MecklenburgVorpommern in Europa Mittendrin die lange Beziehung mit Europa Auf einer Deutschland-Karte hat MecklenburgVorpommern eine Randlage. Weitet man den Blick, liegt es mitten in Europa. Die Wege von Rostock nach Berlin und Hamburg sind genauso weit, wie nach Kopenhagen oder Stettin. Europa und die so genannte europäische Integration, also die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Zusammenarbeit ist auch keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Da wurde sie nur umso wichtiger, institutionalisiert und dadurch erst zu einer Erfolgsgeschichte. Das Zusammenleben in Europa ist jedoch viel, viel älter. Europa ist sozusagen seit sehr langer Zeit gelebte Realität, Nationalismus eher die unrühmliche Alternative. Die vorliegende Broschüre schildert am Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns anhand ausgewählter Begebenheiten, wie die europäischen Verbindungen aussehen können. Dabei haben wir für jeden Landkreis und die beiden kreisfreien Städte in Mecklenburg-Vorpommern ein europäisches Land gewählt, um es noch anschaulicher zu machen. Historisch Anekdotisches, die wunderbaren Grafiken von Martin Molter und das Schlusswort von Iris Hoffmann, MdEP für Mecklenburg-Vorpommern, ergeben ein besonderes Lesevergnügen, bei dem deutlich wird: Europa und die europäische Union sind Geschichte, Gegenwart und Zukunft und ein besonderer Glücksfall, den es politisch und gesellschaftlich zu bewahren gilt. Frederic Werner Leiter des Landesbüros MV der Friedrich-Ebert-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern in Europa Vor 30 Jahren, Ende Februar des Jahres 1989 versammeln sich in der Greifswalder Jacobikirche Delegierte der meisten Oppositionsgruppen der DDR zu ihrem jährlichen Treffen „Frieden konkret“. Das Einstiegsreferat hält der gebürtige Rostocker Gerd Poppe zum Thema „Unser gemeinsames Haus Europa“. Der ehemalige Vipperower Pastor Markus Meckel erzählt anschließend anderen Delegierten von seiner Idee, eine sozialdemokratische Partei zu gründen. Die Förderung des Zusammenschlusses unabhängiger Friedensgruppen in Europa zu einem gesamteuropäischen Parlament findet außerdem die Unterstützung des Plenums. Acht Monate danach fegt die friedliche Revolution die SED-Herrschaft hinweg. Ein Jahr später wird mit der deutschen Einheit auch Mecklenburg-Vorpommern Teil der Europäischen Union. Zum Fall der Mauer kommt das Reisen ohne Pass innerhalb Europas. Dieses Europa ist gewollt, wie die deutsche Einheit. Das macht deutlich: Freiheit, Frieden und Wohlstand konnte national nur im europäischen Kontext erkämpft werden. Beides, die Werte unserer Gesellschaft und Europa, das eine ist ohne das andere nicht denkbar und zu erhalten. Bereits im Heidelberger Programm, das von 1925 bis 1959 gilt, fordert die deutsche Sozialdemokratie die „Vereinigten Staaten von Europa“. Lehnt sie unter Kurt Schumacher noch die Integration in die Europäische Verteidigungsgemeinschaft und andere Institutionen ab, fordert sie unter Willy Brandt ein europäisches Sicherheitssystem als Schritt zu einer europäischen Friedensordnung. Ein weiterer Schritt in diese Richtung ist die Brandtsche Ostpolitik. Sie setzt auf Verständigung und Ausgleich, Wandel durch Annäherung. So ist für die Sozialdemokratie auch die deutsche Einheit ein Schritt in Richtung Europa, das nur als vereinigtes Europa erstrebenswert ist. Mecklenburg-Vorpommern und England England ist für Jahrhunderte Vorbild aber auch herausragender Handelspartner für Mecklenburg und Vorpommern. England-Reisen, englische Waren oder ein englischer Ehepartner gelten als chic. Vor allem durch den Rostocker Bund von 1283 werden die mecklenburgischen Seestädte zu einer der Wurzeln der Hanse. Regelmäßiger Handel mit England beginnt. Wismar exportiert im 15. Jahrhundert sein Bier nach England. außerdem um Klütz mehrere Güter, wo er das heute nach ihm benannte Barockschloss errichten lässt. König Georg III. heiratet wenig später die in Mirow geborene Sophie Charlotte die so zur englischen Queen wird. Ihr Berater und Bruder Prinz Karl Ludwig beauftragt den englischen Gartenkünstler Archibald Thomson sein Schloss in Hohenzieritz landschaftlich einzurahmen. Der Engländer Thomas Nugent publiziert zeitnah eine Geschichte Mecklenburgs. Friedrich Schmidt, 1779 in Waren geboren versucht in England sein Vorhaben einer unterseeischen Schifffahrt zu verwirklichen. Caspar von Bothmer ist ab 1714„Erster Minister“ für die deutschen Angelegenheiten in London, wo er im Haus Downing Street 10 lebt. Er kauft Rostocker Kaufleute lassen 1833 in England ein Dampfschiff bauen. Auf einigen großen mecklenburgischen Vollblutzucht-Gestüten betreuen englische Stallmeister die Pferde. Aus England kommt der Großherzogliche Musikdirektor George Hepworth 1847 nach Güstrow. Tischler August Gebelt aus Malchow wird in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wegen sozialdemokratischer Umtriebe nach England ausgewiesen. Otto Heinrich Greve aus Rostock, 1949 einer der Väter des Grundgesetzes, reist noch während des Zweiten Weltkrieges öfter nach England. Im Juni 1943 wird der katholische Pfarrer Wachsmann in Greifswald verhaftet und später hingerichtet, weil er den Feindsender BBC hört. Schauspielerin Lilian Harvey, geborene Britin, verliert nach Ende des Zweiten Weltkriegs die ihr gehörenden Filmtheater„Capitol“ und „Schauburg“ in Waren. Am 9. Juni 1989 besucht die britische Fregatte HMS„Achilles“ Warnemünde. In Schwerin wird am 25. Januar 1991 die Landesgruppe Mecklenburg-Vorpommern der „Deutsch-Englischen-Gesellschaft“ gegründet. Partnerkirche der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs ist die Diözese Lichfield der Kirche von England. In Schloss Marihn befindet sich der weltweit größte David-Austin-Rosengarten mit tausenden englischen Rosen. Nordwestmecklenburg und Polen Die gemeinsame Geschichte von Nordwestmecklenburg und Polen ist geprägt durch Gewalt und Ungerechtigkeit, die überwiegend Polen während der NS-Zeit widerfährt. In hervorragender Weise steht Polen aber auch für die Freiheitsgeschichte dieses Landkreises. Die um 1354 gebaute„Poeler Kogge“, das größte erhaltene Schiffswrack der Hansezeit, besteht aus Kiefernholz, das in der Region um Torun in Polen gefällt wurde. Generell ist der Handel aus dem Hafen von Wismar nach Polen aber vergleichsweise gering. Im Jahr 1665 verläßt beispielsweise nur ein Schiff den Hafen in Richtung Danzig, dem wichtigsten Hafen des Ostseeraums. Drei Schiffe erreichen Wismar im selben Jahr von Danzig aus. Nils Gyllenstierna, 1648 im schwedischen Wismar geboren, kämpft 1702 im Nordischen Krieg für König Karl XII. in Polen. In einer Stadtverordnetenversammlung des Jahres 1922 macht sich die kommunistische Fraktion für die Aufnahme von polnischen und anderen Studierenden an der Wismarer Ingenieurakademie stark. Der„Fall Jakubowski“ beschäftigt wenig später für längere Zeit die Region. Josef Jakubowski ist 1917 als Kriegsgefangener in das Dorf Palingen gekommen, wo er auch nach Kriegsende bleibt. Das nicht von ihm stammende uneheliche Kind seiner bereits zuvor verstorbenen Lebensgefährtin wird im November 1924 erdrosselt aufgefunden. Jakubowski wird ohne triftige Gründe angeklagt und 1927 hingerichtet. Der Vorfall weitet sich zum deutschlandweit bekannten Justizskandal. Die Nationalsozialisten verhaften am 20. Oktober 1939 den einundfünfzigjährigen Gespannführer Peter Kowallick aus Ilow weil er sich am 25. September 1939 in einem Gespräch gegen die Greueltaten der deutschen Wehrmacht in Polen ausspricht. Der Wismarer Kaplan Jakob Schmitt wird 1941 wegen unerlaubter Seelsorge an polnischen Zwangsarbeitern in Klütz verhaftet, ins KZ Neuengamme überführt und anschließend im KZ Dachau inhaftiert. Nach dem Posener Arbeiteraufstand vom Juni 1956 stellt die SED fest, dass es auch im Kreis Grevesmühlen„politisch-ideologische Unklarheiten“ gibt. Im Jahr 1971 ist Wismar Austragungsort des Turnländerkampfes der Frauen zwischen der Volksrepublik Polen und der DDR. Auf Hochschulebene entsteht ein Studentenaustausch für Ferienpraktika zwischen der Ingenieurhochschule Wismar und der Politechnica Sceczinska. Am 21. August 1980 meldet die Staatssicherheit einen Streik im VEB Wismaria(Malzfabrik)/Boltenhagen, durch dort tätige Polen. Im Wismarer Magnet-Kaufhaus verteilt am selben Tag ein Hausmeister Flugblätter in denen er zur Solidarität mit den Streikenden in Polen auffordert. Seine Kollegen ruft er zur Unterzeichnung einer Erklärung„Solidarität auch mit Polen, das ist unser Motto“ auf. Der 1. Sekretär der SED Kreisleitung Wismar, Hans-Jürgen Große-Schütte, nennt in seinem Referat am 23. Oktober 1989 vor der Kreisleitung das Neue Forum„die verkappte Solidarnosz“. Jens Voigt, Radrennfahrer aus Grevesmühlen, gewinnt die Polen-Rundfahrt im Jahr 2008. Schwerin und Frankreich Schwerin ist seit Jahrhunderten französisch. Das Stadtbild prägt das noch junge, nach französischem Vorbild errichtete Schloss. Noch viel früher sind französische Bilder oder die französische Sprache in Mode. König Ludwig der Heilige von Frankreich schenkt dem Schweriner Dom im Jahr 1260 einen„Dorn aus der Dornenkrone Christi“. Der Schweriner Herzog Christian Ludwig I. zieht 1633 nach Paris, nimmt den katholischen Glauben an, nennt sich nach seinem Firmpaten„Sonnenkönig“ Ludwig XIV. zukünftig„Louis“ und heiratet Elisabeth Angélique de Montmorency. Im Jahr 1709 leitet der Franzose Jean Baptiste Anet, der als der „erste Geiger Frankreichs seiner Zeit“ gilt, die Schweriner Hofkapelle. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eröffnet der Franzose Pierre Joseph Minet am Domhof den Minet‘schen Gasthof in dem er auch ein Hotel und einen Weinhandel betreibt. Später wird sein Etablissement in„Hotel de Paris“ und„Pariser Hof“ umbenannt. Ab 1806 besetzen französische Truppen auch Schwerin. Louis Davoust, Marschall von Frankreich, wird im Jahr 1813 Befehlshaber der französischen Nordarmee. Sein Hauptquartier befindet sich im„Alten Palais“. Nach der Julirevolution 1830 in Frankreich, kommt es am 19. September des Jahres auch in Schwerin zu Zusammenstößen. Am 27. Juli 1870 rücken Teile der Schweriner Garnison zum Krieg gegen Frankreich aus. Nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich 1870/71 wird der Museumsbau auch mit Geldern aus den französischen Reparationszahlungen finanziert. Am Fuß der Siegessäule am Altem Garten werden außerdem zwei von Frankreich erbeutete Kanonen aufgestellt. den Namen des 1942 von den Nationalsozialisten ermordeten Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Frankreichs„Pierre Semard“. Im Jahr 1897 wird das Empfangsgebäude des Schweriner Hauptbahnhofs, das sein Vorbild im Bau des französischen Bahnhof Cambrai hat, in Betrieb genommen. Vom 18. bis 26. Mai 1968 besucht eine Delegation der Regionalleitung der französischen Gewerkschaft CGT der Loire-Länder den Bezirksvorstand des FDGB. Viele weitere Besuche folgen. Im Jahr 1952 erhält die Schweriner Gewerkschaftsschule Der Schauspieldirektor des Schweriner Theaters, Christoph Schroth, wählt als Spielplan-Motto für das Jahr 1989 die Auseinandersetzung mit der französischen Revolution. Das Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin rückt im Jahr 2000 und 2015 Frankreich in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit. Ludwigslust-Parchim und Schweden Das Gebiet des heutigen Landkreises ist in der frühen Neuzeit regelmäßig Kriegsschauplatz. Fast immer sind schwedische Truppen ungeliebte Besatzungsmacht. Der Boizenburger Frachtweg ist ein urgeschichtlicher Fernweg, der von Boizenburg/Elbe in Richtung Skandinavien führt. Im Jahr 1626 kommt der Dreißigjährige Krieg nach Mecklenburg. Schweden fallen auch in Parchim ein. 1627 ziehen Truppen des schwedischen Oberst Hunich durch die Gegend um Dobbertin. Auch 1658 besetzen während des Zweiten Nordischen Krieges Schweden das Gebiet. In Hohen Pritz erschlägt am 28. Juli 1668 der Mäher Hans Schünecke einen Schweden mit der Sense. Dafür wird er hingerichtet. Im Großen Nordischen Krieg verlangt der schwedische Oberst Gustav von Mardefeld Unterstützung vom Kloster Dobbertin bevor 1805 erneut schwedische Truppen die Region beherrschen. Auf dem Ludwigsluster Friedhof steht ein Stein mit dem Spruch„Sei getreu bis in den Tod“. Das Wappen auf dem Stein verweist auf das schwedische Adelsgeschlecht Krook welches seit 1708 in Deutschland beurkundet ist, von dem man aber nicht weiß, was es mit Ludwigslust zu tun hat. Im Jahr 1783 besucht König Gustav III. von Schweden inkognito Ludwigslust. Der schwedische Vater der Lithographin Wilhelmine Suhrlandt ist„Bettmeister“ im Schloss Ludwigslust. Die Parchimer Jüdin Frieda Jaffe flieht während des Nationalsozialismus mit Hilfe der Berliner Israelmission nach Schweden. Herbert Bartholomäus aus Ludwigslust illustriert 1953 das Buch „Märchen aus Finnland“. Im Jahr 1957 werden Boizenburger Fliesen nach Schweden geliefert. Der 1772 in Parchim geborene Miniaturmaler Liepmann Fraenckel ist auch als Porträtist in Schweden tätig. Apotheker und Heilpraktiker Theodor Hahn aus Ludwigslust verbindet als Erster schwedische Gymnastik mit vegetarischer Ernährung und Wassertherapie. Der Hagenower Gärtnermeister Hermann Boitin betreibt eine Maiglöckchenzucht deren Ertrag er in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch nach Schweden verkauft. In den 1960er Jahren wird die hölzerne Kapelle in Zweedorf/Schwanheide nach schwedischem Vorbild errichtet. Die in Ziegendorf geborene RAF-Terroristin Gabriele Kröcher-Tiedemann wird 1977 bei der Vorbereitung einer Entführung in Schweden festgenommen. Rostock und Italien Rostocker besuchen bereits im Mittelalter Italien. Studienreisen, Tourismus und später Sportwettkämpfe sind hierfür herausragende Gründe. 1617 eine Bildungsreise nach Italien, bevor er ein bekannter niederdeutscher Schriftsteller wie auch Mathematiker wird. Ein Gesandter Rostocks bricht 1418 nach Italien auf um Papst Martin V. mit einem Antragsschreiben des mecklenburgischen Fürsten und Rostocker Rats um die Zustimmung für eine Universitätsgründung zu bitten, was der am 13. Februar 1419 gestattet. Heinrich Boger, seit Juni 1501 Dekan des Rostocker Kollegiatstifts St. Jakobi, begleitet von 1502 bis 1504 den jungen Herzog Erich von Mecklenburg auf einer Reise nach Italien. Johann Lauremberg, 1590 in Rostock geboren, unternimmt um Im Jahre 1773 wird dem Italiener Paolo Barzanti gestattet in Rostock Theater zu spielen. Er gibt den Zuschauern auf einem Zettel folgenden Hinweis:„Wegen der Enge des Platzes kann kein Bedienter ohne Entgelt eingelassen werden; auch wird das Tobakrauchen in dem Schauplatz nicht geduldet werden.“ Während der Besetzung durch napoleonische Truppen patrouillieren italienische Dragoner als Stafetten zwischen Rostock und Warnemünde. Sie sollen an der Küste die Landung englischer Schiffe wie auch Warenschmuggel unterbinden. 1870 wird das Universitätshauptgebäude im Stil der italienischen Renaissance gebaut. Die Don-Bosco-Schule, am 1. Oktober 1929 eingeweiht, ist die erste Schule Rostocks in katholischer Trägerschaft. Don Bosco kümmert sich im Italien des 19. Jahrhunderts um Straßenkinder und gründet 1846 ein Jugenddorf. Während der NS-Zeit sind in Rostocker Betrieben viele italienische KZ-Insassen und auch andere Italiener beschäftigt. Erich Martini, 1880 in Rostock geboren, ist Begründer der medizinischen Insektenkunde. Ihm wird vorgeworfen in Italien 1944 absichtlich eine Malaria-Epidemie mitverursacht zu haben. Im Hotel„Neptun“ gibt es während der DDR-Zeit ein„Italienisches Zimmer“ mit rundem Bett und vielen Spiegeln. Der Bezirk Rostock hat mit dem Bezirk Livorno einen Patenschaftsvertrag, sodass regelmäßig italienische Hafenarbeiter Rostock besuchen. Die Chefdramaturgin für Musiktheater am Volkstheater Rostock, Waldtraut Lewin, übersetzt in den 1970er Jahren viele italienische Opern. Der Rostocker Kellner Paul Gompitz wandert in den 1980er Jahren illegal auf den Spuren Gottfried Seumes nach Syracus. Rainer Jarohs vom FC Hansa Rostock bestreitet sein erstes Länderspiel für die DDR gegen Italien. Auf Veranlassung des italienischen Konsulats wird 1997 ein Gedenkstein aufgestellt, der an die italienischen Kriegstoten in Rostock erinnert. Landkreis Rostock und Schweiz/ Österreich Österreich und die Schweiz sind deutschsprachige Länder. Ihr Austausch mit dem Gebiet des heutigen Landkreis Rostock ist nicht nur deshalb ein sehr dichter. Leopold von Plessen, 1769 in Raden geboren, wird nach der Karlsbader Konferenz von Fürst Metternich das Amt des österreichischen Außen- oder Finanzministers angeboten, das er ablehnt. Die Mecklenburgische Schweiz liegt im Landkreis Rostock und hat diese Bezeichnung ihrer topographisch bewegten Landschaft vermutlich dem Erbprinzen Georg von Mecklenburg-Strelitz zu verdanken. Während des Verbots der SPD durch die Sozialistengesetze wird die Parteizeitschrift„Der Sozialdemokrat“ in der Schweiz gedruckt und über Hamburg nach Rostock gebracht. Die Herz-Jesu-Kapelle in Heiligendamm wird 1887/88 erbaut, weil katholische österreichische Badegäste Sonntagsmessen am Ort wünschen. Das Seebad Heiligendamm wird von der Großherzoglichen Familie 1873 verkauft, bevor es 1911 an eine Gesellschaft weiterveräußert wird, die zu großen Teilen einer jüdischen Familie aus der Schweiz gehört. Der Maler Erich Wegner aus Gnoien malt bevorzugt Mordszenen. Die Darstellung von Frauenmorden ist nach Expertenmeinung einer der wenigen neuen Beiträge der österreichischen und deutschen Malerei kurz vor und nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Der in Berlin lebende Schweizer Schriftsteller Jakob Schaffner nimmt während der NS-Diktatur an den Dichtertagen in Bad Doberan teil, wo er sich als Propagandist des Nationalsozialismus betätigt. Heinrich Max Pommerenke aus Bentwisch verübt in den 1950er Jahren in der Schweiz und im österreichischen Bregenz mehrere Kapitalverbrechen. An der pädagogischen Hochschule in Güstrow wird während der DDR-Zeit erforscht, wie die Kinder- und Jugendliteratur der DDR in der deutschsprachigen Schweiz und Österreich wahrgenommen wird. Am 2. Mai 1989 werden von Ungarn die Sperranlagen zu Österreich abgebaut. Auch aus dem Landkreis Rostock fliehen anschließend viele DDR-Bürger in die Bundesrepublik. Das Taktische Luftwaffengeschwader 73„Steinhoff“ in Laage schult österreichische Flugzeugführer auf dem Eurofighter. Mecklenburgische Seenplatte und die Niederlande Seit über acht Jahrhunderten sind die Niederlande und die Region Mecklenburgische Seenplatte miteinander verbunden, oft durch den Besitz von Gütern. Durch die Besiedlung Ostholsteins mit holländischen Kolonisten breiten sich im Mittelalter Wörter niederländischer Herkunft auch im Lande Stargard aus. Holländer-Windmühlen prägen bald das Landschaftsbild und Gutshaus Tützpatz wird 1779 im Stil holländischer Barockschlösser gebaut. Die Tochter von Königin Luise aus Hohenzieritz, Prinzessin zu Mecklenburg, heiratet 1825 Prinz Friedrich der Niederlande, während sich wohlhabende Bürger, wie die Eltern der Schriftstellerin Gertrud von le Fort in Boek, holländische Stillleben in ihre Salons hängen. Heinrich Schliemann aus Ankershagen erleidet in der Nacht vom 11. zum 12. Dezember 1841 auf der Fahrt nach Venezuela vor der holländischen Küste Schiffbruch. Er bleibt eine zeitlang in Amsterdam. Die Güter Dobbin und Zietlitz besitzt von 1901 bis 1934 das Niederländische Königshaus. 1936 kauft der Vorstands-Vorsitzende der Royal-Dutch-Shell, Henry Deterding, Dobbin von der Königsfamilie. Friedrich Franz Graf von Grote, Besitzer der Güter Varchentin, Deven und Varchow/Malchin wird während der NS-Diktatur Leiter der Abteilung Landwirtschaft und Ernährung beim Reichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete in Den Haag. Der Neustrelitzer Franz Rademacher ist außerdem als Leiter des„Judenreferates“ des Auswärtigen Amtes mitverantwortlich für die Deportation der niederländischen Juden. Gegen die auf den Zweiten Weltkrieg folgende Blockkonfrontation agiert in den 1980er Jahre das Mobile Friedensseminar um den Vipperower Pfarrer Markus Meckel, an dem sich viele Niederländer beteiligen, bevor gegen sie eine Einreisesperre verhängt wird. Die Kirchgemeinde Schwichtenberg nimmt nach der Friedlichen Revolution eine Partnerschaft mit der niederländischen Kirchgemeinde Berlikum auf. Erich Honeckers Jagdsitz in der Nossentiner Heide ersteigert ein niederländischer Hotelier. Zur selben Zeit pachten Landwirte aus den Niederlanden Agrarflächen in der Region. Gegen die von einem niederländischen Landwirt geplante Ferkelzuchtanlage in Alt Tellin gründet sich die„Bürgerinitiative Leben am Tollensetal“. Andere Niederländer werden geehrt. So erhält im Jahr 2010 die holländische Autorin Pauline de Bok den Annalise-Wagner-Preis für ihre Werk „Blankow oder Das Verlangen nach Heimat“. Vorpommern-Rügen und Spanien Der Austausch des Gebietes des heutigen Landkreises Vorpommern-Rügen mit Spanien ist früh religiöser Natur. Nicht nur als Wallfahrtsort ist Spanien für Vorpommern von Bedeutung. Die älteste Sage Hiddensees lautet„Es wird erzehlet, daß vor diesen ein Hiddenseescher Schiffer nach Hispanien gesegelt, und wie er von einem unbekannten Mann gefragt worden: Was er für ein Landsmann wäre? da hätte er geantwortet: Er hörete auf Hiddensee, in der Insul Rügen, zu Hause; worauf der andere versetzet: Er müste wissen, daß an dem Orte, wo vor diesem das(Hiddenseer) Kloster gestanden, grosse Schätze vergraben lägen.“ Ab Ende des 13. Jahrhunderts fahren Stralsunder Handelsschiffe bis nach Spanien. Später werden im Rahmen der Hanse Fische, Holz, Getreide exportiert sowie Pelze, Wein und Salz aus Spanien mitgebracht. Auch wenn die Wallfahrtsstätte Zudar auf Rügen gut besucht wird, fährt der spätere Stralsunder Bürgermeister Wessel im Jahr 1508 mit dem Schiff zur spanischen Wallfahrtsstätte Santiago de Compostella. Die Kirche in Gingst heißt nach dem heiligen Jakobus, dem Schutzheiligen der Pilger, der in Santiago de Compostella begraben sein soll. Der Abendmahlskragen der Frauen von Mönchgut geht auf spanische Trachten des 16. Jahrhunderts zurück. Die Stralsunder Paramentensammlung enthält als Vermächtnis der reichen Stralsunder Kalandsbruderschaft liturgische Gewänder aus Spanien. Als der schwedische König Gustav Adolf am 10. September 1630 in die Stadt einzieht, wird er unter anderem mit etwa 500 Litern spanischem Wein willkommen geheißen. Die am 1. August 1950 in Parow eröffnete Schule der Seepolizei leitete Walter Steffens, der zuvor im Spanischen Bürgerkrieg als Interbrigadist gekämpft hatte. Die Kapitänsbilder- Sammlung der Schiffswerft Barth enthält Porträts spanischer Schiffe. Joachim Nicolas Eggert, 1779 in Gingst geborener Komponist, komponiert die Oper„Die Mohren in Spanien“. Im„Öffentlichen Anzeiger für das Dominalamt Ribnitz“ vom März 1864 finden wir eine Beschreibung von neun Leuchtfeuern entlang der spanischen Küste. Vorpommern-Greifswald und Ungarn Der Austausch zwischen dem Gebiet des heutigen Vorpommern-Greifswald und Ungarn ist alt und bunt. Ob Wissenschaft, Kunst oder Sport, es begegnen sich einander aufgeschlossene Menschen. Im Schatz von Gellentin aus der Zeit um 1100 befinden sich 384 ungarische Münzen. Nach der Reformation wird der Hauptaltar der Greifswalder Marienkirche unter anderen von dem in Ungarn gebürtigen Maler Michael Jeger mit kleinen Bildtafeln erweitert. Ernst Moritz Arndt reist Ende des 18. Jahrhunderts durch Ungarn und notiert, die Ungarn hätten„Nationalcharakter, der allein(...) ein Volk macht. Wem dieser Nationalcharakter, dieses Unterscheidende, fehlt, dem fehlt auch ein Land, das ihn zusammenhalte(...).“ Johannes Brahms überträgt dem 1824 in Torgelow geborenen Komponisten Albert Parlow die Instrumentation seiner berühmten Ungarischen Tänze Nr. 5, 6 sowie 11 bis 16. Ab 1613 finden wir ungarische Studenten an der Greifswalder Universität. Der Mediziner Franz Joel aus Ungarn begründet gar eine Gelehrtendynastie, die über drei Generationen an der Universität tätig ist. Johann Bernhard Ferdinand Jühlke, Gartengestalter an der Gartenbauakademie in Eldena, wo auch Ungarn studieren, besucht 1860 unter anderem Gärten in Ungarn. Das„Lichtspielhaus Pasewalk“ feiert am 6. Januar 1920 mit dem ungarischen Kunstfilm„Don Cäsar“ seine Premiere. Der aus Ungarn stammende Promoter Joe Jacobs macht den in Klein Luckow geborenen Max Schmeling zu einem berühmten Boxer. Rudolf Stundl, Erfinder der Pommerschen Fischerteppiche, erhält seine Schul- und volkskünstlerische Grundausbildung in Ungarn. Während des Zweiten Weltkriegs arbeiten in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auch ungarische Physiker. Teile der Peenemünder Werkbahn wiederum gelangen noch vor Kriegsende nach Ungarn. Das Kulturhaus Murchin wird am 1. Mai 1954 eröffnet und erhält den Namen des ungarischen Kommunisten und Staatsführers Mátyás Rákosi. Die Ausmalung einzelner Räume in den ungarischen Nationalfarben wird von Malern wie Herbert Wegehaupt, Oskar Manigk und Manfred Kandt übernommen, die in ihren Motiven die Freundschaft zwischen der DDR und Ungarn thematisieren. Ungarische Monteure sind in den 1970er Jahren am Bau des KKW Nord in Lubmin beteiligt. Scharenweise fliehen im Sommer 1989 Vorpommern über Ungarn in die BRD: Verfilmt von Andreas Dresen anhand des Theaters Anklam in seinem Debütfilm„Stilles Land“. Nicht nur Umweltschützer protestieren, als 235 Brennelemente aus dem KKW Nord im Jahr 1996 ins ungarische Kernkraftwerk Paks gebracht werden. Warum Europa auch heute noch die beste Idee ist? Die Europäische Union ist die größte politische und zivilisatorische Errungenschaft des vergangenen Jahrhunderts. Krieg, Totalitarismus, Völkermord und Rivalität wurden durch Demokratie und Menschenrechte sowie durch wirtschaftliche Zusammenarbeit und politische Partnerschaft ersetzt. Die europäische Einigung ist als zentraler Konsens der europäischen Nachkriegsgeschichte keine Selbstverständlichkeit mehr und wird wieder offen in Frage gestellt. Problemstellungen in der Umwelt-, Handels-, Außen- und Sicherheitspolitik lassen sich in der heutigen Zeit effektiv nur noch multilateral lösen. Um den Rückfall in die Kleinstaaterei des 20. Jahrhundert zu verhindern, muss sich europäische Politik an den Bedürfnissen seiner Bürgerinnen und Bürger ausrichten, zum Beispiel, indem wir das europäische Wohlstandsversprechen für alle Europäerinnen und Europäer einlösen. Wir müssen es schaffen unsere gemeinsamen Nationalistische und populistische Bestrebungen in ganz Europa gefährden das europäische Projekt zunehmend. Der europäische Zusammenhalt steht vor einer Zerreißprobe. Der Umgang mit der Migrationsfrage und den schwierigen Verhandlungen zum Brexit sind hierfür exemplarisch. Werte wie Freiheit, Solidarität, Humanität und Schutz für Flüchtende in eine gemeinsame europäische Politik zu übersetzen. Nur so können wir die Spaltung Europas abwenden. Die Zustimmung der Bevölkerung zur EU ist laut Umfragen hoch. 8 von 10 Deutschen halten Europa für eine gute Sache. Die Wahlbeteiligung bei Europawahlen blieb bislang aber historisch gering. In Deutschland gingen in den vergangenen Jahrzehnten gerade mal knapp die Hälfte der Wahlberechtigten zur Europawahl. Bei Bundestagswahlen sind es zum Vergleich weit über 70 Prozent. ist schon längst zu einem politischen Schwergewicht gereift und zusammen mit dem Rat der Europäischen Union für die europäische Gesetzgebung verantwortlich. Ein Großteil nationaler Gesetzgebung geht auf europäische Richtlinien zurück. Die Europawahl bietet für jede Europäerin und jeden Europäer die Möglichkeit, europäische Politik durch ihre Stimme mitzugestalten und zu zeigen, dass ihnen Demokratie in Europa wichtig ist. Diese Chance müssen alle, die an gemeinsamen Frieden, Sicherheit und Wohlstand Interesse haben, aber auch wahrnehmen. Sonst tun es andere. Dabei ist es ein Trugschluss anzunehmen, die Europawahl sei weniger wichtig als die Bundestagswahl. Das Europäische Parlament Iris Hoffmann SPD, Mitglied des Europäischen Parlaments Veranstaltungen und Publikationen zu Europa und darüber hinaus unter: www.fes-mv.de Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Arsenalstraße 8, 19053 Schwerin Telefon: 03 85- 51 25 96, Fax: 03 85- 51 25 95 E-Mail: schwerin@fes.de Internet: www.fes-mv.de www.facebook.com/fes.mv www.instagram.com/fesmv Autor: Christoph Wunnicke| Redaktion: Frederic Werner| Gestaltung& Illustration: Martin Molter © 2019