| Berliner Milieus im Wandel| BerlinPolitik im Forum Berlin BerlinPositionen aus dem Forum Berlin| 01 | Im pressum| Herausgegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung BerlinPolitik im Forum Berlin Kathrine Kollenberg Hiroshimastraße 17 D- 10785 Berlin www.fes-forumberlin.de/BerlinPolitik/ Text: Sebastian Beck Verband für Wohn- und Stadtentwicklung(vhw) Redaktion: Kathrine Kollenberg Layout: Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Druck: Druckerei Braul, Berlin Das Papier dieser Broschüre stammt aus nachhaltiger Forstwirtschaft und wird im Einklang mit dem Standard des Forest Stewardship Council(FSC) produziert. Im Rahmen der Publikationsreihe„BerlinPositionen aus dem Forum Berlin“ veröffentlicht der Arbeitsbereich BerlinPolitik im Forum Berlin der Friedrich-Ebert-Stiftung Expertisen, Fachbeiträge und Veranstaltungsdokumentation zu berlinrelevanten Themen. Die inhaltliche Auswahl der Beiträge orientiert sich an aktuellen und langfristigen Perspektiven und Fragestellungen zur Hauptstadtregion. Wir hoffen mit unseren Positionen zentrale gesellschaftspolitische Diskurse in der Hauptstadt anzustoßen und zukunftsorientiert zu führen. | Inhalt| Einleitung.................................................................................................................................................... 04 1. Eine kurze Einführung in die Welt der sozialen Milieus.......................................................................... 06 1.1 Berliner Bevölkerung ohne Migrationshintergrund........................................................................... 06 1.2 Berliner Bevölkerung mit Migrationshintergrund............................................................................. 09 2. Standort Berlin, erste zentrale Befunde................................................................................................. 12 2.1 Die Berliner Milieulandschaft ist extrem modern und polarisiert....................................................... 12 2.2 Migrantinnen und Migranten sind das Wachstumspotenzial der Stadt............................................. 14 2.3 Die soziale Kohäsion braucht neue Arrangements........................................................................... 15 2.4 Die Engagementlandschaften der Stadt brauchen neue Kooperationen............................................ 17 2.5 Bildung braucht neue Netzwerke.................................................................................................... 18 2.6 Teure und günstige Quartiere driften zusehends auseinander.......................................................... 20 Ausblick...................................................................................................................................................... 22 4 BerlinPositionen aus dem Forum Berlin | Berliner Milieus im Wandel| | Einleitung| Je dezidierter Interessen und Einstellungen von Bürgerinnen und Bürgern bekannt sind, desto konstruktiver gelingt die demokratische Gestaltung von Staat und Gesellschaft. Großstädte sind seit jeher die Orte, an denen gesellschaftliche Veränderungsprozesse früh und auch deutlich sichtbar werden. Urbane Ballungsräume eignen sich aufgrund der Vielzahl unterschiedlicher Menschen mit mannigfachen Vorlieben und Abneigungen gut, um sich ein repräsentatives Meinungsbild über die Entwicklungen bürgerlicher Interessen zu bilden. Ein geeignetes Instrument, sich den Bürgerinnen und Bürgern zu nähern, ist die Lebensstil- und Milieuforschung, die diejenigen Einflüsse untersucht, welche Umwelt und Umgebung auf die Entwicklungen der Menschen haben. Ein genauer Blick in unsere Milieus hilft, aktuelle Veränderungen in unserer Gesellschaft und in zivilgesellschaftlichen Prozessen frühzeitig zu erkennen und politisch darauf zu reagieren. Besonders großstädtische Milieus haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Dies stellt die Politik vor neue Herausforderungen. Traditionelle Organisationsstrukturen und die bisherige Kommunikation der politischen Ziele erreichen immer weniger Bürgerinnen und Bürger. BerlinPositionen aus dem Forum Berlin 5 Um die Ziele der Sozialen Demokratie in Berlin mit neuen politischen Ideen anzureichern und sie wieder mehr mit den Bürgerinteressen in Einklang bringen zu können, bedarf es neuer Partizipations- und Vermittlungskonzepte. Um mit diesen Konzepten Erfolg zu haben, ist es wichtig, seine Zielgruppen und ihre Beweggründe zu kennen. Daher hat die Friedrich-Ebert-Stiftung gemeinsam mit dem Verband für Wohn- und Stadtentwicklung (vhw) einen genauen Blick auf die prognostizierte Entwicklung der Berliner Milieus bis zum Jahre 2020 geworfen. Die ersten Ergebnisse dieser Untersuchung stellen wir Ihnen in dieser Publikation vor. Wir hoffen mit diesem Papier einen Diskurs über eine bürgerorientierte, zukunftsfähige, soziale und demokratische Politik für die Hauptstadt anzustoßen. Die Untersuchungen des vhw basieren auf seinen Erfahrungen und der Arbeit mit den sozialen Milieus. Grundlage für die Untersuchungen ist ein Ansatz der Milieuforschung, der qualitative und quantitative Forschung miteinander kombiniert. So wird garantiert, dass die statistisch belegbaren Milieuzusammenhänge auch auf einer ethnologischen Basis beruhen und nicht nur statistisch valide, ansonsten aber willkürlich konstruierte mathematische Zusammenhänge widerspiegeln. Diese Form der Milieuforschung ist interkulturell anwendbar und wird auch spezifisch in der Forschung zu Migration und Integration eingesetzt. Zudem kommt dieser Milieuansatz neben Modellen für Deutschland auch in Modellen für andere europäische Länder, die USA und China zur Anwendung. Der vhw arbeitet vor allem im Bereich von Wohnen und Stadtentwicklung mit diesem langjährig bewährten Milieuansatz. Er bietet anhand von Kenntnissen über Partizipationspotenziale oder Segregationsfaktoren des städtischen Zusammenlebens Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit mit Kommunen, zum Beispiel in Fragen der integrierten Stadtentwicklung sowie in Fragen rund um Bildung und das Wohnen. Berlin, November 2010 6 BerlinPositionen aus dem Forum Berlin | 1. Eine kurze Einführung in die Welt der sozialen Milieus| Was also ist ein Milieu? Ein Milieu beschreibt eine Gruppe von Menschen, die sich in Lebensweise und Lebensauffassung ähneln. Die Zugehörigkeit zu einem Milieu basiert dabei auf einer spezifischen lebensweltlichen Grundauffassung und wertgleichen Antworten auf die Frage, worauf es im Leben ankommt. Eine solche lebensweltliche Grundauffassung wirkt so synchronisierend wie das Pendel eines Uhrwerks: Wer die gleiche lebensweltliche Grundauffassung besitzt, gehört zum gleichen Milieu und ist sich auch in vielen anderen alltäglichen lebensweltlichen Facetten sehr ähnlich: vom Bereich des Wohnens über den alltäglichen Konsum, Freizeitaktivitäten und die Mediennutzung bis hin zu Politik und Partizipation an zivilgesellschaftlichen Prozessen. Milieus sind in ihrer Beschreibung eine Kombination von Soziokultur und Soziodemografie. In der ersten Dimension beschreiben sie eine soziokulturelle Differenzierung zwischen traditionelleren und moderneren Lebenswelten. In der zweiten Dimension berücksichtigen sie soziodemografische Faktoren. In jedem lebensweltlichen Segment, von traditionell bis modern, finden sich gehobene Milieus sowie Milieus mit schlechten sozialen Lagen. Die Soziodemografie geht an dieser Stelle aber nur als beschreibendes Moment ein, die Milieuzugehörigkeit basiert ausschließlich auf der lebensweltlichen Grundauffassung. Wesentliches Element des Konzepts der sozialen Milieus, auf dem die Arbeit des vhw basiert, ist der fließende Übergang von Lebenswelten. An den Rändern aller Milieus finden sich Überlagerungen und Verwandtschaften zu benachbarten Lebenswelten. Das Institut Sinus Sociovision bezeichnet dies auch als Unschärferelation der Alltagswirklichkeit. 1.1 Berliner Bevölkerung ohne Migrationshintergrund Folgende zehn Milieus sind in der bisherigen Forschung beschrieben, tauchen in Berlin auf und sind Gegenstand der bisherigen Forschung. Diese Milieus beziehen sich auf BerlinerInnen ohne Migrationsstatus. Traditionelle Milieus: Die Konservativen(2% der Gesamtbevölkerung): • Das alte deutsche Bildungsbürgertum, Menschen, die sich zu einer konservativen Kulturkritik bekennen, mit einer humanistisch geprägten Pflichtauffassung und gepflegten Umgangsformen • Altersschwerpunkt ab 60 Jahre, meist 2-Personen-Haushalte • Akademische Abschlüsse überrepräsentiert, aber auch Volksschulabschlüsse mit qualifizierter Berufsausbildung(Frauen) • Hoher Anteil an Personen im Ruhestand • Typische(ehemalige) Berufe: höhere Angestellte und BeamtInnen sowie Selbstständige und FreiberuflerInnen • Gehobenes Einkommensniveau, teilweise größere Vermögen BerlinPositionen aus dem Forum Berlin 7 Die DDR-Nostalgiker(5% der Gesamtbevölkerung): • Die resignierten WendeverliererInnen, die festhalten an preußischen Tugenden und altsozialistischen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Solidarität • Schwerpunkt bei den über 50-Jährigen, hoher Anteil an BezieherInnen von Altersübergangsgeld und Rente • Hochschulabschlüsse leicht überrepräsentiert, ansonsten mehrheitlich einfache bis mittlere Bildung • Früher häufig Führungskader in Partei, Verwaltung, Wirtschaft und Kultur, heute einfache Angestellte,(Fach-)ArbeiterInnen oder arbeitslos Die Traditionsverwurzelten(12% der Gesamtbevölkerung): • Die Sicherheit und Ordnung liebende Kriegsgeneration, verwurzelt in der kleinbürgerlichen Welt bzw. in der traditionellen Arbeiterkultur • Altersschwerpunkt in der Kriegsgeneration (65 Jahre und älter), entsprechend hoher Frauenanteil • Überwiegend HauptschulabgängerInnen mit abgeschlossener Berufsausbildung • Hoher Anteil an RentnerInnen und PensionärInnen,(ehemalige) kleine BeamtInnen,(Fach-) ArbeiterInnen und Bauern und Bäuerinnen • Meist kleine bis mittlere Einkommen Bürgerliche Milieus Die Bürgerliche Mitte(12% der Gesamtbevölkerung): • Der statusorientierte moderne Mainstream, der nach beruflicher und sozialer Etablierung strebt und gesicherte, harmonische Verhältnisse bevorzugt • Oft Mehr-Personen-Haushalte, kinderfreundliches Milieu, Altersschwerpunkt: 30 bis 50 Jahre • Qualifizierte mittlere Bildungsabschlüsse • Einfache/mittlere Angestellte und BeamtInnen, FacharbeiterInnen • Mittlere Einkommensschichten Prekäre Milieus Die Konsummaterialisten(14% der Gesamtbevölkerung): • Die ausgeprägt materialistisch orientierte Unterschicht. Erklärtes Ziel ist es, Anschluss an die Konsumstandards der breiten Mitte zu halten. Man versucht, soziale Benachteiligungen durch Konsum zu kompensieren. • Altersverteilung fast wie Gesamtbevölkerung, leichter Schwerpunkt 30 bis 60 Jahre • Meist Volks-/Hauptschulabschluss mit oder ohne Berufsausbildung • Überdurchschnittlich viele(Fach-)ArbeiterInnen • Untere Einkommensklassen, Häufung sozialer Benachteiligung(Arbeitslosigkeit, Krankheit, unvollständige Familien) 8 BerlinPositionen aus dem Forum Berlin Die Hedonisten(10% der Gesamtbevölkerung): • Die spaßorientierte moderne Unterschicht sowie untere Mittelschicht. Prägendes Moment ist die Verweigerung von Konventionen und Erwartungen der Leistungsgesellschaft. Man orientiert sich vor allem am Leben im Hier und Jetzt. • Jüngere und mittlere Altersgruppen bis 50 Jahre; Schwerpunkt unter 30 Jahre • Einfache bis mittlere Formalbildung – relativ oft ohne abgeschlossene Berufsausbildung • Einfache Angestellte und ArbeiterInnen, viele SchülerInnen und Auszubildende • Keine erkennbaren Schwerpunkte beim Haushaltseinkommen, relativ großer Anteil an Personen ohne eigenes Einkommen Statusmilieus Die Etablierten(7% der Gesamtbevölkerung): • Das selbstbewusste Establishment. Man orientiert sich an einer klassischen Erfolgsethik und an einem überzeugten und engagierten Machbarkeitsdenken. Prägend sind Exklusivitätsansprüche. • Mittlere Altersgruppen ab 30 Jahre(Schwerpunkt: 40 bis 60 Jahre), meist verheiratet, 3- und Mehr-Personen-Haushalte • Überdurchschnittlich hohes Bildungsniveau • Viele leitende Angestellte und höhere BeamtInnen sowie Selbstständige, UnternehmerInnen und FreiberuflerInnen • Hohe und höchste Einkommen, häufig größere Vermögen Die Postmateriellen(12% der Gesamtbevölkerung): • Das aufgeklärte Nach-68er-Milieu mit einer liberalen Grundhaltung, postmateriellen Werten und intellektuellen Interessen. Typisch ist in diesem Milieu zudem eine kritische Auseinandersetzung mit weltweiten Entwicklungen. • Breites Altersspektrum von Anfang 20 bis zur Generation der„jungen Alten“, häufig größere Haushalte mit Kindern • Hohe bis höchste Formalbildung(Abitur, Studium) • Qualifizierte und leitende Angestellte und BeamtInnen, FreiberuflerInnen, SchülerInnen und Studierende • Gehobenes Einkommensniveau, häufig größere Vermögen Kreative Milieus Die Modernen Performer(12% der Gesamtbevölkerung): • Die junge, unkonventionelle Leistungselite mit einem intensiven Leben – beruflich sowie privat. Charakteristisch sind eine Multioptionalität im Lebenslauf wie auch im Alltag sowie Flexibilität und Multimedia-Begeisterung. • Ein sehr junges Milieu, Altersschwerpunkt unter 30 Jahre • Hohes Bildungsniveau, noch viele SchülerInnen und Studierende • Unter den Berufstätigen hoher Anteil an (kleineren) Selbstständigen und FreiberuflerInnen(Start-ups), qualifizierten und leitenden Angestellten • Hohes Haushaltsnettoeinkommen(gutsituierte Elternhäuser), bei den Berufstätigen gehobenes eigenes Einkommen Die Experimentalisten(14% der Gesamtbevölkerung): • Die extrem individualistische neue Boheme. Prägende Momente dieses Milieus sind das Bedürfnis nach einer ungehinderten Spontaneität, ein Leben in Widersprüchen sowie ein Selbstverständnis als Lifestyle-Avantgarde. • Junges Milieu, Altersschwerpunkt unter 30 Jahre, viele Singles • Gehobene Bildungsabschlüsse, viele Auszubildende, SchülerInnen und Studierende • Mittlere Angestellte, kleinere Selbstständige und FreiberuflerInnen, ArbeiterInnen(Jobber) • Vergleichsweise hoher Anteil an Personen ohne eigenes Einkommen, Haushaltsnettoeinkommen über dem Durchschnitt(gutsituierte Elternhäuser) BerlinPositionen aus dem Forum Berlin 9 1.2 Berliner Bevölkerung mit Migrationshintergrund Im Folgenden finden Sie eine kurze Beschreibung der in Berlin vorhandenen und beschriebenen Milieus innerhalb der Stadtbevölkerung mit Migrationshintergründen. Traditionelle Milieus Die Religiös Verwurzelten(7% der Gesamtbevölkerung mit Migrationshintergrund): • Ein archaisches, bäuerlich geprägtes Milieu, das in den Traditionen der Herkunftskultur verhaftet ist. Wichtige Werte sind das Bewahren der kulturellen Identität(aus dem Herkunftsland), die Familienehre, religiöse Pflichten, strikte Moral und eiserne Selbstdisziplin. • Mittlere Altersgruppen und Ältere(ab 40 Jahren), ganz überwiegend verheiratet, hoher Anteil an 4- und mehr Personenhaushalten(Großfamilien) • Niedriges Formalbildungsniveau: Grundschule, Haupt- oder Pflichtschule, hoher Anteil ohne Schulabschluss und ohne abgeschlossene Berufsausbildung • Hoher Anteil an Nichtberufstätigen und Arbeitslosen • Meist kleine Einkommen, oft nur ein Einkommen pro Haushalt Die Traditionellen Arbeiter(16% der Gesamtbevölkerung mit Migrationshintergrund) • Das Blue-Collar-Milieu der ArbeitsmigrantInnen, für das Deutschland eine zweite Heimat geworden ist. Wichtig sind diesem Milieu ein befriedigender Lebensstandard, ein gesicherter Arbeitsplatz und eine Absicherung für das Alter. Prägende Werte sind traditionelle Familienwerte und der Gedanke der sozialen Gerechtigkeit. • Schwerpunkt bei oberen Altersgruppen, der Großteil ist 50 Jahre und älter, überwiegend verheiratet, überdurchschnittlich hoher Anteil Verwitweter, meist 2-Personen-Haushalte(ohne Kinder) • Niedrige Formalbildung in der Haupt- oder Pflichtschule, oft auch nur ein Grundschulabschluss • Hoher Anteil an RentnerInnen und Nichtberufstätigen, überdurchschnittlich viele MinijobberInnen und geringfügig Beschäftigte, un- und angelernte ArbeiterInnen und FacharbeiterInnen sind überrepräsentiert • Niedriges Einkommensniveau Bürgerliche Milieus Die Statusorientierten(12% der Gesamtbevölkerung mit Migrationshintergrund) • Ein ehrgeiziges, zielstrebiges Aufstiegsmilieu, das für sich und seine Kinder durch Leistung und Zielstrebigkeit etwas Besseres, d. h. materiellen Wohlstand und soziale Anerkennung, erreichen will. Ziele sind Geld, Statussymbole, soziale Anerkennung und Prestige. • Altersschwerpunkt zwischen 20 und 50 Jahren, überwiegend verheiratet mit Kindern, hauptsächlich 4- Mehr-Personen-Haushalten • Gehobenes Bildungsniveau, mittlere und höhere Abschlüsse(Studiumsqualifikation) deutlich überrepräsentiert, häufig qualifizierte Berufsausbildung(z. B. Meisterbrief) oder Studium, hoher Anteil Selbstständiger, qualifizierte und leitende Angestellte • Gehobene Einkommensklassen, viele DoppelverdienerInnen 10 BerlinPositionen aus dem Forum Berlin Die Adaptiv Bürgerlichen(16% der Gesamtbevölkerung mit Migrationshintergrund) • Die pragmatische moderne Mitte, die nach sozialer Integration und einem harmonischen Leben in gesicherten Verhältnissen strebt. Wichtig sind Familie und ein gemütliches Zuhause. Prägend sind Optimismus und Zufriedenheit sowie Ziele wie Freiheit und Selbstbestimmung. • Mittlere Altersgruppen, überwiegend verheiratet mit Kindern • Mittleres Bildungsniveau, Haupt- oder Realschule, bzw. vergleichbare ausländische Schulabschlüsse, überwiegend voll berufstätig, mittlere und qualifizierte Angestellte sowie FacharbeiterInnen überrepräsentiert • Mittlere Einkommensklassen Prekäre Milieus Die Entwurzelten(9% der Gesamtbevölkerung mit Migrationshintergrund) • Ein sozial und kulturell entwurzeltes Milieu, das Problemfreiheit und Heimat sowie Identität sucht. Charakteristisch sind ist das Streben nach Geld, Ansehen und Konsum. • Jüngere und mittlere Altersgruppen zwischen 20 und 50 Jahren, überdurchschnittlicher Anteil allein Lebender, dennoch häufig Kinder unter 14 Jahren im Haushalt • Niedriges Bildungsniveau, meist nur Haupt- oder Pflichtschule oder gar kein Schulabschluss, 35% ohne Berufsausbildung, hoher Anteil an Arbeitslosen, überdurchschnittlich viele Teilzeitkräfte, MinijobberInnen und geringfügig Beschäftigte, un- und angelernte ArbeiterInnen sowie einfache Angestellte überrepräsentiert • Niedriges Einkommensniveau, 60% schätzen ihre wirtschaftliche Situation als schlecht oder eher schlecht ein. Die Hedonistisch Subkulturellen(15% der Gesamtbevölkerung mit Migrationshintergrund) • Ein unangepasstes Jugendmilieu, das Spaß haben will und sich den Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft verweigert. Es ist geprägt von Sub- und Gegenkulturen, Gemeinschaft in Szenen und Gangs, einer vordringlichen Orientierung an Fun & Action sowie„Feiern“, Party und Konsumwerten(Auto, Kleidung, Multimediaprodukte). • Der Altersschwerpunkt liegt unter 30 Jahren, 53% sind ledig, 37% leben noch bei den Eltern • Niedriges Formalbildungsniveau, ganz überwiegend Haupt- bzw. Pflichtschule, Personen, die noch in der Ausbildung sind oder die Hauptoder Realschule besuchen. Bei den Berufstätigen sind einfache Angestellte sowie un- und angelernte ArbeiterInnen überrepräsentiert. • 30% haben(noch) kein eigenes Einkommen, die monatlichen Haushaltsnettoeinkommen sind leicht unterdurchschnittlich. Kreative Milieus Die Intellektuell Kosmopolitischen(11% der Gesamtbevölkerung mit Migrationshintergrund) • Ein aufgeklärtes, global denkendes Bildungsmilieu. Prägend sind eine weltoffene, multikulturelle Grundhaltung und vielfältige intellektuelle Interessen. • Jüngere und mittlere Altersgruppen zwischen 20 und 50 Jahren, allein Lebende und Alleinerziehende überrepräsentiert, meist 1- oder 2-Personen-Haushalte • Hohes Bildungsniveau überwiegend mit Hochschulreife, viele AkademikerInnen, Selbstständige und insbesondere FreiberuflerInnen überrepräsentiert, ansonsten mittlere, qualifizierte und leitende Angestellte • Gehobenes Einkommensniveau, 79% bezeichnen ihre wirtschaftliche Situation als sehr gut oder eher gut. BerlinPositionen aus dem Forum Berlin 11 Die Multikulturellen Performer(13% der Gesamtbevölkerung mit Migrationshintergrund) • Ein junges, leistungsorientiertes Milieu mit bikulturellem Selbstverständnis. Man identifiziert sich mit dem westlichen Lebensstil. Prägend ist ein Streben nach beruflichem Erfolg und intensivem Leben. • Jüngere Altersgruppen bis 30 Jahre, 60% sind ledig, 3% leben noch bei den Eltern. • Gehobenes Bildungsniveau mit mittleren Abschlüssen, Abschlüsse, mit denen man studieren kann, sind deutlich überrepräsentiert, häufig mittlere Angestellte und kleinere Selbstständige, auch FacharbeiterInnen • Mittlere Einkommensklassen, viele sind noch am Anfang ihrer Karriere. 12 BerlinPositionen aus dem Forum Berlin | 2. Standort Berlin, erste zentrale Befunde| 2.1 Die Berliner Milieulandschaft ist extrem modern und polarisiert Berlin ist eine Stadt der modernen Milieus. Dabei lassen sich zwei Schwerpunkte erkennen: erstens eine starke Fraktion von kreativen Milieus, bei Mehrheitsbevölkerung wie auch bei Migrantinnen und Migranten, und zweitens eine deutliche Stärke prekärer Milieus, insbesondere mit Blick auf die Bewohner und Bewohnerinnen mit Migrationshintergrund. Die Berliner Milieulandschaft ist damit gleichzeitig extrem modern und polarisiert. Traditionelle und bürgerliche Milieus sind zwar ebenfalls stark vertreten, sind aber im Verhältnis zu Gesamtdeutschland in Berlin unterrepräsentiert. Dies geht einher mit der Präferenz dieses lebensweltlichen Segments, sich in randstädtischen und ländlichen Lagen anzusiedeln. Mit Blick auf die zukünftige Entwicklung der Berliner Milieus wird sich der Trend zur Ausweitung der kreativen und prekären Milieusegmente in Zukunft noch verstärken. Die kreativen Milieus werden in 2020 nach derzeitigem Prognosestand 40% der Stadtbevölkerung stellen. Zum Vergleich: In Gesamtdeutschland stellen diese beiden Milieus derzeit 19%. Addiert man das intellektuelle Postmaterielle Milieu, werden die kreativen und die Wissensmilieus in zehn Jahren mehr als die Hälfte der Stadtbevölkerung stellen. Was bedingt die Berliner Milieuverschiebungen und den starken Zuwachs der modernen Milieus? Dem lässt sich nachgehen, indem man die Wanderungsbilanzen der Stadt nach Milieuschwerpunkten analysiert. Dabei wird deutlich, dass die Berliner Berlin Konservative 2% Etablierte 7% Moderne Postmaterielle Performer 12% 12% DDRBürgerliche Mitte Nostal12% giker Traditions5% Experimentalisten 14% verwurzelte 12% Konsummaterialisten Hedonisten 10% 14% Schwach vertreten Stark vertreten Quelle: microm 2010 Berlin Migrantenanteil: ca. 23% Religiös Verwurzelte 7% Statusorientierte 11% IntellektuellKosmopolitische 11% Multikulturelle Performer Adaptiv 11% Bürgerliche Traditionelle 13% Arbeiter 14% HedonistischEntwurzelte Subkulturelle 12% 21% Schwach vertreten Stark vertreten Quelle: microm 2010 BerlinPositionen aus dem Forum Berlin 13 Berlin 2010 Konservative 2% Etablierte 7% Moderne Postmaterielle Performer 12% 12% DDRBürgerliche Mitte Nostal12% giker Traditions5% Experimentalisten 14% verwurzelte 12% KonsumMaterialisten Hedonisten 10% 14% Schwach vertreten Stark vertreten Quelle: microm 2010 Berlin 2020 Konservative 2% Etablierte 6% Moderne Postmaterielle Performer 14% 18% DDRBürgerliche Mitte Nostal9% giker Traditions2% Experimentalisten 22% verwurzelte 5% Konsummaterialisten Hedonisten 11% 12% Rückgang Zuwachs Quelle: microm 2010 Milieugewinne zum großen Teil auf Zuzügen basieren. In erster Linie handelt es sich dabei um Neuzuwanderungen aus anderen Bundesländern, in moderaterem Ausmaß um Neuzuwanderung aus dem Ausland. Dabei wird deutlich, dass sich die Wanderungsgewinne moderner Milieus der Stadt in den Gebieten konzentrieren, die bereits heute von diesen Gruppen geprägt sind. In den Berliner Bezirken zeichnen sich parallel zu dieser Entwicklung eigene Milieuprofile und-entwicklungen ab, so entsteht ein verstärktes Lokalkolorit einzelner Bezirke. Dabei wird in den drei näher untersuchten Bezirken der Studie deutlich: In Reinickendorf und Treptow-Köpenick entwickeln sich zwei ursprünglich von der bürgerlichen Mitte geprägte Bezirke stark in die Richtung zunehmend polarisierter Bewohnerstrukturen, d. h., die prekären Milieus nehmen dort zu. In Tempelhof-Schöneberg dagegen verfestigt sich eine Konstellation von bürgerlichen Milieus. Reinickendorf war typisch für das Berlin der Mitte mit Schwerpunkten in den traditionellen und bürgerlichen Milieus(Konservative, Traditionsverwurzelte, Statusorientierte) über Statusmilieus(Etablierte) bis zu den statusschwächeren Milieus(traditionelle Arbeiter, Konsummaterialisten). In der Tendenz der letzten Jahre dünnt sich hier allerdings die Mitte, vor allem die Bürgerliche Mitte, aber auch andere Milieus vergleichbarer mittlerer sozialer Lage wie die DDR-Nostalgiker und die Experimentalisten, aus, während die gehobenen und schwächeren Milieus zunehmen, was zu einer wachsenden Polarisierung im Bezirk führt. 14 BerlinPositionen aus dem Forum Berlin Migrantenanteil Berlin: ca. 23% Bezugsgöße: Privathaushalte, Berlin Legende Indexwerte < 50 50- 70 70- 90 90- 110 110- 130 130- 150 < 150 In Treptow-Köpenick dominieren immer noch Milieus der Mitte(Bürgerliche Mitte, Etablierte), aber ein zusätzlicher Clusterschwerpunkt sind die Milieus der modernen Unterschicht(Konsummaterialisten und Hedonisten) geworden. Dieses prekäre Segment dominiert auch die Bewohnerschaft mit Migrationshintergrund und nimmt mit Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre auffällig zu. Das bedeutet im Ergebnis auch dort eine zunehmende Polarisierung der Bewohnerschaft. In Tempelhof-Schöneberg findet sich das erfolgreiche Berlin mit Schwerpunkten im bürgerlichen Milieu sowie in den kreativen Milieus. Diese Struktur hat sich in den vergangenen Jahren stabil verfestigt. Diese prägenden Milieustrukturen werden in der weiteren Entwicklung verstärkt, insbesondere in Bezug auf die ansteigende Dominanz der Postmateriellen und der Modernen Performer. 2.2 Migrantinnen und Migranten sind das Wachstumspotenzial der Stadt Die leicht positive Entwicklung der Berliner Einwohnerzahlen basiert im Wesentlichen auf den Migrantinnen und Migranten. Im Vergleich von deutschen und nichtdeutschen BewohnerInnen zeigt sich in den letzten zehn Jahren eine relativ konstante Zahl von Bewohnerinnen und Bewohnern mit deutschem Pass, während die Zahl der ausländischen Bewohnerinnen und Bewohner stetig zunimmt. Betrachtet man die Berliner Einwohnerinnen und Einwohner mit Migrationshintergrund, so lässt sich ein Anteil von ca. 23% an der gesamten Stadtbevölkerung verzeichnen. Die Berliner Migrantinnen und Migranten finden sich vor allem in den westlichen Stadtteilen, sind aber auch im Osten der Stadt durchaus vertreten. Dabei bleibt festzuhalten, dass 22% der Migrantinnen und Migranten zu den ambitionierten und kreativen Milieus zählen. Diese„Migrationselite“ BerlinPositionen aus dem Forum Berlin 15 Ambitionierte Migrantenmilieus 22% Bezugsgöße: Privathaushalte, Berlin Legende Indexwerte < 50 50- 70 70- 90 90- 110 110- 130 130- 150 < 150 bringt sich zum Beispiel deutlich konstruktiv in den Diskurs über Integration ein und bietet sich mit ihrer Expertise als Kooperationspartner für Integrationsprojekte an. Diese ambitionierten Migrantinnen und Migranten finden sich mehrheitlich in Charlottenburg, Pankow und Mitte, aber auch in Reinickendorf und Treptow-Köpenick stellen sie beträchtliche Anteile der dortigen Bewohnerinnen und Bewohner mit Migrationshintergrund. Die Potenziale des ambitionierten Migrantenmilieus müssen unbedingt in den Austausch mit anderen Migrantenmilieus eingebracht werden. Sie sind ein Ansatzpunkt für eine Integrationspolitik, die Migrantinnen und Migranten als Akteure und Koproduzenten in die politische Gestaltung mit einbezieht. Trotz allem bleibt zu konstatieren, dass 53% und damit bezogen auf ganz Deutschland überdurchschnittlich viele der Migrantinnen und Migranten Berlins in Milieus mit geringen Ressourcen und mit Integrationsproblemen verortet sind. 2.3 Die soziale Kohäsion braucht neue Arrangements Die Sozialstrukturen der Stadt, das Mit- und Gegeneinander von arm und reich, traditionell und modern und der Austausch zwischen Einheimischen und Zugezogenen bergen neue Konfliktlinien für den gesellschaftlichen Umgang. Dabei steht jeder Berliner Kiez vor der Aufgabe, das Miteinander der Milieus produktiv zu gestalten. Bei der Frage nach Nachbarschaftspräferenzen wird deutlich, dass die einzelnen Milieus ganz unterschiedliche Toleranzen in Bezug auf Migrantinnen und Migranten und sozial schwächere Menschen zeigen: • In den Status- und Kreativmilieus ist diese Frage von geringerer Bedeutung, weil sie in ihren Nachbarschaften seltener auf solche Personen treffen. 16 BerlinPositionen aus dem Forum Berlin vhw-Milieus und MigrantInnen in der Nachbarschaft Nachbarschaft Ø 27% 15% 25% 35% 45% ETB PMA PER KON TRA DDR BÜM MAT EXP HED Kontakt Ø 18% 10% 20% 30% ETB PMA PER KON TRA DDR BÜM MAT EXP HED Weniger Kontakt gewünscht Ø 12% 0% 10% 20% ETB PMA PER KON TRA DDR BÜM MAT EXP HED Quelle: vhw Trendstudie 2010, Basis: 2.016 Fälle(Index 100= Durchschnitt gesamt) Fragen: Nachbarschaft„in meiner Nachbarschaft wohnen Migranten“; Kontakt„Mit solchen Personen in meiner Nachbarschaft habe ich Kontakt./ Z 12,13: häufig/ sehr häufig“; Weniger Kontakt gewünscht„Mit solchen Personen in meiner Nachbarschaft hätte ich gerne weniger Kontakt“ • Lediglich die Postmateriellen betonen nachdrücklich ihre tolerante Grundhaltung in Bezug auf Nachbarschaften. • Die Hedonisten hingegen haben diese Gruppe in ihren Nachbarschaften, möchten aber mit ihnen eher weniger zu tun haben. Wo also liegen die integrativen Milieupotenziale für Nachbarschaften? Die Potenziale liegen bei den kreativen Milieus, die es demzufolge für eine integrative Stadtentwicklungs- und Quartiersentwicklungspolitik zu gewinnen gilt. Sie sind der„neue soziale Kitt“ für eine solidarische Stadtgesellschaft. Das betrifft in erster Linie die Gruppe der Experimentalisten, ein Milieu, das sich häufig in äußerst heterogenen Nachbarschaften findet und das bei Gruppen wie Migrantinnen und Migranten und sozial Schwächeren Toleranz zeigt, auch im gelebten Kontakt. Tatsächlich finden sich in diesem Milieu auch im näheren Freundeskreis Kontakte zu Menschen mit Migrationshintergrund. Problematisch ist in diesem Milieu allerdings, dass es für Experimen talisten weniger wichtig ist, gute Kontakte zu Nachbarn zu pflegen, bzw. sie sich mit ihrer Nachbarschaft nur wenig identifizieren und sich überdurchschnittlich oft dort nicht so wohl fühlen wie andere Milieus. Sie sind daher zwar ein Ideenpool für die Gestaltung der Stadtgesellschaft, aber keine selbstverständliche Ressource für die Entwicklung von Nachbarschaften. Für konkrete Projekte müssten die Experimentalisten speziell aktiviert werden. Eine ähnlich offene Haltung zu Personen mit Migrationshintergrund findet sich auch bei den Modernen Performern. Bei sozial Schwächeren zeigen sie sich dagegen nicht so kontaktfreudig wie die Experimentalisten, zudem finden sich die Modernen Performer seltener in heterogenen Quartieren. BerlinPositionen aus dem Forum Berlin 17 vhw-Milieus und sozial schwächere Menschen in der Nachbarschaft Nachbarschaft Ø 29% 10% 30% 50% ETB PMA PER KON TRA DDR BÜM MAT EXP HED Kontakt Ø 20% 10% 20% 30% ETB PMA PER KON TRA DDR BÜM MAT EXP HED Weniger Kontakt gewünscht Ø 8% 0% 5% 10% 15% ETB PMA PER KON TRA DDR BÜM MAT EXP HED Quelle: vhw Trendstudie 2010, Basis: 2.016 Fälle Indexwerte(Index 100= Durchschnitt gesamt) Fragen: Nachbarschaft„in meiner Nachbarschaft wohnen sozial schwächere Menschen“; Kontakt„Mit solchen Personen in meiner Nachbarschaft habe ich Kontakt/ Z 12,13: häufig/ sehr häufig“; Weniger Kontakt gewünscht„Mit solchen Personen in meiner Nachbarschaft hätte ich gerne wen. Kontakt“ Auch wenn bei den kreativen Milieus die integrative Kraft zur Entwicklung von Quartieren liegt, wird es äußerst schwierig, diese zu aktivieren. Da das oben benannte niedrige Identifikationspotenzial der Experimentalisten mit ihrer Nachbarschaft sich auch in den Einstellungen prekärer Milieus findet, sollte man annehmen, dass das Zusammenführen von Mitte und Unten mit den modernen Milieus aufgrund ihrer prinzipiellen Einstellungen gut möglich sein müsste. Allerdings wird die Umsetzung im Quartier zunächst durch Distanzen zur eigenen Nachbarschaft behindert. Die Notwendigkeit neuer Arrangements unter den sozialen Milieus beim Thema soziale Kohäsion wird umso deutlicher, wenn man einen weiteren Blick auf die zentrifugalen stadtgesellschaftlichen Kräfte wirft. Die Sorge um die persönliche Zukunft und die Angst vor Arbeitslosigkeit spalten die Stadtgesellschaft vertikal. In traditionellen und gehobenen Milieus ist diese Angst nur moderat ausgeprägt, wohingegen in den Milieus der Mitte die Angst vor dem gesellschaftlichen Druck und dem Verlust von Status umso ausgeprägter ist. Das setzt die betroffenen Milieus, aber auch die Stadtgesellschaft als Ganzes unter Druck. Umso mehr wird es notwendig sein, die integrativen Potenziale in der gesellschaftlichen Mitte zu beleben. 2.4 Die Engagementlandschaften der Stadt brauchen neue Kooperationen Aktuell gewinnen bürgerschaftliches Engagement und die Mitbestimmung der Bürgerinnen und Bürger stark an Bedeutung. Das Potenzial zu Mitbestimmung und Engagement ist in allen Milieus vorhanden. Aber für eine konstruktive Partizipation der Bürgerinnen und Bürger an der Stadtentwicklung braucht es einen neuen Rahmen und neue Wege, um die oben genannten Potenziale zu heben. Vor dem Hintergrund der Berliner Milieulandschaft bedeutet das, dass vor allem die kreativen modernen 18 BerlinPositionen aus dem Forum Berlin Sorgen um persönliche Zukunft Ø 68% Konservative 53% Etablierte 63% Moderne Postmaterielle Performer 61% 72% DDRBürgerliche Mitte Nostal80% giker Traditions84% Experimentalisten 86% verwurzelte 53% Konsummaterialisten Hedonisten 64% 74% Schwach vertreten Stark vertreten Quelle: vhw Trendstudie 2010, Basis: 2.016 Fälle Frage: Machen Sie sich Sorgen um Ihre persönliche Zukunft? Antwort(en): ja, manchmal; ja, oft Erhebungszeitraum: April – Juni 2010 Angst vor Arbeitslosigkeit Ø 47% Konservative 19% Etablierte 42% Moderne Postmaterielle Performer 41% 63% DDRBürgerliche Mitte Nostal58% giker Traditions45% Experimentalisten 72% verwurzelte 14% Konsummaterialisten Hedonisten 60% 56% Schwach vertretern Stark vertreten Quelle: vhw Trendstudie 2010, Basis: 2.016 Fälle Frage: Machen Sie sich Sorgen, in den nächsten Jahren arbeitslos zu sein und keine gute Arbeit mehr zu finden? Antwort(en): ja, manchmal; ja, oft Erhebungszeitraum: April – Juni 2010 Milieus zur Mitarbeit angeregt und angesprochen werden müssen. Können die Experimentalisten und die Modernen Performer eine Art neuer Genossenschaftler für die Hauptstadt werden? Prinzipiell ja, vor allem mit Blick auf ihr Potenzial neue Impulse zu setzen, Anstoß zu erregen und eigene Ideen und Impulse einzubringen. Zur Entwicklung von Berliner Engagementlandschaften sind neue Kooperationen zwischen den Milieus, aber auch neue Kooperationen zwischen Bürgerschaft, Stadt und Verwaltung nötig. Um diese Gruppen für Engagement und Partizipation zu gewinnen, müssen sich Politik und Verwaltung auf diese Gruppen zubewegen. Es gilt, Formen der Zusammenarbeit zu finden, die helfen, über eine Protestkultur hinaus(ko)produktive Projekte für Berlin zu entwickeln und umzusetzen. 2.5 Bildung braucht neue Netzwerke Bildung bleibt und ist die Ressource der Zukunft. Das gilt für Berlin als Dienstleistungs- und Wissensmetropole, aber auch als Wirtschaftsstandort in besonderem Maße. Die zentrale Herausforderung ist es, allen Stadtbewohnerinnen und-bewohnern die Teilhabe an guter Bildung zu ermöglichen. Aus der Perspektive der Milieus ist zunächst positiv festzuhalten, dass Bildung in allen lebensweltlichen Gruppen eine hohe Bedeutung beigemessen wird. Über alle Milieus hinweg meinen 92%, dass mehr Geld in Bildung investiert werden sollte. Auch bei den Themen Ganztagsschulen(79%) und Betreuung am Nachmittag(89%) sind die Zustimmungen beträchtlich. Dennoch erschließt sich der Zugang zur Ressource Bildung nicht allen Milieus mit der gleichen Leichtig- BerlinPositionen aus dem Forum Berlin 19 Bereitschaft, Anstoß zu erregen Ø 58% Konservative 41% Etablierte 69% Moderne Postmaterielle Performer 54% 76% DDRBürgerliche Mitte Nostal57% giker Traditions37% Experimentalisten 69% verwurzelte 37% Konsummaterialisten Hedonisten 64% 63% Schwach vertreten Stark vertreten Quelle: vhw Trendstudie 2010, Basis: 2.016 Fälle Aussage: Man muss auch mal bereit sein, Anstoß zu erregen. Antwort(en): stimme eher zu; stimme voll und ganz zu Erhebungszeitraum: April – Juni 2010 Angst vor Arbeitslosigkeit Ø 47% Konservative 47% Etablierte 84% Moderne Postmaterielle Performer 75% 88% DDRBürgerliche Mitte Nostal62% giker Traditions37% Experimentalisten 75% verwurzelte 27% Konsummaterialisten Hedonisten 57% 67% Schwach vertreten Stark vertreten Quelle: vhw Trendstudie 2010, Basis: 2.016 Fälle Aussage: Mir ist es wichtig, neue Ideen einzubringen und Impulse geben zu können. Antwort(en): stimme eher zu; stimme voll und ganz zu Erhebungszeitraum: April – Juni 2010 Sich beruflich fortbilden Konservative 96% Etablierte 99% Moderne Postmaterielle Performer 99% 97% DDRBürgerliche Mitte Nostal94% giker Traditions92% Experimentalisten 95% verwurzelte 96% Konsummaterialisten Hedonisten 70% 88% Schwach vertreten Stark vertreten Lebenslanges Lernen und Fortbilden sind heute unerlässlich, wenn man im Berufsleben dauerhaft mitmachen will. Top 2 Boxen(Zustimmung), Durchschnitt: 93% In Büchern/ Fachartikeln nachlesen Konservative 40% Etablierte 52% Moderne Postmaterielle Performer 58% 51% DDRBürgerliche Mitte Nostal34% giker Traditions30% Experimentalisten 47% verwurzelte 24% Konsummaterialisten Hedonisten 23% 30% Schwach vertreten Stark vertreten Was machen Sie in diesem Jahr? Mich mit Büchern und Fachartikeln zu einem Thema, das mich interessiert, intensiv beschäftigen. Top 2 Boxen(Potenzial), Durchschnitt: 39% 20 BerlinPositionen aus dem Forum Berlin Ressourcen vererben Konservative 31% Etablierte 30% Moderne Postmaterielle Performer 58% 39% DDRBürgerliche Mitte Nostal34% giker Experimentalisten Traditions21% 46% verwurzelte 32% Konsummaterialisten Hedonisten 18% 31% Schwach vertreten Stark vertreten Was ist das Wichtigste, um es Kindern/nachfolgenden Generationen zu überlassen? Antwort: natürliche Ressourcen(Alternativen: Bildung, Vermögen, Gesundheit, wenig Staatsschulden, Sozialsystem, Rechtsstaat) Zustimmung Durchschnitt: 35% Bildung vererben Konservative 5% Etablierte 19% Moderne Postmaterielle Performer 10% 21% DDRBürgerliche Mitte Nostal14% giker Traditions10% Experimentalisten 8% verwurzelte 9% Konsummaterialisten Hedonisten 15% 17% Schwach vertreten Stark vertreten Was ist das Wichtigste, um es Kindern/nachfolgenden Generationen zu überlassen? Antwort: Bildung(Alternativen: Bildung, Vermögen, Gesundheit, wenig Staatsschulden, Sozialsystem, Rechtsstaat) Zustimmung Durchschnitt: 13%(Top: Ressourcen, 35%) keit. Zum Beispiel stimmen die Hedonisten bei allen oben genannten Beispielen durchgehend in geringerem Maße zu. Bildung wird in diesem Milieu strukturell eine geringere Bedeutung beigemessen, was bereits unterbewusst Probleme mit Bildungserwerb anlegt. Eine große Herausforderung liegt darin, Brücken zu bauen zwischen den Milieus, die sich im Bildungssektor relativ sicher bewegen können, und jenen Milieus, bei denen bislang sogar eine regelrechte lebensweltliche Distanz zur Bildung zu erkennen ist. Die selbstverständliche Auseinandersetzung mit Wissen im Alltag teilt die Milieus in„Wissende“ und „Unwissende“. Das wird nicht nur in Bezug auf die Hedonisten, sondern in Bezug auf alle statusschwachen Milieus deutlich. Das verbindende Milieu sind hier erneut die Experimentalisten, die es für Koproduktionen und Vernetzungsideen im Bildungsbereich zu gewinnen gilt. Ein Hinweis darauf, dass im Handlungsfeld Bildung ein Projekt über die Milieugrenzen hinaus möglich ist, um statusschwächeren Milieus den Anschluss zu erleichtern, sind die latent vorhandenen Bildungsaspirationen von Hedonisten und Konsummaterialisten. Bei der Frage danach, was man seinen Kindern vererben möchte, äußern sie überraschend häufig die Antwort„Bildung“. Das Ziel ist damit im Visier, aber der Weg dahin muss gemeinsam mit anderen beschritten werden. 2.6 Teure und günstige Quartiere driften zusehends auseinander Obwohl Berlin im bundesweiten Vergleich immer noch relativ günstigen Wohnraum anbieten kann, ist ein deutlicher und auch kontinuierlicher Anstieg der Angebots- und Bestandsmieten zu verzeichnen. Parallel dazu schreitet die Polarisierung der Mietniveaus zwischen den einzelnen Berliner Bezirken voran. In diesem Wettbewerb der Quartiere setzen sich vor allem die Mieten in CharlottenburgWilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Steglitz-Zehlendorf nach oben ab. Auf der anderen Seite finden sich rückläufige Mietniveaus in Lichten- BerlinPositionen aus dem Forum Berlin 21 berg, Marzahn, Reinickendorf und Tempelhof-Schöneberg. Diese abweichenden Mietpreisentwicklungen in den Bezirken, insbesondere der Anstiegspfad, sind(Früh-)Indikatoren für bevorstehende soziale Entmischungsprozesse. Beteiligt an dieser Entwicklung sind auch die großen Wohnungsunternehmen, und zwar sowohl die kommunalen Wohnungsunternehmen(KWUs) als auch die Unternehmen der Finanzinvestoren. Während bei Letzteren die Bestandsmieten von Anfang 2007 bis Anfang 2010 um 10%(GSW) bis 16% (Annington) gestiegen sind, bewegt sich der entsprechende Zuwachs bei den KWUs zwischen 3,2% (Degewo-Konzern) und 9,6%(Gesobau). Besonders der steile Anstieg der Sozialmieten wirkt sich nicht nur im Kontext der großen Unternehmen negativ auf die soziale Situation und Entmischung aus, da aufgrund der Einkommenslage der betroffenen Mieter besonders starke zusätzliche Belastungswirkungen entstehen. Die Wanderungsbewegungen innerhalb der Stadt dokumentieren ebenfalls diese sozialen Entmischungsprozesse. Verlierer dieser Entwicklung sind tendenziell die kaufkraftschwachen Gebiete, die durch Binnenwanderung verlieren. Positive Wanderungsbilanzen können die kaufkraftschwachen Gebiete dagegen durch Auslandszuwanderungen und Zuwanderungen aus den neuen Bundesländern verzeichnen. Die kaufkraftstarken Gebiete, die sich meist auch durch entsprechend höherwertige Wohnangebote, einschließlich Eigentumssegmenten, auszeichnen, sind die Gewinner der Binnenwanderungsbewegungen. Aber auch durch Auslandswanderungen können diese Quartiere – wenn auch in geringerem Maße – Zuwächse verzeichnen. Diese Entwicklung lässt sich auch auf der Basis der Milieuzusammensetzung der entsprechenden Gebiete beobachten, die eng mit dieser abweichenden Binnen-/Außenstruktur der Wanderungen korrespondiert. 22 BerlinPositionen aus dem Forum Berlin | Aus blick| Die bisherigen Untersuchungsergebnisse machen deutlich, wie wichtig es ist, entlang der vorliegenden Milieubeschreibungen- und-entwicklungen bürgerorientierte Dialog-, Beteiligungs- und GovernanceVerfahren in wichtigen Zukunftsfeldern zu ermöglichen und zu unterstützen. Schwerpunktthemen für eine gelingende Hauptstadtpolitik sollten die stadtentwicklungspolitischen Handlungsfelder lokale Demokratie, soziale Kohäsion, Integration und Bildung im Kontext integrierter Stadtentwicklung sein. Wir möchten die beschriebenen Entwicklungen und Tendenzen der Milieus nutzen, um auf ihrer Basis in unterschiedlichen Formaten über die lokalen Herausforderungen in diesen Handlungsfeldern zu diskutieren. Wie sind die stadtgesellschaftlichen Milieustrukturen beschaffen? Welche Einstellungen und Handlungsansätze lassen sich aus der Perspektive der einzelnen Milieus im Kontext der genannten Handlungsfelder skizzieren? Wie muss kommuniziert werden, um die Milieus in die politischen Prozesse einzubinden? Wir freuen uns, wenn Sie diese Publikation als Anstoß sehen, Diskurse zu führen und konkrete Projekte zu entwickeln. BerlinPositionen aus dem Forum Berlin 23 BerlinPositionen aus dem Forum Berlin| 01