From: <Saved by Blink>
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Subject: International Politics and Society
Date: Tue, 20 Jan 2026 10:43:13 +0100
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   <title>International Politics and Society</title>
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schaft / Online] Internationale Politik und Gesellschaft : Zeitschrift f=FC=
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t, L=E4nderanalysen  =3D International politics and society / Hrsg. von der=
 Friedrich-Ebert-Stiftung. Online. - Bonn, [Electronic ed.: 1998 - ] Vorg.:=
 Friedrich-Ebert-Stiftung: Vierteljahresberichte">
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<p><br></p><p>

</p></td>
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ty
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<td><i>Burkard Schmitt<br>
</i><b>Europ=E4ische Integration und Atomwaffen</b> <br>
<p>
<i><font size=3D"-1">Vorl=E4ufige Fassung / Preliminary version</font></i>
</p><p>W=E4hrend des Kalten Krieges war das Atom gleichzeitig ein entscheid=
ender
Faktor zur Strukturierung des internationalen Systems und der zentrale
Bezugspunkt f=FCr die Milit=E4rstrategien beider Bl=F6cke. Kernwaffen
erschienen als h=F6chste Insignien der Macht und als unverzichtbare
Instrumente der Kriegsverhinderung. Mit der Aufl=F6sung des Warschauer
Paktes und der Implosion der Sowjetunion hat sich dies radikal ge=E4ndert.
Ohne massive Bedrohung der vitalen Interessen haben Kernwaffen ihre unmitte=
lbare
milit=E4rische Funktion eingeb=FC=DFt. Auch politisch wurde das
Atom drastisch entwertet; eine Gro=DFmacht definiert sich heute weniger
=FCber den nuklearen Status als =FCber die =F6konomische Leistungsf=E4higke=
it.
Gleichzeitig sind mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem zweiten Golfkrieg
die Gefahren nuklearer Proliferation ins Zentrum der internationalen Aufmer=
ksamkeit
ger=FCckt. Auf die nukleare Ordnung des Kalten Krieges drohte die nukleare
Anarchie der neuen Welt(un)ordnung zu folgen. Eine fortschreitende Delegiti=
mierung
von Kernwaffen war die Folge. </p>

<p>Angesichts der sicherheitspolitischen Ver=E4nderungen seit dem Fall
der Mauer kreiste die Nukleare Frage in den letzten Jahren zwangsl=E4ufig
um Nichtverbreitung und Abr=FCstung. Die Bilanz ist dabei gemischt.
Mit S=FCdamerika, Afrika, dem S=FCdpazifik und S=FCdostasien sind
weite Teile der s=FCdlichen Hemisph=E4re heute kernwaffenfreie Zonen.
Die offiziellen Nuklearm=E4chte haben ihre Arsenale zum Teil erheblich
reduziert und sich anl=E4=DFlich der Verl=E4ngerung des Non-Proliferationsv=
ertrages
(NPT) zu weiteren Abr=FCstungsschritten verpflichtet. Dennoch ist eine
kernwaffenfreie Welt nach wie vor in weiter Ferne: Die russische Duma verwe=
igert
noch immer die Ratifizierung des START-II-Vertrages, und selbst wenn dieser
eines Tages umgesetzt sein sollte, werden die USA und Ru=DFland beide
noch immer =FCber 3500 einsatzf=E4hige strategische Sprengk=F6pfe
verf=FCgen und mindestens die gleiche Anzahl als strategische Reserve
behalten. F=FCr die taktischen Nuklearwaffen bestehen bislang keinerlei
vertragliche Vereinbarungen. Gleichzeitig hat Moskau anders als der Westen
die Rolle des Nuklearen in seiner Verteidigungsdoktrin nicht verringert,
sondern erh=F6ht. Die f=FCnfte offizielle Nuklearmacht, die Volksrepublik
China, ist dem Abr=FCstungsproze=DF ganz ferngeblieben und ist im
Gegenteil dabei, ihr Nukleararsenal auszubauen. </p>

<p>Dennoch ist abzusehen, da=DF die Nuklearm=E4chte insbesondere
auf den NPT-Folgekonferenzen weiter unter Rechtfertigungszwang geraten
werden. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und die kernwaffenfeindlichen
Staaten werden weiter auf eine vollst=E4ndige nukleare Abr=FCstung
dr=E4ngen und in den UNO-Foren wirkungsvolle Verst=E4rker finden.
W=E4hrend sich Ru=DFland, China und die inoffiziellen Kernwaffenstaaten
Israel, Indien und Pakistan von derartigen Forderungen unber=FChrt zeigen,
gilt im Westen eine kernwaffenfreie Welt heute nicht mehr nur als Chim=E4re=
.
Anders als w=E4hrend des Kalten Krieges ist in den USA und in Europa
auch der nukleare Konsens der politischen und milit=E4rischen Eliten
br=FCchig geworden. Die Kommission von Canberra ist nur ein Beispiel
f=FCr die lange Liste jener Entscheidungstr=E4ger, die vom Bef=FCrworter
nuklearer Abschreckung zum Gegner konvertierten. </p>

<p>Vor diesem Hintergrund ist die franz=F6sische Initiative einer konzertie=
rten
europ=E4ischen Abschreckung international vielfach mit Irritation und
Ablehnung aufgenommen worden. Viele Beobachter vermuteten ein blo=DFes
Man=F6ver zur Rechtfertigung der Nukleartests im S=FCdpazifik und
=FCbersahen dabei, da=DF die Diskussion um eine Europ=E4isierung
der force de dissuasion in Frankreich schon Anfang der neunziger Jahre
begann (und nach dem Ende der Versuche weiterlief). Diese Kontinuit=E4t
zeigt bereits, da=DF das Thema einer europ=E4ischen Abschreckung
in einem weiteren Kontext steht. </p>

<p>Kernwaffen dienten auch vor dem Fall der Mauer nicht nur zur Abschreckun=
g
einer =E4u=DFeren Bedrohung. Sie garantierten zugleich die absolute
Vormachtstellung der Vereinigten Staaten im westlichen B=FCndnis und
symbolisierten die nationale Souver=E4nit=E4t der Nuklearm=E4chte.
Heute durchlaufen sowohl die Allianz als auch das politische Europa einen
tiefgreifenden Wandel, der beides in Frage stellt. Das transatlantische
Verh=E4ltnis steht ebenso wie die Rolle des Nationalstaats in Europa
vor einer Neudefinition. Eben weil Kernwaffen die innere Struktur des B=FCn=
dnisses
so entscheidend bestimmten, k=F6nnen diese Wandlungen die nukleare Frage
nicht unber=FChrt lassen. Die Diskussion um eine europ=E4ische Abschreckung
ist unter diesem Aspekt eine logische Folge der Ereignisse seit 1989. Solan=
ge
der Westen auf eine nukleare R=FCckversicherung nicht verzichten will,
mu=DF die Debatte um eine europ=E4ische Verteidigungsidentit=E4t
zwangsl=E4ufig eine nukleare Dimension erhalten.<br>
</p>

<p><b>Kernwaffen in Europa</b> </p>

<p>Nirgends hat das Ende des Kalten Krieges die strategische und politische
Landkarte so sehr ver=E4ndert wie in Europa. Die taktischen Atomwaffen
der ehemaligen Sowjetarmee sind nach Ru=DFland zur=FCckgezogen worden,
die NATO hat 9/10 ihres Nukleararsenals abgebaut. Ein weites nukleares
Niemandsland erstreckt sich vom Nordkap bis Albanien und von der Elbe bis
an die russische Grenze. An die Stelle der massiven milit=E4rischen
Bedrohung durch einen klar erkennbaren Gegner sind diffuse Sicherheitsrisik=
en
getreten, denen sich mit Kernwaffen kaum begegnen l=E4=DFt. Auf
absehbare Zeit erscheint weder im Osten noch im S=FCden Europas eine
bewaffnete Auseinandersetzung denkbar, die den Einsatz nuklearer Mittel
rechtfertigen k=F6nnte. Ru=DFland wird selbst bei einem Scheitern
des Demokratisierungsprozesses aufgrund seiner wirtschaftlichen Schwierigke=
iten
auf Jahrzehnte hinaus nicht in der Lage sein, eine massive konventionelle
Bedrohung aufzubauen, und auch aus der s=FCdlichen Hemisph=E4re ist
eine existentielle Gef=E4hrdung Europas derzeit nicht erkennbar. Die
M=F6glichkeit, da=DF sich westliche Truppen eines Tages im Rahmen
eines out-of-area-Einsatzes mit ABC-Waffen konfrontiert sehen, ist zwar
nicht auszuschlie=DFen, doch w=E4ren selbst dann nukleare Schl=E4ge
schwer vorstellbar. </p>

<p>Die Atlantische Allianz hat ihr Dispositiv den strategischen und politis=
chen
Ver=E4nderungen angepa=DFt und die Rolle des Nuklearen drastisch
reduziert. Die Nuklearstreitkr=E4fte wurden umstrukturiert und konzeptionel=
l
wie materiell von den konventionellen Streitkr=E4ften getrennt. Die
Nukleardoktrine sind seit dem Wegfall einer massiven Bedrohung zwangsl=E4uf=
ig
vager geworden und beschr=E4nken sich auf einige wenige Kernpunkte.
Dennoch ist erkennbar, da=DF sich die USA, Gro=DFbritannien und
Frankreich heute anders als w=E4hrend des Kalten Krieges =FCber die
Grundprinzipien einig sind. Alle drei sehen Kernwaffen vor allem als politi=
sche
Instrumente, deren Aufgabe sich in Europa darauf beschr=E4nkt, das noch
vorhandene russische Nukleararsenal auszubalancieren und eine zus=E4tzliche
Option zur Abschreckung m=F6glicher ABC-Proliferanten zu schaffen. Der
allgemeine Trend geht hin zu einer Minimalabschreckung, die sich auf ein
reduziertes, dabei aber flexibel einsetzbares Kernwaffenpotential st=FCtzt.
</p>

<p>In seiner Grundanlage ist das westliche Abschreckungssystem erhalten
geblieben. Das kollektive Nuklearpotential der NATO setzt sich nach wie
vor aus amerikanischen und britischen Kernwaffen zusammen. Offiziell befind=
en
sich noch einige hundert amerikanische Atombomben des Typs B 61 in Westeuro=
pa,
mit denen im Ernstfall Flugzeuge der US Air Force und/oder der europ=E4isch=
en
Luftwaffen best=FCckt w=FCrden. Diese substrategischen Kernwaffen
erf=FCllen keine unmittelbare milit=E4rische Funktion, sondern dienen
vor allem als =AB&nbsp;Platzhalter&nbsp;=BB f=FCr Nuklearsysteme,
die im Krisenfall aus den USA nach Europa verlagert werden k=F6nnten.
Ihre eigentliche Funktion ist politisch: Sie symbolisieren die nukleare
Solidarit=E4t zwischen den B=FCndnispartnern, sichern die strategische
Koppelung Westeuropas an die USA und st=FCtzen den amerikanischen Einflu=DF
in der NATO. Wieviele amerikanische Atomwaffen tats=E4chlich wo genau
stationiert sind, bleibt geheim. Manche Beobachter gehen sogar davon aus,
da=DF mittlerweile auch die B 61 vollst=E4ndig in die USA zur=FCckgezogen
worden sind. Gro=DFbritannien, Deutschland, Italien, Belgien, die Niederlan=
de,
Griechenland und die T=FCrkei verf=FCgen zumindest =FCber die
Infrastruktur, um amerikanische Kernwaffen aufzunehmen. </p>

<p>Gro=DFbritannien wird k=FCnftig auf luftgest=FCtzte Nuklearsysteme
verzichten und als einzige Atommacht nurmehr =FCber eine seegest=FCtzte
Komponente verf=FCgen. Bis Anfang des kommenden Jahrtausends wird London
4 neue U-Boote der Vanguard-Klasse anschaffen. Diese sind mit Trident-Raket=
en
best=FCckt, die gegen=FCber ihren Polaris-Vorg=E4ngern eine gr=F6=DFere
Reichweite haben, wesentlich pr=E4ziser und flexibler einsetzbar sind.
Aufgrund dieser Charakteristika kann die Trident im britischen Nuklearkonze=
pt
strategische und substrategische Funktionen erf=FCllen. Anders als urspr=FC=
nglich
geplant wird jedes der 4 U-Boote nicht 128, sondern h=F6chstens 96 Sprengk=
=F6pfe
an Bord tragen. Auch die modernisierte U-Boot-Flotte bleibt der NATO assign=
iert
und sichert Gro=DFbritannien einen entscheidenden Einflu=DF auf
die Nuklearpolitik des B=FCndnisses. Die britische Nukleardoktrin steht
dadurch in Symbiose mit denen der NATO und der USA. Dennoch betont London
stets die nationale Unabh=E4ngigkeit und Eigenst=E4ndigkeit seiner
Nuklearstreitkr=E4fte. </p>

<p>Die nichtnuklearen Verb=FCndeten haben =FCber die integrierte
Milit=E4rorganisation verschiedene M=F4glichkeiten, an den nuklearen
Entscheidungen der NATO mitzuwirken. Zum einen sind europ=E4ische Offiziere=
,
vor allem Deutsche (und Briten), bei SHAPE und im NATO-Hauptquartier an
der Ausarbeitung der milit=E4rischen Planungen f=FCr Nukleareins=E4tze
beteiligt. Zum anderen bietet die Nuclear Planning Group (NPG) den B=FCndni=
smitgliedern
die M=F6glichkeit, unter amerikanischer Federf=FChrung die politischen
und strategischen Aspekte nuklearer R=FCstung zu er=F6rtern. Nachgeordnete
Gremien wie die High Level Group (HLG) und die Senior Level Weapons Protect=
ion
Group (SLWPG) unterst=FCtzen die NPG. All diese Gremien haben ihre Aktivit=
=E4ten
nach dem Ende des Kalten Krieges drastisch reduziert. Dagegen wurden 1994
mit der Senior Politico-Military Group on Proliferation (SGP) und der Senio=
r
Defense Group on Proliferation (DGP) zwei neue Instanzen ins Leben gerufen,
die sich mit den politischen bzw. den milit=E4rischen Aspekten der Prolifer=
ation
befassen. Die SGP und die DGP stehen au=DFerhalb der integrierten Struktur
und rekrutieren ihr Personal nicht aus dem internationalen Stab. </p>

<p>Die zweite westeurop=E4ische Atommacht, Frankreich, hat ihre Kernwaffen
nach wie vor nicht der NATO assigniert. Sie nimmt auch am nuklearen Planung=
s-
und Konsultationsproze=DF nicht teil und ist lediglich in der SGP sowie
der DGP als vollwertiges Mitglied vertreten. Unter Jacques Chirac wurde
das franz=F6sische Nukleararsenal erheblich reduziert. Nach der ersatzlosen
Streichung der Had=E8s-Kurzstreckenraketen und der S 3D Mittelstreckenraket=
en
wird sich die force de disuasion k=FCnftig nur noch aus einer see- und
einer luftgest=FCtzten Komponente zusammensetzen. Das Streitkr=E4ftemodell
von 1996 sieht bis 2015 die Anschaffung 4 neuer U-Boote der Triomphant-Klas=
se
vor. Jedes dieser Boote tr=E4gt 16 M 45 Mittelstreckenraketen mit jeweils
6 TN 75 Sprenk=F6pfen. Ab 2010 werden diese durch die leistungsf=E4higere
M 51 Rakete und einen verbesserten Sprengkopf ersetzt. Die luftgest=FCtzte
Komponente umfa=DFt heute 45 Mirage 2000N und 30 Super Etendards der
Marine, die jeweils einen nuklearen Marschflugk=F6rper (ASMP) tragen.
Ab der Jahrtausenwende werden diese Flugzeuge schrittweise durch die Rafale
ersetzt, ab 2008 wird eine verbesserte Generation von Marschflugk=F6rpern
eingef=FChrt (ASMP-Plus). </p>

<p>Die westliche Kernwaffenpolitik steht heute vor verschiedenen Herausford=
erungen.
Offiziell herrscht zwischen den Allianzmitgliedern Konsens dar=FCber,
da=DF Kernwaffen weiterhin eine wichtige Rolle f=FCr die gemeinsame
Sicherheit spielen werden. Dieser Konsens steht aber auf t=F6nernen
F=FC=DFen. Wie die franz=F6sischen Nukleartests 1995 gezeigt
haben, =FCberwiegt in vielen europ=E4ischen L=E4ndern eine latent
antinukleare Grundstimmung, die leicht in offenen Protest umschlagen kann.
Ohne erkennbare massive Bedrohung wachsen in der Bev=F6lkerung und in
gro=DFen Teilen der politischen Klasse Zweifel am Sinn und Zweck von
Kernwaffen. Zugleich geht die =AB&nbsp;nukleare Kultur&nbsp;=BB
der nichtnuklearen Verb=FCndeten schrittweise verloren, weil die Konsultati=
onsgremien
der NATO mangels Entscheidungs- und Planungsbedarf nur noch pro forma exist=
ieren
und eine nukleare Mitwirkung der Europ=E4er kaum mehr stattfindet. </p>

<p>Der br=FCchige Nuklearkonsens ist umso bedenklicher, als eine Diskussion
=FCber die k=FCnftige Rolle von Kernwaffen noch aussteht. Sollbruchstellen
drohen unter anderem durch die amerikanische Neigung, die Bedeutung des
Nuklearen weiter zu reduzieren. Die eigene konventionelle St=E4rke spielt
dabei ebenso eine Rolle wie die geographische Lage. Die strategische Gemein=
de
in den USA stellt heute offen Grundelemente der westlichen Nuklearpolitik
wie das Prinzip der erweiterten Abschreckung, die Option des nuklearen
Ersteinsatzes und den Verbleib amerikanischer Atomwaffen in Europa in Frage=
.
Inwieweit diese Tendenzen die Regierungspolitik beeinflussen werden, bleibt
abzuwarten. Unklar ist auch die Rolle, die Kernwaffen gegen=FCber anderen
Massenvernichtungswaffen spielen k=F6nnen. Im Zusammenhang mit der Verl=E4n=
gerung
des NPT haben sich die offiziellen Kernwaffenm=E4chte in unilateralen
Erkl=E4rungen verpflichtet, nichtnukleare Staaten nicht mit Atomwaffen
zu bedrohen. Der internationale Druck w=E4chst, diese sogenannten negativen
Sicherheitsgarantien in einen multilateralen, v=F6lkerrechtlich bindenden
Vertrag zu kleiden. W=FCrde dies die M=F6glichkeit ausschlie=DFen,
den Einsatz biologischer und chemischer Waffen durch die Androhung nukleare=
r
Vergeltung abzuschrecken? Schreckt das Atom nur noch das Atom ab? Von den
Europ=E4ern haben sich bislang nur Briten und Franzosen eingehend mit
der Bedeutung der nuklearen Abschreckung gegen=FCber neuen Sicherheitsrisik=
en
befa=DFt. Die anderen Europ=E4er zeigen sich auch hier wenig engagiert,
obwohl sich die meisten potentiellen ABC-Proliferanten in ihrem eigenen
geographischen Umfeld befinden. </p>

<p>Politisch stellen Kernwaffen die Allianz vor eine externe und eine inter=
ne
Herausforderung: Zum einen m=FCssen die B=FCndnispartner gegen=FCber
Ru=DFland gleichzeitig ein kooperatives Verh=E4ltnis schaffen und
eine nukleare R=FCckversicherung gegen die innen- und au=DFenpolitischen
Unw=E4gbarkeiten des Riesenreiches erhalten. Dabei wird die Nukleargarantie
der USA auf eine umso gr=F6=DFere Belastungsprobe gestellt, je weiter
sich die Allianz nach Osten ausweitet. Zum anderen stellt sich die Frage,
ob und wie die Nuklearkomponente in die innere Neugestaltung der Atlantisch=
en
Allianz einbezogen werden soll. Dies beinhaltet eine transatlantische und
eine innereurop=E4ische Dimension: Gilt das propagierte Ziel, die Allianz
auf zwei S=E4ulen zu stellen, auch in nuklearer Hinsicht? Kann, soll
oder mu=DF dann eine europ=E4ische Verteidigungsidentit=E4t eine
nukleare Komponente beinhalten?<br>
</p>

<p><b>Europa - ein nuklearer Akteur?</b> </p>

<p>W=E4hrend des Kalten Krieges richtete sich die gesamte Nuklearpolitik
der Allianz einseitig an Washington aus. Zwar gab es gegen Ende der f=FCnfz=
iger
Jahre als Reaktion auf die Zweifel an der amerikanischen Nukleargarantie
Ans=E4tze einer europ=E4ischen Kernwaffenkooperation, diese versandeten
aber rasch. Westeuropa war viel zu schwach und uneins, als da=DF es
angesichts der sowjetischen Bedrohung mehr h=E4tte sein k=F6nnen
als ein strategisches Anh=E4ngsel der Supermacht USA. Gleichzeitig lehnte
Washington eine europ=E4ische Zusammenarbeit auf dem sensiblen Gebiet
nuklearer Abschreckung als inakzeptablen Versto=DF gegen die B=FCndnisdiszi=
plin
ab. Was den Europ=E4ern blieb, war der Versuch, =FCber die NATO Einflu=DF
auf die nuklearen Planungen der USA zu nehmen. Lediglich Frankreich ging
eigene Wege und verfolgte seit 1966 im Schatten der amerikanischen erweiter=
ten
Abschreckung einen semi-autonomen Kurs. </p>

<p>Auch heute noch wird nukleare Abschreckung in Europa nicht in europ=E4is=
chen
Gremien, sondern ausschlie=DFlich in der NATO oder bilateral thematisiert.
Die Europ=E4ische Union (EU) befa=DFt sich lediglich mit der zivilen
Nutzung des Atoms und den politischen Aspekten der Non-Proliferation. Die
Westeurop=E4ische Union (WEU) beschr=E4nkt sich auf den konventionellen
Bereich und hat sich bislang h=F6chstens in gelegentlichen Kommuniqu=E9s
zur Abschreckung im Rahmen der Atlantischen Allianz bekannt. Dennoch wird
seit Beginn der neunziger Jahre (wieder) verst=E4rkt =FCber eine
europ=E4ische Abschreckung diskutiert. Anders als in den f=FCnfziger
und sechziger Jahren sind derartige =DCberlegungen heute vor allem politisc=
h
motiviert: </p>

<ul>
<li>Durch den R=FCckzug der meisten amerikanischen Atomwaffen hat die
erweiterte nukleare Abschreckung der USA in Europa fast virtuellen Charakte=
r
bekommen. Wahrscheinlich =FCbertreffen heute das britische und das franz=F6=
sische
Arsenal im Umfang zum ersten Mal die Zahl der substrategischen Kernwaffen,
die Washington der NATO assigniert hat. Die amerikanische Nukleargarantie
beschr=E4nkt sich weitgehend aufs Deklaratorische. Dabei wurde die 1990
gepr=E4gte Formel von Atomwaffen als Instrumenten des =AB&nbsp;letzten
Zugriffs&nbsp;=BB im Strategischen Konzept von 1991 zwar nicht wieder
benutzt, sie beschreibt aber eine nach wie vor g=FCltige, restriktive
Auslegung der Nukleargarantie. Dies mag milit=E4risch irrelevant erscheinen=
,
gibt den westeurop=E4ischen Nukleararsenalen aber ein v=F6llig anderes
Gewicht innerhalb der Allianz als w=E4hrend des Kalten Krieges. </li>

<li>Der europ=E4ische Einigungsproze=DF hat eine Stufe erreicht,
auf der sich die Frage nach der Rolle der beiden westeurop=E4ischen
Nukleararsenale neu stellt. In einem kulturell, wirtschaftlich und politisc=
h
zusammenwachsenden Europa k=F6nnen weder Frankreich noch Gro=DFbritannien
ihre vitalen Interessen losgel=F6st von ihren wichtigsten europ=E4ischen
Partnern definieren. Die Folge ist eine de-facto-Europ=E4isierung der
britischen und franz=F6sischen Abschreckung, die politisch und institutione=
ll
bislang unbeantwortet blieb. </li>

<li>Die britische Nukleardoktrin beinhaltet eine kollektive Dimension,
weil London einen Angriff gegen ein NATO-Mitglied als Angriff auf seine
eigenen vitalen Interessen interpretiert.<sup> </sup>Die force de dissuasio=
n
wiederum deckt offiziell lediglich die nationalen Interessen Frankreichs
ab. Weder die atlantische Orientierung der britischen, noch die nationale
Ausrichtung der franz=F6sischen Abschreckung entsprechen dem Ziel einer
europ=E4ischen Verteidigungspolitik, wie sie der Maastricht-Vertrag
fordert. Falls eine gemeinsame Verteidigungsidentit=E4t Gestalt annehmen
soll, m=FCssen die beiden Nukleararsenale in Bezug zu einer europ=E4ischen
politischen Konstruktion gesetzt werden. </li>

<li>Die franz=F6sischen und britischen Kernwaffen tragen gemeinsam zum
Schutz Europas bei, sind dabei aber institutionell verschieden eingebunden.
Die nichtatomaren NATO-Mitglieder nehmen in abgestufter Form an der kollekt=
iven
Abschreckung des B=FCndnisses teil, die =AB&nbsp;neutralen&nbsp;=BB
EU-Staaten sind ohne jede nukleare Anbindung. Aus diesen Asymmetrien ergebe=
n
sich Unterschiede in den nationalen Rollen und Verantwortlichkeiten, die
mit dem Ziel einer st=E4rkeren politischen Integration Europas auf Dauer
unvereinbar sind. Gleichzeitig f=FCr den Erhalt einer nuklearen R=FCckversi=
cherung
und f=FCr eine St=E4rkung der europ=E4ischen Verteidigungsidentit=E4t
einzutreten, macht es unumg=E4nglich, die Asymmetrien zumindest zu verringe=
rn
und das Verh=E4ltnis zwischen europ=E4ischen =AB&nbsp;haves&nbsp;=BB
und =AB&nbsp;have-nots&nbsp;=BB neu zu definieren. </li>
</ul>

<p>Die Diskussion =FCber eine Europ=E4isierung der britischen und
franz=F6sischen Nuklearstreitkr=E4fte hat erst begonnen, und entsprechend
vage sind die Vorstellungen dar=FCber, wie eine europ=E4ische Abschreckung
aussehen k=F6nnte. Die Kooperationsm=F6glichkeiten sind zumindest
in der Theorie ebenso vielf=E4ltig wie die Bereiche, die zur Kernwaffenpoli=
tik
geh=F6ren: Jenseits der politischen Abstimmung in Abr=FCstungs- und
Nonproliferationsfragen kann sich die Zusammenarbeit beziehen auf: die
Herstellung der Tr=E4gersysteme und der Kernwaffen, die Ausarbeitung
einer politischen Nukleardoktrin und milit=E4rischer Einsatzpl=E4ne,
die Entscheidungsfindung im Krisenfall und die Verf=FCgungsgewalt =FCber
die Waffen selbst. Je nachdem, in welchem Bereich welche Form der Zusammena=
rbeit
gew=E4hlt wird, ergeben sich unterschiedliche Modelle einer kollektiven
Abschreckung. Bruno Tertrais beispielsweise unterscheidet f=FCr Europa
vier m=F6gliche Typen, die er zugleich als zeitlich aufeinanderfolgende
Stufen ansieht: </p>

<ol>
<li>Eine =AB&nbsp;mutualized deterrence&nbsp;=BB w=FCrde auf
einer gegenseitigen Beistandserkl=E4rung beruhen, die eine nukleare
Dimension explizit miteinschlie=DFt. Innerhalb der WEU k=F6nnte
ein europ=E4isches Nuklearkomitee gemeinsam die politischen Aspekte
nuklearer Abschreckung behandeln. Erg=E4nzt w=FCrde diese Konsultation
durch eine operative Zusammenarbeit der britischen und franz=F6sischen
Nuklearstreitkr=E4fte. Beide Atomm=E4chte w=FCrden neben ihren
jeweiligen nationalen Zielpl=E4nen einen gemeinsamen Zielplan entwickeln.
</li>

<li>Die n=E4chste Stufe w=E4re eine =AB&nbsp;common deterrence&nbsp;=BB.
Die gegenseitige Verpflichtung zu einer gemeinsamen Verteidigung w=FCrde
dabei erg=E4nzt durch europ=E4ische Planungs- und Konsultationsgremien.
Die britischen und franz=F6sischen Nuklearstreitkr=E4fte blieben
formell unter nationaler Befehlsgewalt, w=FCrden aber =AB&nbsp;gepoolt&nbsp=
;=BB
und operativ so weit aufeinander abgestimmt, da=DF ein Einsatzbefehl
nur gemeinsam erfolgen k=F6nnte. Die nichtnuklearen Partner w=FCrden
nach dem =AB&nbsp;Zwei-Schl=FCssel-System&nbsp;=BB franz=F6sische
luftgest=FCtzte Nuklearraketen erhalten; alle Mitglieder w=FCrden
Kosten, Risiken und Verantwortung gemeinsam tragen. </li>

<li>Im dritten Modell einer =AB&nbsp;joint deterrence&nbsp;=BB
w=FCrden sich Briten und Franzosen die Einsatzgewalt auch formell teilen.
Die nichtnuklearen Partner verf=FCgten =FCber ein negatives Vetorecht.
Die beiden U-Boot-Flotten w=FCrden fusionieren und die Mannschaften
der einzelnen Boote gemischt. Es g=E4be einen einzigen Zielplan und
ein gemeinsames, multinationales Oberkommando. Die luftgest=FCtzten
Tr=E4gersysteme w=FCrde gemeinsam entwickelt. </li>

<li>Die vierte und letzte Stufe w=E4re eine =AB&nbsp;single deterrence&nbsp=
;=BB:
Eine europ=E4ische Atomstreitmacht unterst=FCnde dabei einem integrierten
Oberkommando und einer supranationalen politischen Autorit=E4t. Die
Europ=E4er w=FCrden gemeinsam die n=E4chste Generation ihrer U-Boot-Flotte
entwickeln. </li>
</ol>

<p>Diese Modelle haben nur illustrativen Charakter. Sie zeigen aber, da=DF
eine europ=E4ische Abschreckung im weiteren Sinn des Wortes nicht unbedingt
eine f=F6derative Entscheidungsstruktur voraussetzt. Abgestufte Formen
der Zusammenarbeit sind auch auf zwischenstaatlicher Ebene m=F6glich.
Gro=DFbritannien und Frankreich sind sich allerdings einig, da=DF
eine europ=E4ische Abschreckung an vier Bedingungen gekn=FCpft ist:
</p>

<ul>
<li>Die Teilnehmer m=FCssen eine gemeinsame Auffassung von der politischen
und strategischen Rolle nuklearer Waffen haben; </li>

<li>die vitalen Interessen der beteiligten Staaten m=FCssen identisch
sein; </li>

<li>die Teilnehmer m=FCssen sich die Rollen und Verantwortlichkeiten
teilen; </li>
</ul>

<ul>
<li>eine enge Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten mu=DF gew=E4hrleis=
tet
sein. </li>
</ul>

<p>Die Entwicklung einer europ=E4ischen Abschreckung bedingt damit ein
hohes Ma=DF an =DCbereinstimmung zwischen den Europ=E4ern und
die Abstimmung mit den Amerikanern. Die USA haben sich bislang nicht offizi=
ell
zu der Idee ge=E4u=DFert; solange von europ=E4ischer Seite keine
gemeinsame Initiative zu erwarten ist, besteht f=FCr Washington dazu
auch kein Anla=DF. Allerdings liegt es nahe, da=DF die Vereinigten
Staaten eine europ=E4ische Zusammenarbeit nur akzeptieren w=FCrden,
wenn diese an die NATO angebunden w=E4re. Unter den Europ=E4ern wiederum
ist die Idee h=F6chst umstritten. Wie sehr die Vorstellungen auseinandergeh=
en,
zeigt das bisherige Schicksal der franz=F6sischen Idee einer =AB&nbsp;dissu=
asion
concert=E9e&nbsp;=BB.<br>
</p>

<p><b>Die =AB&nbsp;konzertierte Abschreckung&nbsp;=BB</b> </p>

<p>Laut der offiziellen Nukleardoktrin sch=FCtzt die force de dissuasion
die territoriale Unversehrtheit und die vitalen Interessen Frankreichs.
Paris hat diese vitalen Interessen auch w=E4hrend des Kalten Krieges
nie definiert oder geographisch eingegrenzt. Der potentielle Agressor sollt=
e
im Unklaren bleiben, an welchem Punkt er den franz=F6sischen Nuklearschlag
ausl=F6sen w=FCrde. Durch diese Ungewi=DFheit kam - so die offizielle
Deutung - die blo=DFe Existenz des nationalen Arsenals der Sicherheit
ganz Westeuropas zugute. Frankreich hat allerdings stets abgelehnt, eine
Verpflichtung einzugehen, den Verb=FCndeten im Ernstfall mit nuklearen
Mitteln beizustehen. Auch bei der Formulierung der Nukleardoktrin wurden
die Interessen der Partner nicht formell miteinbezogen. Ebensowenig kam
eine Mitsprache bei den franz=F6sischen Einsatzplanungen in Frage. </p>

<p>Diese nationale Interpretation nuklearer Abschreckung geht zur=FCck
auf die politische und strategische Isolation, in der sich Paris Mitte
der sechziger Jahre befand: Frankreich lehnte damals als einziges B=FCndnis=
mitglied
gleicherma=DFen die Struktur der Atlantischen Allianz wie die =AB&nbsp;flex=
ible
response&nbsp;=BB-Strategie der NATO ab. Unter diesen Bedingungen schien
die Semi-Autonomie die einzige M=F6glichkeit, eine politische Sonderstellun=
g
zu erreichen und ein kontinentaleurop=E4isches Korrektiv in die amerikanisc=
h
ausgerichtete Nuklearstrategie der Allianz einzubauen. Die franz=F6sische
Nukleardoktrin der =AB&nbsp;dissuasion du faible au fort&nbsp;=BB
war daher in bewu=DFtem Gegensatz zu ihrem NATO-Pendant formuliert.
Zwar blieb das tats=E4chliche Ma=DF an nationaler Autonomie weit
hinter dem sorgsam gepflegten Mythos zur=FCck, weil die franz=F6sische
Abschreckung stets im Zusammenspiel mit der erweiterten amerikanischen
Abschreckung funktionierte und im Ernstfall zweifellos eine Abstimmung
mit dem alliierten Oberkommando stattgefunden h=E4tte. Dennoch behielten
die franz=F6sischen Atomwaffen eine eigenst=E4ndige Rolle und waren
nicht in die NATO-Planungen integriert. </p>

<p>Im Zuge einer allgemeinen Flexibilisierung seiner B=FCndnispolitik
hat Frankreich in den letzten Jahren eine Vorreiterrolle in der Diskussion
=FCber eine europ=E4ische Abschreckung =FCbernommen. Bis 1993
pl=E4dierte Paris f=FCr den Aufbau europ=E4ischer Verteidigungsstrukturen
au=DFerhalb der NATO. Nachdem sich dieser Weg als unrealistisch erwiesen
hatte, leitete die b=FCrgerliche Regierung Balladur einen Ann=E4herungsproz=
e=DF
an die NATO ein, der sich nach der Wahl Jacques Chiracs 1995 noch verst=E4r=
kte.
Beide Ans=E4tze zielten jeweils auf die Entwicklung einer eigenst=E4ndigen
europ=E4ischen Verteidigungsidentit=E4t und beinhalteten eine =D6ffnung
der eigenen Kernwaffenpolitik. Symbol dieser neuartigen Flexibilit=E4t
wurde die Idee einer konzertierten Abschreckung. </p>

<p>Anfang 1992, kurz nach der Unterzeichnung des Maastricht-Vertrages,
stellte Fran=E7ois Mitterrand mit Blick auf die gemeinsame Au=DFen-
und Sicherheitspolitik (GASP) im Rahmen der EU erstmals =F6ffentlich
die Frage nach einer europ=E4ischen Nukleardoktrin. Schon wenige Wochen
sp=E4ter pr=E4sentierte das franz=F6sische Verteidigungsministerium
verschiedene Modelle nuklearer Zusammenarbeit und benutzte dabei erstmals
den Begriff =AB&nbsp;konzertierte Abschreckung&nbsp;=BB. Nachdem
diese Avancen bei den europ=E4ischen Partnern auf v=F6lliges Desinteresse
gesto=DFen waren, wurde das Thema zun=E4chst hintangestellt. Im
Verteidigungswei=DFbuch von 1994 wird eine europ=E4ische Abschreckung
zwar erw=E4hnt, aber als langfristige Perspektive dargestellt. Anfang
1995 griffen Jacques Chirac und Alain Jupp=E9 die Idee einer =AB&nbsp;dissu=
asion
concert=E9e&nbsp;=BB im Vorfeld der franz=F6sischen Pr=E4sidentschaftswahle=
n
wieder auf. Die allgemeine Emp=F6rung =FCber die Nuklearversuche
hat der Diskussion dann weiteren Auftrieb gegeben. </p>

<p>Heute sind sich in Frankreich alle gro=DFen Parteien darin einig,
da=DF es in Zukunft eine Verbindung zwischen der force de dissuasion
und einer europ=E4ischen Verteidigungsidentit=E4t geben mu=DF.
Wie diese Verbindung aussehen soll, bleibt bislang vage. Im September 1995
stellte der damalige Ministerpr=E4sident Alain Jupp=E9 in einer
vielbeachteten Rede klar, da=DF es bei der konzertierten Abschreckung
weder um eine einseitige Ausdehnung des franz=F6sischen Nuklearschirms,
noch um eine Teilung der nuklearen Verf=FCgungsgewalt gehe. Auch ziele
die Idee keineswegs darauf, die amerikanische Nukleargarantie zu ersetzen
oder Westeuropa strategisch von den USA abzukoppeln. Vielmehr wolle Frankre=
ich
seiner Nukleardoktrin eine =AB&nbsp;kollektive Dimension&nbsp;=BB
geben und mit den wichtigsten Partnern einen =AB&nbsp;gleichberechtigten
Dialog&nbsp;=BB =FCber nukleare Fragen f=FChren. </p>

<p>Der Begriff einer konzertierten Abschreckung steht damit weniger f=FCr
einen bestimmten Endzustand als f=FCr einen allm=E4hlichen Wandel
der gegenw=E4rtigen Verh=E4ltnisse. Er bedeutet eher einen politischen
Proze=DF als ein vorgefertigtes Projekt. Frankreich will die Kernwaffenfrag=
e
in den europ=E4ischen Einigungsproze=DF einbeziehen und gleichzeitig
verhindern, da=DF die Debatte =FCber die Zukunft des Nuklearen eine
einseitig atlantische Dimension erh=E4lt. Die Konzertation ist gewisserma=
=DFen
als unterste Stufe einer europ=E4ischen Abschreckung gedacht. Wann es
dar=FCber hinaus zwischen wem zu welcher Form der Zusammenarbeit kommen
soll, bleibt zun=E4chst offen und h=E4ngt ma=DFgeblich von der
k=FCnftigen Richtung des europ=E4ischen Einigungsprozesses und der
Reform der Atlantischen Allianz ab. </p>

<p>Diese progressive Herangehensweise entspricht der Sensibilit=E4t
des Themas ebenso wie den machtpolitischen M=F6glichkeiten Frankreichs:
Eine Ausdehnung des franz=F6sischen Nuklearschirms w=FCrde zwar nicht
zwangsl=E4ufig die Stationierung von Atomwaffen auf dem Territorium
der Partner bedingen, sehr wohl aber deren Zustimmung und die Einrichtung
eines st=E4ndigen Konsultationsmechanismus voraussetzen. Eine erweiterte
franz=F6sische Abschreckung k=F6nnte daher allenfalls das Ergebnis
einer europ=E4ischen Konzertierung sein. Die USA durch einen Anschlag
auf den amerikanischen Nuklearschirm aus Europa zu verdr=E4ngen, liegt
schon deshalb nicht im franz=F6sischen Interesse, weil eine glaubw=FCrdige
Abschreckung f=FCr die gesamte EU das Zusammenspiel mit den britischen
und den amerikanischen Nuklearstreitkr=E4ften braucht. In Paris ist
man sich auch bewu=DFt dar=FCber, da=DF eine europ=E4ische
Zusammenarbeit keine Kopie der NATO-Kooperation sein kann; Frankreich ist
keine Supermacht wie die USA und besitzt keinen machtpolitischen Vorsprung
vor Gro=DFbritannien oder Deutschland. Die Zusammenarbeit zwischen
Europ=E4ern mu=DF daher auf gleichberechtigter(er) Basis stattfinden,
auch wenn die Unterschiede zwischen Nuklear- und Nichtnuklearstaaten auf
absehbare Zeit bleiben werden. Solange es kein supranationales Europa und
keine zentrale Entscheidungsinstanz gibt, ist an eine gemeinsame Verf=FCgun=
gsgewalt
jedenfalls nicht zu denken. Beides ist heute schwer vorstellbar und liegt
bestenfalls noch in weiter Ferne. </p>

<p>Die Idee einer konzertierten Abschreckung ist die franz=F6sische
Konsequenz aus der Einsicht, da=DF sich eine strikt nationale Lesart
der nuklearen Abschreckung in Europa =FCberlebt hat. Es ist im Grunde
undenkbar, da=DF etwa eine existentielle Bedrohung Deutschlands nicht
als Gef=E4hrdung der vitalen franz=F6sischen Interessen gewertet
w=FCrde. Umgekehrt ist es kaum vorstellbar, da=DF Frankreich seine
wichtigsten europ=E4ischen Partner nicht konsultieren w=FCrde, wenn
eine Krise eskalierte und der Einsatz nuklearer Waffen denkbar w=FCrde.
Zudem verspricht Kooperationsbereitschaft im Kernwaffenbereich heute politi=
sch
mehr Vorteile als die selbstauferlegte Isolation des Kalten Krieges: </p>

<ul>
<li>Eine europ=E4ische Dimension w=FCrde der force de dissuasion
neue Legitimation geben. In den politischen Eliten des Landes ist der Glaub=
e
an den Wert der nuklearen Abschreckung fest verankert, und auch in der
franz=F6sischen Bev=F6lkerung besteht bislang ein stabiler Konsens.
Dennoch kann Frankreich nicht ingnorieren, da=DF die Akzeptanz von
Nuklearwaffen gerade innerhalb der EU schwindet. Im November 1995 stimmten
10 der 15 EU-Mitglieder in der UNO-Vollversammlung f=FCr eine Verurteilung
der franz=F6sischen Atomtests. Dabei richtet sich die Ablehnung im Falle
der =AB&nbsp;neutralen&nbsp;=BB Partner durchaus gegen die milit=E4rische
Nutzung des Atoms an sich. Auch in den anderen europ=E4ischen L=E4ndern
schwankt die Haltung gegen=FCber dem Nuklearen zwischen Verdr=E4ngung
und offener Kritik. Setzt sich dieser Trend fort, droht sich Paris durch
sein Nukleararsenal in Europa zu isolieren. Dies wiegt besonders schwer,
weil Frankreich sich als Vorreiter der europ=E4ischen Verteidigungsidentit=
=E4t
versteht und aus ideellen wie machtpolitischen Motiven mehr denn je an
einer St=E4rkung der europ=E4ischen Zusammenarbeit interessiert ist.
</li>

<li>Zwar ist eine Einbeziehung der westeurop=E4ischen Nukleararsenale
in den START-Proze=DF erst nach Abschlu=DF eines dritten amerikanisch-russi=
schen
Vertrages denkbar, dennoch mu=DF es im franz=F6sischen Interesse
sein, fr=FChzeitig eine Auffanglinie aufzubauen. Je wichtiger f=FCr
Frankreichs Kernwaffenpolitik die politische und moralische Unterst=FCtzung
der europ=E4ischen Partner wird, desto mehr erweist sich eine rein national=
e
Abschreckung als Nachteil: Die amerikanischen und britischen Nuklearwaffen
erf=FCllen durch ihre Ankoppelung an die NATO zumindest nominell eine
kollektive Aufgabe. Beide gewinnen dadurch einen Teil ihrer internationalen
Legitimation zur=FCck, der dem franz=F6sischen Arsenal durch seine
fehlende Einbindung versagt bleibt. </li>

<li>Eine europ=E4ische Dimension w=FCrde die franz=F6sische Nuklearstreitma=
cht
als b=FCndnispolitisches Instrument aufwerten. W=E4hrend des Kalten
Krieges scheiterten alle Versuche Frankreichs, das westliche B=FCndnissyste=
m
zu ver=E4ndern. Heute hat Paris zumindest theoretisch gr=F6=DFere
Chancen, Einflu=DF auf die Gestaltung der transatlantischen Sicherheitsbezi=
ehungen
zu nehmen. Dabei kann das Nukleararsenal freilich nur eine Rolle spielen,
wenn die bisherige, rein nationale Logik =FCberwunden wird. Um bei der
Entwicklung einer europ=E4ischen Verteidigungsidentit=E4t mit seinen
nuklearen Pfunden zu wuchern, mu=DF sich Frankreich der Kooperation
=F6ffnen. </li>

<li>Hinzu m=F6gen budget=E4re =DCberlegungen kommen. Frankreich
hat die Ausgaben f=FCr seine Nuklearstreitmacht seit 1990 bereits halbiert
(von 38,8 auf 19,5 Milliarden FF j=E4hrlich). Die Finanzierung der aktuelle=
n
Modernisierungsprogramme scheint zwar gesichert, doch ist abzusehen, da=DF
bei unver=E4nderter strategischer Lage der gesellschaftliche und politische
Druck auf weitere Kostenreduzierungen wachsen wird. Auch wenn dieses Kalk=
=FCl
f=FCr Paris im Augenblick keine vorrangige Rolle spielt, so enth=E4lt
eine europ=E4ische Kooperation langfristig doch die Perspektive, die
Lasten der Abschreckung zu teilen. Dabei mu=DF es sich keineswegs um
eine direkte finanzielle Kontribution der nichtatomaren Verb=FCndeten
handeln. Denkbar ist auch eine verst=E4rkte technologische Zusammenarbeit
etwa im Bereich der Tr=E4gertechnologie oder der raumgest=FCtzten
Aufkl=E4rung. </li>
</ul>

<p>Die Idee einer konzertierten Abschreckung ist demnach eine logische
Konsequenz aus den strategischen und politischen Herausforderungen, vor
denen die Nuklearmacht Frankreich heute steht. Sie ist mehr als ein taktisc=
hes
Man=F6ver, denn es entspricht durchaus franz=F6sischen Europavorstellungen,
der europ=E4ischen Verteidigungsidentit=E4t eine nukleare Komponente
zu geben. So langfristig diese Perspektive auch sein mag: Frankreich verfol=
gt
das Ideal eines Europas, das als eigenst=E4ndiger Akteur in der Weltpolitik
auftritt. Diese Rolle setzt aus franz=F6sischer Sicht voraus, =FCber
die entsprechenden Machtmittel zu verf=FCgen, und dazu z=E4hlt Paris
=AB&nbsp;nat=FCrlich&nbsp;=BB auch Nuklearwaffen.<sup> </sup><br>
</p>

<p><b>Frankreichs konzertierter Bilateralismus</b> </p>

<p>Gemessen an der gaullistischen Orthodoxie des Kalten Krieges hat sich
die franz=F6sische Kernwaffenpolitik damit betr=E4chtlich ge=F6ffnet.
Bei den anderen Europ=E4ern stie=DFen die j=FCngsten Avancen
freilich auf wenig Resonanz: Die =AB&nbsp;neutralen&nbsp;=BB EU-Mitglieder
lehnen die nukleare Abschreckung grunds=E4tzlich ab, andere argw=F6hnen
einen politischen F=FChrungsanspruch Frankreichs, und fast alle f=FCrchten
eine Aush=F6hlung der transatlantischen Sicherheitsbeziehungen. Zudem
glauben im Grunde auch diejenigen EU-Mitglieder, die den Beitrag der britis=
chen
und der franz=F6sischen Nuklearstreitkr=E4fte zur gemeinsamen Sicherheit
anerkennen, sich mit dem Nuklearschirm der NATO begn=FCgen zu k=F6nnen.
</p>

<p>Hinzu kommen vielfach innenpolitische Bedenken: Seit dem Fall der Mauer
haben sich in der Bev=F6lkerung die ohnehin vorhandenen Vorbehalte gegen
Kernwaffen noch verst=E4rkt. Der Vorschlag einer nuklearen Konzertierung
w=E4re w=E4hrend des Kalten Krieges m=F6glicherweise als Geste
der B=FCndnissolidarit=E4t willkommen gewesen; heute dagegen ist
die Gefahr gro=DF, da=DF eine zunehmend kritische =D6ffentlichkeit
ihn als unpassenden Versuch versteht, eine vermeintlich =FCberkommene
Waffengattung aufzuwerten. Unter diesen Bedingungen f=FCrchten gerade
Bef=FCrworter der Abschreckung, da=DF jede Diskussion =FCber
eine =AB&nbsp;dissuasion concert=E9e&nbsp;=BB Kernwaffen weiter
diskreditieren k=F6nnte. </p>

<p>Dar=FCber hinaus erscheint vielen Beobachtern die europ=E4ische
Konstruktion im politischen Bereich noch viel zu fragil, als da=DF
sie f=FCr eine Einbeziehung des Nuklearen geeignet w=E4re. Da Europa
gerade erst beginnt, sich als sicherheitspolitischer Akteur zu begreifen,
sei es - so das Argument - verfr=FCht, heute eine europ=E4ische Abschreckun=
g
auf den Weg zu bringen. Zum jetzigen Zeitpunkt w=FCrde eine Nukleardiskussi=
on
die Divergenzen zwischen den EU-Staaten nur verst=E4rken und Fortschritte
auf dem Weg zu einer effektiven GASP gef=E4hrden. Naheliegender sei
es, sich um den konventionellen Bereich zu k=FCmmern, weil hier der
aktuelle Handlungsbedarf gr=F6=DFer ist und wenigstens Minimalkompromisse
m=F6glich sind. </p>

<p>Auch institutionell stellt sich die Frage, wie unter den gegebenen Bedin=
gungen
eine europ=E4ische Konzertierung aussehen k=F6nnte. Im Rahmen der
GASP fehlt schon der Minimalkonsens =FCber nukleare Abschreckung. Die
WEU bietet sich nur theoretisch als Handlungsrahmen an: Erstens w=FCrde
die Schaffung eines nuklearen WEU-Konsultationsgremiums leicht als Verdoppe=
lung
der NATO-Strukturen interpretiert, was selbst die Vollmitglieder ablehnen.
Zweitens verf=FCgt die WEU nicht =FCber die n=F6tige =AB&nbsp;nukleare
Kultur&nbsp;=BB. Beide Einw=E4nde lie=DFen sich noch =FCberwinden,
wenn der politische Wille vorhanden w=E4re. Schwerer wiegt, da=DF
eine wie auch immer geartete =AB&nbsp;Nuklearisierung&nbsp;=BB
der WEU den ohnehin steinigen Ann=E4herungsproze=DF an die EU weiter
verkomplizieren w=FCrde. Die NATO wiederum scheidet als Alternative
aus, solange Frankreich nicht in die milit=E4rische Integration zur=FCckgek=
ehrt
ist. </p>

<p>Um diese Schwierigkeiten zu umgehen, versucht Paris zun=E4chst, mit
seinen wichtigsten Verb=FCndeten einen inhaltlichen Grundkonsens =FCber
nukleare Fragen zu erreichen. Das Atom trennt Frankreich nicht nur von
den kernwaffenkritischen EU-Mitgliedern, sondern auch von der anderen weste=
urop=E4ischen
Nuklearmacht und jenen =AB&nbsp;have nots&nbsp;=BB, die sich zur
nuklearen Abschreckung bekennen. Schwerer noch als die institutionellen
Unterschiede wiegen dabei die gegens=E4tzlichen Denkweisen, die sich
seit 1966 herausgebildet haben. In den letzten drei Jahrzehnten standen
sich in Westeuropa zwei v=F6llig unterschiedliche Abschreckungsmodelle
gegen=FCber: Anders als die =AB&nbsp;flexible-response&nbsp;=BB-Strategie
der NATO war die franz=F6sische Nukleardoktrin nie an der tats=E4chlichen
M=F6glichkeit nuklearer Eins=E4tze ausgerichtet. Sie war stets eine
politische Doktrin, die darauf zielte, einen bewaffneten Konflikt durch
die unmittelbare Androhung des nuklearen Holocausts zu verhindern. Die
taktisch-operative Ebene blieb dabei klar im Hintergrund. Gleichzeitig
suchte Frankreich ein Maximum an Autonomie von den USA, w=E4hrend sich
die anderen Westeurop=E4er um eine m=F6glichst effektive Einflu=DFnahme
auf die Politik ihrer Schutzmacht bem=FChten. Dadurch ist Frankreich
im Ergebnis heute mit den nuklearen Planungs- und Konsultationsmechanismen
der NATO ebensowenig vertraut wie umgekehrt die nichtnuklearen Europ=E4ern
mit der Funktionsweise und der Philosophie der franz=F6sischen Abschreckung=
.
</p>

<p>Diese nukleare =AB&nbsp;Entfremdung&nbsp;=BB verursacht grundlegende
Perzeptionsunterschiede, die jeder Zusammenarbeit im Wege stehen. Aus franz=
=F6sischer
Sicht kommt es daher zun=E4chst darauf an, ein prinzipielles Einvernehmen
=FCber den Wert und die Grundregeln nuklearer Abschreckung zu erzielen.
Eine institutionelle L=F6sung erscheint demgegen=FCber als zweitrangig.
Solange weder die Rolle der WEU noch die eigene Stellung innerhalb der
Atlantischen Allianz Haltung hinreichend gekl=E4rt ist, w=FCrde ein
fertiges Konzept f=FCr die k=FCnftige Einbindung der westeurop=E4ischen
Nukleararsenale auch wenig Sinn machen. Frankreich will nat=FCrlich
zu gegebener Zeit seine Kernwaffen in den Poker um die weitere Entwicklung
der europ=E4ischen Sicherheitsarchitektur einbringen, m=F6chte dann
aber nicht isoliert auftreten. Dazu versucht Paris zun=E4chst, bilateral
die bestehenden Gr=E4ben zu =FCberbr=FCcken. Im Mittelpunkt stehen
dabei naturgem=E4=DF Gro=DFbritannien und Deutschland. <br>
</p>

<p><u>Gro=DFbritannien</u> </p>

<p>Im britisch-franz=F6sischen Verh=E4ltnis findet eine Konzertierung
bereits statt. Die beiden Nuklearm=E4chte haben Anfang der 90er Jahre
Gespr=E4che =FCber M=F6glichkeiten der Zusammenarbeit aufgenommen.
Im Juli 1993 wurde der Dialog institutionalisiert und zu einer st=E4ndigen
=AB&nbsp;gemeinsamen Kommission f=FCr die Ausarbeitung einer Nuklearpolitik
und -doktrin&nbsp;=BB weiterentwickelt. Unmittelbarer Anla=DF dieser
Kooperation waren =DCberlegungen, gemeinsam eine neue luftgest=FCtzte
Mittelstreckenrakete zu entwickeln. Da die britische Regierung eine Entsche=
idung
1990 erst vertagte und sich 1993 dann definitiv gegen die Anschaffung eines
derartigen Systems entschied, traten jedoch rasch andere Themen in den
Vordergrund. </p>

<ul>
<li>Zun=E4chst tauschten beide Seiten Informationen =FCber ihre jeweiligen
Nuklearkonzepte und -strategien aus. Zur Sprache kamen dabei prinzipielle
Fragen wie die k=FCnftige Rolle der nuklearen Abschreckung in Europa
und die Bedeutung pr=E4- und substrategischer Konzepte. Er=F6rtert
wurde zudem die Rolle, die den Atomwaffen beider M=E4chte im Falle einer
Krise au=DFerhalb Europas zukommen k=F6nnte. </li>

<li>Dar=FCber hinaus standen offensichtlich auch Abr=FCstungsprobleme
in der ehemaligen Sowjetunion zur Debatte. Dabei ging es unter anderem
darum, wie Gro=DFbritannien und Frankreich Ru=DFland technischen
Beistand beim Transport und der Lagerung der zur Vernichtung bestimmten
Waffensysteme leisten k=F6nnten. </li>

<li>Einen dritten Themenbereich bildeten Fragen der R=FCstungskontrolle.
Beide L=E4nder stimmten ihre Haltung gegen=FCber den russisch-amerikanische=
n
START-Verhandlungen ab und koordinierten ihre Bem=FChungen zur Verl=E4ngeru=
ng
des Nichtverbreitungsvertrages. Sie pr=FCften zudem gemeinsam die technolog=
ischen
Folgen eines umfassenden Teststopvertrages. M=F6glicherweise hat Frankreich
in diesem Zusammenhang auch Informationen =FCber seine letzte Testserie
weitergegeben. </li>
</ul>

<p>Beide Seiten lobten wiederholt die N=FCtzlichkeit der Gespr=E4che
und die Fortschritte, die erzielt werden konnten. Wieweit die Zusammenarbei=
t
im einzelnen geht, bleibt aufgrund der Geheimhaltung offen. Auf dem franz=
=F6sisch-britischen
Gipfel von 1995 hie=DF es im Schlu=DFkommuniqu=E9 jedenfalls,
da=DF es in Fragen der Nukleardoktrin keine un=FCberwindlichen Gegens=E4tze
gebe und die vitalen Interessen beider L=E4nder untrennbar seien. </p>

<p>Der positive Verlauf dieser Konsultationen ist umso bemerkenswerter,
als die beiden Nuklearm=E4chte ihre Kernwaffenpolitik bis 1989 v=F6llig
unterschiedlich ausgerichtet hatten: Anders als Frankreich hat Gro=DFbritan=
nien
f=FCr sein Nuklearprogramm seit 1958 massiv technologische Unterst=FCtzung
von den USA erhalten. Im Gegenzug hat sich London verpflichtet, nukleare
Informationen nicht ohne amerikanische Zustimmung an Dritte weiterzugeben
und seine Nuklearstreitkr=E4fte in die Planungen der NATO zu integrieren.
Die enge Verflechtung der britischen und der amerikanischen Abschreckung
einerseits, sowie der franz=F6sische Sonderstatus in der Allianz anderersei=
ts
schlossen eine Zusammenarbeit w=E4hrend des Kalten Krieges aus. Erst
der weltpolitische Gezeitenwechsel von 1989/90 trieb das ungleiche Paar
in eine partielle Interessengemeinschaft, die fortbestehende Gegens=E4tze
=FCberbr=FCcken half: Beide L=E4nder sehen ihre internationale
Position insbesondere durch die deutsche Vereinigung gemindert, beide halte=
n
weiterhin an Nuklearwaffen als dem Garant nationaler Sicherheit und als
politischen Trumpf fest, und beide haben als nukleare Mittelm=E4chte
in Abr=FCstungs- und R=FCstungskontrollverhandlungen =E4hnliche
Interessen. </p>

<p>Angesichts leerer Kassen ist es durchaus m=F6glich, da=DF Frankreich
und Gro=DFbritannien ihre Zusammenarbeit etwa im Bereich der Computersimula=
tion
und der Sicherheit von Atomwaffen weiter vertiefen werden. Auch die Perspek=
tive,
da=DF sich der START-Proze=DF langfristig multilateralisieren und
die westeurop=E4ischen Arsenale miteinbeziehen k=F6nnte, d=FCrfte
beide L=E4nder noch enger zusammenf=FChren. Andererseits bleiben
der Zusammenarbeit durch die enge nukleare Bindung Gro=DFbritanniens
an die USA Grenzen gesetzt. London wird auch weiterhin alles vermeiden,
was das Verh=E4ltnis zu Washington gef=E4hrden k=F6nnte. So stellte
die Regierung Major 1995 ausdr=FCcklich fest, da=DF eine Abstimmung
der U-Boot-Patrouillen oder der Zielplanungen erst in Betracht komme, wenn
Frankreich sich an der Nuklearen Planungsgruppe der NATO beteilige. Auch
gebe es au=DFerhalb der NATO keinen Raum f=FCr ein europ=E4isches
Nukleargremium. Es ist wenig wahrscheinlich, da=DF die neue Labour-Regierun=
g
in dieser Frage eine andere Position vertritt.<br>
</p>

<p><u>Deutschland</u> </p>

<p>Der insgesamt erfolgreiche Verlauf der britisch-franz=F6sischen Gespr=E4=
che
bildete 1995 den Hintergrund f=FCr den Vorschlag Jupp=E9s und Chiracs,
Deutschland in die Konsultation einzubeziehen. Zwar sondierte Frankreich
auch in Rom und Madrid, vorrangiges Ziel bleibt aber, die bestehende franz=
=F6sisch-britische
Verbindung um ein franz=F6sisch-deutsches Pendant erg=E4nzen. Ein
solcher konzertierter Bilateralismus zwischen den beiden Kernwaffenstaaten
und der f=FChrenden nichtatomaren Macht gilt in Paris als Grundlage
f=FCr eine weiterreichende Europ=E4isierung. </p>

<p>Die Schl=FCsselstellung Bonns liegt auf der Hand: Die deutsch-franz=F6si=
schen
Beziehungen bleiben trotz aller immer wiederkehrenden Turbulenzen das trage=
nde
Element des europ=E4ischen Einigungsprozesses. Zum einen braucht ein
Projekt dieser Dimension automatisch die Mitarbeit des gr=F6=DFten
und wichtigsten Partners, zum anderen setzen die Verantwortlichen in Paris
auf die Sogwirkung, die eine deutsche Beteiligung auf die =FCbrigen
Europ=E4er haben w=FCrde. Hinzu kommt, da=DF Frankreich mit der
Bundesrepublik seit Jahren im konventionellen Bereich zusammenarbeitet,
und beide L=E4nder mit dem gemeinsamen Verteidigungs- und Sicherheitsrat
bereits =FCber ein Gremium verf=FCgen, in dem sich ein kontinuierlicher
Austausch =FCber nukleare Fragen ansiedeln k=F6nnte. </p>

<p>Die Reaktion der Bundesregierung war - nicht zuletzt wegen der Emp=F6run=
g
der eigenen =D6ffentlichkeit =FCber die franz=F6sischen Nukleartests
- zun=E4chst =FCberaus reserviert. Aber selbst nachdem die Proteste
abgeflaut waren, blieb die deutsche Haltung insgesamt zur=FCckhaltend.
Offensichtlich scheuten die Verantwortlichen in Bonn die offene Auseinander=
setzung
mit einem Thema, da=DF keineswegs dringlich erscheint, daf=FCr aber
erheblichen politischen Z=FCndstoff in sich birgt. </p>

<p>Anders als in Frankreich und Gro=DFbritannien, wo die nationalen
Nukleararsenale f=FCr ein Mehr an Unabh=E4ngigkeit, Sicherheit und
Einflu=DF stehen, symbolisieren Kernwaffen in Deutschland vor allem
Bedrohung der eigenen Existenz und Abh=E4ngigkeit von fremden M=E4chten.
Wie die innenpolitischen Debatten um die NATO-Nachr=FCstung zeigten,
war die nukleare Abschreckung schon w=E4hrend des Kalten Krieges keineswegs
unumstritten. Die Wiedervereinigung und der Wegfall einer milit=E4rischen
Gefahr haben die Akzeptanz von Kernwaffen weiter sinken lassen. </p>

<p>Dabei ist die Haltung der deutschen =D6ffentlichkeit in der Kernwaffenfr=
age
gleicherma=DFen pazifistisch und atlantizistisch: Der Nuklearschirm
der USA erscheint vielen Deutschen noch ertr=E4glich, weil er nach =FCber
40 Jahren gewisserma=DFen zum Selbstverst=E4ndnis der alten Bundesrepublik
geh=F6rt hat und zudem seit dem fast vollst=E4ndigen Abzug der amerikanisch=
en
=AB&nbsp;nukes&nbsp;=BB nahezu unsichtbar geworden ist. Franz=F6sische
Atomwaffen dagegen gelten nach 30 Jahren gaullistischer Rhethorik vielfach
als Ausdruck eines =FCberkommenen Nationalismus und als Symbol einer
ehemaligen Gro=DFmacht, die ihren machtpolitischen Abstieg nicht verwinden
kann. Hinzu kam die jahrelange Diskussion um die Pluton- und Had=E8s-Kurzst=
reckenraketen,
die im Ernstfall auf deutschem Territorium eingesetzt worden w=E4ren,
ohne da=DF die Bundesregierung Einflu=DF auf die Planungen h=E4tte
nehmen k=F6nnen. Dieser Aspekt nationaler Autonomie hat das deutsche
Verh=E4ltnis zur franz=F6sischen Abschreckung nachhaltig gest=F6rt.
</p>

<p>Diese Vorbehalte finden sich auch in weiten Teilen der politischen Klass=
e
wieder und haben wesentlich zur Zur=FCckhaltung beigetragen, mit der
Bonn im Herbst 1995 die franz=F6sischen Avancen aufnahm. Dennoch zeichnet
sich allm=E4hlich eine gr=F6=DFere Bereitschaft ab, die nukleare
Abschreckung in den deutsch-franz=F6sischen Dialog miteinzubeziehen.
Die Streichung des Had=E8s-Programmes im Februar 1996 hat die deutsche
Haltung dabei sicher positiv beeinflu=DFt (wenngleich sie weniger aus
R=FCcksichtnahme auf Bonner Empfindlichkeiten als aus strategischen
und budget=E4ren =DCberlegungen erfolgte). Nachdem es zun=E4chst
nur informelle Kontakte auf Regierungsebene und zwischen Parlamentariern
beider L=E4ndern gab, erkl=E4rte sich die Bundesregierung im deutsch-franz=
=F6sischen
Sicherheitskonzept vom Dezember 1996 erstmals offiziell bereit, einen Dialo=
g
=FCber die =AB&nbsp;k=FCnftige Rolle der Nuklearwaffen im Kontext
der europ=E4ischen Verteidigungspolitik&nbsp;=BB aufzunehmen. Im
Juli 1997 sprach sich auch die SPD daf=FCr aus, das Thema zu er=F6rtern.
In einem gemeinsamen Papier von franz=F6sischen Sozialisten und deutschen
Sozialdemokraten hei=DFt es: =AB&nbsp;Es kann keine Mehrheitsentscheidungen
=FCber den Einsatz von Nuklearwaffen geben. Aber was es geben kann und
mu=DF ist eine offene Diskussion dar=FCber, wie das franz=F6sische
Nuklearpotential in den Proze=DF der europ=E4ischen Integration
eingebracht werden kann. Deutschland hat und will keine Nuklearwaffen,
und es will auch keinen 'Finger am Abzug' fremder Nuklearwaffen. Aber in
der deutsch-franz=F6sischen Schicksalsgemeinschaft kann es keine Tabuzonen
geben. Warum also nicht eine nukleare Konsultationsgruppe schaffen, in
der Europ=E4er =FCber die politische und milit=E4rische Rolle
von Nuklearwaffen sprechen k=F6nnen?&nbsp;=BB </p>

<p>Diese Gespr=E4chsbereitschaft bleibt vorsichtig, markiert aber doch
eine Wende gegen=FCber der bisherigen Politik. Zwar mi=DFt in Bonn
niemand der nuklearen Frage besondere Dringlichkeit bei, dennoch besteht
ein grunds=E4tzliches Interesse daran, die franz=F6sischen Nuklearstreitkr=
=E4fte
in einen multilateralen Rahmen einzubinden. Aus deutscher Sicht bringt
die nationale Ausrichtung der franz=F6sischen Abschreckung zwar heute
milit=E4risch weit weniger Probleme mit sich als w=E4hrend des Kalten
Krieges, sie stellt aber politisch zunehmend eine Anomalit=E4t dar.
Die Bundesregierung bef=FCrwortet daher, die franz=F6sischen und
britischen Arsenale langfristig in den europ=E4ischen Einigungsproze=DF
einzubeziehen. Kurzfristig geht es ihr allerdings eher darum, Frankreich
aus seiner Sonderrolle in der Allianz herauszulotsen oder zumindest durch
konkrete Projekte m=F6glichst viele Br=FCcken nach Paris zu bauen.
Dabei bleibt f=FCr Bonn die entscheidende Bedingung, da=DF eine
nukleare Konzertierung mit Frankreich keinesfalls zu Lasten der NATO und
des amerikanischen Nuklearschirms gehen darf. </p>

<p>Bislang blieb es zwischen Frankreich und Deutschland bei offiziellen
Erkl=E4rungen und informellen Kontakten. Die Instanzen des Verteidigungs-
und Sicherheitsrates sollten sich urspr=FCnglich Anfang 1997 mit der
=AB&nbsp;dissuasion concert=E9e&nbsp;=BB befassen; als in
Frankreich die Entscheidung zur Parlamentsaufl=F6sung fiel, wurde das
Thema allerdings wieder von der Tagesordnung genommen. M=F6glicherweise
wollte die Regierung Jupp=E9 die nukleare Frage w=E4hrend des Wahlkampfes
zur=FCckstellen, nachdem die Opposition bereits zuvor das gemeinsame
Strategiepapier als franz=F6sischen Kotau vor dem bundesdeutschen =AB&nbsp;=
Atlantizismus&nbsp;=BB
gegei=DFelt hatte. Seit dem unerwarteten Wahlsieg der Linken ruht das
Dossier wieder im Elys=E9e. Da auch die Sozialisten eine europ=E4ische
Konzertierung bef=FCrworten, bleibt die Idee jedoch aktuell. Anfang
September 1997 hat der neue Premierminister Lionel Jospin bekr=E4ftigt,
da=DF Frankreich den Dialog mit seinen wichtigsten Partnern =FCber
den =AB&nbsp;gesamten Bereich nuklearer Abschreckung&nbsp;=BB vertiefen
will. Sicher ist, da=DF die Instanzen des deutsch-franz=F6sischen
Verteidigungs- und Sicherheitsrates nach wie vor das grunds=E4tzliche
Mandat haben, nukleare Fragen zu er=F6rtern. Auch steht fest, da=DF
informelle Gespr=E4che weiterlaufen werden.<br>
</p>

<p><b>Perspektiven</b> </p>

<p>Angesichts der Zur=FCckhaltung der anderen Europ=E4er ist nicht
damit zu rechnen, da=DF die franz=F6sische Initiative schnell zu
weitreichenden Ergebnissen f=FChrt. Die politische und strategische
Situation erfordert dies auch nicht. Dennoch weist die Idee der konzertiert=
en
Abschreckung in die richtige Richtung: Auch wenn das Ziel einer gemeinsamen
Verteidigungspolitik oder gar einer gemeinsamen Verteidigung noch in weiter
Ferne liegt, k=F6nnen EU und WEU auf Dauer nicht einfach ignorieren,
da=DF zwei ihrer Mitglieder Nuklearm=E4chte sind und bleiben wollen.
Zudem bliebe eine europ=E4ische Verteidigungsidentit=E4t ohne Einbeziehung
der nuklearen Komponente unvollst=E4ndig. Nat=FCrlich kann eine gemeinsame
Abschreckung mit geteilter Verf=FCgungsgewalt allenfalls am Ende des
europ=E4ischen Einigungsprozesses stehen. Nur in einem supranationalen
Europa w=E4ren die Asymmetrien in den nuklearen Rollen und Verantwortlichke=
iten
vollst=E4ndig aufgehoben. Eine vollst=E4ndige Integration im Kernwaffenbere=
ich
l=E4=DFt sich aber - wenn =FCberhaupt - nur =FCber Zwischenschritte
und abgestufte Formen der Kooperation erreichen. Es bedarf einer langen
=DCbergangsphase der intergouvernementalen Zusammenarbeit und der Teilinteg=
ration,
um die bestehenden Unterschiede allm=E4hlich abzuschleifen. </p>

<p>Da=DF eine Kooperation auch unterhalb der Supranationalit=E4t
m=F6glich ist, hat die NATO drei=DFig Jahre lang vorgef=FChrt.
Selbst eine zwischenstaatlich organisierte europ=E4ische Zusammenarbeit
h=E4tte f=FCr die nichtnuklearen Europ=E4er Vorteile gegen=FCber
dem derzeitigen NATO-Modell: Zum einen sprechen geographische wie politisch=
e
Gr=FCnde daf=FCr, da=DF die britische und die franz=F6sische
Abschreckung mittelfristig Europa einen begrenzteren, daf=FCr aber zuverl=
=E4ssigeren
Schutz bieten als der amerikanische Atomschirm. Zum anderen blieben den
nuklearen =AB&nbsp;have nots&nbsp;=BB wahrscheinlich gr=F6=DFere
Mitsprachem=F6glichkeiten, weil der machtpolitische Abstand zu den Kernwaff=
enm=E4chten
wesentlich geringer w=E4re. Die Nichtnuklearen k=F6nnten gerade die
Flexibilit=E4t der franz=F6sischen Initiative nutzen, um die weitere
Entwicklung mitzubestimmen. Allerdings m=FC=DFten sie im Gegenzug
akzeptieren, da=DF Frankreichs Position in Europa und innerhalb der
Allianz politisch aufgewertet w=FCrde. Europa wird sein Gewicht als
Ganzes nur erh=F6hen, wenn alle Seiten ihre traditionellen Eifers=FCchtelei=
en
=FCberwinden. </p>

<p>Paris geht es nicht darum, Westeuropa von der amerikanischen Nukleargara=
ntie
abzukoppeln, sondern diese durch ein europ=E4isches Element zu erg=E4nzen.
Gegenteilige Verd=E4chtigungen spiegeln einen =AB&nbsp;antigaullistischen&n=
bsp;=BB
Reflex der =FCbrigen Europ=E4er wider, entsprechen aber nicht tats=E4chlich=
en
franz=F6sischen Absichten. Frankreich hat trotz seiner Sonderrolle in
der Nuklearpolitik stets mit den USA kooperiert. Auch diesmal geht es nicht
um den Abbruch, sondern um die Neudefinition der transatlantischen Zusammen=
arbeit.
Eine europ=E4ische Kernwaffenkooperation soll die politischen Gewichte
in der Allianz ver=E4ndern, diese aber intakt lassen. Tats=E4chlich
kann eine wie auch immer geartete europ=E4ische Abschreckung die europ=E4is=
che
S=E4ule im B=FCndnis st=E4rken. Dazu gilt es freilich zun=E4chst,
im Rahmen einer zwischenstaatlichen Konzertierung die Gr=E4ben zwischen
den Europ=E4ern zu =FCberbr=FCcken. </p>

<p>Multilateral wird sich diese Konzertierung kurzfristig kaum organisieren
lassen. In der WEU w=E4re zur Zeit allenfalls eine Reflexionsgruppe
m=F6glich, deren Arbeit stets durch die Auflage beschr=E4nkt bliebe,
nicht mit der NPG der NATO zu konkurrieren. Selbst wenn sich ein WEU-Gremiu=
m
auf die Vollmitglieder beschr=E4nken w=FCrde, k=F6nnte es nur
eine grunds=E4tzliche Diskussion =FCber die Rolle von Kernwaffen
f=FChren. Frankreich ist aus diesem Grund an einer WEU-L=F6sung bislang
nicht interessiert gewesen, m=F6glicherweise wird sich aber die neue
Regierung aufgeschlossener zeigen. Dies bedeutet indes nicht, da=DF
die anderen Europ=E4er ein nukleares WEU-Gremium akzeptieren w=FCrden.
</p>

<p>Die NATO scheidet wegen der franz=F6sischen Vorbehalte vorl=E4ufig
aus. Offensichtlich spielte das Nukleare bei den bisherigen Verhandlungen
=FCber den Wiedereinstieg Franreichs in die milit=E4rische Integration
keine Rolle. Angeblich w=E4re die Regierung Jupp=E9 ohne Vorbedingungen
der NPG beigetreten, um von innen heraus privilegierte Beziehungen zu besti=
mmten
Verb=FCndeten aufzubauen. Dies h=E4tte der bisher ge=FCbten Praxis
der NPG entsprochen, manche nichtnukleare Staaten =AB&nbsp;gleicher&nbsp;=
=BB
zu behandeln als andere. Nach dem Eklat um die Besetzung des Oberkommando
S=FCd (AFSOUTH) und dem Wahlsieg der Linken ist eine R=FCckkehr in
die milit=E4rische Integration auf absehbare Zeit allerdings unwahrscheinli=
ch
geworden. Dies wird Frankreich zwar nicht daran hindern, wie bisher nuklear=
e
Fragen bilateral mit den USA und Gro=DFbritannien zu behandeln und
aktiv in der DGP mitzuarbeiten. Paris wird auch nicht von der Zusage vom
Dezember 1995 abr=FCcken, nukleare Fragen im NATO-Rat zu er=F6rtern.
Eine Mitwirkung in der NPG und den anh=E4ngenden Gremien kommt aber
unter diesen Bedingungen nicht in Frage. </p>

<p>Eine multilaterale Konzertierung zwischen Europ=E4ern scheint erst
m=F6glich, wenn Frankreich sein Verh=E4ltnis zur NATO gekl=E4rt
hat. Solange Paris an seinem Sonderstatus festh=E4lt, werden die Verb=FCnde=
ten
jeden Schritt in Richtung auf eine europ=E4ische Abschreckung als antiameri=
kanischen
Schritt ablehnen. Die =AB&nbsp;dissuasion concert=E9e&nbsp;=BB
wird deshalb nur Erfolg haben, wenn sie sich in eine allgemeine Neudefiniti=
on
der transatlantischen Sicherheitsbeziehungen einf=FCgt. Eine europ=E4ische
Abschreckung l=E4=DFt sich nicht als rein europ=E4isches Projekt
voranbringen, sondern mu=DF von Anfang an die politische und strategische
Koppelung an die amerikanische Abschreckung in ihren Bauplan miteinbeziehen=
.
Dies liegt auch aus praktischen Gr=FCnden nahe, da jede nukleare Krise
automatisch die USA auf den Plan rufen w=FCrde. </p>

<p>Vorl=E4ufig scheint ein konzertierter Bilateralismus die einzige
M=F6glichkeit, =FCberhaupt ins Gespr=E4ch zu kommen. Zwischen
den Nuklearm=E4chten selbst gibt es diesen Bilateralismus schon lange;
neu w=E4re ein Dialog zwischen Frankreich und den einzelnen nichtnuklearen
Europ=E4ern. Auf absehbare Zeit wird es dabei allenfalls zu einer deutsch-f=
ranz=F6sischen
Verbindung kommen, weil die anderen Europ=E4er selbst nicht sonderlich
interessiert sind und auch Paris zun=E4chst nur auf Bonn setzt. Auch
im deutsch-franz=F6sischen Dialog werden die Perzeptionsunterschiede
keineswegs leicht auszur=E4umen sein: Wenn deutsche Sicherheitspolitiker
beispielsweise erkl=E4ren, Ziel einer Konzertierung m=FCsse die Abr=FCstung
des franz=F6sischen Potentials sein, dann mag dies zwar eher f=FCr
die eigene =D6ffentlichkeit bestimmt sein, spricht aber dennoch nicht
f=FCr das rasche Zustandekommen einer engen nuklearen Partnerschaft.
</p>

<p>Eine deutsch-franz=F6sischer Nukleardialog birgt zudem immer die
Gefahr in sich, bei den Partnern Argwohn und nationale Eifers=FCchteleien
zu wecken. Dieses Risiko stellt sich insbesondere, wenn an die Stelle der
informellen Kontakte offizielle Gespr=E4che treten sollten. Beide Partner
m=FCssen daher ein Interesse daran haben, ihren Dialog gegen=FCber
einer Beteiligung weiterer europ=E4ischer Staaten offenzuhalten und
den Kontakt zur Atlantischen Allianz zu halten. Letzteres mu=DF kein
un=FCberwindliches Hindernis sein: Franzosen und Briten haben gemeinsam
im NATO-Rat ihre Erkl=E4rung zur Untrennbarkeit ihrer vitalen Interessen
erl=E4utert, und auch Deutschland und Frankreich k=F6nnten dem Rat
regelm=E4=DFig die Ergebnisse ihrer Gespr=E4che vortragen. </p>

<p>Trotz der Schwierigkeiten scheint ein deutsch-franz=F6sischer Bilaterali=
smus
als Vorstufe zu einer Europ=E4isierung sinnvoll. Zum einen sind Paris
und Bonn traditionell Wegbereiter europ=E4ischer L=F6sungen, und
nur eine gemeinsame deutsch-franz=F6sische Initiative hat Chancen, einer
Idee dieser Tragweite zum Durchbruch zu verhelfen. Zum anderen kommt Deutsc=
hland
von jeher die Funktion zu, Br=FCcken zwischen Frankreich und dem atlantisch=
en
B=FCndnis zu bauen. Beide L=E4nder sind daher pr=E4destiniert,
gemeinsam zu pr=FCfen, wie sich eine Konzertierung unter Wahrung der
europ=E4ischen Identit=E4t mit den Amerikanern koppeln lie=DFe.
</p>

<p>Obwohl sich Gro=DFbritannien nat=FCrlich in einer anderen Position
befindet als die nichtnukleare Bundesrepublik, haben die britisch-franz=F6s=
ischen
Gespr=E4che gezeigt, wie ein deutsch-franz=F6sischer Dialog aussehen
k=F6nnte. Am Anfang jeder Konzertierung mu=DF die Suche nach einem
grundlegenden Konsens =FCber die Rolle von Kernwaffen f=FCr die europ=E4isc=
he
Sicherheit stehen. Die deutsche Haltung ist in diesem Punkt jenseits verbal=
er
Bekenntnisse zur nuklearen Abschreckung alles andere als klar definiert.
Der Dialog mit Frankreich kann Deutschland durchaus helfen, sich =FCber
die eigenen Interessen klar zu werden. </p>

<p>Inhaltlich geht es zun=E4chst um Information und Meinungsaustausch
=FCber die franz=F6sische Nukleardoktrin und die Mechanismen der
franz=F6sischen Abschreckung. Wo beginnen heute die vitalen Interessen
Frankreichs? Unter welchen Bedingungen wird f=FCr Paris die Androhung
nuklearer Eins=E4tze denkbar? Welche Funktion ist den derzeit vorhandenen
und geplanten Waffensystemen zugedacht? Wie ist die Flexibilisierung der
franz=F6sischen Abschreckung zu deuten, die im Wei=DFbuch von 1994
zum Ausdruck kommt? K=F6nnen pr=E4strategische Nuklearwaffen, deren
Einsatz einst als letzte Warnung vor dem Einsatz der zentralen strategische=
n
Systeme konzipiert war, gegen=FCber neuen Proliferanten eine eigenst=E4ndig=
e
Rolle =FCbernehmen? Wie stellt sich Frankreich die Rolle des Nuklearen
zur Abschreckung biologischer und chemischer Waffen vor? W=E4re Frankreich
bereit, auf das Recht zum nuklearen Ersteinsatz zu verzichten, um die nukle=
are
Abschreckung f=FCr die kernwaffenkritischen Europ=E4er akzeptabler
zu machen? </p>

<p>Der Dialog braucht sich keineswegs auf Fragen der nuklearen Abschreckung
im engeren Sinn beschr=E4nken. Sinnvoll erscheint auch eine gemeinsame
Analyse m=F6glicher Bedrohungen: Wie interpretiert man beispielsweise
in Bonn und Paris die Abkehr Ru=DFlands vom Prinzip des =AB&nbsp;no
first use&nbsp;=BB und die Weigerung der Duma, das SALT-II-Abkommen
zu ratifizieren? Was ist mit den taktischen Atomwaffen passiert, die Ru=DFl=
and
aus Mittel- und Osteuropa abgezogen hat? Damit einher gehen Fragen der
Non-Proliferation und der Abr=FCstung: Wie w=FCrde man reagieren,
falls ein potentieller Proliferant tats=E4chlich =FCber Massenvernichtungsw=
affen
verf=FCgte? Sollte Europa auf eine eindeutigere Formulierung der positiven
Sicherheitsgarantien hinarbeiten, als sie der NPT bislang gibt? Welche
politische Linie sollen die Europ=E4er auf der n=E4chsten NPT-Folgekonferen=
z
verfolgen? W=E4re eine Multilateralisierung des INF-Vertrages zur Beseitigu=
ng
der landgest=FCtzten Mittelstraketenraketen ein gangbarer Weg, um Europa
gegen Bedrohungen aus der s=FCdlichen Peripherie zu sch=FCtzen? Derartige
Fragen werden zwar zum Teil bereits in der NATO und im Rahmen der GASP
besprochen, dennoch scheitert eine gemeinsame europ=E4ische Position
oftmals an den traditionellen Gegens=E4tzen zwischen Atom- und Nichtatomm=
=E4chten.
</p>

<p>Ein solcher Austausch w=FCrde helfen, die Entfremdung zu =FCberwinden
und zu einer gemeinsamen Sichtweise im Kernwaffenbereich zu kommen. Darauf
aufbauend k=F6nnten Paris und Bonn nach einer institutionellen L=F6sung
f=FCr eine europ=E4ische Zusammenarbeit suchen. Gibt es beispielsweise
einen organisatorischen Mittelweg zwischen der franz=F6sischen Sonderrolle
und der britischen NATO-Option? W=E4re Frankreich bereit, einer neu
zu gr=FCndenden ad-hoc-Gruppe beizutreten, die sich mit Fragen der nukleare=
n
Abschreckung befa=DFt? Kann im Rahmen der Atlantischen Allianz eine
Konzertierung losgel=F6st von der R=FCckkehr in die milit=E4rische
Integration in Gang gesetzt werden? Wie k=F6nnte die europ=E4ische
Rolle im B=FCndnis auf nuklearem Gebiet gest=E4rkt werden? Welche
politischen Konsequenzen sind aus dem reduzierten nuklearen Engagement
der Amerikaner zu ziehen? Wie lie=DFe sich das franz=F6sische Nuklearpotent=
ial
nutzen, um innerhalb der Allianz das europ=E4ische Gewicht insgesamt
zu st=E4rken? Wie k=F6nnte eine deutsch-franz=F6sische bzw. eine
europ=E4ische Rolle in der NPG aussehen? </p>

<p>Ob sich ein Dialog =FCber europ=E4ische Abschreckung auf Deutschland
und Frankreich beschr=E4nkt, oder andere Europ=E4er miteinbezieht:
Er sollte sich nicht in technischen Details verstricken, sondern sich am
gro=DFen politischen Ziel orientieren. Letztlich geht es darum, ob
das politische Europa =FCberhaupt eine nukleare Komponente haben soll
oder nicht. So irrelevant diese Frage heute milit=E4risch erscheinen
mag, politisch verbindet sich mit ihr nicht weniger als die Finalit=E4t
einer Politischen Union. Die Chancen auf eine Welt, die frei von Massenvern=
ichtungswaffen
ist, sind denkbar gering. Sich unter diesen Bedingungen auf Dauer einzig
dem Nuklearschirm der USA anzuvertrauen, bedeutet letztlich, die Zust=E4ndi=
gkeit
f=FCr die eigene Sicherheit an eine au=DFereurop=E4ische Macht
zu delegieren. Auch im russisch-amerikanischen Abr=FCstungsdialog und
in =AB&nbsp;harten&nbsp;=BB Proliferationsfragen werden die Europ=E4er
nur geh=F6rt werden, wenn sie mit einheitlicher Stimme sprechen. In
einer nuklearisierten Welt wird Europa in zentralen Fragen seiner eigenen
Sicherheit nur handlungsf=E4hig sein, wenn es selbst ein nuklearer Akteur
wird. Eine Er=F6rterung nuklearer Abschreckung kann daher durchaus hilfreic=
h
sein, um zu kl=E4ren, welches Europa man jenseits aller Lippenbekenntnisse
eigentlich will. </p>

<p>Auch auf einer intergouvernementalen Stufe setzt eine europ=E4ische
Abschreckung eine Ma=DF an Konvergenz voraus, das innerhalb der Europ=E4isc=
hen
Union kaum erreichbar scheint. Je intensiver sich die Zusammenarbeit gestal=
tet,
desto mehr politische und strategische =DCbereinstimmung wird erforderlich.
Schon die 15 Mitglieder der heutigen EU werden sich kaum auf die Basis
einer gemeinsamen Abschreckung verst=E4ndigen k=F6nnen. Je mehr Staaten
in die EU kommen, desto geringer wird die Chance auf einen solchen Konsens.
Die Nukleardebatte f=FChrt damit ins Zentrum der Diskussion =FCber
die Zukunft der europ=E4ischen Konstruktion. Das Spannungsverh=E4ltnis
zwischen Erweiterung und Vertiefung wird sich auch - und gerade - in der
Kernwaffenpolitik wohl nur =FCber die Schaffung einer europ=E4ischen
Kerngruppe aufl=F6sen lassen. Es ist durchaus wahrscheinlich, da=DF
die W=E4hrungsunion (EWU) zum Ausgangspunkt einer solchen Kerngruppe
wird. Die Einf=FChrung des =AB&nbsp;Euro&nbsp;=BB bringt einen
qualitativen Sprung in den europ=E4ischen Einigungsproze=DF. Die
gemeinsame W=E4hrung wird die vitalen Interessen der EWU-Teilnehmerstaaten
wirklich untrennbar machen und damit eine entscheidende Voraussetzung f=FCr
eine gemeinsame Abschreckung schaffen. </p>

<p>Bleibt - last but not least - die Haltung der =D6ffentlichkeit: Eine
europ=E4ische Abschreckung hat nur eine Chance, wenn sie von den B=FCrgern
akzeptiert wird. Es w=E4re verh=E4ngnisvoll f=FCr die Idee, wenn
eine unvorbereitete Bev=F6lkerung aus den Medien von geheimen Vereinbarunge=
n
erf=FChre oder eines Tages vor ein fait accompli gestellt w=FCrde.
Die Gesellschaft m=FC=DFte daher fr=FChzeitig in den Dialog einbezogen
werden. Andererseits l=E4uft heute jede Diskussion =FCber Kernwaffen
Gefahr, in Polemik zu enden. K=E4me es zu einer offenen Debatte, w=FCrde
Europa daher einen erheblichen Teil seines politischen Kapitals aufs Spiel
setzen. Ob dies gerade heute ratsam ist, scheint durchaus fraglich. Je
l=E4nger man die nukleare Frage allerdings tabuisiert, desto schwieriger
wird es sein, sich =F6ffentlich <b>und </b>rational mit diesen Themen
auseinanderzusetzen. </p>
</td>
</tr>

<tr>
<td><img src=3D"https://www.fes.de/fes-images/fes-log1.gif"></td>

<td></td>

<td valign=3D"bottom">
<!--foot - Datum einfuegen!-->
<p>
</p><hr>
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=A9 <a href=3D"mailto:wwwadm@fes.de">Friedrich Ebert Stiftung</a>
| <a href=3D"https://www.fes.de/support.html">technical support</a> | net e=
dition=20
<a href=3D"mailto:redaktion@fes.de">bh&amp;ola</a> | Januar 1998
<br>
</font></td>
</tr>
</tbody></table>



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