hier darauf an, dass sich diese sozialraumübergreifenden Akteur_innen nicht aus der Fläche oder „schwierigen“ Stadtvierteln zurückziehen, sondern ihre zivilgesellschaftlichen Strukturen in das Soziale-Orte-Konzept einbringen: Wie können Sportbünde auf Landes- und Bundesebene zu einer engeren Vernetzung von Vereinen in riskanten, resilienten und robusten Gemeinden beitragen? Wie können die Kirchen und Religionsgemeinschaften mit ihrer noch flächendeckenden Präsenz den sozialen Zusammenhalt stärken? FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 32 Wenn wir noch einmal zu der neuen Einteilung in riskante, resiliente und robuste Gemeinden zurückkehren, können wir uns abschließend fragen: Was kann eine Politik des Zusammenhalts – und hier sind Soziale Orte eine entscheidende Größe – für den jeweiligen Gemeindetyp bedeuten und bewirken? — Riskanter Zusammenhalt: Gemeinden sind als riskant einzustufen, wenn ihre Bevölkerungs-, Arbeits-, Finanz-, Infra-, Wirtschafts- und Vereinsstruktur aufgrund des demografischen Wandels stark beeinträchtigt sind. Im Fall riskanter Gemeinden gilt es, personelle, finanzielle, infrastrukturelle und wirtschaftliche Bausteine in den Kommunen, Regionen und darüber hinaus zu identifizieren, welche zur Rekomposition zumindest eines angemessenen Minimums sozialen Zusammenhalts beitragen können oder – besser noch – eine nachhaltige Stärkung versprechen. — Resilienter Zusammenhalt: Gemeinden sind bezüglich ihres Zusammenhalts resilient, wenn sie(noch) auf demografisch bedingte Beeinträchtigungen reagieren und sich anpassen können. Im Fall resilienter Gemeinden muss es darum gehen, die Entfaltung regionaler Potenziale, die personellen, finanziellen, infrastrukturellen und wirtschaftlichen Ressourcen in den Kommunen, Regionen und darüber hinaus zu stärken und zu befördern. Nur so wird es möglich sein, die Folgen des demografischen Wandels(weiterhin) zu kompensieren und für die eigene Weiterentwicklung konstruktiv zu nutzen. — Robuster Zusammenhalt: Robuste Gemeinden sind von den Folgen des demografischen Wandels und der Binnenwanderung wenig betroffen oder sie können gar die demografische Dividende, in Form von vielen jungen Zuwandern und Zuwanderinnen, nutzen. Aus Sicht des Soziale-Orte-Konzepts ist es in robusten Gemeinden wichtig, personelle, finanzielle, infrastrukturelle und wirtschaftliche Kräfte in der Region und darüber hinaus zu identifizieren und zu mobilisieren, mit denen sie vor allem riskante, aber auch resiliente Kommunen unterstützen können. Langfristig muss es jedoch das Ziel sein, dass interkommunale Allianzen entstehen, die riskante Gemeinden an den Benefits robuster(und wenn möglich, auch resilienter) Kommunen teilhaben lassen. Denn es liegt nicht nur im langfristigen Eigeninteresse robuster Kommunen, sich für die soziale Kohäsion der Bundesrepublik zu engagieren, sondern dies wird auch von der Verfassungsordnung erwartet. haus zu reduzieren. Zwar erhöhen diese Angebote, besonders in entlegenen Regionen, die Lebensqualität der Bewohner_ innen vor Ort, bleiben aber oft Solitäre, die nicht in ein infrastrukturelles Gesamtkonzept der regionalen und überregionalen Versorgung(multifunktional, mobil, nachhaltig) eingebunden sind. Das Soziale-Orte-Konzept nimmt der Entstehung Sozialer Orte, dieser öffentlichen Kristallisationspunkte von gelebter Gemeinschaft, das Beliebige(„wenn sich einer findet, der es macht“) und möchte ihren Aufbau, ihre Verstetigung und ihren nachhaltigen Bestand gezielt unterstützen. Aber wie gesagt: Sozialer Zusammenhalt, Engagement und Integration entstehen nicht im luftleeren Raum, vielmehr sind sie das Ergebnis vielfältiger Vorleistungen in Form von Gebäuden, Mobilitätsangeboten und einer engagierten Kommunalpolitik. Es geht dabei eben nicht nur um einzelne Projekte, sondern darum, kontinuierlich und flexibel Antworten auf konkrete Herausforderungen zu finden. Die Institutionalisierung Sozialer Orte, wie sie mit dem Soziale-Orte-Konzept angestrebt wird, ist das Gegenprogramm zur Absiedlung und Entleerung ländlicher Räume, das sich an der normativen Leitidee der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse orientiert. Gerade die angestrebten interkommunalen Allianzen, das Teilen von Benefits oder der Blick, nicht nur in den eigenen Hinterhof, sondern auch auf die Probleme der Nachbargemeinden, machen deutlich, dass sich Soziale Orte nicht der Best-Practice-Logik fügen, die ein unproduktives Konkurrenzprinzip verfolgt. Vielmehr geht es darum, mit dem Begriff der Sozialen Orte, auf kohäsive Prozesse hinzuweisen, die an die Bedarfe der Bevölkerung vor Ort – in Stadt und Land – angepasst sind und in überörtliche Entwicklungskonzepte eingefügt werden können. Soziale Orte sind auch nicht auf Freizeit- und Kulturangebote wie Jugendclub, Gastwirtschaft oder Dorfgemeinschafts- SOZIALE ORTE WISO DISKURS 33 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Wirtschafts- und Sozialpolitik 34 Literaturverzeichnis Albrech, Joachim; Fink, Philipp; Tiemann, Heinrich 2016: Ungleiches Deutschland: Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2015, Bonn. Arant, Regina; Larsen, Mandi; Boehnke, Klaus 2016: Sozialer Zusammenhalt in Bremen, Bertelsmann Stiftung, Gütersloh. Bruchmann, Amanda 2018: Lasst sie nachts ins Büro, in: DIE ZEIT, 23.5.2018. BMIBH 2019a: Stadtumbau, https://www.staedtebaufoerderung.info/ StBauF/DE/Programm/Stadtumbau/stadtumbau_node.html(15.11.2019). 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ISBN: 978–3–96250–472–4 Titelmotiv: Vielfensterhaus in Böhlen, IBA Thüringen,© Thomas Müller Gestaltung: www.stetzer.net Druck: www.bub-bonn.de WISO DISKURS ABTEILUNG WIRTSCHAFTS- UND SOZIALPOLITIK WEITERE VERÖFFENTLICHUNGEN ZUM THEMA Europas Regionen besser fördern – Ideen aus Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt FÜR EIN BESSERES MORGEN – 2019 Präsenter Sozialstaat – Wie wir die Demokratie vor Ort stärken können FÜR EIN BESSERES MORGEN – 2019 Strukturwandel im Ruhrgebiet – Was wir für zukünftige Transformationsprozesse daraus lernen können WISO DIREKT – 02/ 2020 Finanzieren, beschleunigen, investieren – Empfehlungen für eine öffentliche Investitionsoffensive WISO DIREKT – 03/ 2020 Daseinsvorsorge, Teilhabe und Gute Arbeit – Perspektiven der Berichterstattung über Armut, Reichtum und Arbeitswelt WISO DIREKT – 11/ 2019 Ungleiches Deutschland – Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2019, Hintergründe zu Trends, Indikatoren, Analysen FÜR EIN BESSERES MORGEN Stadtentwicklungs- und Nachhaltigkeitspolitik – zusammen denken, zusammen handeln WISO DIREKT – 05/ 2019 Smart City in der sozialen Stadt – Menschen in den Mittelpunkt stellen kt WISO DISKURS – 11/ 2019 Das Programm Soziale Stadt weiterentwickeln – An aktuelle Herausforderungen anpassen und präventiv gestalten WISO DIREKT – 17/ 2017 Das Soziale Quartier – Quartierspolitik für Teilhabe, Zusammenhalt und Lebensqualität GUTE GESELLSCHAFT – SOZIALE DEMOKRATIE#2017PLUS – 2016 Gemeinschaftsaufgabe„Regionale Daseinsvorsorge“ WISO DIREKT – 16/ 2016 Volltexte dieser Veröffentlichungen finden Sie bei uns im Internet unter www.fes.de/wiso