Preisverleihung an Adam Tooze für sein Buch „Crashed – Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben“ Preisverleihung an Harald Schumann und Elisa Simantke für ihren Artikel „Blackrock – Ein Geldkonzern auf dem Weg zur globalen Vorherrschaft“ Berlin, 5. April 2019 Der Hans-Matthöfer-Preis für Wirtschaftspublizistik wird vergeben von der Hans-und-Traute-Matthöfer-Stiftung in der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die unselbstständige Hans-und-Traute-Matthöfer-Stiftung in der FriedrichEbert-Stiftung konzentriert sich – gemäß ihrem Stiftungsziel – auf die Förderung und Auszeichnung von Beiträgen, die grundsätzliche Probleme der Wirtschafts- und Sozialpolitik, der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, der Technologieentwicklung und ihrer Auswirkungen auf die Humanisierung der Arbeitswelt und die Gesellschaft insgesamt zum Gegenstand haben. Hans Matthöfer(1925–2009) war ein führender deutscher Gewerkschafter und Sozialdemokrat. Zwischen 1974 und 1982 war er Minister in mehreren Bundesregierungen, davon vier Jahre Finanzminister unter Helmut Schmidt, der selbst auch dem Beirat der Stiftung angehörte. Impressum:© Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeberin: Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149 53175 Bonn Fax 0228 883 9219; 030 26935 9229 www.fes.de/wiso Fotos: Mark Bollhorst ISBN 978-3-96250-381-9 Diese Publikation wurde vollständig aus Mitteln der Hans-und-Traute-Matthöfer-Stiftung finanziert. Preisverleihung an Adam Tooze für sein Buch „Crashed – Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben“ Preisverleihung an Harald Schumann und Elisa Simantke für ihren Artikel „Blackrock – Ein Geldkonzern auf dem Weg zur globalen Vorherrschaft“ Berlin, 5. April 2019 Vorwort Kurt Beck Ministerpräsident a. D., Vorsitzender des Vorstandes der Friedrich-Ebert-Stiftung Spätestens seit Ausbruch der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2007/2008 ist es offensichtlich geworden, dass die gängigen wirtschaftstheoretischen Modelle, insbesondere der sogenannte neoklassische Mainstream, und viele darauf aufbauende wirtschaftspolitische Rezepte an ihre Grenzen gestoßen sind. Weder haben führende Wirtschaftswissenschaftler_innen die Finanz- und Wirtschaftskrise kommen sehen, noch scheinen ihre wirtschaftspolitischen Empfehlungen zu einer raschen und nachhaltigen Überwindung der Krise, vor allem in Europa, beigetragen zu haben. Im Zusammenhang mit vielen Problemen und Herausforderungen unserer Zeit – zum Beispiel der Finanzmarktstabilität, der hohen Arbeitslosigkeit in Europa, der zunehmenden Ungleichheit von Einkommen und Vermögen, der Globalisierung, der Digitalisierung oder dem Klimawandel – scheint der neoklassische Mainstream in den Augen vieler Beobachter_innen keine wirklich adäquaten Antworten und dauerhaften Lösungen zu liefern. Die Hans-und-Traute-Matthöfer-Stiftung in der Friedrich-Ebert-Stiftung hat vor diesem Hintergrund im Laufe des Jahres 2013 beschlossen, der gerade auch in Deutschland in der Wissenschaft, Politik und Presse zu einseitig geführten wirtschaftspolitischen Debatte durch die Auslobung eines Preises für Wirtschaftspublizistik zu mehr Pluralität zu verhelfen. Nur durch eine größere Theorienvielfalt, durch Methodenpluralismus und durch Interdisziplinarität kann ein wissenschaftlicher Wettstreit um die besten ökonomischen Ideen, Modelle und Politikempfehlungen zur nachhaltigen Gestaltung der Wirtschaft und Gesellschaft gewährleistet werden. 4 Kurt Beck Mit dem Hans-Matthöfer-Preis für Wirtschaftspu- thematische Leitlinien für die Auswahl der Projekte blizistik„Wirtschaft.Weiter.Denken.“ sollen daher der Stiftung. Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler_innen geehrt werden, die jenseits der volkswirtschaftlichen Standard- Die Verleihung des mit 10.000 Euro dotierten Buchpreises theorie oder des makroökonomischen Mainstreams für Wirtschaftspublizistik„Wirtschaft.Weiter.Denken.“ neue Antworten auf die großen wirtschafts- und ge- entspricht somit den Zielen der Stiftung, die von Hans sellschaftspolitischen Herausforderungen unserer Zeit Matthöfer(1925 – 2009) – einem bekannten SPD-Politisuchen und entwickeln. ker und Gewerkschafter, der zwischen 1974 und 1982 Minister in mehreren Bundesregierungen war – und seiDer Hans-Matthöfer-Preis für Wirtschaftspublizistik ner Frau Traute ins Leben gerufen wurde. Ich freue mich wird zum fünften Mal verliehen. Herausragende aus- sehr, dass wir diese Preisverleihung dank des finanziellen ländische Preisträger_innen, die der deutschen wirt- Engagements der Hans-und-Traute-Matthöfer-Stiftung schaftspolitischen Debatte wichtige Impulse geliefert auch in diesem Jahr wieder vornehmen können. haben, waren in den Vorjahren: Im Rahmen des Nominierungsverfahrens sind im • Mark Blyth(Preisträger 2015), Professor für Interna- Herbst letzten Jahres über 50 Vorschläge – neben Bütionale Politische Ökonomie an der US-amerikani- chern auch Blog-Beiträge, Kolumnen, Kommentare, schen Brown University in Providence, Rhode Island Reportagen und Artikel in Zeitungen sowie Fachzeit(USA), für sein Buch Wie Europa sich kaputtspart – schriften – bei uns eingegangen. Für diese rege BeteiliDie gescheiterte Idee der Austeritätspolitik ; gung möchte ich mich im Namen der Hans-und-TrauteMatthöfer-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung • Mariana Mazzucato(Preisträgerin 2016), Pro- ebenfalls sehr herzlich bedanken. Die große Anzahl an fessorin für Wissenschafts- und Technolo- Einsendungen und auch die vielen positiven Rückmelgiepolitik an der britischen Universität Sus- dungen in den letzten Wochen zeigen, dass wir mit der sex, für ihr Buch Das Kapital des Staates: Eine Verleihung dieses Buchpreises richtigliegen. andere Geschichte von Innovation und Wachstum ; Auf die Shortlist für die diesjährige Verleihung des • Oliver Nachtwey(Preisträger 2017), Wissenschaftler Hans-Matthöfer-Preises für Wirtschaftspublizistik am Institut für Soziologie der Technischen Universi-„Wirtschaft.Weiter.Denken.“ schafften es von den eintät Darmstadt sowie am Frankfurter Institut für Sozi- gegangenen Einsendungen: alforschung, für sein Buch Die Abstiegsgesellschaft – Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne ;• das Buch von Norbert Häring, Schönes neues Geld: PayPal, WeChat, Amazon Go – Uns droht eine totalitäre • Branko Milanovic´(Preisträger 2018), Professor und Weltwährung , veröffentlicht im Campus Verlag, Direktor am Graduate Center der City University Frankfurt/New York, 08/2018; in New York, für sein Buch Die ungleiche Welt – Migration, das Eine Prozent und die Zukunft der Mittel• das Buch von Kate Raworth, Die Donut-Ökonomie , schicht . veröffentlicht im Carl Hanser Verlag, München, 03/2018; Die Hans-und-Traute-Matthöfer-Stiftung in der Friedrich-Ebert-Stiftung konzentriert sich neben der Förde-• das Buch von Stephan Schulmeister, Der Weg rung historischer und zeitgenössischer Forschung auf zur Prosperität , veröffentlicht im Ecowin Verlag, die Herausgabe und Förderung von Büchern und Tex- Wals bei Salzburg, 05/2018; ten, die grundsätzliche Probleme der Wirtschafts- und Sozialpolitik, der Wirtschafts- und Sozialwissenschaf-• der Artikel von Harald Schumann und Elisa Simantke, ten, der Technologieentwicklung und ihrer AuswirBlackrock – Ein Geldkonzern auf dem Weg zur globalen kungen auf die Humanisierung der Arbeitswelt und Vorherrschaft , veröffentlicht im Tagesspiegel , Berlin, die Gesellschaft insgesamt zum Gegenstand haben. 8. Mai 2018; Die Bedeutung gesellschaftlicher Akteur_innen, vor allem der Gewerkschaften, die Vermittlung der Aspek-• das Buch von Adam Tooze, Crashed – Wie zehn Jahre te der Globalisierung und Beiträge zur WeiterentwickFinanzkrise die Welt verändert haben , veröffentlicht lung der Theorie der sozialen Demokratie sind weitere im Siedler Verlag, München, 09/2018. 5 Die Mitglieder der unabhängigen Auswahljury, • Frau Dr. Brigitte Preissl, ehemalige Chefredakteurin der Fachzeitschriften Wirtschaftsdienst und Intereconomics beim ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, • Herr Prof. Dr. Peter Bofinger von der Universität Würzburg, ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, und legt und gleichzeitig eine hervorragende Basis für weitere kritische Analysen gelegt. Harald Schumann und Elisa Simantke zeigen mit ihrer Analyse der Aktivitäten des Finanzkonzerns Blackrock, wie eine Strategie, die auf der Ausschaltung von Wettbewerb und der Instrumentalisierung von Politik beruht, eine Machtkonzentration erzeugte, die die Grundregeln der Marktwirtschaft unterminiert und sich durch eine enge Allianz mit politischen Entscheidungsträger_innen unkontrolliert vergrößert. • Herr Thomas Fricke, ehemaliger Chefökonom der Financial Times Deutschland , heute unter anderem Chefökonom der European Climate Foundation und Kolumnist auf Spiegel Online, haben dann im Rahmen eines intensiven Begutachtungsverfahrens aus den fünf Finalist_innen die Gewinner_innen ermittelt. Auch Ihnen möchte ich für Ihr Engagement und Ihre Mitwirkung an dieser Stelle sehr herzlich danken. Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre der Reden, die während des Festaktes zur Preisverleihung am 5. April 2019 in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin gehalten wurden: die Festrede von Matthias Kollatz, Senator für Finanzen in Berlin, die Laudatio von Peter Bofinger, der noch etwas genauer die Gründe erläutert, warum sich die Jury dieses Jahr erstmalig für zwei Preisträger_innen entschieden hat, sowie die Dankesreden von Adam Tooze sowie von Harald Schumann und Elisa Simantke, den Preisträger_innen. Der Hans-Matthöfer-Preis für Wirtschaftspublizistik „Wirtschaft.Weiter.Denken.“ 2019 wird in diesem Jahr erstmalig für zwei Publikationen vergeben: • Adam Tooze erhält den Preis für sein Buch Crashed – Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben , erschienen im Siedler Verlag; • Elisa Simantke und Harald Schumann erhalten den Preis für ihren Artikel Blackrock – Ein Geldkonzern auf dem Weg zur globalen Vorherrschaft , erschienen im Tagesspiegel und in weiteren Medien in 14 europäischen Ländern. Zusammen mit Maria Maggiore, der Initiatorin des Projekts Blackrock, nehmen sie den Preis stellvertretend für das Journalist_innenTeam Investigate Europe entgegen. Die Jury begründet ihre Entscheidung damit, dass beide Publikationen auf sehr unterschiedliche Art einen gleichermaßen wichtigen Beitrag für die wirtschaftspolitische Diskussion in Deutschland und Europa leisten. Adam Tooze dokumentiert die jüngste Finanzkrise und das folgende Krisenmanagement in bisher nicht vorhandener Detailgenauigkeit. Mit großer Weitsicht analysiert er die daraus bisher erwachsene radikale Veränderung der weltwirtschaftlichen Lage. Damit wurde 6 eine brillante wirtschaftshistorische Würdigung vorge- Festrede Matthias Kollatz Senator für Finanzen in Berlin Bevor ich das ehrenvolle Amt des Finanzsenators von Berlin übernahm, war ich Bankier. Als solcher stand ich ab 2006 bei der Europäischen Investitionsbank in der Verantwortung. Also just in jener Zeit, als die Finanzkrise sich anbahnte und 2007 dann auch ausbrach. Häufig wird man ja gefragt, zu welchem Zeitpunkt einem selbst bewusst wurde, worauf man da zusteuerte. Bei mir war es, als die Ratingagentur Moody’s dem skandinavischen Inselstaat Island – einem Land mit deutlich weniger Einwohnern als der Berliner Bezirk Mitte, in dem wir uns gerade aufhalten – kurz vor der Finanzkrise die Bonitätsbewertung Triple A bescheinigte. Das war der Moment, in dem ich als Risikofinanzvorstand bei der Europäischen Investitionsbank meinem Chef sagte: „Jetzt ist es so weit, jetzt kommt sie – die Finanzkrise.“ So nicht vorherzusehen war jedoch die Wucht, mit der die Krise zugeschlagen hat, dass sie Europa vor eine echte Zerreißprobe stellte und dass die Auswirkungen auch nach zehn Jahren noch immer zu spüren sind. Es wird hier in der Friedrich-Ebert-Stiftung auch niemanden verwundern, wenn ich behaupte, dass das Erstarken der extremen Rechten und der Populist_innen in Europa eine wesentliche Ursache in der Finanzmarktkrise hat. Im Unterschied zu den Nationalisten und Populisten am rechten Rand war uns allerdings sofort klar, dass die Antwort auf die Krise nicht weniger Europa und das Fallenlassen von Eurostaaten heißen konnte, sondern nur mehr Europa und mehr internationale Regulierung auf den Finanzmärkten. Das Hamburger Programm der SPD wurde zwei Monate nach dem Lehman Crash verMatthias Kollatz 7 abschiedet. Darin heißt es:„Finanzmärkte bedürfen der Auf der anderen Seite erklärt das bis zu einem gewissen politischen Gestaltung – im Zeitalter der Globalisierung Grad, weshalb nationale, rückwärtsgewandte Ideoloauch über nationale Grenzen hinaus.“ Das Grundsatz- gien in der Finanzkrise Futter fanden. Nationalismus programm der SPD spricht sich also klar für Europa als und Populismus haben sich in Europa in erschreckenpolitische Gestaltungsebene aus. der Weise Bahn gebrochen und drohen im künftigen Europäischen Parlament große Anteile zu gewinnen. Die Finanzkrise zeigte eindrucksvoll, dass der Deregu- Auch in Deutschland haben diese Kräfte und ihr Gelierungsglaube gescheitert war. Stattdessen wurde selbst dankengut Verbreitung in der Gesellschaft erreicht. in wirtschaftsliberalen Kreisen salonfähig, dass Stabili- Erstmals seit vielen Jahren sitzen offensichtlich rechtstät nicht ohne global gültige Finanzmarktregeln und radikale Nationalist_innen im Deutschen Bundestag. ohne die konsequente Einhaltung von Regulierungen gewährleistet werden kann. Erschreckend ist allerdings, Das international agierende Finanzsystem bedarf aber dass die unmittelbaren Erfahrungen der Jahre nach der Kontrolle auf allen Ebenen, der nationalen, der 2007, als die Weltwirtschaft in einen tiefen Abgrund europäischen und der(weltweit) internationalen. Also schaute und der starke Staat um Hilfe angefleht wurde, braucht es mehr Staat, mehr Handlungsfähigkeit auf verblassen. Die Rufe nach regulativen Erleichterungen allen Ebenen. Die Ausübung staatlicher Funktionen werden wieder lauter. wurde in der Krise stückhaft, aber immerhin auf der europäischen und internationalen Ebene entwickelt. Der Hans-Matthöfer-Preis will hier – in der Diskussion – als Schlaglicht neue Antworten abseits des makroöko- Zur wirtschaftlichen Stimulation nach der Krise hat sich nomischen Mainstreams stützen und hervorheben. Das in der EU weitgehend das schäublesche Modell des geist wichtig, da altgediente Antworten auch manchmal meinsamen„Heraussparens“ durchgesetzt. Obwohl es zu etablierten Fehlern führen. in Deutschland selbst anders gehandhabt wurde(Konjunkturpakete), lässt sich rein empirisch feststellen, dass Die heute prämierten Beiträge können helfen, etwas es in der EU nicht zur Überwindung der Krise führte. mehr über die Verbindungen und Muster der komplexen Abhängigkeiten zu verstehen. Es gilt, Strukturen Es war vielmehr ein einseitiger Versuch, der eben nicht und deren Output so zu prägen, dass sie den gemein- zum Gestalten führte, sondern mehr die Haushaltsdeschaftlichen Werten und der gemeinschaftlichen Sache fizite sah. Zu mehr Einnahmen durch mehr Investitidienen: Denn die Ökonomie, die Wirtschaft, die Finanz- onen führt dies jedoch eben nicht. Im Gegenteil, es märkte sind keine autarken Systeme, sondern sie dienen waren die Investitionen, die als Erstes im Rahmen der dem Menschen. Wichtig ist mir insbesondere, dass das Austeritätspolitik von den Nationalstaaten zurückgeFinanzsystem der Wirtschaft zu dienen hat und nicht fahren wurden. umgekehrt. Daher geht es uns und dem Hans-Matthöfer-Preis immer auch darum, das Politische nicht aus der Nicht nur die Chance des Anfangens wurde vertan, ReÖkonomie herauszuhalten, sondern umgekehrt das Prä- zession und massive Arbeitslosigkeit untergruben das gen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens als den Vertrauen in die starke solidarische Gemeinschaft. Das Bezugspunkt bewusst zu machen. Versagen der öffentlichen strukturgebenden Instrumente ist damit in einigen europäischen Ländern zu Denn, und da möchte ich mich an den kürzlich ver- einem Versagen der öffentlichen Struktur insgesamt storbenen Genossen und ehemaligen Bundesverfas- erwachsen. sungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde anlehnen, auch die Ökonomie kann die Voraussetzungen ihres Die bessere Alternative setzt auf nationales und euroBestehens nicht aus sich selbst heraus schaffen. päisches Handeln, was mehr und kraftvollere Maßnahmen auslösen kann. Die Zeit seit der Finanzkrise verdeutlichte, dass mehr denn je Politik sich auf handlungsfähige Staaten orien- Schaut man auf die systemische Stabilität und die Folgen tieren muss, die der Wirtschaft und dem Wirtschaften der Finanzkrise, heißt das eben nicht automatisch Ausklare Regeln setzen und die in der Lage sind, diese auch teritätspolitik. Auch die unmittelbaren aus der Finanzdurchzusetzen. Zugespitzt: Verantwortliche Politik krise abgeleiteten Maßnahmen wie eine starke Europäiwünscht sich also Handlungsfähigkeit und Souveräni- sche Zentralbank, eine Finanzmarktaufsicht, Stresstests 8 tät. Also mehr Staat und einen starken Staat. und Eigenkapitalerhöhungen der Banken tun es nicht allein. Es bedarf eines systematischen zusätzlichen Investitionsprogramms. stücken angelegt – aber viel zu viel als„Sparbuch“ und viel zu wenig als Bauherr oder Investor. Zum Gestalten braucht es mehr Europa und nicht weAus dieser unterschiedlichen Wahrnehmung der Folniger, ein Europa, das sozialer ist und in der äußeren Sigen der Krise ergibt sich in Deutschland eine Realität, cherheit schützt. Das reicht über Investitionen hinaus. die sich drastisch von der in anderen europäischen Der Binnenmarkt muss sozial ausgestaltet werden. Wir Ländern unterscheidet. Leider wirkt sich das auch auf brauchen bessere Tarifbindung, eine Regelung zum eudie hiesige Diskussion aus. ropäischen Mindestlohn, mehr Gemeinsamkeit in der europäischen Steuerpolitik und auch solidarische InstWie schon gezeigt, ein richtiger Weg für die europäische rumente, um asymmetrische Schocks abzufedern. EuEbene liegt in Investitionen. Sie sind kein Selbstzweck, ropa muss für Menschen spürbaren Mehrwert bringen. sondern dienen der Nachhaltigkeit, der Verbesserung der kommunalen Daseinsvorsorge und Infrastruktur, Die von Deutschland durchgesetzte Vorstellung, wodem europäischen Zusammenhalt, fördern das Binnennach mehr Wachstum und mehr Beschäftigung vor wachstum und schaffen Arbeitsplätze. Daher war die allem durch nationale Spar- und Privatisierungsanvon EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker strengungen erreicht werden sollten, ist ökonomisch gestartete Investitionsoffensive zwar zu spät, aber denund politisch gescheitert. Es ist vielmehr der massiven noch richtig, weil sie eine europäische Antwort auf die Unterstützung der Europäischen Zentralbank – also der Sparauflagen des früheren deutschen BundesfinanzmiVergesellschaftung der Verluste und Risiken auf euronisters ist. Die Entwicklung des bei der Europäischen päischer Ebene – zu verdanken, dass die MitgliedstaaInvestitionsbank angesiedelten Fonds für strategische ten dem Druck der Finanzmärkte letztlich widerstehen Investitionen gibt Anlass zur Hoffnung. Es ist auch zu konnten. begrüßen, dass das Instrument im künftigen mehrjährigen Finanzrahmen der Europäischen Union als InDurch die Niedrigzinspolitik wurden fiskalische HandvestEU fortgeführt und ausgebaut werden soll. lungsspielräume zurückerlangt. Das hat die Grundlage für eine konjunkturelle Trendwende gelegt. Diese hat Denn Wachstum und ein spürbarer Rückgang der Arsich jedoch nicht ausreichend in einer Verbesserung beitslosigkeit, vor allem in Ländern wie Spanien und der Arbeitsmarktlage niedergeschlagen, wie die nach Griechenland, sind die beste Voraussetzung dafür, dass wie vor alarmierend hohen Werte der Jugendarbeitslodie Bürger_innen Europa und den Euro nicht als Zumusigkeit in vielen EU-Mitgliedsländern zeigen. Im Januar tung erfahren, sondern als Motor eines„Wohlstands 2019 lag die Jugendarbeitslosigkeit für alle“. Deshalb geht es um die Förderung einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung, insbesondere • in Griechenland bei 39,1 %, durch: • in Italien und Spanien bei 30 %, • in Deutschland allerdings nur bei 6 % • Investitionen, beispielsweise im Bereich der erneu• und im EU-Durchschnitt bei 14,9 %(zum Vergleich erbaren Energien und Energieeffizienz; 2013: 23,6 %). • die Stärkung des europäischen Zusammenhalts Die Banken-, Finanz- und Staatsschuldenkrise hat in zum Beispiel durch europäische Bahnprojekte; ganz Europa volkswirtschaftliche Schäden verursacht. Außerhalb Deutschlands sind die Folgen sehr offen• die Überwindung der Spaltungen innerhalb der sichtlich und sehr direkt auf die Krise selbst zurückeuropäischen Gesellschaften und zwischen diesen zuführen. Die Schäden in Deutschland sind dagegen insbesondere bei der Jugendarbeitslosigkeit; verdeckter und weniger offensichtlich auf die Krise zurückzuführen. Wenn wir beispielsweise in Berlin über • spürbare und relativ schnell umsetzbare VerbesseBodenspekulation, explodierende Immobilienpreise rungen für die Lebensverhältnisse der Bürger_inund Mieten sprechen, dann ist dies nicht nur auf den nen. Zuzug nach Berlin zurückzuführen, sondern ganz wesentlich aus den Folgen des Jahres 2007 zu erklären. Damit kann es gelingen, der zunehmenden politiIn Zeiten extrem niedriger Zinsen wird Kapital nicht schen Instabilität etwas Konstruktives und Einendes in Staatsanleihen, sondern in Gebäuden und Grundentgegenzusetzen: siehe Brexit, siehe Gelbwesten in 9 Frankreich, siehe Ungarn, siehe FPÖ, Lega und AfD. Es muss deutlich werden, dass eine Währungsunion mit unterschiedlich leistungsstarken Volkswirtschaften auf Dauer nicht ohne finanzielle Ausgleichsmechanismen überleben kann und dass ein solcher Ausgleich am Ende allen Europäer_innen dient, gar über besonders strittige Themen wie die europäische Verantwortung in Asylfragen und Migration hinweghelfen kann. Für die Weiterentwicklung des Europäischen Fonds für strategische Investitionen zu einem schlagkräftigeren Investitionsprogramm ist es meines Erachtens notwendig, • die Mittel noch stärker in die Mitgliedstaaten zu lenken, in denen die größten Investitionsschwächen bestehen. Das setzt die Bereitschaft zu einer stärkeren regionalen Umverteilung voraus, die aber langfristig allen zugutekommt. • Dazu gehört auch, Investitionen über staatliche Kreditaufnahmen zumindest über Projekte des Fonds zu ermöglichen. • Dazu gehört eine europäische Steuer, die Klarheit und Akzeptanz schaffen kann. Mit der jüngst erfolgten deutsch-französischen Verständigung über eine Finanztransaktionssteuer steigt die Hoffnung, zehn Jahre nach der Finanzkrise nun den Einstieg in diese Steuer zu schaffen. Mehr als ein Einstieg ist es allerdings nicht. • Dazu gehört eine starke Europäische Investitionsbank, die Projekte für Wachstum in den EU-Ländern durch Infrastrukturinvestitionen und Vorhaben von kleinen und mittleren Unternehmen finanzieren kann und die bei asymmetrischen Schocks Möglichkeiten hat, zur Stabilisierung der regionalen Investitionsnachfrage beizutragen. Gerade auch, weil sich die Folgen der Finanzkrise in Europa stärker ausgewirkt haben, als wir es in Deutschland manchmal wahrhaben wollen. Wenn es richtig ist, dass altgediente Antworten auch manchmal zu etablierten Fehlern führen, dann ist meine Analyse, dass die Finanzkrise auch ein Stück weit dazu beigetragen hat, aus Angst eine strukturkonservative Krisenpolitik auf Kosten einer jungen europäischen Generation umzusetzen. Bis heute, über zehn Jahre nach der Finanzkrise, sind die Folgen deutlich spürbar, in Deutschland, jedoch vor allem in Staaten, die über eine weniger intensive Exportwirtschaft und Marktmacht verfügen. Es gilt, sich mit den Folgen auseinanderzusetzen, zu lernen und mit Bildungsinvestitionen und Innovationen sowie mit Investitionen die Zukunft für die jungen Menschen in Europa hoffnungsfroh zu gestalten. Beide Beiträge, die mit dem Hans-Matthöfer-Preis für Wirtschaftspublizistik„Wirtschaft.Weiter.Denken.“ geehrt werden, setzen sich auf unterschiedliche Weise mit den Folgen der Finanzkrise auseinander, erklären und zeigen Muster auf, um die Wirkungen von Strukturen für die Allgemeinheit zu analysieren und dann mit dem Wissen darum zu beeinflussen. Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Finanzkrise genauso wiederholen wird. Dafür dreht sich die Zeit zu schnell. Die vergleichsweise glimpflich verlaufenden Folgekrisen in Deutschland haben jedoch bereits gezeigt, dass das keinesfalls beruhigen kann, weil die Krisenwirkung in anderen Ländern viel dramatischer war. Der Hans-Matthöfer-Preis unterstützt genau hierbei, dass wir uns für die Gefahren und die Fragen der Zukunft wappnen. Ganz im Sinne des Hamburger Programms, das trotz Globalisierung und vieldimensionaler Verflechtung die politische Gestaltung für das demokratische Gemeinwesen einfordert. Um das ökonomische und soziale Gefälle in Europa tatsächlich zu bekämpfen, ist ein Investitionsprogramm für nachhaltiges Wachstum, Innovation und Beschäftigung nötig. Dieses muss aber weit umfänglicher sein als das, was derzeit in der europäischen Investitionsoffensive angelegt und im Fonds InvestEU fortgeführt wird. Ich denke hier an Größenordnungen wie einen europäischen Marshallplan(2,5 % des Bruttoinlandsprodukts). Herzlichen Dank! Es ist wichtig, diese grundsätzlichen Gerechtigkeitsfra10 gen in der europäischen Öffentlichkeit zu diskutieren. Laudatio Peter Bofinger Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg, Mitglied der Jury des Hans-Matthöfer-Preises für Wirtschaftspublizistik Die Intention des Hans-Matthöfer-Preises für Wirtschaftspublizistik ist es, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler_innen zu ehren, die jenseits der volkswirtschaftlichen Standardtheorie oder des makroökonomischen Mainstreams neue Antworten auf die großen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Herausforderungen unserer Zeit suchen und entwickeln. Dies basiert auf der Überzeugung, dass nur durch eine größere Theorienvielfalt, durch Methodenpluralismus und durch Interdisziplinarität der wissenschaftliche Wettstreit um die besten ökonomischen Ideen, Modelle und Politikempfehlungen gelingen kann. Ich bin überzeugt, dass es unserer Jury, zu der neben mir Brigitte Preissl und Thomas Fricke gehören, auch in diesem Jahr wieder gelungen ist, mit Adam Tooze und dem Team Harald Schumann/Elisa Simantke Preisträger_innen zu finden, die diesem Anspruch in jeder Hinsicht gerecht werden. Mit 800 Seiten ist das Buch von Adam Tooze Crashed – Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben ein echtes Opus magnum. Es ist gleichsam ein riesiges Gemälde der politischen und ökonomischen Schlachten, die infolge der weltweiten Finanzkrise und der sich daran nahezu unmittelbar anschließenden Eurokrise geführt wurden. Natürlich gibt es schon viele Bücher, die sich mit dieser Thematik befasst haben. Was Adam Tooze in besonderer Weise auszeichnet, ist seine Fähigkeit, die großen Zusammenhänge gerade dadurch deutlich werden zu lassen, dass er sich sehr akribisch in die komplexen Verästelungen des globalen Finanzsystems begibt und diese den Leser_innen in zugleich sehr verständlicher Form präsentiert. Beeindruckend ist seine unglaublich gute Kenntnis der konkreten politischen Prozesse und Verhandlungen, die in diesen Krisenjahren geführt wurden. Ich teile dabei sein Urteil, wonach das Krisenmanagement in den USA mehr recht Peter Bofinger 11 als schlecht funktionierte, auch wenn, wie er feststellt, die Verteilung von Kosten und Nutzen empörend war. Das Urteil über die Krisenpolitik im Euroraum ist demgegenüber vernichtend. Und ich zitiere wörtlich:„Im Gegensatz dazu(also den Vereinigten Staaten) trieben die Verantwortlichen der Eurozone durch mutwillige Entscheidungen Millionen von Bürgern in eine mit den 1930er-Jahren vergleichbare Depression. Das war eine der schwersten selbstverschuldeten wirtschaftspolitischen Katastrophen der Geschichte“(Tooze 2018: 23). Doch das Buch bleibt nicht in den Krisenjahren stecken. Es bietet vielmehr einen Spannungsbogen, der mit den Boomjahren vor 2007 beginnt, bis hin zu den aktuellen Herausforderungen wie dem Brexit oder Donald Trump mit seiner, wie Adam Tooze es noch sehr höflich formuliert,„außerordentlich ungehobelten Variante der postfaktischen Politik“(Tooze 2018: 32). Und natürlich sind manche Stellen auch höchst amüsant zu lesen. Da wird beispielsweise vom G-20-Gipfel im April 2009 berichtet als einer„Freak-Show von überdimensionierten Persönlichkeiten“.„Wenn Sarkozy sich nicht gerade in Szene setzte, beschäftigte er sich ostentativ mit seinem Handy.[...] Der Italiener Silvio Berlusconi war unüberhörbar bemüht, Obamas Aufmerksamkeit zu ergattern, im Übrigen neigte er dazu, einzunicken. Merkel zeigte sich stoisch und unnachgiebig.[...] Etliche Regierungschefs waren nicht in der Lage, sich fließend auf Englisch zu verständigen, die meisten verstanden kaum etwas von der Materie, um die es ging“(Tooze 2018: 315). Auch wenn sich die Geschichte nicht wiederholt, kann man doch viel aus der Geschichte lernen. Und so ist zu hoffen, dass möglichst viele junge Ökonom_innen das Buch von Adam Tooze lesen werden, um zu sehen, wie schlafwandelnd die Weltwirtschaft in schwere Wirtschaftskrisen geraten kann. Nur drei Jahre vor dem Ausbruch der Krise(im Februar 2004) hatte Ben Bernanke, der damalige Chef der US-amerikanischen Zentralbank Fed, noch von der„great moderation“ gesprochen, also der Vorstellung, dass die Ökonomie und dabei insbe12 sondere die Geldpolitik einen Wissensstand erlangt hätten, bei dem größere Schwankungen von Output und Inflation verhindert werden könnten. Und bis zum Ausbruch der Krise gab es prominente Ökonom_innen, die der Meinung waren, dass Verbriefungstechniken zu einer Vervollkommnung, Vervollständigung und Informationsversorgung des Kapitalmarktes führten, woraus sich eine Verbesserung der Kapitalmarkteffizienz ableiten lasse. Mit seinem Buch präsentiert uns Adam Tooze ein Narrativ, das die Bedeutung von politischen Entscheidungen, Ideologien und Maßnahmen betont – als unerlässliche Reaktionen auf die enormen Risiken, die sich durch die Fehlfunktionen der Systeme des„financial engineering“ ergeben. Dabei spielen dann„Momente“, eben dieser Lehman-Moment 2008 und auch dieser DraghiMoment 2012, eine entscheidende Rolle für den Erfolg oder Misserfolg. Das Buch bietet viele Einsichten, aber es endet zugleich mit großen Fragen: Wie kann man Ordnung im Innern und in den internationalen Beziehungen gewährleisten? Können wir auf Dauer Stabilität und Frieden sichern? Die Antworten bekommen wir vielleicht im nächsten Buch von Adam Tooze. Mit dem Hans-Matthöfer-Preis 2019 werden ebenfalls ausgezeichnet: Harald Schumann und Elisa Simantke für ihren Artikel Blackrock – Ein Geldkonzern auf dem Weg zur globalen Vorherrschaft im Tagesspiegel vom 8. Mai 2018. Ihre perfekt recherchierte Analyse der Aktivitäten des Finanzkonzerns Blackrock ist eine journalistische Meisterleistung. Sie verdeutlicht, wie es Blackrock gelungen ist, durch die Finanzkrise an ökonomischer Macht und politischem Einfluss zu gewinnen, sodass der Konzern zu einem der mächtigsten Player im internationalen Finanzsystem geworden ist – „eine Krake“, wie ein Topmanager in dem Beitrag zitiert wird,„die ihre Arme überall hat“. Es begann mit einem Computerprogramm namens Aladdin. Damit war Blackrock in der Lage, nach dem Ausbruch der Krise große Kreditportfolios zu analysieren und sich so als Berater für Großbanken, Notenbanken und Finanzministerien einen Namen zu machen. 13 Der Krise verdankt der Konzern auch sein zweites Standbein, die Verwaltung riesiger Aktienvermögen. Die damals stark angeschlagene Barclays Bank war gezwungen, ihr Fondsgeschäft an Blackrock zu verkaufen. Das verwaltete Vermögen verdoppelte sich dadurch gleichsam über Nacht und Blackrock wurde zum weltweit führenden Anbieter von Indexfonds. Der Beitrag von Harald Schumann und Elisa Simantke zitiert Quellen, wonach Blackrock allein bei den 30 DaxKonzernen Aktien im Wert von mehr als 90 Milliarden Euro oder rund 8 % des Gesamtkapitals hält und einen der größten drei Aktionäre stellt. Bei der geringen Repräsentation vieler Aktionäre in den Hauptversammlungen geht die tatsächliche Macht von Blackrock noch weit über den Anteil am Kapital eines Unternehmens hinaus. Die Disziplinierung von Staaten durch den Markt wird dann besonders fragwürdig, wenn es nicht um das Bilderbuchmodell eines Marktes mit vielen kleinen Anbietern geht, sondern um Oligopole mit nur wenigen sehr großen Akteuren. Wer den Beitrag von Harald Schumann und Elisa Simantke gelesen hat und weiterhin für Marktdisziplin plädiert, wird sich fragen müssen, ob er tatsächlich möchte, dass Geld die Welt regiert. Auch wenn uns die Autor_innen keine Lösung für die Herausforderungen bieten können, die sich durch die Finanzkrise und deren Folgen für die Weltwirtschaft stellen, ist es doch schon einmal sehr gut zu wissen, dass „Marktdisziplin“ jedenfalls keine gute Lösung darstellt. Besonders stark ist der Einfluss auf Banken, wo Blackrock beim britischen Bankriesen HSBC, bei den spanischen Banken Bilbao und Santander, bei der italienischen Banca Intesa und bei der Deutschen Bank größter oder zweitgrößter Aktionär ist. Dies ist besonders pikant, weil Blackrock mit BlackRock Solutions, wie der ConsultingZweig heißt, immer stärker in die europäische Bankenaufsicht involviert ist. Das begann mit der Einbeziehung in die Rettungsprogramme für Irland und Griechenland und steigerte sich dann mit der Einbeziehung in die Banken-Stresstests der Europäischen Zentralbank. Keine Frage, dass das einen strategischen Vorteil gegenüber allen Wettbewerbern darstellt. Es ist dann sehr aufschlussreich, in dem Beitrag zu lesen, wie gut Blackrock mit amtierenden und ehemaligen Politiker_innen(wie zum Beispiel Friedrich Merz) vernetzt ist und wie der Konzern derzeit bemüht ist, durch die von der EU geplante Einführung von paneuropäischen Pensionsfonds seine Macht noch weiter auszudehnen. Ich kann für mich sagen, dass es mir, obwohl ich mich für gut informiert halte, mit diesem Artikel wie Schuppen von den Augen gefallen ist. Ich hatte schon seit Jahren ein sehr ungutes Gefühl, wenn meine Kolleg_ innen im Sachverständigenrat, wie viele andere Ökonom_innen, die Marktdisziplin durch die Finanzmärkte lobpreisten. Und ich habe dem stets ein Zitat von Michel Foucault entgegengehalten, wonach es nicht darum gehen kann, dass wir Staaten unter der Kontrolle von Märkten haben, sondern dass wir vielmehr Märkte unter Kontrolle des Staates benötigen. 14 Dankesrede Adam Tooze Professor für Wirtschaftsgeschichte und Direktor des European Institute an der Columbia University in New York Als ich mich im Herbst 2013 an das Projekt setzte, aus dem Crashed als Buch hervorgegangen ist, hatte ich ein zentrales Anliegen. Ich wollte zu einem europäischamerikanischen Dialog über die Finanzkrise 2008 und ihre Folgen beitragen. Ich wollte eine integrierte transatlantische Geschichte schreiben, und zwar aus politischen wie auch aus intellektuellen Gründen. Seit der Krise des Irakkrieges und den Entfremdungen der Bush-Administration hatte sich auf beiden Seiten des Atlantiks eine unerquickliche, dualistische Vorstellung im öffentlichen Diskurs eingeschlichen – Amerika auf der einen Seite, Europa auf der anderen. Und die Verwerfungen der Finanzkrise und der Eurokrise hatten diese intellektuell-politische Teilung des Westens noch verstärkt. Solche Schemen, auch wenn sie sozialwissenschaftlich als„varieties of capitalism“ geschminkt erscheinen, werden der vernetzten Komplexität der kapitalistischen Globalisierung einfach nicht gerecht. Diesen Dualismus wollte ich unterwandern. Das Buch sollte das integrierte nordatlantische Finanzsystem in den Mittelpunkt stellen, die Verquickung europäischer und amerikanischer Banken thematisieren, die Rolle der US-Notenbank Federal Reserve in der Bankenrettung 2008 klarstellen, in Europa wie auf amerikanischer Seite. Es sollte die Liquidity Swap Lines offenlegen, durch die die Zentralbanken der Welt miteinander vernetzt wurden, und darauf folgend die Rolle der Obama-Administration im Management der Krise der Eurozone würdigen. Adam Tooze 15 Die Geschichten Europas und Amerikas sind im angehenden 21. Jahrhundert gekoppelt, wie sie es auch im 20. Jahrhundert waren. Mein Vorhaben wäre sehr einseitig gewesen, wenn Crashed ein englischsprachiges Buch geblieben wäre. Es war mir daher eine besondere Freude, mit dem Siedler Verlag an der sofortigen Übersetzung ins Deutsche zu arbeiten. Ich bin dem Verlag, meinem Lektor Jens Dehning und den Mitarbeiter_innen, nicht nur dafür zu tiefem Dank verpflichtet. Es war beglückend, dass das Buch in Deutschland auf eine gewisse Resonanz gestoßen ist. Besonders freut mich, dass das Buch nicht als gewöhnliche angloamerikanische Kritik der Irrwege der deutschen Wirtschaftspolitik abgetan worden ist. Dass Crashed im Bundesministerium der Finanzen unter seiner neuen, sozialdemokratischen Führung mit Aufmerksamkeit gelesen wurde, war – muss ich gestehen – ein geradezu surreales Erlebnis. Die Ehrung durch die FriedrichEbert-Stiftung, mit Herrn Bofinger als Laudator, ist die Krönung obendrauf und ich bin Ihnen dafür wirklich sehr dankbar. Soziologisch gesehen muss man sich als Autor immer auch eine andere Frage stellen: Warum wird gerade mein Buch gelesen? Und im Falle von Crashed kommen mir dabei zuweilen böse Hintergedanken. Bist du nicht irgendwie auch Krisengewinner? Vom zehnjährigen Jubiläum der Lehman-Pleite zu profitieren war natürlich von vornherein unser Plan. Aber mit dem Jahr 2018 hatte es mehr auf sich als nur Lehman, gerade in Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Was Crashed interessant machte, war die Tatsache, dass das zehnjährige Jubiläum mit einer aktuelleren Krisenwahrnehmung zusammenfiel. Es war ein persönlicher Schock. Ich hatte nicht damit gerechnet, ein Trump-, geschweige denn ein BrexitBuch zu schreiben. Schön für die Verkaufszahlen und die Aufmerksamkeit, aber der Brexit ist das größte politische Desaster meines Lebens. Wie einigen Millionen anderen Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund eben, soll mir, mit diesem zweifelhaften Volksentscheid, der einzige rechtliche Rahmen entzogen werden, der meiner europäischen Identität entspricht. Das hat auch eine persönliche Note: Wie man mir an- Aber darüber hinaus gibt mir diese unverhoffte Aktuahört, gehöre ich zu denen, die – obwohl nicht als Deut- lität auch als Historiker zu denken. sche geboren – eine tiefe Prägung durch die Bundesrepublik erfahren haben. Ich bin, wie man heutzutage so In Krisenmomenten greift man schnell zur Geschichte schön zu sagen pflegt, ein Mensch mit Migrationshin- und als Geschichtsprofi ist man natürlich gerne dabei. tergrund. Ich hatte das Glück, die prägenden Jahre mei- Man freut sich über die Relevanz. Man freut sich, seine ner Jugend in der Bundesrepublik zu verbringen, und Bürgerpflicht erfüllen zu dürfen.„Alle Mann an Deck“ zwar in der Ära der sozialliberalen Koalition und noch heißt die Devise. Häufig aber führt dieser historische dazu in Heidelberg, eine doppelte Verbindung also zur Aktionismus auf Abwege. Es entfaltet sich ein hochseFriedrich-Ebert-Stiftung. lektiver Kreislauf zwischen Gegenwarts- und Vergangenheitswahrnehmung. In Krisenmomenten schauen wir Am 1. Oktober 1982, an dem Tag, als die Regierung natürlich in die dunkelsten Epochen der Vergangenheit. von Helmut Schmidt fiel, fand ich, als ich mittags Alles andere wäre ja verharmlosend. Aber ist das wirklich vom Bunsen-Gymnasium in Heidelberg-Neuenheim hilfreich? Orientieren wir uns wirklich dann am besten, nach Hause kam – ich werde es nie vergessen –, mei- wenn wir wie gebannt auf die Weimarer Republik und ne Mutter vor dem Fernseher sitzend. Wir beide hatten die 1930er Jahre starren? Nicht, dass ich dazu nicht gearden Prozess der Assimilierung ins Deutsche zusammen beitet hätte, wie üblich für meine Generation. Aber uns durchgemacht. Nun verfolgten wir an diesem Tag ge- ging es dabei um Aufarbeitung und Bewältigung der Verbannt die Ereignisse im Bundestag. Und ich sah, wie gangenheit, nicht um eilfertige Parallelen. die Tränen in ihren Augen standen. Es war das Ende einer Ära, auch für uns. Im Crashed -Projekt ging es mir in diesem Sinne um eine Art zeitgeschichtliche Aufarbeitung, eine zeitgeschichtNun diesen Preis im Namen von Hans Matthöfer liche Vergangenheitsbewältigung. Es ging mir darum, entgegennehmen zu dürfen, stimmt mich daher ein mich, so gut es ging, den intellektuellen Herausfordewenig sentimental. Aber man könnte das auch sozio- rungen der Gegenwart zu stellen. In der Aktualität zu logisch wenden. Sie haben es mit dieser Preisvergabe bleiben, mit allen Risiken, nicht 1929, sondern 2008 richtiger getroffen, als Sie es wohl hätten ahnen kön- zu erforschen. Dann von dort aus den historischen Benen. Ich bin tatsächlich einer der Ihren, geradezu von zug zu suchen, und zwar nicht zu den 1930er Jahren, 16 Hause aus. sondern wenn, dann nur zur unmittelbar relevanten Vergangenheit der 1970er Jahre. Wenn Marx und die Klassiker als Inspiration dienen sollten, dann nicht als heilige Texte, sondern als Vorbilder für die gierige Aneignung zeitgenössischen Wissens. Wenn schon Krisentheorien, dann das neuzeitige Instrumentarium der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich(BIZ) und der Vordenker der sogenannten Macrofinance-Schule, einer Denkrichtung, die nicht ganz zufällig zeitgleich mit der Krise in den Vordergrund getreten ist. In dieser Hinsicht ist Crashed nicht nur als Geschichte, sondern auch als Dokument seiner Zeit konzipiert. Es dokumentiert einen fundamentalen Bruch in unserem Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge. Das hat unter anderem, glaube ich, dazu beigetragen, dass es so schwierig war, im Voraus das Ausmaß der Krise zu bestimmen, weil wir eben falsch dachten. Wir dachten noch in den Kategorien der nationalen Volkwirtschaftslehre. Das Buch dokumentiert den Moment, in dem sich das ökonomische Denken – auch in der Mitte des Mainstreams – vom nationalen Rahmen der Volkswirtschaftslehre des 20. Jahrhunderts löste und tatsächlich begann, sich mit der tief greifenden Globalisierung der letzten Jahrzehnte auseinanderzusetzen. Um die Krise 2008 zu verstehen, kann man die Weltwirtschaft nämlich nicht mehr in der Form von inselähnlichen nationalen Volkswirtschaften, verbunden durch Handelsströme, denken. In den Worten des Ökonomen Hyun Song Shin muss man dazu übergehen, die Weltwirtschaft als Matrix miteinander verwobener Bilanzen transnationaler Großkonzerne zu denken. Das ist tatsächlich ein fundamentaler Umbruch in der politischen Ökonomie und das Bezeichnende ist, dass Professor Shin nicht etwa ein Heterodoxer ist, sondern in Princeton lehrte und nun als Leiter der Wirtschaftsforschungsabteilung der BIZ fungiert. Die Implosion dieser Matrix war die treibende Kraft der transatlantischen Krise 2008. Und die gleiche Gewalt war auch in der Eurozone am Werk, in diesem Fall sogar verstärkt durch die Rückkopplung zwischen öffentlichen und privaten Bilanzen, den berühmt-berüchtigten Doom Loop, den Teufelskreis zwischen privater und öffentlicher Kreditwürdigkeit. Die Weigerung der europäischen Behörden, diese gegenseitige Abhängigkeit in den Griff zu bekommen, die Bereitschaft, für konservative politische Zwecke eine bewusste Steigerung der Krise nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern auch aktiv zu Von links nach rechts: Kurt Beck, Adam Tooze 17 fördern, hat die tragische Geschichte der Eurozone seit 2008 bestimmt. Dazu kommt, darüber müssen wir uns im Klaren sein, die italienische Frage – der drohende Super-GAU der Eurozone, um einen Ausdruck meiner Kindheit zu bemühen, steht noch aus. Aber wenn Crashed als Geschichte von 2008 und den Folgen für sich beanspruchen kann, tatsächlich eine aktuelle Analyse zu sein und nicht nur alten Wein in neue Flaschen zu gießen, dann ist ebenso unleugbar, dass der Druck der historischen Ereignisse unwiderstehlich ist. Das macht die historische Auseinandersetzung mit der Gegenwart, wenn man es ernst nimmt, ja gerade so spannend. Wir brauchen also möglichst bald neue Geschichten. Die eben nicht die Geschichten von 2008 sind und in denen 2008 anders erscheinen wird als bei mir in Crashed . Wir brauchen Analysen der neuen finanziellen Strukturen, die sich seit der Krise entwickelt haben, und die eben nicht bankzentriert sind. Wir brauchen genau das, was meine brillanten Kolleg_innen in ihrer Forschung zu Blackrock aufgetan haben. Ich musste ehrlich gesagt unwillkürlich an meinen Freund aus Cambridge, Chris Clark, und seinen Schlafwandler denken. 1914 also? Ist das tatsächlich unser neuer historischer Horizont? Oder treiben wir stattdessen auf einen neuen Kalten Krieg zu oder auf ein anderes Szenario? Wie aber sieht ein Kalter Krieg unter Bedingungen der tiefen Globalisierung eigentlich aus? Dafür gibt es keine historischen Beispiele. Dass wir uns mit solchen Fragen konfrontiert sehen, dass solche Parallelen tatsächlich nicht als unrealistisch abgetan werden können, das ist ein Maß der historischen Radikalität unserer heutigen Umstände. Und es stellt sicher, und das sind die„good news“ für die Friedrich-Ebert-Stiftung, dass Wirtschaft weiterdenkt, und das wird auch in den kommenden Jahren ein aktueller Anlass und eine aktuelle Sache bleiben. Vielen Dank für diese Ehrung! Um die Verwerfungen im Handelssystem zu verstehen, die 2008 eben nicht ausarteten, nun aber aus den Fugen zu geraten drohen, brauchen wir eine neue Geschichte der Globalisierung. Wir brauchen eine Geschichte der Handelsverträge der 1990er Jahre von NAFTA und des Outsourcings im ostasiatischen Raum. Und vor allem muss es um China gehen. China umrahmt die Geschichte von 2008. Wie ich in Crashed zeige, war die China-Krise die Krise, die Anfang des Jahrtausends erwartet wurde, zu der es aber eben nicht kam. Die rasende Entwicklung der chinesischen Wirtschaft stellt uns vor ständig neue Risiken und Herausforderungen. Man macht sich zum Teil gar kein Bild davon, wie marginal China selbst 2008 noch war. Das ist im Moment nicht mehr der Fall. In Amerika und zunehmend auch in Europa steht die geopolitische und geoökonomische Herausforderung durch China im Mittelpunkt jeder Diskussion. Am Mittwoch habe ich in New York ein Panel moderiert, auf dem der französische und der deutsche Außenminister ihre neue Allianz für den Multilateralismus vorstellten. Eigentlich ganz zahm, nur dass sie nebenbei die Systemkonkurrenz mit China ausriefen, als sei das eine Selbstverständlichkeit. Gestern multilaterale Globalisierung, nun strategische Konkurrenz im indopazi18 fischen Raum. So schnell geht das. Dankesrede Harald Schumann Autor und Journalist, Redakteur bei der Tageszeitung Der Tagesspiegel in Berlin Ganz herzlichen Dank – die Verleihung des Hans-Matthöfer-Preises ehrt uns sehr, und da spreche ich im Namen des ganzen Teams, mit dem wir dieses komplexe Thema recherchiert haben. Das gilt umso mehr, da wir diesen Preis gemeinsam mit Adam Tooze erhalten, dessen Buch über die zehn Jahre der Finanzkrise wirklich herausragend ist. Obwohl ich selbst darüber so intensiv gearbeitet habe wie über kein anderes Thema, habe ich daraus noch mal ganz neue Einsichten gewonnen. Daher kann ich sagen, das muss man gelesen haben, selbst wenn man denkt, man weiß das schon alles – man weiß es nicht. Das ist auch das Schöne am Journalistenberuf: Man macht immer wieder ganz neue Erfahrungen. Und so war das auch im Fall Blackrock. Dabei ist die Macht von Großkonzernen ja eigentlich überhaupt kein neues Thema. Darum war ich zunächst auch skeptisch, als unsere Kollegin Maria Maggiore dieses Thema vorschlug. Aber dann haben wir schnell gemerkt: Bei diesem Konzern ist alles anders. Und das keineswegs nur wegen der ungeheuerlichen Summe von 6,3 Billionen Dollar an Kapitalanlagen, die Blackrock lenkt. Schon das ist ja eine Machtkonzentration in privater Hand, wie es sie noch nie gab. Aber noch wichtiger ist ein anderes Phänomen: die ganz enge Verflechtung mit der Politik und den mächtigsten aller staatlichen Behörden, den Zentralbanken. Natürlich, die gegenseitige Durchdringung von Staat und Konzernen ist ein altbekanntes Phänomen, man denke nur an Deutschlands Autoindustrie oder die früHarald Schumann 19 heren Stromkonzerne. Doch das Besondere bei Blackrock ist, dass diese Aufhebung der Trennung von Staat und privaten Unternehmen nicht nur in einem Land geschieht, sondern sich gleich über Dutzende von Staaten auf beiden Seiten des Atlantiks erstreckt. In den USA ist Blackrock der operative Arm des Finanzministeriums bei der Bankenrettung und zugleich selbst im Geschäft mit der lukrativen Abwicklung der faulen Wertpapiere. In Mexiko ist Blackrock der größte Investor bei den privatisierten Infrastrukturunternehmen des Landes und managt zugleich die staatlichen Pensionsfonds. Mit anderen Worten, auch in Mexiko geht an Blackrock nichts mehr vorbei. In den Eurostaaten ist Blackrock über Beraterverträge bei der Europäischen Zentralbank in die Aufsicht der Großbanken eingebunden, in die der Konzern selbst im großen Stil investiert hat. Für die EU als Ganzes steht Blackrock Pate für die Schaffung eines paneuropäischen Pensionssystems, mit dem die Privatisierung der Altersvorsorge endlich grenzüberschreitend erfolgen kann. Und natürlich ist der bestaufgestellte Anbieter für dieses System Blackrock. Und das geht dann einher mit einer personellen Verflechtung jenseits aller bekannten Größen. Allein in den USA hat Blackrock seit 2005 mehr als 80 frühere leitende Beamte aus dem Finanzministerium und seinen Behörden sowie der Zentralbank mit lukrativen Verträgen versorgt. Zuletzt trat sogar Stanley Fisher, der langjährige Vize der Federal Reserve, in die Dienste des Konzerns. Nicht anders in Europa. In Frankreich arbeitet der dortige Blackrock-Vorsitzende in der Regierungskommission zur Staatsreform, die natürlich auch mit einer weiteren Privatisierung des Rentensystems befasst ist. In Großbritannien engagierte Blackrock den Finanzminister und seinen Stabschef als die bestbezahlten Lobbyisten des Landes, nachdem sie eine Pensionsreform durchgesetzt hatten, die den Vermögensverwaltern viele Milliarden neue Anlagegelder in die Kassen spülte. kannt. Aber daran sind ausnahmsweise nicht die Medien und wir Journalist_innen schuld – sondern ganz klar die Verantwortlichen in der Politik. Denn es gibt keinen führenden Politiker, der das Problem überhaupt benennt, geschweige denn die notwendige Regulierung angeht. Im Gegenteil: In ganz Europa wird der private Finanzriese regelrecht hofiert. Blackrock-Chef Larry Fink wird empfangen wie ein Staatschef, gerade so, als ob die Regierungen seinen Konzern als eine Art höhere Macht akzeptiert hätten. Und darum können sich Fink und seine Getreuen auch so sicher fühlen. Das haben auch wir zu spüren bekommen. Die Arroganz, mit der die PR-Manager des Konzerns uns begegnet sind, war geradezu verblüffend. Erst haben sie uns zwei Monate lang immer wieder mal ein Interview in Aussicht gestellt, aber den Mail-Verkehr dann nur dazu genutzt, uns darüber auszuforschen und zu erfahren, was wir wissen, wo wir veröffentlichen und so weiter. Am Ende waren sie sogar so frech, nicht mal die 90 schriftlichen Fragen, die wir ihnen geschickt hatten, zu beantworten. Vermutlich haben sie angenommen, sie könnten auch unsere Recherchen einfach ignorieren, weil kaum jemand sie lesen würde. Aber da haben sie sich verrechnet. Denn plötzlich meldete ihr deutscher Statthalter Friedrich Merz, auch einer der politischen BlackrockPartner mit Vertrag, seine Kandidatur für den CDUVorsitz und damit für die Kanzlerschaft an. Und das bescherte uns dann doch einen kleinen Triumph. Denn sofort griffen Kolleg_innen aus ganz Europa auf unsere Artikel zurück, um zu erklären, für welche Firma Herr Merz steht, und so erreichten viele durchaus kritische Ergebnisse unserer Recherche ein weit größeres Publikum, als die PR-Strategen von Larry Fink wohl erwartet hatten. Mehr dazu von meiner Kollegin Elisa Simantke... Mit anderen Worten: Blackrock ist die größte denkbare Ansammlung von politisch-wirtschaftlichen Interessenkonflikten. Oder noch klarer: Blackrock, das ist der Inbegriff von institutionalisierter Korruption. Doch obwohl das so ist, interessiert sich kaum jemand dafür. Und das ist das eigentlich Erschreckende, das mir in 35 Jahren als Journalist noch nie begegnet ist: Der mit Abstand mächtigste Konzern der Welt ist omnipräsent 20 und trotzdem bei den meisten Bürger_innen kaum be- Dankesrede Elisa Simantke Journalistin und Koordinatorin des europäischen Rechercheverbundes Investigate Europe Die Blackrock-Recherche ist ein typisches Beispiel für die Arbeit von Investigate Europe , wie wir sie nun schon seit fast drei Jahren betreiben. Die Ergebnisse erschienen in 14 Ländern in 18 Medien und hatten für Blackrock einige unangenehme Folgen. Natürlich ist es eine Hybris, zu denken, dass man einem solchen Konzern wirklich gefährlich werden kann, selbst mit einem Medienverbund wie unserem. Aber immerhin haben in der Folge viele Behörden dem Konzern Nachfragen gestellt und gerade die kritische Berichterstattung durch unseren Medienpartner in der traditionell wirtschaftsfreundlichen Schweiz kann Blackrock nicht gefallen haben. Ein spektakulärer Riesen-Scoop, nach dem Firmenbosse ins Gefängnis müssen und das Land wochenlang über nichts anderes spricht, war diese Geschichte nicht und sind unsere Recherchen selten. Unsere Veröffentlichungen sind eher Dossiers, etwas, das Menschen gern zur Seite legen, um es„in Ruhe zu lesen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist“. Dieser Zeitpunkt kommt aber mit einer großen Zuverlässigkeit. In diesem Fall war es die Kandidatur von Friedrich Merz, die dazu geführt hat, dass wir mit unserer Recherche deutschlandweit zitiert wurden. Dann kann man natürlich sagen, das war Glück im Timing. Man kann aber auch sagen, dass bei einem Konzern mit einer solchen Macht früher oder später ein solcher Moment der(versuchten) Einflussnahme kommen muss, und dann ist es wichtig, die Grundlage für die Menschen gelegt zu haben, diesen Konzern zu verstehen. Etwas Ähnliches haben wir bei einer Recherche zur Abhängigkeit europäischer Regierungen von Microsoft Elisa Simantke 21 geschafft: Veröffentlicht kurz vor dem WannaCryVirus, wurde spätestens dann den Leser_innen klar, wie gefährlich die Dependenz sein kann. Bei unserer Recherche zu möglichen Gesundheitsrisiken der 5G-Technologie, die wir gerade veröffentlicht haben, warten wir gespannt. Bisher werden mögliche Risiken aufgrund des wirtschaftlichen Drucks und der Technologiebegeisterung schlicht ignoriert. Nun aber kommt der große Rollout. Überall in Europa werden neue Antennen errichtet und wir haben wieder versucht, für die Menschen eine Verständnisgrundlage zu schaffen – auf die hoffentlich zurückgegriffen wird. nicht für die Ansichten in anderen europäischen Ländern interessierte. Uns gibt es jetzt seit drei Jahren und wir werden – auch mit der Unterstützung unserer Leser_innen und Kleinspender_innen – hoffentlich noch eine ganze Weile weiter arbeiten und recherchieren können. Aber noch mehr hoffen wir, dass unsere Art des Journalismus andere inspiriert und viele Nachahmer finden wird. Aber auch wenn Sie den Artikel von uns beiden auf Deutsch im Tagesspiegel gelesen haben und uns diesen tollen Preis dafür verleihen, waren wir nicht die treibende Kraft hinter der Recherche, weshalb wir diesen Preis eben auch explizit nur stellvertretend für das gesamte Team von Investigate Europe entgegennehmen: Wenn Maria Maggiore, unser Investigate-Europe -Mitglied aus Italien, nicht so hartnäckig gewesen wäre – Harald Schumann und ich hätten das Thema nicht recherchiert. In Deutschland gab es schon ein Buch zum Thema, es war recht viel veröffentlicht worden und einen Insider hatten wir auch nicht. Außerdem Erfahrung mit Recherchen im Bankensektor: Keiner redet, alle mauern ... das wird mühsam. Deshalb haben wir die Recherche fast ein Jahr vor uns hergeschoben, dann aber bereits beim Anrecherchieren gemerkt: So richtig weiß eigentlich keiner, was Blackrock wirklich an Konzernanteilen in Europa hält. Und erst recht nicht, wie der Konzern diesen immensen Einfluss nutzt. Und hier kommt die Stärke unseres Teams zum Tragen: Wir haben Daten für ganz Europa analysiert und dann vor Ort in vielen Ländern die Fakten geprüft. In Brüssel recherchierten wir beispielsweise zu den Rentenprivatisierungsplänen des Konzerns, in Norwegen besuchten wir den Ölfonds, einen damaligen Investor Blackrocks. Der Kollege in Griechenland arbeitete an einer Animation, die bis heute über 20.000 Menschen gesehen haben. Und alle zusammen haben das Produkt geschaffen, das Sie mit dem Hans-Matthöfer-Preis prämiert haben. Investigate Europe ist eine Antwort des Journalismus auf die Macht der großen Konzerne. Die sind schon längst international organisiert und stimmen sich permanent grenzübergreifend ab. Der Journalismus aber verharrt immer noch zu stark innerhalb der nationalen Grenzen. Wir sind als Reaktion auf die Eurokrise entstan22 den, aus Frust über verzerrte Berichterstattung, die sich Von links nach rechts: Elisa Simantke, Kurt Beck, Harald Schumann Von links nach rechts: Adam Tooze, Maria Maggiore, Elisa Simantke, Kurt Beck, Harald Schumann, Brigitte Preissl, Thomas Fricke, Peter Bofinger 23 24 Programm der Preisverleihung – 5. April 2019 Verleihung des Hans-Matthöfer-Preises für Wirtschaftspublizistik „Wirtschaft.Weiter.Denken.“ 2019 an Adam Tooze für sein Buch„Crashed – Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben“ Harald Schumann und Elisa Simantke für ihren Artikel„Blackrock – Ein Geldkonzern auf dem Weg zur globalen Vorherrschaft“ 10:30 Uhr 10:35 Uhr 10:45 Uhr 11:15 Uhr 11:30 Uhr 11:55 Uhr ​ 12:00 Uhr ​ Musikalische Einführung: Interstep Begrüßung Kurt Beck, Ministerpräsident a.  D., Vorsitzender des Vorstandes der Friedrich-Ebert-Stiftung Festrede Matthias Kollatz, Senator für Finanzen in Berlin Laudatio Peter Bofinger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg, Mitglied der Jury des Hans-Matthöfer-Preises für Wirtschaftspublizistik Übergabe des Hans-Matthöfer-Preises für Wirtschaftspublizistik„Wirtschaft.Weiter.Denken.“ 2019 an Adam Tooze sowie an Harald Schumann und Elisa Simantke Reden der Preisträger_innen Adam Tooze, Professor für Wirtschaftsgeschichte und Direktor des European Institute an der Columbia University in New York Harald Schumann, Autor und Journalist, Redakteur bei der Tageszeitung Der Tagesspiegel in Berlin Elisa Simantke, Journalistin und Koordinatorin des europäischen Rechercheverbundes Investigate Europe Musikalischer Ausklang: Interstep Ende des Festaktes 25 26 27