JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018 / 2019 DIE FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) wurde 1925 gegründet und ist die traditionsreichste politische Stiftung Deutschlands. Dem Vermächtnis ihres Namensgebers ist sie bis heute verpflichtet und setzt sich für die Grundwerte der Sozialen Demokratie ein: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ideell ist sie der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften verbunden. Die FES fördert die Soziale Demokratie vor allem durch – Politische Bildungsarbeit zur Stärkung der Zivilgesellschaft – Politikberatung – Internationale Zusammenarbeit mit Auslandsbüros in über 100 Ländern – Begabtenförderung – das kollektive Gedächtnis der Sozialen Demokratie mit u.a. Archiv und Bibliothek. JUGENDSTUDIEN SÜDOSTEUROPA 2018/2019: Bei den„FES Jugendstudien Südosteuropa“ handelt es sich um ein internationales Jugendforschungsprojekt, das gleichzeitig in zehn Ländern Südosteuropas durchgeführt wurde: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Kosovo, Mazedonien, Montenegro, Rumänien, Serbien und Slowenien. Das zentrale Ziel der Studien bestand in der Identifizierung, Beschreibung und Analyse der Einstellungen und Verhaltensmuster junger Menschen in der heutigen Gesellschaft. Die Daten wurden Anfang 2018 unter mehr als 10.000 Befragten im Alter 14-29 in den oben genannten Ländern erhoben. Die gestellten Fragen deckten ein breites Themenspektrum ab, u. a. Erfahrungen und Wünsche junger Menschen in verschiedenen Lebensbereichen wie z. B. Bildung, Beschäftigung, politische Teilhabe, Familienbeziehungen, Freizeit und Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie, aber auch ihre Werte, Einstellungen und Überzeugungen. Die Ergebnisse werden in zehn nationalen und einer regionalen Studie sowie begleitenden Kurzanalysen präsentiert, die sowohl auf Englisch wie auch in den jeweiligen Landessprachen veröffentlicht sind. JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 Miran Lavrič, Smiljka Tomanović und Mirna Jusić 1 Vorwort ........................................................................................................................................ 3 2 Zusammen­fassung ................................................................................................................. 7 3 Einleitung ................................................................................................................................... 11 4 Bildung ....................................................................................................................................... 15 5 Beschäftigung ......................................................................................................................... 27 6 Grundlegende Weltsicht der Jugendlichen .............................................................. 39 7 Gesellschaftspolitische Werte und Einstellungen ................................................ 47 8 Politische und zivilgesellschaftliche Teilhabe ......................................................... 65 9 Mobilität und Migration ................................................................................................... 77 10 Familien und Übergang ins Erwachsenenleben .................................................... 89 11 Freizeit und IKT-Nutzung ................................................................................................ 103 12 Schluss­folgerung .................................................................................................................. 113 Über die Autor_innen................................................................................................................................. 117 Annex 1: Methodik..................................................................................................................................... 117 Annex 2: Literaturverzeichnis..................................................................................................................... 118 Annex 3: Endnoten..................................................................................................................................... 121 Abbildungsliste........................................................................................................................................... 127 ABKÜRZUNGEN EU HDI IKT ILO NEET PISA RCC SOE SÖS FES Youth Studies SEE 2018/19 FES Youth Studies SEE 2011–15 WB6 Europäische Union Human Development Index(Index der menschlichen Entwicklung) Informations- und Kommunikationstechnologie International Labor Organization(Internat. Arbeitsorganisation) Jugendlicher, der nicht in Bildungs-, Arbeits- oder Ausbildungsmaßnahmen ist Programme for International Student Assessment(Qualitätsmessung in der Bildung) Regional Cooperation Council(Regionaler Kooperationsrat) Südosteuropa Sozioökonomischer Status Die von FES beauftragte Jugendstudie in Südosteuropa für 2018 Die von FES beauftragten Jugendstudien in Südosteuropa im Zeitraum zwischen 2011 und 2015 Die sechs Länder des Westlichen Balkans, die nicht EU-Mitglieder sind 3 1 VORWORT Die Herausforderungen, mit denen Jugendliche in Südosteuropa konfrontiert sind, haben in den letzten Jahren zunehmend internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Um die Jugendmobilität zu verbessern, nahm z.B. der EU-Westbalkan-Gipfel im Mai 2018 in Sofia eine Entschließung zur Verdoppelung der Erasmus+-Gelder an. Die Gründung des Regionalen Jugendkooperationsbüros(Regional Youth Cooperation Office, RYCO) 2016 war eine weitere konkrete Maßnahme mit dem Ziel, den Jugendaustausch zu verbessern. Zahlreiche Konferenzen, u.a. im Rahmen des Berlin-Prozesses, haben uns vor Augen geführt, welche Konsequenzen die Schwierigkeiten der jungen Menschen in der Region haben, wobei Arbeitslosigkeit und die Abwanderung der Qualifizierten( brain drain) ganz oben auf der Liste stehen. Gleichzeitig gehören die Jugendlichen zu denen, die am stärksten von prekären Arbeitsbedingungen, unzulänglicher staatlicher Unterstützung, alltäglicher Korruption und nicht-inklusiven politischen Systemen und Bildungssystemen betroffen sind, womit Ungleichheit reproduziert wird. All dies sind natürlich nur Bestandteile einer grundsätzlicheren Krise demokratischer Regierungsführung in Südosteuropa. Da es offensichtlich an angemessenen Kanälen fehlt, über die sich junge Menschen bei politischen Entscheidungen Gehör verschaffen können, gab die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) Anfang 2018 repräsentative Studien in Auftrag, in denen mehr als 10.000 Jugendliche im Alter 14 – 29 aus zehn Ländern Südosteuropas befragt wurden. Nach dem Vorbild der deutschen Shell-Jugendstudien 1 wurde ein breites Themenspektrum untersucht, bei denen es um die Erfahrungen und Wünsche junger Menschen in verschiedenen Lebensbereichen geht. Dazu gehören Bildung, Beschäftigung, politische Teilhabe, Familienverhältnisse, Freizeit und die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien(IKT) ebenso wie ihre Werte, Einstellungen und Überzeugungen. Dieser Bericht betritt Neuland insofern, als damit longitudinale Gegenüberstellungen möglich werden, die auf Vergleichsdaten früherer FES-Studien zurückgreifen, die sich national und regional mit Südosteuropa beschäftigten(https://www. fes.de/jugendstudien-suedosteuropa/). Abgesehen von der Interpretation und Analyse der Daten kommen die Autor_innen zu klaren, politisch aussagekräftigen Handlungsempfehlungen. Die Befunde geben Anlass zu Optimismus, aber auch Besorgnis. Die Jugendlichen in der gesamten Region identifizieren sich stark als Europäer_innen und zeigen relativ großes Vertrauen in die EU, die für sie für größeren wirtschaftlichen Wohlstand steht. Eine überwältigende Mehrheit befürwortet insbesondere eine solidarische Form der Europäisierung. Gleichzeitig beschreiben die jungen Menschen, wie sie informelle Praktiken strategisch nutzen müssen, um in schlecht funktionierenden Staaten überleben zu können. Die scheinbare„Laissez-faire“-Haltung junger Menschen gegenüber Korruption und informellen Praktiken verweist darauf, wie unbefriedigend der Übergang zu einer liberalen Demokratie in den letzten zwei Jahrzehnten ist. Die Jugendlichen reagieren auf diesen Zustand unterschiedlich. Einige verlassen ihr Land, andere berichten von geringem Engagement in Politik und Gesellschaft und dem Gefühl, auf politischer Ebene nicht vertreten zu sein. Eine dritte Gruppe könnte als politische Aktivist_innen beschrieben werden, die sich gegen Nationalismus, Gewalt in der Politik, Straffreiheit und Korruption auflehnen, einschließlich der„bunten“ mazedonischen Proteste von 2015 und den„Gerechtigkeit-für-David“-Protesten in Bosnien und Herzegowina. Es ist inzwischen eine Binsenweisheit für jeden, der sich mit der Region beschäftigt, dass die Jugendlichen der traditionellen Politik gleichgültig gegenüber stehen. Fehlendes parteipolitisches Engagement ist aber nicht unbedingt gleichbedeutend mit Desinteresse. Viele junge Menschen sind in ihren Heimatgemeinden und in Ehrenämtern aktiv. Die Studie zeigt, dass junge Menschen eine eindeutige ideologische und moralische Vorstellung davon haben, wie ihre Gesellschaften aussehen sollten. Zusammen mit der Frustration über den anhaltenden Stillstand in der Region werden politische Meinungen auf vielfältige und unterschiedliche Weise artikuliert: einige tragen eine konservative Einstellung zur Schau oder äußern sich nationalistisch; andere scheinen bereit, 4 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 sich dem globalen Trend des„millennial socialism“ anzuschließen, obwohl nur Wenige in der Region ihre Gedanken in dieser Form artikulieren würden. Der von den Jugendlichen vertretene Wertekanon zeigt jedoch, dass viele von ihnen eher links orientiert sind. Die Verjüngung und Erneuerung einer sozialdemokratischen Option könnte ein Mittel sein, diese Einstellungen in den politischen Raum zu tragen. Um die Fülle der analysierten Daten zu demonstrieren, seien im Folgenden einige, auf den ersten Blick vielleicht widersprüchlich erscheinende Ergebnisse, beispielhaft angeführt: —— Zwar ist das Vertrauen in Mitglieder der Familie sehr groß, aber das Vertrauen in staatliche Institutionen und politische Führungen ist extrem gering. Gleichzeitig ist die Unterstützung für„eine Führung, die das Land mit starker Hand zum Wohl der Gemeinschaft regiert“ seit 2008 enorm gestiegen. —— Die gesellschaftspolitischen Werte der Jugend sind auf wirtschaftliche und soziale Sicherheit gerichtet. An die Ränder auf beiden Seiten des politischen Links-Rechts-Spektrums werden die Jugendlichen durch das von ihnen wahrgenommene Fehlen eines Sozialstaats gedrängt. —— Ungleichheit beim Zugang zu Bildung, mit denen viele junge Menschen aus sozial benachteiligten Milieus konfrontiert sind, sticht besonders in den EU-Mitgliedsländern Bulgarien, Kroatien und Rumänien hervor; gleiches gilt für das Risiko junger Menschen aus sozial benachteiligten Familien, ihre Ausbildung vor einem Abschluss abzubrechen(das höchste Risiko in Bulgarien, Slowenien und Rumänien). —— Die Absicht der Jugendlichen aus Südosteuropa, ihr Land zu verlassen, hält weiterhin an, ist aber in den meisten Ländern, insbesondere den EU-Mitgliedsstaaten der Region, in den letzten Jahren zurückgegangen. —— Zwar hegen viele junge Menschen aus der Region den Wunsch, auszuwandern. Allerdings haben nur wenige Erfahrung mit einem längeren Aufenthalt im Ausland. Trotz der vielversprechenden Chancen der Bildungsmobilität, einschließlich größerer politischer Teilhabe zurückkehrender Studierender, haben bis zu 90% der jungen Menschen diese Erfahrung nicht gemacht. Bemerkenswerterweise ist die Bildungsmobilität in den EUMitgliedsländern Rumänien, Kroatien und Bulgarien am geringsten. Zusammen mit meinen Kolleg_innen aus unseren Auslandsbüros und der FES Zentrale möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um den hervorragenden Wissenschaftler_innen, mit denen wir bei der Vorbereitung dieser Studien zusammenarbeiten durften, meine Anerkennung auszusprechen. Besonders würdigen möchte ich die Autor_innen Mirna Jusić, Miran Lavrič, und Smiljka Tomanović für ihre Arbeit an diesem Bericht; mein Dank geht auch an Marius Harring, Klaus Hurrelmann, Tarik Jusić, und Daniela Lamby, die uns beratend zur Seite standen, um dieses ehrgeizige Projekt erfolgreich zu Ende zu führen. Gleichzeitig mit diesem vergleichende Bericht wurden zehn weitere Studien erstellt, die jeweils die Ergebnisse für die einzelnen Länder auswerten(https://www.fes.de/jugendstudien-suedosteuropa/). Ich hoffe, die Lektüre der Studie ist für Sie ebenso anregend wie die Arbeit daran für unser Team war. Felix Henkel Büroleiter Friedrich-Ebert-Stiftung Dialog Südosteuropa Sarajewo, Oktober 2018 7 2 ZUSAMMEN­ FASSUNG Anfang 2018 wurden die FES Jugendstudien Südosteuropa unter Beteiligung von über 10.000 Jugendlichen im Alter von 14 – 29 aus zehn Ländern Südosteuropas(SOE) durchgeführt, in der es um eine Vielzahl an Fragen ging, die deren Erfahrungen und Wünsche in verschiedenen Lebensbereichen betrafen, z. B. Bildung, Beschäftigung, politische Teilhabe, Familienbeziehungen, Freizeit und Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie(IKT), aber auch ihre Werte, Einstellungen und Überzeugungen. Die Studie behandelt diese Themen vorrangig auf Ebene der SOE-Region als Ganzes, wobei vor allem die Länder untereinander vergleichend untersucht wurden. Daraus ergeben sich folgende wesentliche Erkenntnisse 2 : 1. In der gesamten Region, vor allem in den sechs Ländern des Westlichen Balkans(WB6), sind Jugendliche weiterhin von hoher Arbeitslosigkeit und prekären Arbeitsbedingungen betroffen, wobei viele junge Menschen weder einen Arbeitsplatz haben, noch sich in Bildungs- oder Ausbildungsmaßnahmen befinden(NEET). Eine große Mehrheit der Jugendlichen in SOE äußert sich besorgt über ihre fehlende berufliche Perspektive. 2. In den WB6-Ländern berichten die Jugendlichen von einer sehr starken Präferenz für eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst, wobei die Mitgliedschaft in einer politischen Partei als entscheidender Faktor bei der Stellensuche in diesem Sektor gesehen wird. 3. Sozial benachteiligte junge Menschen haben sehr viel häufiger keinen Zugang zu höherer Bildung, nehmen weniger an politischen oder zivilgesellschaftlichen Aktivitäten teil, beschäftigen sich weniger mit ihrer Selbstverwirklichung und nutzen IKT seltener zu Bildungs- und Informationszwecken oder auf der Suche nach angemessener Beschäftigung. 4. In allen SOE-Ländern wird die Korruption im Bildungswesen als besonders gravierend eingeschätzt. Dies hat sich in den letzten fünf Jahren in den meisten Ländern noch verstärkt. 5. Die Tolerierung informeller Praktiken wie die Nutzung von Beziehungen, Bestechung oder Steuerbetrug findet sich relativ häufig unter den Jugendlichen in der Region und ist seit 2008 noch erheblich gestiegen. 6. Wirtschaftsfaktoren und negative Wahrnehmungen der Lage im eigenen Land sind anscheinend ausschlaggebend bei der Auswanderung Jugendlicher. Im Vergleich zu den WB6-Ländern ist die Wahrscheinlichkeit einer dauerhaften Emigration bei Jugendlichen aus den EU-Mitgliedsstaaten erheblich geringer. 7. Die Idee eines starken Sozialstaats findet überall in der Region, vor allem unter Jugendlichen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status, großen Anklang. 8. Es gibt eine signifikante Zahl junger Menschen, die„eine Führung, die das Land mit starker Hand zum Wohl der Gemeinschaft regiert“ als gute Option ansehen, wobei diese Meinung seit 2008 in der gesamten Region stark an Zustimmung gewonnen hat. 9. Jugendliche überall in der Region sind durchweg proeuropäisch und befürworten eher ein sozialstaatliches als ein neoliberales Modell der Europäisierung. 10. Die große Mehrheit der jungen Menschen in der Region fühlt sich in der nationalen Politik nicht vertreten und meint, dass sie ein größeres Mitspracherecht haben sollte. Abgesehen von Wahlen haben sie aber wenig Erfahrung mit politischer und zivilgesellschaftlicher Teilhabe, und nur eine kleine Minderheit hat ein politisches Amt inne. Die Mehrheit der Jugendlichen in SOE kennt sich nach eigener Auskunft in der Politik wenig aus und steht dieser gleichgültig gegenüber. 8 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 11. Auslandsaufenthalte zu Bildungs- oder Ausbildungszwecken verstärken das zivilgesellschaftliche und politische Engagement Jugendlicher erheblich und helfen, nationalistische Neigungen abzubauen. Trotzdem hat die große Mehrheit der SOE-Jugendlichen keine Auslandserfahrung zu Bildungszwecken. 12. Aufgrund hoher Arbeitslosigkeit und unzureichender staatlicher Unterstützung sind junge Menschen in SOE stark von ihren Eltern abhängig, die sie finanziell, bei Unterbringung und Bildung und in anderer Form unterstützen. Das belastet nicht nur die elterlichen Familien, sondern schiebt auch den Übergang ins Erwachsenenleben für die Jugendlichen hinaus. Diese und andere wichtige Erkenntnisse der Studie haben erhebliche Auswirkungen auf Politik und Praxis, wenn es um die Gestaltung der Zukunft und das Wohl junger Menschen geht, insbesondere deren Rolle in der Gesellschaft. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse lassen sich folgende Maßnahmen empfehlen: 1. Zur Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit und Reduzierung der erheblichen Zahl Jugendlicher, die an keinerlei arbeits- oder ausbildungsrelevanten Maßnahmen teilnehmen (NEETs), sollten jugendspezifische Garantieprojekte in der Form aktiver arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen wie auch besserer Bildungs- und Ausbildungschancen gefördert oder initiiert werden. Solche garantierten Programme sollten insbesondere berufsbezogenes Lernen fördern. Jugendmobilitätsprogramme zur Aufnahme von Arbeit oder Weiterbildung im Ausland sollten weiterentwickelt werden. 2. Maßnahmen zum Abbau von Diskrepanzen zwischen Angebot und Nachfrage bei den Qualifikationen( skills mismatch) sollten gefördert werden, einschließlich besserer Abstimmung zwischen Arbeitgeber_innen und Bildungseinrichtungen, Modernisierung der Lehrpläne im Bildungswesen und einem größeren Angebot an Praktika und Berufsausbildung in der Privatwirtschaft. 3. Die Bewältigung der hohen Zahl nicht erfasster Jugendlicher (NEETs) erfordert Maßnahmen im Bildungsbereich, z. B. um junge Menschen daran zu hindern, frühzeitig die Schule abzubrechen oder die Frühaussteiger_innen wieder an Bildung und Ausbildung heranzuführen. Dabei sollte es auch um Maßnahmen gehen, durch die sozial benachteiligte Jugendliche allgemein besser gefördert werden, z. B. Stipendien für einkommensschwache Schüler_innen/Studierende, subventionierter Unterricht oder Tutor_innenprogramme vor Ort. 4. Es braucht eine wirksame Bekämpfung der Korruption und wirksamere Förderung und Durchsetzung rechtsstaatlicher Prinzipien, um auf die Herausforderungen der„Alltagskorruption“ und zunehmend autoritären politischen Einstellungen unter den Jugendlichen zu reagieren. Besonders wichtig sind dabei die Bekämpfung(der Wahrnehmung) korrupter Praktiken in Bildungseinrichtungen durch die Stärkung von Regel- und Kontrollmechanismen, mehr Schüler_innenvertretungen und Verständnis für das Problem auf der Ebene internationaler Netzwerke von Bildungseinrichtungen. 5. Politische Entscheidungsträger_innen sollten nach Möglichkeiten suchen, um das politische und zivilgesellschaftliche Wissen Jugendlicher und deren Engagement zu fördern. Programme zur politischen Bildung sollten das zivilgesellschaftliche Engagement in der Region stärken, vor allem durch Schulen und digitale Medien. Es sollten für die Jugendlichen mehr Möglichkeiten für Freiwilligenarbeit/Ehrenamt und andere Formen zivilgesellschaftlichen Engagements geschaffen werden. Politische Maßnahmen sollten auch Basisinitiativen der Jugendlichen in den Blick nehmen und verschiedene Akteure beteiligen wie z. B. Regierungen, Einrichtungen aus dem Bildungsbereich, NRO, Gewerkschaften und internationale Organisationen. Internationale Mobilitätsprogramme wie der Europäische Freiwilligendienst sollten gestärkt werden. 6. Die politische Vertretung Jugendlicher sollte sowohl über die Strukturen von Volksparteien wie auch durch Vertretungsorgane – z. B. Jugendräte oder-ausschüsse – gestärkt werden. Auch sollten die politischen Entscheidungsträger_ innen mehr tun, um dem Wunsch der Jugendlichen nach allgemeiner wirtschaftlicher Sicherheit und europäischer Integration durch tatsächliches politisches Handeln nachzukommen und dabei die Jugendlichen direkt einbeziehen. 7. Angesichts der universellen Nutzung des Internets und anhaltenden Interesses junger Menschen an einem politischen Engagement online sollte die elektronische Teilhabe Jugendlicher durch die Entwicklung maßgeschneiderter Online-Plattformen gefördert werden. 8. Wegen der positiven Wirkungen internationaler Bildungsmobilität sollten die Länder sich stärker für die Beteiligung an bestehenden Austauschprogrammen wie z. B. Erasmus+ einsetzen und die Einführung neuer Programme, auch für intraregionale Mobilität zwischen SOE-Ländern, ins Auge fassen, um mehr Bildungsmobilität zu erreichen. 9. Da Bildungsmobilität eher zur Emigration führt, sollten auch Anreize für eine Rückkehrmigration geschaffen werden. So könnten z. B. Anreize für die Arbeitgeber_innen in den Entsendeländern zugunsten einer Rekrutierung von Fachleuten mit Auslandserfahrung oder-ausbildung diese Fachkräfte veranlassen, wieder in ihre Heimatländer zurückzukehren. Solche Maßnahmen sollten Teil eines umfassenderen Rückkehrprogramms sein, das auch die Kooperation zwischen Entsende- und Aufnahmeländern beinhaltet. 10. Maßnahmen zur Verhinderung von Auswanderung sollten insbesondere in SOE-Ländern, die noch nicht der Europäischen Union(EU) beigetreten sind, gestärkt werden. Solche Maßnahmen sollten wirtschaftliche Unsicherheit und fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten als wichtigste Auswanderungsgründe in den Blick nehmen. 11. Regierungen sollten entsprechende branchenübergreifende Maßnahmen einleiten, um Jugendlichen in SOE-Ländern den Übergang ins Erwachsenenleben zu erleichtern, einschließlich – aber nicht beschränkt auf: Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen, die Ausbildung und Arbeit und/oder Elternschaft vereinbaren und flexibel handhaben wollen; Maßnahmen zur Schaffung bezahlbaren Wohnraums für junge Menschen; Maßnahmen, die stabile Beschäftigungsverhältnisse mit garantierten Arbeitnehmer_innenrechten gewährleisten sowie eine Reihe von Maßnahmen, die sich auf Familienplanung und Vereinbarkeit von Arbeit und Familie beziehen. 12. Da sich für sozial benachteiligte Jugendliche wesentlich größere Herausforderungen in praktisch allen in der Studie untersuchten Bereichen stellen, muss auch ein Maßnahmenpaket zugunsten Jugendlicher aus armen Haushalten in Betracht gezogen werden, z. B. Sozialhilfe, Stipendien und andere Formen der Förderung von Jugendlichen in der Ausbildung, aktive Arbeitsmarktpolitik für Arbeitssuchende und Programme für niedrige Einkommensgruppen, damit sich Arbeit für diese lohnt; sie sollten den Erfordernissen der einzelnen Länder entsprechend angepasst werden. ZUSAMMEN­FASSUNG 9 11 3 EINLEITUNG Eine Reihe repräsentativer Jugendstudien, die zwischen 2011 und 2015 im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) in der Region Südosteuropa 3 durchgeführt wurden(im Folgenden: FES Youth Studies SEE 2011–15) förderte besorgniserregende Wahrnehmungen und Erfahrungen unter den jungen Menschen zu Tage. 4 Die vorwiegend konservativen Werte, hohen Arbeitslosenraten, Enttäuschung von der Politik und wenig Vertrauen in Gesellschaft und Institutionen, die in den Studien sichtbar wurden, unterstrichen das Ausmaß der Ausgrenzung junger Menschen von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Milieus. Infolge dieser bemerkenswerten Erkenntnisse und wegen beunruhigender Trends in einigen SOE-Ländern, die sich nicht auf hohe Jugendarbeitslosigkeit und die erhebliche Auswanderung Jugendlicher beschränkten, gab die FES 2018 eine zweite Reihe repräsentativer Jugendstudien für die Region(im Folgenden: FES Youth Studies SEE 2018/19) in Auftrag, die junge Menschen im Alter 14–29 in zehn SOE-Ländern befragte: Albanien, Bosnien und Herzegowina(BuH), Bulgarien, Kroatien, Kosovo, Mazedonien, Montenegro, Rumänien, Serbien und Slowenien. 5 In den Untersuchungen wurde ein einheitlicher Fragebogen verwendet, der sich auf wichtige Aspekte der Einstellungen und Erfahrungen junger Menschen konzentrierte, u.a. in den Bereichen Freizeit und Nutzung von Technologie; Bildung; Beschäftigung; Familienleben; Mobilität und Migration; grundlegende Weltsichten und gesellschaftspolitische Einstellungen junger Menschen sowie ihr politisches und zivilgesellschaftliches Engagement. Diese Studie verknüpft die Ergebnisse der zehn nationalen Jugendstudien 2018/2019 und analysiert diese aus regionaler Perspektive und im Vergleich zur ersten Studienreihe. Gleichzeitig werden die Konsequenzen für wichtige Politikbereiche angesprochen und damit ein Versuch unternommen, zum politischen Diskurs in den Ländern der Region beizutragen. Die Studie greift auf die aktuell vorherrschende Konzeptualisierung von Jugend als einer Gruppe zurück, die sich in mehrfacher Hinsicht im Übergang befindet(z. B. Furlong, 2013), und versucht, die Wünsche und Lebenspläne junger Menschen in einer Region zu ergründen, die sich selber in einer komplexen Übergangsphase befindet und zwangsläufig junge Menschen prägt in ihrem Bestreben, einen Arbeitsplatz zu finden, sich weiterzubilden, ein eigenständiges Leben zu führen, eine Familie zu gründen oder sich gezielt in das gesellschaftliche und politische Leben einzubringen. In Kenntnis und Anerkennung der Dichotomie von ‚agency‘(Akteure) und ‚structure‘(Struktur)(z. B. Beck 1992; Beck & Beck-Gernsheim, 2002; Evans& Heinz, 1994; Heinz, 2009; Furlong, 2013), nach der junge Menschen als aktive Gestalter ihres eigenen Schicksals, eingeschränkt durch strukturelle Faktoren wie Klasse, Ethnie, körperliche Fähigkeiten oder Geschlecht gesehen werden, liegt der besondere Schwerpunkt der vorliegenden Studie darin zu verstehen, wie strukturelle Faktoren die Werte und Überzeugungen, Verhaltensweisen und Erfahrungen junger Menschen prägen und wie potenzielle Ungleichheiten politisch aufgearbeitet werden können. Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass sich junge Menschen in der Region weiterhin in einem schwierigen Übergang ins Erwachsenenleben befinden. Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist für sie beschwerlich und Arbeit häufig mit prekären Bedingungen verbunden. Ein informeller Status gehört anscheinend zu ihrem Leben, da ein erheblicher Teil der Jugend ihre Bildungssysteme als korrupt betrachtet; es zeigt sich aber auch Toleranz gegenüber informellen Praktiken. Vor allem Jugendliche aus den WB6 äußern, bedingt durch existenzielle Gründe und negative Wahrnehmungen der Situation zuhause, eine große Bereitschaft, ihre Länder zu verlassen. Gleichzeitig zeigt sich unter den Jugendlichen überall in der Region eine überwältigende Unterstützung für die EU. Die Wahlbeteiligung ist relativ zufriedenstellend, aber selten gibt es Erfahrungen mit nicht-konventionellen Formen des politischen Engagements oder Ehrenämtern; die jungen Menschen berichten von geringem Interesse und wenig Kenntnis über Politik, klagen aber über unterdurchschnittliche Repräsentanz in der Politik. Aufgrund der ungünstigen Wirtschaftslage sind viele junge Menschen auf Unterstützung durch ihre Eltern angewiesen und müssen den Übergang in ein eigenständiges Leben und Familiengründung 12 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 hinausschieben. Soziale Benachteiligungen durchdringen alle Aspekte ihres Lebens und führen u.a. zu Unterschieden im Zugang zu höherer Bildung, bei verschiedenen Aktivitäten zur Selbstentfaltung, politischen und ehrenamtlichen Engagement sowie beim Zugang zu Beschäftigung. Solche Ergebnisse zeichnen das Bild sozioökonomischer und politischer Ausgrenzung, die die Strukturen der vorherrschend schwachen SOE-Demokratien wie auch das Wirtschaftspotenzial der Länder untergraben könnte, weil junge, von Existenzängsten überforderte Menschen ihr Glück woanders suchen. Sie sind auch ein Hinweis darauf, dass vielfältige Antworten aus der Politik gefragt sind, um die Jugend in SOE in die Lage zu versetzen, ihren Weg ins Erwachsenenleben zu gehen und sinnvoll zur Gesellschaft beizutragen. Die Studie gliedert sich in Kapitel zu Bildung, Beschäftigung, grundlegende Weltsichten, gesellschaftspolitische Werte und Einstellungen, politische und zivilgesellschaftliche Teilhabe, Mobilität und Migration, Familien und Übergang ins Erwachsenenleben, Freizeit und IKT-Nutzung. Das Schlusskapitel bietet einige allgemeine übergreifende Empfehlungen für nationale und internationale Akteure, die in die Entscheidungsprozesse in der Region involviert sind. 15 4 BILDUNG Smiljka Tomanović 6 Die große Bedeutung der Bildung für junge Menschen wird global in der heutigen Gesellschaft(Wyn, 2009, S. 103) im Allgemeinen und in der SOE-Region im Besonderen(Jusić& Numanović, 2017) hervorgehoben. Zwar gewinnt auch informelle Bildung zunehmend an Wertschätzung und Bedeutung, da sie konkrete beschäftigungsrelevante Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt, doch bleibt die formelle Bildung eine Form kulturellen Kapitals, das stabile Beschäftigung gewährleistet. Deshalb dient Bildung weiterhin als zentraler Mechanismus sozialer Reproduktion und Mobilität und ist folglich die Hauptquelle für neue soziale Ungleichheiten und Ausgrenzung in der heutigen Gesellschaft(Furlong& Cartmel, 2007). Die vorhergegangenen Studienreihen(FES Youth Studies SEE 2011–15) verweisen aber auch darauf, dass ungleicher Zugang zu Bildung auf andere Faktoren zurückgeführt werden könnte, z. B. auf geringe staatliche Unterstützung finanzieller Art und fehlende Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Arbeit und Studium(Jusić& Numanović, 2017, p. 32). Es lässt sich auch belegen, dass bei fehlender hochwertiger Bildung die Chancen Jugendlicher auf geregelte und stabile Beschäftigung begrenzt bleiben, und umgekehrt. Außerdem sind Bildungs- und Ausbildungssysteme, die jungen Menschen die notwendigen Kompetenzen vermitteln und sie auf den Arbeitsmarkt vorbereiten, eine der Voraussetzungen für den einfacheren Übergang ins Berufsleben(Eurofound, 2014a). Wir haben uns deshalb im vorliegenden Kapitel thematisch dafür entschieden, die Zugänglichkeit unterschiedlicher Bildungsformen zu untersuchen, z. B. wie gerecht es zugeht und wie junge Menschen verschiedene Aspekte ihrer Qualität beurteilen. Dabei geht es auch um die Zufriedenheit junger Menschen mit der Qualität der Bildung, ihre Wahrnehmung von Korruption im Bildungssektor, die Beteiligung an praktischen Aspekten des Schulwesens und ihre Einstellung zur Frage der Anpassung von Bildung an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes. BILDUNGSSTATUS DER JUGENDLICHEN Innerhalb der untersuchten Stichproben, die in den FES Youth Studies SEE 2018/19 Studien erfasst wurden, ergaben sich erhebliche Schwankungen zwischen den einzelnen Ländern bei Aktivitäten und Bildungsstatus Jugendlicher(Grafik 4.1). In den meisten Ländern, z. B. Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien und Montenegro, besteht die untersuchte Gruppe hauptsächlich aus jungen bildungsfernen Menschen. 16 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 4.1: Bildungsstatus Jugendlicher, FES Youth Studies SEE 2018 / 19(in %) Was ist Ihr aktueller Bildungsstatus? Slowenien Serbien Rumänien Montenegro Mazedonien Kosovo Kroatien Bulgarien BuH Albanien 36 36 5 30 38 2 22 17 2 27 37 3 25 32 6 26 34 1 22 26 3 26 19 28 21 3 34 17 2  % 23 29 59 34 38 39 49 Ich bin in der Schule / höhere Schule / Berufsschule 54 Ich bin Studierende_r 49 Ich bin eingeschrieben in anderen Schul- / 46 Ausbildungseinrichtungen Ich bin nicht in der Schule oder in Ausbildung/ im Studium ABBILDUNG 4.2: Hochschulimmatrikulationsquoten, 2016(in %) Bosnien und Herzegowina na Kosovo na Mazedonien* Rumänien Montenegro Albanien Serbien Kroatien Bulgarien Slowenien* 41,0 48,0 57,0 61,0 62,0 67,5 71,0 80,0 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % Man beachte:*Daten beziehen sich auf 2015. Quelle: Weltbank: http://databank.worldbank.org Unter den SOE-Ländern, die schon EU-Mitglieder sind, hat Slowenien das Ziel der Europa 2020-Strategie von mindestens 40 % der Altersgruppe 30 – 34 mit abgeschlossener Hochschulausbildung schon übertroffen, während Rumänien, Kroatien und Bulgarien bei 28 % bzw. 32 % liegen(Eurostat, 2016). Offizielle Immatrikulationsdaten für die Region weisen in der Tendenz darauf hin, dass die Vorgaben der EU in der Hochschulbildung auf nationaler Ebene erreicht werden, wobei Slowenien, Bulgarien, Kroatien und Rumänien hohe Immatrikulationsquoten aufweisen ebenso wie Nicht-EU-Länder wie Serbien, Albanien und Montenegro(Grafik 4.2). BILDUNGSGERECHTIGKEIT Gemeinhin wird Bildungsgerechtigkeit als Chancenverhältnis (Odds Ratio) 7 von Bildungsmobilität gemessen, welcher die Wahrscheinlichkeit zeigt, ob die Befragten einen höheren Bildungsstand als ihre Eltern erreichen werden. Man bezieht das von jungen Menschen erreichte Bildungsniveau(oder im Falle der Hochschulbildung Stand der Immatrikulation) auf den Bildungsstand der Eltern und vergleicht es mit dem Bildungsabschluss anderer Jugendlicher und dem ihrer Eltern. Die vergleichende Analyse der Ergebnisse von FES Youth Studies SEE 2018/19 weist auf erhebliche Bildungsungleichheiten hin, nämlich dass junge Menschen, deren Eltern einen Sekundarschulabschluss haben, mit wesentlich größerer Wahrscheinlichkeit(von zweimal wahrscheinlicher in Slowenien bis zu 26mal wahrscheinlicher in Bulgarien und 33mal in Kroatien) eine Sekundarbildung abschließen als Gleichaltrige, deren Eltern eine Primarschulbildung haben. 8 Es ist erheblich wahrscheinlicher, dass sich ein junger Mensch aus einem Elternhaus mit Hochschulabschluss an der Universität einschreibt als Gleichaltrige, deren Eltern nur einen Primarschulabschluss haben: von 26mal in Mazedonien bis zu mehr als 100mal wahrscheinlicher in Bulgarien, Kroatien und Rumänien. 9 Mit anderen Worten sind die Chancen auf einen Sekundarschulabschluss oder sogar ein Hochschulstudium wesentlich geringer für Jugendliche aus Familien, wo die BILDUNG 17 Eltern nur eine Primarschulbildung haben. Die Analyse zeigt, dass die Chance auf ein Universitätsstudium bei jungen Menschen größer ist, deren Eltern selber einen Hochschulabschluss haben, im Vergleich zu jenen, die die Sekundarschule abgeschlossen haben: die Quote liegt 2mal höher in Mazedonien, 3mal höher in Montenegro, 4mal höher in Slowenien, Kroatien oder BuH, 5mal höher in Albanien, Kosovo oder Serbien, 6mal höher in Rumänien und 10mal höher in Bulgarien. Diese Unterschiede zwischen den Ländern sind nicht auf ihre Entwicklung entsprechend dem HDI(Human Development Index) zurückzuführen, sondern vermutlich bedingt durch unterschiedliche bildungspolitische Systeme. Was den Zugang zu unterschiedlichen Bildungsebenen anbetrifft, besteht Konsistenz in der Offenheit oder Abgeschlossenheit der Systeme insofern, als dass das Chancenverhältnis von Bildungsmobilität sowohl in Bezug zu Sekundarschule wie Universität mit beiden Ebenen elterlicher Bildung korreliert. 10 Berücksichtigt man die Chancen auf Mobilität für alle oben dargestellten Bildungsebenen, zeigt sich das Risiko von Ausgrenzung und Selbstreproduktion besonders deutlich am unteren Ende der sozialen Hierarchie(„Unterschicht“) in Bulgarien, Kroatien und Rumänien. Eine mögliche Erklärung für diese Unterschiede in der Bildungsgerechtigkeit zwischen den SOE-Ländern gestaltet sich sehr komplex und hat mit pfadabhängigen, postsozialistischen Transformationen und länderspezifischen Bildungspolitiken zu tun. 11 Ungleicher Zugang zu höherer Bildung betrifft junge Menschen aus den unteren Gesellschaftsschichten in allen SOE-Ländern gleichermaßen. Das Risiko sozialer Ausgrenzung aufgrund mangelnden Zugangs zu Bildung ist besonders auffallend unter Jugend­ lichen aus Familien mit niedrigem Bildungsstand in Bulgarien, Kroatien und Rumänien. ABBILDUNG 4.3: Anteil junger Menschen, die die Schule auf verschiedenen Bildungsebenen abgebrochen haben, FES Youth Studies SEE 2018 / 19(in %) Kroatien 0,1 0,1 0,2 Mazedonien 0,0 1,1 4,9 Kosovo 0,5 3,3 2,7 Serbien 0,1 0,7 5,9 Bulgarien 0,1 4,3 3,3 Albanien 0,5 4,5 3,3 Bosnien und Herzegowina 0,0 1,2 7,7 Montenegro 0,0 0,4 9,3 Wenn man diese Analyse zu Merkmalen des sozioökonomischen Status in Bezug setzt, ist der frühzeitige Abbruch der Schule („Schulabbrecherquote“) ein weiterer Indikator für Bildungsgerechtigkeit. Unter den SOE-Ländern, die EU-Mitglieder sind, war der Anteil an„Schulabbrechern“ 2015 am geringsten in Kroatien (2,8 %) und Slowenien(5 %), während Rumänien(19,1 %) zu den Ländern mit dem höchsten Anteil gehörte. Kroatien und Slowenien gehörten zu den dreizehn Mitgliedsstaaten, die ihre nationalen Ziele im Rahmen von Europa 2020 bei diesem Indikator schon erreicht haben(Eurostat, 2016). 12 Länderunterschiede bezüglich der Schulabbrecherquote sind Grafik 4.3 dargestellt. Die Unterschiede erklären sich nicht aufgrund der nach HDI gemessenen Entwicklung der Länder, sondern sind vermutlich die Folge unterschiedlicher Bildungspolitiken. So ist z. B. die Aussteigerquote unter Universitätsstudierenden in Slowenien am höchsten, was auch damit zu tun haben könnte, dass das Land die Rumänien 1,0 4,1 5,3 Slowenien 0,0 2,7 Primar Sekundar Hochschule 0 % 10 % 20 % 16,4 30 % 40 % 50 % höchste Immatrikulationsquote unter allen Ländern der Region hat. 13 Ein früher Abbruch der Schule korreliert in den meisten SOE-Ländern mit dem elterlichen Bildungsstatus außer in Mazedonien und Serbien. Besonders deutlich wird dies in Slowenien und Bulgarien, wo fast die Hälfte der jungen Menschen von Eltern 18 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 mit niedrigstem Bildungsstand die Schule ohne Abschluss verlässt sowie in Montenegro und Rumänien, wo ungefähr ein Drittel der Jugendlichen aus Familien mit geringem Bildungsstand von einer solchen Erfahrung berichten. 14 Ohne Abschluss die Schule zu verlassen korreliert in erheblichem Maße mit dem materiellen Status des Haushalts in allen Ländern außer Kosovo und Mazedonien. Zwischen einem Viertel der Jugendlichen, die in Albanien, BuH und Serbien ihren Haushaltsstatus als am niedrigsten bezeichneten, und ungefähr einem Drittel in Bulgarien, Rumänien und Slowenien verließ die Schule ohne Abschluss. 15 Junge Menschen vom Land neigen eher zum Schulabbruch. 16 Junge Menschen aus Familien mit niedrigerem Bildungsniveau und aus armen, hauptsächlich ländlichen Haushalten brechen mit größerer Wahrscheinlichkeit die Schule ohne Abschluss ab, insbesondere in Bulgarien, Slowenien und Rumänien. Sichtbar werden Trends in der Verbindung von Bildungsniveaus und wichtigen strukturellen Faktoren, die zu Ungleichheiten führen können, im Fall der Jugendlichen aus SOE insofern, als sich positive Korrelationen zwischen den Bildungsabschlüssen der Befragten und der materiellen Lage ihrer Haushalte, dem Bildungsniveau der Eltern und einem städtischem Wohnumfeld schon in den Analysen von FES Youth Studies SEE 2011–15 zeigten(Jusić& Numanović, 2017, S. 32). Elterliche Bildung und die materielle Ausstattung der Haushalte erwiesen sich als entscheidende Stratifizierungsfaktoren zur Zuordnung von Bildungsabschlüssen und Ambitionen junger Menschen(Tomanović& Stanojević, 2015). Aus Grafik 4.4 wird deutlich, dass die meisten jungen Menschen in SOE, außer in Rumänien, hohe Bildungsansprüche haben, wobei die meisten mehr als einen Bachelor-Abschluss anstreben. Unterschiede zwischen den Ländern könnten auf die unterschiedliche Verteilung der Befragten nach ihrem sozioökonomischem Status(SÖS) zurückzuführen sein. Bildungsansprüche sind geringer bei jungen Menschen aus sozial benachteiligten Schichten: aus Haushalten mit niedrigem materiellen Status, 17 aus Familien mit niedrigem Bildungsniveau der Eltern 18 und vom Land. 19 Die statistische Analyse zeigt auch, dass, abgesehen von ihren geringen Erwartungen, junge Menschen aus armen Haushalten 20 und aus Familien mit niedrigeren Bildungsniveaus 21 häufiger keine klaren zukünftigen Bildungsziele haben(Antwort ‚weiß nicht‘). Junge Menschen sind ‚sicher‘ oder ‚sehr sicher‘, dass sie die angestrebten Bildungsabschlüsse erreichen werden, wobei im Mittel die Werte zwischen 4,1 in Slowenien und 4,56 in Bulgarien schwanken(auf einer 5-Punkte-Skala, wobei 5 ‚sehr sicher‘ bedeutet). 22 Zwar sind die meisten jungen Menschen zuversichtlich, dass sie ihre Bildungsziele erreichen werden, aber jene aus wohlhabenderen und besser gebildeten Familien sind zuversichtlicher. 23 Jugendliche aus benachteiligten Familien – aus armen Haushalten, Familien mit niedrigerem Bildungsniveau und auf dem Land lebend – haben weniger Ansprüche und weniger klare Bildungspläne. ABBILDUNG 4.4: Angestrebter Bildungsabschluss nach Ländern(in %) 60 % 29,5 43,8 0,6 4,5 14,7 22,5 52,8 4,9 27,4 27,1 24,5 1,1 6,9 14,7 19,6 50,7 7,0 36,6 34,3 5,9 4,7 4,8 19,4 51,6 13,6 0,9 8,1 28,2 10,0 48,8 4,0 4,2 6,4 19,5 11,2 47,5 11,2 46,8 32,0 50 % 40 % 24,8 22,5 30,2 30 % 20 % 1,0 5,5 13,1 7,1 4,8 6,1 10,1 0,8 2,2 12,9 13,2 1,3 11,6 9,6 1,1 2,2 5,8 12,1 10 % 0 % Albanien Bosnien und Herzegowina Bulgarien Kroatien Kosovo Nur Primarschule Sekundarschule: bis zu 3 Jahren Sekundarschule: 4 Jahre und mehr Universitätsstudium: mehr als Bachelor Mazedonien Montenegro Rumänien Mehr als Bachelor Weiß nicht Serbien Slowenien BILDUNG 19 QUALITÄT DER BILDUNG Wahrgenommene Qualität der Bildung Bezüglich der Zufriedenheit mit der Qualität der Bildung wiesen die Ergebnisse der FES Youth Studies SEE 2011–15 Unterschiede zwischen den Ländern auf: am zufriedensten waren junge Menschen in Bulgarien, Slowenien und Kroatien, am wenigsten zufrieden in Rumänien, Serbien und BuH, während Albanien, Kosovo und Mazedonien dazwischen lagen(Jusić& Numanović, 2017, S. 33). Da es unter den Befragten im Wesentlichen keine Unterschiede in der Zufriedenheit nach ihrem Bildungsstand gab, kann für jedes Land von einer systemischen Ursache ausgegangen werden(Lavrič, 2015), d.h. länderspezifisch und kontextbezogen. In der Studie FES Youth Studies SEE 2018/19 zeigt sich zurückhaltende Zufriedenheit mit der Bildungsqualität: auf einer Skala von 1 – ‚überhaupt nicht zufrieden‘ bis 5 – ‚vollständig zufrieden‘, konzentrieren sich die Werte um 3(‚ziemlich zufrieden‘) und schwanken zwischen 2,6 in Mazedonien und 3,4 in Bulgarien. Junge Menschen in allen an FES Youth Studies SEE 2018/19 beteiligten Ländern mit Ausnahme von Kosovo berichteten von größerer Zufriedenheit mit der Bildung als in den FES Youth Studies SEE 2011–15 Studien(Grafik 4.5). Beim Vergleich mit den Ergebnissen der früheren Studien ist das Maß an Zufriedenheit beträchtlich höher in BuH, Serbien, Albanien und Rumänien, während junge Menschen ganz zufrieden sind in Bulgarien, Slowenien und Kroatien. Von den jungen Menschen, die ihre Bildung abgeschlossen haben, zeigen sich in allen Ländern außer Serbien jene mit höherem Abschluss weniger zufrieden mit der Qualität 24 . Die Wahrnehmung junger Menschen bezüglich der Bildungsqualität in ihrem Land spiegelt nur teilweise deren Qualität im Rahmen der von PISA(Programme for International Student Assessment) für 15-jährige Schüler_innen gemessenen Leistungen wider. Nach der PISA-Studie 2015 liegen nämlich nur die ABBILDUNG 4.5: Anteil der Jugendlichen im Alter von 16 – 27, die in der Befragung die Bildungsqualität ihres Landes mit ‚zufrieden‘ und ‚sehr zufrieden‘ bewerteten(in Prozentzahlen) Wie zufrieden sind Sie mit der Qualität der Bildung in Ihrem Land? Mazedonien na 20 Kosovo 25 22 Albanien 19 26 Rumänien 31 40 Montenegro na 40 Kroatien 39 40 Serbien 28 42 Slowenien 42 46 FES Youth Studies SEE 2011 – 15 FES Youth Studies SEE 2018/19 Man beachte: Stichproben für die Alterskohorte 16 – 27 wurden in beiden Studienreihen angeglichen. BuH 33 51 Bulgarien 44 52 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % 20 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 Schüler_innen aus Slowenien über dem OECD-Durchschnitt in Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik und etwas unter dem Durchschnitt in Kroatien(OECD, 2018, S. 5). Gleichzeitig liegen Bulgarien, Rumänien, Albanien, Montenegro und Serbien 25 und mehr als die Hälfte der Schüler_innen in Mazedonien und Kosovo unter der Ausgangsleistungsstufe(Stufe 2) in allen drei untersuchten Fächern(ebenda, S. 5). Hinsichtlich unserer früheren Ergebnisse bei Fragen der Bildungsgerechtigkeit in SOE-Ländern bleibt die Erkenntnis aus PISA-Studien festzuhalten, dass sich herausragende Leistungen und Bildungsgerechtigkeit nicht gegenseitig ausschließen, da einige Länder wie Kanada, Dänemark, Estland, Hongkong(China) beides erreicht haben(ebenda, S. 6). Mit Ausnahme von Kosovo ist das Maß an Zufriedenheit mit der Bildung im eigenen Land in allen Ländern seit den Jugendstudien 2011 – 2015 gestiegen, insbesondere in BuH, Serbien, Albanien und Rumänien. ABBILDUNG 4.6: Anteil der Jugendlichen im Alter von 16 – 27, die auf die Aussage„es gibt Fälle, wo Zensuren und Examen ‚gekauft‘ sind mit ‚Ich stimme zu‘ und ‚Ich stimme völlig zu‘ antworteten”(in %) Stimmen Sie zu, dass es Fälle gibt, wo in Ihrem Land Zensuren und Examen ‚ gekauft‘ werden? Kroatien 23 49 Rumänien 38 51 Slowenien na 58 Kosovo 68 62 Bulgarien 29 70 Mazedonien 72 72 Montenegro na 72 BuH 36 73 FES Youth Studies SEE 2011 – 15 FES Youth Studies SEE 2018/19 Man beachte: Stichproben für die Alterskohorte 16 – 27 wurden in beiden Studienreihen angeglichen. Albanien 84 77 Serbien 46 80 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % BILDUNG 21 Wahrnehmung von Korruption in der Bildung Korruption ist ein zentrales Thema im öffentlichen Diskurs der SOE-Länder. Auch in den früheren Jugendstudien berichteten die jugendlichen Befragten von wahrgenommener Korruption in der Bildung(Jusić& Numanović, 2017). Die Daten der FES Youth Studies SEE 2018/19 offenbaren eine ausgeprägte Wahrnehmung von Korruption in der Bildung in allen Ländern, angefangen bei 3,4 in Rumänien bis 4,3 in Serbien(auf einer Skala von 5 Punkten, wobei 5 für ‚Ich stimme völlig zu‘ steht als Antwort auf die Aussage, dass Zensuren und Examen im Land ‚gekauft‘ sind). Wie die Grafik. 4.6 zeigt, wurde das Vorhandensein von Korruption in den Bildungssystemen ihrer Länder von den jungen Menschen in allen Ländern stärker wahrgenommen als in den FES Youth Studies SEE 2011–15 Studien mit Ausnahme von Albanien, Kosovo und Mazedonien mit weiterhin hohen Werten. 26 Dies sind erschütternde Ergebnisse, die dem vorhergehenden Ergebnis einer zunehmenden persönlichen Zufriedenheit mit der Bildungsqualität in einem Land zu widersprechen scheinen. Es kann angenommen werden, dass Zufriedenheit mit der Bildungsqualität teilweise auf persönlichen Erfahrungen beruht, während die Einstellung zur Korruption in der Bildung z. T. die Debatten zu dieser Frage widerspiegelt, die regelmäßig im öffentlichen Diskurs einzelner Länder zur Sprache kommt. In den FES Youth Studies SEE 2011–15 Studien wurde häufiger von vorhandener Korruption im Bildungswesen aus jenen SOE-Ländern berichtet, deren Bildung als qualitativ geringer eingeschätzt wurde(Jusić& Numanović, 2017, S. 36). Das gilt weiterhin mit Ausnahme von Serbien und Rumänien, wo junge Menschen sich halbwegs zufrieden mit der Qualität der Bildung äußerten. Eine negative Korrelation zwischen der Wahrnehmung von Korruption und Zufriedenheit mit der Bildungsqualität, wie sie auf regionaler Ebene in FES Youth Studies SEE 2011–15(Lavrič, 2015) festgestellt wurde, zeigt sich auch in den FES Youth Studies SEE 2018/19. 27 Junge Menschen mit einem höheren Bildungsniveau sind kritischer gegenüber dem Bildungssystem ihres Landes: sie sind weniger zufrieden und häufiger überzeugt, dass es Korruption gibt. Ein solches Ergebnis war zu erwarten, da sie eine längere Erfahrung im Bildungssystem gemacht haben, besser über solche Probleme durch die öffentliche Debatte informiert sind und mehr Interesse haben am Thema Korruption. Die Wahrnehmung von Korruption ist in allen SOE-Ländern stark ausgeprägt, wobei die höchsten Werte für Serbien und die niedrigsten für Kroatien zu verzeichnen sind. In den meisten Ländern wurde die Wahrnehmung von Korruption stärker – mit Ausnahme von Albanien, Kosovo und Mazedonien mit weiterhin sehr hohen Werten. Qualität der Bildung beim Übergang von Bildung zu Arbeit Wesentliche Elemente für einen leichteren Übergang ins Berufsleben sind Bildungs- und Ausbildungssysteme, die jungen Menschen die erforderlichen Kompetenzen vermitteln und sie auf den Arbeitsmarkt vorbereiten(Eurofound, 2014a). Die Mehrheit der Jugendlichen aus allen an den FES Youth Studies SEE 2011–15 Studien beteiligten Ländern hatte keine Praktika durchlaufen(Jusić& Numanović, 2017). Daten der FES Youth Studies SEE 2018/19 zeichnen ein positiveres Bild, da in der Hälfte der Länder(Slowenien, BuH, Serbien, Montenegro und Kroatien) über die Hälfte der jungen Menschen davon berichteten, ein Praktikum gemacht zu haben(Grafik 4.7). Mit Ausnahme von Mazedonien hat sich dieser Teil der Schulbildung in allen Ländern verbessert, und zwar erheblich in BuH, Kroatien und Slowenien und geringfügig in Serbien, Kosovo, Albanien und Bulgarien. Am ungünstigsten gestaltet sich die Situation in Rumänien und Albanien, wo nur ein Viertel, bzw. ein Fünftel der Jugendlichen ein Praktikum im Rahmen ihrer Schulbildung absolviert haben(Grafik 4.7). Die Teilnahme an praktischer Ausbildung während der Schulzeit ist in allen Ländern außer in Mazedonien besser geworden, in erheblichen Maße in BuH, Kroatien und Slowenien. Gleichzeitig betrachteten die meisten jungen Menschen die Bildungssysteme ihrer Länder nicht als gut an die Arbeitswelt angepasst(Grafik 4.8), besonders in BuH, obwohl dort der praktische Unterricht am stärksten gestiegen war, und in Albanien, während junge Kroaten dieses Thema relativ positiv sahen. Auch diese Unterschiede könnten auf die Diskrepanz zwischen persönlicher Erfahrung und den Wahrnehmungen junger Menschen zurückzuführen sein, die die öffentliche Debatte widerspiegeln. Die Erkenntnis aus den FES Youth Studies SEE 2011–15-Studien, dass es eine positive Korrelation gab zwischen der Überzeugung junger Menschen, dass sie Arbeit finden werden, und der Erfahrung eines Praktikums(Jusić& Numanović, 2017, S. 34) wird auch in FES Youth Studies SEE 2018/19 auf Ebene der Region 28 und einzelner Länder bestätigt. Nach Absolvierung eines Praktikums finden junge Menschen mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Beschäftigung, und zwar sowohl in der Region insgesamt(Grafik 4.9) 29 wie auch in einzelnen Ländern, was die Schlussfolgerungen aus den FES Youth Studies SEE 2011–15Studien(ebenda, S. 34) erhärtet. 22 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 4.7: Anteil Jugendlicher im Alter 16 – 27, die an praktischer Ausbildung während ihrer Schulzeit teilgenommen hatten(praktische Fächer / Praktika)(in %) Haben Sie in Ihrer bisherigen Schulbildung irgendwann eine praktische Ausbildung oder ein Praktikum gemacht? Albanien 20 21 Rumänien na 25 Kosovo 27 32 Mazedonien 36 35 Bulgarien 36 38 Kroatien 20 51 Montenegro na 52 Serbien 41 53 FES Youth Studies SEE 2011 – 15 FES Youth Studies SEE 2018/19 Man beachte: Stichproben für die Alterskohorte 16 – 27 wurden in beiden Studienreihen angeglichen. BuH 18 55 Slowenien 33 60 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % ABBILDUNG 4.8: Wahrnehmung der Anpassung des Bildungswesens an die Anforderungen der Arbeit, FES Youth Studies SEE 2018 / 19(in %). Sind Sie der Meinung, dass in Ihrem Land Ausbildung, Schule und Universitätsbildung gut an die aktuelle Arbeitswelt angepasst ist oder nicht? Bosnien und Herzegowina Albanien Bulgarien Kosovo Serbien Mazedonien Slowenien Montenegro Kroatien Rumänien 69 22 8 65 23 12 58 15 28 57 29 14 57 23 20 56 25 19 55 28 17 53 18 29 45 42 13 44 34 22  % Nicht gut angepasst Gut angepasst Weiß nicht BILDUNG 23 ABBILDUNG 4.9: Beschäftigungsstatus von Befragten mit oder ohne Teilnahme an praktischem Unterricht oder Praktika Nie an Praktikum / prakt. Unterricht teilgenommen An Praktikum / prakt. Unterricht teilgenommen 32 43 Man beachte: nur Befragte, die sich nicht in Bildung oder Ausbildung befinden. 26  % 24 32 18 18 7 Feste Beschäftigung Flexible Beschäftigung Arbeitslosigkeit Andere Die Vergleichsdaten aus den FES Youth Studies SEE 2018/19 zeigen, dass junge Menschen mehr praktisch ausgerichteten Unterricht befürworten, während einige schon die Vorzüge in ihrer Arbeit erlebt haben. Junge Menschen, die während der Schulzeit auch praktischen Unterricht hatten, finden eher einen Arbeitsplatz sowohl in der SOE-Region insgesamt als auch in einzelnen Ländern. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN Das skizzierte Bild der Bildungslandschaft in der SOE-Region ist recht ungünstig und ein Stück weit mehrdeutig. Einerseits deuten objektive Daten auf anhaltende Ungleichheiten bei den Bildungschancen junger Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft hin, die in den verschiedenen Ländern mehr oder weniger ausgeprägt sind. Andererseits äußern sich junge Menschen subjektiv zufrieden mit der Qualität der Bildung, auch wenn sie die Korruption in der Bildung in noch stärkerem Maße als in den vorhergehenden Jugendstudien scharf kritisieren. Zwar hat es zunehmend auch praktischen Unterricht an ihrer Schule gegeben, was ihre Beschäftigungschancen verbessert, aber junge Menschen sehen auch, dass die Bildungssysteme sie schlecht auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes vorbereiten. Da angemessene Bildung das Recht eines jeden jungen Menschen und eine der wesent­ lichen Voraussetzungen für eine stabile Beschäftigung ist, sollten sich die Regierungen mit Fragen der Gerechtigkeit, Korruption und Bildungsqualität ernsthaft beschäftigen. 24 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ZENTRALE ERKENNTNISSE: EMPFOHLENE MASSNAHMEN: 1. Junge Menschen aus sozial benachteiligten Familien erleben erhebliche Ungleichheit beim Zugang zu Bildung, insbesondere auf Hochschulebene. Diese Ungleichheit ist ausgeprägter in Bulgarien, Kroatien und Rumänien als in den anderen Ländern. 2. Das Risiko, dass junge Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen, ist unter sozial benachteiligten Familien größer; in Bulgarien, Slowenien und Rumänien stärker als in den anderen Ländern. 3. Es ist offensichtlich, dass ein niedriger sozioökonomischer Status junge Menschen daran hindert, ihr Bildungspotenzial auszuschöpfen sowie notwendige Kenntnisse und Kompetenzen zu erwerben und eine höhere Bildung anzustreben. Nicht nur werden damit die Lebenschancen und die Lebensqualität junger Menschen aus sozial benachteiligten Familien beschnitten, sondern die Ergebnisse verweisen auch auf eine Verstetigung der Bildungsungleichheiten in den Bildungssystemen. 4. Es ist eine größere Zufriedenheit mit der Bildung in allen Ländern mit Ausnahme von Kosovo festzustellen, und zwar in erheblichen Maße in BuH, Serbien, Albanien und Rumänien. 5. Weitverbreitet ist die Meinung, dass Korruption in allen SOE-Ländern um sich greift, und zwar am stärksten in Serbien und am wenigsten ausgeprägt in Kroatien. Sie ist in den meisten Ländern angestiegen mit Ausnahme von Albanien, Kosovo und Mazedonien, wo sie aber immer noch sehr hoch ist. 6. Die Teilnahme an praxisbezogenen Formen der Bildung(Praktika, praktischer Unterricht) ist in allen Ländern mit Ausnahme Mazedoniens besser geworden, besonders deutlich aber in BuH, Kroatien und Slowenien. 7. Junge Menschen, die während ihrer Schulzeit auch praktischen Unterricht haben, finden eher eine Stelle; dies gilt sowohl für die SOE-Region insgesamt als auch für einzelne Länder. 8. Obwohl sich in allen Ländern die praxisbezogenen Aspekte des Bildungswesens verbessert haben, äußern sich junge Menschen trotzdem unzufrieden mit der Qualität, wenn es um den Übergang ins Arbeitsleben geht. 1. Länder sollten ihre Bildungs- und Sozialversicherungssysteme so reformieren, dass mehr Gleichheit im Bildungswesen gewährleistet wird. Dabei sollte es u.a. um Maßnahmen gehen wie: frühkindliche Erziehung; Stipendien, die nicht nur leistungsbezogen vergeben werden, sondern auch Faktoren wie Sozialstatus berücksichtigen, sowie andere Beihilfen für den Schulbesuch benachteiligter Jugendlicher; Maßnahmen zur Verbesserung der Leistungen und Verhinderung des Schulabbruchs, indem Risikoschüler_innen frühzeitig identifiziert und Anwesenheit, Leistung und Teilnahme an Schulaktivitäten kontrolliert werden; Wiedereingliederung von Schüler_innen, die frühzeitig die Schule abbrechen; gute Berufsbildungsprogramme etc. 2. Zur Bekämpfung(der Wahrnehmung) korrupter Praktiken in Bildungseinrichtungen sollten die Regierungen in der Region z. B. die Regel- und Kontrollmechanismen im Bereich der Bildung stärken, die Schüler_innenvertretungen in den Bildungseinrichtungen verbessern und das Problem der Korruption auch auf Ebene der internationalen Netzwerke von Bildungseinrichtungen bewusst machen. 3. Die Bildungssysteme sollten so reformiert werden, dass angewandtes Wissen und Kompetenzen auf allen Ebenen in die Lehrpläne aufgenommen werden. Der Schwerpunkt anwendungsorientierter Bildung sollte nicht nur auf berufsbezogener praktischer Ausbildung, sondern auf unterschiedlichen Kompetenzen liegen, z. B. bessere digitale Kompetenz durch Nutzung von IKT bei gleichzeitiger Förderung des politischen und zivilgesellschaftlichen Engagements der jungen Bürger_innen. 27 5 BESCHÄFTIGUNG Mirna Jusić  30 Der Übergang von der Schule zu einer Erwerbstätigkeit ist für viele junge Menschen ein wichtiger Schritt in ihrem Leben. Junge Menschen, die keine menschenwürdige Beschäftigung finden, leben unausweichlich mit einer größeren Armutsgefährdung (trotz Erwerbstätigkeit) und sozialer Ausgrenzung(Fahmy, 2014; Tomanović& Stanojević, 2015) und könnten unter negativen gesundheitlichen Konsequenzen leiden(O’Higgins& Coppola, 2016). Arbeitslosigkeit und Erwerbslosigkeit zu einem frühen Zeitpunkt im Berufsleben hinterlassen erwiesenermaßen langfristig ‚Narben‘ für ihre Beschäftigungs- und Einkommensperspektiven (Bell& Blanchflower, 2011). Arbeitslosigkeit wird auch als Grund für eine geringere Selbstwirksamkeit junger Menschen betrachtet (Mortimer et al., 2016). Wie in anderen Teilen Europas und der Welt erschweren auch in SOE zahlreiche Bedingungen die Suche nach anspruchsvoller Beschäftigung für junge Menschen: sie sind nicht allein auf die weite Verbreitung der Diskrepanz zwischen den in den Bildungssystemen vermittelten Qualifikationen und den Anforderungen der Wirtschaft( skills mismatch)(z. B. Arandarenko& Bartlett, 2012), die mangelnde Nachfrage nach jungen Arbeitskräften und allgemeinen Deregulierungstendenzen auf dem Arbeitsmarkt beschränkt. ARBEITSLOSIGKEIT UND NEET Mit Ausnahme von Slowenien, Rumänien und Bulgarien zeigen die offiziellen Arbeitsmarktdaten, dass die Jugendarbeitslosigkeit in SOE weiterhin sehr hoch ist. Mit 54,3 Prozent JugendarbeitsABBILDUNG 5.1: Jugendarbeitslosenraten in SOE im Verlauf der Jahre(2010 – 2016), in Prozent der Erwerbsbevölkerung im Alter 15 – 24 70 % 60 % 50 % 40 % 30 % 20 % 10 % 0 % 57,5 14,7 2010 57,9 15,7 2011 63,1 20,6 2012 59,1 21,6 2013 62,7 20,2 2014 62,3 16,3 2015 54,3 15,2 2016 BuH Kosovo Mazedonien Serbien Montenegro Kroatien Albanien Bulgarien Rumänien Slowenien Quelle: Vidovic et al.(2018) /  Eurostat(2018c) 28 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 5.2: Aktueller Beschäftigungsstatus junger Menschen(in %)(im Alter 15 – 29) Bulgarien Rumänien Kroatien Bosnien und Herzegowina Slowenien Albanien Mazedonien Montenegro Serbien Kosovo 47 7 21 8 4 40 84 6 10 24 24 11 11 16 15 3 1 22 15 23 2 3 10 15 11 5 1 21 13 27 4 1 16 11 30 4 4 18 10 27 4 3 10 8 12 6 1 19 Unbefristete Arbeit, Voll- oder Teilzeitstelle Atypische Beschäftigung(Zeitvertrag für Voll- oder Teilzeit oder Gelegenheitsarbeit) Selbständigkeit  % Berufsausbildung Arbeitslos, aktiv arbeitsuchend Keine Stelle und keine Stellensuche 32 23 6 5 35 1 4 39 3 34 6 7 42 4 2 28 1 10 22 5 7 31 5 10 54 2 Andere Weiß nicht / Keine Antwort losigkeit war BuH 2016 Spitzenreiter in Europa, gefolgt von Kosovo und Mazedonien 31 (Grafik 5.1). Nachdem die Jugendarbeitslosigkeit während und nach der Wirtschaftskrise angestiegen war, schwankten die Werte in den letzten Jahren in der gesamten Region, sind aber anscheinend im Allgemeinen rückläufig, insbesondere in BuH, Kroatien und Serbien. Ein Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit in der Region wird gewöhnlich auf eine bessere Wirtschaftsleistung und den Anstieg der Erwerbstätigkeit in den Ländern zurückgeführt. Zwar könnte auch Emigration eine Rolle dabei spielen, da in den letzten Jahren mehr Jugendliche aus der Region abgewandert sind, aber es gibt keine zuverlässigen Daten, die eine Wirkung auf fallende Jugendarbeitslosenzahlen belegen. Obwohl jedoch die Erwerbslosigkeit unter Jugendlichen in den letzten Jahren rückläufig war, bleibt die Arbeitslosenrate in den meisten Teilen der Region weiterhin besorgniserregend hoch. Die Forschungsdaten zum Beschäftigungsstatus junger Menschen in SOE verweisen darauf, dass eine beträchtliche Anzahl Jugendlicher in einer Kohorte keine Arbeit haben und nicht suchen, was wohl weitestgehend durch den Besuch einer Schule oder Universität bedingt sein dürfte. Dies gilt insbesondere für Kosovo (56 %), Albanien(45 %) und BuH(41 %). 32 Am höchsten sind die Beschäftigtenzahlen in Bulgarien und Rumänien(Grafik 5.2). Zwar gibt es einige Unterschiede zwischen den Arbeitslosenzahlen, die aufgrund der Daten aus der Jugendstudie errechnet wurden, und den offiziellen Statistiken, doch beide sind vergleichbar und deuten darauf hin, dass ein großer Teil der jungen Menschen in vielen Ländern der Region ohne Arbeit ist, insbesondere in Kosovo, Albanien und BuH(Grafik 5.3). 33 ABBILDUNG 5.3: Jugendarbeitslosenzahlen(15 – 29), in Prozent der Erwerbsbevölkerung  34 Bulgarien Rumänien Kroatien Slowenien Serbien Mazedonien Montenegro BuH Albanien Kosovo 0 % 12 16 19 19 20 26 29 39 41 43 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % Eine statistische Analyse auf regionaler Ebene weist auf eine signifikante Beziehung zwischen kulturellem und wirtschaftlichem Kapital und dem Beschäftigungsstatus des Einzelnen hin. Befragte, deren Eltern nur zur Primarschule gingen, sind eher arbeitslos. Wer aus finanziell schlechter gestellten Haushalten stammt, ist eher arbeitslos. Auch das Geschlecht scheint eine Rolle zu spielen, ebenso das Alter: junge Männer befinden sich mit größerer Wahrscheinlichkeit in irgendeiner Form der Beschäftigung, während junge Frauen eher nicht in Arbeit sind. Es verwundert nicht, dass ältere Jugendliche mit größerer Wahrscheinlichkeit einer Beschäftigung nachgehen. Die statistische Analyse weist auch darauf hin, dass womöglich eine regionale Diskrepanz bei den Beschäftigungschancen besteht insofern, als dass junge Menschen vom Land mit etwas größerer Wahrscheinlichkeit arbeitslos sind. Zu guter Letzt entscheidet das Qualifikationsniveau über die Beschäftigungslaufbahn des Einzelnen: ohne Primarschulabschluss ist man eher ohne Arbeit, weil man möglicherweise noch zur BESCHÄFTIGUNG 29 Schule geht, mit einem Doktortitel findet man wahrscheinlicher einen Arbeitsplatz. 35 Jugendliche, die sich nicht in Arbeit, in der Schule oder in Ausbildung befinden(Engl. NEET= no education, employment, training) sind naturgemäß eine sehr heterogene Kategorie, die„Gruppen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen, Eigenschaften und Bedürfnissen umfasst“, z. B. Jugendliche, die lang- oder kurzfristig ohne Arbeit sind, sich um Kinder oder Verwandte kümmern, die krank oder behindert sind, aus dem Arbeitsmarkt oder der Schule vorübergehend aussteigen oder die beispielsweise längere Reisen machen(Furlong, 2006, S. 554 – 555). Mit anderen Worten sind nicht alle NEETs notwendigerweise benachteiligt oder sozial ausgeschlossen. Trotzdem gilt diese Kategorie als hilfreich, da sie sich als wirksamer Prädiktor für Arbeitslosigkeit zu einem späteren Zeitpunkt erwiesen hat(ebenda. S. 565). Nicht in der Schule, Ausbildung oder Beschäftigung zu sein wird gerade in der WB6-Region als ernsthaftes Problem gesehen, da fast ein Viertel der jungen Menschen in der Region 2016 den Status eines NEET hatte(Vidovic et al., 2018, S. 21). Daten aus der Studie untermauern diese Erkenntnisse im Falle Albanien, BuH und Kosovo, wo ein großer Teil der Jugendlichen bildungs- und beschäftigungsfern ist(Grafik 5.4.). Trotzdem scheint die Anzahl der NEET in einigen Ländern wie Bulgarien, Serbien, Mazedonien und Montenegro sehr viel geringer zu sein im Vergleich zu den offiziellen Statistiken und der vorhergehenden Reihe der Jugendstudien. 36 ABBILDUNG 5.4: Prozentsatz der jungen Menschen, die nicht in Arbeit, in der Schule oder in Ausbildung sind(15 – 29) Slowenien Serbien Montenegro Bulgarien Mazedonien Kroatien Rumänien BuH Kosovo Albanien 5 6 8 9 10 11 12 20 24 25 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % Eine statistische Analyse der Daten aus der Jugendstudie auf regionaler Ebene zeigt, dass junge NEET häufiger aus Haushalten mit weniger materiellem Besitz und einer schlechteren finanziellen Situation stammen. Neben dem wirtschaftlichen Kapital zählt auch kulturelles Kapital, da jugendliche NEET auch eher Eltern mit einem niedrigeren Bildungsniveau haben. Demgegenüber ist die Korrelation zwischen NEET-Status und dem eigenen Bildungsstand der Befragten auf regionaler Ebene leicht positiv, was aber auch damit erklärt werden könnte, dass der NEET-Status am häufigsten unter jenen vorkommt, die eine allgemeine Sekundarbildung oder eine Berufs-/technische Ausbildung abgeschlossen haben. Vor allem sind junge Menschen, die in jungen Jahren aus der formalen Bildung vor einem Abschluss ausgestiegen sind, eher NEET als jene, die in späteren Jahren ausstiegen. NEET stammen auch eher vom Land und sind älter: tatsächlich verzeichnet die Altersgruppe 25 – 29 die meisten NEET. 37 Junge Frauen sind in der Tendenz eher NEET als Männer, obwohl die Unterschiede nicht sehr ausgeprägt sind. Es verwundert nicht, dass der NEET-Status auch stark negativ mit dem Stand sozioökonomischer Entwicklung der Länder(ausgedrückt in HDI) korreliert. 38 Die Tatsache, dass eine große Gruppe Jugendlicher bildungsund beschäftigungsfern ist, hat schwerwiegende Auswirkungen. Abgesehen von den enormen wirtschaftlichen Kosten, die den Ländern wegen fehlender Integration der Jugendlichen in den Arbeitsmarkt entstehen, hat man auch festgestellt, dass sich NEET weniger gesellschaftlich engagieren, weniger Interesse an Politik und Wahlen sowie geringeres Vertrauen in Institutionen zeigen als Nicht-NEET oder sich weniger an der Zivilgesellschaft beteiligen (Salvatore et al., 2012, S. 2). Diese Korrelationen bestätigen sich auch in den Jugenddaten für SOE(s. Kapitel zu politischer und zivilgesellschaftlicher Teilhabe von Jusić& Lavrič). Obwohl der NEET-Status in vielen Ländern weitverbreitet ist, kombiniert nur ein relativ kleiner Teil der jungen Menschen Schule und Ausbildung mit Beschäftigung(Grafik 5.5). Die aktuellen Bildungs- und Ausbildungssysteme scheinen somit in den meisten SOE-Ländern nicht so eng mit dem Arbeitsmarkt verknüpft zu sein wie in vielen nordeuropäischen Ländern(Cavalca, 2016, S. 279). Slowenien ist dabei jedoch eine Ausnahme, da viele junge Menschen dort während des Studiums Teilzeitarbeit aufzunehmen scheinen. ABBILDUNG 5.5: Prozentsatz junger Menschen, die arbeiten und Schule oder Ausbildung durchlaufen (15 – 29) BuH Albanien Rumänien Kroatien Kosovo Bulgarien Serbien Mazedonien Montenegro Slowenien 6 6 7 7 8 9 15 15 17 20 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % Junge Menschen in Schule oder Ausbildung, die arbeiten. 30 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 5.6: Besorgt, keine Arbeit zu haben(eine Verknüpfung von Antworten wie ‚ziemlich‘ und ‚sehr‘ besorgt) Bulgarien Kosovo Rumänien BuH Montenegro Serbien Slowenien Albanien Kroatien Mazedonien 63 71 73 75 75 80 81 84 87 92 Irgendwie oder sehr besorgt, keine Arbeit zu haben 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % Angesichts vorherrschender Arbeitslosigkeit in der Region ist die hohe Zahl an Jugendlichen, die sich über fehlende Beschäftigungsaussichten Sorgen machen, keine Überraschung: die große Mehrheit der jungen Menschen in SOE sind ziemlich oder sehr besorgt darüber, keine Arbeit zu haben, vor allem in Mazedonien(Grafik 5.6). Eine beträchtliche Kohorte junger Menschen in der SOE-Region ist arbeitslos, insbesondere in Albanien, BuH, Kosovo, Montenegro und Mazedonien. Abgesehen davon, dass sie keine Arbeit haben, geht ein erheblicher Teil der Jugendlichen in Kosovo, Albanien und BuH auch nicht zur Schule, was auf eine potenzielle Ausgrenzung aus der Gesellschaft schließen lässt. Außerdem zeigt sich eine große Mehrheit junger Menschen in SOE besorgt darüber, dass sie arbeitslos bleiben. Ein Elternhaus mit geringerem kulturellen Kapital und die Herkunft aus ärmeren Familien gelten sowohl für den Status von NEET und Arbeitslosigkeit und lassen auf ungleiche Chancen beim Zugang zum Arbeitsmarkt schließen. PREKÄRE FORMEN DER ARBEITSLOSIGKEIT UND SKILLS MISMATCHES Häufig wird die Fokussierung auf die Dichotomie von Erwerbstätigkeit/Erwerbslosigkeit dafür kritisiert, dass ein wichtiger Teil der gefährdeten Jugendlichen nicht berücksichtigt wird, die in der Falle prekärer Arbeitsbedingungen sitzen(Furlong 2006, 565). Prekäre Beschäftigung„ist üblicherweise dadurch gekennzeichnet, dass die Beschäftigungsdauer unbestimmt ist, mehrere mögliche Arbeitgeber oder verdeckte oder nicht eindeutige Beschäftigungsverhältnisse bestehen, kein Zugang zu sozialem Schutz und den beschäftigungsüblichen Versorgungsleistungen besteht, Niedriglohn gezahlt wird sowie beträchtliche rechtliche und praktische Hindernisse bei der Ausübung des Vereinigungsrechts und Kollektivverhandlungen existieren”(Internationale Arbeitsorganisation ILO 2011, Zitat Teil der Übersetzung). Sie entsteht aufgrund „drastischer Deregulierung“ von Arbeitsverträgen in den letzten Jahrzehnten(Maestripieri& Sabatinelli, 2014, S. 154), aber auch durch den Rückgang der Gesamtnachfrage nach jugendlichen Arbeitskräften(Cavalca, 2016). Atypische Beschäftigung wie Leiharbeit und einige Formen selbständiger Tätigkeit 39 werden gemeinhin, aber nicht immer als prekäre Beschäftigung betrachtet, da sie von geringer Arbeitsplatzsicherheit und schlechten oder unzulänglichen Arbeitsbedingungen geprägt sind(mehr dazu s. Mortimer et al., 2016; Macdonald, 2009). Obwohl es dabei um„einen fundamentalen Faktor des sozialen Risikos“(Calvaca, 2016, S. 274) geht, da die Jugendlichen armutsgefährdet sind trotz Arbeit und das Risiko einer begrenzten oder fragmentierten Berufslaufbahn und nichtlinearen Übergängen ins Erwerbsleben tragen, wird die prekäre Beschäftigung Jugendlicher normalerweise von politischen Entscheidungsträgern und von Vermittlungsagenturen, die sich hauptsächlich um die Stellenvermittlung junger Menschen kümmern, übersehen(Furlong, 2006, S. 566). BESCHÄFTIGUNG 31 ABBILDUNG 5.7: Anteil atypischer Beschäftigung und selbständiger Tätigkeit an Beschäftigung Jugendlicher insgesamt(in %)  40 Bulgarien Rumänien Albanien Kroatien BuH Slowenien Kosovo Mazedonien Serbien Montenegro 12 4 15 7 36 15 50 1 44 9 58 6 47 22 61 9 67 8 67 10  % Anteil atypischer Beschäftigung von gesamter Jugendbeschäftigung Anteil selbständiger Arbeit von gesamter Jugendbeschäftigung Forschungsdaten zum Beschäftigungsstatus junger Menschen zeigen, dass„der Kontext einer politischen Ökonomie der Unsicherheit“(ebenda, S. 567) auf den Arbeitsmärkten in SOE sehr verbreitet ist. In den meisten Ländern der SOE-Region sind Teilzeitarbeit, Gelegenheitsarbeit oder selbständige Tätigkeiten sehr viel häufiger unter den jungen arbeitenden Menschen anzutreffen als eine dauerhafte Beschäftigung. Insbesondere trifft dies auf die WB6-Länder, aber auch auf Slowenien zu. Dagegen sind atypische Beschäftigung oder Selbständigkeit unter bulgarischen oder rumänischen Jugendlichen anscheinend nicht üblich(s. Grafik 5.7). Die statistische Analyse auf regionaler Ebene verweist auf mögliche Risikofaktoren für prekäre Beschäftigung. Typische Beschäftigung findet sich eher unter Akademikern mit Abschluss(Master, Promotion) als unter Befragten mit geringerem Bildungsstand. Ebenso sind Jugendliche, deren Eltern ein geringeres Bildungsniveau haben, weniger häufig in typischen Beschäftigungsverhältnissen und eher ohne – typische oder atypische – Beschäftigung. Außerdem befinden sich junge Menschen aus den ärmsten Familien eher nicht in typischen Beschäftigungsverhältnissen und sind eher erwerbslos als jene aus finanziell besser gestellten Haushalten. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle: bei Männern gibt es eher atypische oder selbständige Tätigkeiten als bei Frauen. Die Analyse verweist auch auf die wichtige Rolle praktischer Erfahrungen bei der Suche nach dauerhafter Beschäftigung, da man mit praktischem Unterricht oder Praktika eher eine ‚geregelte Arbeit‘ findet. 41 Aufgrund von skills mismatch befinden sich junge Menschen in SOE häufig auf einer Stelle, die nicht ihrer Ausbildung entspricht. Daten der Studie legen nahe, dass ein beträchtlicher Teil junger Menschen aus SOE – durchschnittlich 42 % – einer Arbeit nachgehen, für die sie nicht ausgebildet sind; dies entspricht ungefähr den Ergebnissen der letzten Reihe von Jugendstudien. Dabei schwanken die Werte jedoch von Land zu Land: Jugendliche aus Bulgarien arbeiten z. B. weniger häufig in Berufen, für die sie nicht ausgebildet sind. Die statistische Analyse auf regionaler Ebene lässt vermuten, dass eine ausbildungsfremde Arbeit bei Befragten, deren Eltern eine Hochschulbildung abgeschlossen haben, weniger wahrscheinlich ist. Außerdem spielt auch das Niveau der Bildung eine Rolle: z. B. arbeiten nur 16 % der MA-Absolventen in einer berufsfremden Tätigkeit gegenüber fast 50 % der Jugendlichen mit ABBILDUNG 5.8: Arbeit in einem Beruf, für den man ausgebildet oder geschult wurde(in %)  42 Mazedonien Albanien Serbien Kosovo Rumänien Slowenien Bulgarien BuH Kroatien Montenegro 27 20 10 43 28 12 13 46 29 15 1 55 30 10 5 55 31 18 14 37 35 12 11 42 36 46 18 36 12 3 48 37 25 2 36 40 12 4 45  % Ja, ich arbeite in meinem Beruf Ich arbeite auf einer Stelle, die meinem Beruf ziemlich entspricht Ich bin in keinem Beruf ausgebildet Nein, ich arbeite nicht in meinem Beruf 32 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 allgemeiner Sekundar-, Berufs- oder Grundschulbildung. Es ist auch kein Wunder, dass ältere Jugendliche eher in ihrem erlernten Beruf arbeiten, während es berufsfremde Tätigkeiten am häufigsten in der Altersgruppe zwischen 18 und 22 gibt zu einem Zeitpunkt, wo junge Menschen normalerweise ihre ersten Stellen annehmen. 43 Über- oder Unterqualifikation, bzw. mehr oder weniger Bildung/Qualifikation als die Stelle erfordert, ist eine weitere Dimension des skills mismatch zwischen Bildungssystemen und Arbeitsmärkten. Überqualifikation schmälert Einkommen und Beschäftigungschancen und stellt eine Verschwendung öffentlicher Bildungsinvestitionen dar(Floro& Pastore, 2016), während Unterqualifikation dazu führt, dass Beschäftigte nicht ihre„produktiven Grenzen“ ausschöpfen können(ILO, 2014, S. 5). Die Jugendstudien enthielten eine Selbsteinschätzung vertikaler Passungen/Diskrepanzen der Befragten. 44 Die Mehrheit der in SOE arbeitenden Jugendlichen ist in einem Beruf tätig, der ihrem Bildungsstand entspricht. Trotzdem gibt es eine beträchtliche Anzahl überqualifizierter Jugendlicher, insbesondere in Kosovo, Serbien, Albanien und BuH, wo sich der Arbeitsmarkt nur sehr schwach entwickelt, und auch in Slowenien, wo atypische Beschäftigung sehr häufig vorkommt. Demgegenüber scheint Überqualifikation ein weniger verbreitetes Problem in Kroatien, Bulgarien und Rumänien zu sein(Grafik 5.9). Andererseits ist Unterqualifikation in der Region weniger verbreitet, was auf die Tatsache zurückzuführen sein könnte, dass eine große Anzahl Jugendlicher einer atypischen Beschäftigung nachgeht, für die es weniger berufliche Wahlmöglichkeiten geben könnte als bei typischer dauerhafter Beschäftigung(ILO, 2014, S. 15). Eine statistische Analyse auf regionaler Ebene zeigt, dass junge Menschen mit MA-Diplom im Vorteil sind, da nur 19 % von ihnen in Positionen unterhalb ihrer Qualifikation gegenüber 36 % unter den BA-Absolvent_innen arbeiten. Auch das wirtschaftliche Kapital scheint von Bedeutung zu sein: 40 % der Jugendlichen, die aus den ärmsten Haushalten stammen, arbeiten auf Arbeitsplätzen mit geringeren Bildungsanforderungen gegenüber 21 % der arbeitenden Jugendlichen aus den wohlhabendsten Haushalten. 46 Persönliche Eigenschaften oder Zugang zu kulturellem und wirtschaftlichem Kapital innerhalb der Haushalte sind jedoch nur ein Teil der Erklärung für skills mismatch: normalerweise geht es auch um Faktoren von Angebot und Nachfrage, die nicht auf das Bildungsund Ausbildungssystem und Art und Zustand der Wirtschaft beschränkt sind, z. B. die Produktionsstruktur(Caroleo& Pastore, 2016, S. 37). Zwar ist Jugendarbeitslosigkeit u.a. die Folge mangelnder Erfahrung, aber außerdem entsteht sie aufgrund„der Art und Weise, wie unterschiedliche Kombinationen von Sozialhilfesystem und Übergang ins Berufsleben diese fehlende Berufserfahrung der Jugendlichen auszugleichen versuchen(Pastore, 2015, S. 3). Überqualifikation wird z. B. eher dort vermutet,„wo Bildung sequenziell aufgebaut ist, d.h. wo der Bildungsauftrag in der Vermittlung von Allgemeinbildung und weniger in der Entwicklung umfassenden Humankapitals liegt“ im Gegensatz zum dualen Bildungssystem (Caroleo& Pastore, 2016, S. 39). Tatsächlich gibt es in SOE häufiger sequenzielle als duale Bildungssysteme. Mit anderen Worten entscheidet die Regelung des Übergangs von Bildung zu Beschäftigung oder das„Übergangssystem“ darüber, ob junge Menschen einen passende Stelle finden – und zwar nicht allein bezogen auf das Bildungswesen, sondern auch bezogen auf dessen Anbindung an den Arbeitsmarkt, effektive Arbeitsvermittlung, Sozialhilfe und aktive Arbeitsmarktpolitik(Pastore, 2015, S. 3–4). Mit Ausnahme von zwei Ländern arbeitet die Mehrheit der jungen Beschäftigten in der SOE-Region auf der Grundlage atypischer Verträge. Skills mismatch sind relativ weit verbreitet in der Region i.S. von Arbeit in Positionen, für die man nicht ausgebildet ist(im Durchschnitt 42 % für die Region) oder Überqualifikation(30 %). ABBILDUNG 5.9: Formale Bildungsanforderungen für die Arbeitsplätze junger Menschen  45 Kroatien Bulgarien Rumänien Mazedonien BuH Montenegro Slowenien Albanien Serbien Kosovo 17 21 22 25 28 31 33 37 39 44  % 80 3 76 3 70 9 62 13 63 9 64 5 59 8 57 6 55 6 46 11 Erfordert weniger formelle Bildung als Ihre Entspricht Ihrer Leistung in formeller Bildung Erfordert mehr formelle Bildung als Ihre BESCHÄFTIGUNG 33 ARBEITSZUFRIEDENHEIT UND SEKTORALE PRÄFERENZEN Obwohl ein wesentlicher Teil der arbeitenden Jugend in SOE mit prekären Beschäftigungsbedingungen zu tun hat oder nicht in dem Beruf arbeitet, für den sie ausgebildet wurde, ist die Mehrheit mit ihrer Arbeit zufrieden, insbesondere in Bulgarien, Rumänien und Montenegro. Allerdings sollte eine Rate von durchschnittlich 37 % der SOE-Jugend, die entweder unzufrieden mit ihrer Arbeit oder ohne Meinung sind, nicht unterschätzt werden. Wenn man sich anschaut, welche Faktoren bei der Arbeitssuche für junge Menschen aus SOE persönlich wichtig sind, dann geht es dabei vorrangig um praktische Aspekte wie das Gehalt (93 %) und Arbeitssicherheit(92 %), aber Arbeit muss auch sinnstiftend sein und das Gefühl vermitteln, etwas geleistet zu haben (88 %). Eine geringere – aber immer noch große – Bedeutung wird anderen Zielen zugemessen wie die Arbeit mit Menschen(77 %) oder Dienst an der Gesellschaft(77 %). Die große Mehrheit der jungen Menschen in SOE, die in Arbeit sind – durchschnittlich 74 % – sind in der Privatwirtschaft beschäftigt. Ein erheblicher Teil der Jugendlichen in Slowenien und Kroatien haben ihren Arbeitsplatz jedoch im öffentlichen Sektor. Mit Ausnahme Mazedoniens arbeiten nur sehr wenige junge Menschen für Nichtregierungs- oder internationale Organisationen. Aber selbst wenn die große Mehrheit der SOE-Jugend in der Privatwirtschaft arbeitet, ist das für sie in den meisten Ländern nicht die erste Wahl. Mit Ausnahme von Bulgarien, Kroatien, Rumänien und Slowenien würden die jungen Menschen in den anderen Ländern mehrheitlich lieber im öffentlichen Dienst arbeiten(Grafik 5.10). Das entspricht den Ergebnissen der letzten Jugendstudien, die aufzeigten, dass in allen Ländern außer in Bulgarien, Rumänien und Slowenien eine Stelle im öffentlichen Dienst bevorzugt wird; die kroatische Jugend scheint inzwischen eher für eine Beschäftigung in der Privatwirtschaft zu optieren. Dass eine Stelle im öffentlichen Dienst für Bewohner_innen des westlichen Balkans wichtig ist, ist nicht neu; eine neuere Studie ABBILDUNG 5.10: Arbeit im öffentlichen Sektor: Wunsch und Wirklichkeit Kosovo 18 70 BuH 18 69 Serbien 16 50 Albanien 15 48 Mazedonien 16 45 Montenegro 20 42 Kroatien 20 41 Rumänien 16 29 Bulgarien 15 22 Stelle im öffentl. Dienst Möchten Sie im öffentl. Dienst arbeiten? Slowenien 29 33 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % 34 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 des Regionalen Kooperationsrates(RCC) unter der Allgemeinbevölkerung von WB6 und Kroatien kam sogar auf nicht weniger als 76 % der Befragten, die lieber im öffentlichen Sektor arbeiten würden(RCC, 2017, S. 73). Unter den wirtschaftlich mehr und weniger entwickelten Ländern gibt es eine entsprechende deutliche Präferenz für die Privatwirtschaft bzw. den öffentlichen Dienst; so ist es nicht verwunderlich, dass Jugendliche aus Ländern mit einem niedrigeren HDI eine Beschäftigung im öffentlichen Sektor vorziehen würden. 47 Arbeitsplatzsicherheit übt auf Jugendliche in SOE einen besonderen Reiz aus: die Bedeutung der Arbeitsplatzsicherheit bei der Wahl eines Arbeitsplatzes korreliert in erheblichem Maße positiv mit der Präferenz für eine Beschäftigung im öffentlichen Sektor und bestätigt die Ergebnisse einer früheren Jugendstudie 48 (Jusić & Numanović, 2017, S. 41). Wenig überraschend besteht auch eine signifikante Beziehung zwischen Beschäftigungsstatus und dem Wert, den man persönlich einem sicheren Arbeitsplatz beimisst, 49 da sich Menschen mit dieser Präferenz eher in einem stabilen Beschäftigungsverhältnis befinden. Trotz weit verbreiteter atypischer Beschäftigung ist die Mehrheit der Jugendlichen in SOE mit ihrer Arbeit zufrieden. Durchschnittlich arbeiten fast drei Viertel von ihnen in der Privatwirtschaft. In den Nicht-EU-Ländern zeigt sich jedoch eine stärkere Präferenz für eine Beschäftigung im öffentlichen Sektor unter den Jugendlichen, während in den EU-Mitgliedsstaaten die Privatwirtschaft bevorzugt wird. Der Wert, den Jugendliche in SOE einem sicheren Arbeitsplatz beimessen, korreliert positiv mit der Präferenz für eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst. WAHRGENOMMENE FAKTOREN BEI DER ARBEITSSUCHE Jugendliche in SOE erwarten nicht nur, dass sie einen Arbeitsplatz aufgrund ihrer Leistung finden. Auf die Bitte, die bei der Arbeitssuche relevanten Faktoren nach deren Wichtigkeit einzuordnen, maßen sie sowohl leistungsorientierten Faktoren wie Bildung und Fachkenntnisse wie auch nicht-leistungsbezogenen Faktoren wie Bekannte und Beziehungen zu Menschen an der Macht einen hohen Stellenwert bei. Dies entspricht im Großen und Ganzen den Ergebnissen der letzten Jugendstudienreihe. Aber während junge Menschen in den meisten Ländern Beziehungen zu Menschen an der Macht für wichtig erachten, fällt der Unterschied zwischen Bewohner_innen eines Mitglieds und Nicht-Mitglieds der EU ins Auge, wenn es um die Bedeutung einer Parteimitgliedschaft bei der Arbeitssuche geht(Grafik 5.11). Nach Parteinähe vergebene Beschäftigung scheint demzufolge von jungen Menschen aus den WB6-Ländern als Norm betrachtet zu werden. Eine statistische Analyse zeigt, dass Jugendliche aus sozioökonomisch weniger entwickelten Ländern eher zu der Überzeugung neigen, dass Beziehungen zu Menschen mit Macht sowie Bekanntschaften wichtige Faktoren bei der Arbeitssuche junger Menschen sind. 50 Andererseits besteht eine positive Korrelation zwischen der Präferenz für eine Stelle im öffentlichen Dienst und der Vorstellung, dass für Jugendliche Beziehungen zu Menschen mit Macht wichtig seien bei der Suche nach Arbeit 51 und dass eine Parteimitgliedschaft bei der Beschaffung eines Arbeitsplatzes zähle. 52 Das lässt vermuten, dass junge Menschen nicht von leistungsbezogenen Kriterien für eine Anstellung im öffentlichen Sektor ausgehen, und bestätigt damit ähnliche Ergebnisse früherer Jugendstudien(Jusić & Numanović, 2017, S 41). Während junge Menschen in der Region sowohl leistungsbezogene Faktoren wie Bildung und Fachkenntnisse wie auch nicht-leistungsbezogene Faktoren wie Bekannte und Beziehungen zu Menschen an der Macht als wichtig bei der Arbeitssuche wahrnehmen, wird der Parteimit­ gliedschaft in den WB6-Ländern mehr Wert bei der Arbeitssuche beigemessen als in anderen Ländern der Region. BESCHÄFTIGUNG 35 ABBILDUNG 5.11: Anteil Jugendlicher, die Parteimitgliedschaft oder Beziehungen zu Menschen an der Macht als wichtig bei der Arbeitssuche betrachten(in %) Slowenien 18 67 Rumänien 25 59 Bulgarien 27 56 Kroatien 51 79 Kosovo 57 73 Albanien 61 75 Montenegro 70 76 Serbien 72 78 Mazedonien 73 77 Parteimitgliedschaft Beziehung zu Menschen mit Macht BuH 77 86 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN Im Hinblick auf ihren Arbeitsmarktstatus sind die Berufsaussichten für die meisten jungen Menschen in der Region trostlos, insbesondere in den Ländern, die nicht zur EU gehören. Auch leiden die meisten SOE-Länder unter einer großen Zahl an NEET. Gemeinsam ist den NEET und arbeitslosen Jugendlichen ein geringeres wirtschaftliches und kulturelles Kapital, was auf Benachteiligungen beim Zugang zum Arbeitsmarkt hinweist. Abgesehen von einigen Ausnahmen ist die Mehrheit der arbeitenden Jugend in SOE-Ländern in atypischen Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Signifikant häufig werden sie auf dem Arbeitsmarkt nicht ihrer Qualifikation gemäß eingesetzt, was vermuten lässt, dass der Übergang ins Berufsleben nur unzulänglich von Bildungs- und Arbeitsmarkteinrichtungen begleitet wird. In allen Ländern, die nicht zur EU gehören, zeigt sich bei den jungen Menschen eine stärkere Präferenz für eine Stelle im öffentlichen Dienst. Leistungsbezogene und nicht-leistungsbezogene Faktoren bei der Stellensuche werden von Jugendlichen in der Region fast gleichrangig bewertet, doch unter den Jugendlichen aus Nicht-EU Ländern steht die Mitgliedschaft in einer Partei als Voraussetzung für eine Stelle ganz oben auf der Liste. Um zu verhindern, dass SOE zukünftig„eine verlorene Generation junger Menschen, die dauerhaft von produktiver Beschäftigung ausgeschlossen ist“(O’Higgins& Coppola, 2016, S. 3) erwartet, muss das vielschichtige und komplexe Problem der Jugendarbeitslosigkeit sowohl auf der Nachfrageseite – durch die Schaffung von mehr Stellen besserer Qualität für junge Menschen – wie auch auf der Angebotsseite – durch Überarbeitung bestehender Systeme des Übergangs ins Berufsleben und besserer Vermittelbarkeit – angegangen werden. 36 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ZENTRALE ERKENNTNISSE: EMPFOHLENE MASSNAHMEN: 1. Die Jugendstudien bestätigen, dass die Region weiterhin unter hoher Arbeitslosigkeit leidet, insbesondere in den Ländern, die der EU nicht beigetreten sind. Außerdem ist der Anteil der Jugendlichen, die weder in Arbeit noch in der Schule oder Ausbildung sind, in einigen Ländern erheblich ist, insbesondere in Kosovo, Albanien und BuH. Da sich für sie die Arbeitslosigkeit bedrohlich abzeichnet, ist es nicht verwunderlich, dass eine große Mehrheit der Jugendlichen in SOE voller Sorgen in die Zukunft schaut. 2. Gemeinsam ist den arbeitslosen Jugendlichen und den NEET u.a. ihre Herkunft aus einem Elternhaus mit geringerem kulturellen Kapital oder aus schlechter gestellten Haushalten, was auf ungleiche Chancen beim Zugang zum Arbeitsmarkt hinweist. 3. Mit einigen Ausnahmen befinden sich die meisten Jugendlichen in SOE-Ländern in atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Ergebnisse der Studie bestätigen das Problem nicht abgestimmter Bildungs- und Beschäftigungssysteme( skills mismatch) in den meisten Ländern, was sich auch in der beträchtlichen Anzahl junger Menschen widerspiegelt, die nicht in ihrem erlernten Beruf arbeiten oder für ihre Arbeit überqualifiziert sind. 4. Auch wenn junge Menschen vorrangig in der Privatwirtschaft arbeiten, zeigt sich in allen Ländern, die nicht zur EU gehören, eine deutliche Präferenz für eine Stelle im öffentlichen Dienst. Wenig überraschend ist Arbeitsplatzsicherheit eines der gefragtesten Beschäftigungsmerkmale und korreliert positiv mit einer Präferenz für den öffentlichen Sektor. 5. In allen WB6-Ländern ist eine überwältigende Mehrheit junger Menschen der Überzeugung, dass eine Mitgliedschaft in einer Partei eine wichtige Rolle bei der Arbeitssuche spielt. 1. Zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und hohen Quoten von NEET könnte man Jugendgarantieprogramme – sowohl aktive Arbeitsmarktpolitik wie Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung – verstärkt heranziehen. Diese Garantieprogramme sollten vor allem berufsbezogenes Lernen fördern. 2. Jugendmobilitätsprogramme, die jungen Menschen die Möglichkeit geben, für eine bestimmte Zeit ihre Ausbildung im Ausland fortzusetzen, wären eine weitere Maßnahme, die man ins Auge fassen könnte. 3. Insbesondere die große Anzahl an NEET erfordert Maßnahmen im Bildungsbereich, die sich nicht nur darauf beschränken, einen frühzeitigen Schulabbruch zu verhindern und Frühaussteiger wieder an Bildung und Ausbildung heranzuführen 53 ; vielmehr geht es auch um Lehrstellen und Praktika, mit denen Kompetenzen und Erfahrungen gesammelt werden können und damit der Übergang ins Berufsleben erleichtert wird. Es sollten auch allgemeinere Fördermaßnahmen für Jugendliche aus sozial benachteiligten Milieus einbezogen werden, z. B. Stipendien für einkommensschwache Studierende, subventionierter Unterricht oder lokale Tutor_innenprogramme. 4. Die Regierungen müssen sich um das Problem des skills mismatch zwischen Bildungswesen und Arbeitsmarkt kümmern, indem sie bessere Koordinierung und Information fördern. 5. Der Austausch zwischen Privatwirtschaft und Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen muss intensiviert werden. Mehr sozialer Dialog, Modernisierung der Lehrpläne und mehr Möglichkeiten für Praktika und Ausbildung in der Privatwirtschaft könnten neue Chancen zur Korrektur solcher skills mismatches eröffnen. 6. Um prekäre Beschäftigungsverhältnisse zu reduzieren, müssen verstärkt Anstrengungen zur Sicherung von Arbeitsplätzen unternommen werden, um den Teufelskreis von befristeter Tätigkeit und Gelegenheitsjobs für die Jugendlichen zu durchbrechen. Außerdem ist auch eine Unterstützung für gewerkschaftliche Jugendvertretungen eine Möglichkeit, Sicherheit und Qualität der Arbeitsplätze zu verbessern. 7. Qualitativ bessere Arbeitsplätze für Jugendliche sichern, online Stellensuchfunktionen und-plattformen stärken, mehr Geld in effektive Vermittlungsdienste investieren. Außerdem braucht es bessere Ausbildungsangebote, um die Beschäftigungschancen junger Menschen zu steigern. 39 6 GRUNDLEGENDE WELTSICHT DER JUGENDLICHEN Miran Lavrič Aus der aktuellen Literatur geht hervor, dass die Weltsicht der Jugendlichen auf zumindest zweierlei Art und Weise erheblich zur Gestaltung der gesellschaftlichen Zukunft beiträgt. Erstens können die Jugendlichen durch ihr politisches und soziales Handeln im weiteren Sinne direkt zu Trägern des sozialen Wandels werden. Der zweite, eher indirekte Wirkungsmechanismus, durch den die Jugendlichen die Zukunft einer Gesellschaft beeinflussen, wird durch Mannheims Generationenbegriff veranschaulicht. Mannheim(1952) sieht eine Generation als eine Altersgruppe, die durch spezifische historische Umstände geprägt ist und die eine eigene einzigartige Weltsicht, Verhaltensmuster und einen eigenen Wertekanon entwickelt. Inglehart und seine Mitarbeiter_innen haben empirisch nachgewiesen, dass Werte tatsächlich tendenziell über einen Lebenszyklus hinweg relativ stabil bleiben, indem sie aufgezeigt haben, dass Unterschiede zwischen Alterskohorten über einen Zeitraum hinweg stabil bleiben(Inglehart& Norris, 2003; Inglehart& Wenzel, 2005). Wenn man also die gegenwärtige Generationensoziologie extrapoliert(Woodman, 2017), gibt es guten Grund zu der Erwartung, dass die Weltsicht der Jugendlichen von heute sich nachdrücklich auf ihre Gesellschaften auswirken wird, wenn sie das Erwachsenenalter erreicht und wichtige soziale Positionen eingenommen haben werden. 54 LEBENSZUFRIEDENHEIT UND OPTIMISMUS In der neueren Forschung wird bestätigt, dass die allgemeine Lebenszufriedenheit der Jugendlichen wichtige Auswirkungen auf ihr psychisches, soziales und bildungsrelevantes Befinden hat(s. Proctor, Lindley& Maltby, 2009). Nach unseren Erkenntnissen schwankten die Durchschnittswerte für Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 1 bis 5 zwischen 4,0 in Slowenien und 4,4 in Montenegro, ein deutlicher Hinweis auf ein sehr hohes Niveau von Lebenszufriedenheit bei den Jugendlichen der Region. Die Analyse der Unterschiede zwischen den Ländern könnte aufschlussreich sein, insbesondere, weil die niedrigste Lebenszufriedenheit bei den Jugendlichen aus den beiden sozioökonomisch am weitesten entwickelten Ländern festgestellt wurde, Slowenien (M= 4,0) und Kroatien(M= 4,1). Darüber hinaus gehören die Jugendlichen aus den am wenigsten entwickelten Ländern wie Kosovo(M= 4,4), BuH(M= 4,2) oder Albanien(M= 4, 3) zu denjenigen mit der höchsten Zufriedenheit und dem größten Optimismus – im Gegensatz zu den Ergebnissen anderer neuerer Umfragen 55 . Da die Unterschiede zwischen den Ländern relativ gering sind, ist es sinnvoll, auf wichtigere allgemeine Schlussfolgerungen in Bezug auf die allgemein hohen Werte für die beiden Maßstäbe für psychisches Wohlbefinden einzugehen. 40 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 6.1: Lebenszufriedenheit junger Menschen und Vorstellung von der eigenen Zukunft, nach Ländern Kroatien 78 71 Slowenien 77 85 Mazedonien 80 85 Bulgarien 82 83 Rumänien 87 80 Albanien 80 89 Serbien 80 91 BuH 88 84 Überwiegend oder sehr zufrieden mit dem Leben im Allgemeinen Die eigene Zukunft als ‚besser als aktuell‘ zu sehen Man beachte: Zahlen entsprechen Prozent der gesamten Stichprobe. Kosovo 86 90 Montenegro 89 92 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % In der gesamten Region äußern die Jugend­lichen ein sehr hohes Maß an Lebens­zufriedenheit und Optimismus in Bezug auf die eigene Zukunft. Lebenszufriedenheit und Optimismus korrelieren eng mit der europäischen Identität und einer positiven Wahrnehmung der EU. Unter den verschiedenen potenziellen Faktoren erwies sich die finanzielle Situation des Haushalts als stärkster Prädiktor für Lebenszufriedenheit 56 , gefolgt von Religiosität 57 . Andererseits waren die interessantesten Prädiktoren das Gefühl der Zugehörigkeit zu Europa 58 sowie die mehr oder weniger positive Beurteilung der sozioökonomischen Situation in der EU 59 . Ähnliche Korrelationen fanden sich in Bezug auf Optimismus angesichts der eigenen Zukunft. Mit anderen Worten, die EU scheint ein wichtiger Stützpfeiler für Optimismus und Hoffnung für die Jugendlichen in der Region SOE zu sein. GRUNDLEGENDE WELTSICHT DER JUGENDLICHEN 41 ABBILDUNG 6.2: Wesentliche Ängste der Jugendlichen, gesamte FES Youth Studies SEE 2018 / 19 Stichprobe Haben Sie Angst vor: Korruption Zunehmende Armut in der Gesellschaft Soziale Ungerechtigkeit Arbeitslos zu sein Ernsthaft krank zu werden Umweltverschmutzung und Klimawandel Kireg in der Region / Welt Terrorangriffe Überfallen zu werden Zu viele Immigranten / Flüchtende Opfer körperlicher Gewalt zu werden 0 % 30 29 27 27 25 49 46 44 41 39 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % Man beachte: Anteil derjenigen mit der Antwort ‚sehr‘. WESENTLICHE ÄNGSTE UND SORGEN Bei den letzten Jugendstudien der FES(FES Youth Studies SEE 2011–15) nannten die Jugendlichen Arbeitslosigkeit, Armut und unsichere Arbeitsplätze als die Probleme, die in ihren Ländern die meisten Sorgen bereiteten(Jusić& Numanović, 2017). Die Autor_innen des Regionalberichts interpretierten dieses Ergebnis weitgehend als Folge des damaligen sozioökonomischen Zustandes in den einzelnen Gesellschaften und ihres jeweiligen öffentlichen Diskurses, die beide noch von den Auswirkungen der damals noch sehr präsenten Wirtschaftskrise geprägt waren(S. 51). Wie sich aus Grafik 6.2 ablesen lässt, haben sich die Dinge in den letzten Jahren signifikant verändert. Das Problem der Arbeitslosigkeit rutschte vom ersten auf den vierten Rang, höchstwahrscheinlich auf Grund des nachlassenden Einflusses der Wirtschaftskrise von 2008. Nicht geändert hat sich jedoch, dass materielle/ existentielle Probleme immer noch als bedrohlicher angesehen werden als eher globale Gefahren wie Klimawandel, Terrorüberfälle oder der Zustrom von Immigranten und Flüchtlingen. Korruption, Armut und soziale Ungerechtigkeit sind für die Jugendlichen in SOE die Sorgen, die an erster Stelle stehen. GRUNDLEGENDE WERTEORIENTIERUNGEN Die für die FES Youth Studies SEE 2018/19 Befragten nannten zwanzig Faktoren zur Bemessung grundlegender sozialer Werte in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit für das eigene persönliche Leben. Aus diesen ergaben sich durch Faktorenanalyse fünf grundlegende Werteorientierungen. Da die Unterschiede zwischen den Ländern in den meisten Fällen relativ gering waren, werden hier nur die Daten für die gesamte FES Youth Studies SEE 2018/19 Stichprobe vorgestellt. ABBILDUNG 6.3: Wichtigkeit der fünf grundlegenden Werteorientierungen, gesamte FES Youth Studies SEE 2018 / 19 Stichprobe Werte für pol. Und zivilgesellschaftl. Engagement Konsumwerte Werte persönl. Erfolgs Familienwerte Werte von Autonomie und Verantwortung 2,3 3,7 4,2 4,4 4,5 0 1 2 3 4 5 Man beachte: die Werte reichen von 1(überhaupt nicht wichtig) bis 5(sehr wichtig). Alle diese Besorgnisse betreffen eher umfassende öffentliche Themen und sind somit direkt gebunden an politische Entscheidungen. In diesem Sinne ließe sich die gehäufte Nennung dieser Themen interpretieren als Anzeichen für ein wachsendes(vielleicht eher unausgesprochenes) politisches Potenzial der Jugendlichen. In allen Ländern der Studie wurden Werte wie Autonomie, Verantwortung, familiäre Werte und Werte des persönlichen Erfolgs (Gesundheit, Bildung, beruflicher Erfolg) als besonders wichtig genannt und erreichten extrem hohe Ergebnisse auf der Skala 1 – 5. Derartige soziale Werte sind voll vereinbar mit der allgemeinen Logik kapitalistischer Gesellschaften und führen zum Entstehen loyaler und zuverlässiger Arbeitnehmer_innenschaften, die sich selbst hauptsächlich auf dem Weg über die Familie fortpflanzen. Die Logik des Kapitalismus wird auch veranschaulicht durch 42 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 die relativ deutliche Präsenz konsumbezogener Werte, wie Reichtum oder das Tragen von Markenkleidung. Andererseits ist eine relativ geringe Betonung von zivilgesellschaftlichem und politischem Engagement ganz offensichtlich keine gute Basis für ein wirklich demokratisches politisches System. Bei ihrer Analyse der Ergebnisse der FES Youth Studies SEE 2011–15 kamen Jusić and Numanović(2017, S. 14–15) zu sehr ähnlichen Ergebnissen und Schlussfolgerungen. In Übereinstimmung mit der Literatur zum Postmaterialismus(Inglehart, 1977) treten konsumbezogene Werte in weniger entwickelten Gesellschaften deutlicher in Erscheinung 60 . Ähnliches gilt für familiäre Werte 61 . Beide Erkenntnisse sind vereinbar mit der Theorie der Individualisierung(siehe beispielsweise Beck& Beck-Gernsheim, 2002). Wichtiger ist noch, dass Werte wie politisches und zivilgesellschaftliches Engagement positiv korrelierenmit dem Bildungsstand der Befragten 62 , dem höchsten Bildungsabschluss der Eltern der Befragten 63 und dem Grad der Identifizierung mit Europa bei den Befragten selbst 64 . In der gesamten Region SOE sehen die Jugendlichen individualistische, familiäre und konsumbezogene Werte als äußerst wichtig an, während politisches oder zivilgesellschaftliches Engagement meistens als nicht wichtig gesehen wird. Bildung und europäische Identität scheinen die Faktoren zu sein, die Werte wie politisches und zivilgesellschaftliches Engagement fördern. ABBILDUNG 6.4: Besuch religiöser Veranstaltungen wenigstens einmal im Monat, WVS 2008 und FES Youth Studies SEE 2018 / 19 Slowenien 13 15 Bulgarien 14 14 Albanien 15 17 Montenegro 15 28 Serbien 20 25 Mazedonien 26 30 Rumänien 39 29 Kroatien 42 41 WVS 2008 FES Youth Studies SEE 2018/19 Man beachte: um einen gültigen Vergleich zu ermöglichen, wurde das Alter der Befragten auf die Altersgruppe 18 – 29 begrenzt. BuH Kosovo 47 40 55 39 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % GRUNDLEGENDE WELTSICHT DER JUGENDLICHEN 43 RELIGION Zu den angewandten Formen der Religiosität gehörten die Häufigkeit des Besuchs religiöser Veranstaltungen und die eigene Einschätzung der Wichtigkeit von Gott im Leben der Befragten. Da diese beiden Faktoren auch bereits im World Values Survey(Inglehart et al., 2014) verwendet worden waren, wurde es möglich, die Religiosität der Jugendlichen im Jahre 2018 mit der Situation von ca. 2008 zu vergleichen 65 . Die erste Erkenntnis, die sich aus Grafik 6.4 ergibt, lautet, dass die Unterschiede zwischen den Ländern in Bezug auf Religiosität relativ groß sind und dass sie den Ergebnissen früherer länderübergreifender Studien entsprechen, sowohl im Hinblick auf die Jugend als auch auf die gesamte Bevölkerung(e.g. Lavrič, 2013; Jusić& Numanović, 2017). Zweitens können wir feststellen, dass die Unterschiede beim monatlichen Besuch gemeinsamer religiöser Veranstaltungen zwischen den Ländern der Studie über einen längeren Zeitraum hinweg relativ stabil sind. Wichtiger noch, es lassen sich interessante Unterschiede im Bereich der religiösen Dynamik nachweisen. Der Besuch religiöser Veranstaltungen ist in Kosovo, in BuH und in Rumänien substanziell zurückgegangen, hat aber in Mazedonien, Serbien und(insbesondere) in Montenegro substanziell zugenommen. Während der Besuch Glaubensstätten ein guter Indikator für sogenannte“institutionalisierte Religiosität” darstellt, bleibt dabei die“individualisierte Religiosität”(Pollack& Müller, 2006; Lavrič, 2013) eher unberücksichtigt, die sich beispielsweise daran messen lässt, wie wichtig Gott im eigenen Alltagsleben ist. In Anbetracht der vorliegenden Literatur zum Thema Religion im Wandel 66 überrascht es nicht, dass in acht der zehn beteiligten Länder die individualisierte Religiosität zugenommen hat. Das bestätigt den allgemeinen Trend zur Privatisierung der Religiosität in der Region, der bereits in den meisten der beobachteten Länder für den Zeitraum von 1995 bis 2008 festgestellt worden war(Lavrič, 2013). ABBILDUNG 6.5: Durchschnittliche Wichtigkeit von Gott im Leben der Befragten, WVS 2008 und FES Youth Studies SEE 2018 / 19 Slowenien 4,3 3,9 Bulgarien 5,8 6,3 Kroatien 7,0 6,2 Montenegro 5,9 7,9 Serbien 7,0 7,2 Mazedonien 7,5 7,9 Albanien 6,9 8,5 WVS 2008 FES Youth Studies SEE 2018/19 BuH Rumänien 8,1 8,4 8,2 8,7 Man beachte: Durchschnittliche Antworten auf einer Skala von 1 bis 10. Um einen validen Vergleich zu ermöglichen, wurde das Alter der Befragten auf die Altersgruppe 18 – 29 beschränkt. Kosovo 8,9 9,4 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 44 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 Dieser allgemeine Trend besteht jedoch nicht in allen Ländern, und unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass bei Betrachtung beider Indikatoren drei Arten von religiösem Wandel stattgefunden haben, nämlich eine Zunahme der Religiosität, ihre Privatisierung und ihr allgemeiner Rückgang(Säkularisierung). Im vergangenen Jahrzehnt hat die Religiosität unter den Jugendlichen in Albanien, Mazedonien, Montenegro und Serbien substanziell zugenommen, während sie in BuH, Kosovo und Rumänien eine substanzielle Privatisierung erlebte. Kroatien und teilweise Slowenien sind die einzigen Länder mit allgemeineren Tendenzen zur Säkularisierung. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN Überall in der Region sind die Jugendlichen mit ihrem Leben sehr zufrieden und blicken optimistisch in die Zukunft, teilweise auf Grund ihrer Hoffnungen auf einen Beitritt zur EU. Ihre Werte konzentrieren sich auf Familie, persönlichen Erfolg und Konsum, während sie sich von zivilgesellschaftlichem und politischem Engagement eher distanzieren. Andererseits beziehen sich ihre größten Besorgnisse gerade auf Themen aus dem öffentlichen Raum, wie Korruption, soziale Ungerechtigkeit und Armut. Die Jugendlichen machen sich also über öffentliche Anliegen die größten Sorgen, betrachten aber zivilgesellschaftliches oder politisches Engagement im Allgemeinen nicht als aussichtsreiche Mittel zu ihrer Bewältigung. Kroatien ist das einzige Land, in dem die Religiosität unter den Jugendlichen sowohl in Bezug auf den Besuch von Glaubensstätten als auch auf die selbsterklärte Bedeutung Gottes für das eigene Leben 67 abgenommen hat, was auf Tendenzen zur Säkularisierung hinweist. Ähnliches könnte auch für Slowenien gelten, wo zwar die selbsterklärte Bedeutung von Gott für das Leben des Einzelnen leicht zugenommen hat, einige andere Indikatoren 68 aber darauf hindeuten, dass auch dort eine Säkularisierung stattfindet. Die vorliegenden Daten und Theorien versetzen uns in die Lage, versuchsweise einige Vorhersagen zu künftigen Entwicklungen zu treffen. Die erste relevante Erkenntnis in dieser Hinsicht besagt, dass das Maß an Religiosität stark mit dem HDI des betreffenden Landes korreliert. Dies wiederum entspricht der derzeit wohl einflussreichsten Säkularisierungstheorie, der zufolge höhere HDI-Werte auf ein stärkeres Gefühl von existenzieller Sicherheit hinweisen, was wiederum der stärkste Faktor für den Rückgang von Religiosität im Verlauf der Modernisierung ist(Norris& Inglehart, 2004). Die zweite relevante Variable bei der Vorhersage zukünftiger Trends betrifft das Alter. Da die Generationentheorie(Mannheim, 1952) und der Begriff ‚Kohorteneffekt‘(Abramson& Inglehart, 1995) davon ausgehen, dass Werte und Weltsicht hauptsächlich in der Lebensphase definiert werden, die dem Erwachsenenalter vorausgeht, also in den sogenannten ‚prägenden Jahren‘, können die Werte jüngerer Generationen als guter Prädiktor für zukünftige Trends gelten. In diesem Sinne bedeutet eine negative Korrelation zwischen Alter und Religiosität, dass wir von einer allmählichen Zunahme von Religiosität ausgehen können, in dem Maße, in dem die ältere(und weniger religiöse) Generation aus der Kategorie Jugend herauswächst. Diese Situation findet sich in Kroatien 69 und Slowenien 70 . Das Gegenteil ist in Bulgarien der Fall 71 , was darauf hindeutet, dass unter den Jugendlichen dieses Landes die Religiosität möglicherweise zukünftig abnehmen wird. GRUNDLEGENDE WELTSICHT DER JUGENDLICHEN 45 ZENTRALE ERKENNTNISSE: EMPFOHLENE MASSNAHMEN: 1. Lebenszufriedenheit und persönlicher Optimismus sind bei den Jugendlichen der Region stark ausgeprägt und sogar noch leicht erhöht bei Jugendlichen aus sozioökonomisch weniger entwickelten Ländern. Eine europäische Identität und positive Wahrnehmung der EU sind wichtige Stützpfeiler für diesen Optimismus und diese Zufriedenheit. 2. Ganz oben auf der Liste von Besorgnissen der Jugendlichen in SOE stehen nicht so sehr persönliche Anliegen, sondern öffentliche Themen wie Korruption, Armut und soziale Ungerechtigkeit. 3. In der gesamten Region SOE sehen die Jugendlichen individualistische, familiäre und konsumbezogene Werte als äußerst wichtig an, während politisches oder zivilgesellschaftliches Engagement meistens als nicht wichtig gesehen wird. 4. Die Werte des politischen und zivilgesellschaftlichen Engagements korrelieren mit höherem Bildungsniveau und europäischer Identität. 5. Bei beträchtlichen Schwankungen zwischen den Ländern bleibt Religion weiterhin ein wichtiger sozialer Faktor für die Jugendlichen der Region. Um die Demokratie in der Region zu erhalten und zu entwickeln, sollten die Werte zivilgesellschaftlichen und politischen Engagements unter den Jugendlichen in der gesamten Region gefördert werden. Auf der Grundlage unserer Erkenntnisse und einiger allgemeiner Beobachtungen könnten die politischen Entscheidungsträger 1. den Zusammenhang zwischen europäischer Identität und den Werten eines zivilgesellschaftlichen und politischen Engagements durch verschiedene Kommunikationsformen mit den Jugendlichen besonders betonen. 2. Öffentliche Debatten fördern über Mittel und Wege, durch die die Jugendlichen in ihren Gesellschaften politisch etwas bewirken können. 3. Das allgemeine Bildungsniveau für Jugendliche und die Bevölkerung insgesamt anheben. 47 7 GESELLSCHAFTSPOLITISCHE WERTE UND EINSTELLUNGEN Miran Lavrič Vor genau fünfzig Jahren im Jahr 1968 forderten junge Menschen in ganz Europa und den USA einen sozialen Wandel und gingen dafür auf die Straße. In jüngster Zeit engagierten sich Jugendliche in entscheidendem Maße in Bewegungen und Ereignissen wie dem Arabischen Frühling oder Occupy Wall Street und leisteten einen wichtigen Beitrag zum Entstehen einflussreicher radikal linker Parteien wie Syriza(Griechenland) oder Podemos(Spanien). Extrem rechtes Gedankengut zieht ebenfalls zunehmend Jugendliche überall in Europa an, was sich vermutlich am deutlichsten in der Identitären Bewegung manifestiert. Aufgrund einiger Studien könnte man durchaus zu dem Schluss kommen, dass es der Jugend in der SOE-Region an solcher politischen Energie mangelt. Taleski, Reimbold und Hurrelmann(2015) nutzten z. B. die Daten der FES Youth Studies SEE 2011–15, um das demokratische Potenzial der Jugend in der Region auszuloten. Wegen des politischen Desinteresses und der Passivität der jungen Menschen dort kamen sie zu dem Schluss, dass„…es unwahrscheinlich ist, dass die Jugend in SOE ein Akteur bei der Unterstützung von Demokratisierung und EU-Integration ist“(S. 52). In den letzten Jahren hat es jedoch Anzeichen eines Aufbruchs gegeben, zumindest was das demokratische/politische Potenzial in einigen Ländern anbetrifft. In Serbien kam der Jugend z. B. eine zentrale Rolle bei den Demonstrationen mit dem Slogan ‚Gegen die Diktatur‘ zu, die nach den Parlamentswahlen 2017 mobilisierte(McLaughlin, 2017). Slowenische Jugendliche waren maßgeblich an den slowenischen Protesten 2012 – 13 und dem Einzug der Partei ‚Vereinigte Linke‘ in das Nationalparlament 2014 beteiligt. In Mazedonien erwiesen sich Studierende als entscheidende Kräfte hinter Protesten im Zusammenhang mit dem mazedonischen Abhörskandal, der 2017(in)direkt zum Zusammenbruch der Gruevski–Regierung führte(Kosturanova, 2017). In BuH waren Jugendliche wesentlich am Entstehen lokaler Volksvertretungen, sogenannten plenumi(Radović, 2017) beteiligt. Jugendbewegungen spielten auch in Kosovo eine wichtige politische Rolle, insbesondere durch Unterstützung der Bewegung Vetevendosje(Selbstbestimmung)72(Marku, 2017). Zwar sind alle diese Bewegungen überwiegend links und erkennbar prodemokratisch ausgerichtet, man darf aber nicht vergessen – wie Trošt and Mandić(2018, S. 1) aufzeigen – dass zumindest in Medienberichten und politischen Reden die Jugend in SOE als sehr anfällig für nationalistischem Gedankengut gilt. GRUNDLEGENDE GESELLSCHAFTSPOLITISCHE ORIENTIERUNGEN Wirtschaftliche Sicherheit gegenüber individueller Freiheit und Demokratie Am Anfang unserer Analyse zentraler gesellschaftspolitischer Werte steht die Untersuchung der relativen Bedeutung von acht Konzepten, die zumindest im europäischen Kontext üblicherweise zur Beschreibung der sozialen, wirtschaftlichen und demokratischen Entwicklung eines bestimmten Landes herangezogen werden. 48 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 7.1: Die relative Bedeutung von acht zentralen gesellschaftspolitischen Werten(nach Ländern) 80 % 600 % 70 % 60 % 50 % 500 % 400 % 40 % 300 % 30 % 20 % 10 % 200 % 100 % 0 % Slowenien Rumänien Mazedonien Kosovo Montenegro Bulgarien Kroatien Albanien Serbien 0 % BuH Beschäftigung Menschenrechte wirtschaftl. Wohlstand Sicherheit Demokratie Rechtsstaat Gleichheit indiv. Freiheit Verhältnis Beschäftigung& Wohlstand /  Freiheit& Demokratie Man beachte: die Befragten wurden gebeten, die drei für sie wichtigsten gesellschaftspolitischen Werte zu benennen. Die Bewertungen auf der Grafik wurden als arithmetisches Mittel berechnet, wobei der Anteil der Jugendlichen, die einen bestimmten Wert an erster Stelle nannten, mit 3, der Anteil derer, die einen Wert an 2. Stelle nannten, mit 2 und für den Wert an dritter Stelle mit 1 gewichtet wurden. Es zeigen sich in einigen Fällen überraschenderweise gravierende Unterschiede zwischen den Jugendlichen aus den zehn Ländern. Wir konzentrieren uns im Folgenden auf zwei grundsätzliche Fragen. Zunächst gilt trotz erheblicher Unterschiede zwischen den Ländern für die Region als Ganzes, dass Beschäftigung, wirtschaftlicher Wohlstand, Menschenrechte und Sicherheit für die jungen Menschen an erster Stelle stehen. Alle diese Werte verweisen eindeutig auf den Wunsch nach sicheren Bedingungen für ein menschenwürdiges Leben. Die meisten jungen Menschen wünschen sich, in einem Land zu leben, das ihnen in erster Linie grundlegende Menschenrechte und realistische Voraussetzungen für eine langfristig gesicherte wirtschaftliche Existenz bietet. Andererseits scheinen ihnen Themen, die eher abstrakt sind und weniger die Sicherheit des Alltagslebens betreffen, wie individuelle Freiheit, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit, am wenigsten wichtig zu sein.73 Um die Ergebnisse transparenter darstellen zu können, haben wir die Bedeutung von Beschäftigung und wirtschaftlichem Wohlstand einerseits und die Bedeutung von Demokratie und individueller Freiheit andererseits zueinander ins Verhältnis gesetzt. Es wird aus der Grafik ersichtlich, dass das Zahlenverhältnis in allen Ländern mehr als 100 % beträgt74; das bestätigt, dass im Allgemeinen wirtschaftlichen Themen mehr Gewicht beigemessen wird als Themen wie individuelle Freiheit oder Demokratie. Die von Jugendlichen genannten Werte konzentrieren sich auf wirtschaftliche und soziale Sicherheit. In allen Ländern werden Werte wie individuelle Freiheit und Demokratie als wesentlich weniger wichtig erachtet. Ähnliches lässt sich feststellen, wenn man die Erwartungen der Jugendlichen an ihre Regierungen betrachtet. Die fünf wichtigsten Themen, auf die sich die Regierungen nach Ansicht der Jugendlichen konzentrieren sollten, beziehen sich auf Fragen existenzieller Sicherheit. Dabei geht es immer um persönliche, vor allem wirtschaftliche Sicherheit, u.a. Abbau der Arbeitslosigkeit, Wirtschaftswachstum, grundlegende Menschenrechte und soziale Sicherheit. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Themen für junge Menschen in Ländern mit weniger existenzieller Sicherheit wichtiger sind. Jugendliche aus Ländern mit einem höheren Anteil an NEET neigen z. B. sehr viel häufiger zu Themen wie soziale Sicherheit, 75 Wirtschaftswachstum 76 oder Abbau der Arbeitslosigkeit 77 , sprechen sich jedoch weniger für Themen wie die Förderung des Bevölkerungswachstums 78 oder Bekämpfung illegaler Einwanderung 79 aus. GESELLSCHAFTSPOLITISCHE WERTE UND EINSTELLUNGEN 49 ABBILDUNG 7.2: Die relative Bedeutung von Aufgaben, auf die sich Regierungen konzentrieren sollten, gesamte FES Youth Studies SEE 2018 / 19 Stichprobe. Inwieweit sollte sich die nationale Regierung auf die Verwirklichung der einzelnen im Folgenden aufgelisteten Ziele konzentrieren? Senkung der Arbeitslosigkeit Wirtschaft. Wachstum und Entwicklung Bekämpfung von Verbrechen und Korruption Schutz von Menschenrechten und Freiheiten Soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherheit für Alle Verbesserung der Stellung Jugendlicher Schutz der natürl. Umwelt Verbesserung der Stellung der Frau Förderung von Bevölkerungswachstum Entwicklung priv. Unternehmertums Stärkung mil. Macht und nat. Sicherheit Bekämpfung illegaler Einwanderung von Menschen Förderung nat. Identität 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 57 57 55 55 54 52 50 % 60 % 79 75 73 72 72 68 68 70 % 80 % 90 % 100 % Man beachte: Prozentsatz derer, die Antwort 5(sehr viel) auf einer Skala von 1 bis 5 wählten. ABBILDUNG 7.3: Zustimmung zu ausgewählten Aussagen im Zusammenhang mit Demokratie, Sozialstaat, Autoritarismus und Nationalismus. Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen zu? Regierungen sollten mehr Verantwortung übernehmen, damit alle versorgt sind Einkommen der Reichen und Armen sollten gleicher werden Eine politische Opposition ist für eine gesunde Demokratie erforderlich Demokratie ist im allgemeinen eine gute Regierungsform Mehr Eigentum der Regierung an Gewerbe und Industrie Wir sollten eine Führung haben, die das Land mit starker Hand zum Wohl der Öffentlichkeit regiert Es wäre am besten, wenn unser Land nur von richtigen (Land) in bewohnt wäre 34 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % Man beachte: Prozentsatz derer, die Antwort 4('stimme zu') oder 5('stimme völlig zu') auf einer Skala von 1 bis 5 wählten. 64 63 62 60 50 % 60 % 70 % 77 80 % 86 90 % 100 % Allgemeine politische Orientierungen Wenn es um allgemeinere politische Orientierungen geht, steht am Anfang eine Auswahl der interessantesten Aussagen zur Messung gesellschaftspolitischer Werte und Einstellungen. Die Idee eines starken Staates, der ein menschenwürdiges Leben für alle Bürger_innen gewährleistet, wird fast durchgängig von den Jugendlichen akzeptiert. 80 Zusammen mit Forderungen nach mehr Gleichheit findet diese Idee noch mehr Zustimmung als die der repräsentativen Demokratie als politisches System. Außerdem befürwortet eine Mehrheit unter den Jugendlichen der Region mehr Eigentum des Staates an den Produktionsmitteln. Wollte man die fünf populärsten Aussagen in einem einzigen Begriff zusammenfassen, wäre das wahrscheinlich die Unterstützung von Sozialreformen in Richtung demokratischer Sozialismus. Da in SOE alle Länder postsozialistisch sind, kann man diese überwältigende Unterstützung für einen starken Sozialstaat vielleicht teilweise als Erbe der sozialistischen Vergangenheit deuten. Man sollte sich aber in Erinnerung rufen, dass solche Vorstellungen auch bei der Forderung junger Menschen nach einem starken Sozialstaat und weniger sozialer Ungleichheit in vielen nicht-postsozialistischen Ländern mitschwingen. Z. B. spielten Jugendliche eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der Occupy Wall Street- Protestbewegung 2011(Downs, 2011), die großenteils die zunehmende Ungleichheit in den USA und auch weltweit in den Blick genommen hatte. In Europa haben wir erst jüngst eine 50 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 massive politische Mobilisierung junger Menschen in Bewegungen erlebt, die sich gegen die neoliberale Agenda stellen, was in einigen Ländern zum Entstehen neuer linksradikaler Parteien geführt hat. Außerdem erhielt ein offen(demokratisch) sozialistischer Präsidentschaftskandidat, Bernie Sanders, in den US-Wahlen 2016 enorme Unterstützung(71 %) vonseiten junger Wähler_innen(Stein, 2016), während etwas Ähnliches in den Wahlen des Vereinigten Königreichs 2017 passierte, manchmal sogar„Jugendbeben“ genannt, wo die meisten jungen Menschen Jeremy Corbyn unterstützten, einen demokratisch sozialistischen Kandidaten(BBC, 2017). Diese Ereignisse in den USA und UK erregten enormes Interesse in der Öffentlichkeit und unter Wissenschaftler_innen, die meistens nach einer Antwort auf die Frage suchten, warum die ‚Millennials‘, d.h. die ungefähr zwischen 1980 und 2000 Geborenen, sozialistischen Ideen anhingen. Dafür wurde ein interessanter Begriff geprägt, nämlich ‚Millennial Socialism‘(Judah, 2018). Wie beliebt der ‚Millennial‘-Sozialismus ist, zeigt sich in der Umfrage von 2017, in der sich der Sozialismus als unter US-Millennials beliebteste sozioökonomische Ordnung herausstellte mit 44 % Unterstützung gegenüber nur 42 %, die lieber in einer kapitalistischen Gesellschaft leben wollten(Miller, 2017). Es sollte jedoch betont werden, dass prosozialistische Jugendliche im Allgemeinen nicht gegen freie Märkte oder Privateigentum an Produktionsmitteln sind. 81 Nachdem sie die unangenehmen Folgen eines neoliberalen Kapitalismus selbst erlebt haben, z. B. wachsende prekäre Beschäftigung, riesige Studiendarlehen und zunehmende Verschmutzung der Umwelt, favorisieren die Millennials einen starken Sozialstaat, der sich um diese Probleme kümmert. Mit Blick auf die Ergebnisse unserer Studie lässt sich feststellen, dass der sogenannte ‚Millennial‘- Sozialismus auch in der SOE-Region breite Unterstützung findet. Das wird auch dadurch bestätigt, dass die Jugendlichen der Region weitgehend die freie Marktwirtschaft befürworten, was für demokratisch-sozialistische ‚Millennials‘ typisch ist. Z. B. sprachen sich nicht weniger als 78 % unserer Befragten – von 62 % in Slowenien bis 85 % in Serbien – dafür aus, dass die Regierung viel oder sehr viel für die Entwicklung eines privaten Unternehmertums in ihrem Land tun sollte. Wie schon erwähnt, sind auch konsumorientierte Werte wie Reichtum oder Markenkleidung unter Jugendlichen überall in der Region ziemlich beliebt. Es ist nicht verwunderlich, dass die Unterstützung für einen starken Sozialstaat 82 unter Jugendlichen mit geringerem sozioökonomischen Status erheblich höher ausfällt. 83 Ein starker Sozialstaat findet die überwältigende Unterstützung der Jugendlichen in der gesamten Region und insbesondere unter jenen mit geringerem sozioökonomischen Status. Wichtig ist auch ein weiteres Ergebnis, dass nämlich statistisch signifikante Korrelationen den üblichen Annahmen von politisch links und politisch rechts widersprechen. Erwartungsgemäß korreliert z. B. die nach eigener Einschätzung rechte politische Gesinnung positiv mit Nationalismus 84 und Religiosität, 85 aber sie korreliert auch positiv mit Unterstützung für einen starken Sozialstaat. 86 Diesbezüglich liefert die folgende Grafik interessante Einblicke. Ganz offensichtlich handelt es sich hier um eine typische U-förmige Beziehung: Unterstützung für einen starken Sozialstaat findet sich am stärksten an beiden Rändern des politischen Spektrums. Jugendliche tendieren zu beiden politischen Extremen, da in ihrer Wahrnehmung der Sozialstaat fehlt. ABBILDUNG 7.4: Korrelation zwischen selbst eingeschätzter politischer Orientierung und Sozialstaatsorientierung, gesamte Stichprobe FES Youth Studies SEE 2018 / 19 4,4 4,2 4,0 3,8 3,6 3,4 Extrem links 2 3 4 5 6 7 8 9 Extrem rechts GESELLSCHAFTSPOLITISCHE WERTE UND EINSTELLUNGEN 51 ABBILDUNG 7.5: Länderübergreifender Vergleich der Jugendlichen in SOE in einem zweidimensionalen Raum LIBERAL Toleranz gegenüber Homosexualität oder Abtreibung Betonung individueller Freiheit Niedrige Zustimmung zu einem/einer starken politischen Führer_in, Diktatur 2,5 SVN 2,0 1,5 LINKS Allgemeinwohl und Gleichberechtigung -2,0 Niedriger Nationalismus Linke Identität 1,0 CRO 0,5 SRB -1,5 MNE -1,0 0,0 -0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 MAC KOS ROU -0,5 ALB -1,0 BuH -1,5 BGR RECHTS Nationalismus 2,0 2,5 Rechte Identität Niedrige Betonung von Allgemeinwohl und Gleichberech­ tigung -2,0 AUTORITÄR Unterstützung einer/eines starken Führers/Führerin, Diktatur Niedrige Toleranz gegenüber Homosexualität oder Abtreibung Niedrige Betonung individueller Freiheit Im nächsten Schritt führten wir einige komplexe statistische Verfahren 87 durch, um die SOE-Jugendlichen in ihren grundlegenden politischen Orientierungen länderübergreifend vergleichen zu können. Es wird deutlich, dass erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern bestehen. Während die slowenische Jugend die mit Abstand liberalste und – zusammen mit Montenegro und Serbien – am weitesten links orientiert ist, findet sich unter den bulgarischen Jugendlichen eine stark rechte politische Orientierung und ausgeprägter Nationalismus. Die Jugendlichen aus BuH stechen in der Region heraus mit der größten Unterstützung für Autoritarismus. Während die links-rechts Dimension auf der obigen Grafik nur relativ schwer mit einer begrenzten Anzahl von Faktoren zu erklären ist, erklärt sich die liberal-autoritäre Dimension durchaus durch den allgemeinen sozioökonomischen Entwicklungsstand eines Landes. 88 Eine liberale politische Orientierung ist erheblich häufiger unter Jugendlichen aus sozioökonomisch höher entwickelten Ländern anzutreffen. Die verfügbaren Daten bieten auch eine Längsschnittperspektive für einen der zentralen Indikatoren einer autoritären Gesinnung, in unserem Modell das Gegenteil von liberaler Orientierung. 89 Das Erste, was auf der obigen Grafik ins Auge sticht, sind die gravierenden Unterschiede zwischen Ländern, wenn es um politischen Autoritarismus unter Jugendlichen an der Basis geht. Uneingeschränkte Unterstützung für eine starke Führung steigt von 11 % in Slowenien auf 54 % in Albanien an und bestätigt damit unsere Schlussfolgerung, dass die allgemeine sozioökonomische Entwicklung – in HDI gemessen – autoritäre Tendenzen erheblich einhegt. 90 Bei Einzelpersonen zeigt sich eine wesentlich stärkere Unterstützung für eine starke Führung unter Jugendlichen mit geringerem sozioökonomischem Status. 91 Die zweite Beobachtung betrifft die stark zunehmende Unterstützung für eine starke Führung in der gesamten Region. Trotz der Tatsache, dass im Laufe der drei Studien das verwendete Instrumentarium nicht völlig gleich geblieben ist 92 , ist die wachsende Zahl der Jugendlichen, die der Aussage zustimmen, auffällig genug, um zu dem Schluss zu kommen, dass es sich dabei um den Trend eines stark zunehmenden Autoritarismus unter den Jugendlichen in SOE im Laufe der letzten zehn Jahre handelt. 52 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 7.6: Prozentsatz der Jugendlichen, die sich deutlich für eine starke politische Führung aussprechen, 2008–2018, nach Ländern. Wir brauchen eine Führung, die das Land mit starker Hand zum Wohl der Gemeinschaft regiert Slowenien 5 0 11 Serbien 20 25 27 Kroatien 7 0 28 Bulgarien 0 21 39 Rumänien 0 33 40 BuH 10 24 41 Kosovo 29 32 46 Montenegro 13 36 50 Mazedonien 32 32 53 Albanien 11 38 54 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 2008 2017 2018 Man beachte: Prozentsatz derjenigen, die Antwort 4('stimme zu') oder 5('stimme völlig zu') auf einer Skala von 1 bis 5 gewählt haben. Daten für 2008 wurden dem World Values Survey entnommen, während die Daten für 2017 als Teil des INFORM 90 -Projektes erhoben wurden. Seit 2008 hat die Unterstützung für eine starke Führung in der gesamten Region deutlich zugenommen. Sie ist erheblich höher in den sozioökonomisch weniger entwickelten Ländern und unter Jugendlichen mit einem geringeren sozioöko­nomischen Status. Die deutlich steigende Unterstützung für eine starke politische Führung erfordert eine etwas eingehendere Analyse der zugrundeliegenden Ursachen. Zunächst sollte betont werden, dass diese Ergebnisse durchaus mit anderen Untersuchungen über die Bevölkerung Europas und der USA übereinstimmen. 93 Man sollte also diese Trends im größeren Zusammenhang mit dem sehen, was Foa und Monk(2017) die ‚Entkonsolidierung der Demokratie‘ nennen – ein Trend, der nach Einschätzung dieser und anderer Autor_innen unter jungen Menschen wesentlich ausgeprägter ist als unter anderen Bevölkerungsschichten. Eine Analyse der sozialen Ursachen für diesen allgemeinen Trend würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen. Besser lässt er sich jedoch verstehen, wenn wir uns die aussagekräftigsten Korrelationen aus den FES Youth Studies SEE 2018/19-Datensätzen ansehen. Dabei wird deutlich, dass es eine sehr starke positive Korrelation gibt zwischen der Unterstützung für eine starke politische Führung und Zustimmung zu der Aussage ‚Eine politische Opposition ist in einer gesunden Demokratie unerlässlich‘ 94 und noch deutlicher zu der Aussage ‚Junge Menschen sollten mehr Möglichkeiten haben, in der Politik ihre Stimme zu erheben.‘ 95 Das heißt, Unterstützung für eine starke Führung geht einher mit Unterstützung für eine repräsentative Demokratie. Außerdem korreliert Unterstützung für eine starke politische Führung positiv mit Vertrauen in staatliche Institutionen 96 und sogar mit Zufriedenheit mit der Demokratie. 97 Warum sollten diese jungen Menschen mit ihrer relativ prodemokratischen Einstellung und Zufriedenheit mit dem Zustand der Demokratie so unverhältnismäßig häufig für eine starke Führung optieren? Ein Teil des Rätsels lässt sich auflösen, wenn man sich die überraschend starke Korrelation zwischen der Unterstützung für eine starke Führung und der Unterstützung für einen Sozialstaat anschaut. 98 Die Analyse legt nahe, dass die meisten jungen Menschen in der Region ähnlich charismatische demokratisch-sozialistische Spitzenpolitiker_innen wie z. B. den griechischen Premier Alexis Tsipras und die schon erwähnten Jeremy Corbyn oder Bernie Sanders favorisieren. Es muss jedoch hinzugefügt werden, dass die Hauptsorgen der jungen Menschen – Angst vor Terrorangriffen 99 und Angst vor Korruption 100 – am stärksten mit Unterstützung für eine starke politische Führung korrelieren. Nehmen wir die Ziele, deren Umsetzung am meisten von der Regierung erwartet wird( ‚St ärkung de r Militärmacht und nationale Sicherheit‘), so sind dies auch die stärksten Korrelate mit der Unterstützung für eine starke politische Führung. 101 GESELLSCHAFTSPOLITISCHE WERTE UND EINSTELLUNGEN 53 Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass die Hoffnung auf einen starken Sozialstaat zusammen mit den Sorgen um die nationale Sicherheit und bezüglich der Korruption zu den wichtigsten Motiven zählen, die die Unterstützung für eine starke Führung beflügeln. Zusammengenommen laufen diese Motive auf den Wunsch hinaus, dass der Staat sich effektiver für die Bekämpfung existenzieller Unsicherheiten im Alltagsleben der Bürger_innen einsetzen möge. Die Jugend in SOE betrachtet tendenziell eine starke politische Führung als Mittel zur Förderung der repräsentativen Demokratie, mit der die Defizite des Sozialstaats und die Bedrohung der nationalen Sicherheit sowie Korruption effektiver bekämpft werden können. ETHNISCH-ORIENTIERTER NATIONALISMUS UND PATRIOTISMUS Ethnisch-orientierter Nationalismus 102 und Patriotismus 103 wurden z. T. schon in unserem allgemeinen Modell politischer Orientierungen angesprochen, verdienen aber eine eingehendere Betrachtung, da sie zwei Seiten einer gerade für den Balkan sehr relevanten politischen Orientierung darstellen. Beide sind Ausdruck kollektiver Verbundenheit und beide haben tendenziell mit Autoritarismus zu tun(s. z. B. Todosijević, 1995, 1998). Zum besseren Verständnis stellen wir nur gemessene Einzelelemente für jedes der zwei Konzepte dar. Erwartungsgemäß ist in allen beobachteten Ländern Patriotismus weiter verbreitet als ethnisch-orientierter Nationalismus. 104 Zwischen Ländern bestehen jedoch insgesamt Unterschiede beim nationalen/ethnischen Zugehörigkeitsgefühl, das für beide Konzepte gilt; die Unterschiede sind gravierend und relativ unabhängig vom Niveau der allgemeinen sozioökonomischen Entwicklung. Außerdem besteht ein enger Zusammenhang zwischen der nationalen/ethnischen Verbundenheit insgesamt und dem Verhältnis zwischen Nationalismus und Patriotismus. Anders gesagt verzeichnen Länder mit stärkeren nationalen/ethnischen Bindungen eine relativ stärkere Gewichtung von Ethno-Nationalismus im Vergleich zum Patriotismus. ABBILDUNG 7.7: Zustimmung zu einer nationalistischen und einer patriotischen Aussage, nach Ländern 90 % 80 % 70 % 60 % 50 % 40 % 30 % 20 % 84 81 67 67 68 73 67 59 60 65 58 51 45 44 34 25 22 22 22 17 10 % 0 % Slowenien  B u H    S er bien Montenegro Kroatien Mazedonien Rumänien Kosovo Albanien Bulgarien Ich bin stolz, Bürger_in meines Landes zu sein Es wäre am besten, wenn(LAND) nur von echten(LAND)ern bewohnt wäre Nationalismus / Patriotismus Man beachte: Prozentsatz derjenigen, die Antwort 4(‚stimme zu‘) oder 5(‚stimme völlig zu‘) auf einer Skala von 1 bis 5 gewählt haben. Länder geordnet nach durchschnittlicher Zustimmung zu beiden Aussagen. 54 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 Unterschiede zwischen Ländern in Bezug auf Patriotismus und ethnisch-orientiertem Nationalismus sind sehr gravierend und relativ unabhängig vom allgemeinen Niveau der sozioökonomischen Entwicklung. In den am stärksten patriotisch und ethno-nationalistisch ausgerichteten Ländern – Bulgarien und Albanien – würde die Mehrheit der Jugendlichen lieber in einem Land mit nur einer ethnischen Gruppe leben. Festzuhalten bleibt, dass die den nationalistischen Gesinnungen zugrundeliegenden sozialen Faktoren stark variieren zwischen den Ländern. So korreliert z. B. in Albanien das kulturelle Kapital eines Haushalts 105 stark negativ mit Nationalismus, 106 während diese Korrelation auch ziemlich stark, aber positiv für Bulgarien ausfällt. 107 Ähnlich verhält es sich mit Religiosität, die in Bulgarien stark negativ mit Nationalismus korreliert, 108 während die Korrelation z. B. in Kroatien positiv ist. 109 Außerdem korreliert die Unterstützung für die EU-Mitgliedschaft negativ mit Nationalismus in Mazedonien 110 und Serbien, 111 während die Korrelation stark und positiv in Montenegro, 112 Kosovo 113 und Albanien ist. 114 ALLGEMEINE EINSCHÄTZUNGEN DER SOZIOÖKONOMISCHEN LAGE Wie auch immer die Befragten zu jedem der acht am Anfang des Kapitels aufgeführten gesellschaftspolitischen Werte standen 115 , wurden sie aufgefordert, die Lage in ihrem Heimatland und in der EU in Bezug auf diese acht Werte einzuschätzen. Mit Hilfe einer Faktorenanalyse entwickelten wir aus diesen 16 Elementen zwei zusammengesetzte Variablen, 116 wobei die erste die Einschätzung der Lage im Heimatland und die zweite in der EU messen sollte. Aus Grafik 7.8 ist klar ersichtlich, dass im Länderdurchschnitt die Einschätzung der Lage im Heimatland im umgekehrten Verhältnis zur Einschätzung der Lage in der EU steht. Außerdem zeigt die Linie auf der Grafik, dass der Unterschied zugunsten der EU mit dem HDI dramatisch abnimmt. 117 Im am weitesten entwickelten Land Slowenien beläuft sich deshalb der Unterschied auf nur 5 % zugunsten der EU, während es in den am wenigsten entwickelten Ländern zwischen 59 %(BuH) und 100 %(Albanien) schwankt. ABBILDUNG 7.8: Einschätzung der sozioökonomischen Lage im Heimatland und in der EU, nach Ländern 5,0 4,5 4,4 4,2 3,9 4,0 3,8 3,8 3,6 3,5 3,5 3,4 3,2 3,2 3,0 3,0 2,9 2,7 2,6 2,7 2,5 2,5 2,4 2,3 2,3 2,2 2,0 1,5 1,0 0,5 220 % 200 % 180 % 160 % 140 % 120 % 100 % 80 % 60 % 40 % 20 % 0,0 0 % Slowenien Kroatien Montenegro Rumänien Serbien Bulgarien Mazedonien BuH Kosovo Albanien Wahrgenommene Lage im Land Wahrgenommene Lage in der EU Verhältnis EU / Land(s. rechte Achse in %) Man beachte: die Befragten wurden aufgefordert, die Lage in ihrem Land und in der EU in acht Bereichen zu bewerten: Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte, wirtschaftlicher Wohlstand der Bürger_innen, Beschäftigung, Gleichheit, Sicherheit und individuelle Freiheit. GESELLSCHAFTSPOLITISCHE WERTE UND EINSTELLUNGEN 55 ABBILDUNG 7.9: Allgemeine Zufriedenheit mit der Demokratie im Heimatland Wie zufrieden sind Sie mit dem Zustand der Demokratie in Ihrem Land? 5,0 4,0 3,0 2,7 2,8 2,8 2,9 3,0 2,4 2,4 2,5 2,5 2,6 2,0 1,0 Serbien Albanien Kosovo Mazedonien Rumänien BuH Slowenien Bulgarien Montenegro Kroatien 2011 – 15 2018 Man beachte: die Befragten wurden aufgefordert, irgendeinen Wert von 1(sehr enttäuscht) bis 5(sehr zufrieden) zu wählen. Durchschnittswerte unter 3 verweisen auf eine vorwiegend unzufriedene Einstellung zur Demokratie. Beachtenswert ist ebenfalls, dass in der Region insgesamt der Unterschied zugunsten der Lage in der EU im Vergleich zum Heimatland am stärksten ausgeprägt ist in Bezug auf Beschäftigung (89 % zugunsten der EU) und wirtschaftlichem Wohlstand(72 %) und sehr viel geringer in Bezug auf Demokratie(36 %) oder individuelle Freiheit(29 %). Die Europäische Union ist im Großen und Ganzen positiv konnotiert, insbesondere in Bezug auf Beschäftigung und wirtschaftlichem Wohlstand, und zwar erheblich häufiger unter Jugendlichen aus sozioökonomisch weniger entwickelten Ländern. der Tat, dass die allgemeine Zufriedenheit im Durchschnitt um 9 % in der Gruppe der EU-Mitglieder wuchs, während sie um 6 % unter den Nicht-Mitgliedsländern abnahm. Überall in der SOE-Region sind die Jugendlichen weiterhin vorwiegend mit der Demokratie in ihren Ländern unzufrieden. In den letzten Jahren nahm die Zufriedenheit in Slowenien und Bulgarien jedoch signifikant zu, während sie in Albanien und Kosovo deutlich abnahm. Betrachtet man schwerpunktmäßig die allgemeine Zufriedenheit mit der Demokratie, lässt sich auch analysieren, wie sich die Zufriedenheit der Jugendlichen mit der Lage in ihren Ländern verändert hat. Ein erstes Fazit aus der Grafik 7.9 wäre, dass sich in der Region die allgemeine Zufriedenheit mit der Demokratie weiterhin auf einem niedrigen Niveau befindet und dass die Unterschiede zwischen Ländern ziemlich gering sind. In allen zehn Ländern herrscht beträchtlich mehr Unzufriedenheit als Zufriedenheit. In der Region insgesamt äußerten 41 % der befragten Jugendlichen Unzufriedenheit und nur 23 % Zufriedenheit mit der Demokratie in ihrem Land. Die zweiten Feststellungen beziehen sich auf Veränderungen zwischen 2011–15 und 2018. Zwar veränderte sich in den meisten Ländern wenig, aber die allgemeine Zufriedenheit mit der Demokratie nahm deutlich ab in Albanien und Kosovo und wesentlich zu in Slowenien und Bulgarien. Die zugrundeliegenden Faktoren sind vielfältig und komplex, aber es drängt sich der Eindruck auf, dass in zwei EU-Mitgliedsländern die Zufriedenheit wuchs und in zwei Nicht-Mitgliedsländern abnahm. Weitere Analysen zeigten in FRAGEN DES SOZIALEN VERTRAUENS In zahlreichen Studien wurde nachgewiesen, dass soziales Vertrauen bei jeder sozialen Gruppe oder Gesellschaft eine Grundvoraussetzung für deren effektives soziales oder wirtschaftliches Handeln ist(z. B. Almond& Verba, 1963; Welch et al., 2005). Im Falle größerer Gruppen oder ganzer Gesellschaften geht es um die wichtige Frage nach dem sogenannten Vertrauensradius, d.h. wie verbreitet soziales Vertrauen ist. Nach Delhey, Newton,& Welzel(2011) schwankt dieser Vertrauensradius zwischen Ländern erheblich, wobei wohlhabendere Länder zu einem größeren Radius neigen. Die Autor_innen der Studie sind außerdem der Meinung, dass der Vertrauensradius einen zivilgesellschaftliche Einstellungen und Verhaltensweisen prägenden Faktor darstellt und – wie Robert Putnam(2000) so unnachahmlich nachweist – für eine wirkungsvolle Demokratie unverzichtbar ist. Das Bild von der Jugend in der Region hat sich seit der Studienreihe FES Youth Studies SEE 2011–15 nicht wesentlich verändert. Das bei weitem größte Maß an Vertrauen bringen Jugendliche dem engen Familienkreis entgegen, gefolgt von Freunden und 56 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 Verwandten. Auf der zweiten, erheblich niedrigeren Vertrauensstufe geht es um die unterschiedlichen Gruppen von Menschen, die man normalerweise im Alltag trifft(Nachbarn, Klassenkamerad_innen, Mitglieder anderer Religionen etc.) Die dritte und am wenigsten vertrauenswürdige Gruppe besteht aus politischen Institutionen, mit abnehmender Intensität je nach allgemeiner Bedeutung(von NROs und Kommunalverwaltungen bis zum nationalen Parlament). Auf der untersten Stufe der Leiter sozialen Vertrauens befinden sich die politischen Führungskräfte, was nicht verwunderlich ist. ABBILDUNG 7.10: Vertrauen in unterschiedliche soziale Gruppen und Institutionen, gesamte FES Youth Studies SEE 2018 / 19 Stichprobe. In welchem Maß vertrauen Sie … Nahe Familienmitglieder Freunde Mitglieder der Großfamilie (Verwandte) Klassenkameraden, Mitstudierende, oder Arbeitskollegen Menschen anderer Nationalitäten Menschen anderer Religionen Nachbarn Menschen mit anderen pol. Überzeugungen 4,8 3,9 3,8 3,3 3,1 3,0 2,8 2,7 SOZIALE TOLERANZ Soziale Toleranz wurde in zwei Dimensionen gemessen: in Bezug auf sexuelle und reproduktive Praktiken(engl. TSR) 118 und in Bezug auf informelle wirtschaftliche Praktiken(engl. TIE). 119 Das erste Maß(TSR) spiegelt liberale Werte wieder und wird häufig als Indikator für sogenannte ‚emanzipatorische Werte‘ verwendet, für die eine demokratiefördernde Wirkung überzeugend nachgewiesen wurde(z. B. Inglehart& Welzel, 2005). Andererseits spiegelt Toleranz gegenüber informellen Wirtschaftspraktiken(TIE) Werte wider, die ganz offensichtlich im Widerspruch zur Rechtsstaatlichkeit stehen, da sie eine Lösung von Problemen auf illegalem Wege begünstigen/tolerieren. Eine Gegenüberstellung beider Messwerte lässt Rückschlüsse zu insofern, als ein höheres Verhältnis TIE zu TSR auf ein geringeres Potenzial für eine liberale Demokratie unter den Jugendlichen hinweist, da damit eine größere Neigung zu informellen Praktiken und/oder eine geringere Toleranz gegenüber anderen Lebensweisen zum Ausdruck kommt. In fünf von zehn Ländern scheint die Jugend toleranter gegenüber informellen Wirtschaftspraktiken wie z. B. Steuerbetrügereien als gegenüber Homosexualität oder Abtreibung zu sein. Das Verhältnis hängt natürlich weitgehend von der Art der konkreten informellen Praxis ab. Z. B. wird Bestechung wesentlich eher toleriert als Homosexualität in BuH(um 25 %), Montenegro(um 24 %) und Albanien(um 10 %), aber wesentlich weniger in Slowenien, Kroatien und Serbien. Zivilgesellschaftl. Organisationen Kommunale Verwaltung Nationale Regierung Politische Führung 2,4 2,3 2,1 1,7 Die Jugend in Montenegro, Albanien, Rumänien und BuH äußerte sich wesentlich weniger tolerant über Homosexualität oder Abtreibung als über Bestechung oder Steuerbetrug. 1,0 2,0 3,0 4,0 5,0 Man beachte: die Befragten wurden gebeten, ihr Vertrauen auf einer Skala von 1(‚überhaupt nicht‘) bis 5(‚sehr stark‘) zu bewerten. Jugendliche äußern ein sehr hohes Maß an Vertrauen in engste Familienmitglieder und extrem geringes Vertrauen in staatliche Institutionen, insbesondere politische Führungen. Das Gesamtbild weist auf einen engen Vertrauensradius hin und damit auf ein geringes Demokratiepotenzial der Jugend. Wie schon einleitend festgestellt, wirkt eine solche Moral ziemlich ungünstig für die Entwicklung einer liberalen Demokratie und eines Rechtsstaates. Die Ursachen dafür sind zweifelsohne weitgehend wirtschaftlicher Natur. Unter wirtschaftlich weniger sicheren Bedingungen setzen sich eher sogenannte ‚Überlebenswerte‘ durch, einschließlich geringer Toleranz gegenüber anderen Lebensstilen(Inglehart& Welzel, 2005). Andererseits erfordern weniger sichere Umstände auch alternative Überlebensstrategien, die häufig auch informelle Praktiken einbeziehen. Das wird auch durch die Erkenntnis gestützt, dass die relative Toleranz gegenüber informellen Wirtschaftspraktiken bei Indikatoren von wirtschaftlicher Unsicherheit zunimmt, so z. B. bei weniger materiellem Besitz eines Haushalts, 120 geringerem Bildungsniveau der Eltern 121 oder Arbeitslosigkeit. 122 Da einige der oben erwähnten Punkte 123 auch im World Values Survey(Inglehart et al., 2014) verwendet wurden, können wir auf der Längsachse die Trends von annähernd 2008 124 bis 2018 nach- GESELLSCHAFTSPOLITISCHE WERTE UND EINSTELLUNGEN 57 ABBILDUNG 7.11: Toleranz in Bezug auf sexuelle und reproduktive Praktiken und in Bezug auf informelle Wirtschaftspraktiken 7,0 6,5 6,0 5,1 4,8 5,0 4,6 4,3 4,0 4,2 4,0 3,8 3,3 3,2 3,1 4,2 3,3 4,7 3,6 3,0 3,0 2,5 2,6 2,6 2,1 2,0 1,0 180 % 160 % 140 % 120 % 100 % 80 % 60 % 40 % 20 % 0,0 0 % Slowenien Serbien Kroatien Bulgarien Mazedonien BuH Kosovo Rumänien Albanien Montenegro Toleranz gegenüber sexuellen und reproduktiven Praktiken(TSR) Toleranz gegenüber informellen wirtschaftl. Praktiken(TIE) Verhältnis TIE / TSR(s. rechte Achse in %) vollziehen. Zur besseren Transparenz errechneten wir die relativen ( %) Veränderungen bei beiden Indikatoren. Mit Ausnahme von Albanien und zum Teil Mazedonien und Rumänien scheint die Jugend in der SOE-Region in beiden Fällen toleranter geworden zu sein. Während die Toleranz gegenüber informellen Wirtschaftspraktiken jedoch durchschnittlich um 27 % zunahm, stieg die Toleranz gegenüber Homosexualität und Abtreibung um nur 13 %. Nicht verwunderlich ist, dass die Unterstützung für Rechtsstaatlichkeit 125 negativ mit TIE korreliert, 126 insbesondere in Montenegro, 127 Kroatien 128 und Bulgarien 129 – einige der problematischsten Länder, was die Toleranz gegenüber informellen Praktiken anbetrifft. Seit 2008 ist die Jugend in der Region etwas toleranter gegenüber Homosexualität und Abtreibung geworden, aber noch stärker in Bezug auf informelle Wirtschaftspraktiken. Die relativ liberalere Einstellung zu informellen Handlungsweisen ist problematisch im Hinblick auf den Rechtsstaat und die wirtschaftliche Entwicklung und ist in Bulgarien und Montenegro am extremsten ausgeprägt. Diese Erkenntnisse sollten auch in Bezug zu den Ergebnissen anderer Kapitel gesehen werden, die eine starke Wahrnehmung der Korruption in Bereichen Bildung, Politik und Beschäftigung beschreiben. Insbesondere die Jugend aus den WB6-Ländern geht allgemein davon aus, dass Universitätsexamen käuflich sind und dass die Mitgliedschaft in einer Partei und/oder Beziehungen zu Menschen mit Macht wichtig sind für die Suche nach einer Arbeitsstelle – besonders im öffentlichen Dienst. Zusammengenommen deuten diese Ergebnisse auf eine Situation hin, die manchmal ‚Normalisierung von Korruption‘ genannt wird(Ashforth& Anand, 2003). Unter solchen Umständen betrachtet man korrupte Praktiken als allgemein üblich und setzt sie in einer negativen Spirale fort, sodass immer mehr Menschen das Gefühl haben, es bliebe ihnen nichts anderes übrig als bei dem mitzumachen, was die meisten anderen in der Gesellschaft anscheinend auch tun(Karklins, 2005). Die Tatsache, dass eine solche Situation sehr viel stärker auf die WB6-Länder zutrifft als die SOE-Länder in der EU, lässt vermuten, dass der Grad der Europäisierung – zumindest im Sinne von EU-Vollmitgliedschaft – aller Wahrscheinlichkeit nach zu einem Rückgang korrupter(und anderer informeller) Praktiken beiträgt. 58 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 7.12: Relative( %) Veränderungen der Toleranz in Bezug auf sexuelle und reproduktive Praktiken und in Bezug auf informelle Wirtschaftspraktiken in der Zeit 2008 – 2018. Albanien -20 -22 Mazedonien -13 8 Rumänien -4 14 Bosnien und Herzegowina 0 20 Slowenien 11 21 Montenegro -1 56 Kosovo 44 22 Toleranz gegenüber Homosexualität und Abtreibung Toleranz in Bezug auf informelle Wirtschaftspraktiken Quellen: Daten aus dem World Values Survey und FES Youth Studies SEE 2018/19. Man beachte: Um einen aussagekräftigen Vergleich zu ermöglichen, wurde das Alter der Befragten auf 18 – 29 begrenzt. Bulgarien 16 70 Kroatien 56 32 Serbien 41 50 -30 %-20 %-10 % 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % GESELLSCHAFTSPOLITISCHE WERTE UND EINSTELLUNGEN 59 SOZIALE DISTANZ Soziale Distanz wurde in Bezug auf neun verschiedene Personengruppen gemessen, von denen die drei sozial beliebtesten und die drei unbeliebtesten in Grafik 7.13 dargestellt sind. Um die ‚relative soziale Distanz‘ zu Randgruppen messen zu können, haben wir die soziale Beliebtheit der drei beliebtesten Gruppen(Familie vor Ort, pensioniertes Ehepaar, Studierende) und der drei unbeliebtesten Gruppen(Homosexuelle, ehemalige Gefängnisinsassen und Drogenabhängige) miteinander ins Verhältnis gesetzt. Dieses Verhältnis ist ein guter Indikator für die alltägliche gesellschaftliche Diskriminierung von Randgruppen, da darin das unterschiedliche Verhalten gegenüber diesen Gruppen im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung zum Ausdruck kommt. Somit ist diese Verhältniszahl ein guter Indikator für die relative soziale Toleranz gegenüber Randgruppen und kann damit auch als ein weiterer Indikator für die Integrationsfähigkeit und das demokratische Potenzial der Jugend dienen. So gesehen verzeichnen Slowenien und Kroatien das höchste Inklusionspotenzial, während die Jugend in Kosovo und Bulgarien ein Weltbild vertritt, das – sozial gesehen – relativ ausgrenzend ist. Wie in vielen früheren Fällen steigt auch dieser Indikator für das Demokratiepotenzial mit zunehmenden HDI-Werten. 130 Die Jugend aus sozioökonomisch weiter entwickelten Ländern, insbesondere Slowenien, Kroatien und Serbien, vertritt in ihren Äußerungen erheblich inklusionsoffenere Meinungen gegenüber sozialen Randgruppen. EINSTELLUNGEN ZUR EU Wir beginnen unsere Analyse der Einstellungen zur EU mit einem Vergleich des Vertrauens in die EU gegenüber Vertrauen in die nationale Regierung. Die Jugend in der gesamten Region hat erheblich mehr Vertrauen in die EU als in ihre nationalen Regierungen. Vertrauen sollte jedoch nicht mit Identität verwechselt werden. Wie aus der Grafik 7.15 ersichtlich, verzeichnen junge Menschen mit dem größten Vertrauen in die EU(Bulgarien, Albanien, Kosovo) die geringste ‚europäische Netto-Identität.‘ 131 ABBILDUNG 7.13: Soziale Distanz gegenüber sechs sozialen Gruppen, nach Ländern Wie würde es Ihnen gefallen, wenn ———— nebenan einzieht? 5,00 300 % 3,75 3,76 3,44 3,42 3,05 4,06 4,01 4,03 3,88 3,81 3,93 3,83 3,90 3,77 3,48 3,80 4,36 4,49 4,24 4,24 4,00 4,15 3,81 3,71 3,65 4,43 4,12 4,15 4,09 4,24 3,99 4,50 200 % 4,00 1,98 1,75 3,02 1,80 1,72 2,78 1,79 1,61 2,41 1,86 1,67 2,09 1,71 1,47 2,20 2,19 1,70 2,39 1,70 1,59 2,13 1,54 1,41 2,58 1,44 1,35 1,90 1,90 1,35 3,50 150 % 3,00 100 % 2,50 2,00 50 % 1,50 1,00 Slowenien Kroatien Serbien BuH Mazedonien Albanien Lokale Großfamilie Pensioniertes Ehepaar Studierende Homosexuelle Person / Paar Ehemalige Gefängnisinsassen Drogensüchtige 0 % Rumänien Montenegro Bulgarien Kosovo Relative soziale Distanz Man beachte: die Befragten wurden gebeten, irgendeinen Wert zwischen 1(‚sehr schlecht‘) und 5(‚sehr gut‘) zu wählen). 60 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 7.14: Vertrauen in die Europäische Union gegenüber Vertrauen in die nationale Regierung. Wieviel Vertrauen haben Sie in....? Serbien 2,0 2,2 Montenegro 2,3 2,5 Mazedonien 2,2 2,7 Slowenien 2,2 2,7 Die europäische Identität scheint in Ländern am schwächsten entwickelt zu sein, in denen die Jugend das positivste Bild von der EU hat. Dieses scheinbare Paradox lässt sich mit der Idealisierung der bisher wenig bekannten EU vonseiten der Jugend aus Nicht-Mitgliedsländern erklären. Eine noch wichtigere Erkenntnis geht jedoch von der Grafik 7.15 aus und bezieht sich auf die Tatsache, dass die Identifikation mit der EU ebenso wie eine kosmopolitische Identifikation nicht sehr viel weniger verbreitet ist als die nationale. Rumänien Kroatien Bosnien und Herzegowina Kosovo Albanien Bulgarien 1,7 2,8 2,2 3,0 2,0 3,1 1,9 3,1 2,0 3,3 2,5 3,5 Eine europäische Identität ist relativ weitverbreitet und reicht von 68 %(Albanien) bis 94 %(Slowenien) der nationalen Identität. Eine kosmopolitische Identität ist im Durchschnitt sogar ein bisschen ausgeprägter als die europäische Identität. In dieser Hinsicht scheint die Jugend in der Region den Prozessen der Europäisierung und Globalisierung relativ offen gegenüber zu stehen. Diese Vorstellung wird auch von der Tatsache gestützt, dass – mit Ausnahme Serbiens – die überwältigende Mehrheit der Jugendlichen in SOE(noch) für den Beitritt ihres Landes zur EU ist (Grafik 7.16). Außerdem lassen unsere Vergleiche mit den Zahlen der FES Youth Studies SEE 2011–15-Umfragen den Schluss zu, dass die Unterstützung in den letzten Jahren größer geworden ist. 133 0 1 2 3 4 5 Nationale Regierung Europäische Union Man beachte: Durchschnittswerte auf einer Skala von 1(‚überhaupt nicht‘) bis 5(‚sehr stark‘). Tatsächlich korreliert auf nationaler Ebene die durchschnittliche ‚europäische Netto-Identität‘ sehr negativ mit der durchschnittlichen Wahrnehmung der Situation in der EU. 132 Damit zeigt sich deutlich, dass die Euroskepsis unter jungen Menschen getrennt gesehen werden muss von deren europäischer Identität. Das extrem große Vertrauen, das Jugendliche aus Ländern wie Albanien, Kosovo und BuH der EU entgegenbringen, kann – zumindest zum Teil – erklärt werden mit der sogenannten ‚ Honeymoon.‘-Phase D.h. junge Menschen in diesen Ländern kennen die EU nicht sehr gut, was auch die geringe Identifikation mit der EU erklärt. Die fehlende Vertrautheit mit der EU macht es jungen Menschen aus diesen Ländern möglich, die EU zu idealisieren, insbesondere da sich alle diese Länder in eben dieser EU eine bessere Zukunft versprechen. Unabhängig vom aktuellen Status einzelner Länder befürwortet die Mehrheit in wachsendem Maße eine Mitgliedschaft in der EU, angefangen mit 56 % in Serbien bis 95 % in Albanien. Es lässt sich demnach festhalten, dass die Rhetorik der Europäischen Kommission, die die WB6-Jugend als ‚unsere zukünftigen EU-Bürger_innen‘(Europäische Kommission, 2018a) bezeichnet, durchaus die Einstellungen der meisten jungen Menschen in der Region widerspiegelt. GESELLSCHAFTSPOLITISCHE WERTE UND EINSTELLUNGEN 61 ABBILDUNG 7.15: Nationale, europäische und kosmopolitische Identifikation der Jugendlichen, nach Ländern 5,0 4,5 4,0 3,5 3,0 2,5 2,0 1,5 1,0 Albanien Kosovo Bulgarien Wie sehr sehen Sie sich als(LAND)er? Wie sehr sehen Sie sich als Europäer_in? 100 % 90 % 80 % 70 % 60 % 50 % 40 % 30 % 20 % 10 % 0 % Serbien Rumänien Mazedonien Montenegro Kroatien BuH Slowenien Wie sehr sehen Sie sich als Weltbürger_in? EU / nationale Identität Man beachte: Vorhandene Antworten in Bezug auf die drei Fragen liegen zwischen 1(‚überhaupt nicht‘) und 5(‚sehr stark‘). ABBILDUNG 7.16: Unterstützung für eine EU-Mitgliedschaft, nach Ländern. Sollte Ihr Land Ihrer Meinung nach in der Europäischen Union bleiben / beitreten? Serbien Montenegro Slowenien Mazedonien Bosnien und Herzegowina Rumänien Kroatien Kosovo Bulgarien Albanien 0 % Man beachte: Prozent derer, die mit ‚Ja‘ antworteten. 10 % 20 % 30 % 40 % 56 50 % 60 % 70 % 77 78 81 85 85 87 89 91 95 80 % 90 % 100 % 62 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN Jugendliche in der gesamten SOE-Region sehnen sich in erster Linie nach mehr wirtschaftlichem Wohlstand und Sicherheit. Sie sind weitgehend unzufrieden mit dem Zustand der Demokratie und Wirtschaft in ihren Ländern. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass eine breite Mehrheit von ihnen die Idee eines starken Sozialstaats unterstützt, und gleichzeitig der Wunsch nach einer starken politischen Führung in den letzten zehn Jahren erheblich zugenommen hat. Mangelnde wirtschaftliche Sicherheit kann auch z. T. die Ursache für die relativ ausgeprägte und zunehmende Toleranz gegenüber informellen Wirtschaftspraktiken sein: z. B. Beziehungen nutzen und bei der Steuer schummeln. Gleichzeitig zeigen sich Jugendliche in der Region weitestgehend und in zunehmendem Maße proeuropäisch, wobei die EU vorrangig als ein Mittel zur Erlangung allgemeinen wirtschaftlichen Wohlstands gesehen wird. ZENTRALE ERKENNTNISSE: 1. Gesellschaftspolitische Werte der Jugendlichen konzentrieren sich auf wirtschaftliche und soziale Sicherheit. 2. Ein starker Sozialstaat findet überwältigende Unterstützung, insbesondere unter Jugendlichen mit geringerem sozioökonomischem Status. 3. Die Einschätzung, dass der Sozialstaat nicht funktioniert, drängt Jugendliche zu den politischen Rändern im LinksRechts-Spektrum hin. 4. Eine liberale politische Orientierung ist unter Jugendlichen aus sozioökonomisch höher entwickelten Ländern sehr viel häufiger. 5. Seit 2008 konnte ein deutlicher Anstieg der Unterstützung für eine starke politische Führung in der gesamten Region verzeichnet werden, die in sozioökonomisch weniger entwickelten Ländern und unter Jugendlichen mit geringerem sozioökonomischem Status erheblich größer ist. Die Jugend in der Region betrachtet eine starke politische Führung vor allem als Mittel zur Stärkung einer repräsentativen Demokratie, die Probleme wie die Bedrohung der nationalen Sicherheit und Korruption besser in den Griff kriegt. 6. In der gesamten Region bleiben Jugendliche zumeist unzufrieden mit dem Zustand der Demokratie in ihren Ländern. Während das Vertrauen in Mitglieder der Familie sehr groß ist, ist das Vertrauen in staatliche Institutionen und politische Führungen extrem gering. 7. Die Toleranz gegenüber informellen Wirtschaftspraktiken wie die Ausnutzung von Beziehungen, Bestechung oder Steuerbetrug ist relativ hoch und seit 2008 noch erheblich gestiegen. Sie korreliert üblicherweise negativ mit Unterstützung für den Rechtsstaat. 8. In einigen Ländern, besonders Bulgarien und Albanien, bestehen relativ starke ethno-nationalistische Neigungen unter den Jugendlichen. 9. Die Jugend in der gesamten Region versteht sich eindeutig als europäische Bürger_innen und vertraut der EU relativ stark. Eine Mitgliedschaft in der EU findet starken und zunehmend mehr Rückhalt, wobei die EU vor allem mit mehr wirtschaftlichem Wohlstand in Verbindung gebracht wird. Pro-EU-Einstellungen sind besonders unter Jugendlichen aus sozioökonomisch weniger entwickelten Ländern wie Kosovo und Albanien verbreitet. GESELLSCHAFTSPOLITISCHE WERTE UND EINSTELLUNGEN 63 EMPFOHLENE MASSNAHMEN: 1. Die Politiker_innen sollten sich bemühen, den Wunsch der Jugendlichen nach allgemeiner wirtschaftlicher Sicherheit und einem starken Sozialstaat aufzugreifen und in greifbares politisches Handeln umzusetzen, an dem junge Menschen auch direkt beteiligt sind. Es ist absolut notwendig, jungen Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass ihre weitgehend demokratisch-sozialistischen Einstellungen und Taten reale politische und soziale Konsequenzen haben. 2. In ähnlicher Weise sollten die Wünsche und der Optimismus der jungen Menschen in Bezug auf die EU-Integration in zivilgesellschaftliches und politisches Handeln umgesetzt werden. Das würde sowohl den europäischen Integrationsprozess wie auch die zivilgesellschaftliche und politische Teilhabe der Jugendlichen beflügeln. 3. Um die problematische Toleranz gegenüber informellen Praktiken unter den Jugendlichen einzudämmen, sollten rechtsstaatliche Prinzipien im großen Maßstab gefördert und umgesetzt werden. 65 8 POLITISCHE UND ZIVILGESELLSCHAFTLICHE TEILHABE Mirna Jusić und Miran Lavrič In den letzten Jahrzehnten wuchs in der internationalen empirischen Literatur die Erkenntnis, dass die politische Beteiligung Jugendlicher zurückgeht, was sich sowohl in nachlassender Wahlbeteiligung wie rückläufiger Parteienmitgliedschaft der Jugendlichen äußerte(Sloam, 2017, S. 287). Da das Engagement Jugendlicher wichtig ist für ein demokratisches Verständnis von Staatsbürgerschaft, könnte ein solcher Rückgang zwangsläufig in einer Krise der Staatsbürger_innen(Macedo et al., 2005) und der politischen Systeme(Stoker, 2006) enden. Die Beweislage spricht dafür, dass Jugendliche zur Wahlenthaltung in den nächsten Wahlen neigen, wenn sie nicht gleich nach Erreichen der Volljährigkeit zur Wahl gegangen sind, sodass geringe Wahlbeteiligung unter Jugendlichen„symptomatisch ist für sinkende Wahlbeteiligung aller Altersgruppen im Laufe der Zeit“ (Sloam, 2017, S. 292). Die politische Enthaltsamkeit junger Menschen könnte besonders jene Länder treffen, die noch nicht völlig demokratisch gefestigt sind(Merkel, 2007). Aber Ernüchterung in Bezug auf die etablierte Politik bedeutet nicht automatisch politische Gleichgültigkeit. Nach Norris(2002) haben junge Menschen ihr Repertoire an Engagement geändert und wählen nunmehr alternative Formen wie Straßenproteste anstelle der traditionellen Wahlbeteiligung; außerdem hat sich das Medium des Engagements geändert: statt Parteien oder Gewerkschaften sind es jetzt die Nicht-Regierungsorganisationen. Eine von Teorell und anderen(2007) vorgeschlagene Typologie politischen Engagements geht über die Wahlbeteiligung hinaus und umfasst auch die Beteiligung der Bürger_innen als Verbraucher_innen, in Parteien, als Protestbewegung oder indem man Institutionen oder Politiker_innen kontaktiert. Das Engagement junger Menschen wird auch zunehmend durch spezifische Themen ausgelöst; solch ein themenspezifisches Engagement äußert sich z. B. durch das Unterschreiben von Petitionen, Teilnahme an Demonstrationen oder Boykotts(Sloam, 2017, S. 290; dazu auch Inglehart & Welzel, 2005). Zwar hat die empirische Forschung einen Rückgang der Wahlbeteiligung und Parteienmitgliedschaft unter jungen Menschen im Lauf der Zeit in Europa dokumentiert, aber die Lage ist nicht ganz hoffnungslos. Eine Studie von Eurobarometer aus 2017 stellte fest, dass sich eine große Mehrheit der Jugendlichen in den letzten drei Jahren an einer Wahl beteiligt hatte und dass gegenüber der entsprechenden Studie von 2014 die Wahlbeteiligung um 18 Prozentpunkte gestiegen war. Eine Zunahme der politischen Beteiligung ging einher mit einer Zunahme an ehrenamtlichen und zivilgesellschaftlichen Aktivitäten, insbesondere auf kommunaler Ebene(Europäische Kommission, 2018b, S. 4). Das könnte u.a. auf die wirtschaftliche Erholung nach der Finanzkrise von 2008 zurück- 66 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 8.1: Die Einschätzungen junger Menschen bezüglich der gesellschaftspolitischen Lage in einem nationalen Kontext, nach Ländern Slowenien 63 54 62 Serbien 65 71 72 Mazedonien 46 61 73 Montenegro 50 72 76 Kroatien 53 67 76 Rumänien 68 69 77 Kosovo 57 69 80 Albanien 54 66 82 Bosnien und Herzegowina 64 86 84 Bulgarien 59 69 91 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % Die Interessen junger Menschen sind in der nationalen Politik nicht gut vertreten Ich glaube nicht, dass sich Politiker um die Meinungen junger Menschen scheren Junge Menschen sollten mehr Mitsprachemöglichkeiten in der Politik haben Man beachte: Prozentsatz derer, die Antwort 4(‚stimme zu‘) oder 5(‚stimme völlig zu‘) auf einer Skala von 1 bis 5 wählten. POLITISCHE UND ZIVILGESELLSCHAFTLICHE TEILHABE 67 zuführen sein, als sich infolge von Sparplänen unmittelbar danach „junge Menschen vom Staat in Stich gelassen, vernachlässigt oder sogar schikaniert fühlten“(Sloam, 2017, S. 288). DIE GESELLSCHAFTSPOLITISCHE LAGE DER JUGENDLICHEN Ähnlich den Ergebnissen aus der letzten Reihe der Jugendstudien (Jusić& Numanović, 2017) fühlen sich junge Menschen in der gesamten SOE-Region in der nationalen Politik ungenügend vertreten, wobei der Anteil unzufriedener Jugendlicher von 46 % (Mazedonien) bis 68 %(Rumänien) reicht. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass sich eine breite Mehrheit(78 %) dafür ausspricht, jungen Menschen mehr Mitsprachemöglichkeiten in der Politik zu gewähren(Grafik 8.1). Aber inwiefern ist diese Begeisterung für mehr Mitsprache in der Politik durch politisches Wissen und Interesse untermauert? Nach eigenen Aussagen ist das politische Wissen junger Menschen offenbar sehr schwach entwickelt bei nur 7 %(Bulgarien) bis 19 % (Kroatien), die von sich behaupten, sich in der Politik gut auszukennen, und nur 7 %(Bulgarien) bis 17 %(Mazedonien), die ein allgemeines Interesse an der Politik bekunden. Gleichzeitig scheinen in einigen Ländern junge Menschen, die das geringste Interesse und Wissen über Politik bekundeten, wie in Bulgarien und Rumänien, auch innerhalb der Familie und mit Bekannten solche Fragen am wenigsten zu diskutieren(Grafik 8.2). ABBILDUNG 8.2: Politisches Interesse, Wissen und Überlegungen zur Politik unter Jugendlichen, nach Ländern Bulgarien 7 7 7 Rumänien 9 12 6 Albanien 7 12 10 Slowenien 13 12 12 Bosnien und Herzegowina 13 19 6 Kosovo 11 17 13 Serbien 14 16 16 Montenegro 14 16 16 Kroatien 12 19 18 Mazedonien 17 18 26 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % Ich bin persönlich an Politik interessiert Ich kenne mich in der Politik gut aus Ich diskutiere Politik häufig mit der Familie und Bekannten Man beachte: Prozentsatz derer, die Antworten 4(‚stimme zu‘) oder 5(‚stimme völlig zu‘) auf einer Skala von 1 bis 5 wählten. 68 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 Bemerkenswert ist eine starke positive Inter-Korrelation zwischen politischem Interesse, politischem Wissen und Diskussionen über Politik mit Familie und Bekannten. 134 Daraus lässt sich schließen, dass alle drei Aspekte – Interesse, Wissen und Diskussionen – Teil eines generellen Indikators für politisches Bewusstsein zu sein scheinen(s. z. B. Bartle, 2000), der von Land zu Land unterschiedlich ist und von etwa 20 % der Jugend in Mazedonien bis zu etwa 7 % in Bulgarien reicht. Auf der Ebene von SOE scheinen etwa 13 % der Jugendlichen ein solches Bewusstsein zu zeigen. Gleichzeitig ist ein erheblich nachlassendes Interesse an nationaler Politik gegenüber den Jugendstudien 2011 – 2015 beachtenswert(Grafik 8.3). Fehlendes politisches Wissen und Interesse scheinen für viele junge Menschen, die mehr Mitsprache in der Politik fordern, kein Hindernis zu sein. So stimmen nicht weniger als 57 % derjenigen, die der Aussage widersprachen, sie wüssten viel über Politik, völlig mit der Forderung nach mehr Mitsprachemöglichkeiten in der Politik für junge Menschen überein. 136 Die überwiegende Mehrheit junger Menschen in der Region fühlt sich von der nationalen Politik schlecht vertreten und wünscht mehr Mitsprache. Gleichzeitig räumt eine Mehrheit ein, sich nur wenig in der Politik auszukennen und zeigt Desinteresse, wobei der Anteil derer, die überhaupt kein Interesse äußern, in den meisten Ländern über 50 % liegt. Außerdem legen die Ergebnisse nahe, dass das politische Interesse unter Jugendlichen seit der letzten ReiheJugendstudien abgenommen hat. ABBILDUNG 8.3: ‚Überhaupt nicht interessiert an nationaler Politik‘: Studien 2011 – 2015 und 2018 (Altersgruppe 16 – 27)  136 Albanien 61 15 Bosnien und Herzegowina 58 24 Bulgarien 40 16 Kroatien 37 14 Kosovo 50 10 Mazedonien 40 14 Montenegro 54 0 Rumänien 56 0 Serbien 52 33 2018 2011 / 2015 Slowenien 0 % 45 23 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % POLITISCHE UND ZIVILGESELLSCHAFTLICHE TEILHABE 69 Kurz gesagt ist die Jugend großenteils von der Politik entfremdet, beklagt sich aber gleichzeitig, kein Gehör zu finden. Das steht im Einklang mit vielen Studien, die übereinstimmend einen starken Wunsch nach Repräsentanz und gleichzeitig geringes Interesse an und Wissen über Politik unter sowohl jüngeren wie älteren Bevölkerungsschichten in den meisten repräsentativen Demokratien bestätigen. 137 Solche Ergebnisse verweisen auf eine dringend notwendige Nachbesserung der politischen Kompetenz der Jugend. Korrelate zwischen selbst eingeschätztem politischen Wissen 138 und Interesse an nationaler Politik 139 lassen vermuten, dass Bildung und Bekämpfung von Armut und wirtschaftlicher Unsicherheit vielversprechende Möglichkeiten bieten, dieses Ziel zu erreichen. Interesse korreliert jedoch auch positiv mit Vertrauen in politische Institutionen, 140 das in der gesamten Region sehr niedrig ausfällt(s. Kapitel 4). Das lässt wiederum vermuten, dass die Entfremdung von der Politik auch dadurch zurückgedrängt werden könnte, dass man die Arbeitsweise politischer Institutionen verbessert. ERFAHRUNG MIT UNTERSCHIED­ LICHEN FORMEN POLITISCHEN UND ZIVILGESELLSCHAFTLICHEN ENGAGEMENTS Obwohl man der Erfahrung eigener politischer und zivilgesellschaftlicher Beteiligung wenig Bedeutung zumisst(s. Kapitel 3), wenig Interesse an der Politik zeigt und wenig Wissen über Politik bei sich voraussetzt, ist die Wahlbeteiligung junger Menschen in der SOE-Region relativ zufriedenstellend, wobei nach eigener Aussage die Mehrheit der in den letzten Wahlen wahlberechtigten Jugendlichen ihre Stimme für das nationale Parlament abgegeben haben. Bei der Wahlbeteiligung sticht besonders Mazedonien heraus, was am vor Kurzem stattgefundenen Machtwechsel liegen mag, als 2017 nach Jahren politischer Unruhen das erste Mal seit mehr als einem Jahrzehnt eine neue Partei an die Macht kam. Die Wahlbeteiligung ist in Slowenien am niedrigsten(Grafik 8.4). ABBILDUNG 8.4: Prozentsatz der Jugendlichen, die nach eigener Aussage an den letzten nationalen Wahlen teilgenommen haben und HDI-Niveau(N = bei den letzten Wahlen wahlberechtigte Jugendliche in jedem Land) 1 0,9 74 71 0,8 65 63 0,7 59 57 55 0,6 0,5 0,4 0,3 0,2 0,1 0 Slowenien Kroatien Montenegro Serbien Rumänien Bulgarien BuH Anteil Jugendlicher, die nach eig. Aussage zur Wahl gingen HDI 84 77 75 Albanien Kosovo Mazedonien 90 % 80 % 70 % 60 % 50 % 40 % 30 % 20 % 10 % 0 % 70 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 Die Ergebnisse sind nicht direkt mit der letzten Reihe an Jugendstudien vergleichbar, wo mit einer ähnlichen Frage nach dem Wahlverhalten bei allen Wahlen, an denen man teilnehmen durfte, gefragt wurde und die Beteiligung sehr viel geringer war. Obwohl die Fragen etwas anders formuliert waren, 141 ähneln die Ergebnisse denen einer neueren Eurobarometer- Umfrage von 2017, wo unter jungen Menschen in Bulgarien(71 %) und Rumänien(70 %) die Wahlbeteiligung höher lag als in Kroatien(64 %) oder Slowenien(49 %)(Europäische Kommission, 2018b, S. 16). Frühere Studien haben gezeigt, dass der sozioökonomische Status und das Bildungsniveau wichtige Prädiktoren sind für die Neigung Einzelner, an Wahlen teilzunehmen. Nach Sloam(2017) weisen solche Ergebnisse auf„riesige soziale Ungleichheiten in der Wahlbeteiligung hin und unterstreichen die zentrale Rolle sozialer und wirtschaftlicher Ressourcen für ein politisches Engagement“(S. 290). Dies wird durch eine statistische Analyse auf regionaler Ebene bestätigt, da sich erhebliche positive Korrelationen zwischen Beteiligung an nationalen Wahlen und dem Bildungsniveau der Befragten sowie der finanziellen Lage der betreffenden Haushalte nachweisen ließen. Zwar ist die Beziehung zwischen Wahlverhalten und dem kulturellen Kapital der Eltern auf Ebene einiger Länder signifikant, 142 aber nicht auf regionaler Ebene. Anders gesagt scheint der Zugang zu einigen Kapitalressourcen durchaus das Wahlverhalten zu beeinflussen. Interessanterweise ist die Wahlbeteiligung niedriger in Ländern mit höherem HDI, 143 was nicht ganz den Erwartungen der Literatur in diesem Bereich entspricht, wo postuliert wird, dass in Ländern, wo die Wählerinnen besser informiert und weniger auf Befriedigung der Grundbedürfnisse fokussiert sind, sie auch weniger an politischen Prozessen teilnehmen(Solijonov, 2016, S. 35). Es könnte verschiedene Gründe dafür geben. Zwar spielt der persönliche Zugang zu wirtschaftlichem Kapital eine Rolle, wie oben dargelegt, aber das HDI-Niveau spiegelt vielleicht den sozioökonomischen Status junger Menschen nicht ausreichend wider. Außerdem könnte die wahrgenommene Bedeutung von Wahlen – z. B. der sehr umstrittenen nationalen Wahlen in Mazedonien 2016 – junge Menschen motivieren, sich stärker an den Wahlen zu beteiligen. Nicht zuletzt könnten auch wichtige gesellschaftliche Themen(wie Arbeitslosigkeit, Korruption etc.), die in den Wahlkampagnen angesprochen und auf breiter Ebene kommuniziert werden, in weniger entwickelten Ländern zur Stimmabgabe motivieren. Es verwundert nicht, dass die statistische Analyse auf regionaler Ebene auch zeigt, dass junge Menschen, deren Interessen ihrer Meinung nach von der nationalen Politik nicht vertreten werden, eher nicht zur Wahl gehen. 144 Außerdem gibt es eine positive Korrelation zwischen der Stimmabgabe und Interesse an Politik. 145 Ältere Jugendliche scheinen eher zur Wahl zu gehen, 146 möglicherweise aufgrund ihres größeren Interesses an Politik. Trotz eines ausgeprägten Desinteresses an Politik ist die Wahlbeteiligung junger Menschen relativ hoch, wobei der Anteil jener, die nach eigener Aussage an den letzten nationalen Wahlen teilgenommenhaben, von 55 % in Slowenien bis 84 % in Mazedonien reicht. Interessanterweise nehmen Jugendliche aus sozioökonomisch weniger entwickelten Ländern mit größerer Wahrscheinlichkeit an Wahlen teil. Auf der individuellen Ebene gehen Befragte mit höherem Bildungsniveau und aus besser gestellten Haushalten jedoch eher zur Wahl. Wie äußert sich das politische und zivilgesellschaftliche Engagement junger Menschen sonst noch abgesehen von der Wahlbeteiligung? Allgemein gesprochen haben junge Menschen in der Region sehr wenig Erfahrung mit unterschiedlichen Formen des politischen Engagements. Außerdem scheinen auch die traditionellen Kanäle für ein Engagement, z. B. eine Partei, nur sehr selten in Frage zu kommen(Grafik 8.5.). Man könnte sich also schon fragen, ob die Jugend in SOE tatsächlich – im Sinne von Norris(2002) – ihr Repertoire politischen Engagements hin zu einem ‚nicht konventionellen‘, eher themenbezogenen Engagement geändert hat. Der Prozentsatz der Jugendlichen, die bereit wären, einige dieser Beteiligungsformen auszuprobieren, scheint jedoch größer zu sein als der Prozentsatz derjenigen mit tatsächlicher Erfahrung mit unterschiedlichen Formen politischen Engagements. Nimmt man Erfahrung und Bereitschaft zusammen, scheint es ein beträchtliches Potenzial zur Mobilisierung junger Menschen mittels nicht konventioneller Beteiligungsformen zu geben: so haben z. B. 33 % der Befragten schon einmal eine politische Petition oder einen Appell online unterzeichnet, oder wären dazu bereit; und 30 % haben schon an Demonstrationen teilgenommen oder wären dazu bereit. Es ist auch auf Unterschiede zwischen Ländern hinzuweisen: so scheinen z. B. Jugendliche in Slowenien und Mazedonien – wo den Parlamentswahlen 2016 Proteste der Zivilgesellschaft und Studentenversammlungen vorausgingen(Kosturanova, 2017) – sehr viel mehr Erfahrung mit alternativen Beteiligungsformen zu haben. Z. B. haben nicht weniger als 27 % der Jugendlichen in Slowenien schon einmal einen politischen Appell oder eine Online-Petition unterschrieben, während immerhin 22 % der Jugendlichen in Mazedonien an einer Demonstration teilgenommen haben. POLITISCHE UND ZIVILGESELLSCHAFTLICHE TEILHABE 71 ABBILDUNG 8.5: Erfahrung junger Menschen mit unterschiedlichen Formen politischen Engagements oder Interesse daran, diese auszuprobieren in SOE Teilnahme an ehrenamtl. oder zivilgesellschaftl. Aktivitäten Liste mit pol. Forderungen / Petitionen online unterstützen Teilnahme an Demonstrationen Dinge aus pol. oder umweltpol. Gründen nicht kaufen Teilnahme an pol. Aktivitäten / in sozialen Netzwerken online Mitarbeit in einer Partei oder pol. Gruppe Nein Bislang nicht, würde ich aber Habe ich schon gemacht 64 68 70 23 13 18 15 18 12 78 14 8 80 12 8 82 13 5  % ABBILDUNG 8.6: Bereitschaft junger Menschen zur Übernahme eines politischen Amtes Montenegro 15 14 Mazedonien 13 36 Albanien 9 26 Slowenien 8 21 Serbien 7 15 Kosovo 7 18 Kroatien 7 21 Rumänien 7 15 BuH 5 16 Bulgarien 5 12  % 71 50 65 71 78 76 73 79 78 Gern / ich habe schon eine solche Funktion 84 Vielleicht Überhaupt nicht / wahrscheinlich nicht Studien haben gezeigt, dass Alter eine wichtige Rolle bei einem themenspezifischen Engagement wie Unterzeichnung von Petitionen, Teilnahme an Demonstrationen und Boykotts spielt: ältere Jugendliche hatten mehr Erfahrung mit Aktivitäten wie Boykotts in der EU15, während für„ offene Formen politischen Protests” wie Demonstrationen das Gegenteil zutraf(Sloam, 2017, S. 290– 291). Bei der Frage, ob ein höheres Bildungsniveau eher zu einem themenspezifischen Engagement führt, ergibt sich kein einheitliches Bild, aber es lässt sich zumindest für einige Formen wie die Unterzeichnung einer Petition oder Teilnahme an einem Boykott bestätigen(ebenda. S. 291). Eine statistische Analyse auf regionaler Ebene lässt auch vermuten, dass die Beteiligung an solchen Aktivitäten vom wirtschaftlichen und kulturellen Kapital und auch vom Alter abhängt. Erfahrung mit oder Interesse an einer Teilnahme bei Protesten oder Unterstützung politischer Appelle oder Online-Petitionen korrelieren z. B. positiv mit dem eigenen Bildungsniveau, materiellem Besitz eines Haushalts und dem kulturellen Kapital der Eltern. Es besteht auch ein positiver Zusammenhang mit einem städtischen Wohnort. Ältere Jugendliche unterstützen ein solches Engagement stärker. Es korreliert außerdem positiv mit dem HDI von Ländern. A n d e re r s e i t s b e s te ht e i n e n e g at i ve Ko r re l at i o n z u m N EE T-St at u s 147 . Zwar sind nur sehr wenige junge Menschen in der Region der Meinung, dass ihre Interessen in der nationalen Politik gut vertreten seien, aber wenige wären bereit, ein politisches Amt zu übernehmen. In der Tat ist fast die Mehrheit und mehr als die Hälfte in einigen Ländern überhaupt nicht bereit, eine solche Rolle zu übernehmen; die Ausnahme bildet Mazedonien, wo jüngste politische Ereignisse das Interesse junger Menschen an einem solchen politischen Engagement geweckt haben. Die Ergebnisse der Studie zeigen auch, dass aktuell eine kleine Minderheit unter den Jugendlichen in SOE ein politisches Amt bekleidet (Grafik 8.6). Die allgemein fehlende Bereitschaft zur Übernahme politischer Funktionen geht einher mit der vorherrschenden Meinung, in der nationalen Politik des Heimatlandes unterrepräsentiert zu sein. Angesichts des extrem geringen Vertrauens junger Menschen in politische Führungen, Parteien und Institutionen(s. Lavrič, Kapitel 4) könnte die fehlende Motivation für ein politisches Engagement möglicherweise daher rühren, dass man so etwas als wirkungslos erachtet. Es ist nicht verwunderlich, dass auf der regionalen Ebene die Bereitschaft zur Übernahme einer politischen Funktion deutlich positiv mit Vertrauen in politische Institutionen korreliert. 148 Eine politische Aufgabe zu übernehmen scheint auch vom Zugang zu Ressourcen abzuhängen. Eine statistische Analyse auf regionaler Ebene zeigt, dass die Bereitschaft zu einem politischen Amt deutlich positiv mit dem Bildungsniveau der Befragten, der finanziellen Lage und dem materiellen Besitz der Haushalte sowie 72 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 dem kulturellen Kapital der Eltern korreliert. Die Bereitschaft, ein politisches Amt zu übernehmen, ist in städtischen Gebieten größer. Andererseits korreliert die Bereitschaft negativ mit dem NEET-Status, was vermuten lässt, dass junge, bildungs- und beschäftigungsferne Menschen weder die Motivation noch die notwendigen Ressourcen für politische Ämter haben. 149 Eine damit verbundene Frage nach Arbeit für eine Partei oder politischen Gruppe, oder ein entsprechendes Interesse,(Grafik 8.5.) offenbart eine ähnliche Dynamik: ein solches Engagement korreliert deutlich positiv mit dem Bildungsniveau der Befragten und dem materiellen Besitz der Haushalte sowie dem Bildungsstand der Eltern. Ältere Jugendliche und Jugendliche aus städtischen Gebieten arbeiten eher für eine Partei. Andererseits haben NEET weniger Erfahrungen dieser Art. 150 Solche Analysen bestätigen erneut die Meinung, dass das Engagement in einer Partei tatsächlich den Zugang zu verschiedenen Formen von Kapital – egal ob wirtschaftlicher, kultureller oder sozialer Art – voraussetzt. Abgesehen von ihrer Teilnahme an Wahlen haben junge Menschen in der Region sehr wenig Erfahrung mit verschiedenen Formen politischen oder staatsbürgerlichen Engagements. Sobald aber ein Interesse daran einhergeht mit der tatsächlichen Erfahrung, scheint größere Handlungsbereitschaft zu bestehen. Engagement über traditionelle Kanäle wie Parteien scheint selten vorzukommen, und nur ein kleiner Teil der Jugend in der gesamten SOE-Region hat eine politische Funktion. Ein themen- und parteibezogenes Engagement scheint an ein höheres Bildungsniveau sowie an wirtschaftliches und kulturelles Kapital gekoppelt zu sein, was auf inhärente Ungleichheiten bei der politischen Teilhabe schließen lässt. Eine weitere relevante Frage bezieht sich auf die Beziehung zwischen politischem Engagement und politischen Einstellungen. Diesbezüglich zeigt eine statistische Analyse auf regionaler Ebene eine deutlich positive Korrelation zwischen Stimmabgabe und Unterstützung des Sozialstaats, aber auch Unterstützung einer starken Führung und Nationalismus. Wer auf dem politischen Spektrum rechts steht, hat auch eher an Wahlen teilgenommen. 151 Dieselben signifikanten Beziehungen(mit Ausnahme des Nationalismus) kommen zum Tragen, wenn es darum geht, ob junge Menschen zur Wahl gehen würden, sollten nationale Wahlen abgehalten werden. 152 Für andere Formen des politischen Engagements lässt eine statistische Analyse auf regionaler Ebene vermuten, dass junge Menschen, die einen starken Sozialstaat favorisieren, im Gegensatz zu ihrem Wahlverhalten eher seltener an ‚politischem Protest‘ wie Petitionen, Demonstrationen oder Boykotts beteiligt sind, aber auch weniger häufig ehrenamtliche Aufgaben übernehmen, für eine politische Partei oder Gruppe arbeiten oder sich an politischen Aktivitäten online beteiligen. 153 Ähnliches gilt für die Befürworter einer starken Führung, die ebenfalls weniger an politischen und ehrenamtlichen Aktivitäten – mit Ausnahme von Wahlen – beteiligt sind, 154 aber eher zur Wahl gehen, wie oben ausgeführt. Interessanterweise gilt dies auch für jene, die stärker proeuropäisch eingestellt sind 155 . In der Theorie könnte man diese Korrelationen mit der höheren äußeren Kontrollüberzeugung unter den Befürwortern eines starken Sozialstaats(s. Kouba& Pitlik, 2014), einer starken politischen Führung und der EU erklären. Diese drei Ideen beziehen sich alle auf starke externe Akteure(Parteien/politische Führungen/die EU), die die dringendsten sozialen Probleme lösen sollen. Andererseits muss unterstrichen werden, dass die negativen Korrelationen in Bezug auf unkonventionelle politische Partizipation sehr schwach ausgebildet waren und erkennen ließen, dass die Unterstützer_innen des Sozialstaats noch immer die große Mehrheit unter den unkonventionell aktiven Jugendlichen stellen. Z. B. stimmen nicht weniger als 63 % derer, die an einer Demonstration teilgenommen haben oder teilnehmen würden, völlig der Aussage zu, dass ABBILDUNG 8.7: Häufigkeit des ehrenamtlichen Engagements in sozialen Projekten, Initiativen, Vereine Kroatien Bulgarien Rumänien Kosovo Albanien BuH Serbien Montenegro Slowenien Mazedonien 48 48  % 72 72 71 69 69 66 64 63 25 24 12 9 51 14 5 2 4 15 6 5 3 1 16 9 4 21 16 8 51 15 8 83 19 8 3 41 19 10 4 2 2 14 8 41 13 8 33 Niemals Selten(einmal pro Monat oder weniger) Manchmal(einige Male pro Monat) Häufig(mindestens einmal pro Woche) Sehr häufig(jeden Tag oder fast jeden Tag) Weiß nicht / Keine Antwort POLITISCHE UND ZIVILGESELLSCHAFTLICHE TEILHABE 73 die Regierung mehr Verantwortung übernehmen und sicherstellen solle, dass alle versorgt sind. Was sind also die Schlussfolgerungen aus den Daten zur Tragfähigkeit zivilgesellschaftlicher Mobilisierung und daran geknüpfte Hoffnungen, die vielerorts in der ganzen Region zu beobachten waren? Eine Regressionsanalyse auf regionaler Ebene lässt vermuten, dass bei einer Überprüfung nach materiellem Besitz des Haushalts, Alter, Bildungsniveau der Eltern, Geschlecht der Befragten, Wohnortgröße und ob man nicht zur Schule oder Arbeit geht(NEET) die politischen Orientierungen zugunsten einer starken politischen Führung und eines starken Sozialstaats nur geringfügig die nicht-konventionelle politische Partizipation der Jugendlichen beeinflussen. Wesentliche Faktoren zur Einschätzung dieser Form der Partizipation scheinen der materielle Status der Haushalte, Alter und das kulturelle Kapital der Eltern zu sein. Auch diese Analyse spricht wieder dafür, dass NEET sich weniger zu engagieren scheinen. 156 Anders gesagt ist das nicht-konventionelle politische Engagement weitgehend unabhängig von den politischen Einstellungen junger Menschen. Stattdessen steigt es mit Indikatoren des sozioökonomischen Status und mit dem Alter. Daraus lässt sich schließen, dass es sich bei zahlreichen zivilgesellschaftlichen und politischen Initiativen, an denen junge Menschen in der Region in den letzten Jahren beteiligt waren, um Jugendliche mit besserer sozioökonomischer Herkunft handelt. ERFAHRUNG DER JUGENDLICHEN MIT FREIWILLIGENARBEIT/EHRENAMT gang der ehrenamtlichen Tätigkeiten zu verzeichnen, insbesondere in Kroatien, Serbien, Rumänien und Bulgarien. Diese Ergebnisse sind bestürzend angesichts der wichtigen Rolle des zivilgesellschaftlichen Engagements für die Bildung sozialen Vertrauens, die Weitergabe staatsbürgerlicher Werte oder als Beitrag zum demokratischen Gefüge einer Gesellschaft. ABBILDUNG 8.8: Prozentsatz der Jugendlichen, die sich in den letzten 12 Monaten in unbezahlter, ehren­ amtlicher Tätigkeit engagierten, FES Youth Studies SEE 2011–15 und 2018 / 19(Altersgruppe 16 – 27) Albanien Bosnien und Herzegowina Bulgarien Kroatien Kosovo Mazedonien 14 18 14 13 16 8 19 7 21 16 23 17 Engagementforscher_innen unterscheiden normalerweise zwischen politischen und eher„latenten“ Formen der Partizipation wie ehrenamtliches und soziales Engagement(Amna& Ekman, 2014). Ein ehrenamtliches und freiwilliges Engagement wird als außerordentlich wichtig für die demokratische Entwicklung erachtet, da es soziales Vertrauen stärkt(Putnam, 2000). Die meisten jungen Menschen in der Region engagieren sich nie ehrenamtlich oder in sozialen Projekten, Initiativen oder über Vereine(Grafik 8.7). Ehrenamtliche Tätigkeiten scheinen in Mazedonien und Slowenien im Vergleich zur restlichen Region weiter verbreitet zu sein; für beide Länder gilt erwiesenermaßen ein aktiveres themenspezifisches politisches Engagement auch unter den Jugendlichen. Ergebnisse der Studien zeigen, dass sich im letzten Jahr in einigen Ländern eine große(64 % in Slowenien) und in anderen eine überwältigende Mehrheit(93 % in Kroatien) bei keiner unbezahlten ehrenamtlichen Tätigkeit irgendeiner Art engagiert hat, wobei im Durchschnitt 79 % der Jugendlichen in der Region eine solche Erfahrung fehlte(Grafik 8.8). Am häufigsten handelte es sich bei den Organisationen, in denen sich junge Menschen in letzter Zeit ehrenamtlich engagierten, um die Schule und Universität, gefolgt von Vereinen/Klubs, NRO und Jugendorganisationen. Im Vergleich zur letzten Forschungsreihe ist in den meisten Ländern ein RückRumänien 24 13 Slowenien 39 32 Serbien 40 21 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 2011 / 2015 2018 Eine statistische Analyse auf regionaler Ebene zeigt, dass ehrenamtliche Arbeit positiv korreliert mit der wahrgenommenen finanziellen Situation der Befragten und dem materiellen Besitz der Haushalte sowie dem Bildungsniveau der Eltern. Jüngere Jugendliche sind eher ehrenamtlich tätig; das ist vermutlich nicht verwunderlich, da junge Menschen in der Region am häufigsten über die Schulen für ein Ehrenamt geworben werden. Andererseits besteht ein stark negativer Zusammenhang zwischen ehrenamtlicher Freiwilligenarbeit und NEET-Status. 157 Solche Ergebnisse 74 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ähneln jenen, die auch für andere Formen politischer Partizipation gelten: Ressourcen scheinen für ein Engagement politischer oder ehrenamtlicher Art eine Rolle zu spielen. Obwohl das Ehrenamt eine wichtige Rolle bei der Bildung staatsbürgerlicher Werte und sozialen Vertrauens spielt, haben die meisten jungen Menschen in der SOE-Region damit keine Erfahrung irgendeiner Art; die ehrenamtliche Erfahrung scheint auch in den meisten Ländern im Vergleich zu früheren Jugendstudien abzunehmen. Außerdem gibt es einen positiven Zusammenhang zwischen Ehrenamt und dem materiellen Status und kulturellen Kapital der Eltern. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN Junge Menschen in SOE haben allgemein kein Interesse an der Politik und behaupten von sich in der Regel, wenig über die Politik zu wissen. Sie berichten jedoch von einer zufriedenstellenden Wahlbeteiligung. Allgemein sind ein themenspezifisches politisches Engagement und andere ‚alternative‘ Formen nicht üblich, aber nimmt man die Bereitschaft zum Engagement dazu, besteht anscheinend Potenzial für mehr politische Aktivitäten unter den Jugendlichen in SOE. Freiwilligenarbeit ist nicht gängige Praxis und scheint im Vergleich zu früheren Studien noch zurückgegangen zu sein. Alle Formen des Engagements – sowohl zivilgesellschaftliche wie politische – korrelieren positiv mit dem sozioökonomischen und kulturellen Kapital und korrelieren negativ mit Beschäftigungs- und Bildungsferne, womit sich andeutet, dass soziale Ungleichheit zur politischen und zivilgesellschaftlichen Partizipation der SOE-Jugend dazu gehört. ZENTRALE ERKENNTNISSE: 1. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass das Interesse junger Menschen an der Politik allgemein, an internationaler Politik und Innenpolitik gewöhnlich niedrig ist und erheblich niedriger als im Vergleich zu den Ergebnissen der FES Youth Studies SEE 2011–15-Studien. Mehrheitlich behauptet man von sich, wenig über Politik zu wissen. Eine überwältigende Mehrheit Jugendlicher in der SOE-Region fühlt sich jedoch in der nationalen Politik schlecht vertreten und wünscht sich mehr Mitsprachemöglichkeiten. 2. Trotz geringen politischen Bewusstseins berichten junge Menschen in den meisten Ländern der Region von ziemlich hoher Wahlbeteiligung, insbesondere in Mazedonien, wo eine überwältigende Mehrheit der wahlberechtigten Jugendlichen auch tatsächlich beim letzten Mal zur Wahl ging. Jugendliche aus weniger entwickelten Ländern neigen zu höherer Wahlbeteiligung. 3. Abgesehen vom Wahlverhalten berichten junge Menschen aus der Region von relativ wenig Erfahrung mit verschiedenen Formen politischer und zivilgesellschaftlicher Partizipation, die nicht auf Demonstrationen, Boykotts und die Nutzung sozialer Medien für politische Zwecke beschränkt ist. Slowenien und Mazedonien weichen insofern ab, als ein solches Engagement dort eher üblich ist. Nimmt man jedoch die Erfahrung mit und das Interesse an einer Beteiligung bei bestimmten Formen politischer Partizipation zusammen, z. B. Online-Petitionen oder Demonstrationen, scheint es durchaus Spielraum für eine politische Mobilisierung Jugendlicher in der Region zu geben. 4. Junge Menschen in den meisten SOE-Ländern scheinen überhaupt keine Neigung zu verspüren, Parteien als Mittel für ein politisches Engagement in Betracht zu ziehen. Engagement in einer Partei scheint ein seltenes Phänomen zu sein, und nur ein kleiner Teil der jungen Menschen in der gesamten Region berichtet von der Übernahme einer politischen Funktion. 5. Die Mehrheit junger Menschen in SOE ist nie mit ehrenamtlichen Funktionen in Kontakt gekommen. Ein solches Engagement scheint aktuell auch weniger verbreitet im Vergleich zu früheren Studien. 6. Beteiligung an Wahlen, verschiedene Formen themenspezifischen Engagements, Engagement über Parteien und ehrenamtliche Aufgaben korrelieren sehr stark mit einem höheren sozioökonomischen Status, dem Bildungsniveau und/oder Bildungsniveau der Eltern. Das lässt auf anhaltende soziale Ungleichheiten schließen; anders gesagt scheinen sowohl das politische wie das zivilgesellschaftliche Engagement vom Zugang zu verschiedenen Ressourcen abhängig zu sein. POLITISCHE UND ZIVILGESELLSCHAFTLICHE TEILHABE 75 EMPFOHLENE MASSNAHMEN: 1. Zur Förderung des staatsbürgerlichen und politischen Engagements unter den Jugendlichen in SOE sollten sich die politischen Entscheidungsträger_innen, Bildungseinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen darum bemühen, die politische Kompetenz junger Menschen zu verbessern. Das erfordert innovative und effektive Programme der politischen Bildung in der Region. Im weiteren Sinne lassen unsere Daten darauf schließen, dass eine Anhebung des allgemeinen Bildungsniveaus und die Bekämpfung von Armut und wirtschaftlicher Unsicherheit in diesem Zusammenhang ebenfalls eine sehr wichtige Rolle spielen. 2. In Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft sollten die Regierungen mehr Möglichkeiten für junge Menschen schaffen, sich ehrenamtlich oder in anderer Form als Staatsbürger_innen zu engagieren. Solche Möglichkeiten sollten über das Bildungssystem geschaffen und gefördert werden, was auch schon jetzt ein wichtiger Mechanismus ist, um junge Menschen an das Ehrenamt heranzuführen. 3. Die politische Vertretung junger Menschen sollte sowohl über Strukturen der Volksparteien wie auch Vertretungsorgane wie Jugendräte oder-ausschüsse gestärkt werden. Nimmt man Jugend und Jugendthemen in parteipolitische Programme auf, könnte damit das Interesse der Jugendlichen an den großen Parteien gefördert werden. 4. Angesichts universeller Internet-Nutzung unter Jugendlichen in SOE und deren Erfahrung oder Interesse an politischem Online-Engagement könnte die e-Partizipation Jugendlicher durch die Entwicklung maßgeschneiderter Plattformen gefördert werden, die wichtige Informationen über ein solches Engagement und entsprechende Möglichkeiten anbieten. 77 9 MOBILITÄT UND MIGRATION Mirna Jusić und Miran Lavrič Die internationale empirische Literatur macht auf zunehmend nicht-lineare, flexible Übergänge im Leben junger Menschen(Pollock, 2008) sowie deren Umkehrbarkeit(z. B. wieder bei den Eltern einziehen oder die Beschäftigung ruhen lassen) aufmerksam (Machado Pais, 2000). Mobilität kann solche Übergänge weiter verkomplizieren, weil junge Menschen sie nutzen, um ihren Übergang ins Erwachsenenleben erfolgreicher zu bewältigen. Solche ‚räumliche Reflexivität‘(Cairns et al., 2012; Cairns, 2014, S. 6) scheint von großer Bedeutung im Zusammenhang mit Jugendlichen in der SOE-Region zu sein. Emigration hat besonders in jenen Ländern des Westbalkan an Dynamik gewonnen, die nicht der EU beigetreten sind: Albanien, BuH, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien. Im Laufe der letzten zehn Jahre wurde Reisen vor allem aufgrund der Liberalisierung der Visaverfahren erleichtert, die die Länder(mit Ausnahme Kosovo) mit der EU vereinbart haben. 158 2015 wurden die Länder des Westlichen Balkans von Deutschland zu ‚sicheren‘ Herkunftsländern erklärt, um die Zahl der Asylsuchenden aus der Region einzudämmen; jedoch machten es neue Regeln für Arbeitsmigration den Bürger_innen der Region leichter, in Deutschland zu arbeiten, und zogen viele neue Arbeitnehmer_innen an. 159 Schon vor ihrem EU-Beitritt verzeichneten Bulgarien, Kroatien und Rumänien starke Wanderungsbewegungen. 2017 machten rumänische Bürger_innen im arbeitsfähigen Alter, die im EU-Ausland lebten, 19,7 % der Wohnbevölkerung Rumäniens aus, die größte nationale Gruppe unter den EU-Bürgern, die mobil waren. Beachtlich war der Anteil auch für Kroatien(14 %) und Bulgarien(12,5 %), wenn man bedenkt, dass der EU-Durchschnitt im selben Jahr bei 3,8 % lag(Eurostat, 2018a). Ein aktueller Bericht der Weltbank und des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsstudien(wiiw) stellt fest, dass die Mehrheit der Emigrant_innen aus den WB6-Ländern 160 2015 im Alter von 20 bis 39 Jahren(Vidovic et al., 2018, S. 43) mit relativ hohem Bildungsniveau war. Eine solche Abwanderung der Qualifizierten( brain drain) könnte sich langfristig negativ auf Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Konvergenz der Länder auswirken(ebenda, S. 45). Abgesehen von Migration eröffnet Mobilität 161 jungen Menschen die Chance, sich Lernerfahrungen, Karriere und andere Optionen im Ausland zu erschließen. Zwar ist die Anzahl der den Jugendlichen aus SOE verfügbaren Mobilitäts-Plattformen in den letzten Jahren gestiegen, viele mit finanzieller Unterstützung der EU 162 , aber es gibt noch Spielraum für weitere Verbesserungen bei den Anstrengungen der Regierungen, die Mobilität innerhalb der SOE-Region und der EU zu erleichtern(s. z. B. Popović& Gligorović, 2016, für den Westlichen Balkan). EMIGRATIONSPOTENZIAL DER SOE-JUGEND Die Ergebnisse der Studie verweisen im Hinblick auf den Auswanderungswunsch der SOE-Jugendlichen auf einen signifikanten Gegensatz zwischen jenen Ländern, die der EU beigetreten und denen, die nicht beigetreten sind. Junge Menschen aus Rumänien, Bulgarien, Kroatien und Slowenien zeigen das geringste Interesse zu emigrieren, was wir hier als Umzug in ein anderes Land für mehr als sechs Monate definiert haben. Andererseits äußert ein erheblicher Teil der Jugendlichen aus Ländern des Westlichen Balkans, insbesondere Albanien, einen starken oder sehr starken Wunsch zu emigrieren(Grafik 9.1). 78 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 9.1: Prozentsatz der Jugendlichen, die einen starken oder sehr starken Wunsch äußern, für mehr als sechs Monate in ein anderes Land zu ziehen, nach Ländern Rumänien Bulgarien Kroatien Slowenien Montenegro BuH Serbien Kosovo Mazedonien Albanien 0 % 10 11 11 18 10 % 20 % 26 27 30 34 35 43 30 % 40 % 50 % EU-Mitgliedsländer WB6-Länder Trotz Unterschieden in der Fragestellung der Studien können wir auch einen Vergleich mit der Reihe der FES-Jugendstudien 2011– 2015 in der Region anstellen. Aus der Grafik wird erkennbar, dass der Anteil Jugendlicher, die keine Absicht zur Emigration äußerten, in einigen Ländern seit den letzten Studien zugenommen hat – und zwar in beträchtlichem Maße in Bulgarien, Kroatien und Rumänien(Grafik 9.3), drei EU-Mitgliedsländern. Zusammen mit den obigen Ausführungen zu den Unterschieden zwischen den WB6 und den EU-Mitgliedsländern ergibt sich damit ein Bild, das zumindest längerfristig dafür spricht, dass Veränderungen des EU-Mitgliedsstatus eines Landes das Ausmaß der Emigration unter Jugendlichen erheblich eindämmen können. Zur Erklärung des nachlassenden Emigrationswunsches in den meisten SOE-Ländern sei auch darauf verwiesen, dass die letzte Studienreihe in den miesten Ländern in den Jahren nach der Wirtschaftskrise 2008 durchgeführt wurde, sodass der weniger ausgeprägte Wunsch der jungen Menschen, die Heimat zu verlassen, auch auf bessere Lebensstandards und Arbeitsmöglichkeiten heutzutage zurückzuführen sein könnte. Ähnliches lässt sich feststellen, wenn man die geplante Aufenthaltsdauer junger Menschen im Ausland betrachtet. Der Anteil junger Menschen, die ihr Heimatland für mehr als 20 Jahre verlassen möchten, ist erheblich größer in Ländern, die der EU nicht beigetreten sind. Umgekehrt plant die Mehrheit der Jugendlichen aus Rumänien, Bulgarien und Slowenien einen sehr viel kürzeren Auslandsaufenthalt. Mit anderen Worten lässt die Motivation Jugendlicher für eine langfristige Emigration bei einer Mitgliedschaft in der EU erheblich nach(Grafik 9.2). Jugendliche aus EU-Mitgliedsländern sind erheblich weniger motiviert,(vor allem langfristig) zu emigrieren im Vergleich zu jungen Menschen aus WB6-Ländern. Die Absicht zu emigrieren bleibt weiterhin ausgeprägt unter den Jugendlichen aus SOE, obwohl sie in den letzten fast fünf Jahren in den meisten Ländern anscheinend nachgelassen hat. Welche persönlichen oder gesellschaftlichen Faktoren(Cairns, 2014) tragen dazu bei, dass junge Menschen ins Ausland ziehen möchten? Eine statistische Analyse auf regionaler Ebene lässt vermuten, dass eine erheblich negative Korrelation zwischen dem Wunsch nach Umzug ins Ausland und dem Bildungsniveau besteht. Junge Menschen aus städtischen Gebieten äußern eher den Wunsch zu gehen als Gleichaltrige vom Land. Der Wunsch, ins Ausland zu gehen, korreliert auf der regionalen Ebene auch erheblich negativ mit dem wahrgenommenen finanziellen Status des eigenen Haushalts. Auch der Beschäftigungsstatus spielt ABBILDUNG 9.2: Erwünschte Aufenthaltsdauer im Ausland, nach Ländern. Wie lange würden sie im Ausland bleiben? BuH Mazedonien Albanien Kosovo Serbien Montenegro Kroatien Slowenien Rumänien Bulgarien 20 17 40 32 30 26 17 20 58 51 51 46 12 21 21 35 21  % 20 25 22 22 24 27 42 39 47 Mehr als zwanzig Jahre 35 Fünf bis zwanzig Jahre 52 Ein bis fünf Jahre 64 63 Man beachte: Nur diejenigen, die überhaupt einen Umzugswunsch äußerten, beantworteten diese Frage. MOBILITÄT UND MIGRATION 79 ABBILDUNG 9.3: Prozentsatz der Jugendlichen, die keine Absicht haben zu emigrieren Rumänien 25 65 Kroatien 37 63 Bulgarien 32 62 Kosovo 22 41 BuH 38 36 Slowenien 41 34 Albanien 18 34 2011 – 15 2018 Man beachte: Prozentsatz der Personen mit der Aussage ‚Ich beabsichtige nicht zu emigrieren‘ von allen Befragten der Stichprobe. Mazedonien 23 26 Serbien 30 22 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % eine Rolle, da jene, die eine Arbeit haben, eher zu der Aussage neigen, nicht ins Ausland ziehen zu wollen, während das Gegenteil für Arbeitslose gilt. Wie bei der Erkenntnis, dass junge Menschen aus – wirtschaftlich höher entwickelten – EU-Mitgliedsländern weniger bereit sind, das Land zu verlassen, gilt auch hier, dass der Wunsch zu emigrieren stark negativ mit dem HDI der Länder korreliert. 163 Ganz ähnliche Ergebnisse zeigen sich, wenn man schwerpunktmäßig die geplante Dauer des Auslandsaufenthaltes untersucht. Auf regionaler Ebene besteht eine erheblich negative Korrelation zwischen dem Wunsch, das Land für mehr als 20 Jahre zu verlassen, und dem HDI der Länder. Pläne zur langfristigen Auswanderung korrelieren auch negativ mit dem eigenen Bildungsniveau und dem der Eltern. Andererseits sind junge Menschen, die nicht in Arbeit und Schule oder Ausbildung sind(NEET) eher zu einem Wegzug für mehr als 20 Jahre bereit ebenso wie jene, die von weniger materiellem Besitz oder einer schlechteren finanziellen Ausstattung des Haushalts berichten. 164 Alle diese Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass junge Menschen, die ihr Land für lange Zeit verlassen wollen, dies vor allem in der Hoffnung auf bessere wirtschaftliche Sicherheit anderswo tun. Trotzdem gibt es Unterschiede zwischen den Ländern in Bezug auf das Profil der Jugendlichen, die ins Ausland ziehen wollen. So gibt es z. B. nur im Falle von vier Ländern signifikant negative Korrelationen zwischen dem Wunsch zu gehen und dem Bildungsniveau: Rumänien, BuH, Bulgarien und Mazedonien. 165 In Kroatien, Rumänien, Serbien und Slowenien haben junge Menschen, die bereit sind wegzuziehen, mit größerer Wahrscheinlichkeit gebildetere Eltern. 166 Während in den meisten Ländern die Jugendlichen, die den finanziellen Status ihres Haushalts als weniger günstig einschätzen, eher weggehen würden, sind in einigen Ländern – wie Kroatien, Montenegro, Rumänien und Slowenien –jene auswanderungswillig, die von mehr materiellem Besitz des Haushalts berichten. 167 Der Wunsch zu gehen kann auch ganz allgemein als Ausdruck der Unzufriedenheit der Jugendlichen mit der Situation im Heimatland oder der Zukunft des Landes gewertet werden und nicht so sehr als ernsthaft geplante Auswanderung. Eine statistische Analyse zeigt, dass junge Menschen, die mit dem Zustand ihres Landes 80 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 unzufrieden sind, eher den Wunsch haben zu gehen; 168 dasselbe gilt für Jugendliche, die die Zukunft ihres Landes düster sehen. 169 Solche Wahrnehmungen müssen nicht unbedingt der Wirklichkeit entsprechen oder nur durch das sozioökonomische oder kulturelle Kapital der Befragten bedingt sein, sondern sie entstehen auch unter dem Einfluss medialer Narrative und politischer Äußerungen im Zusammenhang mit der Emigration. Anders gesagt führt die ständige, und insbesondere die übertriebene Kritik an der Situation im Land vonseiten der Medien und der Politik logischerweise zu einer eher negativen Sicht des Heimatlandes unter den Jugendlichen und damit einem stärkerem Wunsch zu emigrieren. Es verstärkt auch das Problem des brain drain, was wiederum im Gegenzug eine negative Wirkung auf die Situation im Land hinterlässt. Die Motivlage kann man auch durch direkte Messung der für die Emigration angeführten Gründe untersuchen. Nicht verwunderlich und in Einklang mit den oben beschriebenen Erkenntnissen zeigen die Studienergebnisse, dass die Jugendlichen aus SOE hauptsächlich emigrieren wollen, um ihren Lebensstandard zu verbessern, ein höheres Gehalt zu erhalten und bessere Beschäftigungschancen zu haben. Mit anderen Worten scheinen wirtschaftliche Gründe überdurchschnittlich häufig hinter dem Emigrationswunsch der Jugendlichen zu stehen, insbesondere in Kroatien, Rumänien und Serbien(Grafik 9.4). An zweiter Stelle, aber mit weitem Abstand kommen Bildungsmotive. In Slowenien sind Gründe wie die Erfahrung kultureller Vielfalt wichtig im Vergleich zu anderen Ländern, was darauf hindeutet, dass die Pull-Faktoren relativ stark die Emigration Jugendlicher bestimmen; d.h. sie werden nicht aus ihrem Heimatland ‚vertrieben‘, weil es an Arbeit fehlt oder aus anderen wirtschaftlichen Gründen, sondern relativ viele junge Menschen verlassen Slowenien meistens, weil sie von den Chancen ‚angezogen‘ werden, die sie sich im Ausland erhoffen. Solche Erkenntnisse stimmen überein mit der vorherigen Reihe von FES-Jugendstudien, in denen verbesserte Lebensstandards, gefolgt von mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, von den jungen Menschen als Hauptgründe für den Weggang aus dem Heimatland genannt wurden(Jusić& Numanović, 2017, S. 51). Diese Erkenntnisse sind auch in Einklang mit anderen Untersuchungen über die Region: nach einem neueren Bericht von Weltbank und wiiw„hat Emigration wesentlich dazu beigetragen, die Arbeitslosenrate“ sowie ein großes Einkommensgefälle gegenüber anderen Ländern „abzuschwächen“(Vidovic et al., 2018, S. xii). Es ist nicht verwunderlich, dass eine statistische Analyse auf regionaler Ebene zu dem Schluss führt, dass der Wunsch, aus wirtschaftlichen Gründen wegzuziehen, erheblich negativ korreliert mit dem HDI der Länder. Wer arbeitslos ist, wird eher aus wirtschaftlichen Gründen emigrieren als derjenige, der Arbeit hat oder nicht am Erwerbsleben teilnimmt. Auch NEET gehen eher aus wirtschaftlichen Gründen. Dabei scheint auch das sozioökonomische und kulturelle Kapital eine Rolle zu spielen, da Jugendliche mit weniger gebildeten Eltern, aus Haushalten mit weniger mateABBILDUNG 9.4: Geäußerte Gründe für den Umzug in ein anderes Land. Was ist der Hauptgrund für Ihren Umzug in ein anderes Land? 90 % 6,00 65 70 71 73 73 75 76 76 80 85 80 % 5,00 70 % 60 % 4,00 50 % 3,00 40 % 30 % 2,00 7 17 10 8 11 11 17 5 7 8 8 12 16 2 9 6 3 15 17 3 5 7 3 14 8 5 6 8 1 6 20 % 1,00 10 % 0 % Slowenien Bulgarien Montenegro Kosovo Mazedonien Albanien BuH Wirtschaftliche Gründe Bildung Kulturelle Vielfalt erleben Andere Wirtschaftl. gegenüber nichtwirtschaftl. Gründen 0,00 Serbien Rumänien Kroatien Man beachte: Nur diejenigen, die zumindest einen gewissen Wunsch zum Weggang äußerten, beantworteten diese Frage. MOBILITÄT UND MIGRATION 81 riellem Besitz und in schlechterer finanzieller Situation eher wirtschaftliche Gründe für den Weggang angeben. 170 Zwar korreliert auch die Migration zu Bildungszwecken negativ mit dem HDI, aber junge Menschen, die aus Bildungsgründen wegziehen, sind mit geringerer Wahrscheinlichkeit NEET. Eher nehmen sie nicht am Erwerbsleben teil und sind höchstwahrscheinlich noch in der Ausbildung. Ihre Eltern sind wahrscheinlich besser gebildet, und sie stammen eher aus finanziell besser gestellten Haushalten. Der Wunsch, zu Bildungszwecken wegzuziehen, korreliert negativ mit dem Bildungsniveau der Befragten, was vielleicht vermuten lässt, dass junge Menschen ihr Studium im Ausland abschließen möchten. 171 Ähnliches gilt für die sehr kleine Minderheit derer, die aus kulturellen Gründen wegziehen, die eher aus Haushalten mit mehr materiellem Besitz stammen, besser ausgebildet sind und deren Eltern über ein höheres kulturelles Kapital verfügen und aus städtischen Gebieten kommen. 172 ABBILDUNG 9.5: Einladung oder Unterstützung im Ausland von Privatpersonen, die der / die Befragte kennt Slowenien Montenegro BuH Kosovo Kroatien Rumänien Bulgarien Mazedonien Serbien Albanien 29 42 43 44 44 45 46 52 52 59 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % In der Region insgesamt scheinen wirtschaftliche Gründe und negative Wahrnehmungen der Situation im Heimatland die stärksten Motivationsfaktoren für die Emigration zu sein. Die der Emigration zugrundeliegenden Motive sind jedoch sehr komplex und variieren stark von Land zu Land. Das Emigrationspotenzial junger Menschen kann jedoch nicht nur durch die Untersuchung des Emigrationswunsches beurteilt werden. Auch die von den jungen Menschen unternommenen Schritte, um den Auslandsaufenthalt Wirklichkeit werden zu lassen, können aufschlussreich sein. Zwar gibt es einige Unterschiede zwischen den Ländern, doch zeigt sich in der Studie, dass die Mehrheit junger Menschen(57 %) in den meisten Ländern der Region noch keine konkreten Schritte zur Vorbereitung ihres Umzugs unternommen hat, wie z. B. Kontakt mit der Botschaft, Arbeitssuche, Bewerbung für Stipendien etc. Trotzdem berichtet eine relativ große Kohorte von ihnen(20 %), dass sie mit Freunden und Verwandten im Zielland Kontakt aufgenommen haben. Das lässt den Schluss zu, dass sich junge Menschen hauptsächlich auf ihre sozialen Netzwerke verlassen, um ihren Umzug zu bewältigen. Diese Annahme wird dadurch untermauert, dass junge, auswanderungswillige Menschen von Einladungen oder Unterstützung von Privatpersonen berichten, die im gewünschten Zielland leben; das lässt vermuten, dass eine bestehende Diaspora, die schon in das Gastland emigriert ist, wesentlich zu zukünftiger Emigration in dieses Land beiträgt(Grafik 9.5). Ja, ich habe eine Einladung oder Unterstützung von einem/einer Bekannten, der in dem Land lebt, in dem ich am liebsten leben würde. Man beachte: nur diejenigen, die zumindest den Wunsch äußerten wegzuziehen, beantworteten diese Frage. Die Bedeutung sozialer Netzwerke wird noch offensichtlicher, wenn wir Slowenien – das unverkennbar eine Ausnahme ist – aus der Analyse herausnehmen und uns in unserer Untersuchung auf junge Menschen mit einem starken Emigrationswunsch beschränken. Bestehende Sozialkontakte ins Ausland erleichtern Migration erheblich. Mit Ausnahme Sloweniens haben nicht weniger als 60 % der Jugendlichen in der SOE-Region, die einen sehr starken Wunsch zur Emigration äußerten, eine Einladung oder Unterstützung vonseiten ihrer sozialen Netzwerke im Gastland. Ob junge Menschen den Weggang in absehbarer Zukunft planen oder nicht, ist ein weiteres handfestes Indiz für ihr Emigrationspotenzial. Eine Mehrheit Jugendlicher erwägt den Umzug kurzoder mittelfristig innerhalb von sechs Monaten bis zwei Jahren in Kosovo, Albanien, Bulgarien und Rumänien; dagegen scheint ein Standortwechsel für Jugendliche aus Slowenien nicht unmittelbar bevorzustehen, wo etwa 81 % junger Menschen plant, in fünf oder mehr Jahren wegzuziehen(Grafik 9.6). Angesichts dieses Ergebnisses ist es wenig überraschend, dass die slowenischen Jugendlichen von fehlender persönlicher Unterstützung oder Einladung berichten(Grafik 9.5 oben). 82 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 9.6: Geplante Zeitspanne bis zum Verlassen des Heimatlandes Slowenien 4 BuH Mazedonien Serbien Kroatien Montenegro Bulgarien Rumänien Albanien Kosovo 15 12 13 14 14 17 20 24 28 34 28 35 27 30 22 40 28 33 37  % 37 31 31 34 35 24 34 34 13 16 8 15 6 22 7 17 6 21 5 26 10 5 22 2 27 84 21 7 2 Innerhalb der nächsten 6 Monate Innerhalb der nächsten 2 Jahre Innerhalb der nächsten 5 Jahre Innerhalb der nächsten 10 Jahre Länger als 10 Jahre von heute an Man beachte: nur diejenigen, die zumindest den Wunsch äußerten wegzuziehen, beantworteten diese Frage. ABBILDUNG 9.7: Jugendemigrationspotenzial, nach Ländern 400.000 350.000 358.000 3000.000 250.000 282.000 285.000 200.000 150.000 100.000 50.000 0 26.000 53.000 88.000 117.000 123.000 129.000 137.000 Montenegro Slowenien Kroatien Bulgarien BuH Kosovo Mazedonien Serbien Albanien Rumänien Emigrationspotenzial Anteil Jugendlicher, die wahrscheinlich emigrieren 45 % 40 % 35 % 30 % 25 % 20 % 15 % 10 % 5 % 0 % Eine statistische Analyse auf regionaler Ebene lässt vermuten, dass eine geplante Abreise innerhalb der nächsten sechs Monate erheblich negativ mit dem HDI korreliert. Auch der Beschäftigungsstatus spielt eine Rolle: 22 % derjenigen, die arbeitslos waren, im Vergleich zu 13 % der Erwerbstätigen äußerten den Wunsch, innerhalb von sechs Monaten wegzuziehen. Eine Abreise innerhalb von sechs Monaten korrelierte auch signifikant positiv mit dem NEET-Status. Jugendliche mit Eltern mit geringerem Bildungsniveau, aus Haushalten mit weniger materiellem Besitz und schlechterer finanzieller Ausstattung des Haushalts sind eher zu einem frühzeitigen Weggang bereit. 173 Nicht zuletzt scheinen auch Jugendliche vom Land eher zum Verlassen des Landes bereit. Ihre Kenntnisse über den gewünschten Aufenthaltsstaat sind ein weiterer Faktor um zu klären, wie konkret die Auswanderungspläne junger Menschen sind. Die Daten der Studie scheinen nur auf geringe Unterschiede bei den Aspekten des Lebens im neuen Land hinzuweisen, mit denen junge Menschen aus SOE nach eigener Aussage vertraut sind, z. B. kulturelle Normen und Werte, Bildungssysteme, Beschäftigung, Gesundheitswesen, Wohnungsmarkt und Sozialsysteme oder rechtsverbindliche Aufenthaltserlaubnis. Eine beträchtliche Kohorte junger Menschen aus SOE – im Durchschnitt zwischen 32 % und 39 %– behauptet von sich, mit den Normen und Institutionen ihres zukünftigen Gastlandes sehr vertraut zu sein, insbesondere im Beschäftigungsbereich. MOBILITÄT UND MIGRATION 83 Alle angeführten Aspekte wie die Wünsche junger Menschen, die von ihnen eingeleiteten Schritte, Unterstützung bei der Auswanderung und Kenntnisse über das potenzielle Zielland sind wichtige Dimensionen ihres Emigrationspotenzials. Um aussagekräftiger darstellen zu können, wie wahrscheinlich die Emigration der Befragten und wie groß das Ausmaß potenzieller Emigration als Phänomen ist, wurde ein Emigrationspotenzialindex für Einzelpersonen aus SOE erarbeitet. Bei diesem Index geht es um die sechs oben erwähnten Dimensionen, wobei die Werte zwischen 0 bis 1 schwanken und Wert 1 steht für: 174 die Abwanderung qualifizierter Jugendlicher für Albanien und Montenegro zu einem ernsten Problem werden könnte. In Serbien, Slowenien und Kroatien waren die positiven Korrelationen zwar schwächer, aber immer noch erheblich und wiesen in der Tendenz auch auf brain drain hin. Die Korrelationen waren unerheblich im Falle Rumäniens, BuH und Kosovo, aber erheblich und negativ für Bulgarien und Mazedonien, was vermuten lässt, dass Jugendliche mit Emigrationspotenzial aus diesen Ländern eher nicht gut situiert sind, ein geringeres kulturelles Kapital und geringeres Bildungsniveau haben. 178 —— Einen sehr starken Emigrationswunsch —— Geplante Abreise in den nächsten sechs Monaten —— Aufenthaltsdauer von mehr als 20 Jahren —— Unterstützung oder eine Einladung von einer Person, die im Gastland lebt —— Größtmögliche Kenntnis über das Land —— Alle sechs konkreten Schritte zur Abreise ergriffen zu haben. 175 Das Ausmaß des Problems des brain drain schwankt von Land zu Land erheblich. Es scheint in Albanien und Montenegro stark verbreitet zu sein, während in Bulgarien und Mazedonien eher Jugendliche mit geringerem wirtschaftlichem und kulturellem Kapital emigrieren. Auf der Grundlage des errechneten Emigrationspotenzials für Einzelpersonen war es uns möglich, das Emigrationspotenzial für jedes Land zu errechnen. Diese Variable beschreibt die Anzahl junger Menschen in jedem Land, die entsprechend der sechs Dimensionen des Emigrationspotenzials mit großer Wahrscheinlichkeit das Land verlassen werden. 176 Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Emigrationspotenzial unter Jugendlichen in SOE ganz erheblich ist. Geschätzt 1,6 Millionen oder 18 % der heutigen Jugend in SOE werden wahrscheinlich innerhalb der nächsten 10 Jahre auswandern. Man muss jedoch die Daten von Grafik 6.7 in einen Zusammenhang einordnen. Während z. B. nur ein relativ kleiner Teil(10 %) der rumänischen Jugend ernsthaft eine Emigration erwägt, ergibt sich daraus das größte Emigrationspotenzial(358.000) in der Region angesichts des großen Anteils der Jugend an der Bevölkerung im Land. Andererseits werden sehr wahrscheinlich nicht weniger als 40 % der albanischen jungen Menschen ihr Land verlassen, aber trotzdem ist das Emigrationspotenzial unter der albanischen erheblich geringer als unter der rumänischen Jugend aufgrund einer sehr viel kleineren Bevölkerung. So gemessen gibt es unter den EU-Ländern den geringsten Anteil an ausreisewilligen Jugendlichen. Zwar mag das Emigrationspotenzial für einzelne Länder hoch erscheinen, aber festzuhalten bleibt, dass 45 % der Befragten in der gesamten Stichprobe ein Emigrationspotenzial von 0 hatten. Anders gesagt kommt es unter den Jugendlichen in der gesamten Region relativ häufig vor, dass man eine Ausreise in Betracht zieht, aber eine signifikante Gruppe junger Menschen beabsichtigt weiterhin nicht, das Heimatland zu verlassen. In Bezug auf das Profil junger Menschen mit starkem Emigrationspotenzial scheint das Risiko eines brain drain von Land zu Land stark zu schwanken. Nehmen wir den sozioökonomischen Status der Jugendlichen als Ausdruck des brain drain, 177 lassen die Korrelationen mit dem Emigrationspotenzial vermuten, dass DIE GEFRAGTESTEN GASTLÄNDER Deutschland wird von den meisten jungen Menschen in der Region mit Ausnahme Bulgariens und Montenegros als Land ihrer Wahl für eine Emigration angeführt(Grafik 9.8). Tatsächlich wird in der gesamten Region Deutschland am häufigsten an erster und zweiter Stelle als Zielland genannt. Andere Länder, die als Zielland von Interesse sind, sind u.a. Großbritannien für Bulgarien, die USA für Montenegro, die Schweiz für Kosovo und Italien für Albanien, die traditionell als Drehscheibe für die Diaspora in den entsprechenden Ländern fungieren. Die ausgesprochen hohe Präferenz für einen Umzug nach Deutschland unter den Jugendlichen von BuH kann auch auf die massenhafte Aufnahme bosnischer Flüchtlinge während des Krieges 1992– 1995 zurückzuführen sein, von denen sich viele Familien später in Deutschland niederließen und ihre Verbindungen zum Heimatland aufrechterhielten. Da Deutschland unter den Jugendlichen der Region das bei weitem gefragteste Gastland ist, wurde für dieses Land ein Immigrationspotenzialindex konstruiert. Für jedes Land wurde der Anteil der Jugendlichen errechnet, die sowohl Deutschland als vorrangiges Zielland angaben und ein hohes(0,50+) Emigrationspotenzial aufwiesen. Die absoluten Zahlen in der Grafik 9.9 wurden dann im Verhältnis zur tatsächlichen Anzahl junger Menschen im Alter von 15 bis 29 errechnet, die in jedem der Länder in der Region leben. 84 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 9.8: Am häufigsten angegebenes Land für eine Emigration(erste Wahl) MNE USA Deutschland Italien 20 15 7 SRB Deutschland USA Schweiz 15 10 9 SVN Deutschland USA UK 15 13 12 ROU Deutschland UK Italien 19 14 8 BGR UK 20 Deutschland 20 Italien 7 MKD Deutschland Schweiz USA 23 11 7 ALB Deutschland UK Italien 26 18 16 HRV Deutschland 31 Österreich 8 UK 3 KOS Deutschland Schweiz USA 9 34 27 BUH Deutschland 48 Österreich 13 Switzerland 7 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % Die Ergebnisse lassen vermuten, dass der größte Anteil der Jugendlichen, die ihr Heimatland für Deutschland verlassen möchten, in BuH zu finden sind, gefolgt von Mazedonien, Kosovo und Albanien. Andererseits kann Deutschland davon ausgehen, dass die meisten jungen Immigrant_innen aus Rumänien, Albanien, Serbien und BuH stammen. INTEGRATIONSBEREITSCHAFT IM GASTLAND Zwar sind gute oder hervorragende Sprachkenntnisse nicht unbedingt der Anstoß für einen Umzug ins Ausland, aber die Jugend in SOE zeigt eine außerordentlich große Bereitschaft, die Sprache ihres Ziellandes zu lernen. Unter denjenigen mit einem hohen Emigrationspotenzial sind 87 %(sehr) willig, die Sprache zu lernen und 78 % sprechen schon die Sprache des Ziellandes. Außerdem behaupten 58 % mit den Beschäftigungsmöglichkeiten vertraut zu sein, die Einwanderer_innen im entsprechenden Gastland offen stehen. Gleichzeitig sehen junge Menschen mit Ausreisewunsch ihren eigenen Beitrag zum zukünftigen Gastland durchweg in einer vorzüglichen Leistung von ihrer Seite bei der Arbeit sowie als Staatsbürger_in, gefolgt von der Fähigkeit, zur kulturellen und wissenschaftlichen Entwicklung beizutragen. Mit wenigen Ausnahmen zeigen sie sich der Tatsache bewusst, dass ihr Beitrag auch darin bestehen könnte, eine Stelle anzunehmen, die für die einheimische Bevölkerung im entsprechenden Gastland weniger attraktiv ist (Grafik 9.10). Man beachte: Prozentsatz derjenigen, die ein Land als erste Wahl angeben von denen, die zumindest den Wunsch zur Auswanderung äußerten. MOBILITÄT UND MIGRATION 85 ABBILDUNG 9.9: Immigrationspotenzial der SOE-Jugend nach Deutschland, nach Auswanderungsland 80.000 70.000 60.000 50.000 60.000 61.000 67.000 73.000 50.000 50.000 40.000 30.000 34.000 34.000 20.000 10.000 4.000 10.000 0 Montenegro Slowenien Bulgarien Kroatien Mazedonien Kosovo BuH Serbien Albanien Rumänien 14 % 12 % 10 % 8 % 6 % 4 % 2 % 0 % Immigrationspotenzial nach Deutschland Anteil junder Menschen, die wahrscheinlich nach Deutschland immigrieren ABBILDUNG 9.10: Dimensionen des wahrgenommenen Beitrags junger Menschen zum Gastland Indem ich ein_e gute_r/treue_r Bürger_in bin Durch sehr gute Leistungen bei der Arbeit Indem ich zur kulturellen und / oder wissenschaftl. Entwicklg. beitrage Indem ich eine Stelle annehme, die von den Einheimischen weniger begehrt ist Indem ich besonderes Wissen und Kompetenzen teile 82 18 82 18 76 25 69 31 59 41  % Ja Nein Man beachte: die Analyse beschränkte sich auf Befragte mit hohem(> 0.50) Emigrationspotenzial. Eine statistische Analyse auf regionaler Ebene lässt den Schluss zu, dass die Bereitschaft, einen von der einheimischen Bevölkerung weniger begehrten Arbeitsplatz anzunehmen, negativ mit dem HDI der Länder und positiv mit einem NEET-Status korreliert. Junge Menschen, die bereit sind, eine unterdurchschnittliche Stelle anzunehmen, kommen eher vom Land, haben ein geringeres Bildungsniveau und Eltern mit einem geringeren Bildungsniveau. Es besteht auch eine größere Wahrscheinlichkeit, dass sie aus finanziell schlechter situierten Haushalten mit weniger materiellem Besitz stammen. 179 Junge Menschen aus SOE zeigen ein hohes Maß an Bereitschaft, sich in das gesellschaftliche Gefüge des Landes ihrer Wahl zu integrieren. Das zeigt sich in der Bereitschaft, die Sprache des Gastlandes zu lernen ebenso wie in der Bereitschaft, gute und leistungsfähige Bürger_innen zu sein, die auch nicht vor Arbeit zurückschrecken, die die einheimische Bevölkerung weniger attraktiv findet. 86 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 DIE TATSÄCHLICHE ERFAHRUNG JUNGER MENSCHEN MIT MOBILITÄT UND MIGRATION Wie die Daten der Studie zeigen, hatten junge Menschen aus SOE trotz ihres Ausreisewunsches bis dahin sehr wenig Erfahrung mit einem längeren Auslandsaufenthalt. Tatsächlich hat eine überwältigende Mehrheit von ihnen nie länger als sechs Monate in einem anderen Land verbracht. SOE-Jugendliche haben auch sehr wenig Erfahrung mit Auslandsaufenthalten zu Bildungszwecken, was normalerweise vorübergehend und kurzfristig ist und vielleicht eher als Mobilität und nicht als Migration verstanden werden sollte(Grafik 9.11). Was den Aufenthalt im Ausland zu Lern- oder Ausbildungszwecken anbetrifft, gibt es offenbar zwei verschiedene Ländergruppen. Während in Montenegro, Serbien, Mazedonien und Slowenien ungefähr ein Fünftel eine solche Erfahrung gemacht haben, liegt der Anteil in allen anderen Ländern erheblich unter 10 %. Ganz ähnlich sieht es mit der Absicht aus, zu Bildungszwecken ins Ausland zu gehen. Interessanterweise ist die bildungsbedingte Mobilität in drei EU-Mitgliedsländern am niedrigsten: Rumänien, Kroatien und Bulgarien. Die geringe grenzüberschreitende Mobilität scheint besonders auf Kroatien zuzutreffen, wo nur 5 % der Befragten von solchen alternativen Auslandserfahrungen berichten, und auch nur sehr wenige zu Bildungszwecken ins Ausland reisen wollten. Zum Schluss müssen unbedingt einige Wirkungen eines Auslandsaufenthalts zu Bildungszwecken angesprochen werden. Diejenigen, die von einer solchen Erfahrung berichten 180 —— sind wesentlich mehr an Politik interessiert, 181 —— berichten über erheblich größere Kenntnisse in der Politik, 182 —— sind sehr viel bereiter, ein politisches Amt zu übernehmen, 183 —— sind sehr viel aktiver im Bereich nicht konventioneller politischer Partizipation, 184 —— unterstützen erheblich weniger nationalistische Ideen, 185 —— und emigrieren mit größerer Wahrscheinlichkeit. 186 Mit anderen Worten ist ein Studienaufenthalt im Ausland wunderbar dazu geeignet, das Potenzial junger Menschen zu entwickeln und ihr zivilgesellschaftliches und politisches Engagement zu fördern, aber es ist auch ein gewichtiger Faktor, der die Wahrscheinlichkeit der Emigration erhöht. Die überwältigende Mehrheit der Jugendlichen in SOE hat nie länger als sechs Monate im Ausland verbracht oder sich zu Lern- oder Ausbildungszwecken im Ausland aufgehalten. Letzteres stärkt das zivilgesellschaftliche und politische Engagement eines jungen Menschen, aber erhöht gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit, dass er oder sie auswandern werden. ABBILDUNG 9.11: Erfahrungen mit und Pläne für einen Auslandsaufenthalt zu Lern- oder Ausbildungszwecken oder Abwesenheit vom Heimatland für mehr als sechs Monate Rumänien 10 3 16 Kroatien 5 5 16 Bulgarien 9 7 18 Bosnien und 9 Herzegowina 7 31 Kosovo 11 7 32 Albanien 15 8 29 Slowenien 9 17 37 Mazedonien 9 18 42 Serbien 16 19 41 Montenegro 20 20 43 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % Mehr als sechs Monate vom Heimatland weg Auslandsaufenthalt zu Lern- oder Ausbildungszwecken Ich beabsichtige, zu Lern- oder Ausbildgungszwecken ins Ausland zu gehen Man beachte: Prozentsatz der Jugendlichen, die nach ihrer Aussage entsprechende Erfahrungen mit einem Aufenthalt im Ausland haben / die Absicht, dorthin zu gehen. MOBILITÄT UND MIGRATION 87 SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN Die Absicht zu emigrieren scheint in vielen SOE-Ländern zurückzugehen, bleibt aber weiterhin relativ weitverbreitet, insbesondere in Ländern, die der EU noch nicht beigetreten sind. Zweifelsohne liegt das an der Tatsache, dass in der Region insgesamt die Jugendlichen hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen auswandern wollen. Nicht zuletzt zeigen auswanderungswillige Jugendliche eine große Bereitschaft, sich an die Gesellschaft des Wahllandes anzupassen und haben in vielen Fällen schon Kontakte dorthin. Obwohl junge Menschen klar die Absicht zur Emigration äußern, haben sie tatsächlich wenig Erfahrung mit dem Leben im Ausland, insbesondere in Kroatien, Rumänien und Bulgarien. Angesichts des relativ schwach entwickelten Wunsches und begrenzter Erfahrung der Jugendlichen mit einem Bildungsaufenthalt im Ausland scheint dies eine vertane Chance zur Förderung zivilgesellschaftlichen und politischen Engagements und nicht-nationalistischer Einstellungen. ZENTRALE ERKENNTNISSE: 1. Weiterhin besteht bei vielen Jugendlichen aus SOE eine deutliche Absicht zu emigrieren, obwohl anscheinend in den meisten Ländern weniger ausgeprägt als in der letzten Jugendstudienreihe. 2. In der Region insgesamt scheinen wirtschaftliche Faktoren und negative Wahrnehmungen der Situation im Heimatland die stärksten Motivationsfaktoren für eine Emigration zu sein. Jugendliche aus EU-Mitgliedsländern sind erheblich weniger motiviert als Jugendliche aus WB6-Ländern,(insbesondere für längere Zeit) zu emigrieren. 3. Das Ausmaß eines brain drain variiert erheblich von Land zu Land. Das Problem scheint in Albanien und Montenegro am stärksten präsent, während in Bulgarien und Mazedonien eher Jugendliche mit weniger kulturellem Kapital auswandern. 4. Bestehende soziale Kontakte ins Ausland machen die Migration wesentlich einfacher. Mit Ausnahme Sloweniens haben nicht weniger als 60 % der ausreisewilligen Jugendlichen aus der SOE-Region eine Einladung oder Unterstützung sozialer Netzwerke im gewünschten Gastland erhalten. 5. Junge Menschen aus SOE zeigen eine hohe Bereitschaft, sich den Gesellschaftsstrukturen ihres zukünftigen Wohnlandes anzupassen. Das zeigt sich in der Bereitschaft, die Sprache ihres Gastlandes zu lernen, aber auch in der Bereitschaft, gute und leistungsfähige Bürger_innen zu sein, die auch nicht vor Arbeit zurückschrecken, die für die einheimische Bevölkerung nicht attraktiv ist. 6. Nicht zuletzt hat die überwältigende Mehrheit der Jugendlichen aus SOE – trotz hohen Emigrationspotenzials in einigen Ländern der Region – überhaupt keine Erfahrung mit dem Leben im Ausland für eine längere Zeit oder einem Aufenthalt zu Lern- und Ausbildungszwecken. Letzterer fördert das zivilgesellschaftliche und politische Engagement eines jungen Menschen, aber erhöht auch die Wahrscheinlichkeit seiner/ ihrer Emigration. EMPFOHLENE MASSNAHMEN: 1. Angesichts der segensreichen Wirkung internationaler Bildungsmobilität sollten die Länder die Teilnahme an bestehenden Mobilitätsprogrammen wie dem ERASMUS+ Programm der EU fördern und die Einführung neuer Programme zur Unterstützung größerer Bildungsmobilität in Betracht ziehen. 2. Da Bildungsmobilität die Wahrscheinlichkeit einer Emigration erhöht, sollten die Regierungen Maßnahmen ergreifen, die verhindern, dass Bildungsmobilität im Wesentlichen als Sprungbrett für eine langfristige Emigration dient und damit das Problem des brain drain verschärft. Maßnahmen sollten Jugendliche, die im Ausland studiert oder gearbeitet haben, zur Rückkehr oder zum Verbleib in ihrem Heimatland bewegen. 3. Maßnahmen zur Verhinderung von Emigration müssen insbesondere in SOE-Ländern, die nicht der EU beigetreten sind, stärker gefördert werden. Dabei sollte ein ganzheitlicher, breit gefächerter Ansatz zum Tragen kommen, der wirtschaftliche Unsicherheit, geringe Arbeitsmöglichkeiten und schlechte Berufsaussichten als wichtigste Motive für Migration in den Blick nimmt. 4. Da Bildungsmobilität die Wahrscheinlichkeit einer Emigration erhöht, sollten Anreize geschaffen werden, die stärker zur Rückkehr motivieren. Solche Maßnahmen sollten im Wesentlichen kooperativ zwischen Entsende- und Empfängerländern umgesetzt werden. Z. B. könnten Anreize für Arbeitgeber in Entsendeländern, Fachkräfte mit Auslandserfahrung einzustellen, die Rückkehr dieser Fachkräfte in ihr Heimatland erleichtern. 89 10 FAMILIEN UND ÜBERGANG INS ERWACHSENENLEBEN Smiljka Tomanović Aufgrund globaler wirtschaftlicher und politischer Veränderungen im strukturellen Umfeld kommt den Ressourcen der Familie beim Übergang ins Erwachsenenleben besonderes Gewicht zu (Togouchi Swartz& Bengtson O’Brien, 2009). Globale Trends sind verbunden mit längeren und lückenhaften Übergängen ins Erwerbsleben sowie veränderten Modellen des Familienübergangs, insbesondere eine spätere Elternschaft, was sich auf die Wohnsituation auswirkt(Mulder, 2009). Unvermeidbar verändern diese Prozesse die Beziehungen zwischen den Generationen innerhalb der Familien und veranschaulichen auch die Widersprüche zwischen individualistischen Normen der Unabhängigkeit eines jungen Menschen und der großen Bedeutung der Eltern für Heranwachsende und junge Erwachsenen. Diese Veränderungen spiegeln die Verlagerung von Beziehungen von Autonomie und Abhängigkeit zu Beziehungen von Kooperation und gegenseitiger Abhängigkeit wider(Turtianen et al., 2007). Diese neuen Beziehungen von Interdependenz stellen die Vorstellung eines linearen Übergangs ins Erwachsenenleben bis zur Unabhängigkeit von den Eltern in Frage, da verschiedene Formen der Abhängigkeit und Unabhängigkeit sowie teilweiser und gegenseitiger Abhängigkeit entstehen und zwischen den jungen Menschen und ihren Eltern in den verschiedenen Lebensphasen ausgehandelt werden (Lahelma& Gordon, 2008). Nach Abwägung verschiedener Ansätze, wie das Thema junge Menschen in Beziehung zur Familie behandelt werden könnte, haben wir uns zu drei miteinander verbundenen Perspektiven für die Analyse entschlossen: 1) bezüglich der elterlichen Familie und deren Unterstützung; 2) bezüglich der Gründung einer eigenen Familie; und 3) bezüglich des Übergangs ins Erwachsenenleben. BEZIEHUNG ZU ELTERN UND BEDEUTUNG DES ELTERLICHEN EINFLUSSES Nach ihren wesentlichen Merkmalen beurteilt, gehören SOE-Länder zum sogenannten ‚südlichen‘ Cluster, das sich durch ‚starke‘ Familienbande, späteres Verlassen des Elternhauses und ein eher familienzentriertes Gefühl der Solidarität auszeichnet(Iacovou, 2010). Eine vergleichende Studie kommt zu dem Ergebnis, dass „für Eltern im Südlichen Europa und Teilen Osteuropas der Familienzusammenhalt wichtiger ist als Unabhängigkeit für sich oder ihre Kinder, solange die Kinder in den Zwanzigern sind“(ebenda, S. 160). Das vorherrschende, sogenannte familistische System oder die soziale Abfederung durch die Familie baut auf diesen kulturellen Eigenschaften einer Solidarität zwischen den Generationen auf(Walther, 2006), während seine postsozialistischen Anpassungsformen ebenfalls in Prozessen des Übergangs ins Erwachsenenleben in SOE zu finden sind(Walther& Stauber, 2009). Die kulturelle Konstante in den Familienbeziehungen in den Ländern der Region ist die emotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern(Ule& Kuhar, 2008; Lavrič, 2011; Ilišin et al., 2013; Flere et al., 2014; Kuhar& Reiter, 2014; Mitev& Kovacheva, 2014; zitiert in: Tomanović& Stanojević, 2015, S. 44). Unsere Annahme, dass die Länder in SOE eine Verlagerung von autoritären zu 90 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 10.1: Wahrnehmung der Beziehung zu den Eltern unter Jugendlichen im Alter von 16 – 27(in %) FES YOUTH STUDIES SEE 2011 – 15 Serbien 6 Kroatien 13 Montenegro 0 0 Slowenien 7 Bulgarien 6 BuH 4 Rumänien 8 Mazedonien 8 Albanien 3 Kosovo 5 42 30 34 47 50 52 45 49 62 FES YOUTH STUDIES SEE 2018/19 Serbien 30 7 Kroatien 34 10 Montenegro 37 5 Slowenien 38 15 Bulgarien 40 8 BuH 46 10 Rumänien 50 5 Wir verstehen uns Wir verstehen uns nicht Man beachte: die Option ‚Wir verstehen uns‘ basiert nur auf der Antwort ‚Wir verstehen uns sehr gut‘, während die Option ‚Wir verstehen uns nicht‘ auch Antworten umfasst wie: ‚Im Allgemeinen verstehen wir uns nicht, wir streiten oft‘ und ‚Sehr konfliktträchtige Beziehung‘. Mazedonien 8 Albanien 1 Kosovo 2 54 59 61 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % FAMILIEN UND ÜBERGANG INS ERWACHSENENLEBEN 91 autoritativen und nachgiebigen Erziehungsmethoden erleben (Baumrind, 1971) bestätigt sich teilweise durch die Ergebnisse der FES Youth Studies SEE 2018/19-Studie: autoritative(demokratische) Erziehungsmethoden überwiegen in allen Ländern, während autoritäre und – entgegen unserer Erwartung – nachgiebige Erziehungsmethoden beide weniger häufig anzutreffen sind. 187 Es bestehen erheblich divergierende Wahrnehmungen der Beziehung zu den Eltern unter den jungen Menschen aus verschiedenen Ländern(Grafik 10.1). Unter den Jugendlichen aus Kosovo, Albanien, Mazedonien und Rumänien herrscht die fast einhellige Meinung, dass die Beziehung uneingeschränkt ‚sehr gut‘ ist, und zwar in Albanien und Mazedonien noch stärker als in den Studien FES Youth Studies SEE 2011–15(Flere, 2015, S. 72). In den restlichen Ländern wird die Beziehung zu den Eltern hauptsächlich als harmonisch wahrgenommen, aber es gibt einige Meinungsunterschiede: junge Menschen aus Slowenien beschrieben die Beziehung mehr als Gleichaltrige aus den anderen Ländern als unharmonisch und konfliktreich, und zwar noch nachdrücklicher in der Studie FES Youth Studies SEE 2018/19. Eine Analyse der verschiedenen Erziehungsmethoden machte deutlich, dass junge Menschen mit einer hauptsächlich autoritativen Erziehung die Beziehung besser finden, und zwar sowohl im Vergleich aller Länder der FES Youth Studies SEE 2018/19 188 als auch in jedem einzelnen Land. Andererseits berichten junge Menschen aus Familien mit vorherrschend autoritärer 189 und nachgiebiger 190 Erziehung, dass sie sich mit ihren Eltern nicht gut verstehen. Der elterliche Einfluss auf Entscheidungen junger Menschen wird in allen FES Youth Studies SEE 2018/19-Ländern akzeptiert. Ähnlich wie bei den Ergebnissen von FES Youth Studies SEE 2011– 15(Flere, 2015, S. 75) wird die Mutter als die Person mit größerem Einfluss anerkannt, außer in Albanien und Kosovo, wo der väterliche Einfluss dominiert. Der Einfluss des Vaters nimmt bei Kindern von besser gebildeten Eltern ab, 191 während der dominierende Einfluss der Mutter mit höherer Bildung der Eltern korreliert. 192 Sowohl der väterliche wie der mütterliche Einfluss korrelieren mit autoritativer Erziehung 193 und sind weniger ausgeprägt bei jungen Menschen, die mit einer vorherrschend autoritären 194 Erziehungsmethode aufgewachsen sind. Eine nachgiebige Erziehung hat eine negative Korrelation mit dem väterlichen 195 und keine signifikante Korrelation mit dem mütterlichen Einfluss auf die Entscheidungen eines jungen Menschen. Wir schließen daraus, dass der elterliche Einfluss eher auf einer positiven Beziehung als auf Gehorsam basiert, was auch übereinstimmt mit der oben erwähnten Erkenntnis, dass die Beziehung zwischen Jugendlichen und ihren autoritativen Eltern besser ist. Der vorherrschend autoritative Erziehungsstil in SOE-Ländern geht einher mit einer besseren Beziehung zwischen den jungen Menschen und ihren Eltern, wobei beide Elternteile einen erheblichen Einfluss auf das Leben der Jugendlichen ausüben bei gleichzeitig größerer Unabhängigkeit der Entscheidungen junger Menschen. In gleicher Weise bedeutet eine autoritative Erziehung, dass ein junger Mensch unabhängiger bei wichtigen Entscheidungen ist  196 (Grafik 10.2): Die Unterschiede zwischen Ländern sind offensichtlich, wobei junge Menschen aus Rumänien und Slowenien von größerer Unabhängigkeit berichten, während Jugendliche aus den anderen Ländern ihre Eltern gerne bei wichtigen Entscheidungen zu Rate ziehen. Diese Unterschiede haben mit der sozioökonomischen Entwicklung eines Landes zu tun, da unabhängige Entscheidungen positiv, und gemeinsame Entscheidungen mit den Eltern negativ mit dem HDI korrelieren. 197 Junge Menschen, die von einem starken Einfluss des Vaters 198 und der Mutter 199 auf ihre Entscheidungen berichten, sind wahrscheinlich weniger unabhängig in ihren Entscheidungen als diejenigen, die sagen, keiner hat Einfluss und wir entscheiden unabhängig. 200 Junge Menschen aus weiter entwickelten Ländern treffen ihre Entscheidungen unabhängig von den Eltern, während Jugendliche aus weniger entwickelten Ländern eher zu gemeinsamen Entscheidungen mit den Eltern neigen. 92 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 10.2: Unabhängigkeit bei Entscheidungen gegenüber den Eltern(in %). Nehmen Ihre Eltern auf wichtige Entscheidungen in Ihrem Leben Einfluss? Albanien 7 73 20 Bulgarien 10 61 30 Mazedonien 6 64 30 Kosovo 8 61 31 Bosnien und Herzegowina 7 55 37 Montenegro 4 56 41 Kroatien 9 48 43 Serbien 3 51 46 Rumänien 4 47 49 Meine Eltern entscheiden alles Meine Eltern und ich entscheiden gemeinsam Ich entscheide allein Slowenien 2 43 56 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % FAMILIEN UND ÜBERGANG INS ERWACHSENENLEBEN 93 LEBEN BEI DEN ELTERN GEGENÜBER EIGENEM HAUSSTAND Südosteuropäische Länder gehören zu dem cluster an Ländern, wo man erst spät bei den Eltern auszieht(Grafik 10.3) und wo Haushalte mit Großfamilien eine gemeinsame Strategie verfolgen, die Ressourcen der Familie zusammenzulegen:„in diesen Ländern ist der späte Auszug aus dem Elternhaus vielleicht eher wirtschaftlicher Notwendigkeit geschuldet als dem Wunsch der Eltern, ihre Kinder bei sich zu wissen“(Iacovou, 2011, S. 8). Die Annahme, dass SOE-Länder zum sogenannten ‚südlichen Typus‘ gehören, wurde durch Vergleichsstudien zu der Wohnsituation junger Menschen mit Rückgriff auf FES Youth Studies SEE 2011–15bestätigt(Flere, 2015, S. 79; Jusić& Numanović, 2017, S. 20). Grafik 10.4 zeigt, dass es außer in Slowenien keine wesentlichen Veränderungen beim eigenständigen Hausstand zwischen den zwei Forschungsreihen gibt. Wie schon bei den FES Youth Studies SEE 2011–15 lebt die Mehrheit der an den FES Youth Studies SEE 2018/19 beteiligten Jugendlichen über 18 bei den Eltern, und zwar reicht die Spanne von ungefähr zwei Dritteln in Slowenien und Bulgarien bis zu vier Fünfteln in Kosovo und Mazedonien. ABBILDUNG 10.3: Anteil der jungen Menschen im Alter zwischen 20 und 29, die 2016 bei ihren Eltern lebten(in %) Dänemark Finnland Norwegen Schweden Vereinigtes Königreich Island Niederlande Frankreich Estland Schweiz Deutschland Österreich Litauen Lettland Belgien Tschech. Republik Ungarn Zypern Bulgarien Irland Rumänien Luxemburg Polen Slowenien Serbien Spanien Portugal Griechenland Italien Mazedonien Malta Slowakei Kroatien Quelle: Eurostat(2016) 0 % 14 18 21 23 38 39 40 41 47 48 48 50 58 58 61 61 67 68 68 69 69 69 71 74 75 75 75 76 78 78 82 82 83 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % 94 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 10.4: Leben im Elternhaus. Anteil junger Menschen im Alter 18 bis 27, die im Elternhaus leben. Slowenien 80 65 Bulgarien 61 67 Montenegro 0 71 Rumänien 71 71 Serbien 76 72 Kroatien 69 75 Albanien 81 76 BuH 76 76 Mazedonien 87 80 Kosovo FES Youth Studies SEE 2011 – 15 FES Youth Studies SEE 2018/19 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 89 81 80 % 90 % 100 % Es besteht weiterhin eine große Wohnraum­ abhängigkeit unter den jungen Menschen in SOE-Ländern. Ein wichtiger Faktor bei der steigenden Wohnraumabhängigkeit ist das Alter der Befragten. Das Verhältnis ist umgekehrt zum sozioökonomischen Status(SÖS): Jugendliche aus Haushalten mit niedrigerem materiellem Status und aus Familien mit geringerem Bildungsniveau leben weniger häufig im Elternhaus. 201 Das liegt vermutlich daran, dass diese jungen Menschen dem südlichen Modell des Übergangs zur Familiengründung folgen und früher heiraten und gleichzeitig einen Hausstand gründen(Iacovou, 2002). Es sieht so aus, als ob Eltern mit höherem SÖS ihre Ressourcen eher für die Ausbildung ihrer Kinder als für Wohnraum verwenden. Dieses Ergebnis stützt auch die Schlussfolgerung von Maria Iacovou(2011), dass überall im südlichen und in Teilen des östlichen Europas das Gegenteil zutrifft: Eltern mit höherem Einkommen scheinen ihre Ressourcen einzusetzen, um ihren Nachwuchs zu einem längeren Verbleib im Elternhaus zu bewegen; erst relativ spät im Leben ihrer Kinder – die späten Zwanziger für Mädchen und frühen Dreißiger für Söhne – beginnen die Eltern, Ressourcen einzusetzen, damit die Kinder aus dem Elternhaus ausziehen(S.11). Ob die jungen Menschen, die aus dem Elternhaus ausgezogen sind, Ressourcen der Familie einsetzen(die Wohnung wurde von den Eltern geerbt, gekauft oder gemietet) oder eher ihre eigenen (kaufen oder mieten) wie in Albanien, BuH, Rumänien und Slowenien, hängt von der Verfügbarkeit bezahlbaren Wohnraums zum Mieten oder Hypothekenprogrammen zum Kauf im betreffenden Land ab. FAMILIEN UND ÜBERGANG INS ERWACHSENENLEBEN 95 ABBILDUNG 10.5: Grund zum Verbleib im Elternhaus bei Befragten über 18(in %) Slowenien 2 43 52 Bosnien und 47 Herzegowina 48 6 Serbien 2 50 40 Montenegro 3 53 35 Bulgarien 4 57 36 Mazedonien 2 59 33 Rumänien 63 29 3 Kroatien 64 32 1 Ich lebe bei meinen Eltern, weil es die einfachste und bequemste Lösung ist Ich würde allein leben, wenn die finanziellen Umstände das möglich machten Ich würde gern allein leben, aber meine Eltern sind nicht einverstanden Albanien 71 24 2 Kosovo 83 15 2 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % Für die meisten jungen Menschen über 18, die noch bei den Eltern wohnen, war Bequemlichkeit der Hauptgrund, außer in Slowenien und BuH, wo man finanzielle Gründe anführte (Grafik 10.5). Unzureichende Geldmittel wurden auch häufig in anderen Ländern, außer in Kosovo und Albanien, als Hindernis auf dem Weg zu einem eigenen Haushalt erwähnt. Dabei geht es um strukturelle Faktoren, die dem Auszug im Wege stehen, wie hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne und unbezahlbarer Wohnraum(Lacovou, 2010). 96 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 Längerer Verbleib im Elternhaus ist mit längerer Ausbildung verbunden, da Eltern mit einem höheren sozioökonomischen Status ihre Ressourcen eher für die Ausbildung ihrer Kinder als für Wohnraum einsetzen. Auch finanzielle Abhängigkeit und fehlender bezahlbarer Wohnraum sind Gründe für den Verbleib im Elternhaus, da zwischen einem Viertel und der Hälfte der jungen Menschen darauf hinweisen, dass sie sich ein von den Eltern unabhängiges Leben nicht leisten können. GRÜNDUNG DER EIGENEN FAMILIE Familiengründungen sind in Europa von zwei entgegengesetzten Prozessen geprägt. Einerseits ist das veränderte Verständnis von partnerschaftlichen und familiären Beziehungen eine der wesentlichen Veränderungen im Leben junger Menschen in Europa, wobei die Beziehung zum Partner sowohl normativ wie in der Praxis von der Elternschaft getrennt ist und beides zunehmend als verschiedene Lifestyle-Optionen gesehen wird(Daly, 2005, S. 385). Andererseits geht der Trend zu niedrigen Geburtenraten und Spätgeburten. Einen rasanten Rückgang der Geburtenrate erlebten die früheren sozialistischen Länder seit 1990, sodass mittelund osteuropäische Länder zusammen mit dem südlichen Europa zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate gehören(Kotewska, 2012, S. 114). Der Trend zu niedrigen und späten Geburtenraten gilt auch für alle SOE-Länder: die Werte reichten 2016 von 1,42 in Kroatien bis 1,79 in Montenegro(Eurostat, 2018b), gleichzeitig wurde die Geburt von Kindern zurückgestellt. In Anbetracht dieser Trends haben wir uns dazu entschlossen, die Frage der Familiengründung in Bezug zu Einstellungen zu Ehe und Kindern und Praktiken von Partner- und Elternschaft zu setzen. geäußert sowie vor allem in Slowenien, wo sich junge Menschen relativ häufig(9 %) eine Zukunft ohne Kinder vorstellen konnten. Es ist für Jugendliche in allen SOE-Ländern extrem wichtig, Kinder zu haben, 202 aber junge Menschen in Slowenien fanden eine Partnerbeziehung ein bisschen wichtiger für ein glückliches Leben als Kinder zu haben. 203 Die Modelle geplanter Partnerbeziehungen entsprechen der Praxis: 39 % der jungen Menschen im Alter von 25 bis 29 204 in Slowenien und 28 % in Bulgarien leben zusammen, jedoch erheblich weniger häufig in anderen Ländern, insbesondere BuH(2 %), Albanien(3 %) und Montenegro(5 %). Diese Ergebnisse entsprechen denen der Studien FES Youth Studies SEE 2011–15. Es bestehen in dieser Altersgruppe erhebliche geschlechtsspezifische Unterschiede im Partnerschaftsstatus in allen Ländern mit Ausnahme Kroatiens und Sloweniens: Frauen sind zweimal so häufig verheiratet wie gleichaltrige Männer. Das liegt am früheren Heiratsalter der Frauen, was auch den Erwartungen der Befragten von FES Youth Studies SEE 2018/19 entspricht. 205 Junge Menschen, die noch nicht Eltern sind, planen zwei oder drei Kinder 206 , sobald sie 26 bis 27 Jahre alt sind. Die jungen Menschen in SOE befürworten traditionelle Formen des Familienlebens entschieden, d.h. ein verheiratetes Paar mit Kindern; Ausnahmen sind Slowenien und Bulgarien, wo sie sich auch für ein eheähnliches Zusammenleben entscheiden würden, und Slowenien, wo einige junge Menschen sich durchaus ein Leben als Erwachsene ohne Kinder vorstellen können. ELTERNSCHAFT UNTER JUNGEN MENSCHEN DER STUDIE FES YOUTH STUDIES SEE 2018/19 EINSTELLUNGEN ZU PARTNERSCHAFT UND ELTERNSCHAFT Als Ergebnis der Studien FES Youth Studies SEE 2011–15 ließ sich festhalten, dass mit Ausnahme Bulgariens und Sloweniens, wo die Jugendlichen auch ein eheähnliches Zusammenleben planen und praktizieren, die meisten jungen Menschen in SOE„allgemein die Ehe als traditionelle Familieninstitution anstreben, was einen wesentlichen Teil ihrer Lebensplanung ausmacht“(Jusić& Numanović, 2017, S. 22). Diese Trends halten auch in den Studien FES Youth Studies SEE 2018/19 an, wie die in Grafik 10.6 dargestellten Ergebnisse bestätigen. Die einzigen Alternativen zum hetero-normativen Modell eines verheirateten Paares mit Kindern wurden von jungen Menschen in Bulgarien in Bezug auf eine eheähnliche Beziehung mit Kindern Von den jungen Menschen der Studie FES Youth Studies SEE 2018/19 sind 12 % Eltern und haben normalerweise ein Kind. Der Anteil der Eltern unter den jungen Menschen variiert von Land zu Land, wobei Bulgarien und Rumänien eine signifikant höhere und Serbien eine signifikant niedrigere Rate als der Durchschnitt aufweisen(Grafik 10.7). In allen Ländern werden junge Menschen in ungefähr ähnlichem Alter Eltern: zwischen 22 und 25 Jahren. Eine frühe Elternschaft ist mit verschiedenen sozioökonomischen Faktoren verbunden, aber es besteht keine Korrelation mit dem Stand der sozioökonomischen Entwicklung eines Landes(in HDI ausgedrückt). In der Tendenz werden in allen Ländern Frauen zu einem früheren Zeitpunkt Mutter als Männer Vater werden. 207 Das Alter, in dem man Eltern wird, korreliert mit einem Leben auf dem Land, einem niedrigeren Bildungsniveau der Eltern des Jugendlichen und FAMILIEN UND ÜBERGANG INS ERWACHSENENLEBEN 97 ABBILDUNG 10.6: Persönliche Lebensplanung in der Zukunft(in %). Wie sehen Sie sich in der Zukunft? Slowenien 68 20 12 Bulgarien 80 14 6 Kroatien 88 3 9 Rumänien 91 3 6 Mazedonien 91 2 7 Serbien 92 3 5 Albanien 92 4 4 Kosovo 93 5 2 Montenegro 93 3 4 Verheiratet, eigene Familie Unverheirate Beziehung zu Partner_in und eigene Familie Andere BuH 95 1 4 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % 98 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 10.7: Anteil der Eltern unter den jungen Menschen der FES Youth Studies SEE 2018 / 19 (in %) Serbien Slowenien Mazedonien Montenegro Kosovo Albanien BuH Kroatien Rumänien Bulgarien 7 9 10 10 11 12 12 13 19 19 0 % 5 % 10 % 15 % 20 % 25 % einem niedrigeren materiellen Status des Haushalts. 208 Es besteht eine unübersehbare Korrelation zwischen dem erreichten Bildungsniveau und dem Zeitpunkt der Geburt: 209 junge Menschen, die ihre Ausbildung früher beenden, werden früher Eltern und haben im Laufe ihres Lebens mit größerer Wahrscheinlichkeit mehr Kinder. Da die Verbindung von geringerer Bildung und früherer Elternschaft bei jungen Frauen erheblich stärker als bei jungen Männer ausgebildet ist, 210 ergibt sich daraus ein Indiz für das Risiko der Bildungsferne und damit Ausschluss vom Arbeitsmarkt. Dies wurde in einer neueren Studie über den Übergang zur Elternschaft in Serbien bestätigt(Tomanović, Stanojević,& Ljubičić, 2016). Eine frühe Elternschaft geht einher mit Merkmalen eines geringeren SÖS: niedrigeres Bildungsniveau, niedrigerer materieller Status des Haushalts und Leben auf dem Land. Junge Mütter tragen das Risiko der Bildungs- und Beschäftigungsferne aufgrund der frühen Schwangerschaft. ÜBERGANG INS ERWACHSENENLEBEN Der Übergang ins Erwachsenenleben besteht aus zwei miteinander verbundenen Prozessen des Übergangs ins Erwerbsleben (Abschluss der Schulausbildung und feste Beschäftigung) und ins Familienleben(eigenständiger Haushalt und Familiengründung): „Der Übergang von Schule zur Erwerbsarbeit ist der Schlüssel zu einem erfolgreichen Übergang ins Erwachsenenleben. Tatsächlich sind der Zugang zu bezahlter Arbeit und eine feste Stelle wichtige Determinanten, die es jungen Menschen ermöglichen, ein eigenständiges Leben zu führen, mit einem Partner zu leben oder Eltern zu werden“(Eurofound, 2014a, S. 42). Normalerweise untersucht man den Übergang ins Erwachsenenleben durch Betrachtung der Dynamik dieses Prozesses: die Schnelligkeit zur Bewältigung von Schlüsselereignissen im Leben(‚Markierungen im Erwachsenenleben‘). Unsere Analyse der Schnelligkeit des Übergangs ins Erwachsenenleben greift auf Gallands Modell der Verselbständigung zurück, das 1996 für junge Menschen im Alter von 16 – 25 in EULändern entwickelt wurde(Galland, 2003, S. 180). 211 Wir haben dabei die Bewältigung von vier Schlüsselereignissen im Leben untersucht: Schulabschluss, eigene Wohnung, feste Stelle und eheähnliche Lebensgemeinschaft oder Heirat bis zu einem bestimmten Alter. 212 Für die Schnelligkeit des Übergangs ins Erwachsenenleben ist es aufschlussreich, sich anzuschauen, welche Ereignisse innerhalb der ältesten FES Youth Studies SEE 2018/19Kohorte im Alter 26 – 29 bewältigt wurden(Grafik 10.8). Betrachtet man die Dynamik des Übergangs ins Erwachsenenleben, lässt sich feststellen, dass alle SOE-Länder der Studie FES Youth Studies SEE 2018/19 zu den Ländern gehören, die für einen ‚langsamen‘ Übergang stehen, geprägt durch längere Übergänge zwischen Schule und Arbeit und hinausgezögerte Eigenständigkeit des Wohnens und der Familiengründung aufgrund der längeren Übergangszeiten. Es zeigen sich in den Ergebnissen zeitlich unterschiedlich lange Übergangsphasen, wobei Serbien und Montenegro am langsamsten und Bulgarien am schnellsten in SOE sind. ABBILDUNG 10.8: Schnelligkeit des Übergangs ins Erwachsenenleben: Punktezahl für die Bewältigung von Schlüsselereignissen im Alter 26 bis 29(in %) Serbien Montenegro Kosovo Slowenien BuH Mazedonien Rumänien Kroatien Albanien Bulgarien 11 11 9 8 8 5 4 3 2 35 41 36 45 44 52 53 60 62 62  % 29 27 46 48 40 33 61 3 – 4 1 – 2 0 57 45 Man beachte: die Zahlen stehen für die Häufigkeit, mit der junge Menschen 0, 1 oder 2, und 3 oder 4 64 der Schlüsselereignisse im Leben bewältigt haben: Schulabschluss, eigene Wohnung, feste Stelle und Lebensgemeinschaft oder Heirat. FAMILIEN UND ÜBERGANG INS ERWACHSENENLEBEN 99 Die Untersuchung und der Vergleich des Anteils Jugendlicher, die bestimmte Schlüsselereignisse ihres Lebens bis zu diesem Alter bewältigt haben, machen einige Faktoren sichtbar, die eine unterschiedliche Dynamik begründen. Der niedrigste Anteil junger Menschen, die die Schule abgeschlossen haben, und eine der geringsten Anteile beim eigenständigen Wohnen und dem Leben in Lebensgemeinschaften/Ehe lassen sich in Serbien feststellen. Ähnliches gilt für Montenegro, wo die wenigsten jungen Menschen in einer eigenen Wohnung und in eheähnlichen Lebensgemeinschaften/Ehe leben. Der Abschluss der Schulausbildung wird auch in Slowenien und Montenegro hinausgezögert, in Mazedonien und BuH die eigene Wohnung, während eine Lebensgemeinschaft/ Ehe auch in Mazedonien später eingegangen wird. Kosovo hat den geringsten Anteil junger Menschen mit einer festen Stelle. Kroatien, Rumänien und Albanien verzeichnen einen hohen Anteil an jungen Menschen, die die Schule abgeschlossen haben, und ungefähr die Hälfte der jungen Menschen im Alter 26 – 29 leben in der eigenen Wohnung und in einer Lebensgemeinschaft oder Ehe. Der höchste Anteil Jugendlicher, die im Vergleich zu den Gleichaltrigen in anderen Ländern alle vier Schlüsselereignisse bewältigt haben, findet sich in Bulgarien. In allen SOE-Ländern erleben junge Menschen einen verzögerten Übergang ins Erwachsenenleben, der mit länderspezifischen Faktoren zusammenhängt: wie längerer Hochschulbesuch, längere Wohn­ abhängigkeit und aufgeschobene Lebensgemeinschaft oder Eheschließung. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN jungen Menschen in Slowenien zeigt sich ein Trend zur Aufweichung dieses Modells. Die Ergebnisse der FES Youth Studies SEE 2018/19 bestätigten, dass zwei miteinander verbundene Prozesse stattfinden: 1) länger dauernde Übergänge zwischen Schule und Arbeit aufgrund der schlechten makroökonomischen Lage(Eurofound, 2014b, S. 25); und 2) hinausgezögerte Eigenständigkeit bei Wohnen und Familiengründung aufgrund der längeren Übergänge ins Berufsleben (keine feste Arbeit, längere finanzielle Unsicherheit und Abhängigkeit) und Eigenschaften des Wohnungsmarktes, d.h. fehlender bezahlbarer Wohnraum für junge Menschen(Drobnič& Knijn, 2012, S. 82). Diese Trends sind auch als ‚eingefrorene Übergänge‘ bei der Jugend in der Region bezeichnet worden(Kuhar& Reiter, 2012). Ungeplante Verzögerungen während des Übergangs wie längere Phasen der Arbeitslosigkeit und Arbeitssuche haben dazu geführt, dass sich junge Menschen keinen eigenen Haushalt leisten können und junge Paare den Kinderwunsch wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit zurückstellen. Nach einer neueren Studie über den Übergang zur Elternschaft in Serbien nannten junge Menschen vor allem existenzielle Sicherheit – eine feste Stelle und ein zuverlässiges Einkommen – als wesentliche Voraussetzung für die Entscheidung für ein Kind(Tomanović, Stanojević, & Ljubičić, 2016). Der verzögerte Übergang ins Erwachsenenleben hat einige Konsequenzen. Auf individueller Ebene begrenzt er die Wahlmöglichkeiten im Leben junger Menschen. Auf Ebene der Familien belastet er die elterlichen Familien stark, die institutionelle Defizite in der Versorgung junger Menschen ausgleichen(finanzielle Ressourcen, Wohnraum, Kinderbetreuung etc.), die für Bildung, Übergang ins Berufsleben und Übergang ins Familienleben erforderlich sind. Auf globaler gesellschaftlicher Ebene bedeutet er ein erhebliches demografisches Risiko für alternde europäische Gesellschaften. Familien – sowohl auf Seiten der Eltern wie die selbst gegründeten – bleiben weiterhin für Jugendliche in den SOE-Ländern von großer Bedeutung. Ersteres zeigt sich laut Studie in den guten Beziehungen junger Menschen zu ihren Eltern. Jugendliche leben nur ungern aufgrund ihrer finanziellen Abhängigkeit bei den Eltern; Ähnliches gilt für einen Trend bei der Familiengründung, d.h. der Reinstitutionalisierung der Familien mit erwachsenen Kindern in Lebensgemeinschaften(Kotowska, 2012). Einige andere wichtige Merkmale neuerer Entwicklungen bei der Familiengründung, z. B. spätere Heirat und Geburt von Kindern sowie Fruchtbarkeitsraten unterhalb des Reproduktionsniveaus, sind aus den Ergebnissen der Studie FES Youth Studies SEE 2018/19 ersichtlich. Ein weiterer neuer Trend bei der Familiengründung, nämlich„eine nachlassende Neigung zu Ehe und Elternschaft“(ebenda, 104), konnte nicht festgestellt werden, da junge Menschen auf das traditionelle Familienmodell – ein Ehepaar mit Kindern – sowohl normativ wie in der Praxis sehr viel Wert legen. Nur unter einigen 100 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 WESENTLICHE ERKENNTNISSE: EMPFOHLENE MASSNAHMEN: 1. Die jungen Menschen berichten von sehr guten Beziehungen zu ihren Eltern, die in allen SOE-Ländern unterschiedliche Unterstützung gewähren – psychologischer und/oder finanzieller Art sowie bei der Unterkunft. 2. Die Wohnabhängigkeit bleibt weiterhin auf hohem Niveau für junge Menschen in SOE. Längeres Zusammenleben mit den Eltern geht einher mit längerer Ausbildung, da Eltern mit höherem sozioökonomischem Status ihre Ressourcen eher für die Ausbildung der Kinder als für deren Unterbringung aufwenden. Finanzielle Abhängigkeit und fehlender bezahlbarer Wohnraum zählen ebenfalls zu den Gründen, warum man bei den Eltern bleibt, da zwischen einem Viertel und der Hälfte der Jugendlichen aussagen, sich ein eigenständiges Leben nicht leisten zu können. 3. Kinder zu haben genießt hohe Wertschätzung und ist meistens innerhalb der traditionellen Familienform eines Ehepaares geplant, aber der Übergang zur Elternschaft ist hinausgezögert worden. Frühe Elternschaft ist mit Merkmalen eines niedrigeren sozioökonomischen Status verbunden: geringeres Bildungsniveau, niedrigerer materieller Status des Haushalts und Leben auf dem Land. Junge Mütter laufen Gefahr, wegen der Kosten einer frühen Mutterschaft von Bildung und Beschäftigung ausgegrenzt zu werden. 4. In allen SOE-Ländern erleben junge Menschen einen ver­ zögerten Übergang ins Erwachsenenleben, der mit länderspezifischen Merkmalen zusammenhängt wie z. B. längeres Hochschulstudium, längere Wohnabhängigkeit und spätere Lebensgemeinschaft oder Ehe. Die Regierungen der Region sollten eine Reihe zusammenhängender und sektorübergreifender Maßnahmen ergreifen, die den Übergang ins Erwachsenenleben für junge Menschen in SOE-Ländern erleichtern könnten, u.a.: 1. Bildungsmaßnahmen, die den Übergang ins Berufsleben erleichtern(praktischer Unterricht, Praktika, Ausbildung etc.). 2. Bildungs- und Beschäftigungsmaßnahmen, die jungen Menschen flexible Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Schule und Arbeit und/oder Elternschaft bieten. 3. Wohnungsbaumaßnahmen, die für junge Menschen bezahlbaren Wohnraum schaffen(z. B. sozialer Wohnungsbau, geschützte Mieten, subventionierte Hypotheken etc.). 4. Beschäftigungsmaßnahmen, die feste Stellen mit gesicherten Arbeitnehmer_innenrechten garantieren. 5. Eine Reihe von Maßnahmen im Zusammenhang mit Familienplanung und Vereinbarkeit von Arbeit und Familie(z. B. Sexualkunde als Teil des Lehrplans, verfügbare Verhütungsmittel, verfügbare Kinderbetreuung etc.). 103 11 FREIZEIT UND IKT-NUTZUNG Smiljka Tomanović FREIZEITAKTIVITÄTEN Themen der Freizeitgestaltung junger Menschen, ihrer Kulturen und Lebensgewohnheiten spielen seit Mitte des 20. Jahrhunderts traditionell eine große Rolle in der Jugendforschung, insbesondere als eine Form des Widerstands gegen die offizielle normative Ordnung und Politik und stark strukturiert durch Faktoren wie soziale Klasse, Geschlecht, Rasse und Geografie(Furlong, 2009, S. 241). Allerdings gibt es Verschiebungen in der aktuellen Literatur insofern, als„postmoderne Perspektiven zunehmend an Einfluss gewinnen“ mit Betonung des individuellen Handelns und der Identität eines jungen Menschen und„der Bereitschaft, über die Bedeutung von Strukturen hinwegzusehen“(ebenda, S. 241). Gleichzeitig macht es das digitale Zeitalter notwendig, Idee und Inhalt unseres Konzepts von Freizeit zu überdenken. Da z. B. viele Freizeitaktivitäten mit persönlichen IKT-Geräten stattfinden, verliert die Unterscheidung zwischen ‚freier Zeit‘ und ‚nicht freier Zeit‘ ebenso wie zwischen ‚privatem‘ und ‚öffentlichem‘ Raum in der Freizeit an Bedeutung(Abott-Chapman& Robertson, 2009, S. 244). Die häufigste Freizeitbeschäftigung unter jungen Menschen in den Studien FES Youth Studies SEE 2011–15 war Musikhören, gefolgt von sozialen Kontakten, Fernsehen schauen und Sport, während sie sich für Bücher- und Zeitungslesen am wenigsten interessierten. 213 Diese Ergebnisse decken sich mit vergleichenden internationalen Studien, nach denen„Aktivitäten im Zusammenhang mit Populärmusik(sowohl Hören wie Musikmachen) für Jugendliche von besonderer Bedeutung sind und eingesetzt werden, um kollektive Identitäten zu stärken oder sich durch individuelle Unterschiede oder Werte abzuheben“(Abott-Chapman& Robertson, 2009, S. 244). Mit Freunden ausgehen war die zweithäufigste Freizeitbeschäftigung junger Menschen in allen SOE-Ländern, die in den Studien FES Youth Studies SEE 2011–15 untersucht wurden, trotz der Tatsache, dass zunehmend mehr Sozialkontakte im virtuellen Raum digitaler sozialer Plattformen stattfinden. Global gesehen ist auch die Teilnahme an sportlichen Aktivitäten eine ziemlich regelmäßige Freizeitbeschäftigung, die aber unter jungen Männern stärker verbreitet ist als unter jungen Frauen und mit zunehmendem Alter weniger wird(Abott-Chapman& Robertson, 2009, S. 244). Letztlich sind heute die jungen Menschen – allgemein betrachtet – weniger am Lesen zum Vergnügen interessiert als die Generation ihrer Eltern, da es so viele konkurrierende Freizeitaktivitäten gibt(ebenda, S. 244). 104 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ABBILDUNG 11.1: Anteil junger Menschen, die ‚oft‘ und ‚sehr oft‘ verschiedene Freizeitaktivitäten verfolgen. Wie häufig machen Sie... Musikhören 85 mit der Familie verbringen 83 Ausgehen mit Freunden 70 Filme schauen 67 Entspannen 60 Aufenthalt in Bars, Cafes, Klubs 48 Shopping 43 sportliche Aktivitäten 38 Beten 31 Bücher lesen 29 Videospiele spielen 26 kreativ sein 21 Zeitungen lesen 20 Aufenthalt in Jugendzentren 10 spirituelle Bücher lesen 10 freiwillige Arbeit in sozialen Projekten, Initiativen … 8 Yoga 7 Aufenthalt im Ausland 6 Quelle: Eurostat(2016) 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % Die häufigste Einzelaktivität unter den Jugendlichen der FES Youth Studies SEE 2018/19 ist ‚Musikhören‘ – mehr als vier von fünf jungen Menschen machen das ‚oft‘( mindestens einmal die Woche) oder ‚sehr oft‘(jeden Tag oder fast jeden Tag). Wie in früheren Studienreihen folgen danach Aktivitäten wie soziale Kontakte, Unterhaltung und Entspannung. Die Tatsache, dass viele junge Menschen ‚Zeit mit der Familie verbringen‘ als Freizeitbeschäftigung zählten, könnte auf die große Bedeutung von Familienmitgliedern in ihrem Alltagsleben hinweisen, was die anderen Ergebnisse der FES Youth Studies SEE 2018/19-Studien bestätigen: die wichtige Rolle elterlicher Unterstützung materieller und psychologischer Art und die starke Befürwortung von Familienwerten innerhalb des Wertekanons. Etwas weniger häufig geht es um Aktivitäten wie ‚Zeit in Bars, Cafés und Klubs verbringen‘, ‚Shoppen‘, ‚sportliche Aktivitäten‘ und ‚Beten.‘ 214 Zwischen einem Fünftel und einem Viertel der Befragten beschäftigen sich häufig mit Lesen oder kreativer Tätigkeit. Wenig überraschend ist die Tatsache, dass von den junge Menschen Aktivitäten wie ‚sich im Ausland aufhalten‘, ‚Yoga machen‘ etc. und ‚spirituelle Bücher lesen‘ am wenigsten ‚häufig‘ oder ‚sehr häufig‘ genannt wurden, aber auch Aktivitäten im Zusammenhang mit zivilgesellschaftlichen Engagement wie ‚Zeit in Jugendzentren verbringen‘ und ‚Freiwilligenarbeit in sozialen Projekten, Initiativen, Vereinen.‘ 215 Frühere Studien zur Jugend in der Region machten einen Unterschied zwischen ‚strukturierter‘ und ‚unstrukturierter‘ Freizeit ebenso wie zwischen besonderen Freizeitstilmodellen(Ilišin, 2007; Stepanović et al., 2009; Stanojević, 2012; Tomanović& Stanojević, 2015). Trotz methodischer Unterschiede zeichneten sich dabei zwei charakteristische Modelle ab: eines unter dem Begriff ‚akademisch‘ (oder ‚Elite‘ in Ilišin, 2007) und das andere ‚Sportbegeisterung‘. Aufbauend auf den oben genannten Unterscheidungen haben wir beschlossen, die Freizeitbeschäftigung junger Menschen nach vier Arten zu ordnen und zu analysieren: 216 1) Entspannung und Unterhaltung; 217 2) Sozialkontakte; 218 3) Selbstentfaltung; 219 und 4) sportliche Aktivitäten. Bei den ersten zwei Arten geht es hauptsächlich um unstrukturierte Freizeit, während die anderen zwei eher strukturierte Aktivitäten benennen oder der Selbstentfaltung dienen. Der Anteil der Befragten aus verschiedenen Ländern, die sich in diesen vier Arten der Freizeitbeschäftigung ‚häufig‘ oder ‚sehr häufig‘ wiederfinden, wird in Grafik 11.2 dargestellt. 220 Es bestehen zwischen den Ländern erhebliche Unterschiede in Bezug auf ihren HDI bei zwei Arten der Freizeitbeschäftigung: junge Menschen in Ländern mit einem höheren HDI sind eher mit ‚Entspannung und Unterhaltung‘ wie auch ‚sportlichen Aktivitäten‘ beschäftigt. 221 Wenn wir alle Länder der Region zusammen analysieren, zeigt sich, dass die vier Freizeitmodelle mit dem Geschlecht der Befragten, 222 dem materiellen Status des Haushalts 223 und dem elterlichen Bildungsniveau 224 korrelieren. Junge Frauen sind eher im Bereich der Selbstentfaltung aktiv, während junge Männer mit allen anderen Freizeitaktivitäten beschäftigt sind, einschließlich sportlicher Aktivitäten, was auch eine Form der Selbstentfaltung darstellt. Das trifft auf alle Länder einzeln betrachtet mit Ausnahme Sloweniens zu, wo es keine nennenswerten geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Freizeitbeschäftigung gibt. Auf Ebene der einzelnen Länder bestehen einige positive Korrelationen FREIZEIT UND IKT-NUTZUNG 105 ABBILDUNG 11.2: Anteil junger Menschen, die ihre Freizeit ‚häufig‘ und ‚sehr häufig‘ mit verschiedenen Aktivitäten gestalten, nach Ländern(in %) Albanien 5 75 43 38 Bosnien und Herzegowina 74 46 30 15 Bulgarien 83 44 36 5 Kroatien 76 29 30 12 Kosovo 59 31 28 7 Mazedonien 83 54 36 17 Montenegro 13 72 49 49 Rumänien 75 30 36 15 Serbien 80 39 47 13 Slowenien 82 36 57 13 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % Entspannen Sozialkontakte Sportliche Aktivitäten Selbstentfaltung 106 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 zwischen Freizeitbeschäftigung und dem materiellen Status des Haushalts: je höher der Status, umso aktiver ist der junge Mensch in allen Freizeitbereichen. 225 Der Einfluss des elterlichen Bildungsniveaus ist aber stärker: junge Menschen aus Familien mit einem höheren Bildungsstand der Eltern sind in allen Bereichen erheblich aktiver, insbesondere bei Sport und Aktivitäten, die der Selbstentfaltung dienen. Letzteres gilt für die gesamte Region mit einigen Ausnahmen auf Ebene der einzelnen Länder. 226 Die Ergebnisse bestätigen die Annahme, dass die Art der Freizeitgestaltung mehr oder weniger stark von Faktoren wie Geschlecht, materieller Status des Haushalts und elterliches Bildungsniveau beeinflusst werden. Vergleichend betrachtet sticht Slowenien heraus als das Land, das von einer Art Demokratisierung in der Wahl der Freizeitbeschäftigung geprägt ist: ohne signifikante Unterschiede zwischen den Aktivitäten junger Menschen aufgrund sozialer Faktoren. Aber auch in Slowenien entscheidet das kulturelle Kapital der Familie – ausgedrückt durch das Bildungsniveau der Eltern –darüber, ob ein junger Mensch seine Freizeit in eher strukturierter Form verbringt, hier definiert als Aktivitäten zur Selbstentfaltung und Sport, oder eben nicht. jenen aus Ost- und Südeuropa bei der Nutzung des Internets zu Bildungszwecken(z. B. ‚wikis‘) gibt(Eurostat, 2015, S. 205). Der Zugang zum Internet ist in SOE so verbreitet, dass fast alle jungen Menschen es nutzen außer, relativ gesprochen, in Bulgarien und Rumänien(Eurofound, 2014b). Diese Schlussfolgerung wird auch durch die Ergebnisse der FES Youth Studies SEE 2018/19 gestützt, die darauf hinweisen, dass fast alle jungen Menschen regelmäßig Zugang zum Internet haben(jeden Tag oder fast jeden Tag oder praktisch immer; zwischen 93 % in Albanien und 98 % in Kroatien). Außerdem berichteten mehr als zwei Drittel der Jugendlichen, dass sie praktisch immer Internet-Zugang haben(zwischen 57 % in Kosovo und 79 % in Bulgarien). Zwischen den zwei FES Youth Studies SEE-Studienreihen ging der Anteil junger Menschen ohne Internet-Zugang erheblich zurück, insbesondere in Albanien(von 12 % 2011 auf 3 % 2018) und in Kosovo(von 8,5 % 2012 auf 1,6 % 2018). In einigen Ländern haben fast alle jungen Menschen Internet-Zugang(Montenegro, Mazedonien, Kroatien, Serbien und Slowenien), während in Rumänien auffallende 4 % ohne Zugang sind. Die Beteiligung an strukturierteren Formen der Freizeitgestaltung wie Sport und Aktivitäten zur Selbstentfaltung nimmt mit dem sozioökonomischen Entwicklungsstand des Landes und dem kulturellen Kapital der Familie zu. NUTZUNG VON IKT Die tägliche Nutzung sozialer Medien sowie Informations- und Kommunikationstechnologien(IKT) wird als das Merkmal betrachtet, das die jüngere(nach den 1980er Jahren geboren; ‚Netzgeneration‘, ‚iGen‘, ‚Cyber Kids‘) überall auf der Welt von früheren Generationen unterscheidet(Collin& Burns, 2009). Zwar gibt es Anzeichen dafür, dass die digitale Kluft, d.h. der ungleiche Zugang zum Internet, aller Wahrscheinlichkeit nach in Europa überwunden ist(Eurostat, 2015), aber noch immer besteht eine digitale Kluft in Bezug auf die ‚digitale Kompetenz‘ oder die Fähigkeit, IKT nicht nur für soziale Kontakte und Unterhaltung zu nutzen(Livingstone& Helsper, 2010). Diese digitale Kluft ist durch Unterschiede wirtschaftlicher, sozialer, geschlechtsspezifischer, geografischer Art etc. bedingt und könnte in der globalen Informationsgesellschaft Ungleichheiten unter jungen Menschen reproduzieren. Die Forschung verweist auf die Bedeutung der IKT-Nutzung für die formelle und/oder informelle Bildung und Ausbildung(Eurofound, 2017, S. 98), für ein aktives bürgerschaftliches Engagement, Stellensuche und andere Zwecke, zeigt aber auch, dass es erhebliche Unterschiede zwischen jungen Menschen der nördlichen und westlichen EU-Länder und Fast alle jungen Menschen in SOE haben regelmäßig Zugang zu IKT. Das Internet hat in der Gunst der jungen Menschen die Stelle des Fernsehens als beliebtestes Medium in der Freizeit übernommen (Grafik 11.3). Das war zu erwarten, da das Internet einige Funktionen vom Fernsehen übernommen hat: Filme und Serien schauen, Musikvideos, populärwissenschaftliche Programme etc. Am häufigsten wird IKT zu Kommunikationszwecken genutzt (über Webseiten und Anwendungen der sozialen Netzwerke), gefolgt von der Nutzung für die Lieblingsbeschäftigung junger Menschen in ihrer Freizeit: Musikhören(Grafik 11.4). IKT-Nutzung für besondere Zwecke(wie O nline-Shopping; Online-Banking; Bewertung von Produkten oder Dienstleistungen etc.) und zum Spielen findet sehr viel weniger häufig statt, während ungefähr die Hälfte der jungen Menschen IKT für alle anderen Zwecke nutzt. Wir gehen davon aus, dass das Internet häufig über persönliche IKT-Geräte(‚Smartphones‘) genutzt wird mit der hypothetischen Möglichkeit, ständig online zu sein. Die Nutzung von IKT zum Zweck der Kommunikation und zum Musikhören kann in unterschiedlichen Alltagssituationen geschehen – sowohl in privaten wie öffentlichen Räumen(Abott-Chapman& Robertson, 2009). Deshalb ist es schwierig abzuschätzen, wieviel Zeit junge Menschen tatsächlich ‚im Internet verbringen‘ und dessen Bedeutung zu erfassen, insbesondere wie es sich auf die Qualität des Alltagslebens und das Wohlergehen junger Menschen auswirkt(Tileczek & Srigley, 2017). FREIZEIT UND IKT-NUTZUNG 107 ABBILDUNG 11.3: Durchschnittliche Stunden pro Tag für Fernsehen und Internet-Nutzung. Wieviele Stunden pro Tag schauen Sie fern / sind Sie im Internet im Durchschnitt? Kroatien 2,3 3,5 Albanien 2,3 3,9 Bulgarien 3,0 4,2 Kosovo 2,3 4,2 Rumänien 2,7 4,5 Slowenien 1,8 4,6 Bosnien und Herzegowina 2,6 4,9 Serbien 2,2 5,7 Mazedonien 2,8 6,4 TV Internet Montenegro 2,8 6,6 0  1 2 3 4 5 6 7 8 ABBILDUNG 11.4: Anteil der jungen Menschen, die das Internet häufig für verschiedene Zwecke benutzen(in %). Wie häufig nutzen Sie das Internet für … Soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram, Snapchat, Twitter, LinkedIn Kommunikation mit Freunden / Verwandten über Chat oder Skype, Whatsup, Viber, Facetime Musik runterladen oder hören Schule, Bildung oder Arbeit Bilder, Videos, Musik teilen Nachrichten online lesen / Informationen abrufen Vidoes oder Spielfilme runterladen oder schauen E-mail Videospiele Online Shopping Online Banking Bewertung von Produkten oder Dienstleistungen, Feedback oder Empfehlung 0 % 59 56 54 54 46 41 28 11 10 10 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 86 84 80 % 90 % 100 % 108 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 Freizeit und IKT greifen in erheblichem Maße ineinander, da ein wesentlicher Teil der Freizeit­ beschäftigung im Internet stattfindet. Anders als bei den zwei vorher erwähnten Dimensionen – Zugang und Häufigkeit der Internet-Nutzung – gibt es Unterschiede beim Zweck der IKT-Nutzung zwischen und innerhalb der Länder. Wir haben das Nutzungsverhalten in vier Kategorien eingeteilt: 1) für die Schule, Bildung, Arbeit und/oder um sich zu informieren; 2) für die Kommunikation( Kommunikation mit Freunden/Verwandten; Emails; Bilder, Videos oder Musik teilen; soziale Netzwerke nutzen); 3) für die Entspannung( Musik herunterladen oder -hören; Videos oder Filme herunterladen oder-schauen; Spiele); und 4) zweckgebunden( Online-Shopping; Online-Banking; Bewertung von Produkten oder Dienstleistungen etc.). 227 Während die Nutzung von IKT zu Kommunikations- und Entspannungs-/Unterhaltungszwecken weit verbreitet ist, wird sie weniger häufig zu Bildungs- und Informationszwecken genutzt. Davon abgesehen variiert das Verhalten etwas von Land zu Land und innerhalb der Länder. Grafik 11.5 zeigt den Anteil der jungen Menschen in SOE, die ‚oft‘(‚mindestens einmal die Woche‘) IKT für zwei Arten von Aktivitäten nutzen, die zu unserer ersten Kategorie gehören. Es gibt Unterschiede beim Zweck der IKT-Nutzung zwischen jungen Menschen aus verschiedenen SOE-Ländern, die mit dem HDI als Entwicklungsindikator zu tun haben: in Ländern mit einem höheren HDI nutzen junge Menschen IKT häufiger zu Bildungsund Informationszwecken, 228 zur Kommunikation, 229 Entspannung 230 und zweckgebunden. 231 Der Zweck der IKT-Nutzung hängt auch mit sozialen Faktoren wie Geschlecht, materielle Situation des Haushalts und Bildungsniveau der Eltern zusammen. Werden alle Länder zusammen analysiert, ergibt sich bei jungen Frauen eine häufigere Nutzung von IKT für Bildung und InformaABBILDUNG 11.5: Nutzung von IKT für ‚Schule, Bildung, Arbeit‘ und für ‚Lesen von Nachrichten / Abrufen von Informationen‘, nach Ländern(in %). Wie häufig nutzen Sie das Internet für... Bosnien und Herzegowina 45 43 Albanien 46 45 Bulgarien 47 46 Kosovo 49 51 Kroatien 55 52 Rumänien 55 57 Mazedonien 61 59 Montenegro 61 61 Serbien 68 64 Schule, Bildung oder Arbeit Nachrichten online lesen / Informationen abrufen Slowenien 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 71 66 70 % 80 % 90 % 100 % FREIZEIT UND IKT-NUTZUNG 109 tion und für Kommunikation als bei jungen Männern, entsprechend den analysierten Dimensionen der IKT-Nutzung allgemein, und für Schule und Arbeit im Besonderen. 232 Es besteht auch eine positive Korrelation zwischen dem materiellen Status des Haushalts und der Internet-Nutzung junger Menschen für Bildung und Information, Kommunikation und zweckgebundene Funktionen allgemein sowie für Schule oder Arbeit und dem Lesen von Nachrichten und Abfragen von Informationen im Besonderen. 233 Das Bildungsniveau der Eltern hat den stärksten positiven Einfluss auf die Häufigkeit der IKT-Nutzung für alle untersuchten Zwecke, wenn man die Länder insgesamt betrachtet. Die positive Korrelation zwischen elterlichem Bildungsniveau und der Internet-Nutzung zu Bildungs- und Informationszwecken, als eine IKT-Dimension, und für Schule, Bildung oder Arbeit als Einzelaktivität besteht in allen SOE-Ländern außer in Montenegro; am stärksten ausgeprägt ist sie in Bulgarien und am schwächsten in Slowenien. Eine bessere materielle Ausstattung des Haushalts, höherer Bildungsstand der Eltern und weibliches Geschlecht sind Faktoren, die zu größerer IKT-Nutzung zu Bildungs- und Informationszwecken führen. Das bedeutet, dass sich auch soziale Ungleichheiten durch verschiedene Arten der IKT-Nutzung reproduzieren. Das Vertrauen in IKT, gemessen als Vertrauen in das Verantwortungsbewusstsein sozialer Netzwerke bei der Verwendung persönlicher Daten, ist mäßig – zwischen 2,4 in Slowenien und 3,3 in Bulgarien(auf einer 5-Punkte-Skala, wobei 1 für ‚überhaupt kein Vertrauen‘ steht). Der Trend verweist auf abnehmendes Vertrauen in soziale Netzwerke bei zunehmendem kulturellem Kapital – ausgedrückt durch das elterliche Bildungsniveau – mit signifikanten Korrelationen in Albanien, Kosovo, Montenegro und Serbien. Junge Menschen haben viele Freunde in den sozialen Netzwerken: mehr als die Hälfte(58 %) haben über 200 und mehr als ein Viertel(27 %) haben über 500. Sozialkontakte Online und Offline schließen sich nicht gegenseitig aus, da es eine positive Korrelation zwischen Ausgehen mit Freunden und der Anzahl der Kontakte in sozialen Netzwerken gibt. 234 Dies wurde auch durch andere Studien belegt. 235 SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN Bei der Analyse der Daten der FES Youth Studies SEE 2018/19Studie hat sich gezeigt, dass die Beteiligung junger Menschen an stärker strukturierten Freizeitbeschäftigungen wie Sport und Aktivitäten zur Selbstentfaltung vom Entwicklungsstand des Landes und dem kulturellen Kapital der Familie beeinflusst wird. Das hat mit der Verfügbarkeit und Erreichbarkeit von Einrichtungen zur Freizeitbeschäftigung in weiter entwickelten Ländern und der stärkeren Motivation der Jugendlichen aus gebildeteren Familien zu tun, sich an bestimmten Aktivitäten zu beteiligen. Die Ergebnisse zeigen auch, dass Freizeit und IKT-Nutzung in hohem Maß miteinander zusammenhängen, da ein wesentlicher Teil der Freizeitaktivitäten mithilfe des Internets stattfindet. Man könnte diese Tatsache als einschränkenden Faktor interpretieren insofern, als sie auf größere Passivität in der Freizeitnutzung junger Menschen schließen lässt. Man könnte allerdings auch die starke Verbindung von Freizeit und IKT als Chance interpretieren. IKT ist ein wirkmächtiger Kanal, der verschiedene Möglichkeiten zur Verwirklichung oder Entwicklung des Potenzials eines jungen Menschen bietet, sei es durch formelle und informelle Bildung und Ausbildung, Sammeln von Informationen und Kontakten für persönliche Interessen, Förderung von Kreativität, Lesen, zivilgesellschaftliches Engagement u.ä. Fast alle junge Menschen in SOE haben regelmäßig Zugang zum Internet, aber es bestehen Unterschiede bei den Zwecken und Motiven für die IKT-Nutzung aufgrund sozialer Faktoren, die unter Umständen zu sozialen Ungleichheiten unter jungen Menschen führen könnten. 110 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 ZENTRALE ERKENNTNISSE: EMPFOHLENE MASSNAHMEN: 1. Die Beteiligung an eher strukturierten Beschäftigungen wie Sport und Aktivitäten zur Selbstentfaltung nimmt mit steigendem Niveau der sozioökonomischen Entwicklung eines Landes und dem kulturellen Kapital der Familien zu. 2. Freizeit und IKT sind eng miteinander verbunden, da ein großer Teil der Freizeitbeschäftigung mithilfe des Internets stattfindet. 3. Fast alle jungen Menschen in SOE haben regelmäßig Zugang zum Internet. Trotzdem gibt es Unterschiede bei der IKT-Nutzung zu Bildungs- und Informationszwecken aufgrund sozialer Faktoren wie Geschlecht, materielle Ausstattung eines Haushalts und elterliches Bildungsniveau. Das bedeutet, dass sich auch soziale Ungleichheiten durch die verschiedenen Arten der IKT-Nutzung reproduzieren können. 1. Es sollten Maßnahmen ergriffen werden, um jungen Menschen in weniger entwickelten Gebieten Einrichtungen für organisierte Freizeitbeschäftigungen verfügbar und räumlich und finanziell erreichbar zu machen. Es könnten mehr Freizeitmöglichkeiten durch Schulaktivitäten außerhalb des Lehrplans und in Gemeinde- und Jugendzentren geschaffen werden, die mit Mitteln der zuständigen Ministerien für Bildung, Kultur, Sport und Jugend bezuschusst werden könnten. 2. Maßnahmen sollten junge Menschen motivieren, sich stärker an organisierten Freizeitaktivitäten zu beteiligen; dies könnte im Rahmen der Lehrpläne formeller Bildungseinrichtungen geschehen, weil dort die meisten jungen Menschen erreichbar sind. 3. Es sollten Maßnahmen zur Förderung digitaler Kompetenz ergriffen werden und die Motivation zur Nutzung von IKT nicht nur zu Zwecken des Sozialkontaktes und der Unterhaltung, sondern der Selbstentfaltung, des zivilgesellschaftlichen Engagements, Kreativität etc. beeinflusst werden. Dies kann wirkungsvoll über die Lehrpläne auf allen Stufen der formellen Bildung geschehen. 113 12 SCHLUSS­ FOLGERUNG Die drei wesentlichen Faktoren zur Beschreibung der Situation Jugendlicher in der SOE-Region sind wirtschaftliche Unsicherheit, insbesondere was den Zugang zum Arbeitsmarkt anbetrifft, wenig Zufriedenheit über die wirtschaftliche und politische Lage im Heimatland und die ausgeprägte proeuropäische Orientierung. Diese Faktoren haben erhebliche Auswirkungen auf ein breitgefächertes Themenspektrum, z. B. späterer Übergang ins Erwachsenenleben, immense Unterstützung für einen starken Sozialstaat, geringes politisches Engagement und eine deutliche Auswanderungsneigung. Was ihren Arbeitsmarktstatus anbetrifft, sind junge Menschen, vor allem in den WB6-Ländern, mit einem schwerwiegenden Mangel an anspruchsvollen Beschäftigungsmöglichkeiten konfrontiert. Abgesehen von einer hohen Arbeitslosenrate gehen in einigen Ländern wie Albanien, Kosovo und BuH mehr als ein Fünftel der Jugendlichen weder einer Beschäftigung nach, noch besuchen sie eine Schule oder sind in Ausbildung. Mit wenigen Ausnahmen befindet sich die Mehrheit der arbeitenden Jugendlichen in SOE in prekären Beschäftigungsverhältnissen. In den WB6-Ländern, wo die Beschäftigungsprobleme besonders akut sind, zeigen junge Menschen eine starke Präferenz für eine Stelle im öffentlichen Dienst, wobei ihrer Meinung nach die Mitgliedschaft in einer Partei bei der Stellensuche eine wichtige Rolle spielt. Jugendliche leiden auch unter signifikanten skills mismatch auf dem Arbeitsmarkt, was darauf hindeutet, dass die Bildungs- und Arbeitsmarktinstitutionen den Übergang ins Berufsleben nicht ausreichend begleiten. Tatsächlich sind junge Menschen in der gesamten Region überwiegend unzufrieden über die Schnittstelle zwischen Bildung und Arbeitswelt. Deutlich wahrgenommen wird auch die Korruption im Bildungswesen in allen SOE-Ländern, und in den meisten Ländern in den letzten Jahren in noch stärkerem Maße. Trotzdem ist ein großer Teil der Jugendlichen zunehmend zufrieden mit den Bildungssystemen ihrer Länder im Allgemeinen. Das mag darauf zurückzuführen sein, dass praktische Aspekte in der Bildung, durch die Schulabgänger_innen leichter zu vermitteln sind, in der gesamten Region erheblich zugenommen haben. Im Zusammenhang mit Arbeitsmarkt und Bildungswesen steht den Regierungen eine Unmenge an Maßnahmen zur Verfügung, die die aktuelle Situation erheblich verbessern könnten. Z. B. könnten zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der hohen NEETRaten Garantieprogramme für die Jugendlichen aufgelegt werden, die sowohl aktive arbeitsmarktpolitische Maßnahmen wie auch Weiterbildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten umfassen. Verbesserte Suchfunktionen für die Stellensuche im Netz wären ebenfalls in Betracht zu ziehen. In den meisten Ländern sollte es mehr Beschäftigungsschutz für junge Menschen geben, um den Teufelskreis von befristeten Stellen und Gelegenheitsjobs zu durchbrechen. Eine bessere Vertretung der Jugend durch Gewerkschaften könnte eine vielversprechende Möglichkeit sein, um mehr Beschäftigungssicherheit zu erreichen und um die Jugendlichen auch politisch zu motivieren. In den meisten Ländern könnten NEET-Raten effektiv gesenkt werden, indem man verhindert, dass junge Menschen die Schule zu früh abbrechen und Schulabbrecher_innen die Rückkehr zu Bildung und Ausbildung erleichtert. Leichtere Übergänge ins Berufsleben setzen bessere Koordination und Informationsaustausch zwischen Arbeitgeber_innen und Bildungseinrichtungen voraus. Im Bildungswesen sollte man sich stärker um anwendungsbezogene Kenntnisse und praktische Kompetenzen in den Lehrplänen bemühen, auch mithilfe von Lehrstellen und Praktika. Vor allem in den WB6-Ländern sollten die Regierungen offen die(Wahrnehmung von) weitverbreiteten korrupten Methoden ansprechen – sowohl was die Nutzung von Beziehungen und Parteien bei der Stellensuche als auch den Kauf von Examen im Hochschulwesen anbetrifft. 114 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 Wahrnehmungen wirtschaftlicher Unsicherheit spiegeln sich auch in den gesellschaftspolitischen Werten junger Menschen wider, die sich auf wirtschaftlichen Wohlstand und Sicherheit konzentrieren. In allen Teilen der Region sind Jugendliche meistens unzufrieden mit dem Zustand der Wirtschaft und der Demokratie in ihren Ländern. Ihre Hauptsorgen gelten der Korruption und wachsenden Armut. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die überwältigende Mehrheit der Jugendlichen in SOE die Idee eines starken Sozialstaats befürwortet, während auch der Wunsch nach starker politischer Führung in den letzten zehn Jahren erheblich zugenommen hat. Fehlende wirtschaftliche Sicherheit kann auch als Teilursache für eine relativ hohe, in den meisten Ländern wachsende Toleranz gegenüber informellen Wirtschaftspraktiken betrachtet werden, wie z. B. soziale Beziehungen für förmliche Verfahren zu nutzen oder bei der Steuer zu betrügen. Kurz gesagt: es waren auch in Südosteuropa wirtschaftliche Unsicherheiten, die die Welle des sogenannten„millenial socialism“ ausgelöst haben. Es handelt sich hierbei aber um eine besondere Form sozialistischer Tendenzen, die häufig mit wachsendem politischen Autoritarismus und Toleranz gegenüber informellen Praktiken einhergehen. Zweifelsohne bedeutet diese besondere sozialistische Orientierung der Jugend in SOE, dass es ein gewichtiges politisches Potenzial gibt, mit dem grundsätzliche Ziele der Sozialen Demokratie zu erreichen wären. Deshalb scheint es auch für eine politische Mobilisierung wichtig, dieses Streben der Jugendlichen nach allgemeiner wirtschaftlicher Sicherheit in konkretes politisches Handeln zu übersetzen, vielleicht sogar unter direkter Einbeziehung der jungen Menschen. Die Daten der Studien lassen auch den Schluss zu, dass eine überzeugendere Umsetzung der Sozialstaatsprinzipien sehr effektiv sein könnte, um Tendenzen in Richtung Autoritarismus, Nationalismus und Toleranz gegenüber informellen Praktiken in den Griff zu bekommen. Gerade beim letzten Punkt lassen unsere Studienergebnisse vermuten, dass mit besserer Förderung und effektiver Umsetzung rechtsstaatlicher Prinzipien die Toleranz junger Menschen gegenüber sozial dysfunktionalen informellen Praktiken bekämpft werden könnte. Auch könnte die effektive Bekämpfung der Korruption dazu beitragen, die Neigungen zu politischem Autoritarismus in der Region einzuhegen. Ein wesentliches Problem bleibt weiterhin das sehr geringe und in den meisten Ländern noch nachlassende Interesse an Politik und zivilgesellschaftlichem Engagement unter Jugendlichen. Das hat zweifelsohne sehr viel mit der Tatsache zu tun, dass junge Menschen mehrheitlich mit dem Zustand der Demokratie in ihren Ländern unzufrieden sind. Eine überwältigende Mehrheit junger Menschen in der Region fühlt sich von der nationalen Politik schlecht vertreten und erwartet mehr Mitspracherechte. Wir stehen also vor dem Paradox, dass die Jugendlichen einerseits in der Politik mehr mitreden wollen, aber andererseits geringe politische Kenntnisse und begrenztes Interesse an der Politik einräumen. Obwohl sich junge Menschen häufig ernsthaft besorgt über wichtige öffentliche Probleme wie Korruption und wachsende Armut äußern, betrachten sie ein staatsbürgerliches oder politisches Engagement ihrerseits nicht als gangbaren Weg zur Lösung dieser Probleme. Außerdem berichten Jugendliche – trotz zufriedenstellender Wahlbeteiligung in den meisten Ländern nach eigener Aussage – von ansonsten begrenzter Erfahrung mit anderen Formen politischen und zivilgesellschaftlichen Engagements. Andererseits lässt die Bereitschaft in einigen Ländern, sich an Aktivitäten wie Online-Petitionen und Demonstrationen zu beteiligen, auf ein beträchtliches Potenzial diesbezüglich schließen. Angesichts des politischen Desinteresses und der geringen Kenntnis von Politik sollten Programme zur Förderung der politischen Bildung insbesondere über die Schulen, aber auch die digitalen Medien verbessert werden. Die Regierungen sollten auch mehr Möglichkeiten für ehrenamtliche Tätigkeiten und andere Formen staatsbürgerlichen und politischen Engagements schaffen. Im weiteren Sinne lassen die Studiendaten den Schluss zu, dass ein höheres Bildungsniveau der Jugendlichen und eine verbesserte sozioökonomische Lage potenziell dazu beitragen könnten, ihre politische und staatsbürgerliche Beteiligung effektiv zu steigern. Die politische Vertretung junger Menschen sollte über die Organe politischer Parteien und repräsentative Gremien wie Jugendräte und Ausschüsse gestärkt werden. Würden Jugendthemen auf die politischen Agenden gesetzt, könnte damit vielleicht auch mehr politisches Interesse und Engagement der jungen Menschen in der Politik geweckt werden. Angesichts universeller Nutzung des Internets durch Jugendliche und des von ihnen geäußerten Interesses an politischem Engagement online sollte die e-Beteiligung Jugendlicher durch die Entwicklung maßgeschneiderter Online-Plattformen gefördert werden, über die relevante Informationen und Möglichkeiten für ein Engagement angeboten werden. Jugendliche sind in allen Teilen der SOE-Region mit einer europäischen Vision aufgewachsen und sind heute, wie auch die Ergebnisse der vorliegenden Studie bestätigen, durchweg proeuropäisch. Eine Mitgliedschaft in der EU genießt starke und wachsende Unterstützung, wobei die EU insbesondere mit größerem wirtschaftlichem Wohlstand assoziiert wird. Eine proeuropäische Einstellung zeigt sich besonders deutlich unter den Jugendlichen aus sozioökonomisch weniger entwickelten Ländern wie Kosovo und Albanien. Zusammen mit der überwältigenden Unterstützung für einen starken Sozialstaat findet dieses Thema insgesamt am meisten Zuspruch in der Region – sowohl politisch wie auch sozial. Deshalb sollte die Aufmerksamkeit politischer Entscheidungsträger_innen auf dieses Potenzial unter den Jugendlichen gelenkt und auch im Hinblick auf den Prozess der Europäisierung in der Region genutzt werden. Andererseits fördert das Zusammenspiel von wirtschaftlichen Unsicherheiten zuhause und einer proeuropäischen Einstellung den Wunsch junger Menschen, ihr Land zu verlassen. Trotz der anscheinend nachlassenden Auswanderungsabsichten der Jugend in vielen SOE-Ländern besteht weiterhin ein starkes Interesse daran, insbesondere in den WB6-Ländern. Unseren Erkenntnissen zufolge lässt unter den Jugendlichen der Wunsch zu emigrieren langfristig nach, wenn ihr Land der EU beigetreten ist. Unterschiede zwischen den WB6-Ländern und den vier EU-Mitgliedern sind SCHLUSS­FOLGERUNG 115 jedoch zweifelsohne auch auf Unterschiede im wirtschaftlichen Entwicklungsstand zurückzuführen. D.h. überall in der Region sind es wirtschaftliche Faktoren, die junge Menschen hauptsächlich zur Auswanderung motivieren. Bemerkenswert ist hierbei, dass der Wunsch junger Menschen, das Land zu verlassen, nicht nur die Folge ihrer objektiven Lage ist, sondern wesentlich davon bestimmt wird, wie sie die aktuellen Verhältnisse und zukünftigen Entwicklungen ihres Heimatlandes einschätzen. Solche Einschätzungen können auch von den Narrativen der Medien und politischen Stellungnahmen zur Situation des Landes beeinflusst werden, einschließlich der ständig wiederholten Botschaft, dass Unmengen junger Menschen das Land verlassen. Ebenfalls tragen Sozialkontakte junger Menschen ins Ausland wesentlich zur Jugendemigration bei, außer im Falle Sloweniens. Festzuhalten bleibt, dass trotz der anhaltend starken Neigung zur Emigration junge Menschen praktisch wenig Erfahrung mit einem Leben im Ausland haben, insbesondere in Kroatien, Rumänien und Bulgarien. Die relativ geringe Bildungsmobilität unter Jugendlichen in SOE scheint darauf hinzudeuten, dass eine Chance vertan wurde nicht nur im Hinblick auf eine realistischere und reifere Einstellung zur Emigration, sondern auch auf die Förderung staatsbürgerlichen und politischen Engagements und die Eindämmung nationalistischer politischer Einstellungen unter den Jugendlichen. Angesichts der positiven Wirkungen internationaler Bildungsmobilität sollten die Länder junge Menschen zur Teilnahme an bestehenden Mobilitätsprogrammen wie z. B. Erasmus+ der EU ermutigen und neue Programme in Betracht ziehen, um die Bildungsmobilität zu fördern. Da aber andererseits Bildungsmobilität die Wahrscheinlichkeit der Emigration erhöht, sollten die Regierungen nach Wegen suchen, die verhindern, dass Bildungsmobilität vorrangig als Sprungbrett für langfristige Emigration genutzt und damit das Problem des brain drain weiter verschärft wird. Solche Maßnahmen sollten junge Menschen mit Studienoder Arbeitserfahrung im Ausland ermutigen, in ihr Heimatland zurückzukehren. Außerdem muss es in Ländern wie vor allem in den WB6, wo der Wunsch nach langfristiger Auswanderung immer noch weitverbreitet ist, mehr Maßnahmen geben, die die Jugendlichen davon überzeugen, das Land nicht zu verlassen. Dabei muss ein ganzheitlicher, breit gefächerter Ansatz zum Tragen kommen, der wirtschaftliche Unsicherheit und fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten als die wichtigsten Motive für die Migration in den Blick nimmt. Außerdem sollten sich politische Entscheidungsträger_innen und die Medien darüber im Klaren sein, dass ständige überzogene Kritik an der Situation eines Landes logischerweise ein negatives Bild des Heimatlandes unter den Jugendlichen hervorruft und damit die Wahrscheinlichkeit der Emigration erhöht und das Problem des brain drain verschärft. Was das Familienleben angeht, sind sowohl ihre elterliche Familie wie ihre eigene Familie den Jugendlichen in allen SOE-Ländern noch immer sehr wichtig. Junge Menschen haben eine sehr gute Beziehung zu ihren Eltern, und die elterlichen Familien helfen aus mit Geld, Wohnraum und elterlicher Unterstützung, wenn die zuständigen sozialen Einrichtungen junge Menschen nur mangelhaft mit den erforderlichen Ressourcen versorgen. Wohnabhängigkeit zusammen mit längeren Ausbildungszeiten und finanzieller Abhängigkeit aufgrund von Arbeitslosigkeit sind die Hauptgründe, warum Jugendliche länger bei ihren Eltern wohnen – ein Merkmal der Region, dass auch von anderen Forschungen bestätigt wird. Diese einander bedingenden Phänomene sind der Grund für einen späteren Übergang ins Erwachsenenleben und verhindern – oder zumindest verzögern – die Integration der jungen Menschen in die Gesellschaft. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass sich in den letzten Jahren diese Trends in einigen Ländern ein wenig in Richtung schnellerer Übergänge umgekehrt haben. Um das Problem des späteren Übergangs ins Erwachsenenleben in anzugehen, sollten die politischen Entscheidungsträger_ innen eine Reihe zusammenhängender übergreifender Maßnahmen für die jungen Menschen in SOE ergreifen, u.a.(1) Beschäftigungsmaßnahmen, die eine gesicherte Beschäftigung mit garantierten Arbeitnehmer_innenrechten vorsehen;(2) Wohnungsmaßnahmen zur Beschaffung bezahlbaren Wohnraums für junge Menschen;(3) Bildungs- und Beschäftigungsmaßnahmen, die es jungen Menschen ermöglichen, flexibel Schule und Arbeit und/oder Elternschaft zu vereinbaren. Was die Freizeitbeschäftigung anbetrifft, ist die wichtigste Erkenntnis, dass fast alle jungen Menschen in der gesamten Region das Internet regelmäßig nutzen. Es gibt jedoch erhebliche Unterschiede bei der Internet-Nutzung zu Bildungs- und Informationszwecken, die in Zusammenhang mit sozialen Faktoren wie Geschlecht, materieller Ausstattung des Haushalts und elterlichem Bildungsniveau zu sehen sind. Es zeigt sich deutlich, dass soziale Ungleichheiten auch durch unterschiedliche Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnologie(IKT) reproduziert werden. Maßnahmen in diesem Bereich sollten deshalb dazu ermutigen, die IKT nicht nur für tagtägliche Sozialkontakte und Unterhaltung, sondern mehr für Aktivitäten zur Selbstentfaltung, für zivilgesellschaftliches Engagement und Kreativität zu nutzen. Erreichen könnte man dies über Lehrpläne auf allen Stufen der formalen Bildung sowie die Einrichtung attraktiver Online-Plattformen, die sich mit Themen wie Bildung oder politischem und staatsbürgerlichem Engagement beschäftigen. Abschließend lässt sich festhalten, dass die Jugend in Südosteuropa wesentlich von anhaltenden wirtschaftlichen Ungewissheiten und ihrem relativ starken Glauben an die EU und Prozessen der Europäisierung geprägt wird. Die von den Jugendlichen in SOE erwünschte Europäisierung hat jedoch im Wesentlichen mit einer wirtschaftlichen Grundversorgung für alle Bürger_innen zu tun. Es handelt sich nicht um eine neoliberale Europäisierung, sondern eher um das sogenannte Nordische Modell: d.h. es geht um einen umfassenden Sozialstaat mit geringen Einkommensungleichheiten, aber auf der wirtschaftlichen Grundlage eines Kapitalismus der freien Märkte. In diesem Sinne bieten Jugendliche zweifelsohne überall in der SOE-Region ein enormes politisches Potenzial. Dieses Potenzial, zumindest in der demokratischen Variante, birgt aber auch ernste Herausforderungen, so z. B. fehlendes politisches und zivilgesellschaftliches Engagement, hohe Auswanderungsraten, 116 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 wachsende Tendenzen hin zu einem politischen Autoritarismus, steigende Toleranz gegenüber illegalen informellen Praktiken und in einigen Ländern ein relativ ausgeprägter Nationalismus. Die meisten dieser Herausforderungen sind durch die prekäre Lage der Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt und damit verbundene allgemeine sozioökonomische Unsicherheiten und eine negative Sicht der Lage im Heimatland bedingt, in vielen Ländern insbesondere in Bezug auf Korruption. Diese Herausforderungen mögen zwar sehr allgemein und wohlbekannt sein, müssen aber dringend von der Politik angegangen werden, wenn man den Jugendlichen dabei helfen möchte, zu einem wichtigen Akteur im Prozess des allmählichen sozialen Wandels in Südosteuropa zu werden. METHODIK 117 ÜBER DIE AUTOR_INNEN ANNEX 1: METHODIK Miran Lavrič ist außerordentlicher Professor der Soziologie an der Universität von Maribor, Slowenien. Er hat an zahlreichen Forschungsprojekten mit Schwerpunkt Jugend in Slowenien und Region Südosteuropa mitgewirkt und hat dazu und zu anderen soziologischen Themen eine Reihe eigenständiger wissenschaftlicher Artikel in internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht. Er war Leiter einer umfassenden nationalen Studie zu Jugendlichen in Slowenien(2010) und als Forscher an vielen anderen Jugendstudien in Slowenien und an mehreren internationalen Studien beteiligt, die sich mit Gesellschaften in Südosteuropa beschäftigten. Smiljka Tomanovic ist Professorin der Soziologie in der Abteilung für Soziologie an der Philosophischen Fakultät der Universität von Belgrad. Gleichzeitig ist sie leitende Wissenschaftlerin am Institut für Soziologische Forschung derselben Fakultät. Sie hat an zahlreichen Projekten der Forschung und angewandten Forschung teilgenommen und hat verschiedene Grundsatzpapiere in Serbien verfasst. Seit mehr als zwei Jahrzehnten arbeitet sie in der Forschung über und mit jungen Menschen. Sie war als Mitglied, Forscherin und Beraterin sowohl auf der nationalen wie internationalen Ebene an verschiedenen Fachtagungen, Seminaren und Konferenzen zur Jugendpolitik beteiligt. Sie ist Autorin und Mitautorin von sieben Büchern, einigen Sammelbänden und zahlreichen Artikeln in internationalen und inländischen Fachzeitschriften. Sie war Mitglied des„Pool of European Youth Researchers”(PEYR) der Jugendpartnerschaft zwischen Europarat und EG und ist Mitglied von ESA RN13 Familien und Privatleben und RN30 Jugend und Generation. Mirna Jusić ist leitende Wissenschaftlerin am„Center for Social Research Analitika“, Sarajewo und eine der Gründungsmitglieder. Mirna hat einen Master in Public Policy von der Abteilung für Öffentliche Politik der„Central European University” Budapest und einen MA Abschluss in Öffentliche Verwaltung und Humanitäre Angelegenheiten der Sapienza Universität von Rom, der Universität von Sarajewo und der Universität Belgrad. Sie ist gegenwärtig Doktorandin im Programm für Öffentliche Politik und Sozialpolitik am Forschungsinstitut für Soziologie der Karlsuniversität Prag. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Governance und Sozialpolitik. Stichproben/Samples Der vorliegende Bericht baut auf FES-Jugendstudien auf, die von Forschungsagenturen und-instituten in zehn Ländern Südosteuropas durchgeführt wurden. Für jedes Land wurden Studien auf der Grundlage repräsentativer, randomisierter Stichproben Jugendlicher im Alter von 14 bis 29 erarbeitet. Die Stichproben wurden nach zentralen soziodemografischen Merkmalen wie Alter, Geschlecht, Wohnort und Art der Gemeinde stratifiziert. Das Durchschnittsalter der Befragten lag bei 21,9 und reichte von 21,1 in Albanien bis 22,6 in Rumänien. Die Stichprobe bestand aus 50,3 % männlichen und 49,7 % weiblichen Befragten, wobei der Anteil weiblicher Befragter zwischen 46,7 % in Kosovo und 51,5 % in Montenegro lag. Die Größe der Stichprobe schwankte zwischen N= 711 in Montenegro bis N= 1,500 in Kroatien. Die durchschnittliche Rücklaufquote lag bei 64 % und reichte von 38 % in Kosovo bis 83 % in Mazedonien. In Albanien, Bulgarien, Kroatien, Kosovo, Rumänien und Slowenien wurden die Daten gewichtet, um der Zielgruppe besser gerecht zu werden. Instrument und Datenerhebung Derselbe Kernfragebogen mit 127 Fragen wurde in allen zehn Ländern verwendet. Er wurde von einem größeren Expertenteam auf Englisch erarbeitet und dann in einem Vorwärts-Rückwärts-Verfahren in die lokalen Sprachen übersetzt. Ziel der Studie war es, die wichtigsten Herausforderungen zu bestimmen, vor denen junge Menschen in ihren Gesellschaften stehen. Als Vorlage und Orientierungspunkt für die Studie dienten die FES-Jugendstudien, die in der Region Südosteuropa zwischen 2011 und 2015 durchgeführt wurden sowie die entsprechenden vergleichenden Regionalstudien. Der Fragebogen befasste sich mit folgenden Bereichen: Freizeit und Lebensstil; Werte, Religion und Vertrauen; Familie und Freunde; Mobilität; Bildung; Beschäftigung; Politik und soziodemografische Daten. Jedes nationale Team hatte die Möglichkeit, bis zu zehn zusätzliche länderspezifische Fragen hinzuzufügen. In allen Ländern gab es persönliche Interviews nach der CAPI-Methode(computer-assisted personal interviewing), bei der die Interviewer Computer/Tablets mit Fragebogen nutzten, die nach einer Interview-Software programmiert wurden. Der Fragebogen bestand aus einem mündlichen und einem schriftlichen (persönlichen) Teil. Der mündliche Teil wurde vom Interviewer durchgeführt, der die Fragen laut vorlas und die Antworten der Befragten in das Tablet eingab(bei bestimmten Fragen waren die Interviewer angewiesen worden, Antwortkarten zu nutzen, um den Befragten die Wahl der möglichen Antworten zu erleichtern). Nach Abschluss der mündlichen Befragung mit Fragebogen überließ der Interviewer den Computer/das Tablet dem Befragten und bat ihn/sie, die Antworten für den zweiten Teil persönlich auszufüllen. Im schriftlichen Teil ging es um persönlichere und intimere Fragen. Man ging davon aus, dass der/die 118 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 Befragte wahrscheinlich eine ehrlichere Antwort geben würde, wenn man sie/ihn allein ließe. Die Durchschnittsdauer des Interviews lag bei 58 Minuten und reichte von 45 Minuten in Mazedonien bis 70 Minuten in Serbien. Analysen Zur Durchführung statistischer Analysen standen verschiedene Versionen der IBM SPSS Statistik(21 bis 25) zur Verfügung. Neben den gewöhnlichen deskriptiven Statistik-Tools wie Häufigkeitstabellen, Kreuztabellen oder Mittelwerten kamen auch inferenzstatistische Tools zum Einsatz, um die statistische Signifikanz und Stärke der Beziehungen zwischen Variablen zu testen. Die statistische Signifikanz wurde bei 95 Prozent ausgelegt und 99 Prozent Konfidenzniveau. Bei Variablenpaaren mit mindestens einer Variablen auf der Grundlage einer nominalen Messskala wurden Chi-2-Unabhängigkeitstests eingesetzt. Wo es um Paare ordinaler oder Intervall-Variablen ging, wurden je nach Wertung der Autoren Spearmans rho oder Pearsons r- Koeffizient eingesetzt. In einigen Fällen wurden auch multivariate Analysen wie Faktoranalyse oder Regressionsanalyse verwendet. Auf der Grundlage der Faktoranalysen und/oder Zuverlässigkeitsanalysen der Skalen unter Einsatz von Cronbachs Alpha wurden bestimmte zusammengesetzte Variablen errechnet und für weitere Analysen verwendet. Neben Variablen auf der Grundlage der Fragen der Erhebung wurden auch Daten aus dem Human Development Index(HDI) jedem/r Befragten zugeordnet, die auf dem letzten verfügbaren Stand(2016) des HDI für das Land basierte, in dem das Interview stattfand(UNDP, 2016). ANNEX 2: LITERATURVERZEICHNIS Abott-Chapman, J.,& Robertson, M.(2009). Leisure activities, place and identity. In: A. Furlong(Hsg.), Handbook of Youth and Young Adulthood: New Perspectives and Agendas(S. 243–248). London: Routledge. Abramson, P. R.,& Inglehart, R.(1995). Value Change in Global Perspective. Ann Arbor, MI: University of Michigan Press. Almond, G.,& Verba, S. (1963). The Civic Culture: Political Attitudes in Five Western Democracies. Princeton, NJ: Princeton University Press. Alwin, D. F.,& McCammon, R. J.(2003). Generations, cohorts and social change. In. J. T. Mortimer& M. J. Shanahan(Hsg.), Handbook of the life course(S. 23–49). New York, NY: Kluwer Academic/Plenum. Amna, E.,& Ekman, J.(2014). 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[ 2] Die zwölf zentralen Erkenntnisse und empfohlenen Maßnahmen basieren auf der gemeinsamen Analyse aller zentralen Erkenntnisse und empfohlenen Maßnahmen der einzelnen Kapitel durch alle drei Autor_innen der vorliegenden Studie. Sie stellen eine einvernehmliche Synthese, und in einigen Fällen leichte Verallgemeinerung, aller dieser Erkenntnisse und Maßnahmen dar. [ 3] Südosteuropa umfasst hauptsächlich Länder, die auf der Balkanhalbinsel konzentriert sind. Zwar besteht Uneinigkeit bezüglich der Länder, die in die Kategorie Südosteuropa fallen, aber im Allgemeinen geht man davon aus, dass dazu Albanien, BuH, Bulgarien, Kroatien, Kosovo, Mazedonien, Montenegro, Rumänien, Serbien und Slowenien gehören. Einige Definitionen könnten auch Griechenland oder Türkei dazu zählen; diese zwei Länder wurden in den Jugendstudien nicht erfasst. [ 4] Die Studien basierten auf der deutschen Shell-Jugendstudie von 2006. Ergebnisse wurden in Länderberichten und zwei Regionalstudien veröffentlicht. Mehr dazu unter Hurrelmann& Weichert, und Jusić& Numanović, 2017. [ 5] Die erste Studienreihe schloss Montenegro nicht ein. [ 6] Ich möchte meinem Kollegen Dr. Dragan Stanojević von der Universität Belgrad für statistische Analysen und hilfreiche Kommentare zu früheren Entwürfen der von mir verfassten Kapitel danken. [ 7] Die Odds-Ratio ist ein Maß, das die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen bestimmt. Damit wird die kleinere oder größere Wahrscheinlichkeit beschrieben, mit der in einem bestimmten Teil der Bevölkerung etwas passieren könnte. [ 8] Ebenfalls: 4mal wahrscheinlicher in Montenegro, 4mal in Albanien, 5mal in Kosovo, 6mal in Mazedonien, 8mal in Serbien, 8mal in BuH, und 15mal in Rumänien. [ 9]  Ebenfalls: 29mal wahrscheinlicher in Slowenien, 41mal in Montenegro, 59mal in Kosovo, 77mal in Albanien, 79mal in Serbien und 94mal in BuH. [ 10] Für Sekundarschulleistung, rho= 0,830. p< 0.01, und für Immatrikulation an Universität, rho= 0,705, p< 0.01. [ 11] Gemeinsam ist den meisten SOE-Ländern, mit teilweiser Ausnahme von Slowenien die unzulängliche und mangelhafte staatliche Unterstützung für die Bildung junger Menschen(z. B. Stipendien, Studentenheime, Studiengebühren, Transport …). Eine der Indikatoren dafür, dass die Bildung fast ausschließlich von finanzieller und anderer Unterstützung vonseiten der elterlichen Familien abhängt, zeigt sich im Ergebnis einer Eurostudent-Studie, dass für 88 % der Studierenden in Serbien, 69 % in Kroatien, 63 % in Rumänien und 42 % in Slowenien die Eltern die einzige Geldquelle sind, während institutionelle Unterstützung die Hauptgeldquelle für nur jeweils 7 %, 22 %, 26 % und 44 % dieser Studierenden darstellt(Eurostudent database, 2017). [ 12] Festgelegt bei 4 % für Kroatien und 5 % für Slowenien. [ 13] Obwohl Kroatien die niedrigste Quote an ‚vorzeitigen Schulabgängern‘ unter den EU-Ländern hat(Eurostat, 2016), sind FES Youth Studies SEE 2018/19-Ergebnisse unerwartet. [ 14] In Slowenien, rho= –0,114, p< 0,01, Bulgarien, rho= –0,115, p< 0,01, Montenegro, rho= –0,189, p< 0,01, Rumänien, rho= 0,147, p< 0,01, Albanien, rho= –0,108, p< 0,01, BuH, rho= –0,089, p< 0,01, Kosovo, rho= –0,171, p< 0,01, Kroatien, rho= –0,073, p< 0,01. [ 15] Albanien, X²(4, 1207)= 24,2, p< 0,001, BuH, X²(4, 900)= 11,2, p< 0,05, Serbien, X²(4, 893)= 17, p< 0,05, Bulgarien, X²(4, 899)= 31,6, p< 0,001, Rumänien X²(4, 917)= 36,2, p< 0,001 und Slowenien X²(4, 899)= 11,7, p< 0,05. [ 16] X²(1,10721)= 20,2, p< 0,001. [ 17] rho= 0,09, p< 0.01. Z. B. streben fast ein Viertel der Jugendlichen aus den ärmsten Haushalten Rumänien nur eine Primarbildung an. Sie orientieren sich stärker an Berufsschulen als z. B. fast ein Drittel der Befragten in Slowenien und BuH. [ 18] rho= 0,123, p< 0,01. Z. B.streben unter den Jugendlichen, deren Eltern ein niedriges Bildungsniveau haben, 39 % in Bulgarien, 25 % in Rumänien und 19 % der Jugendlichen in Kosovo nur eine Primarbildung an. Auch sie streben eine Berufsschulausbildung an: ungefähr ein Drittel in Slowenien und Kroatien und ungefähr ein Viertel in Serbien und Montenegro. [ 19] X²(8,10721)= 287,56, p< 0,001 [ 20] besonders in Kosovo(52,2 %) und Albanien(49,2 %), aber auch in Rumänien(24,6 %) und Mazedonien(20,8 %). [ 21] besonders in Albanien(46,5 %),aber auch ein Fünftel der Befragten aus Mazedonien, Kroatien und Bulgarien. [ 22] Von 74 % der jungen Menschen in Albanien bis 90 % in Slowenien, die ‚sicher‘ oder ‚sehr sicher‘ sind, das angestrebte Bildungsniveau zu erreichen. 122 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 [ 23] rho= 0,079, p< 0,01, und rho= 0,032, p< 0,05 bzw. [ 24] rho= –0,049, p< 0,05 [ 25] Für Serbien bezieht sich das auf die PISA-Studie 2012 und nur auf die Leistung in Mathematik(OECD, 2014, S. 5). [ 26] Ein Teil der Unterschiede könnte auf die unterschiedliche Formulierung der Frage in den zwei YSEE-Studienreihen zurückzuführen sein. In FES Youth Studies SEE 2011 – 15 lautete die Frage: Glauben sie, dass Zensuren/Examen an Ihrer Schule/Universität ‚ gekauft‘ werden können? Während es in der FES Youth Studies SEE 2018/19 hieß: Stimmen Sie zu, dass es Fälle gibt, wo Noten und Examen in Instituten/Universitäten des Landes ‚ gekauft‘ sind? [ 27] rho= –0,146, p< 0,01 [ 28] X²(4, 4999)= 139,2, p< 0,001 [ 29] X²(1, 9975)= 484,7, p< 0,001 [ 30] Ich möchte mich bei Fahrudin Memić für statistische Analysen in diesem und anderen von mir geschriebenen Kapiteln dieser Studie bedanken. [ 31] Die höchste Jugendarbeitslosenquote in der EU wurde 2016 in Griechenland(47,3 %) und Spanien(44,4 %) registriert. Mehr dazu s: Eurostat, Youth unemployment rate –  %of active population aged 15 – 24. [ 32] Andererseits wählte ein großer Prozentsatz der Befragten in Bulgarien ‚andere‘, wahrscheinlich weil sie in der Ausbildung sind. [ 33] Es bestehen methodische Unterschiede in der Art, wie Arbeitslosigkeit in der Region, im Einklang mit der ILO-Methodik, bei Arbeitskräfteerhebungen erfasst wird. Nach Eurostat sind Arbeitslose z. B. solche Personen, die in der Berichtswoche keine Arbeit haben, dem Arbeitsmarkt innerhalb der nächsten zwei Wochen zur Verfügung stehen oder eine Stelle gefunden haben, die innerhalb der nächsten drei Monate angetreten werden kann und die sich aktiv um Arbeit in den letzten vier Wochen bemüht haben. Mehr dazu s. Eurostat, 2010. Die Fragebogen der Jugendstudie enthielt auch eine Frage, ob junge Menschen arbeitslos waren und aktiv nach einem Arbeitsplatz suchen. [ 34] Bezieht sich nur auf junge Menschen in Arbeit oder jene, die arbeitslos und arbeitssuchend sind. [ 35] Beziehung zwischen Beschäftigungsstatus und elterliches Bildungsniveau, X²(4, 10127)= 179.9, p< 0,05; finanzieller Zustand des Haushalts: X²(8, 9767) = 135,5, p< 0,05; Geschlecht, X²(2, 10328)= 129,1, p< 0,05; Wohnort, X²(6, 10189)= 79,9, p< 0,05; Bildungsstand der Befragten, X²(12, 10262)= 2502,6, p < 0,05; Alter, X²(30, 10329)= 3951,6, p< 0,05. [ 36]  Das könnte möglicherweise an der unterschiedlichen Definition von NEETs in offiziellen Statistiken im Gegensatz zu den Jugendstudien liegen. Zum Vergleich s. Vidovic et al., 2018, S. 21–22. [ 37] Ungefähr 46 % sind zwischen 25–29 Jahre alt; 40 % gelten in der 20–24 Kohorte. [ 38] Korrelation mit: Alter, rho= 0,159, p< 0,01; Bildungsniveau: rho= 0,031, p< 0,01; HDI, rho= –0,120, p< 0,01; Wohnort, rho= –0,095, p< 0,01; elterliches Bildungsniveau, rho= –0,180, p< 0,01; materieller Besitz, rho= –0,184, p < 0,01; finanzielle Situation des Haushalts, rho= –0,123, p< 0,01; Alter der Personen, die die formelle Bildung abgebrochen haben, rho= –0,339, p< 0,01. Beziehung zum Geschlecht, X²(1, 10745)= 16,9, p< 0,05. [ 39] Wie z. B. abhängige oder versteckte Beschäftigung, wo das Beschäftigungsverhältnis als selbstständige Tätigkeit deklariert wird, um den Beschäftigten weniger Arbeitsschutz zu gewähren(ILO, 2018). [ 40] Atypische Beschäftigung bedeutet in diesem Zusammenhang folgende Optionen bei der Beantwortung der Umfrage: Ich habe einen Zeitvertrag für einen Vollzeitjob; Ich habe einen Zeitvertrag für einen Teilzeitjob; Ich habe Gelegenheitsjob(s). Für sowohl Selbstständigkeit wie atypische Beschäftigung in Prozent der Jugendlichen berechnet, die in jedem Land von sich sagen, beschäftigt zu sein. [ 41] Beziehung zwischen Beschäftigungsart und Bildungsniveau des/der Befragten, X²(12, 10765)= 1159,4, p< 0,05; Geschlecht, X²(2, 10907)= 100,2, p < 0,05; finanzielle Lage des Haushalts, X²(8, 10213)= 30,6, p< 0,05; elterliches Bildungsniveau, X²(4, 10635)= 57,9, p< 0,05; Teilnahme an Praktika, X²(2, 10431)= 207,9, p< 0,05. [ 42] Frage bezieht sich nur auf junge Menschen, die arbeiten. [ 43] Beziehung zwischen Arbeit, die nicht der Ausbildung entspricht und elterlichem Bildungsniveau, X²(2, 4291)= 44,6, p< 0,05; Bildungsniveau, X²(6, 4326)= 196,2, p< 0,05; Alter, X²(15, 4353)= 142,6, p< 0,05. [ 44] Horizontale Fehlanpassungen – auf der gleichen Bildungs- oder Qualifikationsstufe wie die Stelle erfordert, aber in einem ungeeigneten Bereich – wurden nicht untersucht. [ 45] Frage bezieht sich nur auf junge Menschen, die arbeiten. [ 46] Beziehung zwischen Arbeit, die einen niedrigeren Bildungsstand als den eigenen erfordert und eigenes Bildungsniveau, X²(6, 3905)= 53,7, p< 0,05; wahrgenommener finanzieller Status des Haushalts: X²(4, 3771)= 22,3, p< 0,05. [ 47] r= –0,200. p< 0,01 [ 48] r= 0,106, p< 0,01 [ 49] X²(8, 10659)= 64,05, p< 0,01 [ 50] Korrelation mit Menschen mit Macht: r= –0,075, p< 0,01. Korrelation mit Bekannten: r= –0,087, p< 0,01. [ 51] r= 0,064, p< 0,01 [ 52] rho= 0,083, p< 0,01. [ 53] S. dazu z. B. eine Empfehlung vom Rat der Europäischen Union(2011) zu Maßnahmen, die frühzeitigen Schulabbruch reduzieren. S. auch Salvatore et al. (2012). [ 54] Diese Sichtweise aus der Generationensoziologie ist in der Literatur umstritten und sollte unbedingt immer mit dem sogenannten Periodeneffekt ausgeglichen werden. Weitere detaillierte Diskussion unter z. B.: Alwin und McCammon, 2003; Roberts, 2007. [ 55] r= 0,203, p< 0,01 [ 56] r= 0,154, p< 0,01. Mehr zur Religiosität, s. Kapitel 3.4. [ 57] r= 0,154, p< 0,01. Mehr zur Religiosität, s. Kapitel 3.4. [ 58] r= 0,105, p< 0,01 [ 59] Werte von Autonomie und Verantwortung sind u.a.: Verantwortung übernehmen, selbstständig sein, loyal zu Freunden sein, loyal zum Arbeitgeber sein. Familienwerte sind u.a.: Kinderhaben als ein wichtiger Wert, Kinderhaben als wichtig für ein glückliches Leben, einen Ehepartner_in/Lebenspartner_in haben als wichtig für ein glückliches Leben, zu heiraten/verheiratet sein als wichtiger Wert. Werte persönlichen Erfolgs sind u.a. Bedeutung von sportlicher Aktivität, gesundem Essen, Universität abschließen und eine erfolgreiche berufliche Laufbahn. Konsumorientierte Werte beziehen sich auf die Bedeutung von Reichwerden/ Reichsein, Tragen von Markenkleidung und Gutaussehen. Werte politischen und zivilgesellschaftlichen Engagements sind u.a. die Bedeutung, politisch aktiv zu sein, an Bürgeraktionen/-initiativen teilzunehmen und allgemein Interesse an der Politik zu bekunden. [ 60] Korrelation mit HDI: r= –0,216, p< 0,01. [ 61] r= –0,264, p< 0,01 [ 62] r= 0,138, p< 0,01 [ 63] r= 0,115, p< 0,01 [ 64] r= 0,093, p< 0,01 [ 65] Daten wurden 2008 erhoben mit Ausnahme Montenegros(2001) und Mazedoniens(2009). [ 66] Z. B. Luckmann, 1967; Beyer, 1994; Davie, 2000; Pollack& Müller, 2006; Lavrič, 2013 [ 67] Außerdem zeigt ein Vergleich mit den Ergebnissen der FES-Jugendstudie zu kroatischen Jugendlichen 2012, dass der Anteil derjenigen, die nie beten, in der Zeit von 2012 und 2018 von 24 % auf 37 % gestiegen ist. [ 68] Z. B. ist der Anteil der Jugendlichen, die keiner Religion angehören, von 24 % auf 38 % gestiegen. [ 69] r= –0,103, p< 0,01 [ 70] r= –0,094, p< 0,01 [ 71] r= 0,159, p< 0,01 [ 72] Der Guardian beschrieb Vetëvendosje als linksgerichtete politische Bewegung, die das Vokabular des Antikolonialismus als Reaktion auf die neoliberale Verwaltung der Nachkriegszeit in Kosovo einsetzte(Rexhepi, 2017). [ 73] Rechtsstaatlichkeit ist vielleicht nicht sehr populär, möglicherweise wegen der großen Popularität der informellen Wirtschaft(s. Unterkapitel zu sozialer Toleranz). [ 74] Reicht von 121 % in Slowenien bis 500 % in BuH. [ 75] r= 0,360. p< 0,01 [ 76] r= 0,311, p< 0,01 [ 77] r= 0,286, p< 0,01 [ 78] r= –0,285, p< 0,01 [ 79] r= –0,194, p< 0,01 [ 80] Weniger als 4 % der Jugendlichen in der Region sind anderer Ansicht. [ 81] Dem Demokratischer Sozialismus in der Sicht der Millennials fehlen viele der klassischen sozialistischen Ideen wie Eigentum des Staates an den Produkti- ENDNOTEN 123 onsmitteln, zentrale Planung, revolutionäre Aktionen oder die Marxistische ‚Diktatur des Proletariats.‘ Die grundlegenden politischen Werte der Millennial-Sozialisten betonen stattdessen die Vorzüge des Sozialstaats wie allgemeine wirtschaftliche Sicherheit für alle Bürger_innen – u.a. menschenwürdige Beschäftigungschancen, öffentliche Gesundheitsversorgung und kostenlose öffentliche Schulbildung. [ 82] Die Skala zur Messung der Unterstützung für den Sozialstaat umfasste die folgenden Elemente(Cronbach’s α =0,642):(1) Einkommen der Armen und der Reichen sollten sich annähern;(2) mehr Eigentum der Regierung an Gewerbe und Industrie;(3) die Regierung sollte mehr Verantwortung übernehmen um sicherzustellen, dass alle versorgt sind. [ 83] Die Korrelation zwischen sozialstaatlicher Orientierung und materiellem Besitz eines Haushalts war r= –0,200, p< 0,01. Im Fall des elterlichen Bildungsniveaus war es r= –0,142, p< 0.01. Arbeitslosigkeit und NEET-Status erhöhten auch die Wahrscheinlichkeit, dass Ideen eines starken Sozialstaats unterstützt werden. [ 84] r= 0,030, p< 0,01 [ 85] r= 0,199, p< 0,01 [ 86] Die positive Korrelation(r= 0,027, p< 0,05) lässt vermuten, dass der Sozialstaat ein etwas stärker erwünschtes Ziel für jene ist, die sich selbst als eher rechtsorientiert einschätzen. [ 87] Der grundlegende theoretische Ausgangspunkt war das von der FES-Abteilung für Internationale Politikanalyse unter der Leitung von Dr. Michael Bröning(s.: https://www.fes.de/strategy-debates-global/) erarbeitete Modell. Im ersten Schritt unserer statistischen Analyse haben wir einige Variablen auf individueller Ebene erstellt: —— Netto sozialstaatliche Orientierung, errechnet als Verhältnis von Sozialstaat(Zustimmung zu: Einkommen von Armen und Reichen sollten gleicher gemacht werden; mehr Eigentum der Regierung an Gewerbe und Industrie; Regierung sollte mehr Verantwortung übernehmen um sicherzustellen, dass alle versorgt sind( α = 0,642)) zu Unterstützung für die Demokratie (Zustimmung zu: es ist die Pflicht jeden Bürgers_in in einer Demokratie, zur Wahl zu gehen; eine Opposition ist für eine gesunde Demokratie notwendig; junge Menschen sollten mehr Mitsprachemöglichkeiten in der Politik haben; Demokratie ist im allgemeinen eine gute Regierungsform( α = 0,695)). —— Netto linksorientierte Ziele wurden errechnet als Verhältnis von typischen linken Zielen(Unterstützung für Schutz der Menschenrechte und Freiheiten, soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherheit für Alle, Schutz der natürlichen Umwelt und Verringerung der Arbeitslosigkeit( α = 0879)) typischen rechten Zielen(Förderung nationaler Identität, Kampf gegen illegale Einwanderung von Menschen, Stärkung der militärischen Macht und nationalen Sicherheit, Hebung des Bevölkerungwachstums( α = 0,797)). —— Autoritäre Orientierung, u.a. Unterstützung für eine starke politische Führung, Unterstützung für eine Diktatur unter bestimmten Umständen und Unterstützung für Gewaltanwendung zur Lösung bestimmter sozialer Probleme( α = 0,461). —— Nationalismus, u.a. Zustimmung zu folgenden Aussagen: Es wäre für (LAND) am besten, wenn dort nur echte(LAND)er lebten. Nicht-(LAND)er, die in(LAND) leben, sollten die Bräuche und Werte der(LAND)er übernehmen; ein echter(LAND)er ist nur die Person, die(LAND)isches Blut hat( α = 0,769). —— Werte individueller Freiheit, für jeden Befragten errechnet auf der Grundlage, ob er oder sie‘individuelle Freiheit‘ an 1. oder 2. Stelle von acht vorgeschlagenen politischen Werten wählte. —— Werte von Wohlfahrt und Gleichheit, für jeden Befragten errechnet auf der Grundlage, ob er oder sie ‚wirtschaftlichen Wohlstand der Bürger_innen‘ oder ‚Gleichheit‘ an 1. oder 2. Stelle von acht vorgeschlagenen politischen Werten wählte. —— Toleranz gegenüber sexuellen und reproduktiven Praktiken, u.a. Rechtfertigung von Homosexualität und Rechtfertigung von Abtreibung( α = 0,725). —— Linke Orientierung, eine ursprüngliche Variable aus dem Studienfragebogen zur Messung der linken vs. rechten politischen Orientierung nach eigener Einschätzung. Im zweiten Schritt wurden die Durchschnittswerte dieser Variablen für jedes Land in einem Hauptkomponentenverfahren mit Varimax-Rotation aufgenommen, wobei die Länder analytische Einheiten darstellten. Eine zweidimensionale Lösung wurde mit 73,9 % Gesamtvarianz erreicht, die sich aus dem Modell erklärt. Faktorenscores wurden für jede Dimension errechnet und in der Grafik für jedes Land dargestellt. [ 88] r= 0,826, p< 0,01 [ 89] Ein Projekt von EU Horizon 2020 unter dem Titel ‚die Lücke zwischen formellen und informellen Institutionen auf dem Balkan schließen‘: http://www. formal-informal.eu/home.html [ 90] r= –0,792, p< 0,01 [ 91] Z. B. ist die autoritäre Orientierung unter Jugendlichen aus Haushalten mit weniger materiellem Besitz(r= –0,148, p< 0,01) oder Jugendlichen mit weniger gebildeten Eltern(r= –0,121, p< 0,01) erheblich stärker. [ 92] Befragte in den WVS und INFORM –Umfragen wurden gefragt, was sie von ‚ eine starke Führung haben, die sich nicht um Parlament und Wahlen scheren muss‘ auf einer Skala von 1(‚sehr schlecht‘) bis 4(‚sehr gut‘) halten. Befragte der FES Youth Studies SEE 2018/19-Studien wurden gefragt, inwiefern sie der Aussage zustimmen: ‚ Wir sollten eine Führung haben, die das Land mit harter Hand zum Wohl der Gemeinschaft‘ auf einer Skala von 1(‚überhaupt nicht einverstanden‘) bis 5(‚völlig einverstanden‘). Da wir nur den Anteil derer vergleichen, die sich an den extremen Rändern des Spektrums befinden, ist der Vergleich unseres Erachtens nach schlüssig. Jedenfalls wäre die logische Wirkung des Wechsels von einer 4-Punkte zu einer 5-Punkte-Skala eine größere Streuung der Befragten, die den Anteil der Befragten in jeder Kategorie senken und damit den beobachteten Anstieg des Autoritarismus reduzieren würde. Andererseits könnte der Wegfall von ‚…die sich nicht um Parlament und Wahlen scheren muss‘ in FES Youth Studies SEE 2018/19 in die entgegengesetzte Richtung weisen, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich beide Tendenzen gegenseitig ausschließen. [ 93] Vor kurzem berichteten Foa and Mounk(2017), dass sich der Anteil der Bürger_innen, die autoritäre Alternativen zur Demokratie befürworten, in den meisten Staaten der Welt, für die vollständige Zeitreihen von 1996 bis ungefähr 2012 vorliegen, erhöht hat. In den Vereinigten Staaten stieg z. B. der Anteil der Bürger_innen, die glauben, dass es besser wäre, eine ‚starke Führung zu haben, die sich nicht um Parlament und Wahlen scheren muss‘ von 24 % im Jahr 1995 auf 32 % 2011. Ähnliche Trends wurden auch bei ähnlichen Einstellungen sichtbar, wie z. B. Zustimmung, dass es besser wäre, die Armee übernähme oder wichtige Entscheidungen für das Land den Experten statt der Regierung zu überlassen(S. 13 – 14). Besonders alarmierend ist eine Erkenntnis von Foa und Mounk (2017), dass in den meisten europäischen Ländern junge Menschen schneller kritisch gegenüber der Demokratie geworden sind als ältere Generationen. Sie zeigten auch, dass in sieben wichtigen EU-Ländern die Zustimmung junger Befragter zur Aussage ‚Demokratie mag Probleme mit sich bringen, aber ist besser als jede andere Regierungsform‘ zwischen 1999 und 2017 stark zurückgegangen ist. Geografisch näher am Thema dieses Berichts kamen Kirbiš und Flere(2017) zu ähnlichen Ergebnissen. Bei der Untersuchung der Änderungen in der politischen Kultur der post-jugoslawischen Länder zwischen 1995 und 2008 stellten sie fest, dass prodemokratische Einstellungen – gemessen mit den obengenannten Indikatoren einer starken Führung und Unterstützung für Demokratie – in allen sechs untersuchten Ländern nach den verfügbaren Longitudinaldaten abgenommen hatten. [ 94] r= 0,223, p< 0,01 [ 95] r= 0,258, p< 0,01 [ 96] r= 0,041, p< 0,01. Vertrauen in staatliche Institutionen wurde gemessen als Vertrauen in nationale Regierungen, nationale Parlamente, Parteien, Kommunalverwaltungen, den Präsidenten, die Gerichtsbarkeit und die Medien. [ 97] r= 0,030, p< 0,01 [ 98] r= 0,291, p< 0,01. Die Variable ‚Unterstützung für den Sozialstaat‘ bestand aus dem Maß an Zustimmung zu drei Aussagen: Einkommen der Armen und Reichen sollten gleicher gemacht werden; mehr Eigentum der Regierung an Gewerbe und Industrie; Regierung sollte mehr Verantwortung übernehmen um sicherzustellen, dass alle versorgt sind. [ 99] r= 0,103, p< 0,01 [ 100] r= 0,090, p< 0,01 [ 101] r= 0,276, p< 0,01 [ 102] Ethnisch orientierter Nationalismus wird im Oxford Dictionary definiert als Befürwortung von oder Unterstützung für politische Interessen einer bestimmten ethnischen Gruppe, insbesondere ihrer nationalen Unabhängigkeit oder Selbstbestimmung. [ 103] Man kann Patriotismus als Verbundenheit mit dem eigenen Heimatland verstehen. [ 104] Das Element ‚Ich bin stolz, Bürger_in meines Landes zu sein‘ wurde als Maß für Patriotismus genommen, während das andere Element in der Grafik als Maß für ethnisch orientierten Nationalismus verstanden wurde. [ 105] Eine Variable, die sich aus dem höchsten Bildungsabschluss der Mutter, dem höchsten Bildungsabschluss des Vaters und der Anzahl der Bücher im Haushalt zusammensetzt. [ 106] r= –0,261, p< 0,01 [ 107] r= 0,165, p< 0,01 124 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 [ 108] r= –0,222, p< 0,01 [ 109] r= 0,168, p< 0,01 [ 110] rho= –0,192, p< 0,01 [ 111] rho= –0,079, p< 0,05 [ 112] rho= 0,201, p< 0,01 [ 113] rho= 0,106, p< 0,01 [ 114] rho= 0,095, p< 0,01 [ 115] Menschenrechte, wirtschaftlicher Wohlstand der Bürger_innen, Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit, Beschäftigung, individuelle Freiheit, Demokratie und Sicherheit. [ 116] Acht für die EU und acht für das Heimatland. [ 117] r= –0,827, p< 0,01 [ 118] Auf der Grundlage der Ergebnisse der Faktoranalyse wurde die TSR-Variable aus zwei Variablen auf einer Skala 1 – 10 zusammengesetzt: Rechtfertigung der Homosexualität Rechtfertigung der Abtreibung [ 119] Auf der Grundlage der Ergebnisse der Faktoranalyse wurde die TIE-Variable aus vier Variablen auf einer Skala 1 – 10 zusammengesetzt: Rechtfertigung für die Nutzung von Verbindungen, um ‚Dinge anzupacken‘ Rechtfertigung für die Nutzung von Verbinden, um eine Stelle zu finden Rechtfertigung für die Annahme/Übergabe von Bestechung Rechtfertigung für Steuerbetrügereien. [ 120] r= –0,093, p< 0,01 [ 121] r= –0,109, p< 0,01 [ 122] rho= 0,038, p< 0,01 [ 123] Rechtfertigung von Homosexualität, Abtreibung, Annahme/Übergabe von Bestechung und Steuerbetrug. [ 124] Die Umfrage wurde 2001 in Montenegro gemacht, 2009 in Mazedonien, und 2008 in allen anderen Ländern. [ 125] Befragte, die Rechtsstaatlichkeit an 1. oder 2. Stelle als politischen Wert nannten wurden mit jenen verglichen, die diese Voraussetzung nicht erfüllten. [ 126] rho= –0,068, p< 0,01 [ 127] rho= –0,146, p< 0,01 [ 128] rho= –0,131, p< 0,01 [ 129] rho= –0,0,109, p< 0,01 [ 130] r= –0,743, p<0,01 [ 131] Netto europäische Identität wird von uns als das Verhältnis von europäischer zu nationaler Identität verstanden. [ 132] r= –0,711, p< 0,01 [ 133] Aufgrund der Unterschiede im Fragebogen der Studie konnten wir nur die Daten für vier Länder vergleichen mit der Begrenzung auf die Altersgruppe 16–27. Die Ergebnisse zeigen, dass Unterstützung für den EU-Beitritt von 73 % auf 81 % in Mazedonien gestiegen ist; von 82 % auf 89 % in Kosovo; und von 89 % auf 94 % in Albanien. In Slowenien ging die Unterstützung für einen EU-Austritt von 45 % 2013 auf nur 21 % 2018 zurück. [ 134]  Korrelation zwischen Interesse an Politik allgemein und Wissen über Politik: rho= 0,542, p< 0.01. Korrelation zwischen Interesse an Politik allgemein und Diskussion über Politik mit Familie/Bekannten: rho= 0,597, p< 0,01. Korrelation zwischen Diskussion über Politik mit Familie /Bekannten und Wissen über Politik: rho= 0,487, p< 0,01. [ 135] Aus Rumänien liegen keine Daten aus früheren Studien vor; in Montenegro wurde vor 2018 keine Umfrage gemacht. Altersspektrum wurde angepasst für Vergleich mit den früheren Studienreihen(16–27). [ 136] Desgleichen waren 56 % derjenigen, die überhaupt kein Interesse an der Politik äußerten, alle völlig der Meinung, dass junge Menschen mehr Mitsprachemöglichkeiten in der Politik haben sollten. [ 137] Vor kurzem wurden diese Erkenntnisse in einem Buch unter dem Titel ‘Against Democracy‘ von Jason Brennan(2016) einem breiten Publikum bekannt gemacht. [ 138] Politisches Wissen nach eigener Aussage bezieht sich auf höheren Bildungsstand der Eltern(r=0092, p<001), mehr materiellen Besitz des Haushalts(r = 0,074, p< 0,01), und kein NEET-Status(rho= –0,027, p< 0,01). [ 139] Korrelationen zwischen Interesse an nationaler Politik und: Bildungsniveau, rho= 0,206, p< 0,05; Finanzstatus des Haushalts, rho= 0,075, p< 0,01; materieller Besitz des Haushalts, rho= 0,105, p< 0,05; elterliches Bildungsniveau, rho= 0,147, p< 0,05; NEET, rho= –0,072, p< 0,05; HDI, rho= 0,054, p< 0,05. Politisches Interesse korreliert auch positiv mit einem städtischen Wohnort(rho = 0,054, p< 0,05) und Alter(rho= 0,145, p< 0,05). [ 140] rho= 0,058, p< 0,05 [ 141] Junge Menschen wurden gefragt, ob sie an politischen Wahlen in den letzten drei Jahren teilgenommen hatten, von lokaler bis EU-Ebene. Befragte waren aus der Altersgruppe 15–30. [ 142] Korrelationen zwischen Wählen und: finanzielleer Status des Haushalts, rho= 0,034, p< 0,01; Bildungsniveau, rho= 0,122, p< 0,01; elterliches Bildungsniveau: Kroatien, rho= 0,097, p< 0,01; Kosovo, rho= 0,119, p< 0,01; und Slowenien, rho= 0,102, p< 0,01. Man beachte: die Option ‚r nicht alt genug zum Wählen‘ wurde als Antwort bei den Wählkorrelationen ausgeschlossen. [ 143] Korrelation zwischen Wählen und HDI: rho= –0,168, p< 0,01. [ 144] Korrelation zwischen Wählen und der Überzeugung, dass junge Menschen in der Politik vertreten sind: rho= 0,099, p< 0,01. [ 145] Korrelationen zwischen Wählen und Interesse an Politik: rho= 0,170, p < 0,01. [ 146] Korrelationen zwischen Wählen und Alter: rho= 0,122, p< 0,01. [ 147] Korrelationen zwischen Teilnahme/Interesse an Teilnahme an Demonstrationen und: Bildungsstand, rho= 0,155, p< 0,05; materieller Besitz des Haushalts, rho= 0,179, p< 0,05; elterliches Bildungsniveau, rho= 0,126, p< 0,05; städtischer Wohnort, rho= 0,079, p< 0.05; NEET, rho= –0,074, p< 0,05; HDI, rho= 0,048, p< 0,05; Alter, rho= 0,126, p< 0,05. Korrelationen zwischen Unterzeichnung/Interesse an Unterzeichnung politischer Appelle/Petitionen: Bildungsniveau, rho= 0,185, p< 0,05; materieller Besitz des Haushalts, rho= 0,229, p< 0,05; elterliches Bildungsniveau, rho= 0,152, p< 0,05; städtischer Wohnort, rho= 0,062, p< 0,05; NEET, rho= –0,072, p< 0,05; HDI, rho= 0,122, p< 0,05; Alter, rho= 0,141, p< 0,05. [ 148] rho= 0,048, p< 0,01 [ 149] Korrelationen zwischen Bereitschaft, ein politisches Amt anzunehmen (oder schon zu bekleiden) mit: Bildungsniveau, rho= 0,071, p< 0,01; finanzielle Situation, rho= 0,033, p< 0,05; materieller Besitz, rho= 0,074, p< 0,05; elterliche Bildung, rho= 0,092, p< 0,05; städtischer Wohnort, rho= 0,044, p< 0,05; NEET, rho= –0,063, p< 0,05. [ 150] Korrelationen zwischen Mitarbeit/Interesse an Mitarbeit in einer Partei/ politischen Gruppe und: Bildungsniveau, rho= 0,094, p< 0,01; materieller Besitz, rho= 0,128, p< 0,05; elterliche Bildung, rho= 0,066, p< 0,05; städtischer Wohnort, rho= 0,034, p< 0,05; NEET, rho= –0,043, p< 0,05Alter, rho= 0,059, p< 0,05. [ 151] Korrelationen zwischen Beteiligung an den letzten nationalen Wahlen (Wahlberechtigte) und: Unterstützung für Sozialstaat(zusammengesetzte Variable), rho= 0,044, p< 0,01; Unterstützung für eine starke Führung, rho= 0,059, p< 0,01; Nationalismus, rho= 0,046, p< 0,01; rechte politische Orientierung, rho= 0,069, p< 0,01; Interesse an Politik, rho= 0,170, p< 0,01. [ 152] Korrelationen zwischen Bereitschaft, bei den nächsten Parlamentswahlen zu wählen(Wahlberechtigte) und: Unterstützung für den Sozialstaat, rho= 0,050, p< 0.01; Unterstützung für eine starke Führung, rho= 0,051; politische Orientierung, rho= 0,066, p< 0,01; [ 153] Korrelationen zwischen Unterstützung für den Sozialstaat(zusammengesetzte Variable) und: eine Liste mit politischen Forderungen unterschreiben/ eine Online-Petition unterstützen, rho= –0,096, p< 0,01;Teilnahme an Demonstrationen, rho= –0,096, p< 0,01; Teilnahme an ehrenamtlichen/zivilgesellschaftlichen Aktivitäten, rho= –0,075, p< 0,01; Mitarbeit in einer Partei oder politischen Gruppe, rho= –0,055, p< 0,01; Dinge nicht mehr kaufen aus politischen oder Umweltgründen, rho= –0,126, p< 0,01; Teilnahme an politischen Aktivitäten online/in sozialen Netzwerken, rho= –0,092, p< 0,01. [ 154]  Korrelationen zwischen Unterstützung für eine starke Führung und: Unterschrift unter Liste mit politischen Forderungen/Unterstützung Online-Petition, rho= –0,073, p< 0,01; Teilnahme an einer Demonstration, rho= –0,052, p < 0,01; Teilnahme an ehrenamtlichen/zivilgesellschaftlichen Aktivitäten, rho= –0,068, p< 0,01; Dinge nicht mehr kaufen aus politischen oder Umweltgründen = –0,081, p< 0,01; Teilnahme an politischen Aktivitäten online/in sozialen Netzwerken, rho= –0,064, p< 0,01. [ 155] Korrelationen zwischen Vertrauen in die EU im Vergleich zu Vertrauen in nationale Regierung und: Unterschrift unter Liste mit politischen Forderungen/ Unterstützung Online-Petition, rho= –0,043, p< 0,01; Teilnahme an einer Demonstration, rho= –0,035, p< 0,01; Dinge nicht mehr kaufen aus politischen und Umweltgründen, rho= –0,034, p< 0,01; Teilnahme an politischen Aktivitäten online/in sozialen Netzwerken, rho= –0,075, p< 0,01. [ 156] Regression mit nicht konventioneller Teilhabe(deren sechs Formen in Grafik 8.5. aufgeführt sind) als abhängige Variable: materieller Besitz des Haushalts, β = 0,185, p< 0,01; Alter, β = 0,110, p< 0,01; elterliches Bildungsniveau, β = 0,080, p< 0,01; Geschlecht, β = 0,047, p< 0,01; NEET-Status, β = –0,054, p ENDNOTEN 125 <0,01; Unterstützung für Sozialstaat, β = –0,036, p< 0,01; Unterstützung für starke Führung, β = –0,033, p< 0,01. [ 157] Korrelationen mit ‚nicht ehrenamtlich‘: finanzieller Status des Haushalts, rho= –0,057, p< 0.05; materieller Besitz des Haushalts, rho= –0,122, p< 0,05; höchstes elterliches Bildungsniveau, rho= –0,092, p< 0,05; NEET, rho= 0,090, p< 0,05; Alter, rho= 0,046, p<0,05. [ 158]  Visas wurden seit Dezember 2009 ausgesetzt für Bürger_innen aus Montenegro, Mazedonien und Serbien; seit Ende 2010 für Bürger_innen aus Albanien und BuH. Mehr dazu s. Europäische Kommission, 2017. [ 159] Die sogenannte ‚Westbalkanregelung‘, seit Januar 2016 in Kraft, erlaubt Bürger_innen aus Albanien, BuH, Kosovo, Montenegro, Mazedonien und Serbien in Deutschland zu arbeiten, wenn sie im Besitz eines Visas, Arbeitserlaubnis und Arbeitsplatz sind. Infolgedessen ging die Anzahl der Asylanträge zurück, aber die Anzahl der Arbeitserlaubnisse für Arbeitnehmer_innen aus der Region nahm zu. Mehr dazu s. Siems, 2017; Bundesanstalt für Arbeit Deutschland, 2018. [ 160] Betrifft Albanien, BuH, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien. [ 161] Im Gegensatz zur Migration, die normalerweise als endgültige Verlagerung des Wohnorts verstanden wird, ist Mobilität normalerweise als vorübergehende Bewegung von Personen im Laufe ihres Alltagslebens definiert. Im vorliegenden Bericht verstehen wir internationale Migration als Wohnortswechsel in ein anderes Land für mehr als sechs Monate, während Umzug in ein anderes Land für weniger als sechs Monate als internationale Mobilität verstanden wird. [ 162] Nicht beschränkt auf Erasmus+, Europe for Citizens und andere Programme. [ 163] Korrelationen mit Bildungsniveau, rho= –0,067, p< 0,01; finanzieller Status des Haushalts, rho= –0,045, p< 0,01; städtischer Wohnort, rho= 0,024, p< 0,05; HDI, rho= –0,199, p< 0,01; Beziehung zu Beschäftigungsstatus, X²(8, 9810)= 77,8, p< 0,05. [ 164] Korrelation mit: HDI, rho= –0,160, p< 0,01; NEET, rho= 0,093, p< 0,01; Bildungsniveau, rho= –0,043, p< 0,01; elterliches Bildungsniveau, rho= –0,089, p< 0,01; materieller Besitz des Haushalts, rho= –0,091, p< 0,01; und wahrgenommen finanzielle Situation des Haushalts, rho= –0,036, p< 0,01. [ 165] BuH: rho= –0,080, p< 0,05; Bulgarien: rho= –0,109, p< 0,01; Mazedonien: rho= –0,066, p< 0,05; Rumänien: rho= –0,161, p< 0,01. Korrelationen in anderen Ländern nicht signifikant. [ 166] Kroatien: rho= 0,082, p< 0,01; Rumänien: rho= 0,087, p< 0,01; Serbien: rho= 0,089, p< 0,01; Slowenien: rho= 0,153, p< 0,01. Korrelationen nicht signifikant in anderen Ländern. Korrelation zwischen Wunsch wegzugehen und elterliches Bildungsniveau ist auf regionaler Ebene nicht signifikant. [ 167] Kroatien: rho= 0,069, p< 0,01; Montenegro: rho= 0,091, p< 0,05; Rumänien: rho= 0,183, p< 0,01; Slowenien: rho= 0,066, p< 0,05. In Mazedonien ist diese Korrelation negativ: rho= –0,093, p< 0,01. Korrelationen nicht signifikant in anderen Ländern auf regionaler Ebene. [ 168] r= –0,178, p< 0,01; Wahrnehmung der Situation im Land wurde mit einer zusammengesetzten Variablen gemessen, einschließlich der Einschätzung der Befragten zu acht Themen: Menschenrechte, wirtschaftlicher Wohlstand der Bürger_innen, Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit, Beschäftigung, individuelle Freiheit, Demokratie und Sicherheit. [ 169] r= –0,113, p< 0,01; die Einschätzung der Zukunft des Landes wurde durch Messung eines Elements auf einer Skala von 1 bis 5 gemessen. [ 170] Korrelation mit: HDI, rho= –0,088, p< 0,01; NEET-Status, rho= 0,096, p < 0,01; Beschäftigungsstatus, X²(2, 5342)= 120,2, p< 0,05; elterliches Bildungsniveau, rho= –0,141, p< 0,01; materieller Besitz des Haushalts, rho= –0,132, p < 0,01; finanzielle Situation des Haushalts, rho= –0,088, p< 0,01. [ 171] Korrelation mit: HDI, rho= –0,062, p< 0,01; NEET, rho= –0,102, p< 0,01; Beschäftigungsstatus, X²(2, 5340)= 231,1, p< 0,05; elterliches Bildungsniveau, rho= 0,105, p< 0,01; finanzielle Situation des Haushalts, rho= 0,072, p < 0,01; Bildungsniveau, rho= –0,163, p< 0,01. [ 172] Korrelation mit: materieller Besitz, rho= 0,046, p< 0,01; elterliches Bildungsniveau, rho= 0,042, p< 0,01; eigenes Bildungsniveau, rho= 0,032, p< 0,05; und städtischer Wohnort, rho= 0,027, p< 0,05. [ 173] Korrelation mit: HDI, rho= –0,121, p< 0,01; NEET-Status, rho= 0,203, p < 0,01; Beschäftigungsstatus, X²(2, 5341)= 69,1, p< 0,05; elterliches Bildungsniveau, rho= –0,129, p< 0,01; materiller Besitz des Haushalts, rho= –0,102, p< 0,01; wahrgenommene finanzielle Situation des Haushalts, rho= –0,050, p< 0,01; städtischer Wohnort, rho= –0,077, p< 0,01; [ 174] Bezüglich des verwendeten Verfahrens wurden Werte von sechs unten dargestellten Variablen zusammengenommen und eine Variable mit Werten von 0 bis 25 generiert. Diese Variable wurde auf eine Skala von 0 – 1(Wert/25) übertragen. Wert 0 bedeutet absolute Abwesenheit aller berücksichtigten Elemente. [ 175] Diese Schritte waren u.a.: die Botschaft kontaktieren, potenzielle Arbeitgeber kontaktieren, potenzielle Universitäten/Schulen kontaktieren, ein Stipendium erhalten, Freunde/Verwandte kontaktieren oder eine andere von Befragten geäußerte Aktion. [ 176] Die Variable wurde mit folgendem Verfahren generiert: Der Anteil von Einzelpersonen mit Punkten über 0,50 wurde als Teil der Variable ‚Emigrationspotenzial von Einzelpersonen‘ für jedes Land berechnet. Diese Anteile wurden mit der tatsächlichen Anzahl junger Menschen(15 – 29), die in jedem Land leben, multipliziert. [ 177] Eine zusammengesetzte Variable, die etwas aussagt über elterliche Bildung, Bildung des/der Befragten, Anzahl der Bücher im Haushalt, die finanzielle Situation der Haushalte und materieller Besitz des Haushalts. [ 178] Albanien: r= 0,125**; Montenegro: r= 0,110**; Serbien: r= 0,073*; Slowenien: r= 0,072*; Kroatien: r= 0,065*; Rumänien: r= 0,063; BuH: r= –0,016; Kosovo: r= –0,024; Bulgarien= r-0,085. [ 179] Korrelation mith: HDI, rho= –0,111, p< 0,01; NEET-Status, rho= 0,102, p < 0,01; ländlicher Wohnort, rho= –0,058, p< 0,01; Bildungsniveau der Befragten, rho= –0,049, p< 0,01; elterliches Bildungsniveau rho= –0,125, p< 0,01; finanzielle Lage der Haushalte, rho= –0,096, p< 0,01; und materieller Besitz, rho= –0,179, p< 0.01. [ 180] Es sollte betont werden, dass alle diese Korrelationen auch innerhalb einer linearen Regressionsanalyse statistisch relevant bleiben, je nach elterlichem Bildungsniveau, materiellem Besitz des Haushalts, finanziellem Status des Haushalts, Arbeitslosigkeit, Alter und Geschlecht des/der Befragten. [ 181] rho= 0,118, p< 0,01 [ 182] rho= 0,102, p< 0,01 [ 183] rho= 0,102, p< 0,01 [ 184] rho= 0,171, p< 0,01. Nicht konventionelle politische Teilhabe bezieht sich auf Aktivitäten wie das Unterzeichnen von Petitionen, Teilnahme an Demonstrationen oder Mitmachen bei Boykotts. In unserem Fall bestand es aus sechsVariablen, die im Einzelnen als Teil des Kapitels zu politischer und zivilgesellschaftlicher Teilhabe vorgestellt werden(Cronbach α = 0,827). [ 185] rho= –0,092, p< 0,01. Nationalismus wurde gemessen als Zustimmung zu der Aussage ‚es wäre am besten, wenn(LAND) nur von echten(Land)ern bewohnt wäre‘. [ 186] rho= 0,183, p<0,01 [ 187] Die Analyse basiert auf einer modifizierten Skala der Erziehungsmethoden(Robinson, Mandleco, Olsen,& Hart, 1995) und unterschied zwischen drei Erziehungsmethoden. Die autoritäre Methode wurde durch folgende Erziehungspraktiken gekennzeichnet: ‚Meine Eltern haben mich angebrüllt oder angeschrien, wenn ich ungezogen war‘; ‚Wenn ich nicht die Erwartungen meiner Eltern erfüllte, wurde ich ausgeschimpft oder kritisiert‘; ‚Ich kriegte eine Backpfeife, wenn ich ungezogen war‘. Die autoritative Methode wurde durch folgende Erziehungspraktiken bestimmt: ‚Meine Eltern wussten von meinen Problemen in der Schule‘; ‚die Eltern erklärten mir, warum ich Regeln befolgen sollte‘;‘Ich durfte an der Erstellung von Familienregeln mitmachen‘. Permissive Erziehungsmethoden waren mit den folgenden Praktiken verbunden: ‚Ich erhielt eine Belohnung(Spielzeug, Süßigkeiten…), damit ich brav war‘; ‚Wenn ich mich auflehnte, gaben meine Eltern normalerweise nach‘; ‚Meine Eltern drohten mit Strafen, die aber in der Praxis nicht vollzogen wurden‘. [ 188] rho= 0,187, p< 0,01 [ 189] rho= 0,143, p< 0.01 [ 190] rho= 0,085, p< 0,01 [ 191] rho= –0.020, p< 0,05 [ 192] rho= 0,053, p< 0.01 [ 193] rho=0,053, p< 0,01; rho= 0,057, p< 0,01 [ 194] rho= –0,038, p< 0,01; rho= –0,066, p< 0,01 [ 195] rho= –0,041, p< 0,01 [ 196] rho= 0,086, p< 0.01 [ 197] r= 0,749, p< 0,05 and r= 0,743, p< 0,05 [ 198] X²(2, 10305)= 1537,2, p< 0,001 [ 199] X²(2, 10305)= 1237 p< 0,001 [ 200] X²(2, 10304)= 1888,3, p< 0,001 [ 201] Materieller Status, X²(32, 10137)= 116,8, p< 0,001; Bildung, X²(16, 10559)= 174,2, p< 0,001. [ 202] Werte auf einer 5-Punkte-Skala, reichen von 3,90 in Slowenien bis 4,62 in Bulgarien und 4,63 in Kosovo. [ 203] Werte auf einer 5-Punkte-Skala, 4,3 bzw. 3,9. [ 204] Von der gesamten Stichprobe sind 30 % der Befragten verheiratet, 13 % in einer Lebensgemeinschaft, während der Rest alleinstehend ist(39 %), in einer 126 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 Beziehung(17 %), geschieden(0,8 %) oder verwitwet(0,25 %) im Alter 25–29. [ 205] Das lt. Aussagen beste Heiratsalter für eine Frau liegt zwischen 24 in Kosovo und 27 in Slowenien, während es für einen Mann zwischen26,5 in Kosovo und 29 in Montenegro liegt. [ 206] Die niedrigste Zahl an geplanten Kindern liegt bei 1,83 in Rumänien und die höchste bei 2,72 in Kosovo. [ 207] rho= 0,247, p< 0,001 [ 208]  rho= 0,142, p< 0,001; rho= 0,333, p< 0,001; bzw. rho= 0,115, p< 0,001. [ 209] rho= 0,472, p< 0,01 [ 210] Für junge Frauen: X²(12, 1944)= 409,1, p< 0,001; und für junge Männer: X²(12, 2166)= 113,4, p< 0,001. FES Youth Studies SEE 2018/19 belegen, dass dies insbesondere der Fall in Kosovo und Albanien ist, wo nur 20 % bzw. 23 % der jungen Mütter(ausschl.die in Bildung), beschäftigt sind. [ 211] Nach Erkenntnissen von Galland können drei Arten von Ländern identifiziert werden: nördliche(z. B. Dänemark, Großbritannien, Niederlande, Deutschland) – mit Merkmalen ‚schneller‘ sozialstaatlich zentrierter Übergänge ins Erwachsenenleben, südliche(‚mediterrane‘ z. B. Portugal, Griechenland, Spanien, Italien) – mit Merkmalen ‚langsamer‘ und familienzentrierter(Iacovou, 2002) Übergänge ins Erwachsenenleben und eine Zwischenform(z. B. Frankreich)(Galland, 2003: 183). [ 212]  Diese ist modifiziert gegenüber Gallands Methodik und die von z. B. Tomanović& Ignjatović, 2006 verwendete. Wir verwendeten abgeschlossene Schulbildung statt finanzieller Unabhängigkeit, was Vergleiche vermeidet. [ 213]  In Anbetracht unterschiedlicher Methodik, nicht auf Stichproben begrenzt, Formulierung der Antworten und Skalen erscheint ein Longitudinalvergleich nicht sinnvoll, z. B. Trendanalyse. [ 214] Die letzten drei zeigen die ausgeprägtesten Unterschiede zwischen Ländern: Shoppen, X²(36, 10841)= 1085,7, p< 0,001; Sport, X²(36, 10830)= 903,3, p< 0,001; Beten, X²(36, 10669)= 2154,2, p< 0,001. [ 215]  Fernsehschauen und Internetnutzung werden getrennt von anderen Freizeitbeschäftigungen analysiert(s. Analyse unten). [ 216] Aktivitäten wie„Beten“,„Shoppen“ und„im Ausland sein“ wurden von der Analyse ausgenommen. Beten wird in Teil 3.4 zur Religiosität junger Menschen analysiert. [ 217] U.a. : Musikhören, Filmeschauen, Videospiele spielen, nichts/abhängen/ entspannen. [ 218] U.a. : mit Freunden ausgehen, in Bars ausgehen etc., Zeit in Jugendzentren verbringen, ehrenamtliche Tätigkeit, Zeit mit der Familie verbringen. [ 219]  U.a.: Bücherlesen, Zeitung/Zeitschriftenlesen, schöpferisch tätig sein, meditieren, Yogamachen o.ä., über Spiritualität lesen und persönliche Entwicklung. [ 220] Wir generierten zusammengesetzte Indices, die das Ausmaß der Beschäftigung mit jeder der Aktivitäten beschreiben(1 – nie, 2 – selten(einmal pro Monat oder weniger), 3 – manchmal(mehrmals im Monat), 4 – oft(mindestens einmal die Woche) und 5 – sehr oft(jeden Tag oder fast jeden Tag). Indices sind skaliert von 1 bis 5 für jede der definierten Arten von Freizeitbeschäftigung. [ 221] r= 0,653, p< 0,05 bzw. r= 0,671, p< 0,05. [ 222] Entspannung und Unterhaltung: rho= 0,175, p< 0,01; Kontaktpflege: rho= 0,096, p< 0,01; Selbstentfaltung rho= –0,139, p< 0,01; sportliche Betätigung: rho= 0,243, p< 0,01. [ 223] Entspannung und Unterhaltung: rho= 0,026, p< 0,01; Kontaktpflege: rho= 0,039, p< 0,01; Selbstentfaltung: rho= 0,066, p< 0,01; sportliche Betätigung: rho= 0,090. p< 0,01. [ 224] Entspannung und Unterhaltung: rho= 0,084, p< 0,01; Sozialkontakte: rho= 0,093, p< 0,01; Selbstentfaltung: rho= 0,201, p< 0,01; sportliche Betätigung: rho= 0,196, p< 0,01. [ 225] Auf der Ebene einzelner Länder ist der Einfluss des materiellen Status des Haushalts auf zunehmende Beschäftigung mit allen Aktivitäten am signifikantesten in Albanien, während es in BuH, Kroatien, Montenegro, Serbien und Slowenien keine signifikante Korrelation gibt. [ 226] In Bulgarien, Kroatien, Montenegro und Slowenien besteht kein signifikanter Einfluss der elterlichen Bildung auf Entspannung und Unterhaltung oder Kontaktpflege. [ 227] Wir generierten zusammengesetzte Indices, die das Ausmaß der Beschäftigung mit jeder der obengenannten Arten von Aktivitäten beschreiben (0 – nie, 1 – manchmal und 2 – oft, mindestens einmal die Woche). [ 228] r= 0,649*, p< 0,05 [ 229] r= 0,848**, p< 0,01 [ 230] r= 0,669*, p< 0,05 [ 231] r= 0,619, p= 0,057 [ 232] rho= –0,063, p< 0,01; rho= –0,030, p< 0,01; bzw. rho= –0,118, p< 0,01. [ 233] rho= 0,128, p< 0,01; rho= 0,116, p< 0,001; rho= 0,107, p< ,001; rho= 0,124, p< 0,01; bzw. rho= 0,075, p< 0,01. [ 234] rho= 0,181, p< 0,01. [ 235] S. z. B. in Petrović, 2013. ABBILDUNGSLISTE 127 ABBILDUNGSLISTE 16 ABBILDUNG 4.1: 35 Bildungsstatus Jugendlicher, FES Youth Studies SEE 2018 / 19 (in %). Was ist Ihr aktueller Bildungsstatus? 16 ABBILDUNG 4.2: Hochschulimmatrikulationsquoten, 2016(in %) 40 17 ABBILDUNG 4.3: Anteil junger Menschen, die die Schule auf verschiedenen Bildungsebenen abgebrochen 41 haben, FES Youth Studies SEE 2018 / 19(in %) 18 ABBILDUNG 4.4: Angestrebter Bildungsabschluss nach Ländern(in %) 41 19 ABBILDUNG 4.5: Anteil der Jugendlichen im Alter von 16 – 27, die in der Befragung die Bildungsqualität ihres Landes mit ‚zufrieden‘ 42 und ‚sehr zufrieden‘ bewerteten(in Prozentzahlen). 20 ABBILDUNG 4.6: Anteil der Jugendlichen im Alter von 16 – 27, die auf die 43 Aussage„es gibt Fälle, wo Zensuren und Examen ‚gekauft‘ sind mit ‚Ich stimme zu‘ und ‚Ich stimme völlig zu‘ antworteten”(in %). 48 22 ABBILDUNG 4.7: Anteil Jugendlicher im Alter 16 – 27, die an praktischer Ausbildung während ihrer Schulzeit teilgenommen hatten(prakti49 sche Fächer / Praktika)(in %). 22 ABBILDUNG 4.8: Wahrnehmung der Anpassung des Bildungswesens an die Anforderungen der Arbeit, FES Youth Studies SEE 2018 / 19 (in %). Sind Sie der Meinung, dass in Ihrem Land Ausbildung, 49 Schule und Universitätsbildung gut an die aktuelle Arbeitswelt angepasst ist oder nicht? 23 ABBILDUNG 4.9: Beschäftigungsstatus von Befragten mit oder ohne Teilnahme 50 an praktischem Unterricht oder Praktika 27 ABBILDUNG 5.1: Jugendarbeitslosenraten in SOE im Verlauf der Jahre (2010 – 2016), in Prozent der Erwerbsbevölkerung im Alter 51 15 – 24 28 ABBILDUNG 5.2: Aktueller Beschäftigungsstatus junger Menschen(in %) 52 (im Alter 15 – 29) 28 ABBILDUNG 5.3: Jugendarbeitslosenzahlen(15 – 29), in Prozent der Erwerbs53 bevölkerung 29 ABBILDUNG 5.4: Prozentsatz der jungen Menschen, die nicht in Arbeit, in der 54 Schule oder in Ausbildung sind(15 – 29) 29 ABBILDUNG 5.5: Prozentsatz junger Menschen, die arbeiten und Schule oder 55 Ausbildung durchlaufen(15 – 29) 30 ABBILDUNG 5.6: 56 Besorgt, keine Arbeit zu haben(eine Verknüpfung von Antworten wie ‚ziemlich‘ und ‚sehr‘ besorgt) 31 ABBILDUNG 5.7: 57 Anteil atypischer Beschäftigung und selbständiger Tätigkeit an Beschäftigung Jugendlicher insgesamt(in %) 31 ABBILDUNG 5.8: 58 Arbeit in einem Beruf, für den man ausgebildet oder geschult wurde(in %) 32 ABBILDUNG 5.9: Formale Bildungsanforderungen für die Arbeitsplätze junger 59 Menschen 33 ABBILDUNG 5.10: Arbeit im öffentlichen Sektor: Wunsch und Wirklichkeit 60 ABBILDUNG 5.11: Anteil Jugendlicher, die Parteimitgliedschaft oder Beziehungen zu Menschen an der Macht als wichtig bei der Arbeitssuche betrachten(in %) ABBILDUNG 6.1: Lebenszufriedenheit junger Menschen und Vorstellung von der eigenen Zukunft, nach Ländern ABBILDUNG 6.2: Wesentliche Ängste der Jugendlichen, gesamte FES Youth Studies SEE 2018 / 19 Stichprobe. ABBILDUNG 6.3: Wichtigkeit der fünf grundlegenden Werteorientierungen, gesamte FES Youth Studies SEE 2018 / 19 Stichprobe ABBILDUNG 6.4: Besuch religiöser Veranstaltungen wenigstens einmal im Monat, WVS 2008 und FES Youth Studies SEE 2018 / 19 ABBILDUNG 6.5: Durchschnittliche Wichtigkeit von Gott im Leben der Befragten, WVS 2008 und FES Youth Studies SEE 2018 / 19 ABBILDUNG 7.1: Die relative Bedeutung von acht zentralen gesellschaftspolitischen Werten(nach Ländern) ABBILDUNG 7.2: Die relative Bedeutung von Aufgaben, auf die sich Regierungen konzentrieren sollten, gesamte FES Youth Studies SEE 2018 / 19 Stichprobe. Inwieweit sollte sich die nationale Regierung auf die ABBILDUNG 7.3: Zustimmung zu ausgewählten Aussagen im Zusammenhang mit Demokratie, Sozialstaat, Autoritarismus und Nationalismus. Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen zu? ABBILDUNG 7.4: Korrelation zwischen selbst eingeschätzter politischer Orientierung und Sozialstaatsorientierung, gesamte Stichprobe FES Youth Studies SEE 2018 / 19 ABBILDUNG 7.5: Länderübergreifender Vergleich der Jugendlichen in SOE in einem zweidimensionalen Raum ABBILDUNG 7.6: Prozentsatz der Jugendlichen, die sich deutlich für eine starke politische Führung aussprechen, 2008–2018, nach Ländern. ABBILDUNG 7.7: Zustimmung zu einer nationalistischen und einer patriotischen Aussage, nach Ländern ABBILDUNG 7.8: Einschätzung der sozioökonomischen Lage im Heimatland und in der EU, nach Ländern ABBILDUNG 7.9: Allgemeine Zufriedenheit mit der Demokratie im Heimatland. ABBILDUNG 7.10: Vertrauen in unterschiedliche soziale Gruppen und Institutionen, gesamte FES Youth Studies SEE 2018 / 19 Stichprobe. ABBILDUNG 7.11: Toleranz in Bezug auf sexuelle und reproduktive Praktiken und in Bezug auf informelle Wirtschaftspraktiken ABBILDUNG 7.12: Relative( %) Veränderungen der Toleranz in Bezug auf sexuelle und reproduktive Praktiken und in Bezug auf informelle Wirtschaftspraktiken in der Zeit 2008 – 2018. ABBILDUNG 7.13: Soziale Distanz gegenüber sechs sozialen Gruppen, nach Ländern. ABBILDUNG 7.14: Vertrauen in die Europäische Union gegenüber Vertrauen in die nationale Regierung. 128 JUGENDSTUDIE SÜDOSTEUROPA 2018/2019 61 ABBILDUNG 7.15: 86 ABBILDUNG 9.11: Nationale, europäische und kosmopolitische Identifikation Erfahrungen mit und Pläne für einen Auslandsaufenthalt der Jugendlichen, nach Ländern zu Lern- oder Ausbildungszwecken oder Abwesenheit vom 61 ABBILDUNG 7.16: Heimatland für mehr als sechs Monate Unterstützung für eine EU-Mitgliedschaft, nach Ländern. 90 ABBILDUNG 10.1: Sollte Ihr Land Ihrer Meinung nach in der Europäischen Union Wahrnehmung der Beziehung zu den Eltern unter bleiben / beitreten? Jugendlichen im Alter von 16 – 27(in %) 66 ABBILDUNG 8.1: Die Einschätzungen junger Menschen bezüglich der gesellschaftspolitischen Lage in einem nationalen Kontext, nach Ländern 67 ABBILDUNG 8.2: Politisches Interesse, Wissen und Überlegungen zur Politik unter Jugendlichen, nach Ländern 68 ABBILDUNG 8.3: ‚Überhaupt nicht interessiert an nationaler Politik‘: Studien 2011 – 2015 und 2018(Altersgruppe 16 – 27) 69 ABBILDUNG 8.4: Prozentsatz der Jugendlichen, die nach eigener Aussage an den letzten nationalen Wahlen teilgenommen haben und HDI-Niveau(N = bei den letzten Wahlen wahlberechtigte Jugendliche in jedem Land) 71 ABBILDUNG 8.5: Erfahrung junger Menschen mit unterschiedlichen Formen politischen Engagements oder Interesse daran, diese auszuprobieren in SOE 71 ABBILDUNG 8.6: Bereitschaft junger Menschen zur Übernahme eines politischen Amtes 72 ABBILDUNG 8.7: Häufigkeit des ehrenamtlichen Engagements in sozialen Projekten, Initiativen, Vereine 73 ABBILDUNG 8.8: Prozentsatz der Jugendlichen, die sich in den letzten 12 Monaten in unbezahlter, ehrena­ mtlicher Tätigkeit engagierten, FES Youth Studies SEE 2011–15 und 2018 / 19 (Altersgruppe 16 – 27) 78 ABBILDUNG 9.1: Prozentsatz der Jugendlichen, die einen starken oder sehr starken Wunsch äußern, für mehr als sechs Monate in ein anderes Land zu ziehen, nach Ländern 78 ABBILDUNG 9.2: Erwünschte Aufenthaltsdauer im Ausland, nach Ländern. Wie lange würden sie im Ausland bleiben? 79 ABBILDUNG 9.3: Prozentsatz der Jugendlichen, die keine Absicht haben zu emigrieren 80 ABBILDUNG 9.4: Geäußerte Gründe für den Umzug in ein anderes Land. Was ist der Hauptgrund für Ihren Umzug 92 ABBILDUNG 10.2: Unabhängigkeit bei Entscheidungen gegenüber den Eltern (in %). Nehmen Ihre Eltern auf 93 ABBILDUNG 10.3: Anteil der jungen Menschen im Alter zwischen 20 und 29, die 2016 bei ihren Eltern lebten(in %) 94 ABBILDUNG 10.4: Leben im Elternhaus. Anteil junger Menschen im Alter 18 bis 27, die im Elternhaus leben. 95 ABBILDUNG 10.5: Grund zum Verbleib im Elternhaus bei Befragten über 18(in %) 97 ABBILDUNG 10.6: Persönliche Lebensplanung in der Zukunft(in %). Wie sehen Sie sich in der Zukunft? 98 ABBILDUNG 10.7: Anteil der Eltern unter den jungen Menschen der FES Youth Studies SEE 2018 / 19(in %) 98 ABBILDUNG 10.8: Schnelligkeit des Übergangs ins Erwachsenenleben: Punktezahl für die Bewältigung von Schlüsselereignissen im Alter 26 bis 29(in %) 104 ABBILDUNG 11.1: Anteil junger Menschen, die ‚oft‘ und ‚sehr oft‘ verschiedene Freizeitaktivitäten verfolgen. 105 ABBILDUNG 11.2: Anteil junger Menschen, die ihre Freizeit ‚häufig‘ und ‚sehr häufig‘ mit verschiedenen Aktivitäten gestalten, nach Ländern(in %) 107 ABBILDUNG 11.3: Durchschnittliche Stunden pro Tag für Fernsehen und Internet-Nutzung. Wieviele Stunden pro Tag schauen Sie fern / sind Sie im Internet im Durchschnitt? 107 ABBILDUNG 11.4: Anteil der jungen Menschen, die das Internet häufig für verschiedene Zwecke benutzen(in %). Wie häufig nutzen Sie das Internet für … 108 ABBILDUNG 11.5: Nutzung von IKT für ‚Schule, Bildung, Arbeit‘ und für ‚Lesen von Nachrichten / Abrufen von Informationen‘, nach Ländern(in %). Wie häufig nutzen Sie das Internet für... 81 ABBILDUNG 9.5: Einladung oder Unterstützung im Ausland von Privatpersonen, die der / die Befragte kennt 82 ABBILDUNG 9.6: Geplante Zeitspanne bis zum Verlassen des Heimatlandes 82 ABBILDUNG 9.7: Jugendemigrationspotenzial, nach Ländern 84 ABBILDUNG 9.8: Am häufigsten angegebenes Land für eine Emigration (erste Wahl) 85 ABBILDUNG 9.9: Immigrationspotenzial der SOE-Jugend nach Deutschland, nach Auswanderungsland 85 ABBILDUNG 9.10: Dimensionen des wahrgenommenen Beitrags junger Menschen zum Gastland IMPRESSUM herausgeber: Friedrich-Ebert-Stiftung e. V. Referat Mittel- und Osteuropa Hiroshimastr. 28• 10785 Berlin https://www.fes.de/jugendstudien-suedosteuropa/ verantwortlich: Matthias Jobelius, Felix Henkel projektkoordination: Felix Henkel kontakt: Martin Güttler• martin.guettler@fes.de autor_innen: Mirna Jusić, Miran Lavrič und Smiljka Tomanović peer-review: Marius Harring, Klaus Hurrelmann übersetzung aus dem englischen: Annette Brinkmann redaktion: Martin Güttler gestaltung: Andrea Schmidt• Typografie/im/Kontext druck: bub Bonner Universitäts-Buchdruckerei isbn: 978-3-96250-304-8 date: 2019 Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichen sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) oder der Organisation, für die die Autor_innen arbeiten. Die FES übernimmt keine Haftung für die Richtigkeit aller in dieser Veröffentlichung verwendeten Informationen und Daten. Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebenen Medien ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Soweit auf Kosovo verwiesen wird, erfolgt dies unbeschadet der Positionen zum Status und im Einklang mit UNSCR 1244/1999 und der Stellungnahme des IGH zur Unabhängigkeitserklärung Kosovos. Während der Produktion dieser Publikation war der Prozess der verfassungsrechtlichen Änderung des Namens der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien in Republik Nordmazedonien noch nicht abgeschlossen. Daher bezieht sich jegliche Nennung Mazedoniens in dieser Publikation auf den VN-Namen. SCHLUSS­FOLGERUNG 129