Dieter Dowe „Agitieren, organisieren, studieren!“ Wilhelm Liebknecht und die frühe deutsche Sozialdemokratie G Reihe Gesprächskreis Geschichte Heft 36 Dieter Dowe „Agitieren, organisieren, studieren!” Wilhelm Liebknecht und die frühe deutsche Sozialdemokratie Reihe Gesprächskreis Geschichte Heft 36 Gesprächskreis Geschichte Heft 36 Dieter Dowe ;„Agitieren, organisieren, studieren!” | Wilhelm Liebknecht und die frühe deutsche Sozialdemokratie Vortrag anlässlich einer Gedenkveranstaltung der Stadt Gießen und des Oberhessischen Geschichtsvereins zum 100. Todestag Wilhelm Liebknechts im Alten Schloss in Gießen am 25, Oktober 2000 A 00- 06401 Friedrich-Ebert-Stiftung Historisches Forschungszentrum ISSN 0941-6862 SBN 3-86077-942-7 Herausgegeben von Dieter Dowe Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Kostenloser Bezug beim Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149, D-53175 Bonn (Tel. 0228- 883-473) E-mail: Doris.Fassbender@fes.de © 2000 by Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn(-Bad Godesberg) Umschlag: Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Druck: Druck-Center Meckenheim Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany 2000 Dieter Dowe „Agitieren, organisieren, studieren!” Wilhelm Liebknecht und die frühe deutsche Sozialdemokratie „Wir wollen den Frieden, Freiheit, Recht, daß Niemand sei des Andern Knecht, daß Arbeit aller Menschen Pflicht und keinem es an Brod gebricht.“ Dieser Spruch, der den Kern des Denkens Wilhelm Liebknechts deutlich macht, hing kurz vor dem Ersten Weltkrieg in vielen deutschen Arbeiterwohnungen, wie in einem proletarischsozialdemokratischen Herrgottswinkel. Er war Teil eines Stickbildes, wie sie nach 1900 in Anlehnung an bürgerliche Vorbilder auch in Arbeiterkreisen Mode waren. Die in Rot und Gold gestickte Sentenz war einem Foto Wilhelm Liebknechts zugeordnet, das einen Mittsiebziger zeigte- mit breitem, gütig-ernstem, kraftvoll-konzentriertem Gesichtsausdruck, mit vollem, leicht gewelltem, zur Seite gekämmtem Haar und mit weißem Vollbart. Das Foto war umrahmt von einem weißen Band mit goldgeprägten Blumen und umgeben von zwei roten Fahnen. Grüne Eichen- und Farnblätter sowie Edelweißblüten - alle echt- waren daran befestigt. Der„Alte“, wie Wilhelm Liebknecht in einer Mischung von Zuneigung, Vertrauen und Respekt in der SPD genannt wurde, war zusammen mit dem 14 Jahre jüngeren August Bebel über Jahrzehnte die beherrschende Figur der deutschen Sozialdemokratie und mit den sage und schreibe sieben Sprachen, die er beherrschte, geradezu eine Verkörperung des Internationalismus. Als er vor hundert Jahren, am 7. August 1900, an den Folgen eines Gehirnschlags starb, wurde sein Begräbnis eine der eindrucksvollsten Demonstrationen in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. 100.000 Menschen gaben dem Sarg 5% Stunden lang in einem Trauerzug von 7 km Länge das Geleit von Liebknechts Wohnhaus in der Charlottenburger Kantstraße bis zum Zentralfriedhof in Berlin-Friedrichsfelde. 200.000 Menschen säumten stumm und trauernd den Straßenrand, Es war eine Beisetzung, wie sie nur wenigen Staatsmännern zuteil wurde und wird. Dabei war Wilhelm Liebknecht nicht einmal Vorsitzender der SPD gewesen. Aber alle wussten, hier wurde einer der ganz Großen der deutschen Arbeiterbewegung zu Grabe getragen, Heute ist Wilhelm Liebknecht nur noch relativ wenigen Menschen vertraut, auch innerhalb der Sozialdemokratie. Der Name Liebknecht wird allgemein eher in Verbindung gebracht mit seinem zweitältesten Sohn, dem Rechtsanwalt Karl Liebknecht, dem späteren Mitbegründer der KPD, der zusammen mit Rosa Luxemburg von rechten Freikorps ermordet wurde. August Bebel, der„Arbeiterkaiser“, wie er respektvoll genannt wurde, hat 1896 über den älteren Weggefährten anerkennend gesagt:„In(Wilhelm) Liebknechts Person... verkörpert sich die Partei; sein eigenes Leben ist das der Partei; mehr wie bei jedem anderen unter uns ist sein Leben mit dem Leben und der Entwicklung der Partei verschmolzen.“ Und in der Tat ist Wilhelm Liebknechts Leben geradezu typisch für das Schicksal eines deutschen, von antipreußischen Ressentiments und Ablehnung des preußischen Militarismus und Autoritarismus geprägten radikalen Demokraten und Sozialdemokraten: Sein Leben war bestimmt durch politische Verfolgung, wiederholte Verurteilung, Gefängnis- und Festungshaft, insgesamt fünf Jahre bis ins hohe Alter, durch Ausweisung, wiederholtes Exil: in der Schweiz, in Frankreich, in England. All diese WiZELLEN derstände konnten Liebknechts Willen nicht brechen und seinen konsequenten Einsatz für die soziale Demokratie nicht schwächen oder gar verhindern. In der Revolution von 1848 tat er dies sogar mit der Waffe in der Hand. Dass die 48er Revolution in der deutschen Arbeiterbewegung einen so hohen Stellenwert behielt und die sozialdemokratische Bewegung sich als die eigentliche Erbin und Vollstreckerin der Ideale von 1848 fühlte, ist nicht zuletzt Wilhelm Liebknechts Werk. Von diesem Gedanken waren seine Artikel und Leitartikel in den von ihm geleiteten Zentralorganen und der sonstigen Parteipresse, waren auch seine populären Vorträge und Broschüren bis zu seinem Tode geprägt. Im folgenden wollen wir uns in sechs Schritten der Person Wilhelm Liebknechts nähern. Nach einer Charakterisierung seiner Persönlichkeit, die die Voraussetzung seiner überaus großen Popularität gewesen ist, werden wir 2. auf die Etappen seines politisch-organisatorischen Wirkens in der frühen deutschen Sozialdemokratie von 1848 bis 1900 eingehen. Dann: werden wir 3. Liebknechts Verhältnis zu Marx und Engels beleuchten, das durch seinen Beitrag zur Einigung der zersplitterten Sozialdemokratie 1875 in Gotha eine starke Belastung erfuhr, worüber wir im 4. Punkt sprechen werden. Schließlich werden wir 5. einige ideologische Grundvorstellungen Liebknechts behandeln, um zum Schluss danach zu fragen, was uns Wilhelm Liebknecht heute noch sagt. 1. Liebknechts Charakter als Voraussetzung seiner Popularität Wilhelm Liebknecht war zusammen mit August Bebel wohl der populärste Sozialdemokrat des letzten Drittels des 19, Jahrhunderts. Dies hing zusammen mit seinen menschlichen und seinen politischen Qualitäten. August Bebel charakterisierte den Freund einmal als„Mann von Eisen mit einem Kindergemüt“. Liebknecht war ein Mensch und Politiker zum Anfassen. Obwohl er einige scheinbar widerstreitende Charakterzüge in sich vereinte, präsentierte er sich in seinen Korrespondenzen und Schriften als ein einfacher, geradliniger Mensch, der Verlässlichkeit und absolute Aufrichtigkeit ausstrahlte. Deren Kehrseite war allerdings gelegentlich ein Mangel an Wendigkeit und Anpassungsfähigkeit an neue Gegebenheiten, Liebknecht war ein lebensfroher Mensch, der von einem grenzenlosen Optimismus gekennzeichnet war, so dass er manche Probleme durch eine rosarote Brille zu sehen neigte, Seine starke Emotionalität verführte ihn manchmal zu übereiltem, unüberlegtem Handeln, wohl auch zu Gefühlsausbrüchen. Ein kühler, gewiefter Taktierer, der Personen und Probleme wie auf einem Schachbrett hin- und herschiebt, war er gewiss nicht. Er liebte die Menschen, deren Benachteiligung er durch sein politisches Handeln zu mindern oder gar zu beseitigen trachtete. Er wusste nur allzu gut, dass das schwer war. Und er wusste auch, dass das nicht durch einen Federstrich zu verfügen war, sondern dass die Arbeiter selbst hart an sich arbeiten mussten, um die Voraussetzungen für Demokratie und Sozialdemokratie zu schaffen. Daher verstand er sich mit seiner politischen Arbeit stets als Erzieher, als Volkserzieher, dem die Bildung des Volkes so sehr am Herzen lag wie nichts sonst. Deshalb hämmerte er seinen Genossen immer wieder ein jahrhundertealtes Zitat von Francis Bacon(1597) ein:„Knowledge is power“, das er als Titel einer 7 seiner bekanntesten Broschüren wählte„Wissen ist Macht Macht ist Wissen“(1872). Seinen Freunden stand Wilhelm Liebknecht hilfsbereit und vor allem treu zur Seite. Er suchte zu verstehen, nicht zu spalten. Er bemühte sich daher bei innerparteilichen Auseinandersetzungen, die sehr zahlreich waren und zum Teil erbittert geführt wurden, um Ausgleich zwischen den Kontrahenten, um Versöhnung, um Integration. Das bedeutete nicht, dass er nicht selbst sehr genaue Vorstellungen hatte von dem, was er wollte. Seinen politischen Gegnern, vor allem dem Klassenfeind und dem repressiven Staat gegenüber, entwickelte der von einer ungeheuren Energie und Arbeitskraft geprägte Politiker Wilhelm Liebknecht einen durch keine Benachteiligung, Diskriminierung oder Verfolgung zu brechenden Mut und Kampfgeist. Nichts brachte Liebknecht bei dem Bemühen um Durchsetzung seiner politischen Ideale aus der Bahn. Obwohl seit den 1860er Jahren hauptberuflich Redakteur, war er kein Schreibtischmensch, sondern ein Mann der Praxis. Ein Zentimeter Bewegung war ihm wichtiger als ein in sich geschlossenes, konsistentes Theoriegebäude, das allzu sehr von der Wirklichkeit zu abstrahieren sucht, Denn Wirklichkeit war für ihn vielfältig, kompliziert, farbig. Darauf kommen wir noch bei dem Verhältnis Liebknechts zu Marx und Engels zurück. Alles in allem war Wilhelm Liebknecht ein verlässlicher Freund, ein brillanter Politiker, Agitator, Publizist und Erzieher, aber kein Theoretiker. In ihm trafen verschiedene Geistesströmungen des 19. Jahrhunderts zusammen: die Traditionen der demokratischen Revolution von 1848 mit denen der sozialen Reformer, der philosophische Idealismus mit der Naturwissenschaftsgläubigkeit seiner Zeit, ein großdeutscher, preußenfeindlicher Patriotismus mit menschheitsbefreiendem Kosmopolitismus 8 und Internationalismus und schließlich die Lehren von Karl Marx und Friedrich Engels. Das Zusammentreffen dieser unterschiedlichen Strömungen bedingte eine gewisse Sprunghaftigkeit und gelegentlich auch Widersprüchlichkeit der grundsätzlichen und theoretischen Positionen Liebknechts. Kurz möchte ich noch eingehen auf Liebknechts Frauen, da dies ein Schlaglicht wirft auf die Bedeutung der Ehefrauen für das Wirken der Arbeiterführer. Seine erste Frau Ernestine(18321867), die Tochter eines Gefängnisinspektors, lernte er in der Untersuchungshaft während der 1848er Revolution kennen. Sie teilte mit ihm die notvollen Exiljahre in England und starb nach der Rückkehr nach Deutschland 1867. Von Krankheit gezeichnet, erlag sie der qualvollen Ungewissheit über das Schicksal ihres Mannes, der für drei Monate inhaftiert worden war, ohne dass man seine Familie wochenlang informiert hätte, Der Witwer mit zwei kleinen Mädchen heiratete ein Jahr später erneut, Natalie Liebknecht war eine gebildete Frau, die mit vielen Sozialdemokraten korrespondierte und Übersetzungen aus dem Englischen erstellte. Ihrer Weichheit und Nachgiebigkeit scheint Liebknecht, anders als bei seiner ersten Frau, gelegentlich mit Grobheit begegnet zu sein, deretwegen er sich aber immer wieder reuevoll und zerknirscht zeigte. Der zweiten Ehe entsprossen fünf Söhne, die überwiegend akademische Berufe ergriffen, Sieben Kinder zu erziehen, dazu einen Mann zu haben, der ständig aus politischen Gründen unterwegs, nicht selten auch in Haft war, bedeutete für Natalie wie für viele Frauen anderer Arbeiterführer Zwang zur Selbständigkeit, aber auch Einsamkeit und Entbehrung. Dies kommt sehr schön zum Ausdruck in einem Brief Julie Bebels, der Frau August Bebels, an Natalie Liebknecht aus dem Jahre 1887:„Unsere Männer sind ja so gut und brav und haben ihre Familie sehr lieb,... Aber durch die ununterbrochenen Hetzereien und Überbürdung im Arbeiten und dem fortgesetzten 9 Kampfe mit ihren Ansichten werden sie uns immer mehr entzogen, und der richtige Sinn für die Familie geht ihnen immer mehr verloren. Ich frage mich manchmal auch, was daraus noch werden soll. Rücksichten uns gegenüber gibt es sehr wenig, erst 9 Monate Gefängnis, jetzt wieder über 14 Tage fort, dann geht mein Mann nach England, und wenn der Reichstag beginnt, geht es dorthin, was bleibt denn dann uns.“ Es war schon so, wie Minna Kautsky, die Mutter von Karl Kautsky, in einem Artikel über Natalie Liebknecht nach deren Tod formulierte:„Wenn die sozialdemokratische Partei... die höchsten Anforderungen an den Idealismus ihrer Vorkämpfer stellte, so verlangte sie nicht zuletzt von den Frauen derselben ein fast übermenschliches Maß an Selbstentäußerung und Opferwilligkeit.“ 2. Ein Überblick über Wilhelm Liebknechts Wirken in der frühen Sozialdemokratie(1848- 1900) Wilhelm Liebknecht wurde am 26. März 1826 hier in Gießen geboren, in einem Haus auf dem Burggraben, das 1944 den Bomben zum Opfer fiel. Er stammte aus einer alten Gelehrten- und Beamtenfamilie, die sich bis auf den Freundeskreis Luthers zurückführen lässt. Seine Kindheit wurde überschattet von dem frühen Tod beider Eltern. Als Wilhelm elf Jahre alt war und das Gießener Gymnasium besuchte, kam sein Großonkel, der hessische Pfarrer und liberale Abgeordnete Friedrich Ludwig Weidig, der wegen freiheitlicher Betätigung im Kerker saß, nach schlimmen Foltern ums Leben- ein nachhaltiger Eindruck für den jungen Liebknecht. Bereits während des Studiums der Philologie, der Philosophie und der evangelischen Theologie im heimatlichen Gießen, in Berlin und schließlich in Marburg war für ihn klar, dass er„dem 10 herrschenden politischen System nur als Feind gegenübertreten konnte“. David Friedrich Strauß und die Junghegelianer verstärkten seine frühen religiösen Zweifel und entfremdeten ihn der Religion. Das Studium der Schriften Saint-Simons und anderer französischer Frühsozialisten brachte ihn, wie er 1898 rückblickend formulierte,„sehr bald aus dem Himmel der Theologie und Philosophie auf den harten Boden der Erde und der Wirklichkeit“. Als nicht Kirchengebundener und ohne Verbindungen zu Konservativen konnte Liebknecht seinen Berufswunsch, Hochschullehrer zu werden, bald an den Nagel hängen. Wie viele Zeitgenossen, die in der politischen Enge der vormärzlichen Kleinstaaterei in Deutschland für sich keine beruflichen und politischen Perspektiven sahen, hegte er 1847 Pläne, auszuwandern, und zwar in die Vereinigten Staaten von Amerika, Davon ließ er jedoch ab und ging schließlich in die Schweiz, wo er mit 21 Jahren an Julius Fröbels Musterschule Lehrer wurde, denn, so schrieb er in einem 1900 veröffentlichten Artikel:„von Natur bin ich Schulmeister“, Nach Ausbruch der Februar-Revolution von 1848 zog es den Zweiundzwanzigjährigen mit der Waffe in der Hand nach Paris, wo der Aufstand bei seiner Ankunft allerdings schon beendet war. Nur wegen einer Erkrankung konnte er seinen Plan nicht verwirklichen, sich dem Freischärlerzug Georg Herweghs zur Erkämpfung der deutschen Republik anzuschließen. Wieder zurück in der Schweiz, nahm er an Gustav Struves badischer Erhebung vom September 1848 teil und geriet bis zur Mai-Revolution 1849 in Gefangenschaft, in der er seine erste Frau kennenlernte, Daraus befreit, trat er als Kanonier in die Volkswehr ein, geriet wieder in Haft, wurde aber aus den Kasematten von Rastatt befreit und nahm erneut an der republikanischen Kampagne zur Durchsetzung der Reichsverfassung teil. Liebknecht war also nicht nur im übertragenen Sinne ein„Soldat der Revolution“, wie er sich später einmal nennen sollte, sondern im wahrsten Sinne des Wortes. u Nach der Niederwerfung der badischen Erhebung durch die Preußen 1849 floh er zuerst nach Frankreich, dann nach Genf, wo er sich dem Deutschen Arbeiterverein anschloss. Der 23-Jährige, der während seiner Berliner Studienzeit zum Sozialisten geworden war, versuchte als Präsident dieses Vereins die Schweizer Arbeitervereine zu vereinigen und auf ein sozialistisches Programm zu verpflichten. Diese Bemühungen führten jedoch 1850 zur Verhaftung und Ausweisung aller beteiligten Ausländer. Liebknecht ging nach London, wo er sich ein Jahrzehnt als Sprachlehrer und Zeitungskorrespondent mit seiner Familie mehr schlecht als recht durchschlug. Hier in London lernte er Karl Marx und Friedrich Engels kennen, die ihm ideologischpolitische Lehrer wurden, Er trat dem Bund der Kommunisten bei, einem schon im Vormärz besonders in England, Frankreich und der Schweiz bestehenden revolutionären Geheimbund deutscher Handwerker-Arbeiter und Intellektuellen. Als im Bund eine Spaltung ausbrach, schlug Liebknecht sich auf die Seite von Marx und Engels. Eine Amnestie nach der Thronbesteigung des späteren deutschen Kaisers Wilhelm I. ermöglichte Liebknecht 1861 die Rückkehr nach Deutschland, und zwar nach Berlin. Hier arbeitete er zuerst an der großdeutsch-demokratisch ausgerichteten Norddeutschen Allgemeinen Zeitung mit, bis ihm deren Verbindungen zu Bismarck bekannt wurden. Er ging in Grundsatzfragen eben keine Kompromisse ein. Sein Ausscheiden aus der Redaktion stieß ihn und seine Familie aber in erhebliche materielle Schwierigkeiten. 1862/63 beteiligte er sich aktiv an Neukonstituierung bzw. Reaktivierung der deutschen politischen Arbeiterbewegung. Anfänglich arbeitete er am Zentralorgan des von Ferdinand Lassalle gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins„Der SocialDemokrat“ mit, zog sich aber zurück, als ihm die politische Linie des neuen Vereinschefs von Schweitzer wegen dessen Preußen 12 freundlichkeit verdächtig erschien. Als Preußengegner wurde Liebknecht 1865 schließlich wieder einmal ausgewiesen und ging nach Sachsen. In seinem neuen Wohnort Leipzig lernte er schließlich den 14 Jahre jüngeren Drechslermeister August Bebel kennen, den er in den wissenschaftlichen Sozialismus von Marx und Engels einführte und bei dem Bemühen unterstützte, die sächsischen demokratischen Arbeitervereine mit sozialistischem Gedankengut zu erfüllen. In Abstimmung mit Marx und Engels war er der Verbindungsmann zur Internationalen Arbeiter-Assoziation, der Sog. I. Internationale, für die er sich zusammen mit Bebel in Deutschland energisch einsetzte. Mit Hilfe der von ihnen beiden gegründeten radikaldemokratischen Sächsischen Volkspartei, deren Parteizeitung er ab 1866 redigierte, gelangte Liebknecht nach dem preußischösterreichischen Krieg und der Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 als Abgeordneter in den Norddeutschen Reichstag. Da er in seiner großdeutschen Gesinnung den Norddeutschen Bund jedoch als reaktionäres Werk der Gewalt und des Unrechts begriff, das unter allen Umständen zerstört werden müsse, lehnte er jede Mitarbeit an der Gesetzgebung entschieden ab. Es ging ihm im Reichstag also nicht um parlamentarische Arbeit. Die Parlamentstribüne diente ihm vielmehr lediglich als Bühne des Protestes gegen die preußische Gewaltpolitik und als Ort des engagierten Eintretens für seine demokratischen und sozialdemokratisch/sozialistischen Ideale. 1869 gelang es Liebknecht und Bebel zusammen mit dem Lassalleaner Wilhelm Bracke, mit der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach eine ihren Vorstellungen entsprechende Arbeiterpartei neben dem von Lassalle begründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein ins Leben zu rufen. Beide Fraktionen der frühen deutschen Arbeiterbewegung, die Eisenacher und die 13 Lassalleaner, führten in der Folgezeit einen hasserfüllten Kleinkrieg gegeneinander, Dabei ging es weniger um ideologische Gegensätze, wie die marxistisch-leninistische Geschichtswissenschaft behauptet hat, als vielmehr um Unterschiede in der Organisationskultur und-struktur- zentralistisch bei den Lassalleanern, stärker von unten nach oben aufgebaut bei den Eisenachern. Noch ausschlaggebender waren die Machtkämpfe der führenden Persönlichkeiten, die jede für sich den Anspruch auf den richtigen Weg zur Emanzipation der Arbeiterklasse erhoben. Nach dem deutsch-französischen Krieg und der Gründung des Deutschen Reiches 1871 erledigte sich ein zentraler Konfliktpunkt der beiden Lager- propreußisch waren die Lassalleaner, proösterreichisch und großdeutsch die Eisenacher. Dieses Problem war nun zugunsten der preußischen Führung in Deutschland entschieden. Vor allem brachte die Erfahrung der gemeinsamen Verfolgung durch den Staat beide Fraktionen in den folgenden Jahren einander näher, so dass 1875 mit der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands in Gotha ihre Vereinigung möglich wurde, Auf den bedeutenden Beitrag, den Liebknecht dazu geleistet hat, werden wir noch zu sprechen kommen, Liebknecht wurde einer der beiden Redakteure des„Vorwärts‘“, des Zentralorgans der neuen Sozialistischen Arbeiterpartei, und konnte damit einen wesentlichen Einfluss auf die politische Ausrichtung der Parteigenossen ausüben. Das hatte 1878 ein Ende mit dem„Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, dem sog. Sozialistengesetz. Denn neben der Parteiorganisation wurde auch die gesamte Parteipresse verboten. Allein die Parlamentsfraktionen konnten weiter arbeiten, so dass die Reichstagsfraktion die Führung der in die Illegalität abgedrängten Partei übernahm. Als Abgeordneter im sächsischen Landtag und vor allem im Reichstag, dem er bis an sein Lebensende angehörte, prangerte er die Gewaltpolitik der Herrschenden ungebrochen an. Zugleich verkündete er im Reichstag, 14 etwa am 17, März 1879, die Sozialdemokratie werde das Sozialistengesetz beachten, weil sie eine Reformpartei im strengsten Wortsinne sei und gewaltsames Revolutionsmachen unsinnig sei. Daher bekämpfte er auch innerparteilich alle Bestrebungen zu Putschismus und Anarchismus, Die Ausgrenzung durch Staat und bürgerliche Gesellschaft unter dem Sozialistengesetz bewirkte eine starke Radikalisierung der sozialdemokratischen Arbeiterschaft, die die Voraussetzung legte für die Aufnahme des Marxismus als zentraler Theorie. Die Verweigerung der Gleichberechtigung nach außen wurde von nun an kompensiert durch eine Fülle von Vereinen politischer, kultureller und sportlicher Art, die die Arbeiter von der Wiege bis zur Bahre begleiteten und ihnen eine Atmosphäre von Geborgenheit und Selbstgewissheit vermittelten. Eine Folge davon war allerdings auch ein gewisser„Organisationspatriotismus“, der die Partei später zunehmend unbeweglicher machte. Parallel mit der Radikalisierung der Arbeiter erfolgte eine immer stärkere Betonung der Legalität, woran Liebknecht durchaus Anteil hatte,„An unserer Gesetzlichkeit müssen unsere Feinde zugrunde gehen“, das war die Losung, am stärksten innerhalb der Reichstagsfraktion. Und die Wahlen verstärkten zusätzlich diesen Trend zur Legalität. Die Sozialdemokratie stieg nämlich von 437.000 Wählerstimmen im Jahre 1878 nach kurzem Zwischentief bis 1890, als das Sozialistengesetz auslief, auf 1.427.000 Wählerstimmen an. Die Partei wurde so zu einer Massenpartei, die weiterhin stärker und stärker wurde, Die 1890 in Sozialdemokratische Partei Deutschlands- SPD umbenannte Partei gab sich 1891 ein marxistisches Programm, das bis 1921 in Kraft blieb, Dieses Erfurter Programm war im grundsätzlichen Teil von Karl Kautsky entworfen worden, im aktuellen Teil von Eduard Bernstein und wurde von Friedrich Engels unterstützt. Der Entwurf, der von der Programmkommis15 sion unter Führung von Liebknecht nur geringfügig abgeändert worden war, wurde nach einer eindringlichen und alle überzeugenden Begründung durch Liebknecht einstimmig vom Parteitag angenommen, In den Folgejahren sollte allerdings die Spannung zwischen dem ersten Teil, der den bestehenden Staat als Klassenstaat grundsätzlich ablehnte, und dem zweiten Teil, der konkrete Forderungen an eben diesen Staat stellte, zu großen Auseinandersetzungen innerhalb der SPD im Rahmen des sog. Revisionismus-Streits führen. Liebknecht war nach dem Ende des Sozialistengesetzes erneut Chefredakteur des nun wieder legalen Parteiorgans, des in Berlin erscheinenden„Vorwärts“, geworden. Zugleich setzte er, der geborene Lehrer, 1891 die Gründung der Parteischule in Berlin durch. Schon zwei Jahrzehnte vorher, 1872, hatte er in seiner berühmten Schrift„Wissen ist Macht, Macht ist Wissen“ auf die Bedeutung der Funktionärsbildung, aber auch in einem weiteren Sinne der Volksbildung hingewiesen und seitdem in entscheidender Weise zur Formung der Sozialdemokratie als Bildungs- und Kulturbewegung beigetragen. Als Wilhelm Liebknecht am 7. August 1900 kurz vor der Abreise nach Zürich zu einem internationalen Verbrüderungsfest starb, war seine SPD eine marxistische Massenpartei mit einem Millionenanhang geworden, deren Sieg unaufhaltsam schien. Sie war ein wichtiges Element der deutschen Innenpolitik und die stärkste Sektion der II. Internationale, deren Gründungskongress 1889 in Paris unter Liebknechts Präsidentschaft ein internationales Arbeiterschutzprogramm und die Abhaltung des 1. Mai als Tag der Arbeit beschlossen hatte. 16 3. Wilhelm Liebknechts Verhältnis zu Karl Marx Im Londoner Exil hatte Wilhelm Liebknecht zu Karl Marx und Friedrich Engels gut ein Jahrzehnt engste Kontakte, und es entwickelte sich so etwas wie ein freundschaftliches Verhältnis- zumindest sah Liebknecht dies so. Marx und auch Engels betrachteten Liebknecht allerdings eher als den mehr oder minder gut geratenen Schüler, den sie in ihrer überheblichen und auf sich selbst fixierten Art nicht selten schuriegelten und auf dessen Kosten sie sich allzu oft amüsierten, Dies zeigte sich besonders stark im ersten Jahrzehnt nach Liebknechts Rückkehr nach Deutschland, also in den sechziger Jahren, als Liebknecht organisatorisch und publizistisch die frühe lassalleanische und die Arbeitervereinsbewegung zu beeinflussen und zu prägen suchte, Vom fernen London aus stellten sich die Verhältnisse in Deutschland in einem anderen Licht dar als dem in Deutschland Politik Treibenden, und die Wirklichkeit wollte sich doch partout nicht den Marxschen Theorien unterwerfen. Was Liebknecht in den 60er Jahren auch tat- mit Bezug auf den Lassalleaner von Schweitzer, auf das Verhältnis zu den entstehenden Gewerkschaften, auf die Einschätzung des Föderalismus, auf sein langes Festhalten an der demokratischen Volkspartei, vor allem auf die Propagierung des Marxschen Denkens in Deutschland-, was immer er auch tat, Liebknecht erntete Hohn und Spott aus London.„Monsieur Wilhelm“,„der brave Wilhelm“ oder„unser Wilhelmchen‘“ habe ihre Lehren nicht begriffen und sei„sehr konfus im Koppe“, höhnte Engels 1867. Manchmal bezeichneten die Londoner ihn in ihrem Briefwechsel gar als„das Vieh“. August Bebel, den Liebknecht an das Marxsche Denken herangeführt hatte, sei, so Marx 1869,„brauchbar und tüchtig. Er hatte nur das sonderbare Pech, in Herrn Wilhelm seinen‘Theoretiker” zu finden.“ 17 Liebknecht setzte sich gegen diese Herabwürdigungen- selten genug- zur Wehr, so etwa gegenüber Marx 1870:„...ehe ich fertig war mit der Theorie, wurde ich in die Praxis hineingeschleudert und führe seit 22 Jahren ununterbrochen ein ruheloses, jede Muße ausschließendes Leben. Dass ich unter solchen Verhältnissen Hegel nicht so gründlich studiert habe, wie Engels, versteht sich von selbst, ist aber auch keine Schande für mich. Und wenn ich diese Studien sogar ein bisschen verachte, so wird mir Engels meine Privatansicht lassen müssen.“ Erst nach dem mutigen Auftreten Liebknechts gegen den Deutsch-französischen Krieg lenkten die Londoner etwas ein, 1871 übernahmen sie sogar die Patenschaft für Liebknechts zweiten Sohn Karl. 4. Liebknechts Beitrag zur Einigung der zersplitterten Sozialdemokratie Wir wissen, dass die meisten Intellektuellen und‘Halbintellektuellen’, die zur frühen Arbeiterbewegung gestoßen waren, ebenso wie die Arbeiteragitatoren kein ausgeprägt historisch-materialistisches Bewusstsein aufwiesen. Sie hatten vielmehr ihr eigenes Weltbild und waren von einer moralisierenden Grundeinstellung geprägt. Sympathie und Engagement für die Sache der Arbeiter waren einer oft marginalisierten persönlichen Existenz entsprungen. Das ist auch für Liebknecht bezeichnend, der als Sprachrohr von Marx und Engels in Deutschland galt, ihre Ideen auch verteidigte, sofern sie sich mit seiner Politik vertrugen, nichtsdestotrotz im Konfliktfall aber seine eigene Politik verfolgte. Man kann geradezu von einem praktisch-pseudowissenschaftlichen Eklektizismus reden, der seine„Ideen und Argumente dort nahm, wo sie am bequemsten zu holen waren“, wie Karl Kautsky 1894 formulierte. Dies wird besonders deutlich an einigen Bemerkungen, die Liebknecht 1872 in einem Brief an August Geib machte:„Was 18 dem Arbeiter klar sein muss, ist 1) dass die Arbeit die Quelle des Werts ist, 2) dass das Kapital die Arbeit ausbeutet, 3) dass die Lohnarbeit durch die Assoziation ersetzt werden muss und endlich 4) dass diese Ersetzung nur möglich ist im sozialdemokratischen Staat, der folglich erkämpft werden muss. Auf diese Kardinalpunkte, um die sich alles dreht, ist in jeder Nr. des Volksstaats hingewiesen worden, und ich wette, sie sind jedem Leser klar.“ Es ging Liebknecht eben um Grundprinzipien zur Bewältigung des Lebens. Wissenschaftlich und theoretisch Interessierte verwies er auf die Lektüre etwa von Marx, Lassalle und anderen, Im Lichte dieses Eklektizismus ist auch Liebknechts eigener besonderer Beitrag zur Vereinigung der Eisenacher und Lassalleaner 1875 in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zu sehen. Diesen Beitrag schrieb Liebknecht sich noch zwei Jahrzehnte später(1894) auf sein Habenkonto:„So unbedingt ich dem Urteil von Marx in der Theorie vertraute, in der Praxis ging ich meine eigenen Wege... hoch steht mir Marx, aber höher die Partei... ich glaube in meinem Leben niemals der Partei einen größeren Dienst geleistet zu haben, als damals, wo ich den Ratschlag meines Freunds und Lehrers Marx zurückwies und in das (Gothaer) Einigungsprogramm gewilligt habe.“ Marx und Engels hatten vor Empörung geschäumt, als sie den maßgeblich von Liebknecht mit formulierten und schließlich auch auf dem Einigungsparteitag begründeten Programmentwurf zu Gesicht bekamen, den sie als ein Attentat auf das angeblich weiter fortgeschrittene Bewusstsein der deutschen Arbeiter ansahen. Und sie tobten, als ihre radikale Kritik an jedem einzelnen Programmpunkt, die sog.„Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei‘, wohl auf Betreiben Liebknechts, überhaupt keine Berücksichtigung in der Programmdiskussion erfuhr und geheim gehalten wurde, Erst viel später, 1891, wurde sie auf Engels’ Drängen im Zusammenhang mit den Vorberatungen zum Erfurter Programm veröffentlicht. 19 Kurz zusammengefasst, setzten Marx und Engels an dem Programmentwurf aus, er bestehe einmal aus lassalleanischen Phrasen, sodann aus vulgärdemokratischen Forderungen, schließlich aus Sätzen, die dem Kommunistischen Manifest von Marx und Engels entlehnt, in der vorliegenden Fassung aber„Blödsinn“ seien. Trotz ihres Widerspruchs wurden in das Gothaer Programm eine Reihe lassalleanischer Parolen aufgenommen, z.B. die Formel von der„einen reaktionären Masse“ aller anderen Klassen gegenüber der Arbeiterklasse- eine These, die angesichts der staatlichen Repressionen und der Diffamierung durch die anderen Parteien nur verständlich war, aber langfristig potentielle, auch taktische, Bündnisse mit anderen Parteien verhinderte. Auch aufgenommen wurde als einzige soziale Forderung die nach Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe, allerdings„unter demokratischer Kontrolle“. Ebenso erschienen hier wieder Lassalles „ehernes Lohngesetz‘“, das in Marx’„Kapital“ längst widerlegt worden war, und das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht als erste der Grundlagen des Staates. Beim Gothaer Programm handelte es sich nicht, wie Liebknecht Marx und Engels glauben machen wollte, um einen Kompromiss der klassenbewussten Eisenacher und der weniger klassenbewussten Lassalleaner. Nein, es entsprach durchaus dem Denken des Großteils der Arbeiter und ihrer meisten Führer, Ihnen war im übrigen die theoretische Klarheit nachrangig gegenüber dem Ziel, endlich die Fraktionskämpfe zu überwinden und eine vereinigte Arbeiterpartei zu schaffen. 20 5. Einige Grundvorstellungen Liebknechts a) Vergesellschaftung der Produktionsmittel Zwar forderte Liebknecht in seiner Broschüre„Zu Schutz und Trutz“ 1872 die„Erhebung des Eigentums zum Gemeingut;... (die) Verallgemeinerung des Eigentums, das jedem zugänglich gemacht werden soll, während es jetzt bloß das Vorrecht eines winzigen Bruchteils der Bevölkerung ist.“ Auf der anderen Seite berichtete Karl Kautsky 1891 Friedrich Engels, Liebknecht habe erst nach langem Zögern- aus Parteidisziplin- auf dem Erfurter Parteitag den Entwurf des Erfurter Programms durchgeboxt, obwohl er persönlich Bedenken hegte. Aber er habe weiterhin privat erklärt,„das Programm sei Wahnsinn. Er behauptet nämlich, es habe bisher noch nie einen Zustand gegeben, in dem der Arbeiter Privateigentümer seiner Produktionsmittel gewesen sei. Und frei sei der Arbeiter erst geworden, als er Lohnarbeiter wurde.“ Hier zeigt sich eine bemerkenswerte interne Distanzierung Liebknechts gegenüber einem der wichtigen Analysepunkte des Erfurter Programms. b) Funktion und Rolle des Staates Liebknecht akzeptierte keineswegs Marx’ Lehre vom Staat als Instrument der Unterdrückung einer Klasse durch eine andere und vom Absterben des Staates als historische Notwendigkeit. Und er erwähnte bei seiner Erfurter Programmrede 1891 die Diktatur des Proletariats als Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus mit keinem Wort, Liebknechts Zielvorstellung und die eines Großteils der frühen deutschen Sozialdemokratie war demgegenüber eher, im Gegensatz zum preußisch-deutschen Klassenstaat, der sog.„freie Volksstaat“, der keine bevorrechteten Klassen dulde, So formulierte Liebknecht 1890:„Der heutige Staat wächst in den Zukunftsstaat 21 hinein, gerade wie der Zukunftsstaat schon in dem heutigen Staat drinsteckt“. Ein friedliches Hineinwachsen in den Staat der Zukunft war in Liebknechts Augen durchaus möglich, wenn der politische Gegner oder der gegenwärtige Staat die Arbeiter nicht zur Gewalt zwinge! Dies war durchaus nicht nur die Ansicht des alten Liebknecht. Vielmehr war dies eine Konstante in seinem politischen Leben seit der 48er Revolution. Darüber spottete Marx etwa 1869, im Jahr der Gründung der Eisenacher Partei:„Das Vieh(gemeint war Liebknecht) glaubt an den zukünftigen‘Staat der Demokratie’! Unter der Hand ist das bald das konstitutionelle England, bald die bürgerlichen Vereinigten Staaten, bald die elende Schweiz. Von revolutionärer Politik hat‘es’ keine Ahnung,“ Und in der Tat, Liebknecht hatte wirklich eine andere Revolutionskonzeption als Marx und Engels, eine defensive Revolutionskonzeption. So konnte er durchaus die Auffassung vertreten: „Wir sind revolutionär, aber die revolutionäre Bewegung, in der und für die wir tätig sind, wird nur dann zu Gewalttätigkeiten und Blutvergießen führen, wenn unsere Gegner es wollen, das heißt die Regierenden und die Bourgeoisie“. Und 1879 nannte er die von Bismarcks Sozialistengesetz verbotene Partei sogar„eine Reformpartei im strengsten Sinne des Wortes“, c) Demokratie Als alter 48er zog Liebknecht keine scharfen Grenzen zwischen konsequent verwirklichter bürgerlicher Demokratie und proletarischer Demokratie, weshalb er auch nach der Gründung der Eisenacher Partei so lange, wie es ging, an einer Kooperation mit der demokratischen Volkspartei festhielt. 1899, ein Jahr vor seinem Tode, erklärte er:„In all meinen Kämpfen gegen die Bismarcksche Reaktion habe ich für die bürgerlichen Freiheiten gekämpft.“ 22 Denn diese waren für ihn die Voraussetzung sozialdemokratischer Entfaltung, Er nannte sich nicht nur„Soldat der Revolution“, sondern 1867 auch einmal„Soldat der Demokratie“, wobei für ihn wie für seine Zeitgenossen Demokratie und Sozialismus untrennbar waren, Durchaus modern sagte er 1869 in seinem Vortrag„Über die politische Stellung der Sozialdemokratie“:„Der Sozialismus ohne Demokratie ist Aftersozialismus wie die Demokratie ohne Sozialismus Afterdemokratie, Der demokratische Staat ist die einzig mögliche Form der sozialistisch organisierten Gesellschaft.“ Neunzig Jahre später hieß das im Godesberger Programm der SPD:„Sozialismus wird nur durch die Demokratie verwirklicht, die Demokratie durch den Sozialismus erfüllt.“ d) Der Weg zum Ziel: Wissen ist Macht Wenn die sozialistische Demokratie, der demokratische Sozialismus oder- inhaltlich identisch- die Sozialdemokratie nur im provozierten Extremfall mit Gewalt erkämpft werden sollte, dann waren im Normalfall andere Wege einzuschlagen. Das war für Liebknecht, zumindest nach 1871, zunächst einmal das allgemeine Wahlrecht als gewaltigstes Agitationsmittel. Es sollte zugleich die Arbeitermassen erreichen, ihren Interessen Ausdruck verleihen und die Macht der Arbeiterpartei in die politische Waagschale werfen. Ein zusätzlicher Weg zu diesem Ziel führte über die Erweiterung und Stärkung der Parteiorganisation sowie über die Vertiefung und Verbreiterung von Bildung. Daher rührte Liebknechts besondere Forderung, die er immer wieder an die Arbeiter richtete:„Agitieren, organisieren, studieren!“(1887) Dabei war Liebknecht grobschlächtige, verzerrende Agitation zuwider. Differenzierte, sachliche Propaganda und geschickte Widerlegung von Vorurteilen im eigenen Lager wie auch bei den politischen Gegnern lagen ihm am Herzen. Vorgeblich„revolutionäre“ Phra23 sendrescherei und„Wortalkoholismus‘“, wie er das nannte, lehnte er ab. 1874 formulierte er im Gegenteil:„Wir müssen die Welt geistig erobern und beherrschen, ehe unsere Prinzipien in Staat und Gesellschaft zur Herrschaft gelangen können. Dem geistigen Sieg folgt der materielle mit Notwendigkeit; ohne ihn ist er wertlos.“ Es ging ihm also um„des Geistes Schwert“, wie es in einem Arbeiterlied heißt. Daher war für Liebknecht die Sozialdemokratie „im eminentesten Sinne des Wortes die Partei der Bildung“ (1872). Er sah allerdings, welche politischen und institutionellen Hemmnisse zu seiner Zeit einer umfassenden Volks- und Arbeiterbildung entgegenstanden. Daher betonte er die Notwendigkeit des vorherigen politischen Kampfes:„Ohne Macht für das Volk kein Wissen. Wissen ist Macht- Macht ist Wissen!“(1872) Das höchste Ziel der Kultur war für Liebknecht konsequenterweise erst in der sozialistischen Gesellschaft erreichbar, wenn nämlich die Mehrheit des Volkes ihre eigenen Interessen selbst bestimmen und verwirklichen könne. Dieses höchste Ziel war für ihn„die Harmonie der Interessen, die Harmonie des Menschen mit dem Menschen, die Harmonie des Menschen mit sich selbst. Harmonie nach außen: Harmonie der Völker, Harmonie im Staat und in der Gesellschaft; Harmonie nach innen: Harmonie im Individuum durch Entwicklung aller Fähigkeiten und durch Aufhebung des Widerspruchs zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Moral und Handeln.“ Hier zeigt sich Wilhelm Liebknecht als typischer Repräsentant seiner Partei, die von dem Optimismus der Aufklärung geprägt war und wohl auch noch ist, dass das Gute, Wahre und Richtige sich letztlich durchsetzt. Aber was wäre sozialdemokratische Politik ohne die stimulierende Wirkung von Utopie? 24 6. Was sagt uns Wilhelm Liebknecht heute noch? Viele der Thesen Wilhelm Liebknechts sind heute überholt, vieles ist mittlerweile erreicht und gilt nicht mehr als Errungenschaft, sondern als selbstverständlich. Der preußisch-deutsche Obrigkeits- und Klassenstaat, dem Liebknechts ganze klassenkämpferische Energie gegolten hat, ist längst gefallen. Die Sozialdemokratie ist heute nicht nur anerkanntes und integriertes Glied eines demokratisch-republikanisch verfassten sozialen Rechtsstaates, sondern darüber hinaus in der Lage, aus der Regierungsverantwortung heraus ihre Vorstellungen im Rahmen des Möglichen zu realisieren. An die Stelle der alten proletarischen Klassenpartei mit revolutionärem Anspruch ist spätestens seit dem Godesberger Programm eine auch breite Schichten des Bürgertums umfassende reformorientierte Volkspartei getreten. Theorien von gestern lassen sich nicht ohne weiteres und uneingeschränkt auf unsere immer diffizilere und unübersichtlichere Welt von heute übertragen oder gar als Patentrezept für die Gestaltung der Zukunft gebrauchen. Globalisierung einerseits, Regionalisierung, Differenzierung und Individualisierung andererseits machen heute neue Antworten erforderlich. Die Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, an denen sich schon Wilhelm Liebknecht orientierte, haben aber nichts von ihrer Geltung verloren. Sie müssen nur neu gelesen und interpretiert, müssen auf die Probleme der Gegenwart und Zukunft bezogen werden. Wilhelm Liebknechts Bedeutung lag nicht in erster Linie in theoretischen Qualitäten. Er war vielmehr ein glänzender Politiker, Agitator, Publizist und politischer Pädagoge. Seine Integrität, sein als Pflicht begriffener rastloser, selbstloser und grenzenloser Einsatz für die Sache der Arbeiter, seiner Partei und seines Volkes und sein unerbittlicher Kampf gegen jedes Unrecht und jegliche Unterdrückung, ungeachtet der Folgen für die eigene Person, ungeachtet eigener Diskriminierung und Verfolgung, können uns auch heute noch leuchtendes Vorbild und ständiger Ansporn sein. 25 Ausgewählte Quellen und Literatur Dowe, Dieter/Klotzbach, Kurt(Hrsg.): Programmatische Dokumente der deutschen Sozialdemokratie, 3, Aufl., Berlin/Bonn 1990 Herrmann, Ursula(Hrsg.): August und Julie Bebel. Briefe einer Ehe, Bonn 1997 Der Hochverrathsprozeß wider Liebknecht, Bebel, Hepner vor dem Schwurgericht zu Leipzig vom 11. bis 26. März 1872. Mit einer Einleitung von W. Liebknecht, Berlin 1894 Wilhelm Liebknecht: Aus der Jugendzeit, in: Iilustrierter Neue Welt-Kalender 1900, Berlin/Hamburg 1900 Wilhelm Liebknechts Briefwechsel mit deutschen Sozialdemokraten Bd, I 1862-1878 hrsg. von Georg Eckert, Assen 1973; Bd, 1I 1878— 1884, hrsg. von Götz Langkau, Frankfurt/New York 1988 Wilhelm Liebknecht. Briefwechsel mit Karl Marx und Friedrich Engels, hrsg. und bearb. von Georg Eckert, The Hague 1963 Wilhelm Liebknecht: Erinnerungen eines Soldaten der Revolution. Zusammengestellt und eingeleitet von Heinrich Gemkow, Berlin (0) 1975 Wilhelm Liebknecht: Was die Sozialdemokraten sind und was sie wollen, Chemnitz 1894. Wilhelm Liebknecht: Wissen ist Macht—- Macht ist Wissen, 2. Aufl., Leipzig 1873 u.ö. Wilhelm Liebknecht: Zum Schutz und Trutz, Leipzig(1871) u.6. 26 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, hrsg. vom IML beim ZK der SED, Berlin(0) 1964 ff., bes. Bd. 19(Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei) und Bd. 27 ff.(Briefe) Dominick II, Raimond H.: Wilhelm Liebknecht and the Founding ofthe German Social Democratic Party, Chapel Hill 1982 Leidigkeit, Karl-Heinz: Wilhelm Liebknecht und August Bebel in der deutschen Arbeiterbewegung 1862-1869, Berlin(O) 1957 Miller, Susanne: Das Problem der Freiheit im Sozialismus. Freiheit, Staat und Revolution in der Programmatik der Sozialdemokratie von Lassalle bis zum Revisionismusstreit, 3. Aufl., Berlin/Bonn Bad Godesberg 1974 Osterroth, Franz: Wilhelm Liebknecht, in: Biographisches Lexikon des Sozialismus, Bd. I: Verstorbene Persönlichkeiten, Hannover 1960, S. 192-295 Schröder, Wolfgang: Wilhelm Liebknecht, in: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Biographisches Lexikon, hrsg. vom IML beim ZK der SED, Berlin(0) 1970, S. 293-298 Steinberg, Hans-Josef: Sozialismus und deutsche Sozialdemokratie. Zur Ideologie der Partei vor dem I. Weltkrieg, Hannover 1967 Weitershaus, Friedrich Wilhelm: Wilhelm Liebknecht. Eine Biographie, Gütersloh/Gießen 1976 Thomas Welskopp: Das Banner der Brüderlichkeit. Die deutsche Sozialdemokratie vom Vormärz bis zum Sozialistengesetz, Bonn 2000 27 Reihe Gesprächskreis Geschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung Heft I Jürgen Kocka, Die Auswirkungen der deutschen Einigung auf die Geschichts- und Sozialwissenschaften, Bonn 1992(24 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 2 Eberhard Jäckel, Die zweifache Vergangenheit. Zum Vergleich politischer Systeme, Bonn 1992(24 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 3 Dieter Dowe(Hrsg.), Von der Bürgerbewegung zur Partei. Die Gründung der Sozialdemokratie in der DDR, Bonn 1993(180 S.) Heft 4 Dieter Dowe(Hrsg.), Die Ost- und Deutschlandpolitik der SPD in der Opposition 1982-1989, Bonn 1993(208 S.) Heft 5 Reinhard Rürup, Die Revolution von 1918/19 in der deutschen Geschichte, Bonn 1993(32 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 6 Dieter Langewiesche, Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert: Zwischen Partizipation und Aggression, Bonn 1994(32 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 7 Karin Hausen, Die„Frauenfrage‘“ war schon immer eine„Männerfrage“, Überlegungen zum historischen Ort von Familie in der Moderne, Bonn 1994(32 8.) 28 Heft 8 Hans-Ulrich Wehler, Angst vor der Macht? Die Machtlust der Neuen Rechten, Bonn 1995(24 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 9 Ausstellungskatalog: Friedrich Ebert 1871-1925. Vom Arbeiterführer zum Reichspräsidenten, Bonn 1995(72 S.) Heft 10 Leonid Pawiowitsch Kopalin, Die Rehabilitierung deutscher Opfer sowjetischer politischer Verfolgung, Bonn 1995(40 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 11 Michael Schneider,„Völkspädagogik“ von rechts. Ernst Nolte, die Bemühungen um die„Historisierung“ des Nationalsozialismus und die „selbstbewußte‘“ Nation, Bonn 1995(56 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 12 Klaus Schönhoven, Gewerkschaften und soziale Demokratie im 20. Jahrhundert, Bonn 1995(32 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 13 Dieter Dowe(Hrsg.), Kurt Schumacher und der„Neubau“ der deutschen Sozialdemokratie nach 1945, Bonn 1996(192 S.) Heft 14 Dieter Dowe(Hrsg.), Die Deutschen- ein Volk von Tätern? Zur historisch-politischen Debatte um das Buch von Daniel Goldhagen, Bonn 1996 (80 5., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 15 Dieter Dowe(Hrsg.), Herbert Wehner(1906- 1990) und die deutsche Sozialdemokratie, Bonn 1996(64 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 16 Helmut Schmidt, Carlo Schmid 1896- 1979, Bonn 1996(24 8.) 29 Heft 17 Michael Schneider, Die„Goldhagen-Debatte“. Ein Historikerstreit in der Mediengeseilschaft, Bonn 1997(31 S.) Heft 18 Peter Steinbach, Widerstand gegen den Nationalsozialismus- eine„sozialistische Aktion“? Bonn 1997(104 S.) Heft 19 Klaus Tenfelde, Milieus, politische Sozialisation und Generationenkonflikte im 20, Jahrhundert, Bonn 1997(31 S.) Heft 20 Dieter Langewiesche, 1848 und 1918- zwei deutsche Revolutionen, Bonn (31 5.) Heft 21 Peter Steinbach, Für die Selbsterneuerung der Menschheit. Zum einhundertsten Geburtstag des sozialdemokratischen Widerstandskämpfers Adolf Reichwein, Bonn 1998(48 S.) Heft 22 Lernen aus der Vergangenheit!? Der Parlamentarische Rat und das Grundgesetz, Bonn 1998(111 S.) Heft 23 Gerald D. Feldman, Unternehmensgeschichte des Dritten Reichs. Raubgold und Versicherungen, Arisierung und Zwangsarbeit, Bonn 1999(32 Ss) Heft 24 Diether Posser, Erinnerungen an Gustav W. Heinemann, Bonn 1999(21 S.) Heft 25 „Mein Vater war doch kein Verbrecher- und doch hat er einem verbrec| rischem Regime gedient.“ Warum trifft uns das heute noch?, Bonn 19 (815) 30 Heft 26 Klaus Schönhoven, Auf dem Weg zum digitalen Dienstleistungszentrum. 30 Jahre Archiv und Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 1999 (40 5.) Heft 27. Peter Lösche, Parteienstaat in der Krise? Überlegungen nach 50 Jahren Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1999(48 5.) Heft 28 Hans-Jochen Vogel, Zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR in Schwante vor 10 Jahren, Bonn 1999(24 S.) Heft 29 Günther Wagenlehner, Die russischen Bemühungen um die Rehabilitierung der 1941- 1956 verfolgten deutschen Staatsbürger, Bonn 1999(ca 190 5., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 30 Friedhelm Boll/Beatrix Bouvier/Patrik von zur Mühlen, Politische Repression in der SBZ/DDR und ihre Wahrnehmung in der Bundesrepublik, Bonn 1999(40 5.) Heft 31 Peter Brandt(Hg.), An der Schwelle zur Moderne. Deutschland um 1800, Bonn 1999(184 5.) Heft 32 Arno Lustiger, Jüdische Kultur in Ostmitteleuropa am Beispiel Polens, Bonn 2000(30 S.) Heft 33 Feliks Tych, Deutsche, Deutsche, Juden, Polen: Der Holocaust und seine Spätfolgen, Bonn(24 S.) Heft 34 Dieter Dowe, Ferdinand Lassalle(1825- 1864). Ein Bürger organisiert die Arbeiterbewegung, Bonn 2000(29 S.) 31 Heft 35 Michael Brenner, Wie jüdisch waren Deutschlands Juden? Die Renaissance jüdischer Kultur während der Weimarer Republik, Bonn 2000 (48 8.) Heft 36 Dieter Dowe,„Agitieren, organisieren, studieren!“Wilhelm Liebknecht und die frühe deutsche Sozialdemokratie, Bonn(31 S.) Alle Hefte sind im Volltext im Internet abrufbar unter www.fes.de Kostenloser Bezug beim Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Doris Faßbender Godesberger Allee 149 D-53175 Bonn Tel.: 0228- 883 473 Fax.: 0228- 3779606 E-mail: Doris, Fassbender@fes.de Thomas Welskopp Das Banner der Brüderlichkeit Die deutsche Sozialdemokratie vom Vormärz bis zum Sozialistengesetz Reihe: Politik- und Gesellschaftsgeschichte, Bd. 54 atea 928 Seiten, Hardcover ca. DM 428,-/sFr 119,465 934, ISBN 3-8012-4112-2 „Das Banner der Brüderlichkeit“ unternimmt eine grundiegende Neuinterpretation der sozioldemokratischen Arbeiterbewegung in Deutschland in ihrer Frühphase, Die Studie zeichnet ein lebendiges Bild von den Sozialdemokraten zwischen 1848 und 1878, vom kulturellen innenteben ihrer Vereine und von den Weltdeutungen, die sie dort diskutierten, „Dos Banner der Bruderkchkeit“ bietet eine grundlegende Neuinterpretatian der soziatdemokratischen Arbeiterbewegung in Deutschland In Ihrer Frühphase, Auf breiter Quellenbasls untersucht der ‚Autor erstmals umfassend die soziale Zusammensetzung der poll. schen Arbeiterbewegung zwischen Vormärz und Sozialistengetetz. Dabei ırlıt der im Schwerpunkt handwerkliche und sehr Jugendliche Charakter der frühen Sozialdemokratie aus den einzel- und kollektivbiographischen Annaherungen an die historischen Akteure klar hervor. Den Schwerpunkt der Studie bildet eine Darstellung der Organisationskukur dar Bewegung. Sie zeichnet ein anschauliches Bild vom Innenleben der Arbeitervereine, von der Bedeutung der Volksversammlungen und der Redekultur, von den sozialdemokratischen Festen und Großveranstaltungen, vom männlichen Charakter der Sorialdemokratie und vom ausgesprachen modernen Sul ihrer Wahlkämpfe in den 1870er Jahren "THOMAS WELSKOPP, geb. 19814, Dr.phil, Studium ın Bielefeld und Baltunore, MD, USA, ist Privotdazent für Neuere Geschichte om Friedrich Meinecke-Institut Thomas Welskopp Das Banner der Brüderlichkeit Die deutsche Sozialdemokratie vom Vormärz is zum Sozialisiengesetz Darüber hinaus rückt die Vorstellungsweit der frühen Sozialdemokraten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die handwerklichradikakiemokratische Mentalltär. dieser revolutionären Bewegung erschließt sich ebenso wie die Breite und Intensicat der Dabarten in den Vereinen und Versammlungen. Weder Lassalle noch Marx und Engels waren das Maß aller Dinge. Im Gegenteil: Die Sozialdemokratie erscheint als eine duerst lebendige und selbstbewusste Produzenuin von Ideologie In eigenem Recht. Die Studie erweitert die Sozlalgeschichta der frühen deutschen Arbeiterbewogung durch kurlturgeschichtliche Betrachtungsweisen Und macht die neueren geschlechter-, mentalitäts- und diskursgeschichtichen Ansätze für eine farbige Geschichte der deutschen Sozlaldemokratie in Ihrer Entstehungsphase nutzbar. der Freien Universität Bern,