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Subject: Zeitschrift: Internationale Politik und Gesellschaft
Date: Mon, 26 Jan 2026 09:43:33 +0100
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<table width=3D"97%" border=3D"0" cellspacing=3D"0" cellpadding=3D"0"> <tbo=
dy><tr> <td width=3D"2%" class=3D"platz" height=3D"20"><img src=3D"https://=
www.fes.de/ipg/arc_04_d/hg/spac.gif" height=3D"20" width=3D"15"></td><td wi=
dth=3D"2%" class=3D"platz"><img src=3D"https://www.fes.de/ipg/arc_04_d/hg/s=
pac.gif" height=3D"20" width=3D"20"></td><td width=3D"23%" class=3D"platz">=
&nbsp;<a name=3D"anf"></a></td><td width=3D"45%" class=3D"platz">&nbsp;</td=
><td width=3D"25%" class=3D"platz">&nbsp;</td></tr>=20
<tr> <td class=3D"text">&nbsp;</td><td class=3D"ueber" valign=3D"top" colsp=
an=3D"3">John Lewis=20
Gaddis: Surprise, Security, and the American Experience</td><td class=3D"ue=
ber" valign=3D"top" rowspan=3D"6" align=3D"right"><br>=20
&nbsp;</td></tr> <tr> <td class=3D"text">&nbsp;</td><td class=3D"unter" val=
ign=3D"top">&nbsp;</td><td class=3D"unter" valign=3D"top">&nbsp;</td><td cl=
ass=3D"unter" valign=3D"top">&nbsp;</td></tr>=20
<tr> <td class=3D"text">&nbsp;</td><td class=3D"unter" valign=3D"top">&nbsp=
;</td><td class=3D"unter" valign=3D"top"><b>Heft=20
4/2004</b></td><td class=3D"unter" valign=3D"top">&nbsp;</td></tr> <tr> <td=
 class=3D"text">&nbsp;</td><td class=3D"unter" valign=3D"top">&nbsp;</td><t=
d class=3D"unter" valign=3D"top">&nbsp;</td><td class=3D"unter" valign=3D"t=
op">&nbsp;</td></tr>=20
<tr> <td class=3D"text">&nbsp;</td><td class=3D"unter" valign=3D"top" colsp=
an=3D"3">Cambridge/London=20
2004 <br>Harvard University Press, 138 S.</td></tr> <tr> <td class=3D"text"=
>&nbsp;</td><td class=3D"unter" valign=3D"top" colspan=3D"3">&nbsp;</td></t=
r>=20
<tr> <td class=3D"text">&nbsp;</td><td class=3D"unter" valign=3D"top" colsp=
an=3D"4"> <p> Wer=20
sich =FCber die Folgen des 11. Septembers 2001 und die Aussen- und Sicherhe=
itspolitik=20
der Administration Bush II informieren m=F6chte, findet in den Buchl=E4den =
Unmengen=20
an neuester Literatur dazu. Angebot und Nachfrage scheinen enorm zu sein. Q=
ualitativ=20
dagegen erreichen nur wenige dieser Monographien ein auch nur halbwegs befr=
iedigendes=20
Niveau. Etliches - wie beispielsweise die Traktate von Michael Moore - ist =
nicht=20
viel mehr als die "ersch=FCtternde Summe von Schlampigkeiten, L=FCgen und d=
emagogischen=20
Verdrehungen".<a style=3D"mso-footnote-id:ftn1" href=3D"https://www.fes.de/=
ipg/arc_04_d/04_04_d/r_4_04_2.htm#_ftn1" name=3D"_ftnref1" title=3D""><span=
 class=3D"MsoFootnoteReference"><span style=3D"mso-special-character:footno=
te"><!--[if !supportFootnotes]-->[1]<!--[endif]--></span></span></a><o:p></=
o:p>=20
</p><p>Wer von Verschw=F6rungstheorien wenig h=E4lt und an einer vertieften=
, geschichtlich=20
fundierten Reflexion =FCber das einschneidende Ereignis des 11. Septembers =
2001=20
und seine Konsequenzen interessiert ist, wird das kleine Buch des renommier=
ten=20
amerikanischen Historikers John Lewis Gaddis als ein wahres Juwel sch=E4tze=
n. Was=20
Gaddis auf lediglich 118 Seiten Text (plus rund 20 Seiten Anmerkungen) leis=
tet,=20
ist beeindruckend. Auch wenn man da und dort mit Gaddis' Interpretationen n=
icht=20
einverstanden sein mag, sein Buch ist nie geschw=E4tzig und besserwisserisc=
h, sondern=20
konzis, spannend, =FCber weite Strecken brillant. </p><p>Die USA seien in i=
hrer=20
Geschichte, so lautet die Kernthese von Gaddis, drei Mal Opfer von verheere=
nden=20
=DCberraschungsangriffen geworden, die sich tief in das allgemeine Bewussts=
ein der=20
Amerikaner eingebrannt und jeweils zu einer fundamentalen Neuorientierung d=
er=20
amerikanischen Sicherheits- und Au=DFenpolitik gef=FChrt h=E4tten. Am 24. A=
ugust 1814,=20
am 7. Dezember 1941 und am 11. September 2001 sei die Illusion, die Amerika=
ner=20
gen=F6ssen ein friedliches Dasein unber=FChrt vom (angeblich) gewaltt=E4tig=
en Rest der=20
Welt, nachhaltig zerst=F6rt worden. Diese drei Ereignisse h=E4tten national=
e Identit=E4tskrisen=20
ausgel=F6st (S. 10).</p><p> Am 24. August 1814 brannten britische Truppen d=
as Weisse=20
Haus und das Kapitol in Washington nieder. Als Antwort auf dieses traumatis=
che=20
Ereignis entwickelte der Aussenminister von Pr=E4sident Monroe und sp=E4ter=
e Pr=E4sident=20
(1825-29) John Quincy Adams eine sicherheitspolitische Strategie auf drei P=
feilern:=20
Pr=E4ventivschl=E4ge, Unilateralismus und Hegemonie (S. 16). Um die Sicherh=
eit der=20
USA zu garantieren, wurden w=E4hrend Jahrzehnten Pr=E4ventivkriege gef=FChr=
t und mit=20
der Absicht, angebliche Machtvakuen zu f=FCllen, neue Territorien erobert. =
Ziel=20
dieser Politik war es, die amerikanische Hegemonie =FCber die gesamte westl=
iche=20
Hemisph=E4re zu sichern. An B=FCndnispolitik war man nicht interessiert, ma=
n handelte=20
unilateral. </p><p>Hatten Adams und die ihm nachfolgenden Pr=E4sidenten geg=
laubt,=20
durch die kontinuierliche Expansion der amerikanischen Einflusssph=E4re Sic=
herheit=20
f=FCr die USA schaffen zu k=F6nnen, zeigte die japanische Attacke auf Pearl=
 Harbor,=20
dass geografische Distanz allein keinen ausreichenden Schutz mehr bot. Pr=
=E4sident=20
Roosevelt zog aus dem 7. Dezember 1941 drei Konsequenzen. Erstens sah er si=
ch=20
gezwungen, die Doktrin des Unilateralismus =FCber Bord zu werfen. Er tat di=
es nicht=20
aus Sympathie gegen=FCber seinen Partnern, sondern aus purer Notwendigkeit =
(S. 51).=20
Zweitens strebte Roosevelt eine nunmehr globale Hegemonie der USA an, eine =
weltweite=20
"preponderance of power".<a style=3D"mso-footnote-id:ftn2" href=3D"https://=
www.fes.de/ipg/arc_04_d/04_04_d/r_4_04_2.htm#_ftn2" name=3D"_ftnref2" title=
=3D""><!--[if !supportFootnotes]-->[2]<!--[endif]--></a>=20
Der Aufbau multilateraler Strukturen nach dem Zweiten Weltkrieg - der UNO, =
des=20
Bretton-Woods-Systems und der NATO - diente letztlich der Absicherung des g=
lobalen=20
Hegemonieanspruchs der USA (S. 53). Drittens gab Roosevelt die Strategie de=
r Pr=E4ventivschl=E4ge=20
auf; sie war obsolet geworden. Der F=FChrungsanspruch der USA - auch der mo=
ralische=20
- vertrug sich schlecht mit der Idee, die USA k=F6nnten "fire the first sho=
t" (S.=20
58). Der "Sieg" der USA im Kalten Krieg basierte denn auch, so f=FChrt Gadd=
is aus,=20
nicht zuletzt auf der "Asymmetrie der Legitimit=E4t" der beiden Superm=E4ch=
te, auf=20
dem weitgehenden amerikanischen Verzicht auf Pr=E4ventivschl=E4ge und Unila=
teralismus=20
(S. 64). </p><p>Der 11. September 2001 verlangte nach einer "redefinition, =
for=20
only the third time in American history, of what it will take to protect th=
e nation=20
from surprise attack" (S. 85). Die amerikanische Regierung habe zuerst - so=
 schreibt=20
Gaddis - eine minuzi=F6se Lageanalyse vorgenommen und mit der "National Sec=
urity=20
Strategy of the United States of America (NSS)" vom 17. September 2002 die =
Grundlinien=20
einer neuen Au=DFen- und Sicherheitspolitik =FCberzeugend dargelegt. Im Geg=
ensatz=20
zur Clinton-Administration, die Gaddis wegen ihrer "laissez-faire foreign a=
nd=20
national security policy" ohne klare strategische Ausrichtung hart kritisie=
rt=20
(S. 77), habe George W. Bush erkannt, dass sich Frieden nicht automatisch e=
instelle,=20
sondern zu erarbeiten und zu verteidigen sei (S. 83f.). Wer die NSS genau l=
ese,=20
werde auch =FCberrascht sein, dass die Bush-Administration st=E4rker als ih=
re Vorg=E4ngerregierung=20
f=FCr multilaterale Zusammenarbeit pl=E4diere (S. 84). Ungewohnt sei an der=
 Bush-Doktrin,=20
dass sie die M=F6glichkeit von Pr=E4ventivschl=E4gen explizit erw=E4hne. Di=
es sei aber=20
eben keine Abkehr von der traditionellen amerikanischen Sicherheitspolitik,=
 sondern=20
vielmehr eine R=FCckkehr zu ihren Wurzeln zu Beginn des 19. Jahrhunderts (S=
. 86f.).=20
</p><p>Bush habe durchaus verstanden, dass milit=E4rische Interventionen al=
lein=20
nicht ausreichten, um den neuen Gegner, den Terrorismus, zu bek=E4mpfen. De=
n Hauptgrund=20
f=FCr das Aufkommen starker terroristischer Gruppierungen sehe die Bush-Adm=
inistration=20
aber nicht in den wirtschaftlichen Problemen und der Armut in den L=E4ndern=
 des=20
Nahen und Mittleren Ostens, sondern im Fehlen demokratischer Strukturen. Di=
es=20
f=FChre zu einem Abgleiten breiter Schichten in den islamischen Fundamental=
ismus.=20
Die Antwort der Bush-Administration sei einfach, "it is to spread democracy=
 everywhere"=20
(S. 89f.): "[T]he United States must now finish the job that Woodrow Wilson=
 started".=20
</p><p>Gaddis unterstreicht mehrfach die Qualit=E4t der NSS und begr=FCsst =
insbesondere=20
den Versuch der Bush-Administration, eine sicherheits- und au=DFenpolitisch=
e "grand=20
strategy" mit klaren Zielen zu definieren. Er ist aber keineswegs unkritisc=
h gegen=FCber=20
der Regierung Bush. Zuerst h=E4lt Gaddis fest, die Konstruktion einer "Achs=
e des=20
B=F6sen" sei v=F6llig deplatziert gewesen und habe von der eigentlichen Zie=
lrichtung=20
der "neuen" Au=DFen- und Sicherheitspolitik abgelenkt. Zweitens spricht Gad=
dis im=20
Kontext des Irakkrieges von einem schwerwiegenden diplomatischen Versagen d=
er=20
USA. Der multilaterale Pfad bei der weltweiten Terrorismusbek=E4mpfung sei,=
 obwohl=20
vorgezeichnet, nicht konsequent beschritten worden. Ferner stellt Gaddis di=
e Frage=20
in den Raum, ob die forcierte Demokratisierung wirklich der Schl=FCssel zur=
 Stabilisierung=20
und Befriedung des Nahen und Mittleren Ostens sei. </p><p>Warum hat die Bus=
h-Administration=20
im Irak den Alleingang gew=E4hlt? Um klar zu machen, dass die Terrorismusbe=
k=E4mpfung=20
auch eine langfristige Priorit=E4t sei und Terroristen und Staaten, die mit=
 terroristischen=20
Gruppierungen zusammenarbeiteten, die harte Hand Washingtons zu sp=FCren be=
k=E4men,=20
verfolge die Bush-Administration - so erkl=E4rt Gaddis - eine Politik des "=
shock=20
and awe". In rascher Folge sollten Dominosteine (Afghanistan, Irak usw.) in=
s Fallen=20
gebracht werden, um massiven psychologischen Druck auf den Gegner auszu=FCb=
en ("the=20
pace had to be kept up", S. 99). Dabei h=E4tten Bush und das Pentagon aber =
vergessen,=20
dass gute Strategen wissen m=FCssten, wann mit "shock and awe" aufgeh=F6rt =
und eine=20
Konsolidierungsphase eingelegt werden sollte. Schlie=DFlich habe sich, wie =
Gaddis=20
hervorhebt, das Fehlen klarer Vorstellungen =FCber die Gestaltung des Nachk=
riegsiraks=20
als katastrophal erwiesen. </p><p>An Gaddis' Buch =FCberzeugt, dass die str=
ategischen=20
=DCberlegungen der Bush-Administration vorurteilsfrei analysiert und nicht =
a priori=20
verteufelt werden. Der Vergleich der au=DFen- und sicherheitspolitischen An=
tworten=20
auf die drei gro=DFen =DCberraschungsangriffe auf die USA ist faszinierend =
und =F6ffnet=20
den Blick auf Kontinuit=E4ten, aber auch Br=FCche in der amerikanischen Pol=
itik. Die=20
Studie von Gaddis ruft schlie=DFlich (gerade) dem europ=E4ischen Leser in E=
rinnerung,=20
dass es fatal w=E4re, die Auswirkungen des 11. Septembers 2001 auf die amer=
ikanische=20
Innenpolitik einerseits und die weltpolitischen und geostrategischen Grundp=
arameter=20
andererseits zu untersch=E4tzen. </p><p><a style=3D"mso-footnote-id:ftn1" h=
ref=3D"https://www.fes.de/ipg/arc_04_d/04_04_d/r_4_04_2.htm#_ftnref1" name=
=3D"_ftn1" title=3D""><!--[if !supportFootnotes]-->[1]<!--[endif]--></a>J=
=F6rg Lau (2004):=20
"Schwundstufe. =DCber den Erfolg Michael Moores", in: Merkur, Heft 658, S. =
154-159.<br><a style=3D"mso-footnote-id:ftn2" href=3D"https://www.fes.de/ip=
g/arc_04_d/04_04_d/r_4_04_2.htm#_ftnref2" name=3D"_ftn2" title=3D""><!--[if=
 !supportFootnotes]-->[2]<!--[endif]--></a>Melvyn Leffler=20
(1992): A Preponderance of Power, National Security, The Truman Administrat=
ion,=20
and the Cold War, Stanford University Press.</p><p align=3D"RIGHT"><i>Simon=
 Geissb=FChler<br>Diplomatischer=20
Dienst, Schweizer Eidgenossenschaft, Bern </i></p></td></tr> <tr> <td class=
=3D"text">&nbsp;</td><td class=3D"unter" valign=3D"top">&nbsp;</td><td clas=
s=3D"unter" valign=3D"top">&nbsp;</td><td class=3D"unter" valign=3D"top">&n=
bsp;</td><td class=3D"unter" valign=3D"top">&nbsp;</td></tr>=20
<tr> <td class=3D"text">&nbsp;</td><td class=3D"unter" valign=3D"top">&nbsp=
; </td><td class=3D"unter" valign=3D"top">&nbsp;</td><td class=3D"unter" va=
lign=3D"top">&nbsp;</td><td class=3D"unter" valign=3D"top">&nbsp;</td></tr>=
=20
<tr> <td class=3D"platz" height=3D"6" colspan=3D"5">&nbsp;</td></tr> <tr> <=
td class=3D"text">&nbsp;</td><td class=3D"text">&nbsp;</td><td class=3D"unt=
er" colspan=3D"3">&lt;&lt;=20
<b><a href=3D"https://www.fes.de/ipg/arc_04_d/04_04_d/re_04_04.htm" target=
=3D"_self">zur=FCck Rezensionen/ =DCbersicht</a></b></td></tr>=20
<tr> <td class=3D"platz" height=3D"6" colspan=3D"5">&nbsp;</td></tr> <tr> <=
td class=3D"text" height=3D"25">&nbsp;</td><td class=3D"unter" height=3D"25=
" colspan=3D"4">=20
<table width=3D"100%" border=3D"0" cellspacing=3D"0" cellpadding=3D"0"> <tb=
ody><tr> <td class=3D"unter" colspan=3D"5" bgcolor=3D"#111100"><img src=3D"=
https://www.fes.de/ipg/arc_04_d/hg/spac.gif" width=3D"2" height=3D"1"></td>=
</tr>=20
<tr> <td class=3D"unter">&nbsp;</td><td class=3D"unter">&nbsp;</td><td clas=
s=3D"unter">&nbsp;</td><td class=3D"unter">&nbsp;</td><td class=3D"unter">&=
nbsp;</td></tr>=20
<tr> <td class=3D"unter">=A9 Friedrich Ebert Stiftung</td><td class=3D"unte=
r">&nbsp;</td><td class=3D"unter">net=20
edition: <a href=3D"mailto:michelm@fes.de">malte.michel </a> | 09/2004</td>=
<td class=3D"unter">&nbsp;</td><td class=3D"unter"><img src=3D"https://www.=
fes.de/ipg/arc_04_d/hg/pfeil.gif"><b><a href=3D"https://www.fes.de/ipg/arc_=
04_d/04_04_d/r_4_04_2.htm#anf">=20
Top</a></b></td></tr> </tbody></table><br> </td></tr> </tbody></table>


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