L S a c n h de w sbü e r r o i M n e , ck S le e n p bu t r e gm Vo b rp e om r m 2 e 0 rn 15| Heft Nr. 5 Schwerin, September 2015| Heft Nr. 5 Weiter denken… 1 W e i t e r d e n k e n … Diskussionsimpulse des Landesbüros Mecklenburg-Vorpommern der Friedrich-Ebert-Stiftung Integration vor Ort – Willkommenskultur in Mecklenburg-Vorpommern mit Leben füllen Kriege, gewalttätige Konflikte, politische und religiöse Verfolgung und soziale Not – es gibt viele Gründe, aus denen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben wurden oder geflüchtet sind. Weltweit sind fast 60 Millionen Menschen betroffen. Hunderttausende machen sich auf den Weg nach Europa – auf der Suche nach Schutz, Freiheit und einer neuen Lebensperspektive. Die Europäer und damit auch die Deutschen schwanken zwischen Ablehnung und Verständnis für Flüchtlinge und Migranten. Dementsprechend reagiert die Politik. Sie ist einerseits geprägt von Abgrenzung und anderseits vom Bemühen, die Neuankömmlinge besser zu integrieren. Niemand kann das gesellschaftliche Klima in Deutschland Anfang der 1990er Jahre vergessen, als Politik und Gesellschaft eine Pogromstimmung gegenüber Flüchtlingen und Migranten zuließen. Obwohl immer noch massive und beschämende Übergriffe auf Schutzsuchende stattfinden, ist die Grundstimmung inzwischen eine grundlegend andere. In der deutschen Bevölkerung wächst laut einer repräsentativen TMS Emnid-Umfrage von Januar 2015 das Bewusstsein dafür, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und damit auch die Offenheit gegenüber Einwanderern. Dennoch bleiben die Menschen gegenüber der Zuwanderung hin- und hergerissen. Welche Vorteile Zuwanderung haben kann, ist angesichts der Unübersichtlichkeit, welche Migranten nur kurzzeitig Schutz suchen und welche mit einer langfristigen Integration rechnen können, für Politik und Gesellschaft nicht immer leicht auszumachen. Die wirklichen und die vermeintlichen Schwierigkeiten hingegen liegen oft schnell auf der Hand – ob Schulprobleme, Arbeitsgenehmigungen, Versorgung mit Wohnraum, Belastungen des Sozialstaates oder das Konfliktpotenzial mit Einheimischen. Dabei ist es für Mecklenburg-Vorpommern eine besondere Herausforderung, dass laut Umfragen die Skepsis gegenüber Einwanderern wie auch in den anderen neuen Bundesländern größer ist als in den alten Bundes‑ ländern. Es ist keine Frage, dass Politik und Verwaltung die Grundsteine legen müssen, wenn Integration gelingen soll. Sie müssen sich um die Rahmenbedingungen für zügige Asylverfahren, Sprachkurse, Wohnraum, die Anerkennung beruflicher Qualifikationen und vieles mehr bemühen. Doch eine grundsätzliche Voraussetzung für eine gelingende Integration sind die Stimmung in und die Bemühungen der Aufnahmegesellschaft. Eine positive Einstellung gegenüber Neuankömmlingen in den Kommunen, in denen Flüchtlinge und Migranten integriert werden sollen, kann nicht von der Bundes- oder der Landesregierung verordnet werden. Was gemeinhin als„Willkommenskultur“ oder auch Teilhabeund Anerkennungskultur bezeichnet wird, ist zunächst eine – mitunter auch kritisierte – Worthülse. Sie muss vor allem von den Menschen„vor Ort“ mit Leben erfüllt werden. Wie das geschehen kann, war Thema der Tagung „Ankommen! Wie Integration vor Ort gelingen kann“, die die Friedrich-Ebert-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern im Juni 2015 in Kooperation mit dem Sozialministerium Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin ausrichtete. Die Tagung ist die Grundlage für die vorliegende Publikation. Ziel war es, mit zivilgesellschaftlichen Akteuren, Beteiligten und Betroffenen aus verschiedenen Bereichen und der Politik darüber nachzudenken, wie Integration vor Ort gestärkt werden kann, Forderungen für bessere Rahmenbedingungen zu formulieren und gelungene Beispiele zu präsentieren. Zu diesem Zweck wurden unter anderem zwei Kurzfilme produziert, die der Publikation beiliegen und als anschauliche Beispiele weite Verbreitung verdienen. Für die Beteiligung an der Tagung und vor allem bei der Produktion der Filme bedanken wir uns bei der AOK Nordost und dem Landesfußballverband Mecklenburg-Vorpommern. Sie werden sehen, Integration vor Ort ist möglich und lohnenswert. Frederic Werner Leiter des Landesbüros Mecklenburg-Vorpommern der Friedrich-Ebert-Stiftung 2 Weiter denken… Schwerin, September 2015| Heft Nr. 5 Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Die Veranstalter bei der Begrüßung zur Tagung(v.l.n.r): Frederic Werner, Leiter der FES MV, Detlev Müller, Vizepräsident LFV MV, Sozialministerin Birgit Hesse, Frank Ahrend, GF Landesdirektion MV der AOK Nordost und der Moderator David Pilgrim Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Schwerin, September 2015| Heft Nr. 5 Weiter denken… 3 Einführung Professionelle Sozialarbeiter, ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuer und interessierte Lehrer. Arbeitsvermittler, Fußballtrainer und Kita-Erzieherinnen. Mitarbeiter aus den Kommunen und Fachleute aus dem Schweriner Ministerium. Ein breites Spektrum an„Praktikern“ war unter den 140 Teilnehmenden vertreten, die sich am 10. Juni 2015 im Haus der Kommunalen Selbstverwaltung in Schwerin zur Tagung„Ankommen! Wie Integration vor Ort gelingen kann“ trafen. Bei der Ausrichtung der Veranstaltung wurde die Friedrich-Ebert-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern von der AOK Nordost und dem Landesfußballverband tatkräftig unterstützt. Und damit nicht nur über sie, sondern auch mit ihnen geredet werden konnte, zählten auch einige Flüchtlinge zu den Teilnehmenden, die sich im Plenum und in die Arbeit der Workshops engagiert einbrachten. Fast drei Stunden lang wurden in den sechs Workshops Ideen und Vorschläge intensiv diskutiert, gesammelt – oder auch verworfen. Immer ging es um die Frage, wie Flüchtlinge in MecklenburgVorpommern besser und schneller integriert werden können. Dabei wurden einerseits praktische Tipps ausgetauscht und andererseits politische Forderungen formuliert. In den verschiedenen Arbeitskreisen ging es darum, welche Rolle Sprachkompetenzen, Arbeitsvermittlung, ehrenamtliche Unterstützung, die Kitas und die Schulen, die Gesundheitsfürsorge, die Rechte der Flüchtlingsfrauen und der Sport für die Eingliederung in Deutschland spielen. Aber es lag wohl in der Natur der Sache, dass in jedem Arbeitskreis grundsätzliche und übergreifende Fragen besprochen wurden. Allen Workshops gemeinsam war es, dass sie die Sprachkenntnisse der Flüchtlinge und ihrer Betreuer in Deutschland als zentrales Aufgabenfeld der Integrationspolitik herausstellten. Am Ende wurden die Arbeitsergebnisse der Workshops im Plenum zusammengetragen – wofür die Zeit leider viel zu kurz war. Nicht zuletzt deshalb fasst diese Broschüre die Ergebnisse der Tagung und damit die Erkenntnisse der Teilnehmenden zusammen. Aber wie auf jeder Tagung zählt es auch zu ihrem Erfolg, dass in den Kaffee- und Mittagspausen Netzwerke geknüpft und Ratschläge ausgetauscht wurden. Willkommenskultur Was heißt es eigentlich jemanden willkommen zu heißen? „Jemanden zum Empfang freundlich begrüßen“, erklärt der Duden. Als Synonyme bietet er„aufnehmen“,„einlassen“ und„empfangen“ an. Ein Internet-Synonym-Wörterbuch erweitert diese Liste noch um„befürworten“ und „beherbergen“. Wenn es darum geht, Flüchtlinge willkommen zu heißen, ist also sehr viel mehr gemeint, als ihnen nur locker die Hand zu schütteln und dann seines Weges zu gehen. Wem so begegnet wird, wird sich sicherlich nicht willkommen fühlen. Es gehört einiges mehr dazu, damit daraus eine„Willkommens-Kultur“ wird. Manches können Akteure vor Ort leisten. In anderen Bereichen sind Landes- und Bundespolitiker gefragt, Gesetze zu ändern oder Geld zur Verfügung zu stellen, um die Integration von Flüchtlingen besser fördern zu können. 4 Weiter denken… Schwerin, September 2015| Heft Nr. 5 Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Interview mit Sozialministerin Birgit Hesse Zu den Teilnehmenden der Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung „Ankommen! – Wie Integration vor Ort gelingen kann“ am 10. Juni 2015 in Schwerin gehörte auch Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Birgit Hesse. Frau Ministerin, was heißt„Willkommenskultur“ für Sie? Willkommenskultur bedeutet für mich, dass wir uns offen zeigen. Das bedeutet zum einen, sich immer wieder klar zu machen, was Menschen durchgemacht haben müssen, um ihr Leben und ihre Heimat aufzugeben – ohne zu wissen, was auf sie wartet. Daraus ergibt sich für mich automatisch der Impuls, auf Flüchtlinge zuzugehen, Ihnen Hand und Hilfe zu reichen, ob es nun um unsere Sprache, Behördengänge, Arbeitssuche oder einfach die Teilnahme am Leben vor Ort geht. Wir müssen Flüchtlinge nicht nur auf-, sondern auch annehmen. Warum sollten sich die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern für Flüchtlinge und Migranten einsetzen? Weil unser Umgang mit ihnen auch darüber entscheidet, was für eine Gesellschaft wir sind und in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Offenheit ist die Voraussetzung für Vielfalt, und die steht unserem Land gut zu Gesicht. Menschen kommen aus Regionen zu uns, die von Krieg, Katastrophen und Terror erschüttert sind, und in denen es wohl auf absehbare Zeit keine Stabilität, Sicherheit und Freiheit für alle mehr geben wird. Flüchtlinge gehören zu unserer Realität, und Mecklenburg-Vorpommern steht dabei nicht außen vor. Deshalb ist es notwendig, sich über das künftige Miteinander im Land Gedanken zu machen und entsprechende Strategien zu entwickeln. Welcher Aspekt ist Ihrer Meinung nach der wichtigste, damit die Integration von Flüchtlingen und Migranten gelingen kann? Der Schlüssel zu gelingender Integration ist die Sprache. Wir brauchen möglichst früh ansetzende Deutschkurse, und müssen für die Kinder von Flüchtlingen so schnell wie möglich eine geeignete Kita beziehungsweise Schule finden. Integration muss vor Ort gelebt werden: in der Nachbarschaft, im Verein, im Betrieb. Flüchtlinge brauchen Teilhabe. Das gilt auch für den Arbeitsmarkt. Wer einen Job hat, findet schneller seinen Platz in der Gesellschaft. Umgekehrt kann MV von den vielen gut Ausgebildeten, die derzeit zu uns kommen, nur profitieren. Mancher glaubt, Gesetze müssten geändert werden, um die Integration von Flüchtlingen zu erleichtern. Können die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern den Flüchtlingen das Leben auch leichter machen, bevor Gesetze geändert werden? Allein ein Lächeln kann schon der Türöffner zu einem anderen Menschen sein. Wir sollten Flüchtlingen und Migranten das Gefühl vermitteln, willkommen zu sein. Entscheidend sind immer die handelnden Menschen. Es gibt schon viele, die anpacken, viele, die helfen, und das ehrenamtlich. Und ohne diese Vielen würde es nicht gehen. Jeder von uns sollte sich vergegenwärtigen, was es bedeuten würde, wirklich alles zurücklassen zu müssen, und was man durchgemacht haben muss, um diesen Schritt zu gehen. Überfordern wir mit der Aufnahme so vieler Flüchtlinge und Migranten nicht die einheimische Bevölkerung? Das ist ein wichtiger Punkt. Wir überfordern die Menschen, wenn wir sie nicht mitnehmen, sie überrumpeln und nicht einbinden. Für Akzeptanz muss man werben – und dass möglichst im Vorfeld. Wenn also klar ist, dass Flüchtlinge in die Nachbarschaft ziehen, muss ich als Bürgermeister oder Landrat auf die Leute zugehen, sie informieren, aufklären und sie im besten Fall auch gleich für die Integration einspannen. Und: Es ist natürlich eine Frage der Verhältnismäßigkeit, denn Solidarität ist ein erschöpfliches Gut: Wenn neben drei Einfamilienhäusern plötzlich ein ganzer Wohnblock mit Migranten gefüllt wird, sind Schwierigkeiten vorprogrammiert. Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier besteht darauf, Asylbewerber, deren Chancen auf Anerkennung eher gering sind, schneller als bisher abzuschieben. Unterstützen Sie ihn dabei? Es ist klar, dass nicht alle bleiben können. Es gibt leider keine Formel, nach der wir exakt und immer richtig entscheiden könnten. Eine Abschiebung wird aber nicht weniger schmerzhaft, wenn die Entscheidung darüber hinausgezögert wird. Es muss Regeln geben, und die müssen auch durchgesetzt werden. Wichtig ist mir, dass eine solche Entscheidung immer und in jedem Fall sorgfältig geprüft wird. Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Schwerin, September 2015| Heft Nr. 5 Weiter denken… 5 „Möglichst gute Bedingungen“ – Ziele und Zahlen der Flüchtlingsdebatte in Mecklenburg-Vorpommern Die stark steigende Zahl der in Mecklenburg-Vorpommern geholfen werden. Das Justizministerium verstärkte das ankommenden Flüchtlinge hat die Landesregierung und die Schweriner Verwaltungsgericht um drei auf sieben RichterKommunen genauso wie die haupt- und ehrenamtlichen stellen, die sich vor allem mit Asylanträgen befassen sollen. Helfer im Spätsommer 2015 vor große Herausforderungen Um Rechtssicherheit zu gewährleisten, müssten die Verfahren gestellt. Gingen die Experten Mitte des Jahres noch von 8 200 schnell bearbeitet werden. Asylsachen werden in Mecklenneu aufzunehmenden Migranten aus, so musste die Prognose burg-Vorpommern in erster Instanz ausschließlich am für 2015 im September auf mindestens 20 000 erhöht Verwaltungsgericht Schwerin entschieden. Im Jahr 2012 werden. Im Vorjahr waren es 4 200. Die Erstaufnahmewaren es 650 Verfahren. Bereits 2014 stieg die Zahl der Einrichtung des Landes in Horst bei Boizenburg und ihre Asylverfahren auf fast 2 100. im Frühjahr 2015 eröffnete Außenstelle in Stern Buchholz bei Schwerin waren zeitweise überlastet. Eine weitere Ende Mai 2015 lebten in Mecklenburg-Vorpommern knapp Außenstelle in Basepohl sollte Entlastung bringen. Die 7 000 Asylbewerber und 900 ehemalige Asylbewerber, Kommunen standen vor der Aufderen Asylantrag zwar nicht gabe, ständig weitere Unterkünfte anerkannt wurde, deren Aufentfür Asylbewerber zu schaffen und halt in Deutschland jedoch gedulsie zu versorgen. Ministerpräsident Erwin Sellering bezeichnete es als ein„klares Gebot der Menschlichkeit“, dass Ende Mai 2015 lebten in Mecklenburg-Vorpommern knapp 7.000 Asylbewerber. det wird. Das waren insgesamt deutlich mehr Menschen, die vom Land und den Kommunen untergebracht werden müssen, als noch 2013, als 2 700 Asylb­­ e­ Mecklenburg-Vorpommern jenen Schutz und Heimat bietet, die vor Krieg und Verfolgung geflohen seien. Es gebe jedoch eine große Anzahl von Menschen, die diesen Mitte Mai 2015 gab es 21 Gemeinschaftsunterkünfte mit 3.675 Plätzen. werber registriert waren und etwa 800 Ausländer„geduldet“ wurden. 2014 wurden unterdessen 489 Migranten eingebürgert. Darunter waren 81 Kinder und Schutzanspruch nicht bekommen Jugendliche. Im selben Zeitraum könnten. Ziel müsse es sein, ein Darüber hinaus sind nach Angaben des Schweriner klares Signal zu senden, damit sich diese Menschen gar nicht erst auf den Weg nach Deutschland machen, zum Beispiel in waren rund 3.700 Asylbewerber dezentral untergebracht. Innenministeriums 506 Asylbewerber abgeschoben worden, weil ihr Antrag von Behörden und Gerichten nicht anerkannt wurde. dem die Bearbeitung der Asyl­ anträge beschleunigt und abgelehnte Asylbewerber dementsprechend schnell abgeschoben würden. Dies sei auch notwenMecklenburg-Vorpommern wird 2015 voraussichtlich 20.000 Asylbewerber neu aufnehmen. Im Gegensatz zu Regelungen in vielen anderen Bundesländern bekommen in Mecklenburg-Vorpommern die Kommunen ihre dig, damit die große HilfsbereitKosten für die Unterbringung, die schaft vieler Einheimischer geVersorgung und die Betreuung genüber den Flüchtlingen nicht der Asylbewerber und Flüchtlinge verloren ginge. vom Land erstattet. Das Land hatte zu diesem Zweck im Jahr Die Landesregierung will vor allem dafür sorgen,„dass die 2013 insgesamt 43,4 Millionen und 2014 insgesamt Flüchtlinge möglichst gute Bedingungen bei uns vorfinden 49,4 Millionen Euro im Haushaltsplan veranschlagt. Für und sich rasch integrieren können“. Das sagte Sellering 2015 waren insgesamt 51,6 Millionen Euro vorgesehen. bereits Anfang 2015 vor dem Landtag. Gleichzeitig möchte Ende des Sommers war indes längst klar, dass das Geld sie sicherstellen, dass die Unterbringung der Flüchtlinge nicht reichen würde. „für die Menschen vor Ort keine Nachteile und Beschwernisse mit sich bringt“. Die Landesregierung will sich auch dafür einsetzen, dass Flüchtlinge schneller Deutsch lernen können. Außerdem sollen Flüchtlingen mit Aufenthaltsrecht möglichst schnell dezentrale Wohnungen angeboten bekommen und es soll ihnen bei der Arbeitssuche verstärkt 6 Weiter denken… Schwerin, September 2015| Heft Nr. 5 Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Impressionen der Tagung Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Schwerin, September 2015| Heft Nr. 5 Weiter denken… 7 Integration durch Sport Wie das im Film erwähnte Beispiel des FC Vorwärts Drögerheide in Vorpommern zeigt, ist der Sport eine hervorragende Möglichkeit, Migranten zu integrieren. Die Bedingungen der ehrenamtlichen Arbeit mit Migranten gelten natürlich auch hier. Gleichwohl könnten weitere Hürden gesenkt werden. Die Kommunen könnten zum Beispiel die Vereins-Mitgliedsbeiträge für Flüchtlinge für eine gewisse Zeit übernehmen. Die Sportverbände sollten Spielberechtigungen unbürokratischer erteilen. Während die Vereinsbasis vielerorts bereits„routiniert“ den Flüchtlingen begegnet, gibt es in den„oberen“ Vereins- und Verbands­ etagen mitunter noch Nachholbedarf bei der interkulturellen Kompetenz. Dabei können die neuen Vereinsmitglieder auch Anlass sein, verstärkt gegen Rassismus unter den Vereinsmitgliedern zu argumentieren. Sportverbände und-vereine sollten auch überlegen, wie sie ihr Angebot für Migranten erweitern. Gerade für Mädchen und Frauen gibt es bislang noch nicht genügend Angebote. Die Forderungen und Ideen zusammengefasst ➽ Angebotsvermittlung: Networking ➽ Strukturen zur Vernetzung von Jugendvereinen ➽ Erfahrungsaustausch in der Vermittlung von Migranten ➽ Neue Impulse gegen Rassismus vom eigenen Verein ➽ Frauenspezifische Sportveranstaltungen ➽ Mitgliedsbeiträge für eine gewisse Zeit übernehmen ➽ Spielberechtigungen unbürokratischer erteilen Die Themen der Workshops I Integration durch Sport II Integration durch Sprache III Integration in der Kita IV Integration und Frauenrechte V Integration durch Arbeit VI Integration und Gesundheit VII Integration durch Ehrenamt 8 Weiter denken… Schwerin, September 2015| Heft Nr. 5 Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Integration durch Sprache Sprachkenntnisse sind in allen Lebensbereichen der Schlüssel zum gegenseitigen Verstehen und zur Integration von Flüchtlingen in die deutsche Gesellschaft. Probleme entstehen aber nicht nur, weil Flüchtlinge und Migranten kein Deutsch können. Bereits in der Zentralen Aufnahmestelle für Asyl­ bewerber Mecklenburg-Vorpommerns in Horst beherrschen manche Mitarbeiter keine Fremdsprache. In Behörden, Kitas und Krankenhäusern fällt es oft schwer, sich gegenseitig verständlich zu machen. Flüchtlinge aller Altersstufen sollten also so schnell wie möglich Deutsch lernen können, damit sie sich besser in der neuen Heimat zurechtfinden und ihre Angelegenheiten selbst regeln können. Das stellt gerade kleinere Gemeinden vor große Herausforderungen, zum Beispiel wenn sie Asylbewerber mit unterschiedlichen Muttersprachen zu betreuen haben. In zahlreichen Flüchtlingsinitiativen bieten dennoch inzwischen ehrenamtliche Helfer Sprachkurse an. Die Kommunen können diese Angebote allein schon dadurch unterstützen, indem sie Räume dafür zur Verfügung stellen. Manche ehrenamtliche Deutschlehrer behelfen sich allerdings noch mit selbst zusammengestellten Lehrm­ aterialien. Darum wäre es ihnen wichtig, eine Auswahl an Büchern und Arbeitsheften professionell zusammenzustellen, auf den Ehrenamtliche zurückgreifen können. Viele Kitas und Schulen, aber auch Behörden und Ärzte lassen sich indes von Migranten, die bereits länger im Land sind, über kleinere sprachliche Hürden helfen. Da reicht es manchmal, einen Bekannten anzurufen, der aus demselben Land stammt wie der„Kunde“, um etwas zu erklären oder zu vermitteln. Wenn es allzu fachlich wird, stößt aber auch diese Methode an ihre Grenzen. Experten haben eine Hotline vorgeschlagen. Sie sollte rund um die Uhr besetzt und aus dem ganzen Land zu erreichen sein, um sich bei möglichst mehrsprachig ausgebildeten Übersetzern Rat holen zu können. Zweifellos wäre es die beste Lösung für alle Betroffenen, wenn die ehrenamtlichen Sprachlehrer professionell angeleitet oder sogar ausgebildet würden. Denn irgendwann reicht die Hilfe zum sprachlichen Ersteinstieg nicht mehr. Um Deutsch als Zweitsprache und Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten, bedarf es grundlegender Kenntnisse, die in der Regel nur ausgebildete professionelle Sprachlehrer mitbringen. Aus Sicht der„Praktiker“ sollten professionelle Sprachlehrkräfte fest angestellt und angemessen entlohnt werden, wenn sie Deutsch auf gehobenem Niveau unterrichten sollen. Ein weites Feld für Fortbildungen tut sich auf der„einheimischen“ Seite auf. Viele Mitarbeiter von Ämtern, Behörden, Krankenhäusern und anderen Organisationen, die regelmäßig mit Migranten zu tun haben, sollten Sprachunterricht bekommen, damit sie sich zumindest in einer Fremdsprache den Migranten verständlich machen können. Und sofern keine gemeinsame(Fremd)-Sprache zwischen Verwaltungsmitarbeiter und Flüchtling gefunden wird, so sollte ein klares, einfaches Deutsch verwendet werden, dass Flücht­ lingen eine Chance lässt, es zu verstehen. Die Forderungen und Ideen zusammengefasst ➽ Professionelle Begleitung von ehrenamtlichen Deutschlehrern ➽ Integration in Klassenverbänden nach tatsächlichem Bildungsstand ➽ Schaffung eines gemeinsamen„Materialpools“ auf den alle zugreifen können(Bildungsserver) ➽ Unterstützung bei Bereitstellung von Räumlichkeiten, Büchern etc. ➽ Vernetzung von Ansprechpartnern zur Bündelung vorhandener Kompetenzen ➽ Kenntnisse kultureller Hintergründe ➽ Schwerpunktspezifische Fortbildung ➽ Sprachkurse für alle – vom ersten Tag an ➽ Einbindung in außerschulische Einrichtungen z. B. Vereine ➽ Berücksichtigung der individuellen Situationen der Kinder / Jugendlichen ➽ Zusammenarbeit mit Schule und Elternhaus ➽ Integrationskurse öffnen Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Schwerin, September 2015| Heft Nr. 5 Weiter denken… 9 Integration in der Kita Etwa jeder dritte Asylbewerber in Deutschland ist ein Kind. Dementsprechend kommen auch viele kleine Kinder mit ihren Eltern nach Deutschland. Grundsätzlich haben auch sie das Recht auf einen Kita-Platz. Für viele Kitas ist das eine besondere Herausforderung. Flüchtlings-Kinder haben unterschiedlich viel Leid in ihrer Heimat erlebt und in der Regel eine längere Flucht hinter sich. Aber sie bringen gegebenenfalls nicht nur ihre Traumata mit in die Kita, sondern auch ihr Können und Katayoun Hosseini kam 2010 mit ihrer damals zehnjährigen Tochter aus dem Iran nach Deutschland. „Anfangs gab es kein ‚hallo‘, kein ‚guten Tag‘. Die Leute waren sehr verschlossen.“ Wissen, das sie in ihrer Heimat„erworben“ haben. Erzieher_ innen sind also doppelt herausgefordert, wenn sie auf das eine Rücksicht nehmen und das andere wertschätzen wollen. Das fällt umso schwerer, je weniger Erzieher_innen um die Vorbelastungen eines Kindes und von dem Leben in dessen Heimat wissen. Hinzu kommt die Sprachbarriere. Nur wenige Erzieher_innen können Arabisch, Serbisch oder Kisuaheli. Selbst ihr Englisch reicht oft nicht aus, um sich mit den Eltern von jungen Flüchtlingen zu unterhalten. Kleine Kinder haben die große Chance, relativ schnell Deutsch zu lernen. Ihr Gehirn ist flexibel und darauf eingestellt, eine Sprache zu lernen. Allerdings ist Deutsch für Flüchtlingskinder in der Regel bereits eine Zweitsprache. Das stellt besondere Anforderungen an Erzieher_innen, die dafür in der Regel nicht ausgebildet sind. Hier tut sich ein weiteres Feld für Fortbildungen auf. Andererseits lernen Flüchtlings-Kinder oft schneller Deutsch als ihre Eltern. So können sie schon in jungem Alter für sie dolmetschen. Aber auch diese Medaille hat zwei Seiten. Abhängig vom kulturellen und sozialen Hintergrund kann das familiäre Gefüge durcheinandergeraten, wenn Kinder ihren häufig verunsicherten Eltern in gewissen Punkten überlegen sind. Auch dies will im Kita-Alltag berücksichtigt werden. Da kaum zu erwarten ist, dass sich sämtliche Erzieher_innen mit den speziellen Anforderungen bei der Integration von Migranten-Kindern vertraut machen können, sollten sich geschulte Erzieher_innen oder Sozialarbeiter_innen der besonderen Probleme annehmen. Zu verwirklichen wäre dies wohl am ehesten, wenn mehrere Träger bei einem solchen Projekt zusammenarbeiten. Grundsätzlich können Kitas sehr hilfreich sein, um Kinder von Migranten in Deutschland zu integrieren. Darum sollte ihnen, unabhängig von der Arbeitssituation der Eltern, generell ab dem dritten Lebensjahr ein Ganztagsplatz in der Kita gewährt werden. Helfen können auch Kinderpatenschaften und Elternpatenschaften, bei denen sich Einheimische ganz gezielt um Neuankömmlinge kümmern. Die Forderungen und Ideen zusammengefasst ➽ Sprachprobleme lösen(Dolmetscher, Fremd­ sprachenkenntnisse der Kita-Mitarbeiter) ➽ Elternpartnerschaften, Ehrenamtskoordinatoren, Integrationslotsen einsetzen Trägerübergreifender Einsatz von speziell ➽ geschulten Kita-Fachkräften(dazu benötigt werden ergänzende Mittel durch das Land) Einsatz von Eltern mit Migrationshintergrund ➽ als Sprachmittler / Einsatz nicht zertifizierter Sprachmittler ➽ Elterncafés ➽ Kinderpartnerschaften ➽ mehrsprachige Flyer im Kita Bereich und Antragsformulare ➽ Kita-Mitarbeiter mit Migrationshintergrund ➽ Zweitsprachenausbildung ➽ Traumapädagogik 10 Weiter denken… Schwerin, September 2015| Heft Nr. 5 Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Integration und Frauenrechte Die besondere Situation von Migrantinnen macht folgende Begebenheit deutlich, die sich in Schwerin abgespielt haben soll. Eine aus dem arabischen Raum stammende Frau hatte sich überwunden und war vor ihrem Mann in ein Frauenhaus geflüchtet. Ein vereidigter Dolmetscher, der aus demselben Land wie die Hilfesuchende stammte, wurde hinzugezogen, damit diese ihre Nöte und Wünsche gegenüber den deutschen Mitarbeitern der Einrichtung äußern konnte. Wie sich später herausstellte, übersetzte der Dolmetscher jedoch nicht die Fragen an die Frau, sondern forderte sie wiederholt auf, den Gepflogenheiten ihres Heimatlandes entsprechend zu ihrem Mann zurückzukehren. Elehah Fakherynik stammt aus dem Iran und lebt seit zwei Jahren in Mecklenburg-Vorpommern. Sie beherrscht fünf Sprachen. Weil Deutsch nicht dazu gehörte, konnte sie sich anfangs weder mit dem zuständigen Sozialarbeiter noch den ehrenamtlichen Helfern richtig verständigen. Denn diese konnten nicht einmal Englisch. „Nachdem ich ein wenig Deutsch gelernt hatte, wurde es besser.“ sind, sollten sie interkulturelle und Gender-Kompetenzen erwerben. Zudem müssten die Jobcenter Migrantinnen spezielle Angebote machen, und Migrantinnen aller Altersstufen müssten stärker motiviert werden, Schulen zu besuchen, eine Ausbildung zu machen oder einer festen Arbeit nachzugehen. Um die Betreuung von Migrantinnen zu verbessern, sollten mehr von ihnen zu Integrationslotsen ausgebildet werden. Die Forderungen und Ideen zusammengefasst ➽ Bedürfnisse von Frauen stärker berücksichtigen (z. B. in den Unterkünften) ➽ Weibliche Ansprechpartnerinnen in allen Bereichen(Jobcenter, Dolmetscherinnen usw.) ➽ Frauentreffs(Rückzugsräume) ➽ Gender- und interkulturelle Kompetenz in Institutionen verbessern ➽ Motivation von Frauen / Mädchen für Bildung / Ausbildung / Arbeit ➽ Mehrsprachige Broschüren Tradition und die männlich dominierte Kultur des Herkunftslandes erschwerten es, der Frau Unterstützung angedeihen zu lassen. Migrantinnen sollten sich deshalb bei allen Behörden und Institutionen an weibliche Ansprechpartner wenden können, was noch viel zu selten möglich ist. Das gilt auch für Ärzte und für die Jobcenter. Gegebenenfalls sollte betroffenen Frauen auch eine Sprachmittlerin statt eines Sprachmittlers zur Verfügung gestellt werden. Frauen­ spezifische Bedürfnisse sollten bereits in der Zentralen Aufnahmestelle des Landes und in den Wohnheimen beachtet werden. Vielerorts fehlt es zum Beispiel an Rückzugsräumen für Frauen. Damit die Mitarbeiterinnen der betroffenen deutschen Institutionen besser verstehen, wodurch Migrantinnen geprägt Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Schwerin, September 2015| Heft Nr. 5 Weiter denken… 11 Integration durch Arbeit Viele Migranten sind für längere Zeit zum Nichtstun verdammt. Dabei würde ihnen eine Arbeitsmöglichkeit in der Regel nicht nur zu einem Einkommen verhelfen, sondern ihnen auch soziale Kontakte verschaffen und ihr Selbstwertgefühl verbessern. Passenderweise suchen einheimische Betriebe händeringend neue Mitarbeiter. Deutsche Sprachkenntnisse sind in der Regel eine wichtige Voraussetzung, damit Migranten eine Beschäftigung aufnehmen können. Allerdings fehlt es vielerorts an Kursen dafür oder sie sind weder berufsbegleitend noch berufs­spezifisch. In manchen Fällen sind auch Arbeitgeber nicht flexibel Imam Jonas Dogesch kam Ende der 1990er Jahre aus der Türkei nach Deutschland. „Als Flüchtling ist man ent­ wurzelt. Man will hier wieder Wurzeln schlagen, denn es gibt kein Zurück. Noch wichtiger als Sprachunterricht zu erteilen, wäre es, Vorurteile abzubauen.“ genug, ihren Mitarbeitern die Teilnahme zu ermöglichen, obwohl etwa im Gastgewerbe und in der Landw­ irtschaft in der„Nebensaison“ Zeit dafür eingeräumt werden könnte. Um Migranten schneller zu integrieren und frühzeitig in Arbeitsverhältnisse zu bringen, sollten die Jobcenter konkrete Stellen auch für„geduldete“ und„gestattete“ Ausländer mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit anbieten. Die Arbeitsagentur beschäftigt inzwischen auch drei Mitarbeiter mit arabischem Hintergrund in der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes, um die berufliche Qualifikationen von Flüchtlingen festzustellen. Zu selten sind Migranten noch über ihre Rechte als Arbeitnehmer aufgeklärt. Selbst wenn sie bereits einigermaßen Deutsch können, wäre es wichtig, sie so weit wie möglich hierüber in ihrer Muttersprache zu informieren. Die Jobcenter könnten dafür Informationsbroschüren in den Sprachen der zehn wichtigsten Herkunftsländer bereithalten. Migranten könnten zwar helfen, den Fachkräftebedarf in Mecklenburg-Vorpommern zu decken. Allerdings zieht es immer mehr gut ausgebildete Migranten in die Metropolen wie Berlin und Hamburg. Die Landesregierung ist dementsprechend aufgefordert, auch unter Migranten mehr für den Standort Mecklenburg-Vorpommern zu werben. Die Forderungen und Ideen zusammengefasst ➽ Berufsbegleitende Sprachkurse ➽ Keine Abschiebung während sozialversicherungspflichtiger Tätigkeit ➽ Abbau von Hürden(auch rechtlich) ➽ „Identitätsnachweis“ erleichtern ➽ Modell„MigrationOffice“ als erste Anlaufstelle für alle Belange der Flüchtlinge ➽ Sensibilisierung der Arbeitgeber für DeutschNachhilfe in Nebensaison(Saisongewerbe) ➽ Konkrete Stellen frühzeitig anbieten für Flüchtlinge mit höherer Bleibewahrscheinlichkeit Informationsbroschüre„Rechte als Arbeitnehmer“ ➽ in den Sprachen der zehn wichtigsten Herkunftsländer 12 Weiter denken… Schwerin, September 2015| Heft Nr. 5 Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Integration und Gesundheit Das Thema Gesundheit bleibt eines der schwierigsten, wenn es um die Integration von Migranten geht. Derzeit erstatten in den ersten 15 Monaten des Aufenthalts eines Asylbewerbers in Deutschland die Kommunen den Krankenkassen in der Regel nur die Kosten für Behandlungen, die unbedingt notwendig sind. Was aber als unbedingt notwendig erachtet wird, kann zum Teil von Kommune zu Kommune unterschiedlich und nach Haushaltslage bewertet werden. Zudem steht vor einem Termin beim Facharzt meist ein zeitaufwändiger Behördengang, um die Konsultation zu genehmigen. Wenn alle Flüchtlinge und Migranten vom ersten Tag an eine Elektronische Gesundheitskarte bekämen, würde ihnen die volle medizinische Versorgung zugebilligt und die Behandlung vom kommunalen Haushalt abgekoppelt werden. Asylbewerber hätten dann auch einfacheren Zugang zu medizinischen Vorbeugemaßnahmen. Bislang scheuen die Kommunen sich jedoch, einen solchen Schritt zu gehen, da sie hohe Kosten auf sich zukommen sehen. Nach Ansicht der AOK Nordost haben Projekte in Bremen und Bremerhaven jedoch gezeigt, dass diese Befürchtungen unbegründet sind. Durch Kriegs-, Verfolgungs- und Fluchterfahrungen sind Flüchtlinge von psychischen und psychosomatischen Störungen häufiger betroffen als die einheimische Bevölkerung. Posttraumatische Störung sollten zeitnah behandelt werden. Manche Migranten leiden jedoch nicht an den Erlebnissen in ihrer Heimat oder während der Flucht, sondern an ihrer Situation in Deutschland. Sie fühlen sich nutzlos, nicht willkommen oder haben Angst vor einer drohenden Abschiebung. Bei einer daraus resultierenden Depression, die schlimmstenfalls in einem Selbstmord enden könnte, ist schnelle Hilfe geboten. Bereits bei anderen Krankheiten haben es viele Migranten jedoch schwer, sich wegen der beidseitig fehlenden Sprachkenntnisse etwa in Krankenhäusern verständlich zu machen. Bei psychischen Problemen ist das Dilemma noch größer. Bei der Trauma-Bewältigung braucht man in der Regel Muttersprachler, die in Deutschland nicht zur Verfügung stehen. Bereits ein Dolmetscher zwischen Arzt und Patient ist eine Hürde für einen vertrauensvollen Umgang. Für das richtige Verständnis der Trauma-Ursachen wäre es auch notwendig, was aber selten gegeben ist, die Situation im Heimatland des Patienten zu kennen. Zumindest kann das Gefühl der Unsicherheit, das viele Migranten in Deutschland mit sich tragen, gemildert werden, wenn man ihnen mit Respekt und Wertschätzung begegnet. Eine bessere Willkommenskultur könnte gerade auf dem Land dazu beitragen. Die Forderungen und Ideen zusammengefasst ➽ Informationen zu Behandlungsmöglichkeiten zugänglich machen ➽ Informationen zu Leistungsansprüchen zugänglich machen ➽ Zugang zur Gesundheitsförderung ➽ Versorgungsstrukturen„entbürokratisieren“ ➽ Entfaltungsmöglichkeiten schaffen: „Heimatgefühl“ ➽ Sprach-Know-how in Erstaufnahmeeinrichtungen und Behörden ➽ Mehrsprachige Callcenter ➽ Rahmenbedingungen für persönliche vertrauensvolle Beratungen schaffen ➽ Mehr Sozialarbeiter ➽ Netzwerke auf Landesebene ➽ Telefonübersetzungen, mobile Sprechtage ➽ Schnellere Entscheidung über Abschiebe- oder Bleiberecht ➽ Selbsthilfezentren gründen ➽ Noch mehr Infomaterial in der Erstaufnahmestelle ➽ Nutzung der Traumaambulanzen für Flüchtlinge Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Schwerin, September 2015| Heft Nr. 5 Weiter denken… 13 Die Rolle der Ehrenamtlichen Ohne die ehrenamtliche Unterstützung einheimischer und zugewanderter Bürger könnten die Kommunen die Integration von Flüchtlingen und Migranten kaum schaffen. Vielerorts gibt es bereits Vereine und Bündnisse, die die neu Angekommenen willkommen heißen und ihnen im Alltag helfen. Oft arbeiten sie eng mit den offiziellen Integrationslotsen zusammen, die einige Kommunen und Sozialverbände beschäftigen. Dennoch könnten das Land und die Kommunen ihre Ehrenamtlichen noch stärker unterstützen. Dabei geht es um die Finanzierung von Schulungen und Fortbildungen, die Übernahme von Fahrtkosten oder die Bereitstellung von Räumen. Denkbar ist auch eine zentrale Anlaufstelle, die zumindest telefonisch sechs Stunden täglich erreichbar ist, um rund ums Ehrenamt beraten und vermitteln zu können. Ausbaufähig ist mancherorts die Zusammenarbeit mit Migranten-Organisationen, die es im Land ja durchaus gibt. Eine große Hilfe bei der Integration von Flüchtlingen und Migranten können aber auch einzelne Migranten sein, die bereits länger in Mecklenburg-Vorpommern leben, und nicht nur ihre Sprachkenntnisse zur Verfügung stellen, sondern auch ihr Wissen um die deutschen Gegebenheiten an Neuankömmlinge weitergeben können. Manchmal bedarf es nur, diese Menschen anzusprechen und sie zur Mitarbeit aufzufordern. Die Forderungen und Ideen zusammengefasst ➽ Runder Tisch Asyl mit Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen nach dem Schweriner Modell ➽ Professionelle Stelle zur Koordination / Vernetzung des Ehrenamtes in der Kommune ➽ Unterstützung des Ehrenamts durch Hauptamtliche ➽ Finanzielle Unterstützung von Ehrenamtlichen ➽ Einwerben, Verteilen und Abrechnen von Spenden ➽ Aktivierung ins Ehrenamt ➽ Qualifizierung von Migranten im Ehrenamt ➽ Land: mehr finanzielle Mittel für die Begleitung von Flüchtlingen ➽ Broschüre Integration mit Best-Practice Beispielen 175 Bildungsmaßnahmen In Mecklenburg-Vorpommern werden mehr als 175 Bildungsmaßnahmen für Zugewanderte angeboten(Stand: Juni 2015). Darauf hat das Netzwerk der IntegrationsFachDienste Migration(IFDMs) hingewiesen. Die Übersicht über die Kurse wird von dem Netzwerk ständig im Internet aktualisiert. Die Angebote sind unter www.migra-mv.de/aktuelles/bildungsmassnahmen.html veröffentlicht. Mit der Förderung durch das Ministerium für Arbeit, Gleichstellung und Soziales und im Auftrag der regionalen Arbeitsagenturen engagieren sich die drei IntegrationsFachDienste migra, Genres und VSP in Mecklenburg-Vorpommern für die berufliche und sprachliche Qualifizierung von Zugewanderten. Sie kooperieren eng mit den Akteuren des Arbeits- und Ausbildungsmarktes, mit Wirtschaftsverbänden, Arbeitgebern, mit Migrantinnenorganisationen, mit den Integrations- und Ausländerbeauftragten sowie mit den unterschiedlichen Beratungsdiensten der Wohlfahrtsverbände. 14 Weiter denken… Schwerin, September 2015| Heft Nr. 5 Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern „Ich kümmere mich da drum“ Zwei Beispiele zeigen, wie der Begriff der„Willkommenskultur“ vor Ort mit Leben gefüllt werden kann Wenn im Waldstadion„Keilergrund“ des FC Vorwärts Drögerheide in Vorpommern das Training beginnt, stehen inzwischen regelmäßig Spieler auf dem Platz, die aus Mauretanien, Syrien oder Ghana stammen. Mancher von ihnen hat es sogar in die erste Mannschaft geschafft. Es sind Bewohner der Flüchtlingsunterkunft in dem Torgelower Stadtteil. Seit geraumer Zeit holt der Verein sie zum Fußball ab. Für Trainer René Samuel ist es unerheblich, wenn seine neuen Spieler anfangs kaum Deutsch können.„Wenn einer in der Abwehr steht, weiß er, was er zu tun hat. Und vorne muss er Tore schießen. Egal welche Sprache er spricht.“ Die Kicker sind eine Verstärkung für den Klub, findet Samuel, der auch gern von einer„Win-Win-Situation“ spricht. Weil viele Einheimische auswärts arbeiten, sind die Spieler aus dem Flüchtlingsheim eine willkommene Ergänzung für den Kader. Aber es geht den Trainern und Betreuern nicht nur um den Sport. So viele Kontakte zu Menschen anderer Länder zu haben, empfinden sie durchaus als bereichernd. Für sein Engagement für die Integration von Flüchtlingen und Migranten ist der FC Vorwärts Drögerheide mit dem Integrations- und Vielfaltspreis ausgezeichnet worden, der 2015 zum zweiten Mal vom Landesfußballverband Mecklenburg-Vorpommern, der AOK Nordost und weiteren Partnern ausgelobt wurde. Denn die Flüchtlinge spielen in dem Verein nicht nur Fußball. Samuel und seine Mitstreiter haben auch schon Sprach­ unterricht sowie Näh- und Fahrradreparaturkurse für die Flüchtlinge organisiert. Einige wurden auch in Betriebs­ praktika vermittelt.„Wir haben das einfach so gemacht, ohne viel Papierkram“, sagt Harald Rinkens vom Bündnis „Vorpommern weltoffen, demokratisch, bunt“, der das Projekt des Fußballvereins begleitet.„Wenn man was verändern will, muss man was machen. Und sich Partner suchen.“ So lobenswert die Initiative des FC Vorwärts Drögerheide, die längst Nachahmer gefunden hat, auch ist – sie löst nur einen begrenzten Teil der Probleme, mit denen sich Flüchtlinge in Deutschland konfrontiert sehen. In Dummerstorf bei Rostock hilft ihnen Dr. Hamad Al Mkheter, auch diese in den Griff zu bekommen. Dr. Al Mkheter ist Sozialbetreuer in der Gemeinde. Er stammt aus Syrien und spricht mehrere Sprachen. In der Regel kommen Flüchtlinge ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland. Darum fühlen sie sich ein bisschen wohler, wenn sie ihre Anliegen möglichst in ihrer Heimatsprache schildern können. Dr. Al Mkheter hilft bei der Suche nach einem Kita-Platz und bei der Einschulung in eine örtliche Schule. Er geht mit den Flüchtlingen, so sie denn arbeiten dürfen, zum Arbeitsamt und er begleitet sie zum Arzt und zum Sozialamt, damit sie eine Facharztbehandlung genehmigt bekommen. Er wird gefragt, wenn die deutsche Bedienungsanleitung zu kompliziert ist, um in der Unterkunft der Flüchtlinge einen Internetanschluss einzurichten. Und wenn die Rundfunkgebühren mit einem für Flüchtlinge schwer zu verstehenden Schreiben eingefordert werden, dann sagt Dr. Al Mkheter: „Sie sollen sich keine Sorgen machen, ich kümmere mich da drum.“ Dr. Al Mkheter kam vor zehn Jahren zum Studium nach Rostock. Als er nach der Promotion zurück in die Heimat wollte, um dort Rechtsanwalt zu werden, tobte in Syrien bereits der Bürgerkrieg. Er konnte in Deutschland bleiben. Viele Flüchtlinge tragen diesen Krieg tief in sich mit nach Deutschland. Kinder etwa haben immer noch Angst vor dem Geratter eines Hubschraubers.„Sie glauben, da kommt der Krieg zurück“, berichtet Dr. Al Mkheter. In Dummerstorf ist der Sozialbetreuer nicht der einzige, der sich um die Flüchtlinge kümmert. Nachbarn helfen mit Spenden. Andere kommen regelmäßig ins Mehr­ generationenhaus und geben ehrenamtlich Sprachunterricht. Einheimische Familien haben Patenschaften für Flüchtlingsfamilien übernommen. Abgelehnten Asylbewerbern indes kann auch Dr. Al Mkheter wenig helfen. Er klärt sie notfalls über ihre verbliebenen Rechte auf. Aber Abschiebungen kann er nicht verhindern. Zum Glück, so heißt es, ist er damit in Dummerstorf bislang selten konfrontiert worden. Impressum:© Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeber: Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Arsenalstraße 8 · 19053 Schwerin · Telefon 0385 / 51 25 96 Fax 0385 / 51 25 95 · E-Mail schwerin@fes.de · www.fes-mv.de Text(soweit nicht anders ausgewiesen), Autor und Redaktion: Andreas Frost Redaktion und verantwortlich: Frederic Werner, FES Fotos: Martin Peneder| FF-Feldkirchen; René Stempin, Sozialministerium Mecklenburg-Vorpommern; jUliE:p / photocase.de ISBN 978-3-95861-250-1 Autor des Films auf der DVD: Philip Schroeder Technische Umsetzung: Udo Tanzke, Eins Medienproduktion Die Erstellung der DVD und die der Publikation zugrunde liegende Veranstaltung„Ankommen! Wie Integration vor Ort gelingen kann“ am 10. Juni 2015 in Schwerin fand in Kooperation mit dem Ministerium für Arbeit, Gleichstellung und Soziales Mecklenburg-Vorpommern, dem Landesfußballverband Mecklenburg-Vorpommern und der Landesdirektion Mecklenburg-Vorpommern der AOK Nordost statt. Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung. Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Die DVD fehlt? Zu beziehen im Landesbüro MV der Friedrich-Ebert-Stiftung oder beachten Sie bitte nebenstehende Hinweise. Diese Broschüre enthält eine DVD mit einem Film über zwei Beispiele gelungener Integrationsarbeit in Mecklenburg-Vorpommern. Der ca. 12-minütige Film startet beim Einlegen der DVD in eine Abspielgerät selbsttätig. Sollte die DVD nicht vorliegen, finden Sie den Film ebenfalls auf unserer Internetseite www.fes-mv.de unter dem Rückblick zu dieser Veranstaltung oder auf youtube.de unter dem Filmtitel „Wie Integration gelingen kann.“ www.fes-mv.de