was junge frauen wollen Prof. Dr. Carsten Wippermann –––– FCK N––Z–S– was junge frauen wollen Prof. Dr. Carsten Wippermann Lebensrealitäten und familien- und gleichstellungspolitische Erwartungen von Frauen zwischen 18 und 40 Jahren –––– FCK N––Z–S– Inhalt Vorwort.............................................................................................................8 1. Einleitung........................................................................................................ 10 2. Zentrale Befunde....................................................................................... 13 3. Milieudifferenzierte Befunde...............................................................25 3.1 3.1.1 3.1.2 3.1.3 3.1.4 GESELLSCHAFTLICHE LEITMILIEUS Delta-Milieu„Performer“................................................................................................. 26 Werte und Lebensstil.........................................................................................................28 Erwerbsarbeit: höchst ambitioniert und optimistisch – doch irritiert von traditionellen Rollenbildern junger Männer..............................................29 Geschlechtergerechtigkeit: Rollendruck und Benachteiligungen von Männern sehen..........34 Politisches Interesse und Engagement................................................................................36 3.2 3.2.1 3.2.2 3.2.3 3.2.4 3.2.5 3.2.6 Delta-Milieu„Postmaterielle“...................................................................................... 38 Werte und Lebensstil.........................................................................................................40 Erwerbsarbeit....................................................................................................................41 Gleichberechtigung ist noch längst nicht erreicht!..............................................................44 Kritik am alten Feminismus................................................................................................46 Politisch denkende Menschen – doch enttäuscht von der Betriebslogik der Politik..............48 Idealismus in eigenes soziales Engagement übersetzen......................................................49 3.3 3.3.1 3.3.2 3.3.3 3.3.4 3.3.5 Delta-Milieu„Etablierte“....................................................................................................50 Werte und Lebensstil.........................................................................................................52 Arbeitszeit: flexibler mit individuellen Slots für Erholung und Familie..................................53 Geschlechtergerechtigkeit: noch lange nicht erreicht!........................................................57 Zentrale Forderungen an die Familienpolitik.......................................................................58 Stark ausgeprägtes politisches Interesse – Engagement jedoch in anderen Feldern.............59 6 Was junge Frauen wollen 3.4 3.4.1 3.4.2 3.4.3 3.4.4 MAINSTREAM DER GESELLSCHAFT Delta-Milieusegment„Traditionelle& Konservative“............................... 62 Werte und Lebensstil.........................................................................................................64 Durch ökonomischen Druck zur Erwerbsarbeit gezwungen: Teilzeit als Ideal......................65 Soziale Gerechtigkeit: Sorge vor Überfremdung und Überlastung der Sicherungssysteme.........68 Soziales(ehrenamtliches) Engagement ja – politisches Interesse nein.................................70 3.5 3.5.1 3.5.2 3.5.3 3.5.4 Delta-Milieu„Bürgerliche Mitte“.................................................................................72 Werte und Lebensstil.........................................................................................................74 Erwerbsarbeit: flexible Teilzeit für Frauen zum Halten der familiären Balance......................... 75 Biologische und gesellschaftliche Unterschiedlichkeit von Frauen und Männern – die Verhältnisse sind weitgehend gerecht..........................................................................80 Politisches Interesse: pragmatischer Realismus und persönlicher Komfort...........................82 3.6 3.6.1 3.6.2 3.6.3 3.6.4 3.6.5 Delta-Milieu„Benachteiligte“........................................................................................ 84 Werte und Lebensstil.........................................................................................................86 Erheblicher finanzieller Druck – keine Option.....................................................................87 Kaum Fortschritte in der Gleichberechtigung, betroffen von Rückschritten!........................89 Erwerbsarbeit: steigender Qualifikationsdruck – Zukunftspessimismus...............................92 Verdruss an Politiker_innen und Politik...............................................................................94 3.7 3.7.1 3.7.2 3.7.3 3.7.4 POSTKONVENTIONELLE MILIEUS Delta-Milieu„Expeditive – alternative Avantgarde“.................................. 96 Werte und Lebensstil.........................................................................................................98 Erwerbsarbeit: Am liebsten Teilzeit für flexibles Arrangement aller Lebensbereiche...........100 Geschlechtergerechtigkeit ist erreicht, wenn es die Kategorien„Frau/Mann“ nicht mehr gibt..... 104 Engagement gehört zur eigenen Identität........................................................................107 3.8 3.8.1 3.8.2 3.8.3 3.8.4 3.8.5 Delta-Milieu„Hedonisten“...............................................................................................108 Werte und Lebensstil.......................................................................................................110 Erwerbsarbeit..................................................................................................................112 Diskriminierung und sexistischer Machismo in typischen Männerberufen.........................114 „Weiche“ Männer werden Opfer von Stigmatisierung und Gewalt...................................116 Politikinteresse: nur bei Leidenschaft, Rückgrat und Glaubwürdigkeit der Personen..........116 Untersuchungsanlage............................................................................121 Inhalt 7 Vorwort Einmal mit allem, bitte! Beruf – Familie – Leben Junge Frauen sehen sich heute mit immensen Erwartungen konfrontiert und Konflikte brechen sich immer wieder Bahn. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, plus„Zeit für sich selbst haben“ ist ein Dauerbrennerthema in den Feuilletons – Stichwort: Zeitpolitik. Die Vereinbarkeitsfrage betrifft zwar grundsätzlich Frauen wie Männer, aber während(trotz gestiegener und vielfältiger Erwartungen) ein„engagierter Vater“ ein gesellschaftlich überaus positiv besetztes Bild ist – bei einer relativ moderaten Erwartungshaltung an den Umfang des Engagements –, sehen sich Frauen mit widersprüchlichen Zuschreibungen konfrontiert. Zwischen der„arbeitenden Rabenmutter“ und dem„unemanzipierten und abhängigen Hausmütterchen“ fehlt es an Orientierung. Aber wie sehen junge Frauen eigentlich selbst ihre Situation? Für Frauen haben sich die gesellschaftlichen Normen und Institutionen dahingehend verändert, dass sie wesentlich größere Freiheitsspielräume in ihrer Lebensgestaltung haben. 73 Prozent der Frauen im erwerbsfähigen Alter gehen in Deutschland einer Berufstätigkeit nach – allerdings häufig in Teilzeit. Durch den flächendeckenden Ausbau der Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter drei Jahren ist es Frauen heute möglich, einfacher und früher in den Beruf zurückzukehren. Durch die Einführung des Elterngelds und ElterngeldPlus wurden starke Anreize gesetzt, damit auch Männer früh in die Betreuung von Kindern eingebunden werden. Dadurch wollen Männer heute auch verstärkt Verantwortung in der Sorgearbeit über die Elterngeldmonate hinaus übernehmen. Gerade mit Blick auf die jüngeren Generationen zeigen viele Studien eine große Affinität zu gleichberechtigten Partnerschaftsarrangements. Aber bei der konkreten Umsetzung stoßen Männer als auch Frauen noch auf viele Widerstände. Noch immer lässt sich beobachten: sobald Kinder ins Spiel kommen, setzt häufig eine Retraditionalisierung der Geschlechterrollen ein. Frauen übernehmen auch noch 2016 in Deutschland den Löwinnenanteil der Sorgearbeit – sowohl mit Blick auf die jüngsten Gesellschaftsmitglieder, aber auch pflegegebedürftige Angehörige und alte Menschen. Es sind vor allem Frauen, die nach den Elterngeldmonaten ihre Arbeitszeit reduzieren, und aus dieser Arbeitszeitverkürzung resultiert für viele ein dauerhafter Teilausstieg aus dem Beruf. Betrachtet man verschiedene Studien, die sich mit der Arbeitszeit von Frauen(und Männern) in Deutschland befassen, wird deutlich, dass viele Frauen ihre Erwerbstätigkeit erhöhen möchten. Männer hingegen arbeiten fast immer in Vollzeit(plus Überstunden) und wollen ihre Arbeitszeit häufig reduzieren. 1 Im Grunde zeigen die Daten also ein großes Potential für eine egalitärere und partnerschaftlichere Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit. 1 Vgl. u. a. Barbara König, Jonathan Menge und Christina Schildmann(2015): Zeit für Familie und Beruf, Equal Society Brief#02, Berlin, im Internet unter: http://library.fes.de/pdf-files/dialog/11431.pdf und dies.(2015): Der Gender Pay Gap: die große Lücke ist unbezahlt, Equal Society Brief#01, im Internet unter: http://library.fes.de/ pdf-files/dialog/11286-20150513.pdf. 8 Was junge Frauen wollen Wo hakt es also? Diese Frage bewegt uns in unserer Arbeit im Bereich Familien- und Geschlechterpolitik seit längerem. Wir stellten uns die Frage: Was wollen junge Frauen heute eigentlich? Welche Einstellungen mit Blick auf die Gleichstellung der Geschlechter haben sie? Und: Was erwarten sie von der Familien- und Gleichstellungspolitik? Auf diese Fragen möchte die vorliegende Studie Antworten geben. Prof. Dr. Carsten Wippermann vom DELTA-Institut für Sozial- und Ökologieforschung in Penzberg hat hierzu im Auftrag des Forum Politik und Gesellschaft der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) Fokusgruppeninterviews mit Frauen zwischen 18 und 40 Jahren aus allen sozialen Schichten und Milieus geführt. An dieser Stelle sei ein herzlicher Dank an Prof. Wippermann und sein Team für die gute Zusammenarbeit gerichtet. Unser Dank gilt hier dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das uns die Auswertung der Daten für die Gruppe der 18 bis 40 Jährigen ermöglicht hat. Die Erkenntnisse wurden durch eine quantitativrepräsentative Untersuchung ergänzt. Blickt man auf die Ergebnisse der Studie, fällt auf, dass die Gleichstellung in der Berufswelt ein beherrschendes Thema ist. Ein eindrücklicher Befund besteht aus unserer Sicht darin, dass viele junge Frauen mit Blick auf das Kinderkriegen einen gravierenden Einschnitt in ihrem Leben befürchten und dabei eine deutliche Verbindung zur fehlenden Lohngerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ziehen. Viele junge Frauen beobachten in ihrem Umfeld, welche Auswirkungen Kinder auf das Leben von Freund_innen haben. Sie sehen klar das Risiko in finanzielle Abhängigkeit zu geraten und befürchten berufliche Nachteile. Eine partnerschaftlichere Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern scheint der zentrale Ansatzpunkt zu sein. Auch die vorliegende Studie zeigt: Junge Frauen ab 30 Jahren favorisieren mehrheitlich eine Arbeitszeit zwischen 30 und 35 Wochenstunden. Instrumente wie die von Familienministerin Manuela Schwesig vorgeschlagene Familienarbeitszeit schließen genau hier an und können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die für viele im Alltag drängende Zeitnot zu entschärfen. Viele spannende Aspekte eröffnen sich zudem beim Blick auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den gesellschaftlichen Milieus. Durch die differenzierten Befunde und den Methodenmix aus Fokusgruppeninterviews und quantitativen Daten gibt die vorliegende Studie einen tiefen Einblick in die Einstellungen und Lebensrealitäten von jungen Frauen in verschiedenen sozialen Schichten und Milieus. Was wollen junge Frauen im Beruf, in der Familie und im Leben? Die vorliegende Studie wird diese Frage nicht abschließend beantworten können. Aber sie stellt einen wichtigen Baustein dazu dar, ein besseres Verständnis für die Erwartungen und Wünsche von jungen Frauen zu entwickeln und darüber, was Politik und Gesellschaft tun können, um diesen Bedürfnissen gerecht zu werden. In diesem Sinne wünschen wir eine aufschlussreiche Lektüre! Jonathan Menge Referent für Familien- und Geschlechterpolitik Forum Politik und Gesellschaft, Friedrich-Ebert-Stiftung vorwort 9 1. Einleitung Wie geht es jungen Frauen heute in Deutschland? Welche Einstellungen haben sie, welche Perspektiven auf ihr aktuelles Leben und ihren weiteren Lebensverlauf, welche Anforderungen an ihr privates und berufliches Umfeld, welche Erwartungen und Wünsche richten sie(still oder laut) an ihren Partner oder auch ihre Partnerin und an Arbeitgebende – welche an die Familien- und Gleichstellungspolitik? Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren(Stand 2015) sind zwischen 1975 und 1997 geboren; ihre Jugendzeit und Adoleszenz erlebten die meisten nach 1990 mit den dominierenden Gesellschaftsthemen Start-ups und New Economy, Globalisierung und Digitalisierung, Börsenhype und Wirtschaftskrisen, Klimawandel sowie den Themen„neue Männer“,„neuer Feminismus“, Vielfalt von Partnerschafts- und Familienformen(um nur einige zu nennen). Männer und Frauen sind gleichberechtigt – das ist unsere Verfassungsnorm seit 1949(GG Art. 3 Abs. 2). Und dennoch sind in Deutschland Frauen und Männer mehr als 65 Jahre später in verschiedener Hinsicht real nicht gleichgestellt. Obwohl die Emanzipations- und Frauenbewegung der 1960er/1970er Jahren viele fest zementierte traditionelle Strukturen in den Köpfen und Institutionen aufgebrochen hat, besteht auch vier Jahrzehnte danach immer noch eine große Entgeltkluft zwischen Frauen und Männern(Gender Pay Gap von 21 Prozent im Jahr 2015), kommen Frauen trotz gleicher Qualifikation selten in Führungspositionen, übernehmen Frauen überwiegend die Arbeiten im Haushalt, führt die Familiengründung zu einer Verstärkung und Verstetigung der traditionellen Rollenteilung, sind überwiegend Frauen in Teilzeit erwerbstätig, sind überwiegend Frauen in Minijobs beschäftigt. Bildung und Emanzipation, der Wandel von Werten und Lebensstilen sowie die Erschließung vielfältiger Partizipationsräume haben bewirkt, dass sich Frauen wie Männer für Politik interessieren. Es gibt Belege, dass Frauen die Perspektiven auf die Welt nicht(mehr) von 10 Was junge Frauen wollen Männern übernehmen und sich von ihnen vorschreiben lassen, sondern eigene Zugänge, Sichtweisen, Urteile, Handlungsmaximen entwickeln: Frauen nehmen in fast gleichem Ausmaß wie Männer an Wahlen teil, entscheiden sich jedoch häufiger kurzfristig für die Wahl einer bestimmten Partei, neigen weniger extremen Parteien zu und sind neuen Parteien gegenüber in der Regel eher skeptisch. Neben diesen wahlstatistischen Befunden behaupten manche Analysen,(1) dass die Themeninteressen von Frauen anders gelagert sind,(2) dass sich Frauen prinzipiell stärker als Männer„sorgen“ und(3) sich mehr für Themen mit einem für sie unmittelbaren Alltagsbezug interessieren. Doch Vorsicht ist auch bei diesen pauschalisierenden Zuschreibungen auf„die Frauen“ geboten und Differenzierung ist ratsam. Dabei gilt es ebenso, nicht der binären Weltsicht einer traditionellen Geschlechterdichotomie zu folgen, die Frauen als eine homogene Gruppe begreift und diese der homogenen Gruppe„der Männer“ gegenüberstellt. Es geht in dieser Untersuchung darum zu verstehen, was junge erwachsene Frauen bewegt. Dabei ist das ganze Spektrum von Frauen in den Blick zu nehmen – mit dem Risiko anfänglicher Unübersichtlichkeit. Die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten(gemessen an Bildung, Einkommen, Berufsprestige), noch stärker die Vielfalt von Lebenswelten und Differenzen zwischen Frauen aus verschiedenen sozialen Milieus zeigen, dass es innerhalb der Gesamtheit„junge Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren“ sehr große Unterschiede in Bezug auf ihr Weltbild sowie ihre Perspektiven auf die Familien- und Geschlechterpolitik gibt. Vor diesem Hintergrund untersucht die hier vorgestellte Studie systematisch milieudifferenziert die Einstellungen und Haltungen von Frauen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren zu folgenden Hauptthemen: Y Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern Y Zeit für Erwerbsarbeit, für Familie, Freizeit, soziales Engagement Y Soziales und politisches Engagement Dazu wurden im Rahmen einer qualitativen Erhebung acht dreistündige Gruppenwerkstätten mit jeweils acht Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren durchgeführt sowie eine bevölkerungsrepräsentative Untersuchung zur Gleichstellung von Frauen und Männern für diese Zielgruppe der unter 40-jährigen Frauen mit einer Fallzahl von 1.068 Fällen ausgewertet. 2 Die Untersuchung ist repräsentativ für Frauen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren hinsichtlich der quantitativen Anteile als auch der qualitativen typologischen Repräsentanz der Befunde. Der differenzierte Blick auf Frauen in verschiedenen sozialen Milieus(Lebenswelten) erweist sich als instruktiv und erhellend für das Verständnis, was junge Frauen bewegt. Nach den bündelnden zentralen Befunden sind die Ergebnisse für jedes Milieu ausführlich beschrieben. Dazu sind die Milieus in drei Hauptgruppen sortiert:(1) gesellschaftliche Leitmilieus,(2) bürgerliche Mainstream-Milieus und(3) postkonventionelle Milieus. 2 Zur ausführlichen methodischen Beschreibung dieser Untersuchung vgl. Kapitel„Untersuchungsanlage“. Einleitung 11 2. Zentrale Befunde 1 Bei Frauen der jüngeren Generationen aller Schichten und Milieus sind bestimmte familienund gleichstellungspolitische Themen angekommen und bestimmen ihren Blick auf ihre eigene Lebenslage, auf die Gesellschaft und ihre Forderungen an die Politik: » Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern ist groß, ungerecht und muss unbedingt und rasch beseitigt werden. » In einer Partnerschaft und nach der Familiengründung praktizieren junge Frauen traditionelle Geschlechterrollen. Obwohl sie dies eigentlich nicht wollen, ist es heute aus finanziellen Gründen sinnvoll und vernünftig, so zu handeln. Junge Frauen sehen einen engen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Entgeltlücke und der Retraditionalisierung der Aufgabenteilung nach der Geburt von Kindern. Für eine Beseitigung der rationalen Entscheidung in Richtung traditionelle Rollenteilung müsse unbedingt die Entgeltungleichheit beseitigt werden. In der Entgeltungleichheit sehen sie die Ursache, in der Entgeltgleichheit die entscheidende Lösung. » Es gibt nicht nur Gewalt gegen Frauen, sondern auch Männer sind Opfer von häuslicher(und öffentlicher) Gewalt. Familien- und Gleichstellungspolitik muss die Situationen und Bedürfnisse von Männern genauso ernst und gewichtig in den Blick nehmen wie jene von Frauen: Geschlechtersymmetrie in der Familien- und Gleichstellungspolitik. » Es gibt zu wenige Frauen in Führungspositionen! Die Mehrheit der jungen Frauen ist überzeugt, dass sich ohne gesetzliche Maßnahmen und Druck(Sanktionen) wenig tun wird. 2 Es kann als Erfolg der Familien- und Gleichstellungspolitik der letzten Jahre interpretiert werden, dass Gleichberechtigung in gleicher Wertigkeit Frauen und Männer in den Blick nehmen soll. Das ist seitens der Frauen heute eine klare Absage und Distanzierung von einer„Frauenförderung“. 3 Kinder bekommen? Das Thema ist nicht mehr selbstverständlich, sondern sorgenbehaftet. Bei jungen Frauen(noch) ohne Kind gibt es große(Organisations-, Abhängigkeits-, Finanzierungs-) Ängste bezogen auf die Entscheidung für ein Kind: Zum einen finden mit dem Partner schwierige Aushandlungsprozesse statt, vor dem Hintergrund eines im Freundeskreis immer wieder beobachteten und daher realistischen und wahrscheinlichen Risiko der Retraditionalisierung der Rollenteilung hinsichtlich Erwerbstätigkeit, Kinder, Haushalt. Zum anderen bekommen sie im Freundeskreis mit, dass die Kita-Versorgung(vor allem Krippenplätze, flexible Betreuungszeiten) unzureichend ist(vor allem in den Städten): sehr teuer, zu wenig Plätze, schlechte Öffnungszeiten, so dass sie auf private Anbieter angewiesen sind, die sie sich aber kaum leisten können(zum Teil 600 oder 900 Euro im Monat bei privaten Kitas). Vor dem Hintergrund hat sich die Grundeinstellung dieser Generation zentrale befunde 13 von Frauen aus allen Milieus etabliert, dass sich Frauen heute zwischen Beruf und Kindern entscheiden müssen: Es ist für die meisten eine Frage des finanziellen Kalküls, ob sie sich Kinder leisten können und wollen. Wenn sie sich für Kinder entscheiden, bedeutet das ein geringeres Einkommen und höhere Haushaltskosten – insofern sehen sie den Staat in der Pflicht, Familien deutlich mehr und deutlich länger zu unterstützen als derzeit durch das Elterngeld. 77% Vollzeit-Erwerbstätigkeit ohne Kinder vs. nach der Familiengründung Altersgruppe 18 bis 40 Jahre 80% 90% Quelle: DELTA-Basisuntersuchung „Gleichstellung 2015“ Basis: Frauen und Männer ab 18 Jahren, nicht mehr in Ausbildung © DELTA-Institut 22% ohne Kinder mit Kindern unter 18 J. im HH ohne Kinder mit Kindern unter 18 J. im HH 4 Junge Mütter, und auch Frauen vor der Entscheidung für oder gegen Kinder, sehen sich gegensätzlichen Rollenbildern ausgesetzt, bzw. erkennen sie keine Rollenvorbilder, wie man eine gute Mutter und erwerbstätige Frau sein kann: Einerseits ist eine Frau„Rabenmutter“, wenn sie mit Kindern Vollzeit erwerbstätig ist und gar eine Karriere anstrebt; andererseits ist sie„Hausmuttchen“, wenn sie ihren Job für mehr Zeit für ihre Familie aufgibt. Es gibt keine Vorbilder und Orientierungssicherheit, ab welchem Alter und wie lange sie ihr Kind in die Kita geben kann und wie lange sie arbeiten gehen kann bzw. soll. 5 Junge Frauen sehen sich als selbstbewusst, emanzipiert mit dem Ziel der finanziellen Unabhängigkeit – und beruflich gut qualifiziert. Doch sie beobachten bei Freund_innen und erleben selbst eine Retraditionalisierung in der Partnerschaft in der Phase vor oder nach der Familiengründung: Es geht derjenige zur Arbeit, der im Job„mehr Geld nach Hause bringt“ – in der Regel(90 Prozent) der Mann. Insofern ist es aus ihrer Sicht eine vernünftige, sinnvolle und rationale Entscheidung, wenn sie nach der Familiengründung ihre Erwerbsarbeit reduzieren. Mehr noch aber sind junge Frauen irritiert, dass ihr eigener Partner am traditionellen Ernährermodell festhalten will. Vor allem in modernen gehobenen Milieus(Performer, Postmaterielle, Etablierte) wünschen sich Männer in einer Partnerschaft endlich eine Familie und fragen ihre Partnerin, ob sie nicht auf ihren Job verzichten würde – finanziell könne man sich das leisten. 14 Was junge Frauen wollen 6 Wenn Kinder da sind, wollen Männer mehr Zeit mit den Kindern verbringen – z. B. durch eine längere Elternzeit. Aber das ist nicht rational und Männer stoßen innerhalb der Betriebe auf erhebliche Widerstände, wenn sie mehr als zwei oder drei Monate Elternzeit nehmen wollen(von kritisch-ironischen Fragen bis hin zum Verlust von Projekten und finanziellen Gratifikationen). 7 Sehr wichtig sind fast allen Frauen(Singles, Paare noch ohne Kinder, Verheiratete mit Kindern, Alleinerziehende) drei Forderungen: » Das Angebot an Krippenplätzen(für Kinder bis unter drei Jahren) muss erheblich und sehr schnell ausgebaut werden. » Kitas und Kindergärten müssen sich – anders als derzeit – als Serviceagentur für die Bedarfe der Eltern verstehen. Das verlangt eine Anpassung der Organisation und Öffnungszeiten an die Bedarfe einer globalisierten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft, die von ihren Mitarbeiter_innen – Müttern und Vätern – ein hohes Maß an Flexibilität, Mobilität und kurzfristige Reagibilität fordert. Das verlangt Betreuungsangebote(fast) rund um die Uhr sowie ein Eingehen auf die individuellen Bedarfe der Mütter und Väter. Damit ist nicht gemeint, dass Eltern ihre Kinder regelmäßig und ganztags in die Kita„abschieben“ wollen – im Gegenteil haben junge Mütter den Wunsch nach viel Zeit für ihr Kind, wenn sie sich für Kinder entscheiden. Aber wer im Einzelhandel tätig ist mit Öffnungszeigen bis 20 Uhr und länger, wer im Schichtdienst arbeitet, in der Gastronomie, am Samstag und/oder Sonntag(Krankenhäuser, Medien, Einzelhandel, Teile im öffentlichen Dienst, z. B. Polizei), wer für sein Unternehmen viel auf Reisen ist(deutschlandweit, europaweit, zwischen den Kontinenten), für den ist Kinderbetreuung elementar bei der Entscheidung für oder gegen Kinder. Nach Auffassung junger Frauen heute darf es nicht sein, dass es Frauen in diesen Berufen objektiv schwer haben, sich für Kinder zu entscheiden, dass sie als Rabenmutter gelten und Vorwürfen ausgesetzt sind(auch seitens der Erzieher_innen in den Kitas), wenn sie ihre beruflichen Bedarfe zeigen. » Kitaplätze müssen für Eltern kostenlos sein. Der Staat sollte das größte Interesse daran haben, dass mehr Kinder geboren werden(Demographie) und qualifizierte Frauen erwerbstätig sind(Fachkräfte). Insofern dürfen jene Frauen nicht finanziell benachteiligt(„bestraft“) werden, wenn sie sich für Kinder entscheiden. Angesichts der viel zu wenigen Krippenplätze und privaten Anbieter, die in Ballungszentren einen monatlichen Beitrag von etwa 300 bis 400 Euro, in einigen Städten(z. B. Stuttgart, München) sogar von 800 bis 1.100 Euro kosten, ist dies für die Mehrheit der Mütter eine erschreckend hohe Hürde, die den beruflichen Wiedereinstieg – in ökonomisch rationalem Kalkül – verzögert oder gar verhindert. Die staatlichen Transferleistungen mit den Beträgen von Kindergeld und das auf 1.800 Euro gedeckelte Elterngeld seien angesichts der realen Lebensverhältnisse von Frauen aus der Mitte der Gesellschaft und am unteren Rand viel zu gering. Diese Einschätzung wird vor allem von Frauen aus den gehobenen Schichten und Milieus betont – in Solidarität zu Frauen mit geringen Einkommen. Über alle Milieus und Lebensphasen hinweg wird gefordert, dass die Politik – endlich, unbedingt und sehr schnell – mehr tun muss für Mütter. Die Anerkennung der Leistung von Mützentrale befunde 15 tern und von Familien sei in der Wirtschaft und im staatlichen Unterstützungsportfolio erschreckend gering. Verbale Wertschätzung, so die Frauen, gäbe es zwar, es fehle signifikant an der finanziellen Wertschätzung. Familiengründung und Erziehung von Kindern(und künftigen Steuer- und Rentenzahler_innen) würden heute noch immer zu Lasten der eigenen Altersvorsorge von Frauen gehen. Insofern erzeuge oder erhöhe die Familiengründung für Frauen heute das Risiko der Altersarmut. Gleichstellungspolitik befasst sich noch nicht ausreichend mit den Bedürfnissen und Anliegen von Müttern Trifft voll und ganz zu Trifft eher zu Frauen 18 bis 40 Jahre 39% 81% 42% Trifft voll und ganz zu Trifft eher zu Männer 18 bis 40 Jahre 16% 61% 45% Trifft eher nicht zu 16% Trifft eher nicht zu 32% nicht zu Trifft überhaupt 3% nicht zu Trifft überhaupt 7% Quelle: DELTA-Basisuntersuchung„Gleichstellung 2015“© DELTA-Institut 8 Frauen in der Mitte der Gesellschaft und mehr noch in gesellschaftlichen Leitmilieus verlangen von der Politik und wünschen sich von ihrem Arbeitgeber eine individuelle Flexibilität von Arbeitszeit, täglichem Arbeitspensum und Arbeitsort: Das Ergebnis muss stimmen. Frauen mit sehr hoher Qualifikation identifizieren in Deutschland eine merkwürdige Büroanwesenheitsnorm mit der Haltung, dass Arbeiten„ungemütlich“ sein muss, damit sie als wertvoll gilt. Diese Frauen würden gern selbstorganisiert mit selbstbestimmter Zeiteinteilung innerhalb der Projekt-Slots arbeiten und sind überzeugt, dass dies die Qualität und den Ertrag verbessern würde. Das erfordere eine Umstellung im Denken bei der Leitung, weg von der äußerlichen Büropräsenz hin zum ergebnisorientierten Arbeiten – im Rahmen der Projekterfordernisse egal wo und wann – nach individuellen Präferenzen und Neigungen. » In nahezu allen Milieus würden junge Frauen im Alter ab 30/35 Jahren gern weniger arbeiten. Ihr„tatsächliches“ wöchentliches Arbeitspensum liegt meist deutlich über der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit – ideal erscheint ihnen ein Volumen von 30 bis 35 Stunden pro Woche. Das gilt vor allem für jene Frauen, die mit sehr hoher Qualifikation seit Jahren deutlich über 50 Stunden pro Woche arbeiten; sie machen die Erfahrung, dass sie nicht dauerhaft so powern können – zudem lässt sich so keine Familie gründen und kein Familienleben gestalten. Vollzeitnahe Teilzeit und Flexibilität des Arbeitsvolu16 Was junge Frauen wollen mens im Erwerbsverlauf mit verlässlichen Rahmenbedingungen(z. B. Sicherheit des Arbeitsplatzes) wären für sie gute Lösungen. » Dieser Wunsch nach moderater Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit ist in fast allen Milieus ausgeprägt, mit einer signifikanten Ausnahme: Frauen im Milieu„Benachteiligte“ wollen, wenn sie einen Job haben, auf keinen Fall weniger als bisher arbeiten. Der Anteil der Alleinerziehenden und Familienernährerinnen ist hier sehr hoch(ihr Partner ist seit Jahren arbeitslos oder nicht arbeitsfähig u. Ä.). Trotz eines Stundenumfangs von 35 oder 40 Stunden pro Woche(in manchen Branchen wie Gastronomie noch höher) sind ihre finanziellen Mittel so knapp, dass sie gegen Ende eines Monats kaum wissen, wie sie die nächsten Tage finanzieren sollen(es bleibt wenig übrig, z. B. um mit ihren Kindern etwas zu unternehmen wie Zoobesuch, Erlebnisparks oder ihren Kindern andere Wünsche zu erfüllen). So sind einige gezwungen, stets nach Schnäppchenangeboten und Rabattaktionen zu suchen – weniger zu arbeiten können sie sich nicht leisten. 9 Bei jungen Frauen in gehobenen Milieus(mit relativ hohem Einkommen) ist die Frage ihrer späteren Rente sehr präsent. Insofern wollen sie auf ihre Erwerbstätigkeit nicht verzichten. Hingegen denken Frauen mit den geringsten Einkommen am wenigsten über ihre Rente nach. Sie sind aktuell so sehr mit der Finanzierung ihres wöchentlichen und monatlichen Lebensunterhalts beschäftigt und bedrängt, dass sie sich keine Gedanken machen, was später kommt(das ist zu weit weg, Luxus). 10 Das Thema„Frauen in Führungspositionen“ ist für die jungen Frauen in Deutschland auch nach der 2015 beschlossenen gesetzlichen Quotenregelung für Aufsichtsräte noch längst nicht gelöst und erledigt. Die gesetzliche Quotenregelung(„Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst“) begreifen junge Frauen als Meilenstein, dem weitere folgen müssen. Aus ihrer Sicht ist das„Quotengesetz“ sehr wichtig; doch ebenso groß ist ihre Skepsis, dass sich trotz Gesetz – ohne Sanktionen – viel verändern wird. Daher ist ein großer Teil der Frauen irritiert und kritisiert, dass das Thema seitens der Politik offenbar erledigt ist – das ist es für junge Frauen, insbesondere mit hoher Qualifikation, keineswegs. Dass sich die Politik hier selbst feiert, versteht man zwar aufgrund der enormen Widerstände in den letzten Jahren, aber dass es keine weiteren Initiativen gibt, wird heftig kritisiert. Junge Frauen fordern von der Politik, das Quotengesetz lediglich als ersten Etappenschritt zu sehen, dem sehr schnell weitere folgen müssen. Und wenn Unternehmen nicht schnell deutlich mehr Frauen in Führung haben(oder sich für die Vorstandsebene und obere Führungsebene nur sehr geringe Ziele setzen – z. B. den Status quo festschreiben oder sogar das Ziel Null Frauen in Führung –, womit sie dem aktuellen Quotengesetz Genüge tun), muss die Politik umgehend verbindliche Mindestanteile vorgeben, mit spürbaren Sanktionen bei Verstoß. Mit großem Nachdruck fordern junge Frauen, dass es eine Quotenregelung nicht nur für Aufsichtsräte geben muss(was nur wenige Personen betrifft), sondern eine gesetzliche feste Quote auch für Vorstände und das gehobene Management – viele der jungen Frauen fordern kurzfristig wirksame Maßnahmen auch für das mittlere Management. Vor allem Frauen in den gesellschaftlichen Leitmilieus(Etablierte, Postmaterielle, Performer) betonen, dass sie kein„Fan“ einer Quotenrezentrale befunde 17 gelung seien und selbst keine„Quotenfrau“ sein wollten, aber dieses Thema müsse man mit diesem zwar von ihnen nicht geliebten, aber sachlich notwendigen Instrument weiter in die richtige Richtung voranschieben. Es ist auffällig, dass in allen Schichten und Milieus das Thema„Frauen in Führungspositionen“ eine hohe symbolische Bedeutung aufweist. Obwohl die meisten Frauen von dem Quotengesetz selbst nicht betroffen sind und keinen eigenen Nutzen davon haben, ist es für sie ein Ausweis dafür, wie ernsthaft die Politik, die Parteien und der Gesetzgeber bestrebt sind, die Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen, die gleich gut wie Männer qualifiziert sind, aufzulösen. Wenn die Politik, so die Perspektive, schon bei diesem nur wenige Frauen betreffenden Thema die berechtigten Anliegen gleichberechtigten Teilhabe gegenüber der männlich dominierten Wirtschaft nicht durchzusetzen vermag, wie viel schwerer wird es bei anderen Themen sein, die die Mehrheit der Frauen betreffen(Entgelt, Elternzeit, Kitas, beruflicher Wiedereinstieg, Ehegattensplitting u. a.). Vor diesem Hintergrund sehen junge Frauen das Thema„Frauen in Führung“ sensibel und kritisch als symbolisches Bewährungsthema der Politik. Am kurzfristigen Ergebnis machen sie ihr Vertrauen in die Durchsetzungskraft und Glaubwürdigkeit der Politik fest, vor allem hinsichtlich des politischen Leitwerts Gerechtigkeit. 11 Junge Frauen mit Migrationshintergrund beklagen, dass sie bei Bundes- und Landtagswahlen in Deutschland nicht wählen dürfen. Jene, die in Deutschland aufgewachsen sind und jene, die seit Jahren in Deutschland leben, sich hier ihre Zukunft aufbauen(wollen) und Deutschland als ihren Lebensort und ihre Heimat betrachten, möchten bei der Wahl der politischen Entscheidungsträger_innen mitbestimmen können, auch wenn sie formal keine deutsche Staatsbürgerschaft haben oder bekommen können. 12 Nur zehn Prozent der Frauen im Alter bis 40 Jahren sind der Meinung, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland voll und ganz realisiert ist – und auch nur 15 Prozent der Männer vertreten diese Auffassung. Insofern ist es eine von Frauen und Männern dieser Generation geteilte Wirklichkeitsdiagnose, dass Gleichstellung ein noch unvollendetes Projekt darstellt. Frauen und Männer dieser Generation begreifen Gleichstellung nicht als Kampf gegeneinander, sondern als gemeinsames Projekt der Strukturveränderung. Insgesamt ist die Minderheit von 49 Prozent der Frauen der Meinung, dass Gleichstellung mehr oder weniger erreicht ist. Die Mehrheit von 51 Prozent der Frauen stellt hingegen die Diagnose, dass Gleichstellung von Frauen und Männern(eher) nicht realisiert ist, elf Prozent nennen überhaupt nicht. 18 Was junge Frauen wollen „In Deutschland ist die Gleichstellung von Frauen und Männern realisiert“ Trifft voll und ganz zu Trifft eher zu Frauen 18 bis 40 Jahre 10% 49% 39% Trifft voll und ganz zu Trifft eher zu Männer 18 bis 40 Jahre 15% 53% 38% Trifft eher nicht zu Trifft überhaupt nicht zu 40% (eher) Nein: 51% 11% Trifft eher nicht zu Trifft überhaupt nicht zu 40% (eher) Nein: 47% 7% Quelle: DELTA-Basisuntersuchung„Gleichstellung 2015“© DELTA-Institut Insgesamt ist nur eine Minderheit junger Frauen der festen Überzeugung, dass in Deutschland die Gleichstellung von Frauen realisiert ist – mit deutlichen Unterschieden zwischen den Milieus: Am häufigsten sind Frauen aus dem Milieu„Konservative“(29 Prozent im Milieu) und„Traditionell“(20 Prozent im Milieu) dieser Meinung: Selbst im konservativtraditionellen Segment sind insgesamt nur ein Viertel der jungen Frauen der Überzeugung, dass die im Grundgesetz verankerte Gleichstellungsnorm voll und ganz umgesetzt ist – drei Viertel meinen das nicht. Und es ist zu berücksichtigen, dass diese Milieus nur einen kleinen Anteil an der Gesamtheit junger Frauen ausmachen. Am geringsten ist die Diagnose realisierter Gleichstellung bei Frauen im Milieu„Postmaterielle“, deren Identität und politische Orientierung sich über die Themen Aufklärung, Emanzipation, Gerechtigkeit bestimmen. Daher ist vor allem dieses Milieu der Überzeugung, dass Geschlechtergerechtigkeit und Gleichstellung von Frauen und Männern nicht nur im Horizont von Frauenförderung zu sehen ist, sondern Vorteile für beide mit sich bringt: 53 Prozent aller jungen Frauen sind dieser Meinung, besonders häufig im Milieu„Postmaterielle“(69 Prozent) und„Expeditive“(68 Prozent), mehrheitlich aber auch bei„Etablierten“ (57 Prozent) und„Performern“(56 Prozent). Es sind somit diese gesellschaftlichen Leitmilieus, in denen junge Frauen Gleichstellung als symmetrisches Projekt begreifen und nicht als einseitige Frauenförderung. Die Mehrheit der jungen Frauen, vor allem aus den Leitmilieus, verlangen von der Familien- und Gleichstellungspolitik unbedingt eine – heute zeitgemäße – Symmetrie in der Aufmerksamkeit und Gewichtung von Themen für Frauen und Männer. Es ist nicht mehr die Erkenntnis, Männer mitzunehmen, damit Frauenziele besser erreicht werden, sondern(1) die berechtigten Anliegen, Bedarfe,(Lebenslauf-)Perspektiven von Männern in den Blick zu nehmen, ohne damit die Belange von Frauen zu relativieren oder zu reduzieren und ohne damit maskulinistische Strömungen zu bedienen, sowie(2) „Geschlecht“ nicht mehr nur binär und heteronormativ zu thematisieren. zentrale befunde 19 Oberschicht Obere Mittelschicht Mittelschicht Untere Mittelschicht Unterschicht „In Deutschland ist die Gleichstellung von Frauen und Männern realisiert“ Trifft voll und ganz zu Ø= 10% Konservative 29% Traditionelle 20% Etablierte 12% Bürgerliche Mitte 12% Postmaterielle 4% Performer 13% Expeditive 11% Benachteiligte 7% Hedonisten 8% Soziale Lage nach Mikrozensus und OECD Grundorientierung A1 Unterordnung Pflicht, Akzeptanz Selbstkontrolle „Festhalten“ A2 Einordnung Konservative Modernisierung „Wandel akzeptieren“ Gemeinsame Traditionen B1 Lebensstandard Status, Besitz, Teilhabe Kennen, Können, Ankommen „Geltung& Genuss“ B2 Aufklärung, Emanzipation Aufbruch, Widerstand Ganzheitlich leben „Sein& Verändern“ Selbstverwirklichung C1 Flexibilität, Mobilität Optionalität Erfolgs-Pragmatismus „Machen& Erleben“ C2 Management von Grenzen Synthesen, Synästhesien Pragmatischer Idealismus „Grenzen überschreiten“ Selbstmanagement Quelle: DELTA-Institut 2015 Basis: Frauen von 18 bis 40 Jahren überdurchschnittlich durchschnittlich unterdurchschnittlich Oberschicht Obere Mittelschicht Mittelschicht Untere Mittelschicht Unterschicht „Gleichstellung von Frauen und Männern hat Vorteile für beide“ Trifft voll und ganz zu Ø= 53% Konservative 32% Traditionelle 30% Etablierte 57% Bürgerliche Mitte 41% Postmaterielle 74% Performer 56% Expeditive 68% Benachteiligte 46% Hedonisten 32% Soziale Lage nach Mikrozensus und OECD Grundorientierung A1 Unterordnung Pflicht, Akzeptanz Selbstkontrolle „Festhalten“ A2 Einordnung Konservative Modernisierung „Wandel akzeptieren“ Gemeinsame Traditionen B1 Lebensstandard Status, Besitz, Teilhabe Kennen, Können, Ankommen „Geltung& Genuss“ B2 Aufklärung, Emanzipation Aufbruch, Widerstand Ganzheitlich leben „Sein& Verändern“ Selbstverwirklichung C1 Flexibilität, Mobilität Optionalität Erfolgs-Pragmatismus „Machen& Erleben“ C2 Management von Grenzen Synthesen, Synästhesien Pragmatischer Idealismus „Grenzen überschreiten“ Selbstmanagement Quelle: DELTA-Institut 2015 Basis: Frauen von 18 bis 40 Jahren überdurchschnittlich durchschnittlich unterdurchschnittlich 20 Was junge Frauen wollen © DELTA-Institut © DELTA-Institut 13 Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit sind für Frauen und Männer elementare Bausteine nicht nur in ihrer partnerschaftlich-privaten Lebenswelt, sondern für die Gesellschaft. Für 85 Prozent der Frauen und 84 Prozent der Männer ist Gleichstellung wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Geschlechtergerechte Rahmenbedingungen sind nach ihrer Auffassung keineswegs optionale Facetten, sondern notwendige Ingredienzien für den„Kitt“ der Solidarität und Verbundenheit. Diese Sichtweise der Frauen und Männer heute bedeutet, dass Gleichstellungsdefizite den Zusammenhalt gefährden und dass Ungleichstellung befördernde Fehlanreize und Rahmenbedingungen gesellschaftliche Bruchstellen verursachen. „Gleichstellung ist wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft“ Trifft voll und ganz zu Trifft eher zu Frauen 18 bis 40 Jahre 49% ganz zu Trifft voll und 85% 36% Trifft eher zu Männer 18 bis 40 Jahre 34% 84% 50% Trifft eher nicht zu 13% Trifft eher nicht zu 14% nicht zu Trifft überhaupt 2% Trifft überhaupt nicht zu 2% Quelle: DELTA-Basisuntersuchung„Gleichstellung 2015“© DELTA-Institut 14 Vor diesem Horizont ist Geschlechtergerechtigkeit für Frauen in der Mitte des Lebens heute keine abstrakte Vorstellung oder diffuse Forderung, sondern gliedert sich in konkrete mehrdimensionale Handlungsfelder. Diese erstrecken sich auf Strukturen von Arbeitsmarkt und Sozialversicherung(Entgeltgleichheit, Rente), auf familienpolitische Rahmenbedingungen und Infrastrukturen(Elternzeit, Versorgung der Kinder, Öffnungszeiten von Kitas, Pflegezeit für Angehörige) sowie auf private partnerschaftliche Arrangements(Aufgaben im Haushalt). Die Vorstellungen von jungen Frauen zu Geschlechtergerechtigkeit reichen über ein breites Spektrum von Maßnahmen und Visionen. Das Ranking der verschiedenen Aspekte kann interpretiert werden als Präferenz und Dringlichkeitsordnung für Aufgaben der Familien- und Gleichstellungspolitik heute. Die abgestuften Zustimmungsgrade(„stimme voll und ganz zu“,„stimme eher zu“) lassen gut erkennen, worin Frauen in der Mitte des Lebens die dringlichsten Handlungsbedarfe sehen. » Vorn im Ranking, somit im inneren Kern der Vorstellung von Geschlechtergerechtigkeit, findet sich die Vision der Entgeltgleichheit, so dass Frauen und Männer bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit denselben Stundenlohn erhalten(„bereinigte Lohnlücke“): Für 96 Prozent der jungen Frauen ist diese Entgeltgleichheit„wichtig“, für 72 Prozent„sehr wichtig“. zentrale befunde 21 » An zweiter Stelle der Bedeutsamkeit für Geschlechtergerechtigkeit steht in der Einstellung der Frauen, dass gemeinsam getroffene Entscheidungen für keinen Partner höhere Risiken oder Nachteile zur Folge haben(z. B. für Erwerbstätigkeit, eigene Rente): 95 Prozent sind dieser Auffassung, 57 Prozent sehr stark. » An dritter Stelle steht die Vorstellung, dass es keine Rentenlücke zwischen Frauen und Männern mehr geben darf: ein Votum von 94 Prozent der unter 40-jährigen Frauen, sehr ausgeprägt bei 61 Prozent. » An vierter Stelle steht für Frauen die Aufhebung der sektoralen Segregation von Frauen- und Männerberufen – eine der Ursachen für die Entgeltungleichheit. Für das Ziel der Geschlechtergerechtigkeit sollen typische Frauenberufe genauso gut bezahlt werden wie typische Männerberufe, so fordern es 93 Prozent der Frauen, 61 Prozent sehr nachhaltig. » Weitere Bedeutung haben die Vorstellungen und Forderungen, dass in einer Partnerschaft beide dieselben Möglichkeiten zur Erwerbstätigkeit erhalten sollten, dass in der Familienarbeit(Versorgung der Kinder, Pflege von Angehörigen) beide Partner dieselben Pflichten(und Chancen) haben, dass es für Männer selbstverständlich wird, in bestimmten Übergangsphasen für die Familienarbeit ihre Erwerbstätigkeit zu unterbrechen oder zu reduzieren, dass sich Frauen und Männer die Aufgaben im Haushalt in etwa gleichem (zeitlichen) Maße teilen, dass im Arbeitsmarkt etwa gleich viele Frauen wie Männer in Führungspositionen sind: Über 80 Prozent der jungen Frauen halten dies für wichtige Bausteine von Geschlechtergerechtigkeit. Auch Kriterien und Visionen von Geschlechtergerechtigkeit auf den weiteren Rangplätzen sind in ihrer Relevanz für die Geschlechtergerechtigkeit und den Zusammenhalt der Gesellschaft von tragender Bedeutung: z. B. Väter nehmen etwa genauso viele Monate Elternzeit wie Mütter(67 Prozent); der Anteil der Väter in Elternzeit ist so hoch wie der Anteil der Mütter in Elternzeit(71 Prozent); in der Arbeitswelt haben gleich viele Frauen wie Männer eine Vollzeitstelle(78 Prozent). Hier zeigt sich, dass Frauen im Alter bis 40 Jahren Geschlechtergerechtigkeit keineswegs statisch nur auf ihre aktuelle Situation beziehen, sondern dynamisch in ihrer Lebensverlaufsperspektive begreifen und entwerfen. Das mehrdimensionale Spektrum von Geschlechtergerechtigkeit sowie die hohe Relevanz, die den einzelnen Zielvorstellungen zugeschrieben wird, sind deutliche Indikatoren dafür, dass sich Geschlechtergerechtigkeit nicht durch Fokussierung auf ein einzelnes Ziel erreichen oder durch Reduktion auf wenige Teilziele lösen lässt. 15 Als grundlegende Anforderungen an die Politik wollen Frauen aller Milieus, dass politische Akteure ihr Tun als„Anwaltschaft“ begreifen für die(subjektiven) Interessen von Frauen und Männern in einer sich immer schneller wandelnden Gesellschaft, in der sich Einstellungen und Bedarfe der Menschen ändern. Gerechtigkeit scheint bei jungen Frauen der archimedische Punkt zu sein, aber nicht(mehr) als(weltanschaulich-ideologischer) Programmbegriff, sondern als pragmatische Ziel- und Bilanzkategorie. Das lässt sich vielleicht als„Bedarfsgerechtigkeit“ bezeichnen, wenn darunter verstanden wird, dass sich mit dem gesellschaftlichen Wandel von Lebensverläufen, Partnerschaften, Familie, Arbeitswelt u. a. die Bedarfe ändern. 22 Was junge Frauen wollen Geschlechtergerechtigkeit ist erreicht, wenn … 10= stimme voll und ganz zu 10= Stimme zu Frauen und Männer bei gleichwertiger Qualifikation und Tätigkeit denselben Stundenlohn erhalten 7 72% 20+2 24 4 % 0= gemeinsam getroffene Entscheidungen für keinen Partner höhere Risiken oder Nachteile zur Folge haben 5 57% 70+3 38% 80= Frauen etwa so viel eigene Rente bekommen wie Männer: keine Rentenlücke zwischen Frauen und Männern 6 61% 10+3 33% 30= typische Frauenberufe genauso bezahlt werden wie typische Männerberufe (bei gleichwertiger Ausbildung, Qualifikation) 6 61% 10+3 32% 20= 96% 95% 94% 93% in einer Partnerschaft beide dieselben Möglichkeiten haben, erwerbstätig zu sein 5 57% 70+3 34% 40= in der Familienarbeit(Versorgung der Kinder, Pflege Angehöriger) beide Partner dieselben Chancen und Pflichten haben 4 47% 70+4 41% 10= es für Männer selbstverständlich wird, für Familienaufgaben die Erwerbstätigkeit zu unterbrechen oder zu reduzieren 4 42% 20+4 42% 20= 91% 88% 84% Partner sich die Aufgaben im Haushalt in etwa gleichem zeitlichen Maße teilen 4 40% 00+4 43% 30= 83% etwa gleich viele Frauen wie Männer in Führungspositionen sind 4 40% 00+4 42% 20= 82% etwa gleich viele Frauen wie Männer eine Vollzeitstelle haben 3 36% 30+4 42% 20= der Anteil der Väter, die Elternzeit nehmen, etwa so hoch ist wie der Anteil der Mütter, die Elternzeit nehmen 2 28% 80+4 43% 30= 78% 71% Väter etwa genauso viele Monate Elternzeit nehmen wie Mütter 2 28% 80+3 39% 90= 67% Quelle: DELTA-Basisuntersuchung„Gleichstellung 2015“ Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren Top2-Werte(Zustimmung) einer vierstufigen Skala © DELTA-Institut zentrale befunde 23 3. Milieudifferenzierte Befunde DELTA-Milieus ® in Deutschland Frauen 18 bis 40 Jahre Oberschicht Obere Mittelschicht Mittelschicht Untere Mittelschicht Unterschicht Konservative 2% Traditionelle 3% Etablierte 5% Bürgerliche Mitte 19% Postmaterielle 11% Performer 20% Expeditive 15% Benachteiligte 13% Hedonisten 12% Soziale Lage nach Mikrozensus und OECD Grundorientierung A1 Unterordnung Pflicht, Akzeptanz Selbstkontrolle „Festhalten“ A2 Einordnung Konservative Modernisierung „Wandel akzeptieren“ Gemeinsame Traditionen B1 Lebensstandard Status, Besitz, Teilhabe Kennen, Können, Ankommen „Geltung& Genuss“ B2 Aufklärung, Emanzipation Aufbruch, Widerstand Ganzheitlich leben „Sein& Verändern“ Selbstverwirklichung Gesellschaftliche Leitmilieus Bürgerliche Mainstream-Milieus C1 Flexibilität, Mobilität Optionalität Erfolgs-Pragmatismus „Machen& Erleben“ C2 Management von Grenzen Synthesen, Synästhesien Pragmatischer Idealismus „Grenzen überschreiten“ Selbstmanagement Postkonventionelle Milieus © DELTA-Institut Milieudifferenzierte Befunde 25 Gesellschaftliche Leitmilieus »Performer« 26 Was junge Frauen wollen 3.1. Delta-Milieu„Performer“(20 Prozent) Milieuverteilung von Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren Oberschicht Obere Mittelschicht Mittelschicht Untere Mittelschicht Unterschicht Konservative 2% Traditionelle 3% Etablierte 5% Bürgerliche Mitte 19% Postmaterielle 11% Performer 20% Expeditive 15% Benachteiligte 13% Hedonisten 12% Soziale Lage nach Mikrozensus und OECD Grundorientierung A1 Unterordnung Pflicht, Akzeptanz Selbstkontrolle „Festhalten“ A2 Einordnung Konservative Modernisierung „Wandel akzeptieren“ Gemeinsame Traditionen B1 Lebensstandard Status, Besitz, Teilhabe Kennen, Können, Ankommen „Geltung& Genuss“ B2 Aufklärung, Emanzipation Aufbruch, Widerstand Ganzheitlich leben „Sein& Verändern“ Selbstverwirklichung C1 Flexibilität, Mobilität Optionalität Erfolgs-Pragmatismus „Machen& Erleben“ C2 Management von Grenzen Synthesen, Synästhesien Pragmatischer Idealismus „Grenzen überschreiten“ Selbstmanagement © DELTA-Institut Kurzcharakteristik: Die aufgrund ihrer fachlichen Qualifikation, persönlichen Skills und Leistungsfähigkeit sehr selbstbewusste, effizienzorientierte, optimistisch-pragmatische junge Leistungselite mit global-ökonomischem Denken, stilistischem Avantgarde-Anspruch und intensiver IT- und Multimedia-Nutzung(IT als verlängertes Sinnesorgan). Mentale und kulturelle Flexibilität, Geschwindigkeit und Know-how als Wettbewerbsvorteile. Klare Positionen beziehen, aber sich nichts – aus Prinzip – versperren, verbieten, verbauen, sondern multioptional sein; auf verschiedenen Bühnen sicher und professionell auftreten. Ein sensibles Gespür für die Macht von Charme und Design, vor allem in der dialogischen Kommunikation: Charme und Aufgeschlossenheit,„attraktiv“ in Kleidung, Habitus und Sprache. Widrigkeiten nur insofern in den Blick nehmen, als Lösungen in Aussicht und realistisch erreichbar sind. Veränderung ist der primäre Impuls(Aversion gegen Stillstand) und Reflex, auf Krisen und Probleme zu reagieren. Was sie machen, wollen sie unbedingt richtig und sehr gut machen(„Erste“ sein). Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 27 3.1.1 Werte und Lebensstil • Weltbild: Das Leben ist ein von jedem Einzelnen frei wählbarer und gestaltbarer Parcours. Modernisierung und technologischer Fortschritt sind unaufhaltsam, in ihren Folgen – summa summarum – positiv und faszinierend. Erfolg hat nur, wer dies als Herausforderung begreift und die sich ständig neu bietenden Chancen nutzt. • Selbstbild(Ich-Ideal): die neue ökonomische, technologische und kulturelle Elite; Entrepreneur-Mentalität. • Abgrenzung: Ablehnung von(„blockierender“,„unproduktiver“) Fundamentalkritik, von Innovations- und Technikfeindlichkeit, Kulturpessimismus, traditionalistischen Konventionen, überkommenen Regeln(„Sonntagsarbeit“) und„Gewerkschaftsmentalität“. • Leitmotive: Exploration und Innovation; Erfolg durch adaptive Navigation; eigene Talente und Passionen zum Beruf machen. Lebensstil • Trendsetter-Bewusstsein, Zugehörigkeit zur jungen Elite; Offenheit gegenüber Globalisierung und Deregulierung, Selbstverständnis als Teil des global village. Ich-Vertrauen, Leistungsoptimismus und Fähigkeit zur Krisenbewältigung; keine Festlegung auf konventionelle Lebensmuster(Patchworking), Multioptionalität(„Mein Motto ist: Augen auf, wach gegenüber Neuerungen bleiben“). • Selbstverständliche Integration der neuen Medien in die Lebensführung(beruflich und privat); positive Einstellung zur modernen Technik(Hightech-Faszination). Zeitung und Zeitschriften lesen; Motiv:„auf der Höhe der Zeit sein“;„aktuell und umfassend informiert sein“(smart education); häufig Fachzeitschriften, Fachbücher, oft Titel von Bestseller-Listen; Motiv: Unterhaltung zum Abschalten, Eintauchen in andere spannende Welten; Orientierung an prominenten Buchempfehlungen. • Infotainment und(demonstratives) Interesse an Hochkultur(aktuelle Ausstellungen und Lesungen besuchen, Theater, Konzerte, Kleinkunst); ebenso die neue anspruchsvolle Avantgarde(Kleinkunst, Jazz, Independent) und Subkulturen. • Großes Interesse an sportlicher Betätigung(Trendsport, Extremsport, Fitness-Studio, Squash etc.); Freizeitgestaltung mit Kino, Disco, Kneipe, Events, Kunst. Favour für Trendund Extremsportarten, z. B. Freeclimbing, Paragliding, Inline-Skating, Snowboarding, Segeln, Surfen, Kitesurfen, Squash, Fitnessstudio: Ziel sind Fun und Selbstoptimierung, auch Stressabbau; Wettkampf mit anderen, das eigene Vermögen kennenlernen und die Leistungsgrenze austesten. Andererseits zum„Runterkommen“ und zur Kompensation: Mentales Training, Yoga, Meditation, Pilates: Abstand und Besinnung gewinnen. • Reisen ins Ausland(privat und beruflich): neue Länder entdecken und in großen Ländern besondere Regionen und Orte, Highlights und Special Events(„Ich war schon fast überall, aber es gibt noch so vieles“). 28 Was junge Frauen wollen „Ich wünsche mir von der Familienund Gleichstellungspolitik … … dass mehr Frauen in die Politik kommen, weil wir ein bisschen mehr nachdenken und rationeller sind.“ … dass Sachen eingehalten werden, die immer so groß vor den Wahlkämpfen nach außen getragen werden.“ … dass die normale Mittelschicht und Alleinerziehende mehr Thema sind. Ich habe oft den Eindruck, aus Sicht der Politik ‚läuft das schon‘ bei der normal arbeitenden Frau.“ … gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Egal welches Geschlecht, egal woher jemand kommt: Gleichwertige Leistung muss gleichwertig belohnt und bewertet werden.“ Wenn man schon Anwesenheitspflicht hat, könnte man doch ein Mutter-Kind-Büro machen, da hat man auch nicht konstant schreiende Babys. Es kann nicht sein, dass man seine Kinder in eine Krippe abgeben muss, die könnten sich doch auch im Spielzimmer nebenan aufhalten. Einen Krippenplatz kriegen nur Wenige – und die Privaten sind unverschämt teuer: Ich zahle 900 Euro. Kinderbetreuung in Deutschland ist sehr schwierig und sehr unflexibel.“ 3.1.2 Erwerbsarbeit: höchst ambitioniert und optimistisch – doch irritiert von traditionellen Rollenbildern junger Männer Junge Frauen in diesem Milieu verfügen mehrheitlich über eine sehr gute akademische Qualifikation, sind beruflich in hohem Maße leistungsbereit, engagiert(hinsichtlich der Arbeitsquantität und-qualität) und ambitioniert: Sie wollen am Puls der Zeit sein, an etwas Großartigem beteiligt werden und etwas bewegen, sich stets weiterentwickeln und weiterkommen. Einige machen schon während ihres Studiums, die meisten während ihrer Berufstätigkeit die überraschende und frustrierende Erfahrung, dass es in ihrem Umfeld eine Vielzahl von Männern gibt, die längst überholt geglaubte traditionelle Einstellungen und ein(mehr oder weniger charmant verpacktes) chauvinistisches Verhalten gegenüber Frauen zeigen. Wenn sie diesen gegenüber selbstbewusst auftreten, werden sie stigmatisiert als komplizierte, anstrengende,„zickige“ Frauen. Für Frauen in diesem Milieu ist es eine überraschende Feststellung, dass sie heute – viele Jahrzehnte nach den Emanzipationsbewegungen und sozusagen in der postemanzipatorischen Ära – keineswegs nur mit ihren individuellen Einstellungen und Fähigkeiten, Stärken und Schwächen, Motiven und Zielen gesehen und bewertet werden, sondern dass sie Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 29 Typische Berufe als Person(1) unter die Globalkategorie „Frau“ vorsortiert werden mit der Zuschrei(aus den Gruppendiskussionen): bung„frauentypischer“ klischeehafter Eigenschaften,(2) sie in einem weiteren„DiffeWirtschaftsinformatikerin, Senior Prorenzierungsschritt“ allein aufgrund ihrer ject Managerin und Key Account einer Äußerlichkeit auf- oder abgewertet und somit großen Werbeagentur, Redakteurin im Gesamtspektrum der Frauen„eingeordnet“ einer überregionalen Tageszeitung, werden. Wenn sie sich gegen diese ZuschreiAnwältin, Leiterin Einkauf in einem bungen wehren, verstärken sie nur das ihnen Modeunternehmen, Mitarbeiterin in zugeschriebene Stigma: ein auswegloser Kreiseinem Digitalisierungsunternehmen lauf. Ihr Selbstbild als selbstbestimmte, qualififür physische Daten(Start-up: 3 Mitzierte und hochkompetente Fachfrau und Auarbeiter_innen), Studentin der Betriebstorin ihres Lebenslaufs finden sie im Alltag zwar wirtschaftslehre normalerweise bestätigt. Doch immer wieder schießen seitens der Männer(und mancher Frauen) plötzlich tief verankerte wirkmächtige Geschlechterklischees an die Oberfläche – meist dezent, humorvoll verpackt oder im fürsorglichen Gestus. Das erleben diese Frauen als verstörende unzeitgemäße Irritation, die auf eine noch wirksame und kraftvolle Realität schließen lässt, mit der sie sich nicht arrangieren wollen. „Ich habe promoviert und es ist wirklich schwierig mit den Professoren, denn die ‚Damen‘ mit den kurzen Röcken bekommen eine halbe Note besser. Das geht nicht! Jungs, die eine Doktorarbeit schreiben, haben einen anderen Stellenwert. Ich bin klein und zierlich, sehe auch noch so jung aus, und dann kommen die daher und fragen: ‚Ach ja, kennst du dich aus mit einem USB-Stick?‘ Dann sind wir auf derselben Ebene. Wie wäre es da mal, mit den ganzen Klischees aufzuräumen?“ „Ich habe das persönlich erlebt, als ich mich bei einer Rechtsanwaltskanzlei beworben habe. Da hat mich der Chef nach meinen Noten gefragt und ich habe ihm alles vorgelegt. Da sagte er: ‚Sie haben super Noten, aber was werde ich mit Ihnen mit 30 machen? Wollen Sie keine Kinder haben?‘ Ich habe ihm gesagt, das sei meine Privatsache, ich wolle arbeiten!“ „Ich erlebe das auch ganz oft bei Gerichtsverhandlungen: Wenn sich Richter und Anwälte gegenüber sitzen, hört man mich schon gut. Aber wenn ich lauter werde, da heißt es ‚Beruhigen Sie sich!‘“ „Wenn sich Frauen wehren und sachlich streiten, sind sie die ‚echauffierte Zicke‘. Wenn ein Mann sich wehrt, gilt das als Durchsetzungsstärke.“ „Ich höre oft bei meinen männlichen Kollegen so Sätze wie: Frauen sind so kompliziert und zickig.“ 30 Was junge Frauen wollen Frauen aus dem Performer-Milieu haben ein Frauenselbstbild, das sie in einen diametralen Gegensatz zum traditionellen Frauenbild stellen: selbstbewusst, finanziell unabhängig, emanzipiert, stark, kompetent, unerschrocken. Zugleich sehen sie dieses Selbstbild als Frau ambivalent, weil sich moderne und beruflich geforderte Eigenschaften von Frauen gleichzeitig für diese als nachteilig erweisen können: weil dieselben Attribute bei Männern und Frauen unterschiedlich bewertet werden. So stellen sie beispielsweise fest, dass berufliche Niederlagen für Männer weniger negative Konsequenzen nach sich ziehen als für Frauen; umgekehrt bekommen Männer bei beruflichen Erfolgen mehr finanzielle und soziale Gratifikationen als Frauen. Generell, so konstatieren sie, erfährt die Arbeit von Männern auffällig häufig eine höhere Wertschätzung und wird dieser ein größerer strategischer Stellenwert zugewiesen. „Frauen sind strenger zu sich! Männer stehen nach Niederlagen schneller auf und preisen sich. Mehdorn ist so ein Beispiel. Hat zahlreiche Unternehmen versenkt und präsentiert sich überall als der überlegene erfolgreiche Manager.“ „Bei meiner letzten Arbeitsstelle, einer großen Werbeagentur, die von drei Männern geleitet wird, stand auf den Fahnen: ‚Wir sind alle hipp.‘ Aber letztendlich war es so, dass die Gehälter unterschiedlich waren, was man auch zum Teil wusste. Ich bin dann auch angeeckt, denn es gab Sonderregelungen für Männer, weil die z. B. Homeoffice machen durften, oder der eine kommt und geht, wann er möchte. Bei uns Frauen dagegen hieß es, das geht nicht. Die mit den Sonderrechten waren in den Augen der Geschäftsführung einfach so wichtig, dass sie diese Rechte hatten. Da wurde nicht so auf die Fähigkeiten geachtet. Was da ganz stark war, war dieses: ‚Je lauter, desto besser bin ich.‘ Es wurde nicht mehr darauf geachtet, welche Leistung jemand bringt.“ Bei jungen„Performerinnen“ liegt die tatsächliche Arbeitszeit häufig deutlich über der vertraglich vereinbarten. Es sei völlig üblich und Standard in ihren Branchen(Werbeagentur, Zeitungsredaktion, Internet-Agentur, Marketing-Abteilung, Start-up-Unternehmen), keinen fixen Feierabend zu haben, stets erreichbar und kurzfristig einsetzbar zu sein – auch bis spät in die Nacht zu arbeiten, mehrtägige Dienstreisen zu machen und alles daran zu setzen, das optimale Ergebnis zu produzieren. Wer hier auf den formalen Arbeitsvertrag pocht, kann sich gleich verabschieden, so die Erfahrung. Wer nicht bereit ist, 50, 60 oder bis zu 70 Stunden pro Woche zu arbeiten, wird sehr schnell durch andere ersetzt, die diese Bereitschaft klaglos und begeistert bringen. „Ich arbeite einen Vertrag mit vierzig Stunden, aber ich arbeite auch mal 70 Stunden, auch mal bis drei Uhr nachts. Ich würde nicht mehr in einer Agentur arbeiten. Wir bekommen die Stunden ja auch nicht bezahlt. Ich habe das mal angesprochen, aber das ist schwierig. Da hat man aber auch einen Anspruch an sich, da will man ein Projekt nicht so hinklatschen. Da will ich auch dahinterstehen, wenn das rausgeht. Man weiß es ja, wenn man sagt, man will das nicht mehr, dann heißt es, dann kommt der nächste Praktikant und macht das billiger.“ „Es ist schwierig, ich bin ja selbstständig. Manchmal habe ich das Gefühl, ich arbeite vierundzwanzig Stunden am Tag.“ Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 31 Dabei machen vor allem Frauen im Alter ab 35 Jahren die Erfahrung, dass sie nicht dauerhaft über 60 Stunden pro Woche powern können, dass ein 24/7-Job zur Erschöpfung führt. Sie sehen die Lösung entweder im Verzicht auf Kinder und Familie oder in mehr Flexibilität in der betrieblichen Arbeitskultur hinsichtlich Büropräsenz und Arbeitsorten sowie mehr Flexibilität und Service seitens der Kinderbetreuung: » Betriebliche Flexibilität: Am liebsten würden diese Frauen zeitlich selbstorganisiert mit selbstbestimmter Zeiteinteilung innerhalb der Projekt-Slots arbeiten. Das erfordere eine Umstellung im Denken bei der Leitung, weg von der äußerlichen Büropräsenz hin zum ergebnisorientierten Arbeiten – im Rahmen der Projekterfordernisse egal wo und wann – nach individuellen Präferenzen und Neigungen. „Das ist die typische Betriebskultur in Deutschland: Arbeiten muss ungemütlich sein, damit sie was wert ist. Also muss die Arbeit am Büroschreibtisch stattfinden. Ich kann aber auch auf dem Sofa arbeiten; da bekomme ich viel mehr und bessere Ideen als im Büro.“ „Die besten Ideen habe ich beim Bügeln oder Kochen. Aber Vorgesetzte haben gleich den Verdacht, dass die Frau es sich zu Hause ja nur gemütlich macht. Vorgesetzte haben kein Vertrauen in ihre Mitarbeiter.“ „Während meiner Anerkennungsjahre habe ich in einer großen Kanzlei gearbeitet. Da hat das nie jemanden interessiert, wenn ich meine Regelschmerzen hatte. Das war schlimm. Jetzt arbeite ich während meiner Regel immer zuhause. Es wäre gut, wenn ich meine Arbeitszeit selbst bestimmen und über den Monat verteilen könnte. Dann könnte ich vorarbeiten oder nacharbeiten – und könnte auch einen Tag im Monat nicht arbeiten. Das Ergebnis am Ende muss stimmen.“ „Statt von 9 bis 18 oder 20 Uhr im Büro, ist Homeoffice viel effizienter. Denkbar wären so Lösungen wie: 32 Stunden pro Woche insgesamt im Büro – den Rest Homeoffice oder mobiles Office – jederzeit erreichbar.“ » Flexibilität der Kitas und Kindergärten: Auf ihre durch den Job bedingten Anforderungen und Bedarfe seien die meisten Kitas, Kindergärten und Schulen in Deutschland überhaupt nicht eingestellt. Diese seien noch immer daran orientiert, dass eine„gute“ Mutter halbtags zu Kernarbeitszeiten im Büro und ansonsten(vor allem nachmittags) ganz für ihr Kind da sei. Diese jungen Frauen distanzieren sich selbstbewusst gegenüber diesen Erwartungen und lassen Vorwürfe, sie seien keine gute Mutter, wenn sie Vollzeit arbeiten und Karriere machen wollen, einfach an sich abperlen. Im Gegenteil richten sie die Forderung an Kitas, endlich ihrer gesellschaftlichen Aufgabe als Dienstleisterin der Eltern gerecht zu werden und ihre Organisation innovativ und flexibel an die veränderten Arbeitswelten vieler Frauen und Männer auszurichten. 32 Was junge Frauen wollen Erwerbsarbeitszeit von Frauen im Milieu„Performer“ im Alter von 18 bis 40 Jahren bis zu 19 Stunden/Woche 20 – 29 Stunden/Woche 30 – 34 Stunden/Woche 35 – 39 Stunden/Woche 40 – 44 Stunden/Woche 45 Stunden und mehr/Woche Durchschnitt Vertraglich % 5 5 45 40 5 38,2 h Tatsächlich % 48 33 19 40,2 h Wunsch % 9 5 68 14 4 36,3 h Tatsächliche Arbeitszeit des Partners % 8 46 20 26 38,1 h Wunsch Erwerbsumfang für den Partner % 56 31 13 38,9 h Quelle: Delta-Studie„Gleichstellung 2015“; bevölkerungsrepräsentative Befragung im Auftrag des BMFSFJ Sehr wohl konstatieren Frauen aus diesem Milieu, dass sich„etwas tut bei Frauen und Männern“ in Richtung Chancengerechtigkeit. Durch Beobachtungen am Arbeitsplatz und im Freundeskreis ist in ihrem biographischen Rückblick ihr Misstrauen gewachsen, dass bei der Familiengründung ihr Partner am liebsten die traditionelle Rollenteilung will und nicht bereit ist, selbst auch zeitliche Verantwortung für die Kinder zu übernehmen, seine Erwerbstätigkeit und Karrierepläne zeitlich anzupassen. Auf der einen Seite sehen sie sich hinsichtlich beruflicher Kompetenz, Leistungsfähigkeit und Potenzial auf gleicher Augenhöhe zu ihrem Lebenspartner. Auf der anderen Seite ist ein erhebliches Misstrauen virulent, wenn es um eine mögliche Elternschaft geht. Einige der Frauen berichten von Disputen mit ihrem Lebenspartner, in denen bei ihm eine für sie überraschend traditionelle Rollenvorstellung zum Vorschein kam. Für diese Frauen gilt: So wie sie selbst als Mütter für ihre Kinder da sein und beruflich weiterkommen wollen, erwarten sie dieses Engagement auch von ihrem Partner. Daher adressieren einige Frauen an den Gesetzgeber die Forderung, dass die derzeit für Väter freiwillige – und meist nur kurz genommene – Elternzeit eine höhere Verbindlichkeit bekommt und Männer stärker in die Verantwortung genommen werden müssen. Das ist bemerkenswert, weil dieses Milieu meistens eine Deregulierung befürwortet. Eine Grundhaltung von jungen Frauen aus diesem Milieu zeigt sich darin, dass sie arbeiten wollen, weil sie im Job Erfüllung, Erfolg und Sinn finden. Kinder dürfen nicht zu einem Risiko oder gar Abbruch ihrer Erwerbstätigkeit und finanziellen Unabhängigkeit führen. Doch genau diese Perspektive haben kinderlose junge Frauen im Milieu„Performer“. In ihrer kritischen Gesellschafts- und Arbeitsmarktwahrnehmung müssen sie sich für oder gegen Kinder entscheiden. Aufgrund der Erfordernisse und Rahmenbedingungen in ihrer Arbeitswelt sehen sie sich vor eine kategorische Grundsatzentscheidung gestellt: für den Job mit Karriere oder für die Familie(entweder/oder). Sie wünschen sich zwar beides parallel, sehen praktisch aber große Hürden und Risiken. Denn wenn sie mit Familie berufstätig sind, dann nicht im Mittelmaß ohne große Herausforderungen, sondern an vorderer Front mit Perspektive. Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 33 „Ich bin nicht bereit, mein Studium gegen den Herd einzutauschen!“ „Politik muss die Väter mehr in die Verantwortung nehmen, z. B. die Elternzeit nicht nur freiwillig für Väter, sondern verpflichtend. Es kann nicht sein, dass Familienarbeit für Mütter Pflicht ist und für Väter eine Option. Die meisten Väter nehmen doch nur zwei bis drei Monate Elternzeit: Das ist für sie selbst oft nur symbolisch, gibt ihnen ein gutes Gefühl von Modernität und so – aber die eigentliche Arbeit soll dauerhaft die Frau machen? Mit mir nicht!“ „Ich kämpfe fast jeden Tag mit meinem Partner. Der ist Partner in einer großen Kanzlei. Er hat schon lange eine Rechtsanwaltsstelle zu besetzen. Wenn er eine Frau einstellt, muss die viel Erfahrung in Markenrecht haben und sollte zwischen 30 und 36 Jahre alt sein. Dann aber ist das möglich, dass die ein Kind bekommt. Dann fragt mich mein Partner: ‚Was werde ich dann mit ihr machen? Das wird teuer!‘ Das sind seine Argumente! Und es war vor einigen Monaten. Da hat er mich gefragt: ‚Willst du überhaupt weiterarbeiten als selbstständige Anwältin. Ich verdiene doch genug, du musst nicht unbedingt arbeiten. Wir könnten ein Kind bekommen.‘ Oh NEIN habe ich gesagt. Ich will auf jeden Fall arbeiten, das ist mein Beruf! Er würde niemals auch nur weniger arbeiten, aber mich fragt er danach!“ „Ich habe eine Bekannte, die arbeitet in einem Auktionshaus. Die hat zu Weihnachten Kondome geschenkt bekommen, weil sie hübsch ist, Anfang 30 und noch keine Kinder hat. Ich sage, das ist ein Kündigungsgrund.“ 3.1.3 Geschlechtergerechtigkeit: Rollendruck und Benachteiligungen von Männern sehen Die zum Teil traditionsverhafteten Äußerungen ihrer männlichen Arbeitskollegen und auch ihres eigenen Partners sind für junge Frauen dieses Milieus irritierend vorgestrige Relikte. Diese aber bestimmen nicht ihren Blick auf das Verhältnis von Frauen und Männern: Zur Frage der Geschlechtergerechtigkeit nehmen junge Performerinnen nicht die Perspektive ein, Frauen seien benachteiligt und„Opfer“ von Männern oder„der Männerwelt“. In expliziter inhaltlicher, weltanschaulicher und stilistischer Abgrenzung vom Feminismus der 1970er Jahre„à la Alice Schwarzer“ nehmen junge Frauen aus dem Milieu„Performer“ die Perspektive von Männern ein und sehen sich als Anwältin gegen strukturelle Benachteiligungen von Männern heute. Mit dieser Reziprozität der Perspektive, sich in die Situation und Rolle von Männern hineinversetzend, machen sie deutlich, dass die früheren Grabenkämpfe und die pauschalen Beschuldigungen„aller Männer“ zu kurz greifen und strukturell blind sind für Ungerechtigkeiten, denen Männer heute ausgesetzt sind. Es geht ihnen nicht um neue Fronten, sondern um einen ganzheitlichen mehrdimensionalen Blick auf die Geschlechtergerechtigkeit für Frauen und Männer heute. Dazu gehört ihrer Ansicht nach auch die schonungslose Analyse von unfairem Verhalten mancher Frauen gegenüber Männern: 34 Was junge Frauen wollen • In der Erziehung sei es übergriffig und autoritär, wenn Mütter zu ihrem Partner und Vater des Kindes sagen:„Lass mich das bestimmen oder tun, ich bin die Mutter, ich kann das besser, ich weiß das besser.“ Vätern werde hier unterschwellig oder ausdrücklich die Kompetenz abgesprochen. • Frauen verteidigen ihre häusliche Dominanz, betrachten Haushalt und Kinderpflege als ihre Hoheitsgebiete(als Frau, als Mutter), würden diese mit autoritären Mitteln(verschiedener Couleur) gegenüber der Mitbestimmung ihres Partners verteidigen. Dieser solle zwar Aufgaben im Haushalt und in der Kinderversorgung erledigen, aber in der Rolle des mitdenkenden Auftragerfüllers ohne(Letzt-)Entscheidungskompetenz und Gestaltungsfreiheit. • Häusliche Gewalt gehe auch von Frauen aus; Männer seien ebenfalls Opfer von Gewalt. Hier aber gebe es keinen Schutz für diese Männer, keine staatliche Unterstützung, kaum Hilfsmaßnahmen. Ungerecht sei die immer noch zunehmende Doppelbelastung von Männern: Sie sind einerseits in der Rolle des Haupternährers Vollzeit erwerbstätig(mit selbstverständlichen Überstunden), müssen mehr noch als Frauen mobil sein(Dienstreisen), Projektverantwortung übernehmen und kurzfristig verfügbar sein. Sie sind andererseits abends und am Wochenende als Väter gefordert: Wenn sie nach Dienstschluss nach Hause kommen, würden viele Frauen erwarten, dass ihr Partner„übernimmt“ und sich um die Kinder kümmert, ihnen vorliest oder mit ihnen spielt. Ohne blind zu sein für die Mehrfachbelastung von Frauen, betonen junge Performer-Frauen, dass es notwendig und gerecht sei, auch die gestiegenen Belastungen von Männern zu sehen und hier Lösungen zu finden. So wie es in Unternehmen keine für Männer reservierten Territorien mehr geben dürfe, so dürften auch keine Reservate für Frauen bzw. Mütter(z. B. für Erziehung) mehr zu finden sein. Gleiche Zugangs- und Mitbestimmungsrechte sollten für jeden und jede gelten. Allein Bereitschaft, Engagement und Leistung dürfen hier entscheidend sein. „Männer haben auch oft eine Doppelbelastung. Im Job müssen sie top sein und dann erwartet zuhause die Frau, dass er ihr die Kinder abnimmt.“ „Bei Siemens kenne ich eine Wirtschaftsinformatikerin. Siemens wollte dann extrem Frauen fördern, da ist die Wirtschaftsinformatikerin extrem schnell durch die Instanzen befördert worden, da hatte ein Mann keine Chance. Das ist für Männer schon frustrierend, wenn da eine Frau an ihnen vorbeigeschoben wird. Da müssen die jungen Männer heute ausbaden, was früher die alte Männergeneration verbockt hat.“ „Ich habe Freunde, die haben zwei Mädels und da hat meine Freundin immer gesagt, ‚Lass‘, das kannst du nicht, das mach ich.‘ Der hat aber auch zwei Hände und ist der Papa von dem Kind; der kann das Kind auch ins Bett bringen, mein Gott, dann schreit es halt eine halbe Stunde länger. Ich fand das so übergriffig zu sagen: ‚Nee, du bist nur der Papa.‘ Das ist unfair, das ist gemein, der kann das auch. Da habe ich gemerkt, dass den Vätern unterschwellig die Kompetenz abgesprochen wird. Entschuldigung, ich finde, um eine Windel zu wechseln, muss ich das Kind nicht neun Monate im Bauch getragen haben.“ Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 35 Für das tiefere Welt- und Selbstverständnis ist der Befund instruktiv, dass junge Frauen aus dem Milieu„Performer“ zur Frage der Geschlechtergerechtigkeit nicht ihre eigene Situation thematisieren(oder gar beklagen), nicht die Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft ins Zentrum stellen, sondern Benachteiligung von beiden Geschlechtern offen legen wollen. Das leitende Motiv hierbei ist Balance und Partnerschaftlichkeit. So diagnostizieren diese Frauen in der medialen Diskussion und bei politischen Maßnahmen eine erhebliche Asymmetrie zu Ungunsten von Männern. Insofern richten sie die Erwartung an die Familien- und Gleichstellungspolitik, hier neu zu justieren, um eine einseitige„Frauenförderung“ oder„Frauenpolitik“(allein diese Vokabeln sind ihnen zuwider) aufzuheben und politische Maßnahmen gleichermaßen und gleichgewichtig für Männer und Frauen zu entwickeln. Dazu gehöre beispielsweise mit hoher Symbolkraft die Umbenennung des Ministeriums mit Adressierung an beide Geschlechter, z. B.„Bundesministerium für Jugendliche, Familie n, Senioren, Frauen und Männer“ oder als umgangssprachliches Kürzel„Frauen- und Männerministerium“ statt„Frauenministerium“ oder„Familienministerium“, denn viele in diesem Milieu sind Singles, sehen aber ihre Lebensthemen nicht im Zuständigkeitsbereich des Ministeriums. 3.1.4 Politisches Interesse und Engagement Selbstverständlich sind Frauen aus dem Milieu„Performer“ politisch interessiert und aktuell informiert. Es stellt eine in dieser Lebenswelt fraglose Norm dar, stets up to date zu sein – und neben den Wirtschaftsnachrichten gehören die politischen Geschehnisse unbedingt dazu(ebenso wie Kultur, Sport, Medien). Sie informieren sich täglich zunächst aufgrund der Geschwindigkeit und Aktualität(Live Ticker) online, aber auch über überregionale Tageszeitungen(im Büro oder als privates Abo), unterwegs im Auto über das Radio, nur gelegentlich über TV-Nachrichten, und sie sehen sich immer wieder auch politische TVMagazine und Talkrunden an. Die als Diskussionsanreiz formulierte These„Frauen interessieren sich weniger für Politik als Männer!“ weisen sie scharf und souverän zurück und bezeichnen diese Behauptung als „Quatsch“. Politisches Interesse sei eine Frage der individuellen Neigung, nicht des Geschlechts. Ihr eigenes Interesse an politischen Themen und Geschehen fällt sehr hoch aus, doch der politische Betrieb ist für sie ermüdend(immer gleiche Rituale, Auftritte, diplomatische Satzkonstruktionen ohne„Kante“), und vor allem sind bei politischen Themen negativ behaftete Informationen und Szenarien dominant. In dieser täglich auf Leistung, Selbstmotivation, Selbstoptimierung und inszenierten Optimismus geeichten Lebenswelt bilden permanente(politische) Negativreize störende, hemmende Leistung und Lebensqualität mindernde Elemente. In der politischen Diskussion vermissen diese Frauen pragmatische Problemlösungsansätze. Engagement findet nicht nur in beruflichen Kontexten statt. Wer im Job nicht mehr als 50 oder 60 Stunden pro Woche arbeiten muss, sucht Sphären für ein weiteres Engagement: Einige sind in der Schule ihrer Kinder im Elternbeirat aktiv, andere bei Umweltorganisationen wie Greenpeace, lesen in den Erstaufnahmestellen geflüchteten Kindern vor oder 36 Was junge Frauen wollen geben Deutschunterricht. Deutlich ausgeprägt ist aber auch das Misstrauen gegenüber sehr großen Verbänden, Parteien, Gewerkschaften und ebenso Non-Profit-Organisationen, die zwar viele Möglichkeiten für soziales Engagement bieten und dafür Ressourcen sowie Equipment zur Verfügung stellen, aber selbst nach innen mit ihren Mitarbeiter_innen keineswegs„sozial“ und fair umgehen. Sie wollen sich engagieren(ob das sozial oder politisch gelabelt wird, ist ihnen egal) in Organisationen, Initiativen und Situationen, bei denen ein sichtbares Ergebnis herauskommt und es keine negativen Nebenfolgen gibt: Resonanz und Effektivität sind entscheidende Selektionskriterien und Anreize. „Ich denke z. B. an[kirchlicher Wohlfahrtsverband]. Die haben diesen sozialen Slogan. [kirchlicher Wohlfahrtsverband] führt aber die meisten Arbeitsgerichtsprozesse, die bieten die schlechtesten Arbeitsbedingungen. Die betreiben Schwarzarbeit mit polnischen und bulgarischen Krankenschwestern. Die behaupten, die leisten einen Betrag zum Gemeinwohl, machen aber genau das Gegenteil. Die produzieren so viele Burn-out-Fälle, dass der volkswirtschaftliche Schaden größer ist als das, was sie dem Staat einbringen. Die bekommen das Geld ja nicht von den Kirchen, die bekommen es vom Staat. Also würde ich mich da nicht institutionell engagieren.“ „Ich bin schon politisch interessiert, aber ich will mich nicht so reinziehen lassen und morgen gleich Mitglied werden bei irgendwas. Ich verfolge schon die Sachen, manchmal auch mit einem unruhigen Gefühl: ‚Was kommt jetzt?‘ Wir warten darauf, dass irgendwas explodiert. Ich lasse mich aber auch nicht gerne so tief reinziehen, dass ich morgens keine Lust mehr habe, aufzustehen.“ Politisches Engagement im Rahmen von Parteiarbeit stellt für junge Performer-Frauen keine naheliegende Option dar. Kommunalpolitik assoziieren sie spontan mit„miefigem Ortsklüngel“ und gewachsenen hierarchischen Strukturen, in denen ein frischer Wind von außen nicht wirklich erwünscht ist: Die„Platzhirsche“ verteidigen ihr Terrain. Diese Frauen haben keine Lust, sich von„chauvinistisch gebärdenden Parteigenossen“ Aufgaben zuweisen und für ihre Zwecke einsetzen zu lassen(das Passiv schreckt ab! – ebenso überkommene Bezeichnungen wie„Genosse“). Und auf den Ebenen der Landes- und Bundespolitik nehmen sie wahr, dass dort Männer(und Frauen) das Sagen haben, die weitaus älter sind als sie – und von denen sie gar nicht mehr erwarten, dass diese ihre Generation und Lebenswelt verstehen. Einige spekulieren über eine gerechtere Altersverteilung von politischen Delegierten; andere wünschen sich ein politisches Magazin mit der klaren Zielgruppe„jüngere Generationen(unter 40)“ bzw. ein„Neues politisches Magazin für Frauen“. Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 37 Gesellschaftliche Leitmilieus »Postmaterielle« 38 Was junge Frauen wollen 3.2 Delta-Milieu„Postmaterielle“(11 Prozent) Milieuverteilung von Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren Oberschicht Obere Mittelschicht Mittelschicht Untere Mittelschicht Unterschicht Konservative 2% Traditionelle 3% Etablierte 5% Bürgerliche Mitte 19% Postmaterielle 11% Performer 20% Expeditive 15% Benachteiligte 13% Hedonisten 12% Soziale Lage nach Mikrozensus und OECD Grundorientierung A1 Unterordnung Pflicht, Akzeptanz Selbstkontrolle „Festhalten“ A2 Einordnung Konservative Modernisierung „Wandel akzeptieren“ Gemeinsame Traditionen B1 Lebensstandard Status, Besitz, Teilhabe Kennen, Können, Ankommen „Geltung& Genuss“ B2 Aufklärung, Emanzipation Aufbruch, Widerstand Ganzheitlich leben „Sein& Verändern“ Selbstverwirklichung C1 Flexibilität, Mobilität Optionalität Erfolgs-Pragmatismus „Machen& Erleben“ C2 Management von Grenzen Synthesen, Synästhesien Pragmatischer Idealismus „Grenzen überschreiten“ Selbstmanagement © DELTA-Institut Kurzcharakteristik: Vision von einem guten, gerechten, ganzheitlichen und ökologisch nachhaltigen Leben. Kritisch gegenüber neoliberaler Deregulierung, den Neben- und Spätfolgen von Turbo(finanz)kapitalismus und Senkung von Verbraucherschutz(z. B. TTIP). Die Welt ist nicht in Ordnung, daher„Change the world!“: Es geht darum, die ungerechten und unguten Verhältnisse global und national visionär zu verändern. Für mehr soziale Gerechtigkeit, Geschlechtergerechtigkeit, individuelle Freiheit und ökologische Nachhaltigkeit müssen gesellschaftliche Strukturen und die Lebensstile der Einzelnen geändert werden. Überwindung traditioneller Geschlechterrollenbilder im eigenen Kopf und in der eigenen Partnerschaft einerseits, die Beseitigung politischer und ökonomischer Fehlanreizstrukturen andererseits. Vision von Gleichstellung von Frauen und Männern in Familie, Wirtschaft und Gesellschaft aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit. Emanzipation nicht als eine abgeschlossene historische Phase, sondern als dauerhaft notwendiges gesellschaftliches Projekt. Kritik und Widerstand gegen modernistische Alltagsideologien, die Macht wirtschaftlicher(globaler) Großkonzerne, die Kraftlosigkeit und Visionsarmut der Politik. Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 39 3.2.1 Werte und Lebensstil • Weltbild: Utopie des aufgeklärten Individuums mit ganzheitlichem Lebensentwurf in einer von Ideologien, überkommenen Strukturen und Populismen emanzipierten Gesellschaft. Selbsterkenntnis und Persönlichkeitswachstum als kontinuierliche Herausforderung und stets unabgeschlossenes Projekt; Weltoffenheit und Bildung als humanistische Tugend; grundsätzliche(nicht bedingungslose) Toleranz anderer Lebensauffassungen und Lebensweisen. • Selbstbild(Ich-Ideal): kulturelle und ökologische Avantgarde, reflektierte(und intellektuelle) Beobachterinnen des soziokulturellen Wandels; kritische Wahrnehmung der gesellschaftsverändernden Rolle wirtschaftlicher Großkonzerne. • Abgrenzung: Ablehnung von krudem Hedonismus, oberflächlichem Konsum-Materialismus; Distanz zu„eindimensionalen“ Lebensweisen und Lebensentwürfen. Ablehnung von Massentierhaltung, gentechnisch manipulierten Lebensmitteln, Senkung der Verbraucherschutzstandards(TTIP). • Leitmotive: Aufklärung, Ganzheitlichkeit, Gerechtigkeit und Selbst-Entwicklung; Verteidigung und Ausbau von Verbraucherschutz und einer nachhaltigen Ernährungs- und Energiewirtschaft – politisch und privat. Lebensstil • Lebensphilosophie einer ganzheitlichen Gesundheit von Körper, Geist und Seele; Ideal einer nachhaltigen, umwelt- und gesundheitsbewussten Lebensführung(z. B. Bioprodukte, Naturheilverfahren). Selbstdefinition über soziale, ökologische, kulturelle und intellektuelle(philosophische, literarische) Interessen und Engagements als über Status, Besitz und Konsum. • Anspruchsvolles, selektives Konsumverhalten(„weniger ist mehr“), Ablehnung sinnentleerten Konsums; Aversion gegen die Konsum- und Mediengesellschaft, aber aktives Informationsverhalten, souveräne Nutzung der neuen Medien. • Suche nach„Spüren“, Offenheit und Neugier auf Anregungen durch fremde Kulturen (Reisen und Sozialprojekte im Ausland). Gemeinschaftliche Aktivitäten und Kommunikation einerseits, andererseits Suche nach individuellen Freiräumen und Muße; Zeiten für Selbstbesinnung und Selbstfindung: sich zurückziehen, mentales Training(Meditieren, Yoga, Tai Chi), Lesen(Bücher sind„Lebensmittel“), Musizieren, Malen. • Berufliche und persönliche Weiterbildung: umfangreiche Lektüre von Zeitungen, Büchern, Fachzeitschriften und Magazinen; Interesse für verschiedene Formen von Kunst und Kreativität: Museen, Galerien, Theater, Oper, Konzerte, Kleinkunst bis zum Programmkino. • Körperlicher Ausgleich zum Beruf: Bewegung, Sport(z. B. Radfahren, Schwimmen, Skifahren, Klettern, Gleitschirmfliegen, Laufen, Triathlon, Nordic Walking, Segeln, InlineSkating). 40 Was junge Frauen wollen „Ich wünsche mir von der Familienund Gleichstellungspolitik … … dass Gleichberechtigung besser umgesetzt wird. Die Denkstrukturen müssen geändert werden. Die Gesellschaft muss sich ändern und ich denke, das geht nicht anders als politisch.“ … mehr Möglichkeiten, Familie und Arbeit besser vereinbaren zu können.“ Frauen in Vorständen gibt es nur in einer verschwindend geringen Zahl. Es gäbe so viel zu machen, deshalb finde ich die Frauenquote nicht schlecht. In Skandinavien klappt das doch auch. Immer wenn man sich den Vorstand einer Firma vorstellt, sind das Bilder von Männern, da hat man Männer vor Augen. Das spielt sich alles sehr im Unterbewusstsein ab. Das sind etablierte Strukturen, aus denen man schwer ausbricht.“ Es fängt im Bewusstsein der Gesellschaft an! Wenn ich Sprüche lese wie ‚Lieber eine Frau mit Glatze auf dem Kopf als mit Haaren auf den Zähnen‘, könnte ich in die Luft gehen. Neutral betrachtet können wir Frauen besser organisieren, da ist mehr Menschlichkeit – auch wenn’s mal Zickenalarm gibt. Wenn mehr Frauen in führenden Positionen tätig wären, sähe es anders aus. Ich bin nicht für ein Matriarchat, aber auch nicht für ein Patriachart, das wir immer noch haben.“ • Kommunikation: anregende Gespräche führen, interessante Menschen kennen lernen, Pflege eines großen Bekannten- und Freundeskreises(„ein offenes Haus“), Mitarbeit in Kultur- und Umweltinitiativen, Interessen- und Selbsthilfegruppen und auch Parteien. • Die Natur als Rückzug und Ort zum Auftanken(Waldspaziergänge, Wanderungen). Wenn vorhanden: Erholung im Garten, Gartengestaltung, Beschäftigung mit Pflanzen und der Tierwelt in Natur und Garten: beobachten, wie etwas wächst 3.2.2 Erwerbsarbeit Junge postmaterielle Frauen wünschen sich eine neue Justierung von Familien- und Arbeitswelt. Mit einer guten Ausbildung oder hohen akademischen Qualifikation wollen sie aus materiellen und ideellen Motiven unbedingt erwerbstätig sein: finanziell eigenständig sein und Geld verdienen für die eigene Existenzsicherung, die der Familie, ihr Leben im Alter. „Arbeiten“ hat eine darüber hinausgehende Bedeutung: gesellschaftliche Teilhabe, etwas Sinnvolles tun, aus den erworbenen Fähigkeiten etwas machen, sich selbst weiterentwiMilieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 41 ckeln. Einige Frauen haben einen wöchentlichen Erwerbsumfang von über 40 Stunden, andere sind in geringer Teilzeit oder vollzeitnaher Teilzeit beschäftigt. In keinem Milieu ist der Wunsch nach lebensphasenangepasster Erwerbszeit so ausgeprägt wie bei Postmateriellen. Aus ihrer Sicht müssen zwei elementare Bedürfnisse und Menschenrechte vereinbar sein: • Auf der einen Seite sei das Wichtigste, möglichst viel Zeit mit ihren(kleinen) Kindern zu verbringen – nicht nur für die Mutter, sondern auch für den Vater. • Auf der anderen Seite dürfen Mütter und Väter nicht für ihre Familienarbeit durch eine geringe Rente„bestraft“ werden. Es ist aus ihrer Sicht ein Skandal, dass Frauen und Männer mit Kindern später eine geringere RenTypische Berufe te bekommen als jene ohne Kinder. (aus den Gruppendiskussionen): Derzeit bestehe eine erhebliche strukturelle Benachteiligung von Frauen(und Männern), die Pädagogin, Versicherungskauffrau, Familienarbeit leisten. Denn mit Familie können Lehrerin, Kunsthistorikerin und Gesie nur geringere Rentenansprüche erwirtschafschäftsleiterin einer Galerie, Journalis- ten als jene, die keine Kinder haben. Die derzeitin, Gärtnerin im Gartenlandschaftstigen Sätze der Anrechnung von Erziehungszeibau, Studentin der Medizin, Studentin ten auf die Rente seien lächerlich gering – obwohl der Kunstgeschichte Mütter einen höchst wertvollen Beitrag für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft leisten. Es müssen Anreize geschaffen werden, damit sich mehr junge Menschen für Kinder entscheiden – doch die bestehenden Anreize mit Kindergeld, Elterngeld und den Rentenanrechnungen seien so gering, dass es ein materiell existenzielles Risiko und im Eigeninteresse irrational sei, eine Familie zu gründen. Obwohl Eltern einen erheblichen gesellschaftlichen Beitrag leisten, würden die Risiken größtenteils privatisiert, mit besonderen Lasten und Risiken für Frauen. Andererseits müssen Renten finanziert werden. Um eine eigene substanzielle, der eigenen Qualifikation und dem Erwerbspotenzial gerechte Rente zu bekommen, müssen neue Mechanismen und Modelle seitens der Politik und des Arbeitsmarkts geschaffen werden, so dass Mütter und Väter nach der zeitintensiven Familienzeit mit höherem Erwerbsumfang arbeiten können – und vor allem in den Übergangsphasen eine ausreichende und zeitlich dem Arbeitsmarkt angepasste Kinderbetreuung bei Kitas und Ganztagskindergärten erhalten. Aus Sicht dieser Frauen darf die Familie nicht„nebenher“ laufen, dürfen Forderungen der Wirtschaft nicht auf die Familie abgeladen werden, muss Familienarbeit die gleiche Anerkennung und(finanzielle) Wertschätzung erfahren wie Erwerbsarbeit. Familie ist ein Grundpfeiler der Gesellschaft und unverzichtbarer Lebens-, Entwicklungs- und Schutzraum, für den die Eltern Zeit haben müssen. Dazu kommt die Erfahrung der Frauen, dass Männer(vor allem ihr Partner), nicht mehr der Haupternährer der Familie sein wollen, sondern diese Verantwortung mit ihrer Partnerin teilen und genauso viel Zeit wie die Mutter für ihre Rolle des Vaters haben möchten. Insofern sei es politisch wichtig, Organisationsmodelle zu entwickeln, so dass Eltern in Phasen der aktiven Familienzeit weniger erwerbstätig sind, ohne dass ihnen hieraus gesellschaftliche und finanzielle Nachteile entstehen. 42 Was junge Frauen wollen „Optimal wären für mich sechs Stunden Arbeit am Tag. Da bleibt noch genug Zeit für Familie und Sport. Außerdem arbeitet man dann ausgeruhter, wird weniger erschöpft und bringt bessere Ergebnisse in dieser Zeit. In Norwegen wird das schon zum Teil praktiziert. Ist teuer, aber die Gesellschaft muss entscheiden, was ihr Familien wert sind.“ „Sechs Stunden Arbeit am Tag wäre perfekt, aber dann geht die Rente flöten. Meine Kinder sind beide im Kindergarten. Mir ist es so wichtig, meine Zeit nachmittags mit den Kindern zu verbringen.“ „Das wirkt sich doch aber auf die Altersvorsorge aus, wenn man so wenig arbeitet. Es ist so, dass Mütter länger daheimbleiben, deshalb haben wir auch eine Frauenarmut.“ „Die Frage darf sich nicht stellen, ob man es sich leisten kann, wenn man Kinder haben will. Es ist nicht unsere Natur, auf Kinder zu verzichten.“ „Ich habe das Glück, mir meine Arbeitszeit frei einzuteilen zu können, auch wenn es mehr als 40 Stunden sind. Teils arbeite ich bis zu 70 Stunden. In der Galerie kann ich frei einteilen, wann ich komme. Es gibt als Grundgerüst nur die Öffnungszeit 11 bis 20 Uhr.“ „Ich arbeite sechs Stunden am Tag, da komme ich gut klar und habe Zeit für das Studium. Wenn es finanziell klappen würde, würde ich so auch nach dem Studium weiterarbeiten.“ „Immer mehr Männer wollen heute nicht nur der Ernährer sein. Da braucht es neue Organisationsmodelle. Es muss gehen, wenn ein Mann sagt: ‚Okay, in dieser Zeit arbeite ich nur 50 Prozent.‘ Schweden ist so ein schönes Beispiel. Die Politik müsste nicht nur über die Frauen nachdenken, sondern auch über die Arbeitswelt.“ Erwerbsarbeitszeit von Frauen im Milieu„Postmaterielle“ im Alter von 18 bis 40 Jahren bis zu 19 Stunden/Woche 20 – 29 Stunden/Woche 30 – 34 Stunden/Woche 35 – 39 Stunden/Woche 40 – 44 Stunden/Woche 45 Stunden und mehr/Woche Durchschnitt Vertraglich % 11 20 3 40 26 32,5 h Tatsächlich % 13 15 2 25 30 15 34,3 h Wunsch % 10 23 15 26 23 3 31,0 h Tatsächliche Arbeitszeit des Partners % 3 36 55 6 38,1 h Wunsch Erwerbsumfang für den Partner % 3 18 28 46 5 37,0 h Quelle: Delta-Studie„Gleichstellung 2015“; bevölkerungsrepräsentative Befragung im Auftrag des BMFSFJ Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 43 3.2.3 Gleichberechtigung ist noch längst nicht erreicht! Nach Auffassung von jungen Frauen im Milieu„Postmaterielle“ haben wir in Deutschland zwar die Verfassungsnorm, aber praktisch besteht keine Gleichberechtigung. Auf einer Skala von 0(absolut fehlende Gleichberechtigung) bis 100(voll erreichte Gleichberechtigung) taxieren die Frauen den derzeitigen Stand auf 60 bis 70 Prozent. Obwohl das Grundrecht seit vielen Jahrzehnten besteht, sind wir in Deutschland über sechzig Jahre später noch mitten auf dem Weg und haben – in der subjektiven Einschätzung – gerade einmal etwas mehr als die Hälfte des Weges beschritten: Es gibt noch zahlreiche und tief verankerte Bereiche der fehlenden Gleichberechtigung von Frauen. Insofern befindet sich auch die Familien- und Gleichstellungspolitik nach Auffassung der Frauen nicht auf der„Zielgeraden“, sondern mitten im Gefecht gegen bestehende ungleichheitsfördernde Strukturen. Dies machen„postmaterielle“ Frauen an folgenden Punkten fest: » Gender Pay Gap: Die strukturell schlechtere Bezahlung von Frauen habe vor allem damit zu tun, dass Frauen häufiger Teilzeit arbeiten, öfter in Sozialberufen beschäftigt sind, die systematisch schlechter bezahlt werden, so dass sie allein mit diesem Einkommen keine Familie ernähren und Altersvorsorge treffen können. Beispielhaft sei der Erzieher_innenstreik 2015, als im Zuge der Tarifverhandlungen die Gewerkschaft Ver.di gegen die Vertreter_innen des Staats(Arbeitgeber) nur eine moderate Lohnerhöhung erreichen konnte, aber keine substanzielle und signifikante Höherbewertung dieses Berufs mit Strahlkraft. Vor allem das Lamento der staatlichen und kommunalen Vertreter_innen, die geforderte Lohnerhöhung sei nicht zu finanzieren, belegt die sogar seitens des Staates zementierte Geringbewertung von„Frauenberufen“, die eine für die Gesellschaft fundamentale Leistung erbringen. » Geringe Wertschätzung der Arbeit von Frauen: Verbal bestehe seitens der Wirtschaft und Politik zwar eine hohe Wertschätzung der Leistung von Müttern und Frauen, diese gehe aber nicht mit einer finanziellen Wertschätzung einher. Das zeige sich in dem geringen Kindergeld, dem niedrigen Elterngelt sowie der geringen Anrechnung von Erziehungszeiten auf die Rente: Insofern sei es ein Risiko von Frauen, eine Familie zu gründen, weil sie durch die Mechanismen der Retraditionalisierung kaum Rentenanwartschaften bekommen und ihnen im Alter finanzielle Abhängigkeit von der Rente des Partners oder Armut droht. Insofern fordern diese Frauen, dass seitens der Politik nicht nur„Milliardenbeträge“ genannt werden, wie viel der Staat in der Summe für Rentenpunkte von Erziehungszeiten ausgibt, sondern was diese Rentenpunkte später konkret in Euro für die einzelne Frau bedeuten. » Risikofreie Phasen des Mutter-Seins: Es müsse möglich sein, dass sich eine Mutter – und ein Vater – in den ersten drei Lebensjahren ihres Kindes viel Zeit für dieses nehmen kann, ohne dass die beruflichen Chancen sinken. » Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Durch die inflationäre Verwendung dieser omnipräsenten Formel könne der Eindruck entstanden sein, dass dieses„alte Thema“ längst gelöst sein müsste. Doch zumeist erzeuge diese Formel in der medialen und 44 Was junge Frauen wollen politischen Öffentlichkeit kaum noch Erregung, sondern gehöre zum Inventar: Dabei sei dies der Kern der bestehenden Ungerechtigkeit zwischen Frauen und Männern. » Zu wenige und zu teure Kitaplätze: Die Zahl der Kitaplätze sei viel zu gering, so dass Mütter gezwungen seien, bei privaten Trägern einen Platz zu buchen. Während in staatlichen/städtischen Kitas ein Platz zwischen etwa 300 bis 400 Euro im Monat koste, seien die Kosten bei Privaten deutlich höher zwischen 800 und 1.100 Euro(vor allem in größeren Städten). Daher fordern auch„Postmaterielle“, dass Kitaplätze für Eltern kostenlos sein sollten! Schließlich investiere der Staat damit in die Zukunft der Gesellschaft. Die markanten Bestandsaufnahmen von Frauen aus diesem Milieu machen deutlich, dass sie eine die Familien- und Gleichstellungspolitik fordernde Haltung aufweisen: Nicht stehen bleiben und eigene Erfolge„feiern“, sondern das ferne Ziel im Auge behalten, ist die Erwartungshaltung. „Es fehlt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Alle Institutionen sind auf das Ernährer-Prinzip ausgelegt. Und das ist eine Unverschämtheit hoch 10!“ „Für deine Rente wird nichts getan als Mutter daheim.“ „Da denke ich an Frankreich, da ist Kindergarten immer bis abends. Das ist wichtig, für Vater und Mutter. Die ganze Familie kann dann abends noch zusammen sein. Da kann ein Vater dann ein Vater sein und eine Mutter eine Mutter.“ „Es muss in Ordnung sein, wenn eine Mutter drei Jahre daheimbleiben will.“ „Das geht aber nur, wenn man davon ausgeht, dass der Mann arbeiten geht. Auch Männer können jetzt daheimbleiben. Man kann sich die Elternzeit teilen. Ich kenne Paare, die machen das 50: 50.“ „Ich möchte in der Anfangszeit daheim und für mein Kind da sein. Fair ist eine deutlich höhere Anrechnung auf die Rente – und nicht das Almosen wie derzeit.“ „Wir als Mütter müssen uns an die eigene Nase packen. Warum sind unsere Männer mit der Denke aufgewachsen, die Frau bleibt daheim?“ „Die verfestigten Rollenbilder müssen schon in der Schule aufgelöst werden. Oder noch früher.“ Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 45 3.2.4 Kritik am alten Feminismus Auf bestimmte Sprechformen in medialen, pädagogischen und wissenschaftlichen GenderDiskursen, in denen die spezifische Perspektive„von Frauen“ bzw.„von Männern“ betont wird, reagieren postmaterielle Frauen genervt und abwehrend. Damit wird eine Person primär im Horizont ihres Geschlechts wahrgenommen, verkürzt dargestellt und mit Geschlechterrollenbildern aufgeladen, die die gesellschaftliche, dichotome Zweigeschlechtlichkeit reproduzieren. Junge Frauen dieses Milieus distanzieren sich von der Welt- und Geschlechterperspektive der zweiten Frauenbewegung aus den 1970er Jahren(explizit von deren Repräsentantin Alice Schwarzer), bei denen sie die Haltung wahrnehmen, die zwei Geschlechter stünden sich wie Pole gegnerischer Parteien gegenüber und jedes habe qua Natur einen spezifischen Zugang zur Wirklichkeit. Dabei werde vergessen,(1) dass es innerhalb eines Geschlechts ein sehr breites Spektrum gebe und(2) dass sich Kompetenzen nicht nur(eindeutig) einem Geschlecht zuordnen lassen, sondern(3) große Überlappungen und Ähnlichkeiten von Frauen und Männern beständen. In den Narrativen von journalistischen Beiträgen und wissenschaftlichen Untersuchungen werde durch die binäre Großgruppenzuordnung„ Mann/Frau“ die stereotype Geschlechterstigmatisierung fortgesetzt und dabei ausgeblendet, dass Geschlecht ein Kontinuum sei. Es gebe keine Eindeutigkeit von Geschlecht einerseits, konkreten Eigenschaften, Kompetenzen, Interessen, Motiven, Zielen andererseits: Man könne nicht vom Geschlecht auf die Eigenschaften schließen und von einer Eigenschaft nicht auf das Geschlecht. Die Identität eines Individuums dürfe nicht (mehr) auf diese überkommene traditionell-binäre Geschlechterzugehörigkeit mit Ableitung einer zugehörigen Geschlechterrolle reduziert werden. Die politische Adressierung wie z. B. „Politik für Frauen“ tue performativ genau das. „Mit diesen Gender-Geschichten habe ich Probleme. Ich will nicht ‚als Frau‘ herausgestellt werden. Dieses ‚ich als Frau‘ geht mir zu sehr ins Emanzipatorische, das geht nicht in Richtung Gleichberechtigung. Frauen und Männer werden immer unterschiedlich sein. Meine Nachbarin hier und ich sind auch unterschiedliche Menschen, das wird aber nie so herausgestellt.“ „Qua ihres Seins haben Männer und Frauen unterschiedliche Kompetenzen. Aber es gibt auch sensible Männer und unsensible Frauen.“ „Dieses ‚Ich als Frau‘ – das kann ich nicht mehr hören. Es bewirkt für mich, dass ich mich in eine Rolle gesteckt fühle. Da kommen dann diese Muster und Klischees, wie wir sind und wie unsere Mütter waren. Soll ich mir die anziehen, damit ich – als Frau – beurteilen kann, wie etwas wirklich ist?“ 46 Was junge Frauen wollen Unter Gleichberechtigung verstehen junge Frauen aus diesem Milieu, dass jede Person ein Recht auf Verwirklichung ihrer individuellen(geschlechtlichen) Anlagen hat – jenseits und frei von globalen Geschlechterkategorien. Diese Grobunterteilung werde man als(heuristisches) Instrument zwar immer benötigen, aber sie dürfe keine Fronten bilden und dem bzw. der Einzelnen keine Perspektive aufzwingen. In diesem Zusammenhang betonen junge postmaterielle Frauen, dass eine Fokussierung auf„ Frauen“ und„ Frauen förderung“ in der Vergangenheit dazu geführt habe, dass Benachteiligungen und Bedürfnisse von Männern sowie die Rollenzwänge von Männern nicht gesehen wurden. Der Vorwurf der jungen postmateriellen Frauen richtet sich an die ältere„68er“-Generation der Feministinnen(mehrheitlich aus demselben Milieu), dass diese in ihrer Fokussierung auf Frauenbenachteiligung und Frauenförderung die Bedarfe und Befindlichkeiten von Männern nicht habe sehen und anerkennen wollen. Heute seien Männer(in stärkerem Maße als früher und als Frauen) umstellt, eingeengt und gefangen von einer Reihe gegensätzlicher Rollenerwartungen, die sie unter Druck setzen und für die sie kaum Auswege sehen, sondern eine dauerhafte Ambivalenz: zum einen voll powern im Job(als Haupternährer) für das Familieneinkommen und zum anderen viel Zeit für Kinder haben. „Die Männer gehen langsam unter. Wer spricht über Männer? Klar, vermeintlich dominieren sie die Gesellschaft. Aber warum kommt kein Ansatz für die andere Seite?“ „Es läuft nicht von beiden Seiten an. Da wird nicht männlich gedacht für Männer.“ „Frauenförderung blendet Männer aus oder schließt sie aus. Ohne Männerförderung ist Frauenförderung doch Männerbenachteiligung.“ Groß ist der Wunsch junger Frauen aus dem Milieu„Postmaterielle“, dass die Familienund Gleichstellungspolitik für Frauen und Männer symmetrisch und gleichwertig gestaltet wird. Anstoß erregt auch die Tatsache, dass es in Unternehmen und Organisationen vielfach immer noch die Position der„Frauenbeauftragten“ gibt – aber keinen„Männerbeauftragten“ – oder dass die frühere Bezeichnung geändert wurde in„Gleichstellungsbeauftragte“ – aber diese Position nur mit einer Frau besetzt werden darf: Junge postmaterielle Frauen sehen hier die alte Front aus dem Feminismus der 1970er Jahre am Werke. Aus ihrer Sicht darf eine zeitgemäße und zukunftsfähige Politik das Verhältnis von Frauen und Männern nicht als Verteilungskampf sehen: Die Bedürfnisse von Frauen und Männern stehen nicht gegeneinander und lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen und ausspielen. Die Forderung, die stereotype binäre Geschlechtszuordnung aufzuheben und vielfältige Ausdrucksformen von(geschlechtlicher) Individualität anzuerkennen, erhält durch junge Frauen mit Migrationshintergrund eine zusätzliche interkulturelle Erweiterung: Aus ihrer Sicht ist die Perspektive auf und von Frauen unterschiedlicher Herkunftsländer eine Chance und ein gesellschaftliches Gebot, diese Vielfalt zu sehen, und mit elementaren Werten verbunden: Respekt, Toleranz und Anerkennung. Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 47 3.2.5 Politisch denkende Menschen – doch enttäuscht von der Betriebslogik der Politik Postmaterielle Frauen differenzieren: Sie sehen sich selbst als politisch interessierte, vor allem aber als politisch denkende Menschen, denn sie machen sich intensiv Gedanken, wie es richtig und besser laufen könnte in der Gesellschaft, z. B. in Bezug auf den Umweltschutz, die Armut und den Reichtum, die Bildung sowie Verteilung von Ressourcen national und global. Hier informieren sie sich aktiv und themenspezifisch, engagieren sich bei bestimmten Projekten und Organisationen(Tierschutz, Greenpeace, Hilfe für Geflüchtete, Kinderund Jugendarbeit). Das bedeutet für sie aber nicht notwendigerweise, dass sie täglich das politische Geschehen auf Bundes- und Landesebene verfolgen. Sie sind zwar wohl informiert über Strukturen und aktuelle Themen, aber mit Distanz und Verdrossenheit über die Rituale und Auftritte, die auf sie stereotyp, unauthentisch und leblos wirken. Ein typisches Beispiel ist der Reflex der Ablehnung von Vorschlägen aus der gegnerischen Partei(kein Lernen). Sie verstehen die Logik dieses Betriebs, aber sie akzeptieren diese nicht. Sehr deutlich kommt ein Verdruss am medial vermittelten Politikgeschehen zum Ausdruck und zugleich eine große Sehnsucht nach echter(sachlicher) politischer Kontroverse. Diese sehen sie – nostalgisch verklärt – in den 1970er Jahren in der Ära Brand/ Schmidt/Wehner. Heute – so ihre Wahrnehmung – gibt es diese politische Streitkultur nicht mehr: Es fehlen die Idealist_innen, die für ihre Ideen einstehen. Politik sei heute durch Alternativlosigkeit gekennzeichnet. Dabei sei Politik eigentlich doch gerade das Finden und Ausloten von Alternativen; und es gebe immer eine Alternative. Groß ist der Wunsch nach einer authentischen Streitkultur:„Kante zeigen“ – mit Niveau und Vision, ein Ringen um richtige Entscheidungen. Politik und Politiker_innen sehen diese Frauen zu einem erschreckend großen Teil als Vasallen der Wirtschaft oder der von der Parteileitung verkündeten Parteimeinung. Somit führt auch die Realpolitik, die für das Funktionieren notwendig ist, eine rein selbstbezügliche Existenz, lässt in ihren Augen keine echte Innovation und kein Aus- und Aufbrechen zu neuen Ufern mehr zu. Damit sich diese Frauen politisch(noch) stärker interessieren, damit sie sich engagieren, muss also in ihren Augen einiges geschehen! „Nur noch ein Brei – unauthentisch und unwahrhaftig.“ „Die Personen sind wenig unverwechselbar.“ „Ich will ja keine Hardliner – aber jemanden, der für seine Überzeugungen steht.“ „Es ist bei allen Politikern so: Man steht eine Weile für etwas und posaunt das in Reden laut vor sich her. Dann werden Kompromisse geschlossen, dann nehmen sie den Standpunkt ein. Und drei Monate später haben sie eine ganz andere Meinung, wenn die alte ihnen nichts nützt. Schlimm und peinlich ist es, wenn sie dann ihren Parteistandpunkt als ihre persönliche Überzeugung verkaufen. – Aber anders haben sie in der Partei heute wohl keine Chance.“ 48 Was junge Frauen wollen „Politiker sind nicht integer und biedern sich an.“ „Bedingungslos sind die nicht. Sie bekommen Posten in einer Partei nur, wenn sie machen, was die Oberen erwarten oder was mehr Wählerstimmen bringt. Das engt die Freiheit des Politikers ein“. „Menschenrechte z. B, dass das Wort im Westen noch in den Mund genommen wird, ist eine Frechheit. Bei allen Unterstützungen stehen wirtschaftliche Gründe im Hintergrund. Das zeigt, dass es nicht dargestellt wird, wie es ist.“ „Der Satz von Politikern ‚Dazu gibt es keine Alternative‘, ist totaler Quatsch: Es gibt immer Alternativen! Uns wird suggeriert, das geht nicht anders. Da steht auch ein bisschen Merkel dafür.“ 3.2.6 Idealismus in eigenes soziales Engagement übersetzen Sich außerhalb der privaten Lebenswelt zu engagieren, ist Frauen aus diesem Milieu wichtig: „Mein Leben soll Sinn haben.“ Idealismus und Selbstverpflichtung zu praktischem Engagement sind hoch und eng verzahnt. Milieukennzeichnend ist die Vorstellung, dass die Vision von einem guten und richtigen Leben die Privat- und Gesellschaftssphäre umfassen muss – und aktives Handeln erfordert. Die klare Präferenz gilt dem sozialen Engagement, denn dies sei viel effektiver, bewirke mehr als ein Engagement in der Politik. Die Eingangshürden für soziales Engagement seien deutlich niedriger als in eine parteipolitische Organisation, die Freiheitsgrade und Mitgestaltungsmöglichkeiten seien von Anfang an größer, ebenso erlebe man unmittelbar Erfolge und positive Rückmeldungen. „Mein Versicherungsjob ist trocken. Aber ich engagiere mich bei der Tafel und im Tierheim. Das gibt mir Sinn und ein gutes Gefühl. Da bekommt man auch was zurück. Ich sitze ja sonst in der Schadensabteilung und lasse mich anbrüllen, weil die Leute ihr Geld nicht bekommen. Auf der anderen Seite erlebe ich dann Menschlichkeit und Dankbarkeit.“ „Ich lese Kindern mit Migrationshintergrund vor, gebe ein wenig Deutschunterricht. Da erlebe ich viel Solidarität und Verbundenheit. Ich bekomme von ihnen mehr zurück, als ich gebe. Es ist toll, einfach die strahlenden und neugierigen Gesichter zu sehen.“ „Mir ist wichtig, einfach zu helfen. Ein täglicher Auftrag an mich selbst.“ „Sozial kann ich noch mehr bewirken als politisch. Denn was ändert meine eine Stimme.“ Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 49 Gesellschaftliche Leitmilieus »Etablierte« 50 Was junge Frauen wollen © DELTA-Institut 3.3 Delta-Milieu„Etablierte“(5 Prozent) Milieuverteilung von Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren Oberschicht Obere Mittelschicht Mittelschicht Untere Mittelschicht Unterschicht Konservative 2% Traditionelle 3% Etablierte 5% Bürgerliche Mitte 19% Postmaterielle 11% Performer 20% Expeditive 15% Benachteiligte 13% Hedonisten 12% Soziale Lage nach Mikrozensus und OECD Grundorientierung A1 Unterordnung Pflicht, Akzeptanz Selbstkontrolle „Festhalten“ A2 Einordnung Konservative Modernisierung „Wandel akzeptieren“ Gemeinsame Traditionen B1 Lebensstandard Status, Besitz, Teilhabe Kennen, Können, Ankommen „Geltung& Genuss“ B2 Aufklärung, Emanzipation Aufbruch, Widerstand Ganzheitlich leben „Sein& Verändern“ Selbstverwirklichung C1 Flexibilität, Mobilität Optionalität Erfolgs-Pragmatismus „Machen& Erleben“ C2 Management von Grenzen Synthesen, Synästhesien Pragmatischer Idealismus „Grenzen überschreiten“ Selbstmanagement Kurzcharakteristik: Das sehr hoch qualifizierte und ambitionierte Establishment mit Erfolgsethik, Machbarkeitsdenken, Exklusivitätsansprüchen und Distinktionskultur. Selbstbewusstsein, dank erworbener Qualifikationen, hoher Leistungsfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Führungselite des Landes zu gehören. Selbstbild als professionelle, kreative und dynamische Vor- und Querdenkerin mit Pragmatik und sensiblem Sensor für gesellschaftliche Veränderungen. Beraterin, Wegweiserin und starke Vorkämpferin für neue Strategien in Unternehmen, Organisationen, Parteien. Habitus der anspruchsvollen und erfolgsorientierten Kosmopolitin, sensibel für Zeitgeist, für weak signals und die Notwendigkeit, umzudenken und neue Entwicklungen entschlossen und zielorientiert anzugehen. Häufige Themen sind: kulturelle und technologische Umbrüche(national und in anderen – westlichen – Ländern) sowie Unternehmenskulturen, Frauen im Arbeitsmarkt, Frauen in Führungspositionen; Nachhaltigkeit, Klimaschutz, wirtschafts- und sozialpolitische Rahmenbedingungen: Ausrichtung auf zukunftsorientierte Ansätze. Hohes Maß an Informiertheit über neue wissenschaftliche Studien und Erkenntnisse; ausgeprägtes Gespür und Geschick für Vernetzung und Kommunikation mit entscheidenden Stakeholdern aus Unternehmen, Politik, Verbänden, Wissenschaft u. a. Kommunikative und ästhetische Demonstration von Autonomie und Überlegenheit, von Stilsicherheit und Geschmack einerseits, dem souveränen Umgang mit Konventionen andererseits. Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 51 3.3.1 Werte und Lebensstil • Weltbild: Hierarchie und Rang als primäre Perspektive: Es gibt in unserer Gesellschaft ein funktionierendes und weitgehend gerechtes Rangsystem, in dem Bildung, Leistung, Kompetenz und Professionalität belohnt werden. Durch ihre Herkunft(kulturelles Kapital, materielle Ressourcen) haben manche bessere, andere schlechtere Startvoraussetzungen; dennoch bietet unsere Gesellschaft jedem Aufstiegschancen. • Selbstbild(Ich-Ideal): Ökonomische, politische und kulturelle Elite, die mit fachlicher und sozialer Kompetenz, Weitblick und Entschlossenheit Verantwortung übernimmt; hohe Ansprüche an sich selbst(und andere). • Abgrenzung: kulturelle Distanz zum Trivialen, Plumpen, Mittelmäßigen, aber auch zum Lustlosen, Extremen, Lauten und Maßlosen. • Leitmotive: Distinktion, Leistung und Perfektion, Anti-Trash. Lebensstil • Wunsch nach Kindern und Familienleben, das neben der Berufstätigkeit möglich sein muss: Familie als Erholungs-, Sinn- und Energiequelle: wichtigste Sphäre für WorkLife-Balance. Allerdings langes Aufschieben der Familiengründung bis nach dem 30. Lebensjahr bzw. den ersten Karriereschritten(stabiles berufliches Standing) aufgrund der Befürchtung, sonst die eigenen beruflichen Ziele aufgeben zu müssen. • Normalität von Stress im komplexen, verantwortungsvollen, zeitintensiven beruflichen Alltag; zugleich die Sehnsucht nach Einfachheit, Ruhe und Well-Being(Entschleunigung), für die man sich„Auszeiten“ ersehnt bzw. nimmt. • Exklusivitätsansprüche: hochwertiger selektiver Konsum, hohes Qualitätsbewusstsein; Kennerinschaft und Stilgefühl. Intensive Teilnahme am gesellschaftlichen und kulturellen Leben, aktives Engagement in Vereinigungen, Verbänden, Clubs. • Interesse an Kunst und Kultur: Theater, Oper, klassische Konzerte, Museen, Vernissagen, Galerien; Städtereisen mit Kulturprogramm, Reisen in Regionen ferner Länder (auch) inspiriert von Geschäftsreisen(z. B. Afrika, USA, Japan). Wellness-Ausflüge, Reisen abseits vom Massentourismus; auch Beschäftigung mit dem Garten als Ausgleich zum beruflichen Stress. • Ausgeprägtes politisches Denken mit kosmopolitischer und transnationaler Haltung, fundierte Information aus Tageszeitungen und Wirtschaftsnachrichten; klare Position, differenzierte Betrachtung und argumentativ begründete Urteilsfähigkeit. 52 Was junge Frauen wollen „Ich wünsche mir von der Familienund Gleichstellungspolitik … … dass die Ursprünge der Probleme zeitnah gelöst werden.“ … dass es in fünf Jahren keine Gleichstellungsbeauftragte mehr geben muss.“ … tja, da liegt noch einiges im Argen: Die Gleichberechtigung muss umgesetzt werden! Es werden z. B. noch zu viele Frauen unterbezahlt.“ … einen gerechten Ausgleich für die Zeit der Erziehung, ja, das wünsche ich mir wirklich.“ … dass es auch Anwendung findet und Gesetze nicht nur auf dem Papier stehen.“ Es geht um das Problem, dass ich wenig Zeit habe. Ich bekomme Angst, wenn ich daran denke, dass ich mal einen Kita-Platz brauche. Meine Eltern wohnen in Tschechien. Wenn man hier in Deutschland schon die Möglichkeit hat, das Kind in die Kita schicken zu können, um wieder zu arbeiten, dann erntet man von den Nachbarn schiefe Blicke, weil man eine Rabenmutter ist.“ 3.3.2 Arbeitszeit: flexibler mit individuellen Slots für Erholung und Familie In der älteren Generation der„Etablierten“ fand(und findet) ein Teil der Frauen ihre Rolle darin, ihrem berufstätigen Ehemann – zumindest einige Jahre in der ersten Familienzeit, zum Teil aber auch darüber hinaus – den Rücken freizuhalten. Für jüngere Frauen in diesem Milieu hingegen ist die eigene Erwerbstätigkeit eine unbedingte Selbstverständlichkeit: Sie sind sehr gut qualifiziert(in der Regel verfügen Sie über ein abgeschlossenes Studium), wie Männer/ihre Partner aus dem Milieu, haben hohe Ambitionen und Potenziale sowie die Bereitschaft zur Verantwortung. In den ersten Jahren der Erwerbstätigkeit steigen sie in gleicher Weise und in gleichem Tempo wie Männer beruflich bis in mittlere Führungspositionen auf und – wenn sie keine Kinder haben – auch in höhere(Führungs-)Positionen. Dennoch nimmt in der Regel der(Ehe-)Mann eine höhere Führungsposition ein und verfügt aufgrund struktureller Entgeltungleichheit über das höhere Einkommen in der Partnerschaft. Damit ist bei der Familiengründung auch ökonomisch präjudiziert, dass sich nach der Geburt des Kindes hauptsächlich die Frau um die Versorgung und Erziehung der Kinder sowie um die Organisation haushaltsnaher Dienstleistungen kümmert. Obwohl sich beide in der Partnerschaft auf gleicher Augenhöhe sehen, ist die traditionelle Rollenteilung die Familiennormalität: Während der Lebenspartner relativ bruchlos erwerbstätig ist, obliegt Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 53 Typische Berufe (aus den Gruppendiskussionen): Chefeinkäuferin für ein großes amerikanisches E-Commerce-Unternehmen, Abteilungsleitung im IT-Unternehmen, selbstständige Innenarchitektin, Geschäftsführerin im Unternehmen für Event-Management, Angestellte im Immobilienmanagement, ausgebildete professionelle Sängerin der Frau die Koordination von Familien- und Berufsarbeit. In dieser Phase stellen Frauen ihre eigenen früheren Karriereambitionen zurück auf später, geben höhere Karriereziele ganz auf oder suchen in der Selbstständigkeit eine neue berufliche Chance. Primäres Motiv ist:„Ich möchte Zeit für meine Kinder haben!“ Die Internalisierung des gesellschaftlich normativen Bedürfnisses einer guten Mutter dient auch der Bewältigung der kognitiven Dissonanz, dass sie ihre beruflichen Ambitionen zurückstellen muss, was sie eigentlich nicht möchte. „Muss ich mal einen Tag weg, dann muss das organisiert sein. Meine Schwiegereltern sind in der Nähe, das ist schon ein Glück. Es ist gut vereinbar. Mein Mann würde nicht daheimbleiben, falls ein Kind krank ist. Da wurde nichts ausgehandelt. Das Büro meines Mannes muss einfach laufen, das ist das Hauptthema. Ich sehe bei meinem Mann nicht, dass er weniger arbeiten will. Ich würde gerne mehr machen, weil ich meinen Job auch gerne mache.“ „Mein Mann hat eine eigene Firma, der kann nicht so einfach weg. Nach den Geburten war der eineinhalb Wochen und bei der zweiten eine Woche zu Hause. Der Beruf meines Mannes ist wichtiger, der muss täglich ins Büro, der hat laufende Projekte. Ich kann mich nicht beschweren, denn ich liebe die Zeit mit meinen zwei Kindern. Meine Söhne sind schon in der Krippe, das ist einfach mal so, deshalb kann ich auch arbeiten. Schaffe ich tagsüber nicht alles, mache ich das abends.“ „Da gibt es oft Krach, denn es stellt sich die Frage, wessen Arbeit wichtiger und wertvoller ist. Es geht oft auch darum, wer mehr Geld verdient.“ Die in ihrem Beruf geforderte Flexibilität, Mobilität und Verfügbarkeit als leitende Mitarbeiterin in einem(international operierenden) Industrie- oder Dienstleistungsunternehmen oder als freie Selbstständige erfordern ein professionelles Zeitmanagement, das für Mütter durch die in der Regel starren Öffnungszeiten der Kitas und deren geringe Reagibilität für kurzfristige Bedarfe zusätzlich erschwert wird. Ab dem mittleren Management werden in einigen Unternehmen die Arbeitsstunden nicht mehr erfasst oder das Überstundenkonto wird gedeckelt(das Projekt muss trotzdem fortgesetzt werden); freie Selbstständige erfassen ihre Stunden meist nicht genau. Es obliegt der Selbstverantwortung und Professionalität der Führungskraft, ihren Job zu machen: Das Ergebnis zählt. Dazu kommt bei international operierenden Unternehmen, dass transkontinentale Telefon-/Videokonferenzen(z. B. mit den USA, Japan) oft am Abend oder in der Nacht stattfinden. Wenn tagsüber eine starre Präsenzkultur und Kernarbeitszeit gelten, sind die Effekte häufig Zeitnot, Selbstausbeutung, Zerrissenheit und sinkende Lebensqualität. Eine Lösung sehen Frauen im Milieu „Etablierte“ in drei Maßnahmensträngen: 54 Was junge Frauen wollen 1 Mehr Flexibilität von Arbeitszeiten und Pausen: individuelle time-slots im Tages- und Wochenverlauf für persönliche und familiäre Bedarfe. Das erfordert kollegiale Abstimmung und Vertrauen. 2 Jahres-Arbeitszeitkonten: autonome Bestimmung und Organisation des Arbeitspensums innerhalb eines Intervalls(Monat, Quartal, Jahr): Das setzt die Erfassung von Arbeitsstunden voraus. 3 Räumliche Flexibilität durch Entkoppelung ihrer Person vom Büro-Arbeitsplatz: Freiheit der eigenständigen Wahl des Arbeitsortes(z. B. Homeoffice; auch andere Orte) –Informations- und Kommunikationstechnologien lassen viele Möglichkeitsräume zu: Es fehlt meistens an der Präsenzkultur und mangelndem Vertrauen mancher(vor allem männlicher) Unternehmensleiter der„old school“, die man insbesondere gegenüber Frauen beobachtet. Gegenüber Müttern mit noch kleinen Kindern lassen Unternehmen selten Homeoffice zu, aufgrund des Verdachts, dass die Versorgung der Kinder ein effizientes Arbeiten hemme(ohne zu sehen, dass diese Frauen am Tag/am Abend andere Arbeitsfenster haben). Aus Sicht der Frauen aus dem Milieu der„Etablierten“ sind diese Maßnahmen unbedingt notwendig für ihre Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Die Abkehr von standardisierter Außensteuerung hin zu flexibler situationsgerechter Selbstbestimmung reduziert Zeitdruck, erhöht das Leistungspotenzial und die Qualität der Arbeit. Groß ist bei diesen Frauen in der Lebensphase der Familiengründung bzw. der noch jungen Familie das Bedürfnis nach mehr Freizeit(weniger arbeiten): Der Vergleich von tatsächlicher Arbeitszeit(Ø 36 Stunden/Woche) und ihrer gewünschten Arbeitszeit(Ø 32 Stunden/Woche) zeigt, dass Frauen im Durchschnitt gern weniger arbeiten würden: vollzeitnahe Teilzeit. Partner von etablierten Frauen sind im Durchschnitt 40 Stunden pro Woche erwerbstätig. Für ihren Partner wünschen sich diese Frauen ebenfalls eine Reduzierung seines Arbeitsumfangs auf 36 Stunden im Durchschnitt. Ziel ist es, dem Partner für andere Sphären(z. B. Familie) Zeit zu verschaffen. Erwerbsarbeitszeit von Frauen im Milieu„Etablierte“ im Alter von 18 bis 40 Jahren bis zu 19 Stunden/Woche 20 – 29 Stunden/Woche 30 – 34 Stunden/Woche 35 – 39 Stunden/Woche 40 – 44 Stunden/Woche 45 Stunden und mehr/Woche Durchschnitt Vertraglich % 28 14 19 29 10 33,0 h Tatsächlich % 28 5 10 29 28 36,3 h Wunsch % 18 36 27 10 9 32,2 h Tatsächliche Arbeitszeit des Partners % 6 12 65 17 39,9 h Wunsch Erwerbsumfang für den Partner % 11 17 22 44 6 36,2 h Quelle: Delta-Studie„Gleichstellung 2015“; bevölkerungsrepräsentative Befragung im Auftrag des BMFSFJ Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 55 „Diese Fixierung auf Stunden wird mit den Jahren übergriffig. Sicher, meine Stundenzahl ist festgelegt, aber dann bekomme ich ein Projekt und dann wird es einfach mehr. Natürlich kann ich Überstunden sammeln, aber trotzdem wird das Überstundenkonto gedeckelt und am Monatsende ist Schluss. Ein Arbeitszeitkonto wäre gut. In meiner Branche könnte ich das dann so machen: Ich sammle bis hin zum Jahresende meine Überstunden an. November und Dezember könnte ich das dann aufbrauchen und würde zu Hause bleiben.“ „Homeoffice gibt es in meiner Firma nur für Männer. Denn die Außendienstmitarbeiter, die brauchen für ihre Arbeiten unterwegs einen Laptop, den können sie dann auch fürs Homeoffice nutzen. Bei Frauen denkt unsere Führung dann, die machen wer weiß was mit den Computern, denen schenkt man da nicht so viel Vertrauen. Dieser Gedanke ist zwar altbacken, aber meine Firma ist sehr traditionell. Wenn ich mich mit unserem Vorstand unterhalte, müssen immer Ziele vereinbart werden. Und für die Erreichung dieser Ziele ist in diesem männergeführten Unternehmen für Homeoffice, z. B. in der Buchhaltung, kein Platz. Das wird aber nicht ausgesprochen. Da wird dann schon mal zu einer Elternzeitrückkehrerin gesagt: ‚Wir brauchen Sie hier vor Ort.‘ Da gibt es sehr viel Misstrauen, was diese Frau dann vielleicht in ihrer Homeoffice-Zeit anstellen würde.“ „Mein Arbeitsumfang: Auf dem Papier steht 30 Stunden pro Woche, aber in der Realität werden es 60 plus. Ich würde primär weniger und nicht so ortsgebunden arbeiten. Ich kaufe Bekleidung ein, bin weltweit unterwegs, mal Amsterdam und mal New York. Ich bin sehr von den Umständen in meinem Job abhängig. Ich kann das nicht so steuern, weil ich einfach viel reisen muss. Ich kann mir meine Termine frei einteilen, aber die Masse an Arbeit muss einfach erledigt werden. Sicher kann ich die Termine in den Showrooms legen wie ich will, aber es gibt Lieferfrequenzen und Vorgaben. Freiheiten habe ich auf Basis der Tageseinteilung, aber das Pensum setzt mir einen Rahmen. Es ist schade, aber es gibt auch keine Stundenzählung – wir sind ein amerikanisches Unternehmen. Ich wäre gerne flexibler in der Planung meiner Arbeitsorte. Und ich würde definitiv gerne weniger arbeiten, vielleicht auch an vier Tagen zwölf Stunden, aber dann einen Tag nicht. Ich möchte mir mehr einteilen, meine Slots schaffen. Es müsste die Zeit erfasst werden, aber das gibt es bei den Amis nicht, da gibt es nicht viel Spielraum. Aber Homeoffice ist auch kein Vorteil für mich. Sicher werden mir verschiedene mobile Endgeräte zur Verfügung gestellt, aber das bindet mich auch an das Unternehmen. Dann wird natürlich auch gefordert, dass man erreichbar ist. Da wird dann mit einer Selbstverständlichkeit erwartet, dass man auch um 21 Uhr noch an einem Call teilnimmt.“ „Ich würde mehr von zu Hause aus arbeiten. Das ist aber in meiner Firma noch nicht erwünscht. Aber es ist im Aufbruch, die Firma muss sich öffnen, diese starren Regelungen müssen aufweichen. Bisher gibt es aber noch kein Homeoffice bei uns. Ich würde flexibler und auch weniger arbeiten. Mehr Freizeit bedeutet auch mehr Lebensqualität.“ 56 Was junge Frauen wollen 3.3.3 Geschlechtergerechtigkeit: noch lange nicht erreicht! Die im Grundgesetz(Art. 3 Abs. 2) verankerte Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ist in der Wahrnehmung von Frauen im Milieu„Etablierte“ nur ungenügend realisiert. Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern besteht in vielen Bereichen nicht und vor allem in der Wirtschaft, Erziehung und Bildung identifizieren sie die ursächlichen Faktoren: » Es sind zu wenige Frauen in Führungspositionen. Das neue Gesetz des Mindestanteils von Frauen in Aufsichtsräten greife viel zu kurz(und auf eine zu kleine Gruppe) und sollte unbedingt auf Vorstände und gehobene Führungsebenen erweitert werden. Sie seien zwar kein Fan einer Quote, aber am Anfang brauche man Quoten, damit Bewegung in die richtige Richtung komme. » Entgeltungleichheit von Frauen und Männern ist ein ökonomischer, sozialer und moralischer Skandal: Wenn beide gleich gut qualifiziert sind und die gleiche Leistung bringen, gibt es keinen Grund, dass Frauen weniger Gehalt bekommen als Männer. » Es gibt zu wenige Männer im Erziehungswesen und in Pflegeberufen: Heftig kritisieren Frauen aus dem Milieu„Etablierte“, dass soziale Berufe unterbezahlt sind (Anmerkung: keine der befragten Frauen arbeitet in einem sozialen Beruf oder der Sozialbranche) und dass es noch immer typische(besserbezahlte) Männerberufe und typische(schlechtbezahlte) Frauenberufe gibt. Sie fordern eine„Gleichwertigkeit“ von verschiedenen Berufen, insbesondere eine Aufwertung der Sozialberufe. Groß ist der Vorwurf an die Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik, zu wenig für eine gerechte monetäre Bewertung der Sozialberufe zu tun und zu wenig für den Abbau von Berufswahl- und Aufstiegshindernissen von Mädchen, die meist bessere Schulnoten als Jungen haben. Konkret ist der Vorschlag für ein Talent-Depot für junge Frauen (und Männer) – z. B. über die IHK oder Handwerkskammer. » Die Ursache für die geschlechter-asymmetrische Berufsorientierung und Berufswahl identifizieren diese Frauen bereits in der Grundschule sowie bei den weiterführenden Schulen in der Wahl von Schwerpunkten(Naturwissenschaft, Sprachen, Soziales). Hier werden in der Regel nicht Neigungen und Talent individuell den Angeboten zugeordnet, sondern alte Geschlechterstereotype weisen einen vorsortierenden Charakter auf: Eine naturwissenschaftlich interessierte Schülerin muss sich besonders herausheben und exponieren, um seitens der Schule die Empfehlung für diesen Schwerpunkt zu bekommen. Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 57 „Mir ist sofort meine Schulzeit eingefallen. Da wurde ich doch sofort kategorisiert. Handarbeit für Mädchen, Werken für Jungen. Aber ich wollte eigentlich immer wissen, wie man ein Unternehmen aufbaut. Da gibt es aber die Kategorien schon in der Grundschule.“ „Nur was das Wachstum ankurbelt, wird gut bezahlt! Aber welche Arbeit ist wertvoll?“ „Es werden verschiedene Berufsgruppen und auch Frauen benachteiligt. ‚Ich bin gerne daheim die Umsorgerin.‘ Das hat den gleichen Stellenwert wie: ‚Ich bin Aufsichtsrätin bei der Deutschen Bank‘.“ „Ich bin Prüferin an der IHK. Mädchen haben immer bessere Noten, aber in fünf Jahren sieht man die Mädels als Sachbearbeiterin, die kommen nicht höher. Jungs sind da mehr laissez faire, kommen später aber eher ins mittlere Management. Ich bin für ein Talent-Depot, vielleicht über die Handwerkskammer oder die IHK. Da meldet man sich und die Kammer vermittelt und pusht dann vielleicht auch mal die Mädchen.“ 3.3.4 ZentRale Forderungen an die Familienpolitik Das Interesse an Politik ist hoch und vor allem Mütter im Milieu nehmen die Familienpolitik aufmerksam und kritisch-distanziert wahr. Familienpolitik macht in ihrem Urteil dann gute Arbeit: • wenn sie einfach verständlich sowie alltagsbezogen kommuniziert und nicht in juristisch oder politisch verquaster Sprache; vor allem nicht, wenn sich die Politik für ihre eigenen Verdienste feiert, • wenn sich eine Frau nicht mehr zwischen Beruf und Kind entscheiden muss, • wenn der Staat mehr Anreize für die Familiengründung schafft und die finanziellen Belastungen spürbarer senkt: Das bezieht sich auf den notwendigen massiven Ausbau von Kita-Plätzen für Kinder unter drei Jahren – kostenfrei für Eltern. Dazu verlangen diese Frauen die Abschaffung des Betreuungsgelds(„Verschwendung“,„falscher Anreiz“) sowie eine regionale Differenzierung des Elterngelds: In urbanen Zentren und Einzugsgebieten von München, Stuttgart oder Hamburg sind die Lebenshaltungskosten(mit Kindern) deutlich höher als in ländlichen Regionen: Hier sollte die Familienund Gleichstellungspolitik die Höhe des Elterngeldes staffeln. „Wenn wir hier zusammensitzen und diskutieren, ob ich mir ein Kind leisten kann, dann hat die Familienpolitik doch schon versagt, da hat einer seine Hausaufgaben nicht gemacht. Wenn sich so viele Gedanken machen, wie sie das stemmen können, dann ist was schiefgelaufen.“ 58 Was junge Frauen wollen „Die nordischen Länder sind da um Universen weiter. Noch habe ich keine Kinder und ich stehe wirklich vor der Entscheidung ‚entweder – oder‘. Wenn ich hier in der Stadt bleiben will, wird der finanzielle Batzen immer größer, den ich vor mir herschieben muss, denn ich muss das doch finanziell schaffen können. Wenn der Kitaplatz aber wie hier 900 Euro im Monat kostet, ist das kaum zu stemmen. Ich finde, dass Kitaplätze für alle zur Verfügung stehen müssen, und zwar kostenfrei. Schließlich erziehen wir als Mütter und Familie die Steuer- und Rentenzahler von morgen.“ „In München mit 1.600 Euro Elterngeld! Da lachen die in München doch über diese Realitätsferne. Anderswo reicht das aber schon, Thüringen oder Bayerischer Wald. Bei den Basics hat die Politik versagt, aber nicht nur die Familienpolitik.“ 3.3.5 Stark ausgeprägtes politisches Interesse – Engagement jedoch in anderen Feldern Die als Reiz in die Gruppendiskussion eingebrachte provokante Eingangsthese, dass Frauen sich weniger für Politik interessierten als Männer, wird von jungen Frauen im Milieu „Etablierte“ offensiv umgekehrt und begründet:„Frauen interessieren sich mehr für Politik als Männer!“ Begleitet von der Betonung, dass man nicht stereotyp über Frauen und Männern sprechen dürfe, betonen sie, im Alltag signifikante Unterschiede zu beobachten, dass Frauen sich vielschichtiger, komplexer und vorsichtiger mit einem Thema auseinandersetzen, während Männer die Tendenz hätten, ein Thema nach wenigen Aspekten zu beurteilen. Das mündet bei einigen Frauen in„steilen“ Aussagen, wie: „Frauen haben mehr Weitblick, sie denken politisch weiter, sind nicht so engstirnig wie Männer.“ „Männer sehen schwerer über den Tellerrand hinaus, Frauen sehen vielschichtiger, denken globaler und politisch weiter.“ Vor allem hätten Männer die Tendenz, aufgrund der Wahrnehmung äußerlicher Verhaltensmuster rasch zu urteilen, während Frauen eher dazu neigen würden, Menschen in ihrer Motivation und Orientierung von innen heraus zu verstehen. Weiter hätten Männer die Tendenz, sich für Fakten zu interessieren, ein Thema auf zentrale Fakten zu fokussieren und dann zu einer Entscheidung zu kommen – das gehe auf Kosten der Eindringtiefe und Zusammenhänge. Frauen hingegen würden eher versuchen, ein Thema von verschiedenen Seiten zu beleuchten, um es so ganzheitlich zu verstehen. Ihr Zugang umfasst das möglichst viele Faktoren einbeziehende Verstehen und Suchen nach einer Lösung, die möglichst alle Aspekte berücksichtigt und allen Beteiligten gerecht wird, sowie das Misstrauen gegenüber schnellen eindimensionalen Lösungsvorschlägen, gerade wenn sie kraftvoll wirken! Mit ihrem mehrdimensional abwägenden Zugang zu Themen und Lösungen werden Frauen – so die Überzeugung von jungen Etablierten – der Situation und Sachlage langfristig eher gerecht als Männer. Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 59 Diese Herangehens- und Entscheidungsweise von Frauen sei – so die Perspektive von etablierten Frauen – einer der Gründe dafür, dass in den letzten Jahren die Zahl der Bürgermeisterinnen sehr stark gestiegen und so hoch wie nie zuvor sei. In einer Welt, in der die Probleme komplex sind und in vielfältigen Wechselwirkungen mit Neben- und Spätfolgen stehen, sei die für Frauen typische Zugangsweise im Ergebnis erfolgreicher und nachhaltiger als jene„typisch männliche“ Vorgehensweise, die zwar früher, in Zeiten geringerer Komplexität geeignet schien, aber heute kaum mehr für eine substanzielle und langfristige Politik tauge. Warum also – so die Gretchenfrage – engagieren sich nur wenige Frauen in der Politik? Den Grund identifizieren junge„etablierte Frauen“ in den gewachsenen Ritualen und Erfordernissen der Kommunalpolitik: „Ich kann mir nicht vorstellen, mich in einer Partei zu engagieren, weil ich dann als Parteiarbeit beim Würstchengrillen mit Hans Meier dabei sein sollte, vorgegebene Programme und Parolen der Partei in Gänze unbedingt parteiloyal teilen und den Leuten verkünden muss – auch wenn ich bestimmten Dingen nicht zustimme. Wer das nicht mitmacht, hat in der Partei keine Chance.“ Die befragten Frauen waren sich einig, dass die großen politischen Parteien weitgehend unterschiedslos seien und im öffentlich-medialen Politikbetriebe einer Logik folgen, die nicht überzeugt und begeistert. Gleichwohl ist eine politische Wahl für Frauen aus diesem Milieu eine unbedingte Pflicht als demokratische Bürgerin – allerdings senken sie ihre Ansprüche an die von ihnen gewählte Partei. Im Kern beklagen sie an Volksparteien, rasant an inhaltlichem Profil verloren zu haben, vermutlich aufgrund der Sorge, allen gerecht werden zu wollen, unverbindlich zu sein und nur verbal-propagandistisch in Reden Kante zu zeigen, aber nicht wahrhaftig zu sein im Sinne der Selbstverpflichtung für ausgesprochene Wahlversprechen: Nicht eine kraftvolle ganzheitliche Vision, zu der man auch bei Gegenwind steht und für die man streitet, sondern das Schleifen eigener Konturen, das Vergessen der eigenen früheren Standpunkte sowie beim Kurswechsel das ohnmächtigunschuldige Verweisen auf Prozesse in der Realpolitik sind in der Wahrnehmung von jungen etablierten Frauen das Ritual und Mantra in der Politik. „Ich bin ein Mensch ohne ‚vielleicht‘, ich treffe Entscheidungen! Wenn morgen Wahl wäre, könnte ich keine Partei wählen, weil mich keine richtig pusht. Ich wähle dann eine Partei, hinter deren Programm ich zumindest zu 50 Prozent stehen kann.“ „Ich gehe immer wählen, weil ich kein besseres System sehe. Aus Überzeugung wähle ich nicht. Die Probleme sind so global geworden, die sind alle vernetzt. Es wird nicht transparent kommuniziert. Vor der Wahl hört man andere Aussagen als nach der Wahl. Und es wird auch immer so ganz unverbindlich geredet, dass man nach der Wahl keinen wegen seiner Aussagen packen oder angreifen kann.“ 60 Was junge Frauen wollen Groß ist das Verlangen, auch jenseits des eigenen Jobs etwas zu bewegen und sich zu engagieren – mit Niveau in der Sache und Kommunikation. Vor allem aber in politischen Ortsverbänden vermuten sie oder haben sie erlebt, dass die etablierten„Platzhirsche“ ihre Reviere verteidigen, Neulinge an den Rand schieben, in eine enge Rolle drängen, mit Fleißaufgaben versehen und instrumentalisieren und ihnen ihre Meinung und politische Richtung aufdrängen wollten. Diese selbstbewussten und hochqualifizierten Frauen aber wollen sich nicht dirigieren und instrumentalisieren lassen. Zudem ist ihnen die eigene knappe Zeit zu schade, um sich über Platzhirschgehabe aufzuregen oder sich in fruchtlose(niveaulose) Streitgespräche zu begeben. Insofern engagieren sie sich eher bei Initiativen, Verbänden und sozialen Einrichtungen, bei denen sie real etwas bewegen können und sich dabei nicht verbiegen oder einem Programmdiktat folgen müssen. Milieudifferenzierte Befunde| Gesellschaftliche Leitmilieus 61 3.4 Delta-Milieusegment „Traditionelle& Konservative“(5 Prozent) Milieuverteilung von Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren Oberschicht Obere Mittelschicht Mittelschicht Untere Mittelschicht Unterschicht Konservative 2% Traditionelle 3% Etablierte 5% Bürgerliche Mitte 19% Postmaterielle 11% Performer 20% Expeditive 15% Benachteiligte 13% Hedonisten 12% Soziale Lage nach Mikrozensus und OECD Grundorientierung A1 Unterordnung Pflicht, Akzeptanz Selbstkontrolle „Festhalten“ A2 Einordnung Konservative Modernisierung „Wandel akzeptieren“ Gemeinsame Traditionen B1 Lebensstandard Status, Besitz, Teilhabe Kennen, Können, Ankommen „Geltung& Genuss“ B2 Aufklärung, Emanzipation Aufbruch, Widerstand Ganzheitlich leben „Sein& Verändern“ Selbstverwirklichung C1 Flexibilität, Mobilität Optionalität Erfolgs-Pragmatismus „Machen& Erleben“ C2 Management von Grenzen Synthesen, Synästhesien Pragmatischer Idealismus „Grenzen überschreiten“ Selbstmanagement © DELTA-Institut Mainstream der Gesellschaft »Traditionelle& Konservative« 62 Was junge Frauen wollen Kurzcharakteristik: Klare Vorstellung vom moralisch, sozial und emotional guten Familien- und Gemeinschaftsleben sowie von einer richtigen und funktionierenden Gesellschaft. Festhalten und Verteidigen der in ihrer Familie gepflegten und für Deutschland charakteristischen deutschen Werte und Tugenden: Diese geben Sicherheit und Stabilität, bewahren das „Eigene“ gegenüber dem Fremden. Dazu gehören Pflichterfüllung und Leistungsbereitschaft, lokale Verbundenheit und nationale Identität(„Heimat“). Die lokalen und regionalen Traditionen übernehmen und weiterführen, sich in örtlichen Vereinen engagieren und helfen, wo man gebraucht wird. Einerseits Mitgefühl und soziales Engagement für Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind(z. B. für Kinder von Strafgefangenen, für Obdachlose, Geflüchtete), anderseits Sorge vor Überfremdung, Verlust der kulturellen und inneren Sicherheit sowie Erosion der eigenen Identität. Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 63 3.4.1 Werte und Lebensstil • Weltbild: hierarchisches Weltbild(die Politik da oben vs. die Familien hier unten). Man muss sich anpassen, aus seinen Möglichkeiten das Beste machen. Wenn man gegen die (von außen gesetzten) Verhaltensanforderungen verstößt, droht soziale Ächtung. Aus dieser Grundhaltung erwachsen eine Verteidigung des Status-quo sowie eine Moral öffentlicher Konformität. Eine problemorientierte Weltsicht und Delegation der richtunggebenden Entscheidungen an„den Staat“ mit sehr konkreten, normativen Erwartungen. • Selbstbild(Ich-Ideal): die„moderne“ Frau – stolz auf das, was sie aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation erworben hat, die familiäre Tradition in Verbundenheit mit den Eltern weiterführen, eingebunden sein in die örtliche Gemeinde, sich mit dem Partner etwas Eigenes aufbauen. Die Familie als Lebensziel und Lebenszentrum. • Abgrenzung: Distanz zum Experimentellen, Exponierten und Exzentrischen; Ablehnung subkultureller Lebensstile. Moralische Stigmatisierung von Tabubrüchen, Ablehnung der Spaßgesellschaft; Ausgrenzung von Ideologien und fremden Religionen, die das Eigene bedrohen. • Leitmotive: Suche nach Ruhe; Rückzug in eine harmonische, stabile moderne„heile Welt“. Lebensphilosophie der Anpassung und moderaten Modernisierung, Zusammenhalt der Familie und Verteidigung von kultureller Tradition und Besitzstand. Lebensstil • Der Mann als Hauptverdiener, aber auch die Frau ist, im Gegensatz zur Elterngeneration, erwerbstätig. Persönlicher Wunsch und unbedingte soziale Norm in ihrer Lebenswelt ist, spätestens nach der Familiengründung nur Teilzeit zu arbeiten, um umfassend Zeit für die Kinder zu haben.„Alles“ für die eigenen Kinder tun, immer für sie da sein – darin einen wesentlichen Sinn im Leben finden. Aus Einsicht in die funktionale Richtigkeit dieser Fürsorge für die Entwicklung des Kindes und die Gesellschaft: eine gute Mutter sein und dafür sorgen, dass jeder in der Familie Harmonie, Geborgenheit findet. Durch solche funktionierenden Familien trägt man dazu bei, dass die Gesellschaft gut funktioniert. • Ausgeprägte Verantwortung für die eigenen Eltern und Schwiegereltern im Alter (Pflege): regelmäßige Besuche, Fürsorge, Versorgung – teilweise leben Eltern im eigenen Haus/Haushalt oder in der Nähe. Vielfältiges Engagement in lokalen Vereinen und Initiativen. • Aufgeschlossenheit gegenüber dem technologischen Wandel(anders als ihre Eltern), aber Skepsis gegenüber dem gesellschaftlichen Wandel. Nur gezügelte Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen oder Fremde hineinzulassen. • Derzeit sehr große Sorge vor„Entheimatung“ durch Geflüchtete, Menschen mit Migrationshintergrund, denen ganz die politische Aufmerksamkeit gilt. Sorge, dass dadurch die Bedürfnisse von Frauen und„deutschen“ Familien in den Hintergrund rücken, sowie vor dem Verlust von Sicherheit im Alltag(Kriminalität) und Befürchtung, dass die sozialen Sicherungssysteme diese neue Last nicht mehr tragen und zusammenbrechen, weil zunehmend(vermutlich überwiegend) Migrant_innen finanziell unterstützt werden müssen. 64 Was junge Frauen wollen „Ich wünsche mir von der Familienund Gleichstellungspolitik … … dass das mit der Gleichstellung auch mal Realität wird.“ … dass es besser zu vereinbaren ist, Familie und einen Beruf zu haben.“ … dass das mit Familie und Beruf einfach leichter geht.“ … dass Probleme geschickter gelöst werden, nicht so oberflächlich. Bis heute sind es immer noch die Frauen, die bei den Kindern daheimbleiben müssen.“ 3.4.2 Durch ökonomischen Druck zur Erwerbsarbeit gezwungen: Teilzeit als Ideal Jüngere Frauen aus dem Milieusegment„Traditionelle& Konservative“ haben mehrheitlich eine gute duale oder vollzeitschulische Berufsausbildung abgeschlossen(einige auch Hochschulabschlüsse), sind nach ihrer Ausbildung zunächst Vollzeit erwerbstätig – und zufrieden mit einem Umfang von 30 bis 40 Stunden pro Woche. Überstunden sind selten, denn ihnen ist die Zeit außerhalb des Arbeitsplatzes wichtig für ihre Freund_innen, Familie und das Engagement in örtlichen Vereinen. Doch in ihrer Lebensverlaufsperspektive stellt dies nur eine Übergangsphase bis zur Familiengründung dar. Wenn sie Mutter werden, steigen sie in der Regel für mindestens zwei oder drei Jahre vollständig aus dem Erwerbsleben aus, um ganz für ihr Kind da zu sein. Nach ihrem beruflichen Wiedereinstieg schließen die meisten die Rückkehr auf eine Vollzeitstelle für sich kategorisch aus, denn auch wenn ihre Kinder in Kindergarten und Schule gehen, wollen sie zumindest halbtags bei ihren Kindern sein, die ihre Unterstützung und Fürsorge brauchen(„für sie da sein“). Gern würden viele nach der Familiengründung ganz auf eigene Erwerbstätigkeit verzichten – doch das können sie sich aus finanziellen Gründen nicht leisten. Weniger der soziale Druck, dass man als beruflich qualifizierte Frau einige Zeit nach der Geburt des Kindes wieder erwerbstätig sein sollte, sonTypische Berufe dern der ökonomische Druck bewirkt, dass (aus den Gruppendiskussionen): sie sich zur Erwerbstätigkeit gedrängt sehen: Das Einkommen des Ehemanns reicht nicht Betriebsassistentin, Kauffrau bei einer mehr zur Finanzierung der Familie. Dazu sind Personalagentur, Angestellte beim Kinder heute zu teuer und Familien müssen Immobilienmakler, Angestellte in der viel Geld in die Bildung der eigenen Kinder IT-Branche, Verkäuferin im Modeinvestieren. Insofern sehen sich diese Frauen Einzelhandel, OP-Krankenschwester, zur Erwerbstätigkeit primär gezwungen: Sie Angestellte in der Stadtverwaltung als müssen auch Geld verdienen. Sachbearbeiterin Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 65 Für junge Mütter dieser Lebenswelt ist die Teilzeiterwerbstätigkeit(bis 20 Stunden pro Woche) optimal mit Arbeitszeiten am Vormittag, wenn sich die Kinder im Kindergarten oder in der Schule befinden. Gerne würden sie auch nur vier Tage pro Woche arbeiten gehen, um neben der Familien- und Erwerbsarbeit einen Vormittag für sich zu haben: Freund_innen, Sport u. a. Erst wenn die Kinder deutlich älter sind(das jüngste Kind älter als 16 Jahre), wollen sie auch mehr Stunden arbeiten, auch mehr als 20 Stunden pro Woche. „Ich tendiere auch dahin, einen Tag weniger in der Woche zu arbeiten.“ „Ich hätte einfach gerne flexiblere Arbeitszeiten.“ „Bei meinem Arbeitgeber hatte ich zweimal einen Antrag auf eine Teilzeitstelle gestellt. Zweimal wurde der abgelehnt. Es hieß, ich könnte nur Teilzeit arbeiten, wenn ich deutschlandweit einsetzbar wäre. Und das mit einem kleinen Kind!“ „Ich möchte ein Einkommen erzielen, das auch reicht. Vielleicht ist mal ein Urlaub drin, aber eigentlich soll es nur so viel sein, dass ich gut leben kann. Ich bin auch gerne Mutter und möchte auch mal Zeit für mich haben. So hetze ich mich aber den ganzen Tag nur ab. Abends falle ich todmüde ins Bett.“ Erwerbsarbeitszeit von Frauen im Milieusegment „Traditionelle/Konservative“ im Alter von 18 bis 40 Jahren bis zu 19 Stunden/Woche 20 – 29 Stunden/Woche 30 – 34 Stunden/Woche 35 – 39 Stunden/Woche 40 – 44 Stunden/Woche 45 Stunden und mehr/Woche Durchschnitt Vertraglich % 69 7 8 16 Tatsächlich % 69 6 2 8 15 21,1 h 21,6 h Wunsch % 47 23 22 8 20,1 h Tatsächliche Arbeitszeit des Partners % 7 79 14 40,8 h Wunsch Erwerbsumfang für den Partner % 13 20 60 7 38,5 h Quelle: Delta-Studie„Gleichstellung 2015“; bevölkerungsrepräsentative Befragung im Auftrag des BMFSFJ In der Familie ist die traditionelle Rollenteilung der voreingestellte Modus. Dass die Frauen überwiegend(oder ausschließlich) die Aufgaben im Haushalt erledigen und sich umfassend um die Versorgung und Erziehung der Kinder kümmern, wird von jungen Frauen dieser Lebenswelt verteidigt – denn schließlich ist ihr Ehemann 66 Was junge Frauen wollen hauptsächlich für das Einkommen zuständig und hat hier seine Aufgaben. In der Rolle als„Mutter“ betrachten sich Frauen aus diesem Milieu im Wesentlichen als „angekommen“, sehen darin ihre Bestimmung als Frau, ihre natürliche Pflicht und Fähigkeit. Subjektiv ist es somit nicht einfach nur die soziale Erwartung an sie als Mutter, sondern ihr eigenes Bedürfnis als„Mutter“ in einer emphatischen Bedeutung. Dieses Bedürfnis, das sie in sich spüren, gilt als natürlich. Im weltanschaulichen Horizont werden daraus das Recht und die praktische Pflicht abgeleitet, auf(zu umfassende) Erwerbstätigkeit zu verzichten, um für ihre Kinder da zu sein. Umgekehrt nimmt es Männer in der Funktion der wirtschaftlichen Familienversorgung in die natürliche Pflicht. Dieser hohe Stellenwert der Mutter-Kind-Beziehung steht weit über der Vater-Kind-Beziehung. Selbst in den wenigen Fällen, in denen vor der Familiengründung die Frau ein höheres Einkommen verdient als der Mann, bleibt doch die Frau zu Hause und wird automatisch der Mann zum Haupternährer der Familie. „Ich habe bei Weitem mehr verdient als mein Mann, aber ich wollte die MutterKind-Beziehung ausprägen. Ich will auch wieder arbeiten. Sicher, ich muss auch wieder arbeiten. Wenn das Geld ausreichen würde, würde ich gerne daheimbleiben.“ „Wer mehr verdient, geht weiter in die Arbeit. Das war ganz klar, da mein Mann mehr verdient, bleibe ich zu Hause.“ Zur Finanzierung des Familieneinkommens ist eine verlässliche Kinderbetreuung unbedingt erforderlich: Die eigenen Eltern stehen bei einigen gar nicht, bei anderen nicht täglich und verlässlich zur Verfügung. Groß ist die Bredouille für jene Frauen, die seitens ihres Arbeitgebers nicht von Vollzeit auf Teilzeit reduzieren können, wenn sie in der Region keine andere unbefristete Teilzeitstelle bekommen, wenn sie unbedingt Geld verdienen müssen und gleichzeitig der Kindergarten nur halbtags geöffnet ist. Groß ist die Frustration, wenn sie dann keinen(der wenigen) Ganztagsplätze für ihr Kind bekommen. Und groß ist die Wut, wenn Kinder von Geflüchteten und Asylbewerber_innen einen Krippen- oder Kindergartenplatz erhalten, weil Kontingente für diese reserviert werden – sie selbst oder Bekannte aus dem Umfeld hingegen keinen Kita-Platz bekommen. Hier besteht die Neigung, reflexhaft kausale Zusammenhänge zu sehen und sich als„Deutsche“ im eigenen Land und Wohnort als ausgeschlossen zu empfinden, benachteiligt gegenüber Fremden. Diese seien zwar hilfsbedürftig, aber darüber müssten stets die höheren Ansprüche von Deutschen und Einheimischen stehen. Diese abwehrende Haltung gegenüber Fremden und die Forderung an den Staat, die Interessen der deutschen Familien zu schützen, verheiratete deutsche Ehepaare vordringlich zu unterstützen, kommt keineswegs nur von autochthonen deutschen Frauen, sondern auch von jungen traditionsorientierten Frauen mit Migrationshintergrund, wenn sie schon einige Jahre in Deutschland leben. Auch wenn sie nicht in Deutschland geboren sind, ist für sie Deutschland ihre neue Heimat geworden und auch für sie das„Eigene“. Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 67 „Die Leiterin einer Kita hat mir erklärt, Asylbewerber müssen einfach vorgezogen werden. Ich MUSS arbeiten, von nur einem Gehalt kann man eine Familie nicht ernähren. Mein Mann verdient auch keine 5.000 Euro netto. Deutschland erwartet, dass Kinder geboren werden. Wie soll das aber gehen, wenn einem Steine in den Weg gelegt werden seitens des Staates und der Arbeitgeber?“ „Asylantenkinder rücken auf der Warteliste immer nach vorne. Verheiratete deutsche Ehepaare stehen da immer ganz hinten. Ich fühle mich vom deutschen Staat im Stich gelassen.“ 3.4.3 Soziale Gerechtigkeit: Sorge vor Überfremdung und Überlastung der Sicherungssysteme Angesichts der Ankunft einer großen Zahl von geflüchteten Menschen(im September und Oktober 2015 3 vor allem aus Afghanistan, Syrien, Irak, Nordafrika und dem Balkan) äußern die jungen traditionell-konservativen Frauen mit großem Nachdruck ihre vielfältigen Befürchtungen, 1 dass für die finanzielle Ersthilfe der Geflüchteten, den notwendigen Wohnungsbau sowie für die Kosten der Integration(Sprachkurse, Ausbildungen, Budgets für unbegleitete minderjährige Geflüchtete u. a.) und die Grundsicherung die finanziellen Aufwendungen so hoch sein werden, dass der Staat und die Sozialsysteme an ihre Grenzen kommen und zusammenzubrechen drohen, 2 dass dadurch immer weniger Mittel für deutsche Familien und Frauen sowie für die Bildung von Nicht-Migrant_innen zur Verfügung stehen – und die eigene Bevölkerung zunehmend aus dem Blick und der Fürsorge der Politik gerät, 3 dass die innere Sicherheit bedroht ist durch Gewalt gegenüber Frauen und Kindern, 4 dass ein erheblicher Teil der Menschen islamischen Glaubens nicht bereit ist, sich an die deutsche Kultur anzupassen. Das könne nicht nur in ferner Zukunft dazu führen, sondern ist vielerorts heute schon der Fall, dass man sich fremd im eigenen Land und am Wohnort fühle: Verlust des Eigenen, von Heimat, von Sicherheit, von berechtigten finanziellen Ansprüchen. In ihrer aktuellen Weltperspektive sind Fragen der sozialen Gerechtigkeit weitaus drängender als die der Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern. In der Einschätzung traditioneller junger Frauen zur Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern haben wir in Deutschland ein Niveau von 85 bis 90 Prozent erreicht. Die früher vorhandenen Ungerechtigkeiten seien im Wesentlichen beseitigt und die meisten Probleme gelöst. Die noch bestehenden, durchaus ernst zu nehmenden Probleme sehen diese Frauen darin, dass Frauen weniger verdienen als Männer, seltener in Führungspositionen kom3 Die Befragung fand im Oktober 2015 statt. 68 Was junge Frauen wollen men, häufiger Opfer sexueller Belästigung und häuslicher Gewalt sind, dass Frauen nach wie vor auf ihr Aussehen reduziert werden, und vor allem auch, dass man Frauen immer noch weniger zutraut als einem Mann. Zu den Benachteiligungen von Frauen zählen sie aber ebenfalls, dass Frauen beim Friseur, im Drogeriemarkt und bei Frauenzeitschriften mehr zahlen bzw. Geld ausgeben(müssen) als Männer. Es ist für das tiefere Verständnis dieser Frauen instruktiv, dass viele der genannten Benachteiligungen von ihnen selbst relativiert werden, weil sie im eigenen Rollenbild als Frau und Mutter aufgehoben sind. Dieselben Frauen, die mit der Familiengründung ihre Erwerbstätigkeit reduzieren oder unterbrechen wollen, identifizieren genau dies als Benachteiligung von Frauen. Hinsichtlich der Frauen in Führungspositionen reklamieren sie die strukturelle Unvereinbarkeit von Beruf und Familie: Wer im Beruf leitende Verantwortung übernimmt, kann nicht hinreichend für seine Kinder da sein, wie es eine gute Mutter tun sollte. Der Verzicht auf Kinder ergibt daher für karriereorientierte Frauen die logische und rationale Entscheidung. Andererseits ist Familie etwas, worauf keine Frau verzichten sollte, denn damit verpasst sie elementare Aspekte ihres Frau- und Menschseins. „Benachteiligt werden Frauen immer noch bei der Familienplanung. Denn sie haben immer noch ihre feste Rolle: Frauen bleiben immer daheim, zumindest meistens.“ „Ich würde es mir als Frau mit Kind schon überlegen, ob ich einen Managerposten haben will. Da bleibt mir doch keine Zeit mehr. Wenn ich mich für ein Kind entscheide, möchte ich auch Zeit dafür haben.“ „Die Frauen in Chefposten haben doch viel seltener Kinder, die machen Karriere. Ich kenne auch Frauen in Führungspositionen, die Kinder haben. Die arbeiten dann aber vielleicht die Hälfte ihrer Arbeitszeit im Homeoffice. Nur bei Geschäftsreisen geht das nicht.“ „Kinder haben ist schon das Lebensziel. Das ist für mich als Frau das Schönste auf der Welt. Das MUSS man erleben.“ „Eine Frau wird doch schon schräg angesehen, wenn sie mal ungeschminkt ins Büro kommt. Dabei machen das die meisten Männer jeden Tag.“ Die Vokabel„Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ ist in der Sprachwelt dieser Frauen fest etabliert; zugleich demonstrieren sie eine tentative Distanz zu diesem Anspruch. So wie das Thema in der medialen und politischen Öffentlichkeit diskutiert wird, bedeutet Vereinbarkeit von Beruf und Familie die Gleichzeitigkeit und Gleichgewichtigkeit beider Sphären. Dies aber widerspricht ihrem Weltbild und Familienmodell, in dem sie den Schwerpunkt für Frauen eindeutig auf Familie, für Männer klar auf Erwerbstätigkeit legen. Signifikant dafür steht die Aussage einer 34-jährigen verheirateten, teilzeiterwerbstätigen Frau mit drei Kindern:„Eine Trennung zwischen Männern und Frauen muss es aber schon Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 69 geben.“ Die Anforderungen an die Gleichstellung und Familienpolitik zeigen in der Folge einen engen Bezug zum je eigenen Zuständigkeitsbereich: » Mehr Geld in Bildung(für ihre Kinder) investieren! » Geld überall dorthin, wo es die Familien betrifft! » Mehr Plätze in Krippen und Kindergärten! » Wegen Gefahr von Pädophilie keine männlichen Erzieher! » Entlastung und Subventionierung von berufstätigen Müttern! » Das Betreuungsgeld nicht abschaffen! „Warum wird das Betreuungsgeld abgeschafft? Wenn Frauen schon daheimbleiben und ihr Kind erziehen, warum will man das abschaffen, das ist doch eine gute Sache.“ „Wenn eine berufstätige Mutter nicht mehr so belastet wird. Die arbeitet, kauft auch noch ein und kocht. Man muss nur mal gucken, wie viele Stunden die am Tag wirklich arbeitet. In Betrieben mit Kantine könnte man doch anbieten, dass man das Essen verpackt und für die Familie mitnehmen kann. Dann gibt es daheim das gleiche Essen wie in der Kantine. Fertige Portionen, die man nur noch erhitzen muss. Und das auch noch zum halben Preis.“ Obwohl diese Frauen erhebliche zeitliche, organisatorische und energetische Schwierigkeiten hinsichtlich der praktischen Bewältigung und Balance der beiden Bereiche Familie und Beruf haben, adressieren sie ihre Forderungen nach Entlastung ausschließlich an den Staat und die Arbeitgeber – nicht an ihren Ehemann und Lebenspartner. 3.4.4 Soziales(ehrenamtliches) Engagement ja – politisches Interesse nein Vielfältig ist das Spektrum von Aktivitäten in sozialen ehrenamtlichen Engagements: Unterstützung örtlicher Vereine(Heimatpflege, Sport), Mitarbeit in der Kirche und kirchlichen Hilfswerken, Mithelfen bei Suppenküchen, Tafeln und Kleiderkammern bis hin zur Unterstützung von Kindern von Strafgefangenen aus sozial schwachen Familien. Motivation ist der einzelne bedürftige Mensch, der konkrete Hilfe benötigt. Die Welt der Politik hingegen erscheint diesen Frauen als eine Welt der Männer, in der Eigenschaften, Tugenden und Rahmenbedingungen erforderlich sind, die sie als Frau nicht haben: Härte und Durchsetzungsfähigkeit(auch Skrupellosigkeit), Hartnäckigkeit und Ausdauer, Geduld und Zeit. Für politisches Engagement benötigt man – so die Meinung – ein hohes Maß an Frustrationstoleranz, muss die eigene Ohnmacht aushalten können und darf keine schnellen konkreten Ergebnisse erwarten. Dieser Distanz gegenüber dem politischen Betrieb tritt 70 Was junge Frauen wollen zugleich der grundsätzliche Wunsch nach Veränderung entgegen. Doch das politische Engagement der Einzelnen steht in keinem Verhältnis zu dem, was sie mit ihrem Einsatz konkret als Ergebnis bewirken können. Dabei zeigt sich die Haltung, dass sie die Kernfunktion der Politik in der Verteidigung des Bestehenden sehen und nicht in der aktiven Forcierung von Veränderungen: Politik soll unvorhergesehene und plötzliche Veränderungen kanalisieren und drosseln – im Interesse und Auftrag der(„deutschen“) Bevölkerung. Auffällig ist die Begründung der eigenen Distanz gegenüber der Politik. Es geht um Bestandswahrung und Schutz. Das bedeutet auch, sich nicht allen gesellschaftlichen„neuen“ Trends und Moden zu beugen, sondern widerständig zu sein, selbst wenn ein Trend aus der Subkultur mittlerweile größere Bevölkerungsteile und die Medien erfasst hat. Beispielsweise sollte die Politik die„Ehe“ schützen – und gleichgeschlechtliche Partnerschaften auf keinen Fall in den Status einer Ehe heben. „Gleichgeschlechtliche Partnerschaft – da bin ich dagegen. Wenn meine Kinder sehen, wie zwei Männer rumschmatzen, ist das nicht richtig. Man muss das auch nicht in den Medien zeigen. Der Gott hat Mann und Frau erschaffen. Das sind für mich lauter kranke Leute.“ Die provokante These,„Frauen interessieren sich weniger für Politik als Männer“, wird von jungen traditionellen Frauen mehrheitlich bestätigt und damit begründet, dass in der Politik Fähigkeiten und Eigenschaften erforderlich seien, die Männer haben und Frauen typischerweise nicht. Es gebe natürlich schon Frauen in der Politik(Merkel, von der Leyen u. a.) und auch in der Kommunalpolitik(im Ortsrat, Stadtrat, als Bürgermeisterin), aber diese seien eben Ausnahmen – selbst wenn sie„als Frau“ dabei eine deutlich bessere Politik gestalten würden als manche Männer. Die Akzeptanz der Behauptung, Frauen würden sich weniger für Politik als Männer interessieren, hat auch die Funktion, das geringe eigene politische Engagement zu begründen(„natürliches“ Alibi). „Frauen interessieren sich schon weniger für Politik als Männer, weil da so viel geschwafelt wird.“ „Ich bin nicht brutal genug dafür.“ „Das ist so aussichtslos und langweilig, sich für Politik zu interessieren. Da gibt es ein halbes Jahr die gleichen Schlagzeilen. Meine eigene Meinung ist den anderen doch egal. Ein Einzelner kann nicht so viel bewegen. Und nur darüber reden, bringt nicht viel. Ich muss eine Veränderung sehen.“ „Man kann sich aufregen, aber im Prinzip bleibt alles wie es ist. Wir alle hier im Raum können nichts tun. Leidtragende von dem, was die Merkel sagt, ist der Bürger.“ „Ich engagiere mich schon ehrenamtlich für Kinder von Strafgefangenen aus sozial schwachen Familien.“ Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 71 Mainstream der Gesellschaft »Bürgerliche Mitte« 72 Was junge Frauen wollen © DELTA-Institut 3.5 Delta-Milieu „Bürgerliche Mitte“(19 Prozent) Milieuverteilung von Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren Oberschicht Obere Mittelschicht Mittelschicht Untere Mittelschicht Unterschicht Konservative 2% Traditionelle 3% Etablierte 5% Bürgerliche Mitte 19% Postmaterielle 11% Performer 20% Expeditive 15% Benachteiligte 13% Hedonisten 12% Soziale Lage nach Mikrozensus und OECD Grundorientierung A1 Unterordnung Pflicht, Akzeptanz Selbstkontrolle „Festhalten“ A2 Einordnung Konservative Modernisierung „Wandel akzeptieren“ Gemeinsame Traditionen B1 Lebensstandard Status, Besitz, Teilhabe Kennen, Können, Ankommen „Geltung& Genuss“ B2 Aufklärung, Emanzipation Aufbruch, Widerstand Ganzheitlich leben „Sein& Verändern“ Selbstverwirklichung C1 Flexibilität, Mobilität Optionalität Erfolgs-Pragmatismus „Machen& Erleben“ C2 Management von Grenzen Synthesen, Synästhesien Pragmatischer Idealismus „Grenzen überschreiten“ Selbstmanagement Kurzcharakteristik: Der leistungs- und anpassungsbereite Mainstream: Streben nach beruflicher und sozialer Etablierung, nach gesicherten und harmonischen Verhältnissen; Erhalt des Status quo; Wunsch, beruflich und sozial„anzukommen“, um ein modernes,(moderat) anregendes und sicheres Leben führen zu können. Die zunehmend verlangte Flexibilität und Mobilität im Beruf sowie biographische Brüche werden als existenzielle Bedrohung erfahren. Im oberen Segment: Selbstverständnis arrivierter Bürgerlichkeit. Ökonomisch wohl situiert und abgesichert, in stabilen(beruflichen und familiären) Verhältnissen und Sozialbeziehungen, in gehobenen beruflichen Positionen mit Verantwortung und Privilegien. Im unteren Segment: das moderne kleinbürgerliche Milieu der qualifizierten Handwerker_innen, Angestellten und kleinen Selbstständigen. Eingebunden und engagiert in der Ortsgemeinde, in Vereinen(Sport, Feuerwehr, Musik). Lebensziel und ersehnter Lebensverlauf junger Frauen in diesem Milieu ist, nach einer guten Ausbildung beruflich einzusteigen(Vollzeit), eine feste Partnerschaft im gemeinsamen Haushalt, Kinder zu bekommen(ggfs. Heirat) und dann die Erwerbstätigkeit für einige Jahre zu reduzieren, um für die Kinder in ihren verschiedenen Entwicklungsphasen da zu sein: Kita, Grundschule, Gymnasium/Realschule, die Kinder dort umfassend selbst fördern bzw. Fördermaßnahmen organisieren(Fortführung der traditionellen Mutterrolle in moderner Gestalt). Später – so die Langfristperspektive – würden sie ihren Erwerbsumfang erhöhen. Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 73 3.5.1 Werte und Lebensstil • Weltbild: Die Gesellschaft verändert sich permanent: Man muss aufpassen, den Anschluss nicht zu verpassen, sollte aber auch nicht jedem Trend hinterherlaufen. Dominante Perspektive von Konformität und Abweichung: Orientierung an den Erwartungen anderer, Streben nach Anpassung und grundsätzliche Bereitschaft, sich einzufügen(„Was wird verlangt? Wer genügt den Anforderungen? Wer weicht ab?“). • Selbstbild(Ich-Ideal): die moderne, aufgeschlossene und emanzipierte Frau: neugierig und offen, stabil und robust. Sozial und beruflich eingebunden, leistungsstark, anerkannt und respektiert in der Mitte der Gesellschaft. • Abgrenzung: wenig Toleranz gegenüber dem Extremen und Randständigen einerseits, Distanz zum allzu Traditionsverhafteten und Rückständigen andererseits. • Leitmotive: soziale Anerkennung durch Aufstieg und Anpassung an die moderne Entwicklung(„gesunder Opportunismus“); Harmonie und Intaktheit als prägende Grundwerte; Orientierung sowohl an der Hochkultur als auch am populären Spannungsschema. Lebensstil • Vernunftbetontes Streben nach einer dauerhaften Balance von Arbeit und Freizeit, von persönlichen Interessen und partnerschaftlichen/familiären Ansprüchen. Wenn Kinder da sind, ordnen Frauen ihre eigenen beruflichen Ambitionen sowie ihre persönlichen Interessen den Erfordernissen einer„guten Mutter“ unter und verstehen sich als Universalcoach und allzuständige Beschützerin ihrer Kinder. • Eingebunden in ein Netzwerk guter Freund_innen und anderer Mütter mit häufigen (nachmittäglichen) Treffen und gemeinsamen Unternehmungen. Dichte Kommunikation mit Erzieher_innen, Lehrer_innen mit dem Ziel, stets aktuell informiert zu sein, was andere(noch alles) tun, was sie noch tun könnten für eine optimale Entwicklung und Förderung ihres Kindes: latent eine ausgeprägte dauerhafte Sorge, etwas zu verpassen und abgehängt zu werden(damit auch dem Vorwurf vorbeugen, eine„Rabenmutter“ zu sein). • Wunsch nach Lebensqualität, Komfort und Genuss; ausgeprägte Convenience-Ansprüche, Selbstbewusstsein als anspruchsvolle Verbraucher mit Sinn für Qualität, zugleich(zum Teil paradox dazu) eine ausgeprägte Smart-Shopper-Einstellung. • Wert- und Konsumpriorität haben ein gut ausgestattetes, gemütliches Heim und gepflegtes Outfit, aber auch Auto, Urlaub und Freizeit. Vor allem aber für die Kinder geben sie gern und verhältnismäßig viel Geld aus(sofern man nicht zum Sparen gezwungen ist): Kinder als Investitionsgut mit Geld,(Früh-)Förderung und Zeit. • Haus und Garten als Passion: Man gestaltet und dekoriert gerne die eigene Wohnung, holt sich in Wohnzeitschriften und Einrichtungsgeschäften Anregungen und gestaltet den eigenen Garten schön und ordentlich. 74 Was junge Frauen wollen „Ich wünsche mir von der Familienund Gleichstellungspolitik … … dass es für mich als Frau nicht so kommt, dass ich meinen Beruf nicht weiter ausüben kann, wenn ich mal Kinder habe. Es soll einfach möglich sein, weiterzuarbeiten.“ … eine noch bessere Vereinbarkeit. Mir ist es wichtig, auch weiterhin Zeit mit meinem Kind zu verbringen, aber das soll nicht das Karriereende sein. Ich habe das Problem, dass man z. B. nicht in eine Führungsposition kommt als Teilzeitbeschäftigte, das ist ein Abstellgleis. Man kann Projekte leiten, ja, aber in eine Führungsposition kommt man nicht, da wünsche ich mir Offenheit.“ … Jobsharing z. B., dass auch die Politik an die Unternehmen rangeht.“ • Durch die eigene Berufstätigkeit und Familienarbeit(mit großem Organisations- und Zeitdruck) große Erholungsbedürfnisse mit ausgeprägten Aktivitätswünschen: Rauskommen, etwas unternehmen, unter Menschen sein. Aber auch: berufsstressbedingte Rückzugsbedürfnisse(in Ruhe allein zu Hause Kaffee trinken und ein Buch lesen, einmal einige Stunden oder auch Tage mit einer guten Freundin verbringen, ohne Partner). • Freizeitgestaltung mit guten Freund_innen und anderen Familien: gemeinsame Spiele, Radtouren, Wandern, in den Zoo oder Freizeitpark gehen, spazieren gehen, die Natur genießen, mit Tieren beschäftigen, Großeltern, Verwandte besuchen. Pflege enger Freundschaften: Einladen von guten Freund_innen, gemeinsam essen, Spieleabende, Grillen im Garten, sich austauschen, Rat und Tipps geben und einholen zu Modernisierungsplänen im Haus, Kindererziehung und dem eigenen Berufsalltag. • Große Hilfsbereitschaft für Menschen in akuter Not mit tatkräftigem ehrenamtlichem Engagement(z. B. Geflüchtete); zugleich aber auch die Sorge vor finanzieller und sozialer Überlastung des Gemeinwesens durch zu viele Geflüchtete und Angst vor den noch unklaren Risiken: einerseits Impuls zur subsidiären Fürsorge für Menschen, andererseits die Sorge vor dem Verlust des Eigenen(Raubbau an den eigenen persönlichen Ressourcen, aber vor allem an den finanziellen staatlichen/kommunalen Ressourcen). 3.5.2 Erwerbsarbeit: flexible Teilzeit für Frauen zum Halten der familiären Balance In keinem Milieu ist die Synthese des Rollenmodells der„guten Mutter“ als allzuständige Beschützerin ihrer Kinder einerseits, der beruflich gut qualifizierten und in der Regel teilzeiterwerbstätigen Frau andererseits so integriert und etabliert wie in der Bürgerlichen Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 75 Typische Berufe (aus den Gruppendiskussionen): Tierärztin, Hotelfachfrau, Juristin in der Schadensabteilung einer Versicherung, Bankkauffrau, Sekretärin, Erzieherin im Kindergarten, Krankenschwester, Produktmanagerin in einem Industriekonzern, Angestellte in einer Druckerei Mitte. Die Anreize des Ehegattensplittings haben hier ihre größte Wirkung und eine spezifische Einstellung zur Erwerbsarbeit institutionalisiert. Vier signifikante Zitate markieren den Korridor ihrer Haltung zu Zeitverwendung und Erwerbstätigkeit: „Ich will nicht immer nur auf die Mutterrolle reduziert werden. Frauen sind auf dem Vormarsch, auch wirtschaftlich. Ich bin kein Heimchen am Herd.“ „Für mich selber habe ich beschlossen, für mein Kind da zu sein. Eine fremde Person soll mein Kind nicht erziehen.“ Teilzeit ist schon eigentlich super. Ich bin schon ein Mensch, der sehr viel Wert auf Freizeit legt. Ich definiere mich nicht so sehr über den Job.“ „Ich bin total glücklich mit drei bis vier Tagen Arbeit. Das ist mit Kind ein schönes Arbeiten. Ich gehe gerne in die Arbeit, da denke ich dann, da ist man auch mal unter normalen Leuten, hat nicht immer diesen Schulkram.“ Typisch ist eine moderate Integration gegensätzlicher Lebensweisen: relative Distanz zur konsequent traditionellen Rollenteilung und relative Distanz gegenüber Emanzipation und Feminismus; relative Orientierung an traditionellen Frauen- und Männerbildern einerseits, Faszination und Akzeptanz gleichberechtigter Partnerschaften und Öffnung von Männerberufen für Frauen, von Frauenberufen für Männer; Distanz zur Rolle als Hausfrau und Mutter und Distanz zur Vollzeiterwerbsarbeit; viel Zeit mit den eigenen Kinder verbringen und nicht nur in der Mutterrolle sein; der Partner finanziert mit seinem deutlich höheren Verdienst das Existenzeinkommen und sie selbst trägt mit ihrer Erwerbstätigkeit etwas zum Einkommen bei; die eigene berufliche Qualifikation nutzen und sich nicht über den Job definieren; die Familie als klares Lebenszentrum und sich eigene einzelne Sphären außerhalb der Familie suchen: Diese Philosophie der moderaten Gleichzeitigkeit kennzeichnet junge Frauen aus diesem Milieu: eine Situation, die sie selbst als spannungsreich erleben und in der sie für sich(und die Familienmitglieder) eine stabile Balance suchen. Die Wahrnehmung, dass die Lebenshaltungskosten durch das Einkommen ihres(Ehe-) Partners gesichert sind, entlastet sie nicht nur finanziell, sondern nimmt ihnen auch den zeitlichen und organisatorischen Druck, der mit einer Vollzeitstelle verbunden ist, wenn die Frau – natürlich – zeitgleich für die Versorgung ihrer Kinder zuständig ist. Eine Vollzeitstelle gilt nur als machbar in der Lebensphase ohne Kinder im Haushalt. Die Familiengründung 76 Was junge Frauen wollen ergibt eine Zäsur, nach der sie die einzige vernünftige und sinnvolle Lösung für eine stabile Balance in Teilzeiterwerbstätigkeit mit einem Umfang von 15 bis max. 30 Stunden pro Woche sehen. Auf ihre eigene Erwerbstätigkeit können und wollen sie nicht verzichten (auch wenn sie bisweilen mit dem Gedanken kokettieren), weil ein Einkommen für den Lebensunterhalt nicht ausreicht und im Fall einer längeren Krankheit oder Berufsunfähigkeit ihres Partners die Familie existenziell bedroht wäre. Insofern lautet die Haushaltsphilosophie, dass der Mann Hauptverdiener ist und die Frau als Zuverdienerin im Extremfall die Rolle der Familienernährerin übernehmen könnte. Ihre Arbeitszeiten legen sie – wenn es die Tätigkeit und der Arbeitgeber ermöglichen – auf den Vormittag, um nachmittags Zeit für die anderen Sphären zu haben(Kinder, Haushalt, eigene Freizeit, Freunde, ggfs. Versorgung der eigenen Eltern). Oder sie konzentrieren ihre Erwerbszeit auf zwei bis drei Wochentage(ganztags), um die restlichen Tage der Woche zur Verfügung zu haben. Ein wichtiges Argument(nach innen und außen) ist für sie, dass sie zwar weniger als andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Arbeitsplatz seien, aber dafür in ihrer Arbeitszeit powern. Als Teilzeitkraft seien sie dabei keine Belastung der Vollzeitkräfte, sondern würden sich sehr kollegial mit großer Flexibilität abstimmen. „Man wird gebraucht und verdient gutes Geld. Andererseits kann ich dann auch mal nachmittags an den See oder in den Wald. Die Zeit mit dem Kind ist mir wichtig, ich kann mein Kind auffangen, ich erfahre viel von seinem Leben. Das wird es mir später einmal danken. Ich glaube, der Wirtschaft oder meinem Arbeitgeber helfe ich viel in der wenigen Zeit, weil ich viel mehr powere, wenn ich nur immer kurze Zeit da bin, da gebe ich dann 150 Prozent. Ich kann mich gut mit meinen Kolleginnen abstimmen, das funktioniert ganz gut.“ „Mein Partner ist der Mehrverdiener! Wir sind beide sehr konservativ erzogen. Da sehe ich ein, dass ich für Familie und Kinder zuständig sein werde. Man muss sich als Frau aber auch um die Familie kümmern. Er will das auch nicht machen, so was wie Mutterzeit. Das möchte ich aber auch selbst nicht. Ohne den Männern zu nahe zu treten: Stillen ist doch wichtig, das können Männer nicht. Zumindest die ersten sechs Monate möchte ich mich kümmern.“ „Wir machen uns nicht so viele Gedanken, aber es wird derjenige daheimbleiben, der weniger verdient. Obwohl ich gerne daheimbleiben würde.“ „Es geht ja um das ganze Einkommen der Familie, da kann nicht einfach das höhere Gehalt wegfallen. Für mich war das ganz klar. Nur wenn er sehr viel mehr verdienen würde, wäre ich wohl nicht in die Arbeit gegangen.“ Dieses Milieu zeigte sich von den 1960er bis 1990er Jahren im Kern aufstiegsorientiert. Der Blick war in der gesellschaftlichen Hierarchie„nach oben“ gerichtet, die Chancen für einen Aufstieg waren realistisch und damit Aggregat für eine Steigerung von Leistung und Engagement. Diese Aufstiegsorientierung ist in der jungen Generation dieses Milieus heuMilieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 77 te kaum noch zu spüren. Selbst die Hoffnung auf substanziellen Aufstieg ist sehr gedämpft, auf einzelne Aspekte reduziert und meist auf die spätere Zukunft ihrer Kinder projiziert. Stattdessen reflektiert die jüngere Generation dieses Milieus den gesellschaftlichen Mythos der Aufstiegsorientierung und die ökonomische Steigerungslogik sehr kritisch und betont heute vielmehr die Philosophie von Selbstbescheidung und Festhalten am Bestehenden: „Die Denkweise der Gesellschaft und der Wirtschaft muss sich ändern. Es geht nicht immer nur nach oben. Die ganze Wirtschaft und Lobbys, denen es nicht reicht, wenn sie mal eine Milliarde Gewinn machen; nein, die müssen dann nächstes Jahr zwei Milliarden Gewinn machen. Man kann seine Gewinne nicht immer steigern. Die Gesellschaft ist an einem Limit angekommen. Es geht einfach nicht mehr, es ist nicht mehr machbar und es ist auch nicht gut. Das muss die Gesellschaft erkennen.“ Die Abkehr vom ausdauernden und großen Aufstiegsglauben hin zu Bestandswahrung und pragmatisch-partieller„Verbesserung“ mit kleinen, realistischen Konsum- und Prestigezielen ist keine Renaissance traditioneller Werte, sondern die Akzeptanz der normativen Kraft des Faktischen. Die Frauen aus diesem Milieu machen die Erfahrung, dass im Arbeitsmarkt heute hohe fachliche Kompetenz, zeitliches und persönliches Engagement und permanente Weiterbildung selbstverständlich gefordert sind. Aber diese verheißen nicht großen und schnellen Aufstieg, sondern sind für das Halten des Status quo notwendig. Eine weitere Steigerung scheint ihnen kaum möglich, es sei denn mit dem hohen Preis der Selbstausbeutung. Insofern dient die Alltagsphilosophie dem Setzen realistischer Teilziele und damit dem Selbstschutz: die eigenen Grenzen kennen und schützen, die Rituale und Reflexe der eigenen Eltern und Großeltern nicht kopieren, sondern sich moderate Ziele setzen und Grenzen der Steigerung akzeptieren. Die Analogie zur berühmten Formel„Die Grenzen des Wachstums“ ist offensichtlich und es ist erhellend, inwieweit diese kosmopolitische wirtschaftsökologische Erkenntnis in die Mitte der Gesellschaft eingedrungen ist – und wie sie dort aufgefasst wird. ........................................................................................................................................ The Limits to Growth: Diese berühmt gewordene Formel der vom Club of Rome 1972 vorgestellten Studie zur Zukunft der Weltwirtschaft 4 ist in das Weltbild und den sozial-moralischen Horizont der Bürgerlichen Mitte eingedrungen und verankert(ohne dass die meisten dies auf die damalige Studie zurückführen). Gerade in den letzten Jahren haben Menschen aus diesem Milieu den Eindruck gewonnen, dass weltweit die neoliberale Steigerungslogik an Dynamik und Kraft gewonnen hat, die sozialen Ungleichheiten verstärkt zu Lasten der Mitte der Gesellschaft gehen und damit die Balance gefährdet wird. Die in der Club of Rome-Studie via Szenarien und Computersimulationen vorgenom4 Kernaussage der Studie war, dass das aktuelle individuelle lokale Handeln aller globale Auswirkungen nach sich zieht, die jedoch nicht dem Zeithorizont und Handlungsraum der Einzelnen entsprechen. Wenn die Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht sein. Das Erreichen der Wachstumsgrenzen könnte zu einem nicht aufhaltbaren Absinken der industriellen Kapazität führen, wenn die Umwelt irreparabel zerstört oder die Rohstoffe weitgehend verbraucht würden. Nur wenn die Menschheit rasch ihre Wachstumsvoraussetzungen und Wirtschaftslogik verändert und sich entschließt, einen ökologischen und wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand herzustellen, bestünden realistische Chancen, diesen zu erreichen. 78 Was junge Frauen wollen mene mathematisch-ökonometrische Analyse spiegelt sich über vierzig Jahre später im qualitativen Lebensgefühl der Bedrohung in der Bürgerlichen Mitte mit einer eigenen Lebenslogik: Nicht Verzicht im Lebensstil, nicht ein sozialökologischer Umbau der Gesellschaften, nicht Öffnung sind die bestimmenden Maximen, sondern – im Gegenteil – Distinktion nach unten(und oben), das Festhalten am erworbenen Besitzstand und Status quo. Reize und Irritationen von außen werden reflexhaft als Bedrohung wahrgenommen. Angesichts der Griechenland-Finanzkrise sowie der der Ankunft einer großen Zahl von Geflüchteten 2015 mit kaum vorstellbaren finanziellen Belastungen Deutschlands sowie der großen Herausforderungen der kulturellen und sozialen Integration haben Oberwasserströmungen in Richtung eines moderaten, das Eigene bewahrenden(„konservativen“) Nationalismus an Geschwindigkeit gewonnen. Vor diesem Hintergrund erweist sich die Formel von den Grenzen des Wachstums als große Sorge und emotional beengende Angst, dass die Politik ihre Aufmerksamkeit und finanziellen Leistungen zu den Eliten nach oben und nach unten zur Unterschicht, nach außen zu anderen Ländern der EU und nach innen zur Versorgung und Integration der Geflüchteten lenkt, die Bürgerliche Mitte aber vergisst. Die Menschen in der Mitte fühlen sich als Normalverdienende mit bürgerlichen Tugenden und hoher Anpassungsbereitschaft an die Forderungen und Zumutungen der Wirtschaft(Flexibilität und Mobilität zu Lasten der Familie), doch den ökonomischen und politischen Triebkräften ohnmächtig ausgeliefert und als Mitte vergessen. ........................................................................................................................................ In dieser Situation dauerhafter existenzieller Gefahren hat sich eine spezifische Arbeitsteilung in der Partnerschaft von Frauen und Männern der Bürgerlichen Mitte entwickelt: Während Männer als Hauptverdiener den Anforderungen des in den letzten Jahren zunehmend neoliberaler gewordenen Arbeitsmarkts folgen und sich rückhaltlos anpassen müssen, sind Frauen hauptsächlich für die Balance der Familie zuständig. Sie sehen sich in der Verantwortung, für jedes einzelne Familienmitglied und für den Zusammenhalt der Familie zu sorgen: Gesundheit, Wohlbefinden und Verbundenheit. Die Familie, die„herzustellen“ ihre primäre Pflicht ist, hat die Bedeutung als sicherer Ort für Entspannung und Regeneration, als Schutzraum vor den Zumutungen und Risiken„draußen“. Insofern übernehmen sie eine anspruchsvolle Managementaufgabe, bei der sie es sich nicht leisten können, auch noch vollzeiterwerbstätig zu sein und damit die notwendigen Ressourcen für ihre eigentliche Aufgabe zu riskieren. Daher betrachten sie auch die Forderung nach frühzeitiger Rückkehr von jungen Müttern in den Arbeitsmarkt argwöhnisch und kritisch, weil sie damit das Risiko eines Balanceverlusts vermuten. Der für sie selbst gewünschte optimale Erwerbsumfang beinhaltet im Durchschnitt 31,5 Stunden pro Woche – deutlich unter ihrem vertraglich vereinbarten(33,7 Stunden/Woche) und unter ihrem tatsächlichen Erwerbsumfang(34,7 Stunden/Woche). Für ihren Lebenspartner hingegen halten sie an dessen Vollzeiterwerbstätigkeit fest. Der aktuelle Erwerbsumfang des Partners sollte von durchschnittlich 38,6 Stunden nur geringfügig auf 38,4 Stunden sinken. Wichtig ist jungen Frauen aus diesem Milieu, dass ihr Partner nicht in die Überlast kommt und zeitliche Ressourcen für die Familie aufbringen kann: Derzeit beträgt bei 72 Prozent die tatsächliche Arbeitszeit des Partners 40 Stunden und mehr pro Woche, bei Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 79 weiteren 20 Prozent sind es 35 bis 39 Stunden; insgesamt sind somit 92 Prozent in Vollzeit bzw. vollzeitnah erwerbstätig. Aber sogar 95 Prozent der Frauen haben den Wunsch nach Vollzeiterwerbstätigkeit für ihren Partner. Die Mehrheit von 75 Prozent der Frauen der Bürgerlichen Mitte will für ihren Partner keine Änderung seines Erwerbsumfangs; weiteren 18 Prozent geht es nur um eine Deckelung der Vollzeiterwerbstätigkeit des Partners auf maximal 39 Stunden pro Woche, so dass dieser(mehr) Zeit für seine Kinder sowie für die gemeinsame und eigene Freizeit hat. Erwerbsarbeitszeit von Frauen im Milieu„Bürgerliche Mitte“ im Alter von 18 bis 40 Jahren bis zu 19 Stunden/Woche 20 – 29 Stunden/Woche 30 – 34 Stunden/Woche 35 – 39 Stunden/Woche 40 – 44 Stunden/Woche 45 Stunden und mehr/Woche Durchschnitt Vertraglich % 5 21 11 34 26 3 33,7 h Tatsächlich % 9 18 5 21 35 12 34,7 h Wunsch % 6 19 22 26 14 7 31,5 h Tatsächliche Arbeitszeit des Partners % 7 1 20 67 5 38,6 h Wunsch Erwerbsumfang für den Partner % 5 41 49 5 38,4 h Quelle: Delta-Studie„Gleichstellung 2015“; bevölkerungsrepräsentative Befragung im Auftrag des BMFSFJ 3.5.3 Biologische und gesellschaftliche Unterschiedlichkeit von Frauen und Männern – die Verhältnisse sind weitgehend gerecht Ihr Selbstbild als sehr moderne, aufgeschlossene, selbstbewusste, beruflich qualifizierte Frau ist zugleich durchzogen von einzelnen, traditionell anmutenden Einstellungen und Weltbildern, auch stereotypen Geschlechterbildern. In den Erzählungen und Argumenten machen diese jungen Frauen deutlich, dass sie die bestehenden Verhältnisse zwischen Frauen und Männern im Großen und Ganzen für gerecht und gut halten – mit Ausnahme einzelner Aspekte, die aber zu vernachlässigen, langsam zu korrigieren oder schlicht hinzunehmen sind. Während Frauen im traditionellen Milieusegment an der natürlichen Unterschiedlichkeit von Frauen und Männern mit daraus abgeleiteten je anderen Fähigkeiten, Aufgaben und Zuständigkeiten festhalten, umfasst bei Frauen der Bürgerlichen Mitte die Geschlechterperspektive eine individuelle Mischung von natürlich-biologischen Anlagen und gesellschaftlich gemachten Unterschieden. Ihre Alltagsdiagnose lautet, dass heute nur noch eine marginale Ungleichstellung zwischen Frauen und Männern besteht. Der Effekt zeigt sich dahingehend, dass ihre Themen der Geschlechtergerechtigkeit keinen fundamentalen 80 Was junge Frauen wollen Charakter mit der normativen Perspektive gesellschaftlicher Veränderungen und politischer Lösungen aufweisen, sondern eher einen stilistischen Kann-Charakter beinhalten. Genau dies ist für Frauen aus diesem Milieu Emanzipation: die Anerkennung und Wertschätzung der Fähigkeiten des je anderen Geschlechts und diesem die Freiräume für die individuellen Neigungen und Fähigkeiten zugestehen. „Ein Mann kann auch mal putzen und auch Frauen können Fußball spielen. Da müssen noch viele Grenzen aufgelöst werden. Und eine Frau muss nicht zuhause bleiben. Das kann man absprechen.“ Die Betonung der biologischen Unterschiedlichkeit von Männern und Frauen ist nicht nur persönliche Überzeugung, sondern hat auch die Funktion der Legitimierung für das geringe Interesse, sich mit ungleichen Teilhabemöglichkeiten und Rollenmustern(für Einkommen, Erziehung, Hausarbeit) konkret und vertieft zu befassen. Sehr gering ist die Bereitschaft zur Problematisierung. Das liegt daran, dass es einigen Frauen in diesem Milieu ökonomisch und partnerschaftlich aktuell sehr gut geht und sie sich nicht um dieses„theoretische Thema“ kümmern wollen, dass andere(vor allem Alleinerziehende) zwar die Relevanz des Themas sehen, aber zu wenig zeitliche, mentale und organisatorische Ressourcen haben, um sich politisch zu engagieren, dass andere sich erschöpfen in der Larmoyanz bestehender Verhältnisse – und da„man“ durch politisches bzw. zivilbürgerliches Engagement„nicht wirklich“ die Verhältnisse verändern kann, erscheint es klüger, sich mit den bestehenden Strukturen abzufinden und hier individuell das Beste daraus zu machen und sich einen positiven Blick auf die Welt zu verordnen. „Ich bin ehrenamtlich im Frauenbund. Wir demonstrieren für ‚Equal Payment‘. Aber mir hat sich bis heute nicht erschlossen, wo eigentlich die Unterschiede sind. Manche ungleiche Bezahlung ist vielleicht berechtigt. Man nimmt eher den Mann, der nicht schwanger wird, das ist eben so. Aber im Großen und Ganzen verdienen die schon gleich.“ „In Deutschland ist es gerecht, hier dürfen Männer und Frauen wählen.“ „Ich bekomme schon mit, dass Frauen nicht immer das Gleiche wie Männer bekommen. Männer bekommen auch mal ein Auto gestellt vom Arbeitgeber.“ „In Führungspositionen gibt es keine Geschlechtergerechtigkeit. Frauen untereinander kommen miteinander nicht so gut klar. Männer werden nicht so gerne von Frauen kommandiert. Die haben das noch nicht so gelernt.“ „Frauen gehören nicht auf manche Positionen. Frauen müssen nicht überall rein. Da ist ja auch schon die Frage, ob Frau Merkel die Richtige ist.“ Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 81 3.5.4 Politisches Interesse: pragmatischer Realismus und persönlicher Komfort Regelmäßig informieren sich junge Frauen der Bürgerlichen Mitte über die lokale Tageszeitung und Hauptnachrichten im Fernsehen(19:00 oder 20:00 Uhr), unregelmäßig und sporadisch via Internet und überregionale Tageszeitungen. In der empirischen Untersuchung zeigten diese Frauen keine Passion für ein bestimmtes politisches Feld und keine Vision von einer guten und gerechten Gesellschaft. Kaum ein Thema schien sie emotional zu fesseln, zu begeistern oder aufzuwühlen(Ausnahme: die Situation von Geflüchteten und die Macht der Bilder). Als Abwehrargument wurde die„große politische Bühne“ zitiert, die von den Menschen zu weit weg sei. Auf kommunaler Ebene beklagen sie die Dominanz von Männern in den Gremien, die mit verschiedenen Formen von Platzhirschgebaren ihre fachliche Kompetenz und kommunikative Überlegenheit demonstrieren würden. Frauen, die sich hier politisch engagieren, würden belächelt, nicht ernst genommen, stigmatisiert und an den Rand gedrückt: Wichtige Ressorts wie Wirtschaft, Finanzen, Bauwesen, Straßenbau, Verkehr u. a. würden ohnehin mit Männern besetzt, weil einem Mann hier die größere Kompetenz zugeschrieben werde(und Männer diese bessere Kompetenz – so die Einstellung – wohl meistens auch hätten). Frauen würden nur für Themen wie Soziales, Jugend oder Senioren, Umwelt und Kultur in Betracht kommen. Im weiteren Abwehrreflex verweisen Frauen aus diesem Milieu auf ihre knappen zeitlichen Ressourcen zwischen Ausbildung, Job, Haushalt, Kindern u. a., so dass sie für politische Aktivitäten keine Luft mehr hätten. Solche Bilder speisen sich zum Teil aus eigenen Erfahrungen oder Erzählungen von Freundinnen, sind darüber hinaus aber auch Projektionsflächen, die gepflegt, durch Erzählungen von Episoden beispielhaft belegt und immer wieder konfirmatorisch bestätigt werden, mit der Funktion, die Distanz zu wahren. Es gibt kaum Beispiele und Narrative für erfolgreiches kommunal-politisches Engagement von Frauen. Der Verweis auf erfolgreiche Frauen in der Politik auf Bundes- und Landesebene(Merkel, von der Leyen, Kraft, Nahles, Schwesig u. a.) ist in der subjektiven Perspektive junger Frauen der Bürgerlichen Mitte kein motivierender Beleg des Zugangs der Politik für Frauen, sondern zeigt nur, dass einige Frauen den Durchbruch in eine höhere politische Sphäre geschafft haben. „Mein Ort hat 30.000 Einwohner. Da hat sich bei der letzten Wahl eine Frau nicht durchsetzen können: eine alleinerziehende Mutter, die wurde belächelt. Lieber nahm man einen Mann, weil der mehr von Wirtschaft versteht. Ressorts für Frauen sind dann eher Kindergärten oder soziale Dienste für Frauen. Straßenbau und Kreisverkehr könnte nie eine Frau machen. Umweltschutz geht auch noch für Frauen. Wenn es um Geld geht, muss das ein Mann machen.“ Frauen der Bürgerlichen Mitte ziehen aus ihren Erfahrungen und Projektionen nicht die Konsequenz, gegen ungleiche Strukturen anzugehen; vielmehr dominiert ein pragmatischer Realismus: Was geht für Frauen schon? Was geht noch nicht? Ihre eigene passive politische Haltung(und Delegation an andere politisch aktive Frauen) reflektieren einige durchaus selbstkritisch: 82 Was junge Frauen wollen „Wir gehen nicht so gerne aus unserer Komfort-Stellung heraus. Der Preis ist mir zu hoch.“ Die demonstrative Abwehrhaltung eigener politischer Aktivitäten steht im Kontrast zu Themen ihres Alltags, die sich in der Familien- und Gleichstellungspolitik seit Jahren an vorderer Stelle der Agenda befinden: Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Kita-Plätze, Elterngeld, die Lebenslage von Alleinerziehenden. In der vertiefenden Befragung kommen Erwartungen und Wünsche an die Familienpolitik zum Ausdruck: eine Familienpolitik, die aktiv auf die einzelne betroffene Familie zugeht! Sehnsucht ist der Abschied von einer administrativen Struktur der bürokratischen Antragstellung(mit Bewilligung) und der Umbau hin zu einer familienpolitischen Serviceverwaltung, die auf die einzelne Mutter, die Alleinerziehende, die Familie zugeht und diesen das Portfolio der familienpolitischen Leistungen aktiv anbietet(im optimalen Fall nach individueller Lebenssituation). Nicht der gewährende Staat, sondern der aktiv-fürsorgende Staat ist die Sehnsuchtsvision dieser Frauen. Eine solche Familienservice-Agentur wäre auch zuständig für die sehr häufigen Fälle von Alleinerziehenden, bei denen der Vater den Unterhalt für die Kinder nicht zahlt. Von dieser Vision einer fürsorgenden Familienpolitik erhoffen sich junge Frauen der Bürgerlichen Mitte vor allem zeitliche Entlastung in ihrem Alltag und Druckverlust. „Ich sehe, dass viele in meinem Bekanntenkreis alleinerziehend sind. Da geht es um Existenzsicherung, weniger als ein Drittel der Kinder bekommt den ihm zustehenden Unterhalt. Das finde ich sehr krass. Es müsste ein unbürokratisches Hilfesystem geben für Alleinerziehende, bei denen die Väter nicht zahlen. Da müsste was gemacht werden.“ „Mütter werden alleine gelassen. Da muss der Staat das Geld einfach bei den Vätern eintreiben. Man kann sich nicht mit allen Themen beschäftigen, weil es zu aufwendig und zu bürokratisch ist.“ Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 83 3.6 Delta-Milieu„Benachteiligte“(13 Prozent) Milieuverteilung von Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren Oberschicht Obere Mittelschicht Mittelschicht Untere Mittelschicht Unterschicht Konservative 2% Traditionelle 3% Etablierte 5% Bürgerliche Mitte 19% Postmaterielle 11% Performer 20% Expeditive 15% Benachteiligte 13% Hedonisten 12% Soziale Lage nach Mikrozensus und OECD Grundorientierung A1 Unterordnung Pflicht, Akzeptanz Selbstkontrolle „Festhalten“ A2 Einordnung Konservative Modernisierung „Wandel akzeptieren“ Gemeinsame Traditionen B1 Lebensstandard Status, Besitz, Teilhabe Kennen, Können, Ankommen „Geltung& Genuss“ B2 Aufklärung, Emanzipation Aufbruch, Widerstand Ganzheitlich leben „Sein& Verändern“ Selbstverwirklichung C1 Flexibilität, Mobilität Optionalität Erfolgs-Pragmatismus „Machen& Erleben“ C2 Management von Grenzen Synthesen, Synästhesien Pragmatischer Idealismus „Grenzen überschreiten“ Selbstmanagement © DELTA-Institut Mainstream der Gesellschaft »Benachteiligte« 84 Was junge Frauen wollen Kurzcharakteristik: Die um Orientierung und Teilhabe bemühte Unterschicht. Sehnsucht nach Akzeptanz von der Mehrheitsgesellschaft und Anschluss an die Konsum-Standards des Mainstreams. Doch in der Praxis ökonomisch begrenzte Möglichkeiten, geringes Bildungskapital, sozial häufig benachteiligt durch Ausgrenzung seitens der Bürgerlichen Mitte. Geringe Aufstiegsperspektiven; teils frustrierte und resignierte, teils offensiv delegative Grundhaltung, Rückzug ins eigene soziale Umfeld. Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 85 3.6.1 Werte und Lebensstil • Weltbild: Geld und Macht regieren die Welt; wer Anerkennung will, muss zeigen, dass er erfolgreich ist: Status-Symbole dokumentieren Lebensart und sichern soziale Akzeptanz. Darüber hinaus braucht man für ein„schönes Leben“ zwei Dinge: Unterhaltung und Konsum. In der Öffentlichkeit(z. B. am Arbeitsplatz) muss man sich vorgegebenen Regeln beugen; im Privaten – zu Hause, bei Freund_innen – ist man geschützt und nicht ausgesetzt, verachtet. • Selbstbild(Ich-Ideal): selbstbewusste Betonung eigener Tugenden: praktische Veranlagung; einfach und direkt, unverkünstelt. • Abgrenzung: Ablehnung von intellektueller Besserwisserei und distinguiertem Habitus. • Leitmotive: Problemfreiheit, Genuss. Lebensstil • Starke Gegenwartsorientierung: etwas vom Leben haben, ein„Stück vom Kuchen“ abbekommen. Häufig ungenügende Daseinsvorsorge aufgrund beschränkter finanzieller Möglichkeiten; viele leben über ihre Verhältnisse, um mithalten zu können. • Spontaner, prestigeorientierter Konsumstil: mit meist sehr eng beschränkten Mitteln. Große Bedeutung von Äußerlichkeitswerten; rasches Aufgreifen neuer Moden und Trends bei Sonderangeboten. Beispiele von Selbstbeschreibungen junger Frauen: „Ich mag trendige Mode und gebe mir Mühe, mit geringen Mitteln hübsch auszusehen.“ „Mein Mann ist krankheitsbedingt Frührentner und daher bin ich die Familienernährerin. Ich versuche, mich trotz geringer Mittel nett und trendy zu kleiden(C&A, H&M).“ „Ich bin ein Familienmensch, etwas religiös – aber offen und trendy, stylisch mit Kopftuch.“ Trotz enger finanzieller Lage„bemühe ich mich um schickes Äußeres, kaufe Klamotten bei H&M, C&A, kik.“ „Ich bin alleinerziehende Single-Mama mit zwei Kids(…). Die Klamotten für mich und die Kids kaufe ich bei H&M, C&A und Takko.“ • Spaß- und freizeitorientierter Lebensstil, ausgeprägtes Bedürfnis nach Ablenkung und Unterhaltung, intensiver Medien- und Genussmittelkonsum. Flucht in Traumwelten (Action und Gewalt im Fernsehen, auch Natur und Alleinsein) als Reaktion auf Verelendungstendenzen. • Zu Hause Entspannung von dem Alltag, den Erfahrungen mit Vorgesetzten, dem Zeitdruck und den Schikanen am Arbeitsplatz. Intensiver Konsum neuer Unterhaltungsmedien: Fernsehen, DVD, Video, Computerspiele oft neue Multimedia-Technologie. 86 Was junge Frauen wollen „Ich wünsche mir von der Familienund Gleichstellungspolitik … … dass man als Mutter mehr Zeit hat für die Kinder.“ … mehr Unterstützung für uns alleinerziehende Mütter.“ … Gehaltsfairness, auch Randgruppen sollten mehr Rechte haben.“ … dass es Gleichberechtigung gibt.“ … dass eine Frau nicht niedergemacht wird, wenn sie arbeitet. Und definitiv mehr Lohn.“ • Am Wochenende Nutzung moderner Freizeitangebote(Freizeitcenter); gemäß der bürgerlichen Norm gehört das Wochenende auch der Familie: Ausflüge mit den Kindern, Picknicken, Radtouren, Schwimmbad u. a., Kneipen, Lokale, Schnellrestaurants; Diskotheken besuchen(„Ladies‘ Night“); ins Fitnessstudio gehen; den Partner zu Sportveranstaltungen begleiten: Lokaler Fußballverein, Fußball-Bundesliga, Eishockey-Liga – immer mit Blick auf den engen finanziellen Rahmen. 3.6.2 Erheblicher finanzieller Druck – keine Optionen Mehr Geld ist die große Sehnsucht aufgrund der finanziell sehr engen Situation, die Frauen im Milieu„Benachteiligte“ dauerhaft aushalten und organisieren müssen. In keinem Segment ist der Anteil der Familienernährerinnen sowie der Alleinerziehenden so hoch wie in diesem Milieu. Das monatliche Haushaltsnettoeinkommen liegt mehrheitlich unter 1.500 Euro. Als„Hausfrau“ nicht erwerbstätig sind in diesem Milieu nur wenige junge Frauen. Die meisten Frauen sind ökonomisch gezwungen, das Familieneinkommen zu erwirtschaften: weil der Partner allein nicht genug verdient zum Leben, weil er(dauerhaft oder immer wieder) arbeitslos oder erwerbsunfähig ist(körperlich oder psychisch krank), weil sie vom Vater ihres Kindes verlassen wurden. Viele Frauen wissen oft nicht, wie sie die letzten Tage im Monat finanziell über Typische Berufe die Runden kommen sollen. Da sie für den (aus den Gruppendiskussionen): Einkauf von Lebensmitteln und Kleidung zuständig sind, halten sie stets Ausschau nach Verkäuferin für Textil, Verkäuferin für günstigen Angeboten, sammeln Supermarkt- Lebensmittel, Verkäuferin für Schuhe, Gutscheine(Treuepunkte), Coupons, greifen zu Erzieherin, Servicekraft in der Gastrobei Sonderrabatten und Aktionen wie halber nomie. Hausfrau; arbeitslose AlleinerEintrittspreis für Kinder, z. B. bei Zoobesuchen, ziehende Freizeitparks, Schwimmbädern. Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 87 Groß ist der wirtschaftliche Druck, von dem auch Frauen in einer Partnerschaft sagen, dass sie die meiste Last und Verantwortung tragen müssen: Sie sind nicht nur zuständig für das Haushaltseinkommen, sondern auch allein für den Haushalt, die Versorgung und Erziehung der Kinder, den Kontakt mit Kindertagesstätten und Schulen, mit Ärzt_innen und Behörden u. a. Junge Frauen aus diesem Milieu fühlen sich in den Anforderungen ihres Alltags häufig allein: alleingelassen von ihrem Partner(auch wenn er im Haushalt lebt), von der Gesellschaft und dem Staat. Verständnis und Trost finden sie bei guten Freundinnen, kurzfristige Ablenkung(Escape) in erlebnisorientierten Events und Freizeitparks. Das Gefühl von übergroßem Druck, Überforderung und Ohnmacht ist ebenso groß wie die Perspektive, aus diesem Kreislauf nicht herauszukommen und nicht aufhören zu dürfen, weil ihre Kinder dann gar niemanden mehr hätten. Sie sehen für sich keine Option, keine Alternative zu dem, was sie derzeit tun(müssen). „Rennen und rennen und rennen. Und es reicht hinten und vorne nicht.“ „Im Sommer ist es einfacher, da gibt es viel mehr kostenlose oder sehr günstige Möglichkeiten, mit den Kindern was zu unternehmen als im Herbst oder Winter.“ „Im Sommer kann man schön alles in den Picknickkorb packen und in den Park gehen, im Winter ist das schwieriger. Deswegen suche ich immer nach Coupons, um den Kindern was zu bieten.“ „Das Elterngeld reicht auch nicht aus. Ich bin Alleinverdiener und das Geld fehlt überall.“ „Ich arbeite auf Mindestlohn und renne wie eine Bekloppte. Als ich noch Hartz IV bekommen habe, da ging es mir besser.“ „Und da rennst du und rennst du, und das reicht vorne und hinten nicht. Da denke ich mir, vorher die zwei Jahre, wo ich zuhause war, da ging es mir besser. Da bin ich ganz ehrlich: Du kriegst alles bezahlt, so gesehen, und du hast halt immer noch deinen komischen Satz zum Leben, z. B. Miete. Das kriegst du ja alles bezahlt.“ Neben dem Geld ist Zeit für diese Frauen das knappste Gut. Sie würden ihre Kinder gern ganztags und auch am Wochenende in die Kinderbetreuung geben, weil sie arbeiten müssen, weil sie flexibel sein müssen, weil sie z. B. als Putzkraft oder in der Gastronomie sehr früh oder spätabends arbeiten müssen, weil sie auch Auszeiten für sich selbst brauchen – aber sie haben nicht das Geld, um sich dieses leisten zu können; und sie haben nicht die Möglichkeit, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Dabei sagen sie klar: Wofür ihnen Zeit im Alltag fehlt, ist Zeit für ihre Kinder(ob dies sozial erwünscht oder authentisch ist, lässt sich nur schwer unterscheiden). Groß ist der Appell an„den Staat“, mehr in die Kinderbetreuung zu investieren: mehr Plätze, ganztags und für Geringverdiener_innen kostenlos. Groß ist gleichzeitig der Vorwurf an jene, die nicht arbeiten wollen und nur auf Kosten des Staates leben. 88 Was junge Frauen wollen „Wir Einzelhändler sind bestraft, jeden Tag bis acht Uhr arbeiten. Da sehe ich meine Kinder kaum noch.“ „Wir brauchen unbedingt mehr Kinderbetreuung, dass die Kinder nicht auf der Straße rumhängen. Kitaplätze fehlen sehr. Ich arbeite im Einzelhandel von 10 bis 20 Uhr, die Kitas haben da nicht mehr auf.“ „Ich habe gar keine Zeit zum Shoppen. Ich bekomme vielleicht drei Stunden Schlaf und am nächsten Tag geht dann alles wieder von vorne los.“ „Ich würde es besser finden, wenn die Mütter zwei Jahre voll zuhause bleiben können. Beim ersten Kind konnte ich drei Jahre zuhause bleiben und beim zweiten Kind nur ein Jahr, was mir bis heute leid tut. Es ist so ungerecht. Die Hartz-IV-Empfänger, die haben ein Auto, die rauchen, die trinken. Ich weiß nicht, wie die das bezahlen.“ 3.6.3 Kaum Fortschritte in der Gleichberechtigung, betroffen von Rückschritten! Frauen in diesem Milieu erleben in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen eine erhebliche Herabsetzung. Am unteren Rand der Gesellschaft sehen sie sich(1) aufgrund ihrer geringen Schulbildung, ihrer niedrigen beruflichen Position und wenigen finanziellen Mittel,(2) weil sie von anderen,„besser Gestellten“ gemieden und ausgeschlossen werden, (3) weil sie unter erheblichem Arbeits-, Zeit- und Leistungsdruck stehen, ohne dass sie dafür Anerkennung bekommen. All diese Momente werden dadurch miterzeugt und verstärkt, dass sie eine Frau sind. Ihre Position am unteren Rand der Gesellschaft aufgrund geringer ökonomischer und sozialer Ressourcen wird durch ihr Geschlecht„Frau“ nochmals geringerwertig. In der Partnerschaft besteht ein starkes hierarchisches Gefälle zwischen Mann und Frau, mit einer nur scheinbaren traditionellen Rollenteilung. Denn der Mann ist nur nach außen der Haupternährer der Familie – selbst in den vielen Fällen, in denen die Frau faktisch in der Rolle der Familienernährerin ist, wird dies nach außen und innen tabuisiert und gilt der Mann als das Oberhaupt der Familie. Auch sind Frauen aus diesem Milieu nie sicher, ob sie von ihrem Partner bzw. Vater ihres Kindes verlassen werden – das zeigen ihnen zahlreiche Beispiele aus dem Bekannten- und Freundeskreis. In der Öffentlichkeit bekommen sie in vielen Situationen gespiegelt, dass sie als Frau unselbstständig sind, für lebenspraktische Dinge unbedingt einen Mann brauchen und dass eine Frau eigentlich an den Herd gehört: „Ich war die Tage im Obi und da habe ich ein bisschen gefeilscht, das war sowieso eine Sensation, eine Frau im Baumarkt. Und dann wurde gefragt: Hat Ihr Mann denn eine Bohrmaschine? Ich habe dann gesagt, dass ich keinen Mann habe. Dann wurde gefragt: Hat denn der Handwerker, der kommt, eine Bohrmaschine. Darauf habe ich geantwortet: Ich bin der Handwerker, ich habe eine Bohrmaschine!“ Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 89 „Als Frau machst du dich kaputt, rennst und kümmerst dich – und bist dann doch am Arsch.“ „Ich spare an meiner Kleidung. Ich gehe für mich in den kik einkaufen, damit mein Kind ein paar anständige Klamotten am Arsch hat.“ Auffällig häufig werden fehlende Gleichberechtigungen thematisiert, von denen Frauen aus diesem Milieu selbst nicht betroffen sind – beispielsweise die geringen Chancen von Frauen, in Führungspositionen zu kommen –, oder moralische Vorwürfe gegenüber Müttern, die(auch mit kleinen Kindern) Vollzeit erwerbstätig und in hohen beruflichen Positionen sind. Hier gibt es seitens der Frauen aus dem Milieu„Benachteiligte“ keinen Neid gegenüber jenen Frauen aus gehobenen Schichten und Milieus, sondern vielmehr eine (frauen-)solidarische Verteidigung und auch Mitleid mit jenen Frauen, weil diese – als Frauen – unfairen Vorwürfen ausgesetzt sind. Obwohl sie im Alltag kaum Kontakt mit Frauen aus gehobenen Milieus haben, ist ihnen das Thema der gesellschaftlichen Benachteiligung von Frauen wichtig, weil sie hier – in abstrakter Form – mit anderen Frauen ähnlich betroffen und daher zusammengehörig sind. Diese Vorstellung(Illusion) von Frauensolidarität hat zum einen die Funktion des Signals von Zugehörigkeit(und, paradox, von Anerkennung als Benachteiligte gegenüber Männern), zum anderen die Funktion der Ablenkung von eigener vielfacher Benachteiligung im Alltag, den sie nicht aushalten könnten, wenn sie sich diese täglich bewusst machen würden. „Wenn die Frau auf Karriere fokussiert ist, dann wird direkt gesagt: Die darf keine Kinder bekommen. Und die wird skeptisch beäugt.“ Hingegen beantworten sie die Frage, ob auch Männer aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt werden, spontan und nachdrücklich mit Nein. In ihrem Alltag und Weltbild sind überwiegend Frauen die benachteiligte Gruppe. Nur in einzelnen Bereichen sehen sie gelegentlich auch eine Benachteiligung von Männern(beispielsweise, wenn Männer Erzieher in der Kita sind, wenn Männer im Textileinzelhandel arbeiten). „Ich arbeite in einem Wäschegeschäft. Da haben sich auch mal Männer beworben, und dann wird gesagt: ‚Männer: Nein!‘ Dann habe ich gefragt: ‚Wieso darf denn eine Frau zu den Männerkabinen, wenn es andersherum nicht geht?‘ Und dann hat sich ein sehr schwul wirkender Mann beworben, der dann akzeptiert wurde. Das finde ich schon sehr diskriminierend.“ Hinsichtlich des gesellschaftlichen Fortschritts in der Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist die Diagnose von jungen„benachteiligten“ Frauen sehr zurückhaltend und nahezu pessimistisch: Wir hätten auf der Skala von 0(überhaupt keine Gleichstellung) bis 90 Was junge Frauen wollen 100(vollkommene Gleichstellung) derzeit einen Wert von ca. 30 bis höchstens 40 erreicht. In den meisten Bereichen seien Frauen ganz massiv gegenüber Männern benachteiligt, hätten weniger Einkommen, weniger Anerkennung, weniger Chancen – und müssten oft mehr leisten und mehr Verantwortung tragen als Männer(außer beim Schleppen von schweren Kisten oder körperlich schwerer Arbeit wie am Bau). Auch erteilen diese Frauen der Vorstellung von einem nur langsamen Fortschritt in Sachen Gleichstellung eine Absage: Im Gegenteil hätte sich die Situation von Frauen in den letzten Jahren und Jahrzehnten sogar verschlechtert. Früher wurden Frauen sicher versorgt und mussten sich„nur“ um den Haushalt und die Kinder kümmern; heute müssen sie alles das auch weiterhin tun und dazu noch die Familie finanzieren. Insofern gibt es hier eine nostalgische Sehnsucht nach dem früheren traditionellen Ernährermodell, als die Lasten zwischen Frauen und Männer etwa gleich verteilt waren. Gleichwohl ist diese Nostalgie nicht verklärt, denn sie sehen durchaus kritisch, dass Frauen in früheren Zeiten erwerbstätig sein wollten, aber oft nicht durften, weil ihr Ehemann das nicht wollte und die Erwerbstätigkeit von Frauen gesellschaftlich nicht akzeptiert war. Dennoch ist ihre aktuelle Diagnose für die Gegenwart, dass es einen starken Abwärtstrend für Frauen in der Gleichberechtigung gibt, den sie an ihrer eigenen hohen(zunehmenden und ausweglosen) Belastung festmachen. Für die meisten Frauen aus diesem Milieu sind die Ungleichstellung und das hierarchische Gefälle von Männern zu Frauen biographische Normalität. Auch bei ihren Eltern haben sie nie etwas anderes erlebt. Es ist der gesellschaftliche Diskurs, der ihnen die Folie bietet, dies überhaupt als ungerecht wahrzunehmen, und den Horizont von echter praktischer Gleichstellung aufzeigt – der für sie aber praktisch unerreichbar scheint. „Mein Vater hat auch nie was gemacht, hat sich nie beteiligt. Der hat nur angeordnet, was zu tun war von seiner Frau und uns Kindern.“ Vor diesem Hintergrund ist zeitgleich eine„neue“ Definition von Gleichberechtigung gewachsen, die Gleichberechtigung minimalistisch als Abwesenheit von Vorwürfen begreift: „Mein Mann und ich sind gleichberechtigt. Er hält mir nichts vor und ich ihm nichts.“ [Frau ist als Erzieherin Vollzeit erwerbstätig und Familienernährerin; ihr Ehemann ist seit langem arbeitslos]„Er macht, was er schafft. Was er nicht schafft, mache ich. Er macht so Kleinigkeiten im Haushalt, Müll runterbringen, auch mal die Spülmaschine ausräumen. Also er sieht das nicht so: ‚Ich bin der Mann, ich muss im Haushalt nichts machen.‘ Er macht schon was.“ „Ich finde, bei mir ist Gleichberechtigung gegeben, aber“[schaut die muslimische Frau neben sich an]„bei meiner Nachbarin ist das nicht gegeben, da hat der Mann die Führung.“ Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 91 „Männer haben es auch schwerer mit der Erziehung, sag ich mal. So wenn die Frau zuhause ist in der Elternzeit und dann geht die Frau auf einmal wieder arbeiten, ich erleb es ja grade bei mir zuhause: Der ist total überfordert, der ruft auch alle paar Minuten: Ja ich brauch das und das! Tja, aber das ist mir wurscht! Wenn sie kein Interesse die ersten zwei Jahre oder drei gezeigt haben, tja, da müssen sie halt jetzt knallhart durch. Ist dann halt nun mal so.“ „Aber das ist ja eigentlich noch wenig, also wo die Frau wirklich zuhause bleibt und der Mann verdient alles. Also ich fand es damals besser, dass die Frau wirklich für die Kinder da war, alles geregelt gemacht und getan hat. Und jetzt, ja das funktioniert nicht mehr. Entweder müssen beide gehen, also man kommt über die Runden. Oder einer geht zumindest arbeiten, aber man muss trotzdem zum Staat gehen, um aufzustocken, weil es einfach vorne und hinten nicht funktioniert.“ Es gibt keine(öffentliche) Kritik an ihrem Partner, kein Schimpfen über dessen Untätigkeit im Haushalt. Vielmehr nehmen sie ihn in Schutz und betonen, dass er sie im Rahmen seiner Möglichkeiten unterstütze. Spezifisch und anders ist das Arrangement bei jenen jungen muslimischen Frauen in diesem Milieu, die verheiratet sind und Kinder haben. Bei ihnen kippt die Situation nach der Heirat: vormals als Single mit Berufstätigkeit, finanzieller Selbstständigkeit, zahlreichen Sozialkontakten; nach der Heirat geraten sie in die traditionelle Rolle der Hausfrau und Mutter, einen reduzierten selektiven Freundeskreis, finanzielle und soziale Abhängigkeit vom Ehemann. Hier besteht die Ungleichstellung nicht in einer Überlast von Verantwortung, sondern in konsequent traditioneller Rollenteilung, hierarchischem Paarverhältnis und dem Verlust ihrer früheren Selbstbestimmung. „Mein Mann macht gar nichts. Er wechselt nie Windeln, füttert die Kinder nicht, nie. Aber in anderen Dingen hat er sich verändert. Beim Spazierengehen achtet mein Mann heute auch auf die Kinder. Früher gar nicht.“[25 Jahre, verheiratet, 2 Kinder] „Als ich ledig war, habe ich immer gearbeitet. Jetzt bestimmt er, ich muss zu Hause bleiben, wegen der Kinder. Ich langweile mich.“[29 Jahre, verheiratet, 2 Kinder] 3.6.4 Erwerbsarbeit: steigender Qualifikationsdruck – Zukunftspessimismus Diese Frauen sind auf ein stabiles Einkommen angewiesen. Ihren geringen oder mittleren Schulabschluss können sie nicht mehr verbessern; ihre Ausbildung ist abgeschlossen;„Schule“ war für sie in der Regel keine Sphäre für Erfolg und Selbstwertgefühl. Daher nehmen sie sensibel und mit großer Sorge die im Arbeitsmarkt wachsenden Ansprüche an Bildungs92 Was junge Frauen wollen abschlüsse wahr und fürchten, dass sie in einigen Jahren mit ihren Abschlüssen kaum noch Chancen haben, weiter abgehängt oder(noch) schlechter bezahlt werden. In vielfältigen Klagen zeigt sich tiefer Pessimismus hinsichtlich ihrer Möglichkeiten im weiteren Lebens- und Erwerbsverlauf. Daher verbieten sich viele aus Selbstschutz den Blick darauf, was mit ihnen in 20 oder 30 Jahren sein wird. Sie sehen ohnehin aktuell keine Optionen für Vorkehrungen für ihre Rente. Insgesamt zeigen sich junge Frauen aus diesem Milieu – trotz vordergründig demonstrativen Selbstbewusstseins und eigener Stärke – als überlastet und überfordert: gegenüber den Arbeiten im Alltag, den Ansprüchen ihrer Kinder, der Unübersichtlichkeit von Trends und Anforderungen im Job, den Veränderungen und Lebensbedingungen in der Zukunft. „Als Verkäuferin muss man heute schon Abitur haben.“ „Bei ganz normalen vernünftigen Jobs wie Einzelhandel oder Friseur werden die Anforderungen immer höher, da muss man sich bald mit Gymnasiumabschluss bewerben.“ „Wenn man sich 15 Stunden jeden Tag kaputtarbeitet und dann nur elf Euro die Stunde verdient, dann ist das doch Beschiss.“ „Da topp ich alle mit 60 Stunden die Woche. Ich bin Gastfrau mit sechs mal zehn Stunden und ein Tag frei. ´nen Arbeitsvertrag hab ich, da stehen so viele schöne Sachen drin. Aber wenn das auch mal so alles seinen Wert hätte. Jeden Tag zwischen zehn und zwölf Stunden, dann Richtung Zuhause und dann fängt das wieder von vorne an. 24 Stunden, ja rundum. Entweder man liebt es oder man hasst es in der Gastronomie. Arbeitsschutz? Geht bei mir praktisch nicht.“ „Also wenn ich um 4 Uhr nachts nach Hause komme dann steh ich wieder um 7 auf, mach mich fertig, meine Kleine auf 10 Uhr. Um 2 kommt sie nach Hause, dann weiß sie, die Mama geht arbeiten, die Mama bringt Geld nach Hause.“ Die tatsächliche Erwerbszeit liegt im Durchschnitt deutlich über der vertraglichen Arbeitszeit von Frauen. Das Spektrum des Erwerbsumfangs ist breit und reicht von Frauen im Minijob mit wenigen Stunden pro Woche(Partner ist Hauptverdiener), Frauen in Teilzeit, Frauen in Vollzeit bis hin zu Frauen deutlich über normaler Vollzeit. Beispielhaft ist der Fall einer Frau, die in der Gastronomie arbeitet, nach eigener Aussage jeden Tag zehn bis zwölf Stunden, obwohl das jüngste Kind erst zweieinhalb Jahre alt ist – daher nimmt sie das Kind gelegentlich mit zum Job in die Gastwirtschaft. Die meisten Frauen in diesem Milieu würden gern weniger arbeiten – können sich dies aber nicht leisten. Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 93 Erwerbsarbeitszeit von Frauen im Milieu„Benachteiligte“ im Alter von 18 bis 40 Jahren Vertraglich Tatsächlich Wunsch Tatsächliche Arbeitszeit des Partners* %%%% bis zu 19 Stunden/Woche 18 20 11 20 – 29 Stunden/Woche 53 6 69 6 30 – 34 Stunden/Woche 12 50 6 35 – 39 Stunden/Woche 11 11 3 40 – 44 Stunden/Woche 6 8 14 91 45 Stunden und mehr/Woche 5 Durchschnitt 29,1 h 35,5 h 26,5 h 39,0 h * wenn dieser erwerbstätig ist. Der Anteil von Hartz IV, Berufs- und Erwerbsunfähigkeit ist in diesem Milieu hoch Quelle: Delta-Studie„Gleichstellung 2015“; bevölkerungsrepräsentative Befragung im Auftrag des BMFSFJ Wunsch Erwerbsumfang für den Partner % 3 3 5 81 8 41,1 h 3.6.5 Verdruss an Politiker_innen und Politik Ohne Hoffnung ist ihre Perspektive auf die Politik. Ihre Wünsche sind hoch, doch sie fühlen sich von Politiker_innen nicht gesehen – und wenn, dann von oben herab mit Distanz und Arroganz. Wenn sie in der Politik gemeint sind, dann als Teil einer Masse(„Arme“,„Geringverdiener_innen“), aber nicht als konkrete Menschen. Damit begründen junge Frauen aus diesem Milieu, überhaupt kein Interesse mehr an Politik zu haben. Insofern verwundert es nicht, dass die überwiegende Mehrheit der Frauen(in der Gruppendiskussion) bekundet, nicht wählen zu gehen: Das Interesse der Politiker_innen an ihnen ist äußerst gering – sie sehen keine Auswirkungen auf die Politik, wenn sie wählen würden:„Ich wähle nicht, weil sie sowieso machen, was sie wollen. Ich werfe die Wahlscheine immer gleich in den Müll“, ist eine typische Aussage. „Im Endeffekt kommt doch eh nichts für uns rum. Wahlzettel zerreiße ich gleich, wenn sie kommen.“ „Ich wähle aber auch nicht. Weil die sowieso machen, was sie wollen – ob ich jetzt wähle oder nicht. Die, die die meisten Stimmen haben, machen sowieso, was sie wollen. Deswegen geh ich nicht wählen. Ich seh‘ die Dreckdinger und schmeiß sie direkt in den Müll. Mein Mann denkt da anders, der geht wählen. Da sag ich auch: Der soll das tun, aber ich geh da nicht hin.“ „Auch wenn ich Interesse hätte. Ändern wird sich dann auch nichts.“ „Wenn die Geld verteilen, dann ja nicht aus ihrer eigenen Tasche.“ 94 Was junge Frauen wollen „Es kann ja mal ein Politiker mit uns tauschen für einen Monatsgehalt oder so. Was so ein Politiker in der Tasche hat und was so ein normaler, geringfügiger Arbeiter hat, damit die das auch mal irgendwie sehen, weil die sagen immer nur so: ‚Ne, das muss so und das muss so.‘ Weil die haben ihren Standard, ich sag mal 10.000 z. B., und wir haben sagen wir mal 1.700 und müssen damit irgendwie über die Runden kommen. Damit die das auch mal irgendwie sehen.“ So demonstrativ gering und larmoyant das bekundete Interesse an Politik ist, so pointiert sind ihre Wünsche an Politik und Politiker_innen. Dabei drücken sie vor allem das aus, was im Politikjargon als„Bürgernähe“ bezeichnet wird. Die bisherige Form und Stilistik von Bürgernähe kommt somit in diesem Milieu nicht an(bzw. ist nicht an diese adressiert). „Frischen Wind würde ich mir wünschen.“ „Gute Politiker sind den Leuten näher, halten, was sie versprechen.“ „Nicht arrogant, menschlicher!“ Muslimische Frauen fühlen sich in der Ehe durch ihren Ehemann politisch entmündigt: Dieser bestimmt, welche politische Meinung sie haben sollen. Das zeigt sich deutlich in dem folgenden Zitat einer 25-jährigen verheirateten Muslima: „Mein Mann ist dafür, dann muss ich auch dafür sein! Er sagt zu anderen: ‚Meine Frau will das und das.‘ Das finde ich unfair und ungerecht.“ Milieudifferenzierte Befunde| Mainstream der Gesellschaft 95 3.7 Delta-Milieu„Expeditive – alternative Avantgarde“(15 Prozent) Milieuverteilung von Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren Oberschicht Obere Mittelschicht Mittelschicht Untere Mittelschicht Unterschicht Konservative 2% Traditionelle 3% Etablierte 5% Bürgerliche Mitte 19% Postmaterielle 11% Performer 20% Expeditive 15% Benachteiligte 13% Hedonisten 12% Soziale Lage nach Mikrozensus und OECD Grundorientierung A1 Unterordnung Pflicht, Akzeptanz Selbstkontrolle „Festhalten“ A2 Einordnung Konservative Modernisierung „Wandel akzeptieren“ Gemeinsame Traditionen B1 Lebensstandard Status, Besitz, Teilhabe Kennen, Können, Ankommen „Geltung& Genuss“ B2 Aufklärung, Emanzipation Aufbruch, Widerstand Ganzheitlich leben „Sein& Verändern“ Selbstverwirklichung C1 Flexibilität, Mobilität Optionalität Erfolgs-Pragmatismus „Machen& Erleben“ C2 Management von Grenzen Synthesen, Synästhesien Pragmatischer Idealismus „Grenzen überschreiten“ Selbstmanagement © DELTA-Institut Postkonventionelle Milieus »Expeditive« 96 Was junge Frauen wollen Kurzcharakteristik: Die unkonventionelle kreative Avantgarde: programmatisch individualistisch, mental und geografisch mobil; stets auf der Suche nach neuen Grenzen und ihrer Überwindung. Hohe Investitionsbereitschaft und Kompromisslosigkeit für eigene Projekte und Passionen; in anderen Bereichen hohe Anpassungsfähigkeit und Frustrationstoleranz. Junge urbane Boheme; postmodernes Proletariat der Selbsterfinder_innen(„eigene neue Wege gehen“): Flaneure und kreative Vagabunden in den pulsierenden Metropolen; stets auf der Suche nach spannenden Menschen, Momenten und Begegnungen. Milieudifferenzierte Befunde| Postkonventionelle Milieus 97 3.7.1 Werte und Lebensstil • Weltbild: Bürgerliche Konventionen lassen der Einzelnen wenig Spielraum zur Selbstentdeckung, beschränken sie in der kreativen Entwicklung eines individuellen Stils und selbstgewählter Lebensform. Lebensqualität bedeutet, den eigenen„inneren Kern“ zu entdecken und diesem gemäß(intensiv) zu leben: durch experimentelles Erproben unkonventioneller Stile, durch den virtuos-kreativen Umgang mit Regeln, das Durchbrechen von Tabus, durch geistige und körperliche Grenzerfahrungen und durch den Wechsel von Realitätsebenen. • Selbstbild(Ich-Ideal): kreative und kulturelle Avantgarde der Gesellschaft. • Abgrenzung: starre Strukturen, rigides Sicherheitsdenken, kleinbürgerliche Idyllen; Fixierung auf beruflichen Erfolg, Geld und Karriere. • Leitmotive: Entdecken der vielfältigen Aspekte des Lebens(der Welt und des Selbst); Entfalten der eigenen Talente und Möglichkeiten.„Nicht ankommen“ als Motor. Lebensstil • Eigene neue Wege gehen – eine ich-bezogene Lebensstrategie im positiven Sinn. Kreativer und künstlerischer, ökologischer und unkonventioneller Lebens- und Konsumstil. Selbstverständnis als Lifestyle-Avantgarde und neue Bohème. Vorliebe für stilistische Provokationen, um normative Normalitäten und träge Rituale aufzubrechen, um neue Perspektiven zu eröffnen und intensiv(„echt“) zu leben. Musik, Kunst, Kultur jenseits von Mainstream und Massenkonsum. Gesellschaftliche Protesthaltung mit konkretem Engagement verbinden, z. B. Kulturpolitik, Tier- und Umweltschutz. Beispiele von Selbstbeschreibungen junger Frauen: „Ich veranstalte Elektro-Kostümpartys(…), kreiere momentan mein eigenes Tarot, modele nebenbei. Ich lebe eher so einen Bohemien-Style.“ „Ich bin kreativ, künstlerisch, Feministin, lebe vegan. Mein Style ist unangepasst, gerne bunt, verrückt.“ „Ich bin lesbisch, gebe mich aber feminin, bin unangepasst(…). Ich habe einen Schrebergarten, wo ich mich – im Rahmen der Gartenordnung! – kreativ austoben kann. Hobbys sind Backen(bunte Cupcakes), Zeichnen, Häkeln(Amigurumi-Figuren).(…) Früher habe ich selber Tattoos gestochen(…). Eigentlich mache, bastle, tüftle ich gerade immer irgendwas.“ „Ich Interessiere mich für alles, was jenseits des Mainstream und Consumer-Kultur passiert. Independent-Cinema, Bebop, geheime(zum Teil illegale) Partys, vegane Lebensweise, Buddhismus, Frauenliteratur. Ich bin außerdem Bloggerin.“ 98 Was junge Frauen wollen „Ich wünsche mir von der Familienund Gleichstellungspolitik … … mehr Geld für Inklusion, für soziale Einrichtungen und für Bildung.“ … gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit.“ … dass es nicht so problematisch wird, überhaupt einen Krippenplatz zu finden, dass Krippenplätze bezahlbar sind und vor allem die Öffnungszeiten der Kitas sich uns Müttern anpassen.“ … dass wir dazu kommen, uns aus der 50-Stunden-Frustration der Männer herauszuentwickeln. Es muss sich ganzheitlich etwas ändern, die Arbeitszeiten der Männer müssen sich ändern. Wir müssen die Frustration nutzen, um in die Entwicklung zu kommen – sagt schon Erikson.“ Ich habe als Single mit Familienpolitik nicht viele Berührungspunkte.“ „Studiert habe ich Design, arbeite aber jetzt als Buchhändlerin. Ich liebe VintageMode und Vintage-Möbel; meine Wohnung ist total retro-mäßig, im Stil der 60s eingerichtet.“ „Ich bin sehr kreativ, schreibe in meiner Freizeit Kurzgeschichten und habe ein ungewöhnliches Hobby, die Klo-Fotografie. Zusammen mit einer Freundin fotografieren wir außergewöhnliche öffentliche Toiletten, die kunstvoll sind oder so wirken können, für unseren Blog. Ziel ist es, zu zeigen, dass Kunst überall sein kann, auch da, wo man es nicht erwartet. In dem Blog geben wir den Fotos Titel, die an bekannte Songs angelehnt sind und zu dem Foto passen(z. B. Major Tom bei einem sehr Ufo-mäßig aussehenden Toilettenraum). Neben dem Fotografieren zeichne und porträtiere ich gerne. Da ich Synästhesie habe, sehe ich Zahlen und Buchstaben in Farben. Nebenbei probiere mich auch in Acryl-Malerei. Mein Kleidungsstil ist häufig bunt oder Accessoires mit auffälligen Mustern(ich liebe Leopardenmuster) und gerne etwas rockig/punkig, da ich auch sehr gerne Rock- und Punkmusik(besonders aus den 70er/80er Jahren) höre, z. B. Siouxsie& the Banshees, Billy Idol, The Clash oder The Cure. Ich trage gerne ausgefallene Ohrringe/Schmuck und suche immer etwas Besonderes. In meiner Freizeit schreibe ich auch Songs und nehme gerade ein paar Demos auf.“ „Ich lebe in einem angesagtem Hipster-Viertel.(…) Ich lebe vegetarisch, die meisten meiner Freunde sind Veganer oder zumindest Vegetarier. Meine Leidenschaft ist das Reisen: neulich zelten in Island. Oft besuche ich meine Schwester, die in Berlin auf einem Bauwagenplatz lebt. Außerdem gehe ich gern zu Poetry-Slams, Konzerten, Demonstrationen, Festivals, Konzerten und Kleidertauschbörsen. Ich bin ehrenamtlich bei einem Verein, der schwerkranken Kindern Wünsche erfüllt.“ Milieudifferenzierte Befunde| Postkonventionelle Milieus 99 •(Scheinbare) Widersprüchlichkeit als Lebensform: mit Lebensstilen und Rollen spielen, in unterschiedlichsten Szenen, Welten und Kulturen leben; Suche nach spannenden Erfahrungen und starken Gefühlen. • Man will und braucht Zeit ganz für sich allein, genießt das Alleinsein(die„Einsamkeit“), will dann von niemandem gestört werden: sich in ein Café setzen, Zeitung oder Buch lesen, in Ruhe nachdenken oder an einem(kreativen, künstlerischen) Projekt arbeiten. Aber auch der ausgeprägte Wunsch nach Austausch mit ähnlich„tickenden“ Freund_ innen über Gedanken, Gefühle, Projektideen, politische, künstlerische, ökologische Initiativen und Leute. Freizeit • Raves, Techno-Events, private(legale und illegale) Partys, Rock- und Pop-Konzerte sowie Diskotheken, Clubs besuchen; Poetry Slam; Interesse für junges Theater, Kleinkunst, Improvisationen sowie Musik und Kunst fremder(exotischer) Kulturen. Mentales Training, Yoga, Meditation(sich spüren, sich„erden“). • Zeichnen, Malen, Musizieren, Literatur jenseits des Mainstream. Auch hier: neue Wege entdecken, die eigenen Grenzen und die Grenzen des Mediums ausprobieren. • Sport: Extremsportarten(z. B. Freeclimbing, Paragliding, Drachenfliegen), Inline-Skating, Surfen, Kitesurfen, Snowboarding. 3.7.2 Erwerbsarbeit: Am liebsten Teilzeit für flexibles Arrangement aller Lebensbereiche „Zeit ist wertvoll, super, kostbar“ – nicht Geld ist für junge„expeditive“ Frauen das wichtigste Gut, sondern Zeit. Wie in keinem anderen Milieu sind diese Frauen auf der Suche nach einer für sie individuell optimalen Balance von Arbeitszeit, Zeit für ihr Kind, Zeit für ihre Projekte, Zeit für Muße, Partner, Freund_innen, Freiraum für neue Ideen. Ihr Job ist notwendig zum Gelderwerb, aber sie haben darüber hinaus Ansprüche an ihren Job: Sie wollen sich in der Arbeit verwirklichen und persönlich weiterentwickeln – und ohne dass ihnen der Job sämtliche Energien für die Zeit nach der Arbeit raubt. Lieber haben sie etwas weniger Geld und dafür mehr Zeit und noch Energien. In keinem Milieu fällt das Spektrum des Erwerbsumfangs so heterogen aus: von Freiberuflichen mit 24/7(in Wellen), wöchentlichen Arbeitszeiten um und über 40 Stunden bis hin zu geringfügiger Beschäftigung(Minijob) oder Teilzeit mit 15 bis 20 Stunden. Als optimal benennen die jungen Frauen in der qualitativen Untersuchung eine wöchentliche Erwerbszeit von 25 bis 30 Stunden – wenn damit das Geld reicht für Hobbys und Engagement. Elementar wichtig ist Frauen aus diesem Milieu ihre existenzielle Unabhängigkeit – und eine Facette davon ist ihre finanzielle Eigenständigkeit: Sie wollen sich nicht von anderen abhängig machen, daher wollen sie unbedingt so viel arbeiten und Geld verdienen, dass sie finanziell unabhängig sind, aber nur so viel arbeiten, wie es nötig ist. Ihre Konsumansprüche sind – aus ihrer subjektiven Sicht – relativ gering und„günstig“: 100 Was junge Frauen wollen „Als ich mal beim Weihnachtsgeschäft gearbeitet habe, habe ich viel mehr gearbeitet, aber durch die Steuern weniger bekommen, das hat sich gar nicht gelohnt. Ich habe eigentlich so ein Luxusleben, weil ich wenig arbeite und viel lese. Ich gebe das Geld für Essen, für Reisen und Second-Hand-Klamotten aus. Ich brauche kein Schickimicki.“ „Also für mich hat das Geld und die Zeit miteinander zu tun. Was soll ich denn machen, mit der Zeit, wenn ich kein Geld habe? Wenig Geld und viel Zeit ist auch nicht das Wahre.“ „Ich hätte gerne einen Teilzeitjob mit 25 Stunden in der Woche. Zeit ist kostbar. Ich hätte gerne weniger Geld und mehr Zeit.“ „Eigentlich würde ich auch gerne zwischen 25 und 30 Stunden arbeiten. Im Winter ist es dunkel, wenn man zur Arbeit fährt, und dunkel, wenn man zurückkommt. Das ist auch dann zu viel.“ „Mein Job macht mir total viel Spaß. Das ist Teil meines Lebens. Ich bin bloß nach der Arbeit oft müde und kann mich deswegen kaum politisch engagieren. Mehr Zeit hätte ich gern.“ Auch wenn das Selbstbewusstsein der Frauen groß ist und sie sich von bürgerlichen Konventionen distanzieren: Die gesellschaftliche Norm der„guten Mutter“ ist bei ihnen sehr präsent und auch sie können sich von den gegensätzlichen Rollenerwartungen nicht ganz freimachen. Sie haben den Eindruck,„dass man es als Mutter aus Sicht der Gesellschaft sowieso falsch macht. Geht man nicht arbeiten, gilt man als faul und spießbürgerliche Hausfrau; geht man arbeiten, ist man eine Rabenmutter.“ Daher fordern sie von der Gesellschaft und unterstützt von der Politik, dass verschiedene Lebensformen schlicht vorbehaltlos akzeptiert werden – auch neue Formen wie eine WG mit Kind, homosexuelle Paare, die ein Kind haben(wollen). Typische Berufe Frauen in einer heterosexuellen Partnerschaft (aus den Gruppendiskussionen): wünschen sich sehr, dass das derzeit meist große Gefälle im Erwerbsumfang zwischen ihrem Reggio-Pädagogik, Atelierista(künstPartner und ihnen beseitigt wird. Es sei zwar für lerische Arbeit in den Ateliers einer sie bequem, dass ihr Partner das meiste Geld Kita), Gebärdendolmetscherin, freizum Leben verdiene und sie damit viel Zeit hätschaffende Künstlerin, Account Maten, aber das beschreiben sie als nicht optimal. naging im Bereich Online Payment¸ Optimal wäre aus ihrer Sicht ein ErwerbsAngestellte im Buchhandel(betreut umfang von beiden mit 30 bis 35 Stunden den Bereich Design, Mode und Lifepro Woche. Das Motiv ist für Mütter in diesem style), Übersetzerin, Büroangestellte Milieu, den Partner in Fragen der Organisation in einer Immobilienfirma, Studentin einzubinden und in die Mitverantwortung zu für Lehramt, Studentin für Musikwisnehmen: senschaften Milieudifferenzierte Befunde| Postkonventionelle Milieus 101 „Das würde helfen, die Männer mit ins Boot zu holen.“ „Elternzeit heißt nicht Mütterzeit.“ „Es braucht mehr Anreize für Männer, so dass das Umdenken eher erzwungen wird.“ Diese Frauen haben eine ausgeprägte Vision für Gleichstellung in ihrer Partnerschaft – ohne dass sie dies mit dem aus ihrer Sicht statischen und„schweren“ Begriff„Gleichstellung“ bezeichnen würden. Sie sehen sehr klar eine erhebliche Asymmetrie zwischen Frauen und Männern in der Gesellschaft mit deutlichen Nachteilen für Frauen sowie Fehlanreize für Entscheidungen in ihrer Partnerschaft. Dabei identifizieren sie zwei Knackpunkte, die ursächlich verantwortlich sind für rationale Entscheidungen in die falsche Richtung; diese Knackpunkte sind zugleich Ansätze zur Lösung in eine richtige Richtung. 1 Unterschiedliche Einkommen und Bezahlung von Frauen und Männern: Nach der Geburt eines Kindes ist das höhere Einkommen entscheidend dafür, wer seinen Job reduziert oder unterbricht. Wer weniger verdient, bleibt zu Hause. Die Lösung besteht ihrer Ansicht in gleichen Einkommen von Frauen und Männern. „Die Mütter verdienen weniger Geld als die Väter. Wenn beide gleich viel verdienen würden, wäre das besser gelöst. Die Väter würden ja auch gerne etwas länger zuhause bleiben. Es ist einfach eine Frage der Finanzen.“ „Es geht auch um die Höhe vom Elterngeld: 65 Prozent vom Frauengehalt oder 65 Prozent vom Männergehalt. Da ist die Entscheidung ökonomisch klar.“ „Bei gleicher Bezahlung von Frauen und Männern würde die Gender-Frage gar nicht aufkommen, so dass es finanziell egal bleibt, wer zu Hause bleibt. Die intrinsische Motivation der Väter ist da.“ 2 Öffnungszeiten der Kitas: Die meisten Kitas haben Öffnungszeiten mit einem Zeitfenster, das an die tatsächlichen Arbeitszeiten überhaupt nicht angepasst ist. Wer nachmittags oder abends arbeitet, hat oft keine Kinderbetreuung. Daher fordern diese Mütter deutlich längere Öffnungszeiten, so dass sie für ihre individuellen time-slots im Job eine verlässliche Betreuung erhalten. Dazu gehört für sie selbstverständlich auch, dass sie die von ihnen in Anspruch genommenen Betreuungszeiten flexibel gestalten können(auch täglich wechselnd) – weil ihre Bedarfe im Job und in anderen Sphären eben nicht einer standardisierten Regelhaftigkeit folgen. Verlängerte Öffnungszeiten und flexible Nutzungen beinhalten für diese Mütter vor allem den Zweck, mehr Zeit für ihre Kinder zu haben. Und es führt zu höheren Chancen im Arbeitsmarkt sowie zu geringerem Organisations- und Rechtfertigungsstress im Job. 102 Was junge Frauen wollen „Kita-Öffnungszeiten sind das größte Problem.“ „Von den Kitas hängt der Job der Eltern ab.“ „Andere Öffnungszeiten würden alles ändern! Eltern können dann mehr arbeiten.“ „Dass es keine Kita rund um die Uhr gibt, ist für mich ein riesiges Problem. Man muss das Kind immer um 4 abholen. Das ist eine Unflexibilität, da wünsche ich mir etwas von der Politik. Ich meine damit nicht, dass man das Kind von 8 Uhr früh bis 8 Uhr abends abgibt, sondern in meinem Fall von drei Uhr nachmittags bis sieben Uhr. Was ich nicht gut finde, ist, wenn man die Kinder den ganzen Tag dort lässt und nur arbeitet.“ Wie problembehaftet unzureichend die Betreuungssituation von Kitas in Deutschland für junge Frauen aus diesem Milieu ist und wie sehr dieses Wissen bereits die Grundentscheidung für oder gegen ein Kind beeinflusst, illustriert die Aussage einer 31-jährigen Frau:„Ich hätte zwar gern ein Kind, aber ich kann es mir nicht leisten!“ Nicht das aktuelle Einkommen ist das Problem, sondern das Einkommen bei fehlender Kinderbetreuung – oder zu hohen Betreuungskosten. „Ich zahle doch keine 600 Euro für die Kita! Wenn man kein Glück hat, muss man zu den Privaten. Das Risiko ist mir zu groß.“ „Ich bekomme 450 Euro und 200 Euro gehen für die Kita drauf. Ich verstehe nicht, wieso der Staat die Kinder so stiefmütterlich behandelt. Es würde alles ändern, wenn man bei der Kita optimiert. Das wäre das Beste, was ich mir wünschen würde.“ Erwerbsarbeitszeit von Frauen im Milieu„Expeditive“ im Alter von 18 bis 40 Jahren bis zu 19 Stunden/Woche 20 – 29 Stunden/Woche 30 – 34 Stunden/Woche 35 – 39 Stunden/Woche 40 – 44 Stunden/Woche 45 Stunden und mehr/Woche Durchschnitt Vertraglich % 19 9 9 25 38 Tatsächlich % 25 8 11 20 36 31,0 h 29,5 h Wunsch % 13 19 26 29 13 30,0 h Tatsächliche Arbeitszeit des Partners % Wunsch Erwerbsumfang für den Partner % 4 5 35 47 9 39,4 h 19 48 30 3 34,4 h Quelle: Delta-Studie„Gleichstellung 2015“; bevölkerungsrepräsentative Befragung im Auftrag des BMFSFJ Milieudifferenzierte Befunde| Postkonventionelle Milieus 103 3.7.3 Geschlechtergerechtigkeit ist erreicht, wenn es die Kategorien„Frau/Mann“ nicht mehr gibt Mit Blick auf das Ziel Geschlechtergerechtigkeit ist die Bestandsaufnahme expeditiver Frauen sehr verhalten. Auf einer Skala von 0 bis 100 sehen sie unsere Gesellschaft nur bei einem Wert von ca. 60 bis 70 Prozent – mit noch großen Herausforderungen in den Köpfen der Menschen und in den administrativen Strukturen. Wie Frauen anderer Milieus identifizieren sie ein erhebliches Gefälle zwischen Männern und Frauen(zugunsten der Männer) und nennen als Beispiele Entgeltungleichheit, schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Kindern, Frauen sind Opfer von Gewalt, es gibt typische Frauenberufe, die schlechter bezahlt sind(Erzieherin, Friseurin, Altenpflegerin, Raumpflegerin), in Sozialberufen sind überwiegend Frauen und diese Berufe werden schlechter bezahlt als andere, es gibt zu wenig Frauen in Führungspositionen, z. B. haben Frauen deutlich seltener eine Professorenstelle als Männer. Dazu komme, dass sich eine Frau mit Karrierewünschen auch heute noch doppelt beweisen und mehr leisten müsse als ein Mann. Aus diesem Grund sind die meisten Frauen aus diesem Milieu unbedingt für eine gesetzliche verbindliche Quote für einen Mindestanteil von Frauen in Führungspositionen – und halten eine freiwillige Frauenquote für nutzlos(„Frauenquote freiwillig – da kann man sich nur aufregen, das ist ein Witz! Da soll man wieder jahrelang warten, bis man merkt, dass es so nicht funktioniert“). Sensibel und pointiert sind auch die Wahrnehmungen,(1) dass eine Frau, wenn sie erfolgreich sein will, sich männliche Attribute zulegen muss,(2) dass Frauen im Alltag, in der Wirtschaft und Politik immer danach beurteilt werden, wie sie sich zeigen: Stärker als Männer seien Frauen ästhetischen Schönheitsmustern und Rollenerwartungen ausgesetzt und würden nach ihrem Aussehen und Rollenverhalten positiv oder negativ bewertet. Frauen seien stets der öffentlichen Beurteilung von Männern – und anderen Frauen – ausgesetzt, würden aufgrund ihrer stilistischen Erscheinung gemessen, bewertet und stigmatisiert: als zu weiblich oder als zu männlich, als Dummchen oder„Zicke“, belächelt oder verspottet. Hat eine Frau viele Kinder, gilt sie als„Gebärmaschine“, hat sie keine Kinder, ist sie egoistisch oder unfruchtbar – in jedem Fall hat sie einen Makel. Die Kritik expeditiver Frauen richtet sich hier nicht nur an Männer, sondern an Frauen selbst, die sich an dieser„perversen Stigmatisierung“ bzw. dem„Spiel der Stutenbissigkeit“ beteiligen. Und auch sich selbst sprechen expeditive Frauen vom Vorwurf nicht frei: Sie selbst trauten sich meist nicht, ungeschminkt zur Arbeit zu gehen. „Frauen sind immer der öffentlichen Beurteilung ausgesetzt. Männer dürfen dick sein, auch ein bisschen ‚assi‘ rumlaufen. Mein Chef hat mich mal gefragt, ob ich ein Piercing hatte. Das geht den doch einen Scheiß an.“ „Das Problem ist dieses Denken, dass wir immer Kosmetik konsumieren und teure Taschen kaufen. Heidi Klum propagiert das total und die 13-jährigen Mädchen haben dieses Markendenken. Aber damit kann man gutes Geld verdienen, deswegen will die Industrie ja auch, dass wir weiter so denken. Ich kann mich da nicht von freisprechen. Ich schminke mich auch. Ich möchte nicht hören ‚Du bist hässlich, du bist ungepflegt, du bist dick.‘ Oder: ‚Du kriegst keinen Posten im Management, wenn du nicht gut aussiehst.‘“ 104 Was junge Frauen wollen Aber im Unterschied zu Frauen anderer Milieus ist die Perspektive von Frauen im Milieu „Expeditive“ noch weit grundlegender: Sie betonen, dass die Kategorien„männlich“/ „weiblich“ gesellschaftliche Konstruktionen sind, damit nicht natürlich und nicht binär, sondern mit einem vielfältigen und veränderbaren Spektrum von Geschlechtern und Geschlechterbeziehungen. Insofern würde unsere Gesellschaft eine erhebliche Verengung von Geschlechtlichkeit pflegen und verteidigen, dazu auch eine dominante normative Form von Partnerschaftlichkeit und Sexualität. Gerade solche Bereiche wie Frauenförderung, Gleichberechtigung von Männern und Frauen, Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer und Ähnliches würden diese Zweigeschlechtlichkeit reproduzieren. Konservative Apologeten der traditionellen Rollenteilung von Männern und Frauen haben expeditive Frauen mental und diskursiv längst hinter sich gelassen, setzen sich mit ihnen, die sie als Relikte vormoderner Phasen sortieren, nicht mehr ernsthaft auseinander. Groß und ernsthaft aber ist ihre Kritik gerade an jenen, die für Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit kämpfen – und dabei den engen Zusammenhang von Sprache und gesellschaftlicher Struktur betonen. Junge Frauen aus dem Milieu „Expeditive“ stimmen zu, dass man sensibel sein müsse für die strukturwirksame Macht von Sprache, die Denkstrukturen verfestige – aber auch das Potenzial habe, bei einer anderen, kontraevidenten Verwendung Denkstrukturen aufzubrechen. Ohne es zu intendieren, würde gerade die aktuelle Frauen-, Gleichstellungs- und Männerpolitik die Mär und Schimäre von der Zweigeschlechtlichkeit verstärken. Dazu trage auch das Gendern in Wort und Schrift bei. Bei einigen erregt es Zorn, andere nehmen es als Kuriosität und bezeichnen das Ritual des Genderns als kontraproduktiv. Bestimmte Formulierungen sind aus ihrer Sicht offensichtlich übertrieben und schräg, aber ihre Kritik gilt dem Ritual selbst mit der Fokussierung auf eine formal korrekte Ansprache beider (zwei!) Geschlechter – stets mit traditioneller Höflichkeit: zuerst die Frau, dann der Mann. Das identifizieren sie als paradox und widersprüchlich, im Effekt nutzlos und sogar kontraproduktiv: denn damit würde den Menschen die Sensibilität und positive Gestimmtheit für das Geschlechterthema ausgetrieben und verleidet. Das sprachliche Ritual betrachten sie als Spielwiese der„Stahlhelmfraktion der Gender-Bürokratie“ – mit fatalen Folgen. „Neulich war ich auf einer Veranstaltung, da wurden wir begrüßt mit: ‚Sehr geehrte Gästinnen und Gäste‘. Wie unwichtig ist das denn!“ „An der Uni gab es ein Feminismus-Seminar. Da sagte die Dozentin doch tatsächlich ‚Kinder und Kinderinnen‘.“ Wirkliche Geschlechtergerechtigkeit ist aus Sicht dieser Frauen erreicht, wenn es die Kategorien Frau/Mann nicht mehr in dieser dichotomen Form gibt. Hier sehen sie noch erhebliche Herausforderungen hinsichtlich der Sprachsensibilität vor allem in amtlichen Dokumenten und Formularen. Als ein Beispiel nennen sie in der Gruppendiskussion Steueranträge mit den Bezeichnungen„Ehemann“ und„Ehefrau“. Zum einen würde durch die Erstnennung des Mannes dessen führende Rolle beim Einkommenserwerb dokumentiert. Milieudifferenzierte Befunde| Postkonventionelle Milieus 105 Zum anderen würden solche Formulare der Realität gleichgeschlechtlicher Paare(in eingetragener Lebenspartnerschaft) nicht gerecht. 5 5 Damit trage die amtliche Administration die Relikte einer binären Geschlechterkonstruktion und sexuellen Heteronormativität in sich und trage performativ zu deren Verfestigung und Verstetigung in den Köpfen der Menschen bei. Zwar sehen junge expeditive Frauen noch ein großes Gefälle zwischen Männern und Frauen mit zahlreichen Benachteiligungen von Frauen – aber sie erkennen auch viele Bereiche, in denen Männer benachteiligt werden: „Es gibt viele Männer, die häusliche und psychische Gewalt von Frauen erfahren.“ „Es gibt männliche Vergewaltigungsopfer.“ „Die Rechte des Vaters sind nicht so groß wie die Rechte der Mutter: Hier leiden Männer.“ „Männer werden nicht ernstgenommen, wenn sie sagen: Ich möchte mich mehr um meine Kinder kümmern.“ „Es gibt auch Feministen, die wollen, dass die Frauen über dem Mann stehen. Die wollen das Matriarchat, auch wenn sie das nicht so sagen. Das finde ich total schlimm und dann hätten wir gesellschaftlich doch gar nichts erreicht.“ „Bei meiner Kita gibt es nur zwei männliche Kollegen, die haben dann direkt Probleme, wenn mal einer von beiden nicht da ist, Anschluss zu finden. Das liegt aber auch daran, dass die Männer immer in der Berufswahl beeinflusst werden. Die sollen dann Polizist werden oder Feuerwehrmann. Da möchte dann niemand bei einer Kita arbeiten.“ „Wer arbeitet denn als Möbelpacker, im Straßenbau, in Schlachthöfen oder als Müllfahrer? Das sind meistens Männer. Diese Männer müssen viel leisten und bekommen wenig Anerkennung.“ „Es wird erwartet, dass man ein sensibler Vater ist, aber man darf auch keine Schwäche zeigen. Ein Mann, der Schwäche zeigt, ist doch gleich der Softie oder Schlappschwanz. Die Männer sind da gar nicht von ausgenommen, dass sie auch nicht ihren Platz in der Gesellschaft finden.“ Unsere Gesellschaft auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit muss daher darauf achten, dass nicht ausgerechnet der Feminismus diese verhindert. Junge expeditive Frauen fordern daher, dass die Wahrnehmung und Wertigkeit gleichermaßen Frauen und Männern gelten. Über allem steht final aber die normative Haltung, dass jeder so leben sollte, wie und mit wem er will. Für eine wirkliche Geschlechtergerechtigkeit sei dann auch notwendig, dass die Attributierungen„männlich“ bzw.„weiblich“ aufhören. 5 Anmerkung des Autors: Das stimmte früher, aber heute nicht mehr. In aktuellen Formularen zur Einkommenssteuererklärung steht nun für die erste Person„Ehemann/ Lebenspartner(in) A nach dem LPartG“ sowie für die zweite Person„Ehefrau/Lebenspartner(in) B nach dem LPartG“. 106 Was junge Frauen wollen 3.7.4 Engagement gehört zur eigenen Identität Sich für eine gute Sache engagieren, sich dazu für eine gewisse Dauer verpflichten(„Commitment“) und intensiv mitarbeiten ist für sehr viele junge Frauen aus diesem Milieu ein Kernbestand ihrer sozialen Identität: Das inhaltliche Spektrum für Engagement ist sehr breit und reicht von dauerhaften Basisthemen bis zu akuten Brisanzthemen, von lokalen Gruppen bis zu transnationalen Organisationen: ökologische Initiativen, Hilfe für Geflüchtete, künstlerische Kleinkunstszene, Tierschutz, Umweltschutz, Urban Gardening, Kinder- und Jugendhilfe, Hilfe straffällig gewordener Jugendlicher, Gefangenenhilfe, Unterstützung von Kindern/Familien mit Migrationshintergrund. Auslösendes und treibendes Motiv ist, mit dem eigenen Engagement etwas bewegen und bewirken zu können – und dazu die eigenen Fähigkeiten einbringen(Beispiel: Eine Frau aus der Gruppendiskussion mit serbischem Migrationshintergrund hilft als Übersetzerin für Geflüchtete auf der Balkanroute). Sie engagieren sich auch bei großen Organisationen (z. B. Greenpeace, Amnesty International), haben aber eine Präferenz für lokale Aktionsgruppen mit einer Vision(Beispiel Urban Gardening: Mit Gärten ihre Stadt verändern 6 ). In diesem Milieu ist das Narrativ dominant, dass der politische Parteien- und Regierungsapparat ein System für sich darstellt. Sich hier zu engagieren, kommt einem Kampf gegen Windmühlen gleich. Einzelne eigene Erfahrungen(beispielsweise einer Frau im Landesfachausschuss einer Partei) bestätigen und verstärken das Narrativ, dass es dort„widerliche Grabenkämpfe“ gibt. Dominanzgebaren, Eitelkeit und Verschlagenheit seien vor allem in der Lokal- und Regionalpolitik typisch: andere anzeigen, sie„erpressen“, korrupte Baudeals u. a. Teil dieses Narrativs ist, dass politische Amts- und Mandatsträger_innen hauptsächlich darauf aus wären, die nächste Wahl zu gewinnen, dass politisch engagierte Bürger_innen wenig in ihrem Sinne verändern könnten, dass ohnehin nicht die Politik, sondern die Wirtschaft den Kurs und die Entscheidungen bestimmt, dass die Politik eine Marionette der Wirtschaft ist und politische Bühnen damit Fake-Shows für das sind, was auf den Hinterbühnen stattfindet. Ich habe auch viele schlimme Dinge erlebt. Da habe ich ekelhafte, widerliche Grabenkämpfe miterlebt, korrupte Baudeals, sich hochschlafen … Ich finde es erschreckend, was man da für Menschen trifft. Ich habe auch nette Menschen getroffen, die tolle Arbeit leisten, aber die sind eher auf den niedrigeren Ebenen.“ 6 Auf Brachen, Dächern, Mauern und Grünstreifen werden Bäume gepflanzt, Blumen gezüchtet und Gemüse angebaut. Die Gärten sind für sie Orte, an denen gesunde Lebensmittel angebaut werden und Natur wieder erfahrbar gemacht wird. Sie sind Experimentierfelder für Zukunftsthemen: Wie können neue Wohlstandsmodelle aussehen und interkulturelle Begegnungen gefördert werden? Milieudifferenzierte Befunde| Postkonventionelle Milieus 107 –––– FCK N––Z–S– 3.8 Delta-Milieu„Hedonisten“(12 Prozent) Milieuverteilung von Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren Oberschicht Obere Mittelschicht Mittelschicht Untere Mittelschicht Unterschicht Konservative 2% Traditionelle 3% Etablierte 5% Bürgerliche Mitte 19% Postmaterielle 11% Performer 20% Expeditive 15% Benachteiligte 13% Hedonisten 12% Soziale Lage nach Mikrozensus und OECD Grundorientierung A1 Unterordnung Pflicht, Akzeptanz Selbstkontrolle „Festhalten“ A2 Einordnung Konservative Modernisierung „Wandel akzeptieren“ Gemeinsame Traditionen B1 Lebensstandard Status, Besitz, Teilhabe Kennen, Können, Ankommen „Geltung& Genuss“ B2 Aufklärung, Emanzipation Aufbruch, Widerstand Ganzheitlich leben „Sein& Verändern“ Selbstverwirklichung C1 Flexibilität, Mobilität Optionalität Erfolgs-Pragmatismus „Machen& Erleben“ C2 Management von Grenzen Synthesen, Synästhesien Pragmatischer Idealismus „Grenzen überschreiten“ Selbstmanagement © DELTA-Institut Postkonventionelle Milieus »Hedonisten« 108 Was junge Frauen wollen Kurzcharakteristik: Die spaß- und erlebnisorientierte moderne Unterschicht und untere Mittelschicht: Leben im Hier und Jetzt, Verweigerung von Konventionen und Verhaltenserwartungen der Leistungsgesellschaft. Stilistische, weltanschauliche und moralische Counter-Culture zur bürgerlichen Leistungsgesellschaft. Selbstbewusste Selbstverortung am unangepassten modernen Rand der„Normalität“. Identität als unangepasste und freie Menschen, die das tun wollen, wozu sie Lust haben(und nicht, was ihnen jemand vorschreibt). Primäre Sphären sind subkulturelle oder popkulturelle Szenen, Musik(underground), Fashion, neue Medien und intensive Kommunikation mit engen Freund_innen. Auffällig-außergewöhnliches Outfit(Kleidung und Haut) und neue Kommunikationsmedien als wichtige Ausdrucksmittel. Milieudifferenzierte Befunde| Postkonventionelle Milieus 109 3.8.1 Werte und Lebensstil • Weltbild: Der Einzelne ist den gesellschaftlichen Verhaltensregeln und Leistungsanforderungen, die seinen„natürlichen“ Lebensansprüchen entgegenstehen, meistens ohnmächtig unterworfen. Einzig die Freizeit ist ein Refugium für unprogrammiertes Leben; hier kann der Mensch seinen eigenen(spontanen) Bedürfnissen nachgehen und intensiv leben. • Selbstbild(Ich-Ideal): Die eigene(innere) Distanz zu sozialen Regeln wird als Coolness, Echtheit und persönliche Unabhängigkeit gedeutet: Anders als Menschen, die diesen Regeln gefällig folgen, ist man selbst innerlich frei. Nach außen oft in der Rolle des„Underdog“, hat man sich innerlich seine Unabhängigkeit bewahrt und lässt sich nicht unterkriegen. • Abgrenzung: keine Lust, seine spontanen Bedürfnisse zugunsten zukünftiger Erfolge und Belohnungen aufzuschieben; Distanz zu einer angepassten„spießbürgerlichen“ Lebensführung. • Leitmotive: Spannung und Zerstreuung: Lust am Spontanen, Anstößigen und Exzessiven. Lebensstil • Leben im Hier und Jetzt, kaum Lebensplanung, sich möglichst wenig Gedanken um die Zukunft machen; sich treiben lassen, sehen, was kommt, was sich einem bietet. Beispiele von Selbstbeschreibungen junger Frauen aus den Gruppenwerkstätten: „Ich bin unangepasst(…), gegen Spießertum.(…) Mein Partner und ich sind in der Gothic-Szene unterwegs, besuchen entsprechende Festivals. Bei Möglichkeit findet man mich auf jedem Gothicflohmarkt in der Nähe, und auch mein Freundeskreis ist sehr düster. Ich mache zurzeit eine Ausbildung zur Erzieherin. Lebe mit meinem Freund zusammen. Arbeiten gehe ich, um Geld für die Freizeit zu verdienen. Mir sind Freizeit und Besuch von Events wichtiger als Karriere.“ „Der Job ist dazu da, um Geld für die Freizeitaktivitäten zu verdienen.“ „Ich nehme alle Festivals und Events mit, ob Techno-Szene, Tomorrowland und andere Techno-Festivals, bin ständig auf Ibiza. Ich würde von mir sagen, dass ich ein FashionFreak bin(…). Geld verprasse ich für Genuss und Vergnügen.“ „Ich bin in der Metallszene stark involviert, besuche viele Festivals. Mein Lebensgefährte spielt in einer Metallband. Spaß und Party sind mir sehr wichtig. Ich habe eine Menge Tattoos, Piercings(…). Freizeit ist mir extrem wichtig, obwohl mein Job auch ein cooler Job ist.“[Anm.: Kfm. Angestellte im Bereich Logistik] 110 Was junge Frauen wollen „Ich wünsche mir von der Familienund Gleichstellungspolitik … … dass man Frauen nicht als schwaches Geschlecht sieht.“ … dass jeder jeden Job machen kann. Es soll keinen Unterschied geben, nur weil es den kleinen Unterschied gibt.“ … dass viel mehr für Frauen getan wird, die sich dafür entscheiden, ein Kind zu bekommen.“ … dass Karriere und Mutterschaft besser vereint werden.“ … dass Frauen in dem selbst gewählten Lebensmodell unterstützt werden und dass alle gleich unterstützt werden.“ … dass man, egal welche Entscheidung man als Frau trifft, nicht in eine Schublade gesteckt wird.“ … dass sich keine Frau zwischen Familie und Karriere entscheiden muss.“ „Ich bin 21 und habe die mittlere Reife(…). Gehe in Richtung Goa/Punk/Rockabilly bzw. Psychobilly. Meine Ausbildung im Kfz-Bereich mache ich, weil ich glaube, dass es einer der wenigen Berufe ist, die nicht total zum Langweilen sind. Außerdem zähle ich mich zu den Menschen, die ein starkes Interesse an Events und Festivals und vor allem an Klamotten habe.“ • Spontaner Konsumstil, unkontrollierter Umgang mit Geld; hohe Konsumneigung bei Unterhaltungselektronik, Musik, Multimedia, Kleidung, Ausgehen, Sport; geringes Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein. Freude am guten Leben, an Luxus, Komfort und Convenience; aber häufig die Erfahrung von Beschränkungen und Wettbewerbsdruck (immer seltener Chancen auf schnelle Jobs). • Spaß an Tabuverletzung und Provokation, Suche nach starken Reizen, demonstrative Unangepasstheit; häufig Identifikation mit anti-bürgerlichen Szenen und Gruppen (Fankulturen, Hardrockbands, Motorradclubs etc.). Jugendlichkeits- und Body-Kult sind mächtige Lifestyle-Normen im Milieu – bereiten den(älteren) Milieuangehörigen aber zunehmend Probleme. • Freizeit als eigentlicher Lebensraum: Spaß haben, unterhalten werden, etwas erleben, tun und lassen, was einem gefällt(es soll immer„was geboten“ sein,„etwas laufen“ gegen die Öde und Langeweile des Alltags). • Ausbruch aus den täglichen Routinen von Ausbildung, Arbeitsplatz: Freiheit, AbenMilieudifferenzierte Befunde| Postkonventionelle Milieus 111 teuer, Bewegung, Nervenkitzel; unterwegs sein. Aber auch: allein sein, nichts tun, die Zeit totschlagen, träumen, Musik hören, fernsehen(durch die Kanäle zappen), Video/DVD reinziehen, mit dem Hund spazieren gehen. • Leben in der Subkultur; in der„Szene“ sein: Skater, Techno, Hip-Hop, Rap, Graffiti, DJing, Punk, Sprayer, Demo, Gothic u. a. Freizeitgestaltung in und mit der Clique; Freunde und Kumpels treffen(bei McDonalds, im Billardcafé, in der Spielothek, im Fitnesscenter, im Park), gemeinsam rumhängen oder was unternehmen, Partys feiern, in Discos, zu Rock-/Pop-Konzerten, Raves und Techno-Events gehen und„tanzen bis zur Erschöpfung“, Auto-/Motorradfahren zum Spaß, Sportveranstaltungen besuchen oder selbst Sport treiben. 3.8.2 Erwerbsarbeit Erwerbsarbeit hat die Funktion des Gelderwerbs zur Finanzierung von Wohnung, Ernährung, Kleidung und Freizeit – aber ist kein Ort der persönlichen Weiterentwicklung und Prägung: im Gegenteil – der Job soll bei ihnen möglichst keine Wirkung hinterlassen und sie nicht prägen. Das eigentliche Leben findet in der Freizeit statt(außerhalb des Jobs). Die Sehnsucht richtet sich auf einen Job mit großem Erlebnis- und Wohlfühlcharakter, einer perfekten Passung ihrer Bedürfnisse und Talente mit den Anforderungen und Routinen im Job, aber solche Jobs sind Glücksfälle, zumal das Geld stimmen muss. Die Minimalanforderung ist daher, dass sie sich nicht langweilen, von Vorgesetzten nicht ständig gestresst werden und noch genug Freizeit haben. Ansonsten geht es darum, den Job auszuhalten, ausreichend Geld zu verdienen und sich in diesem Rahmen mit dem eigenen Job durchaus zu identifizieren: diese Ambivalenzen zu balancieren. Nicht der Mangel an Freizeit ist das dominierende Thema junger Frauen, nicht ihr Einkommen: Kinderlose Frauen aus diesem Milieu finden meist eine sie zufriedenstellende individuelle Balance von Erwerbszeit und Freizeit. Typisch sind Jobs zwischen 25 und 39 Stunden, mehrheitlich mit geringem Stundenlohn – aber für ihre Belange kommen sie mit dem Einkommen gut aus. Die zentrale Zäsur ist für sie die Geburt eines Kindes: sowohl bei jenen mit Kind(ern) als auch bei jenen ohne Kind. Die Frauen leiden dann zum einen unter dem Verlust ihrer verloren gegangenen Freiheiten und geraten unter erheblichen finanziellen Druck. Der Anteil der Alleinerziehenden in diesem Milieu ist hoch – einige wurden vom Vater ihres Kindes verlassen(einige bereits vor der Geburt des Kindes, andere später); andere trennten sich selbst von ihrem Partner, weil dieser in eine Typische Berufe traditionell-chauvinistische Rolle fiel und sie keine Lust hatten, zwei„Kinder“ zu versorgen: ihr eigenes und (aus den Gruppendiskussionen): ihren Partner. In der Rolle der Familienernährerin stehen sie vor einer aus ihrer Sicht kaum lösbaren Aufgabe: Bloggerin, Kfm. Angestellte im Beeinerseits sehr viel Zeit mit ihrem Kind zu verbringen, reich Logistik, Kellnerin, Verkäuferin gerade in den ersten Monaten und Lebensjahren, anim Bereich Textil, Kfz-Mechatronikerin dererseits das Geld verdienen zu müssen. Wenn sie für LKW, Kurierfahrerin, Erzieherin, aber – alleinerziehend – Elternzeit nehmen, fällt das Friseurin staatliche Elterngeld sehr gering aus: 112 Was junge Frauen wollen „Eine Friseurin verdient nicht viel. Davon 65 Prozent ist nicht viel!“ Wenn eine Mutter nach dem ersten Kind in geringer Teilzeit oder im Minijob tätig war, fallen ihre Elterngeld-Ansprüche beim zweiten Kind noch geringer aus. Sie kommen damit in erhebliche finanzielle Engpässe, werden finanziell(und auch wieder sozial) abhängig von anderen: ihren Eltern und vor allem vom Vater des Kindes. Abhängig zu sein aber ist für Frauen aus diesem Milieu kaum zu ertragen. Wenn sie alleinerziehend sind, machen viele dieser Mütter die Erfahrung, dass der Vater sehr unzuverlässig oder gar nicht seinen finanziellen Unterhaltszahlungen nachkommt(weil er sich zu Recht oder Unrecht weigert; das Geld selbst nicht hat). Insofern ist für junge Frauen aus diesem Milieu ein Kind ein erhebliches Lebensrisiko – faktisch bei Betroffenen, aber auch in der Zukunftsperspektive von Kinderlosen. „Eine Frau muss sich auch finanzieren können und Kinder haben können ohne Mann.“ „Was soll man machen als Frau, wenn man das Gefühl hat, mit Kindern nicht unterstützt zu werden?“ „Politiker können sich nicht hineinversetzen in die Situation von Frauen.“ Reflexhaft richtet sich der normative Appell an den Staat, von dem sie eine finanzielle Unterstützung fordern in Form von: » einem deutlich höheren Elterngeld(vor allem für Gering- und Mittelverdiener_innen), » kostenloser Kinderbetreuung, » Kita-Öffnungszeiten auch am Samstag und abends bis 20:30 Uhr. „Damit würde die Politik vermitteln: ‚Wir stehen hinter dir, auch wenn du Kinder hast.‘“ „Samstags haben die Shops geöffnet, da muss ich arbeiten – aber der Kindergarten hat zu! Was soll ich denn da machen?“ „Bei meinen Arbeitszeiten bis 20 Uhr helfen mir die normalen Kita-Öffnungszeiten rein gar nicht. Und was machen die, die im Service in der Gastro arbeiten? Die tun mir erst recht leid.“ „Die Betreuung sollte man vom Staat oder Arbeitgeber bezahlt bekommen. Wie das jetzt läuft, ist das unlogisch und richtig unfair.“ Milieudifferenzierte Befunde| Postkonventionelle Milieus 113 Erwerbsarbeitszeit von Frauen im Milieu„Hedonisten“ im Alter von 18 bis 40 Jahren bis zu 19 Stunden/Woche 20 – 29 Stunden/Woche 30 – 34 Stunden/Woche 35 – 39 Stunden/Woche 40 – 44 Stunden/Woche 45 Stunden und mehr/Woche Durchschnitt Vertraglich % 21 42 21 5 11 Tatsächlich % 27 39 3 22 9 24,7 h 24,7 h Wunsch % 6 49 9 30 6 27,3 h Tatsächliche Arbeitszeit des Partners % Wunsch Erwerbsumfang für den Partner % 13 67 20 40,6 h 12 39 38 11 38,1 h Quelle: Delta-Studie„Gleichstellung 2015“; bevölkerungsrepräsentative Befragung im Auftrag des BMFSFJ Mit Blick auf die Familiengründung würden junge Frauen aus dem Milieu„Hedonisten“ gern ein Jahr oder zwei Jahre ganz zu Hause bleiben und für ihr Kind da sein – doch das ist finanziell meistens nicht machbar. Ein Teil der Frauen will unbedingt finanziell unabhängig bleiben(auch vorsorgend, falls sich der Partner und Vater verabschiedet). Ein weiterer Teil hat die Vorstellung, dass beide Partner zu gleichen Teilen arbeiten(z. B. jeder 30 Stunden pro Woche) und sich auch die Mutter- und Vaterrolle teilen: Umso schwerer ist es für sie, wenn der Partner diese Aufteilung nicht mehr will oder in eine traditionelle Rolle fällt. Ein anderer Teil der Frauen hätte hingegen überhaupt kein Problem damit und es wäre für sie ganz wunderbar, ganz zu Hause zu bleiben – vorausgesetzt, der Partner ist zuverlässig und„bringt das Geld nach Hause“. „Ich habe viele Freundinnen, die schon seit drei Jahren nicht arbeiten. Die haben genug Geld und können sich komplett um die Kinder kümmern. Wenn es sich ergeben würde, dass mein Partner sich um das Finanzielle kümmert, fände ich es super, Hausfrau zu sein. Das ist zwar altmodisch, aber das ist ja jedem freigestellt.“ 3.8.3 Diskriminierung und sexistischer Machismo in typischen Männerberufen Junge Frauen aus dem hedonistischen Milieu sind unerschrocken bei der Berufswahl und trauen sich – wenn sie sich für den Job interessieren – auch in klassische Männerberufe (Beispiel Kfz-Mechatronikerin für LKW). Wenn sie sich aber auf eine Stelle in einem typischen Männerberuf bewerben, bekommen sie in Vorstellungsgesprächen häufig die Botschaft, dass sie als Frau keine Chance auf die Stelle haben, weil der Betrieb grundsätzlich keine Frau einstellt(und in der Stellenanzeige nur formal der Vorschrift genügen musste). Wenn 114 Was junge Frauen wollen sie in einem männerdominierten Beruf tätig sind – oft als einzige Frau in einer„Männertruppe“ –, erleben sie nahezu täglich, von ihren männlichen Kollegen„als Frau“ stigmatisiert und verbal sexuell belästigt zu werden. Aufgrund ihrer Erfahrungen am Arbeitsplatz entwickeln junge Frauen in typischen Männerberufen schon nach kurzer Zeit die Perspektive, eigentlich nur zwei Möglichkeiten zu haben: Entweder sie sind in den Augen der Männer die„Tussy“, das„kleine Häschen und Dummchen“ – und werden fachlich nicht ernstgenommen. Oder sie werden fachlich anerkannt – aber dann nicht als Frau wahrgenommen. Ständig sehen sie sich mit simplen stereotypen Stigmatisierungen konfrontiert. Diese Frauen in Männerberufen stehen vor der Wahl, sich gegen die Übermacht zu wehren – mit der Konsequenz, die Situation damit noch zu verschlimmern – oder die Situation auszuhalten in der Hoffnung, dass der Spaß der anderen Seite nachlässt. „Ich wurde sofort abgestempelt als Schlampe, nur weil ich mich mal hübsch angezogen habe.“ „Bei uns auf der Arbeit wurde am Anfang gesagt: Wir nehmen keine Frauen, weil dann müssten wir ja Toiletten bauen. Es gibt auch richtige Frauenhasser bei uns auf der Arbeit, die legen einem dann Steine in den Weg.“ „In meiner Werkstatt bin ich die einzige Frau im Betrieb. In der Berufsschule ist in der Parallelklasse ein Mädchen, ansonsten nur Männer. Es wird ja gesagt, Frauen sind Zicken, aber Männer sind definitiv schlimmer. Vieles hört man offen und vieles hintenrum. Es fallen Wörter wie ‚die olle Funz‘. Man muss sich viele Witze anhören, die auf das Geschlecht zurückgehen. Ich finde, da ist gar keine Emanzipation vorhanden.“ „In der Berufsschule gibt es zwei Rollen. Entweder man gibt sich dumm oder man schafft es, fachlich anerkannt zu werden, und das ist sehr schwer.“ „Man muss immer genau so gut anpacken wie ein Mann, was manchmal einfach nicht geht. Was ich ganz schlimm finde, ist, dass Frauen immer als Schlampe abgestempelt werden, wenn sie sich einmal etwas schicker anziehen. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass oft bei Firmen in der Stellenanzeige steht: ‚Gesucht M/W‘ – und dann im Gespräch rauskommt: ‚Wir stellen gar keine Frauen ein.‘ Das dürfen die Arbeitgeber nicht, aber sie tun es!“ „Man denkt sich ja auch manchmal, dass man wenigstens auf einer Betriebsfeier sich mal schminkt und einen Blazer anzieht, aber dann wird man direkt als ‚Bitch‘ abgestempelt.“ Milieudifferenzierte Befunde| Postkonventionelle Milieus 115 3.8.4„Weiche“ Männer werden Opfer von Stigmatisierung und Gewalt Aus Sicht hedonistischer Frauen haben auch eine Reihe von Männern Nachteile und sind Opfer von Stigmatisierung: Es handelt sich um Männer, die sich nicht hart, kraftvoll und überlegen zeigen, sondern eher weich. Sie werden von anderen(im Selbstbild„starken“, „echten“) Männern schnell als„Weichei“ oder„schwul“ bezeichnet – und damit als minderwertig. Männer – so die Perspektive dieser Frauen – sähen sich häufig vor die Alternative zwischen Weichei und Macho, und es falle ihnen schwer, hier einen guten Mittelweg zu finden. Ein gesellschaftliches Tabu seien auch Männer als Opfer von Frauengewalt: Auch heute noch sei es schwer für Männer, sich als Opfer der Gewalt von Frauen anderen anzuvertrauen. In der gesellschaftlichen Vorurteilsordnung sind Männer das starke Geschlecht und Frauen das schwache Geschlecht. Insofern hätten es Frauen leichter, sich anderen gegenüber als Opfer von konkreter Gewalterfahrung zu bekennen. Für Männer ist das Bekenntnis, das Opfer des„schwachen Geschlechts“ zu sein, eine weitere, öffentliche Erniedrigung, Demütigung und Demontage ihrer männlichen Geschlechtsidentität. „Für Frauen wird so viel in der Gewaltprävention und im Schutz vor häuslicher Gewalt getan, das gibt es für Männer nicht.“ Im eigenen Erfahrungsumfeld identifizieren junge Frauen aus diesem Milieu eine Vielzahl von Bereichen, in denen Frauen oder Männer benachteiligt sind. Aus ihrer Sicht ist das Ziel Gleichberechtigung noch längst nicht erreicht. Vordringliche Themen umfassen die vorurteilsfreie Ausbildungs- und Berufswahl, gleiche Einkommen von Frauen und Männern und die Gleichbehandlung im Betrieb(von Frauen in klassischen Männerberufen, von Männern in klassischen Frauenberufen). Dazu formulieren diese Frauen ihre Maxime:„Jeder sollte so leben dürfen, wie er möchte!“ 3.8.5 Politikinteresse: nur bei Leidenschaft, Rückgrat und Glaubwürdigkeit der Personen Selbstbewusst und fulminant ist die verbale Inszenierung, kein Interesse am politischen Betrieb und an politischen Tagesthemen zu haben. Sehr deutlich sagen diese jungen Frauen, dass sie das politische Geschehen nicht aktiv verfolgen und das Wichtigste nebenbei mitbekommen. Sie würden, betonen sie, auch gar nicht alles hören wollen(über Krieg, Finanzkrise, wirtschaftliche Entwicklung) und die meisten Nachrichten auch nicht verstehen, weil ihnen dazu die Fachkenntnis fehle. Bei bestimmten Schlagworten würden sie daher schon automatisch innerlich abschalten. „Wirtschaftslage, Griechenland, verstehe ich nicht mehr, will mich auch damit nicht mehr beschäftigen.“ „Finanzgeschäfte gehen bei mir links rein und rechts raus.“ 116 Was junge Frauen wollen Noch vor rudimentären Sachkenntnissen, die ein Verstehen von Politik- und Wirtschaftsnachrichten erleichtern, fehlt jungen Frauen aus diesem Milieu ein Gefühl dafür, dass diese Themen etwas mit ihrem eigenen Leben zu tun haben: Sie fühlen sich nicht betroffen, haben keine Erlebnisse, wie Politik positiv oder negativ Auswirkungen auf ihren Alltag zeigt. Junge Frauen aus dem Milieu„Hedonisten“ sind mehrheitlich sehr weit weg von der institutionell verfassten Politik. Auch wenn sie beruflich mit Menschen aus anderen Milieus täglich in Kontakt stehen, sind sie mental in ihrem lebensweltlichen Kokon, ihren subkulturellen Zonen und Weltbildern verfangen.„Die Gesellschaft“ und„die Politik“ erscheinen ihnen im voreingestellten Modus als das Gegenüber, die Anderen, das Fremde. Analog zum traditionellen Milieu ist auch im hedonistischen Milieu die weltanschauliche Dichotomie vom Eigenen versus Fremden orientierungsleitend, allerdings aus einer exzentrischen Position heraus. Vor allem„die Politik“ erscheint ihnen weit weg und ohne Bezug, ohne Empathie zu ihrem Alltag: Politiker_innen ständen unter einer„Glocke“. Auch ist der Begriff„Macht“ in diesem Milieu spontan sehr negativ konnotiert(und nicht als notwendiges politisches Mittel für Veränderungen). In ihrer Wahrnehmung sind die meisten Politiker_innen Jurist_innen, BWLer_innen, Theolog_innen und Lehrer_innen – und entsprechen somit dem stilistischen und moralischen Gegenmodell zur hedonistischen Lebenswelt. Gleichzeitig zeigen junge„Hedonistinnen“ Larmoyanz und demonstrieren selbstbewusst(und zum Teil trotzig) Politikverdrossenheit als wohl begründete Haltung. Tiefer jedoch ist eine unterschwellige Sehnsucht danach zu ahnen, dass Politik praktische Relevanz für sie haben sollte. Doch diese spüren sie nicht – und so kultivieren sie das Bild einer menschenfernen Politik und von machtversessenen Politiker_innen. Dabei haben sie sehr wohl positive Beispiele attraktiver Politiker_innen, die sich durch Leidenschaft, Seriosität, Rückgrat und Glaubwürdigkeit auszeichnen: » Die Kanzlerin Angela Merkel wird(in bestimmter Weise) bewundert, weil sie weltweit als mächtig anerkannt wird, zugleich aber für sie nicht kalt wirkt, sondern etwas Fürsorgliches und Mütterliches ausstrahlt. Kern ihrer Autorität ist, dass sie„keine SchickiMicki-Tussy ist“(als solche würde sie als Frau auch gar nicht ernstgenommen werden), Kompetenz vermittelt und Rückgrat zeigt. » Attraktiv ist für sie eine Politiker_in, die„aus dem Volk kommt“ und den Willen sowie die selbstlose Leidenschaft zeigt, etwas bewirken und verändern zu wollen. Das entscheidende Kriterium ist, nicht nach persönlicher Macht zu streben. „Ich finde gut, wenn jemand aus dem Volk kommt, als Beispiel Joschka Fischer. Ich glaube, der hat nicht mal studiert. Das ist Leidenschaft, das macht jemanden sympathisch. Dieser Wille, etwas bewirken zu wollen.“ „Die meisten Politiker sind doch BWLer. Ich fände es gut, wenn mal ein paar Geisteswissenschaftler oder Handwerker in die Politik gehen würden. Ich finde die Politiker so realitätsfremd.“ „Eine Politikerin oder ein Politiker, von dem ich sage: ‚Der macht gute Arbeit!‘ muss Kompetenz ausstrahlen. Seriosität und Kompetenz.“ Milieudifferenzierte Befunde| Postkonventionelle Milieus 117 „Ich finde auch gut, dass wir eine Kanzlerin haben, auch wenn ich politisch nicht mit ihr auf einer Wellenlänge liege. Ich finde auch gut, dass sie in der Welt so mächtig ist und angenommen wird. Sie ist schon seriös.“ „Die Politiker sollten glaubwürdig Dinge vorleben. Die Grünen – die stehen doch für Umwelt. Aber es gibt Grünenpolitiker, die mit einem dicken Auto in den Bundestag fahren. Die sind für mich unglaubwürdig. Sie sollten besser konsequent mit dem Fahrrad fahren.“ Die normativen Erwartungen an die Politik und den Politikbetrieb sind hoch. „Schuld“ an ihrem eigenen geringen Interesse an den Themen ist aus ihrer Sicht die Politik selbst, und dies zeigt sich im klagenden Vorwurf an Politiker_innen:„Es wird von denen zu wenig Interesse geweckt!“ Nicht das eigene Verhalten steht für sie zur Disposition, sondern die falsche Aufbereitung der Themen im politischen Betrieb. Für ein eigenes politisches Engagement fehlen diesen Frauen in ihrer Selbstbeschreibung schlicht die Anreize. Wenn sie sich engagieren, möchten sie zum einen die Verheißung, etwas bewirken zu können, zum anderen stilistisch auf sie zugeschnittene Veranstaltungen. Insofern warten sie auf konkrete Angebote mit Adressen und Akteuren, um die eigene Bequemlichkeit zu überwinden. Die Verharrungstendenzen sind groß und korrelieren mit hohen Verhaltenserwartungen an die„andere“ Seite. Signifikant ist die häufige Verwendung des Konjunktivs(„Wenn …, dann...“), die milieutypisch der Legitimation der eigenen Passivität dient und die Verantwortung für das eigene Verhalten der Gegenseite zuschreibt. Dabei zeigt sich ein sich stabilisierender Zirkel von Des-Engagement: wenig Interesse und wenig Glaube, dass politisches Engagement etwas verändert. Im Unterschied zu allen anderen Milieus ist das Bewusstsein für den Zusammenhang von eigenem Einkommen heute und ihrer Rente später kaum vorhanden und nicht handlungsleitend. Sie leben in hohem Maße im Hier und Jetzt. Wenn sie aus der Familien- und Gleichstellungspolitik die Botschaft hören, dass Frauen erwerbstätig sein sollten, auch nach der Familiengründung schnell wieder beruflich in substanzielle Erwerbsumfänge einsteigen sollten, dann deuten sie solche Botschaften automatisch als Eigeninteresse der Wirtschaft – und sehen kaum den Nutzen für sie selbst. Wenn sie dann erwerbstätig sind, wollen sie staatliche Dankbarkeit und Gegenleistungen – z. B. kostenfreie Kinderbetreuung. Dabei zeigt sich ein bemerkenswertes ökonomisches Kalkül mit Blick auf(mögliche) eigene Kinder: Sie rechnen, was Kinder kosten und ob sie sich Kinder leisten können. Da diese Bilanz – natürlich – knapp ausfällt, richtet sich ihr Anspruch an den Staat, sie finanziell unterstützen zu müssen. 118 Was junge Frauen wollen Milieudifferenzierte Befunde –––– FCK N––Z–S– 119 Untersuchungsanlage A) Qualitative Hauptuntersuchung Kurzdarstellung: » Milieu-Landkarte(DELTA-Milieus) als heuristischer und methodischer Hintergrund » Acht Gruppenwerkstätten mit milieuhomogener Zusammensetzung » Jeweils acht Teilnehmerinnen pro Gruppe » Das gesamte milieutypische Altersspektrum pro Gruppe im Bereich von 18 bis 40 Jahren » In jeder Gruppe auch Frauen mit Migrationshintergrund » Dauer der Gruppenwerkstatt: drei Stunden » Erhebungszeitraum: Oktober und November 2015 » Methoden: Diskussion sowie kreative und projektive Techniken für schwer verbalisierbare oder vorbewusste Bewusstseinsinhalte Beschreibung: Elementar für die Untersuchungsanlage war, dass die Themen der Untersuchung eng mit der Theorie und Methodik von sozialen Milieus verbunden sind, da sie die Alltagswelten der Menschen auch aus ihrer subjektiven Perspektive erfassen. Das Milieumodell stellt keine Alternative zum vormaligen, rein soziodemographischen Schichtungs­modell(mit den Merkmalen Einkommen, Bildung, Berufsposition, aus denen die soziale Lagerung nach Oberschicht, Mittelschicht, Unterschicht bestimmt wird) dar, sondern eine Erweiterung: Denn mit zunehmender Individualisierung und Pluralisierung der Gesellschaft ist die Schichtzugehörig­keit nicht mehr suffizient, um die Einstellungen und Verhaltensmuster der Menschen zu verstehen und zu erklären. Die von Bourdieu(1979) 7 vorgenommene Erweiterung des Kapitalbegriffs(materielles, kulturelles, soziales Kapital) führte in der empirischen Sozialstrukturforschung dazu, die Alltagswelten der Menschen und damit die Gesellschaft komplexer in den Blick zu nehmen und neben der objektiven äußeren Lage auch die subjektiven Dimensionen mit zu erfassen. Damit wird das Verhalten der Menschen nicht mehr nur und erschöpfend über die äußerliche soziale Lage verstehbar, sondern ebenfalls durch kognitive(semantische, ästhetische) Orientierungen. Insofern fassen Milieus Menschen zusammen, die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise ähneln; Menschen mit ähnlichen Werten(Einstellungen, Präferenzen, Weltanschauungen), ähnlichem Lebensstil (Routinen, Gewohnheiten, Verhaltensmustern) und ähnlicher sozialer Lage. Milieus sind somit elementar über Werte konstituiert. Die Milieuforschung zeigt, dass es zu einfach(holzschnittartig) und sachlich falsch wäre, Milieus dadurch zu charakterisieren und voneinander zu unterscheiden, dass ihnen unterschiedliche Werte zugeschrieben werden. Die empirische Milieuforschung zeigt, dass alle Werte unserer Gesellschaft(Gerechtigkeit, Freiheit, Sicherheit, Solidarität, Fleiß, Selbstverwirklichung, Ordnung usw.) in jedem Milieu„da“, bedeutsam und konstitutiv sind. Aber die verschiedenen Werte – sowie(Sekundär-)Tugenden und Prinzipien – haben in den Milieus eine je andere semantische 7 Pierre Bourdieu: La distinction. Critique sociale du jugement, Paris 1979. Untersuchungsanlage 121 Bedeutung, einen je eigenen Verweisungshorizont und eine milieuspezifische Funktion. Darin unterscheiden sich die Milieus u.a. voneinander(alles auf S. 122), sie haben eine je eigene lebensweltliche Bedeutung und Konfiguration der Werte. 8 Insofern verfügt jedes Milieu über eine eigene Wertearchitektur und Soziologik, die maßgeblich bestimmend dafür sind, wie Gesellschaft gesehen und bewertet wird, wie sich die Menschen in ihren Lebenswelten privat und beruflich orientieren, wie sie Frauen und Männer sehen(Geschlechterrollenbilder), wie ihre Vorstellungen von einem guten und(geschlechter-)gerechten Leben sind, welche Anforderungen an Politik sie haben, wie sie die aktuelle(und jüngste) Familien- und Gleichstellungspolitik wahrnehmen und welche Visionen sie von einer Geschlechterpolitik entwickeln. Zur Illustration zeigt die folgende Grafik das Milieumodell mit der quantitativen Verteilung von Frauen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren(in Klammern darunter der Anteil des Milieus in der Gesamtbevölkerung). 9 Materielles& soziales Kapital Oberschicht Obere Mittelschicht Mittelschicht Untere Mittelschicht Unterschicht DELTA-Milieus ® in Deutschland Ein Gesellschaftsmodell % Frauen 18 bis 40 Jahre (%) Bevölkerung ab 18 Jahre Konservative 2% (5%) Traditionelle 3% (15%) Etablierte 5% (6%) Bürgerliche Mitte 19% (18%) Postmaterielle 11% (10%) Performer 20% (13%) Expeditive 15% (8%) Benachteiligte 13% (14%) Hedonisten 12% (11%) Soziale Lage nach Mikrozensus und OECD Grundorientierung A1 Unterordnung Pflicht, Akzeptanz Selbstkontrolle „Festhalten“ A2 Einordnung Konservative Modernisierung „Wandel akzeptieren“ Gemeinsame Traditionen B1 Lebensstandard Status, Besitz, Teilhabe Kennen, Können, Ankommen „Geltung& Genuss“ B2 Aufklärung, Emanzipation Aufbruch, Widerstand Ganzheitlich leben „Sein& Verändern“ Selbstverwirklichung Bildung Einkommen Berufsprestige Modernitätsverständnisse Modernitätskulturen Kulturelles Kapital C1 Flexibilität, Mobilität Optionalität Erfolgs-Pragmatismus „Machen& Erleben“ C2 Management von Grenzen Synthesen, Synästhesien Pragmatischer Idealismus „Grenzen überschreiten“ Selbstmanagement In zwei Milieus, den„Konservativen“(zwei Prozent) und„Traditionellen“(drei Prozent), ist der Anteil von Frauen im Alter 18 bis 40 Jahren deutlich geringer als in der Gesamtbevölkerung(fünf Prozent sowie 15 Prozent). Diese beiden Milieus wurden aufgrund ihres geringen Anteils an der Grundgesamtheit der 18- bis 40-jährigen Frauen in der Untersuchung zu einem Befragungssegment zusammengefasst. Das bedeutete zwar eine soziodemographische Spreizung in diesem Werteabschnitt„A – Gemeinsame Traditionen“, nämlich von der Unterschicht bis zur Oberschicht, war aber dadurch gerechtfertigt, dass„Tradition“ einen verbindenden Bezugshorizont ergibt. Eine weitere Zusammenfassung anderer(„be8 Vgl. Carsten Wippermann: Milieus in Bewegung: Werte, Sinn, Religion und Ästhetik in Deutschland, Würzburg 2011. 9 Basis sind bevölkerungsrepräsentative Stichproben des DELTA-Instituts in 2015 mit insgesamt 22.500 Fällen in mehreren unabhängigen repräsentativen Stichproben. 122 Was junge Frauen wollen © DELTA-Institut nachbarter“) Milieus zu einem Segment war nicht zu empfehlen, weil die Wertearchitekturen zu unterschiedlich ausfallen(ebenso Ich-Identität, Weltbild, Richtungen und Stile der Distinktion sowie Imitation). Empirische Basis der qualitativen Hauptuntersuchung waren somit insgesamt acht Fokusgruppen mit jeweils acht Frauen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren aus folgenden Milieus: 1. „Etablierte“ 2. „Postmaterielle“ 3. „Performer“ 4. „Konservative“&„Traditionelle“ 5. „Bürgerliche Mitte“ 6. „Benachteiligte“ 7. „Hedonisten“ 8. „Expeditive“ Die Gruppen wurden milieuhomogen zusammengesetzt und dabei die milieutypische Soziodemographie berücksichtigt(Altersspektrum 18 bis 40 Jahre), so dass das ganze Spektrum der Frauen aus verschiedenen Lebenswelten erfasst wurde(z. B. nicht nur Akademikerinnen aus einem Milieu oder nicht nur Verheiratete mit Kindern, sondern auch nichteheliche Lebensgemeinschaften, Singles, Alleinerziehende u. a.). Damit bekommen wir die lebensweltliche Vielfalt systematisch in den Blick und können die Befunde präzise interpretieren. In Deutschland haben nach Daten des Statistischen Bundesamts 16,3 Millionen Menschen, somit etwa 20 Prozent der Bevölkerung, einen Migrationshintergrund. Eine zentrale Erkenntnis der Migrationsforschung der letzten Jahre zeigt sich dahingehend, dass es nicht „das Milieu der Türken“ oder„das Milieu der Polen“ usw. gibt. Es kann von der Ethnie nicht auf die Milieuzugehörigkeit geschlossen werden, ebenso wenig von der Milieuzugehörigkeit auf die Ethnie. Unter Federführung von Prof. Wippermann wurde 2008 das Modell der Migrantenmilieus für Deutschland entwickelt, das acht Migrantenmilieus identifizierte und bei denen es Ähnlichkeiten und Konvergenzen zum gesamtdeutschen Milieumodell gibt. Daher wurden in die acht Fokusgruppen jeweils auch Frauen mit Migrationshintergrund rekrutiert. Die Gruppengröße betrug jeweils acht Personen. Über alle Gruppenwerkstätten hinweg hatten die Frauen mit Migrationshintergrund eine persönliche oder familiäre Herkunft aus folgenden Ländern: Bosnien, China, Frankreich, Griechenland, Kongo, Kroatien, Kuba, Mazedonien, Montenegro, Nigeria, Österreich, Polen, Serbien, Spanien, Tschechien, Türkei, Ukraine, Weißrussland. Für die Echtheit und Tiefe der Befunde ist Zeit der entscheidende Faktor. Unter Zeitdruck kommen meist nur stereotype und vordergründige Meinungen zum Ausdruck; bei zu knapper Zeit gerät eine Fokusgruppe zu einer Abfrage von kurzen Statements mit der Maxime, dass jeder etwas gesagt haben soll. Gerade bei mehreren und komplexen Themen ist es notwendig, dass jede Teilnehmerin und die Gruppe insgesamt in einer entspannten Atmosphäre miteinander reden und arbeiten. Phasen des Dialogs, des Nachdenkens über die Äußerungen der anderen sowie des gemeinsamen Nachsinnens bringen die einzelnen Teilnehmerinnen oft erst dazu, sich der eigenen, oft ambivalenten Einstellung zu einem Untersuchungsanlage 123 Thema oder Aspekt bewusst zu werden, sowie zur Bereitschaft, diese den anderen offen und authentisch mitzuteilen. Daher wurde bewusst für die Fokusgruppe ein ausreichender Zeitrahmen von jeweils drei Stunden eingeplant. Dieser ist auch notwendig, damit die Teilnehmerinnen einander vertraut werden, so dass sie entspannt, dialogisch und aufeinander reagierend sprechen können und auch ihre biographischen Erzählungen Raum finden. Die Fokusgruppe hat dabei den Charakter einer Gruppenwerkstatt, weil durch den Einsatz verschiedener assoziativer und kreativer Methoden nicht nur die bewussten und leicht zu verbalisierenden Einstellungen, sondern auch die vorbewussten und nonverbalen Bewusstseinsinhalte und Einstellungen sowie emotionale Konnotationen erfasst wurden. Methodologische Grundlage der Untersuchung bildeten die Grounded Theory(Glaser/ Strauss/Corbin 10 ) sowie die Triangulation(Denzin, Flick) 11 , d. h., um ein möglichst umfassendes Ergebnis zu bekommen, müssen verschiedene sich ergänzende Methoden eingesetzt werden. Dazu gehört, dass neben den bewussten und verbalisierbaren Bewusstseinsinhalten auch vorbewusste und schwer zu verbalisierende Einstellungen und Erfahrungen zum Ausdruck kommen und erfasst werden sollen – etwa in Form graphischer Darstellungen (Psychodrawings), Sortierungs- und Präferenz-Übungen oder Collagen. Dazu muss in der Fokusgruppe entsprechend Zeit sein, die Befragten dürfen nicht unter Zeitdruck agieren, da sonst nur vordergründige Klischees und Stereotype artikuliert werden, nicht aber die authentischen, tiefer liegenden und eigentlichen Haltungen und Perspektiven zum Ausdruck kommen. Diese aber müssen das Ziel sein. Zentral ist, dass jede Gruppe homogen zusammengesetzt ist, um Hemmungen abzubauen, die Gleichgesinnung sowie den Eindruck einer entre nous- Situation sicherzustellen. Zur Einstimmung und Sensibilisierung für das Thema sowie als wertvollen Datenfundus bekam jede der teilnehmenden Frauen zehn Tage vor der Gruppenwerkstatt ein leeres Memo-Heft mit der Aufforderung, dort alles hineinzuschreiben,-zukleben und zu illustrieren, was ihr zu dem folgenden vorgegebenen Thema einfällt: wäre für mich – als Frau – die ideale Gesellschaft! Und das soll die Politik dafür tun! Ergänzt wurde die qualitative Hauptuntersuchung durch eine Reanalyse einer aktuellen Untersuchung zu Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit in Deutschland: Reanalyse einer quantitativ-repräsentativen Untersuchung zu Gleichstellung 2015 (Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) » Grundgesamtheit: Frauen und Männer im Alter von 18 bis 40 Jahren mit Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland » Stichprobe: 520 Frauen, 513 Männer: insgesamt 1.023 Fälle » Stichprobenziehung: Repräsentative geschichtete Zufallsauswahl(ADM) in zwei Stufen: (1) zunächst zufällige Auswahl von Haushalten(random route), (2) dann im Haushalt zufällige Auswahl der Befragungsperson nach dem sog. Schwedenschlüssel(Kish-Selection-Grid), einem Verfahren zur Zufallsauswahl von Befragungspersonen in Haushalten mit mehreren Personen » Befragungsform: Persönliche Befragung(face to face; CAPI) » Erhebungszeitraum: 09.01.2015 bis 23.03.2015 In diesem Zeitraum wurden die Interviews relativ gleich verteilt (keine Klumpung auf bestimmte Wochentage oder Kalenderwochen) » Gewichtung: nach aktuellen Daten des Statistischen Bundesamts (Mikrozensus); nach Bundesland, Geschlecht, Alter, Bildung, Berufsausbildung, Haushaltsgröße Die sozialwissenschaftliche Untersuchung gilt mit den hier verwendeten methodischen Verfahren der Stichprobenziehung, Datenerhebung und Datenbehandlung als repräsentativ. 10 Barney G. Glaser: The Discovery of Grounded Theory, Chicago 1967. Anselm L. Strauss und Juliet Corbin(Hg.): Grounded Theory in Practice, Thousand Oaks 1979. Vgl. auch Jörg Strübing: Grounded Theory. Zur sozialtheoretischen und epistemologischen Fundierung des Verfahrens der empirisch begründeten Theoriebildung, Wiesbaden 2004. 11 Norman K. Denzin: The Research Act, Chicago 1970. Uwe Flick: Triangulation. Eine Einführung, Wiesbaden 2004. 124 Was junge Frauen wollen Untersuchungsanlage 125 Der Autor: Prof. Dr. Carsten Wippermann ist Professor für Soziologie an der Katholischen Stiftungshochschule München, Benediktbeuern sowie Gründer und Leiter des DELTA-Instituts für Sozial- und Ökologieforschung GmbH in Penzberg. Arbeitsschwerpunkte sind Werte, Lebensstile und Alltagskulturen(soziale Milieus), die Gleichstellung von Frauen und Männern, Geschlechterrollen und Generationenwandel. Neuere Publikationen: Transparenz für mehr Entgeltgleichheit. Einflüsse auf den Gender Pay Gap und Perspektiven der Bevölkerung für Lohngerechtigkeit(2015); Mitten im Leben. Wünsche und Verwirklichungschancen von Frauen zwischen 30 und 50 Jahren(2016); Gewollte Kinderlosigkeit und aufgeschobener Kinderwunsch(2016). Prof. Wippermann ist Mitglied der Sachverständigenkommission zur Erstellung des Zweiten Gleichstellungsberichts der Bundesregierung. Mitarbeit: Katja Wippermann M.A. DELTA-Institut für Sozial- und Ökologieforschung GmbH Fischhaberstraße 49a 82377 Penzberg HRB 187781, Amtsgericht München Impressum ISBN 978-3-95861-516-8 Herausgeberin: Friedrich-Ebert-Stiftung• Forum Politik und Gesellschaft Hiroshimastraße 17• 10785 Berlin Autor: Prof. Dr. Carsten Wippermann Redaktion: Jonathan Menge• Friedrich-Ebert-Stiftung : Doreen Mitzlaff, Birte Gerstenkorn• Friedrich-Ebert-Stiftung Gestaltung: Dominik Ziller• DZGN Illustrationen: Aniwhite• Shutterstock.com Druck: Druckerei Brandt GmbH, Bonn Gedruckt auf RecyStar Polar, 100 Prozent Recyclingpapier, ausgezeichnet mit dem blauen Umweltengel. Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung seitens der FES nicht gestattet. © 2016• Friedrich-Ebert-Stiftung Forum Politik und Gesellschaft www.fes.de 126 Was junge Frauen wollen –––– FCK N––Z–S–