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Subject: Japan - neue Regierung, alte Probleme / Michael Ehrke. - [Electronic ed.]. - Bonn, 2000. - 12 S. = 38 Kb, Text . - (FES-Analyse)
Date: Wed, 7 May 2025 14:08:02 +0200
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Japan - neue Regierung, alte Probleme
 / Michael Ehrke. - [Electronic ed.]. - Bonn, 2000. - 12 S. =3D 38 Kb, Text
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<meta name=3D"keywords" content=3D"Wahl ; Innenpolitik ; Wirtschaftsentwick=
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<table width=3D"100%" noborder=3D"">
<tbody><tr>
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</tr>
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=3D"TITELINFO"></center><br><br>
<font size=3D"+1">
<!-- END BEGIN1 -->
Japan - neue Regierung, alte Probleme
 / Michael Ehrke. - [Electronic ed.]. - Bonn, 2000. - 12 S. =3D 38 Kb, Text
. - (FES-Analyse)
<br>Electronic ed.: Bonn : FES Library, 2001
<br><br><font size=3D"-1"><i>=A9 Friedrich-Ebert-Stiftung</i></font>
<!-- START BEGIN2 -->
</font>
<br><br>
<center><img src=3D"https://library.fes.de/images/digbib/d_inhalt.gif" alt=
=3D"INHALT"></center><br><br>
<!-- END BEGIN2 -->

<p>
</p><ul>
<ul>
<li>
<a href=3D"https://library.fes.de/fulltext/stabsabteilung/00913.htm#E283E1"=
>R=FCckblick</a>
</li><li>
<a href=3D"https://library.fes.de/fulltext/stabsabteilung/00913.htm#E283E2"=
>Kokutai</a>
</li><li>
<a href=3D"https://library.fes.de/fulltext/stabsabteilung/00913.htm#E283E3"=
>Das Wahlergebnis</a>
</li><li>
<a href=3D"https://library.fes.de/fulltext/stabsabteilung/00913.htm#E283E4"=
>Wirtschaftspolitik und Staatshaushalt</a></li></ul></ul>
<br><br>
<table border=3D"1"><tbody><tr><td>
<ul>
<p></p><li><b>Die Unterhauswahlen vom 25. Juni des Jahres hatten ein dramat=
isches Vorspiel: Am 2. April erlitt Premierminister Keizo Obuchi einen Hirn=
schlag, der ihn in ein Koma versetzte, aus dem er nicht mehr erwachte. In d=
en Tagen nach Obuchis Schlaganfall war die zweitgr=F6=DFte Wirtschaftsmacht=
 der Welt ohne politische Spitze. In hektischen Krisensitzungen der LDP-F=
=FChrung wurde der neue Parteipr=E4sident und Premierminister ausgew=E4hlt:=
 Yoshiro Mori, ehemaliger Generalsekret=E4r der Partei, Rugbyspieler und Bo=
dyguard des einst starken Mannes der LDP, Noboru Takeshita. </b>
<p></p></li><li><b>Das Wahlergebnis war f=FCr die Regierung bei geringer Wa=
hlbeteiligung von 63 Prozent entt=E4uschend: Die Koalitionsparteien wurden =
deutlich geschw=E4cht; noch bedenklicher ist, dass die LDP nun auf Gedeih u=
nd Verderb auf die New Komeito angewiesen ist.</b>
<p></p></li><li><b>Die LDP gewann - wie immer - auf dem Lande und verlor in=
 den Gro=DFst=E4dten. Die Demokratische Partei gewann 32 Mandate hinzu, ver=
f=FCgt aber immer noch =FCber 100 Sitze weniger als die Liberaldemokraten. =
Gleichwohl haben sich die Demokraten endg=FCltig als die zweite gro=DFe Par=
tei des Landes etabliert.</b>
<p></p></li><li><b>Bei einer =F6ffentlichen Verschuldung von offiziell 130 =
Prozent des Sozialprodukts droht Japan in eine Schuldenfalle zu geraten: Li=
egt der Zinssatz nicht mehr wie heute bei Null, wird der staatliche Schulde=
ndienst zum riesigen Problem. Wie immer man die Wirkungen der Haushaltspoli=
tik beurteilt: <i>So fortgesetzt </i><i>werden kann sie nicht</i>. </b>
<p></p></li><li><b>Das derzeitige Kernproblem der japanischen Wirtschaft li=
egt im unzureichenden privaten Konsum bzw. in der hohen und trotz der Krise=
 wachsenden privaten Ersparnisbildung. Die Sparneigung w=E4chst trotz eines=
 Zinssatzes in der N=E4he der Nullinie; auch die fiskalische Expansionspoli=
tik hat hieran nichts ge=E4ndert.</b>
<p></p></li><li><b>Grund hierf=FCr ist eine neue Risikowahrnehmung der Arbe=
itnehmer: Arbeitslosigkeit, Einkommenslosigkeit bzw. unzureichendes Einkomm=
en im Alter sind<i> </i>zu breit perzipierten Risiken geworden.</b>
<p></p></li><li><b>Ein Ausweg w=E4re die (partielle) Entprivatisierung sozi=
aler Risiken, d.h. die St=E4rkung der =F6ffentlichen sozialen Sicherung und=
 damit der automatischen Stabilisatoren. Dies kann in einer politischen Kul=
tur, in der =F6ffentliche Leistungen eher als Almosen denn als durch Beitra=
gszahlungen erworbene Anrechte angesehen werden, freilich nur langfristig e=
rfolgen.</b>
</li></ul></td></tr></tbody></table><br><br>

<a name=3D"E283E1"></a>
<br><br><h2><b>R=FCckblick</b></h2>
<p><b>Die Unterhauswahlen vom 25. Juni des Jahres hatten ein dramatisches V=
orspiel: Am 2. April erlitt Premierminister Keizo Obuchi einen Hirnschlag, =
der ihn in ein Koma versetzte, aus dem er nicht mehr erwachen sollte. Obuch=
i starb einige Wochen sp=E4ter an den Folgen des Schlaganfalls. In den Tage=
n nach Obuchis Ausfall war die zweitgr=F6=DFte Wirtschaftsmacht der Welt oh=
ne politische Spitze. </b>
</p><p><b>Eine Regelung f=FCr diesen Ausnahmefall im Sinne eines automatisc=
h die Regierungsspitze =FCbernehmenden Vertreters gab es nicht.</b> <b>Obuc=
his unmittelbarer Nachfolger, Kabinettssekret=E4r Aoki, agierte f=FCr kurze=
 Zeit als <i>acting prime minister</i>. Er behauptete, der Premier habe ihn=
 vom Krankenbett aus beauftragt, dieses h=F6chste Amt zu =FCbernehmen, doch=
 Aoki gestand sp=E4ter ein, gelogen zu haben.</b> <b>In h0ektischen Krisens=
itzungen der LDP-F=FChrung wurde der neue Parteipr=E4sident und Premiermini=
ster ausgew=E4hlt: Yoshiro Mori, ehemaliger Generalsekret=E4r der Partei, R=
ugbyspieler und Bodyguard des einst starken Mannes der LDP, Noboru Takeshit=
a (der im Juni starb). Mori, Mitglied der Obuchi-Fraktion der LDP, wurde, s=
o wird berichtet, ausgew=E4hlt, weil er Obuchi vorbehaltlos die Treue gehal=
ten hatte (immerhin musste sich Obuchi bei seiner Wiederwahl zum Parteipr=
=E4sidenten gegen zwei Kontrahenten aus der eigenen Partei durchsetzen) und=
 dessen Politik fortzuf=FChren versprach.</b>
</p><p>Die erste wichtige Entscheidung, die Mori treffen musste, war die Te=
rminierung der Unterhauswahlen. Laut Gesetz mussten diese Wahlen bis sp=E4t=
estens Oktober 2000 (also vier Jahre nach den letzten Unterhauswahlen vom O=
ktober 1996) stattgefunden haben. Das zweite Referenzdatum war der G7 plus =
Russland-Gipfel  am 20. Juli in Okinawa. Die Wahlen wurden schlie=DFlich au=
f den 25. Juni festgelegt, also mehrere Wochen vor dem Gipfel, so dass die =
G7-Mitglieder plus Russland mit einem durch Wahlen in seinem Amt best=E4tig=
ten japanischen Partner rechnen konnten.

</p><center><br><br><table width=3D"100%">
<tbody><tr>
<td colspan=3D"3" valign=3D"top">
<p><b>Japanische Regierungskoalitionen seit 1996</b>
</p></td></tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>Oktober 1996-Oktober 1998
</p></td><td valign=3D"top">
<p>Hashimoto
</p></td><td valign=3D"top">
<p>LDP, SDPJ, Sakigake0</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>Oktober 1998-Januar 1999
</p></td><td valign=3D"top">
<p>Obuchi
</p></td><td valign=3D"top">
<p>LDP</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>Januar 1999-Juni 1999
</p></td><td valign=3D"top">
<p>Obuchi
</p></td><td valign=3D"top">
<p>LDP, Liberale Partei</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>Juni 1999-Dezember 1999
</p></td><td valign=3D"top">
<p>Obuchi
</p></td><td valign=3D"top">
<p>LDP, Liberale Partei, Komeito</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>Dezember 1999-M=E4rz 2000
</p></td><td valign=3D"top">
<p>Obuchi
</p></td><td valign=3D"top">
<p>LDP, New Conservative Party, Komeito</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>Seit April 2000
</p></td><td valign=3D"top">
<p>Mori
</p></td><td valign=3D"top">
<p>LDP, New Conservative Party, Komeito</p></td></tr></tbody></table></cent=
er><br><br>


<p><b>Seit den letzten Unterhauswahlen vom Oktober 1996 wurde Japan von f=
=FCnf Regierungskoalitionen unter (ohne Mori) zwei Premierministern gef=FCh=
rt.</b> (1) Der 1996 gew=E4hlte Premier war Ryotaru Hashimoto, unter dem di=
e LDP in Koalition mit der Sozialdemokratischen Partei Japans (die an dem W=
=FCrgegriff fast zugrunde gegangen w=E4re) und der kleinen, mittlerweile ve=
rschwundenen Partei Sakigake koalierte (die wichtigsten Sakigake-Politiker =
gr=FCndeten 1997 zusammen mit dem Reformfl=FCgel der Sozialdemokraten die D=
emokratische Partei, heute die gr=F6=DFte Oppositionspartei des Landes). <b=
>Im Sommer 1998 musste Hashimoto zur=FCcktreten, weil die LDP in Oberhauswa=
hlen viele Sitze verloren hatte und Hashimoto f=FCr die Versch=E4rfung der =
Wirtschaftskrise infolge eines verfr=FChten haushaltspolitischen Konsolidie=
rungskurses verantwortlich gemacht wurde.</b> (2) <b>Obuchi, unter Hashimot=
o Au=DFenminister, trat an die Stelle Hashimotos</b> <b>und regierte einige=
 Monate lang mit der LDP allein</b>; da die LDP im Oberhaus (das allen Gese=
tzen, vom Haushalt und von internationalen Vertr=E4gen abgesehen, zustimmen=
 muss), =FCber keine Mehrheit verf=FCgte, bedurfte Obuchi eines Koalitionsp=
artners. Die LDP trat daher (3) in eine Koalition mit der Liberalen Partei.=
 Die Liberale Partei war das, was von der noch vor kurzem gr=F6=DFten (kons=
ervativen) Oppositionspartei Shinshinto =FCbriggeblieben war. Shinshinto wa=
r das zu einer Partei zusammengeschlossene Gemisch aus einer abgespaltenen =
Fraktion der LDP, der Japan New Party des ehemaligen Premiers Hosokawa, der=
 rechtssozialdemokratischen DSP und der buddhistischen Komeito, eine Kraft,=
 die vom konservativen <i>en</i><i>fant terrible </i>der japanischen Politi=
k, Ichiro Ozawa, gef=FChrt wurde. Im Zuge innerparteilicher Auseinandersetz=
ungen verlor die Shinshinto sowohl die gesamte Komeito, die sich wieder una=
bh=E4ngig machte, als auch eine ganze Reihe von Abgeordneten und Abgeordnet=
engr=FCppchen, die in den Scho=DF der LDP zur=FCckkehrten oder sich der Dem=
okratischen Partei anschlossen. Die Koalition LDP-Liberale Partei wurde ein=
ige Monate sp=E4ter erweitert durch (4) die Aufnahme der Komeito (die sich =
heute New Komeito nennt, ohne dass das =84New" irgend etwas zu bedeuten h=
=E4tte). Auseinandersetzungen um das Wahlrecht, die Pflegeversicherung und =
die Haushaltspolitik f=FChrten zu einer Spaltung der Liberalen Partei, dere=
n Mehrheit unter Ozawa aus der Regierung auszog, und deren Minderheit unter=
 dem Etikett <i>New Conservative Par</i><i>ty </i>in der Koalition verblieb=
 (5).
</p><p><b>Obuchi war 1996 nicht als Premier ausgew=E4hlt worden, weil er be=
sonders bef=E4higt oder popul=E4r gewesen w=E4re, sondern weil er gem=E4=DF=
 der Rotations- und Seniorit=E4tsmechanik der Postenvergabe unter den LDP-F=
raktionen =84dran" war.</b> Dem Vorwurf, er gleiche einer <i>=84cold pizza"=
 </i>entgegnete er eher best=E4tigend, auch kalte Pizza k=F6nne man aufw=E4=
rmen. Besondere Erfolge waren seiner Regierung nicht beschieden, als kleine=
n Akzent kann man allerdings die Auswahl Okinawas als Sitz des G7-plus Russ=
land-Treffens anerkennen. Au=DFerdem bewegte er sich in der wenig stabilen =
Parteienlandschaft mit einem gewissen Geschick und verstand es, der LDP die=
 Mehrheit zu erhalten. <b>Wirtschaftspolitisch setzt Obuchi den Kurs der Vo=
rg=E4nger Hashimotos fort und suchte den Ausweg aus der Krise in staatliche=
n Ausgabeprogrammen von astronomischen Dimensionen. Die tragische Krankheit=
 und der Tod Obuchis allerdings stellten das Bild seiner Person und seiner =
Regierungszeit im Nachhinein in ein positiveres Licht: Ein Wahlsieg der LDP=
 bzw. der Regierungskoalition und ein erfolgreiches G7-plus-Russland-Treffe=
n waren Pflichten, die ein =84gefallener Samurai" (so der LDP-Politiker Non=
aka) seinen Nachfolgern auferlegt hatte. Die LDP konnte ankn=FCpfen an die =
Erfahrung des Jahres 1980, als eine verloren geglaubte Wahl nach dem pl=F6t=
zlichen Tod des Spitzenkandidaten Ohira eine g=FCnstige Wende nahm. Die LDP=
 konnte - bzw. hoffte es - ein zweites Mal den Mitleidsbonus nutzen. </b>
<a name=3D"E283E2"></a>
<br><br></p><h2><b>Kokutai</b></h2>
<p><b>Nun tat Mori in der ihm vor den Wahlen verbliebenen Zeit alles, um de=
n Mitleidsbonus in einem Malus zu verwandeln. Beim Begr=E4bnis Obuchis fiel=
 er dadurch auf, dass er sich vor dem Toten nur zwei Mal verneigte - statt =
dreimal, wie das Ritual der Respektsbezeugung es vorschreibt (Pr=E4sident C=
linton dagegen brachte es auf die vorgeschriebenen drei Verneigungen). Wich=
tiger und bezeichnender war eine Rede, in der Mori Japan zum =84Land der G=
=F6tter und des Tenno" idealisierte. Dabei ging es weniger um die pr=E4zise=
 Aussage Moris (er behauptete, nach einer Wahlniederlage der LDP k=F6nnten =
die Kommunisten die japanische Volksgemeinschaft zerst=F6ren), als um die V=
erwendung eines Begriffs: <i>Kokutai</i>.</b>
</p><p><b><i>Kokutai </i>ist der in der Meiji-Zeit gepr=E4gte Begriff des j=
apanisches Reiches, in dem der zum Gott erhobene Tenno im Zentrum steht und=
 zu seinen Untertanen die Beziehung eines Vaters zu seiner Familie unterh=
=E4lt, von deren Mitgliedern er uneingeschr=E4nkte Unterwerfung verlangen k=
ann.</b> <b>Der Meiji-Verfassung zufolge liegt die Souver=E4nit=E4t des jap=
anischen Staates nicht beim Volke, sondern beim Kaiser.</b> Die Regierungen=
 der Meiji-, Taisho- und Showa-Zeit (also bis 1945) wurden nicht vom Parlam=
ent, sondern vom Kaiser bestimmt und waren dem Kaiser verantwortlich. Das M=
achtsystems Japans war, so wie es der Sozialphilosoph Masaru Maruyama besch=
rieb, ein System konzentrischer Kreise um den Tenno herum. Die Mitte dieses=
 Systems aber war eine Leerstelle:=20
</p><p>Der Tenno war nicht als Person oder konkreter Tr=E4ger von Funktione=
n von Bedeutung, sondern als letztes Glied einer ununterbrochenen dynastisc=
hen Kette, deren Anfang im Jahre 700 vor unserer Zeitrechnung liegt, dem Ja=
hre, in dem der mythische erste Kaiser Jimmu das japanische Reich gr=FCndet=
e.=20
</p><p>Der Begriff <i>kokutai </i>und die auf ihm aufbauende Ideologie sind=
 ein <i>modernes </i>Ph=E4nomen - eine Ideologie des sp=E4ten 19. Jahrhunde=
rts, die sich zwar auf bestimmte animistische Traditionen des Shinto-Glaube=
ns (in dem die Verg=F6ttlichung von Naturph=E4nomenen etwa anderes bedeutet=
 als in monotheistischen Religionen) st=FCtzen konnte, die in dieser Form a=
ber eher im Gegensatz zur peripheren Rolle des Kaisers in den vorausgegange=
nen Jahrhunderten des Shogunats stand. Im ausgehenden 19.Jahrhundert wurde =
der Volksglaube des Shinto uminterpretiert in eine Staatsreligion (Staats-S=
hinto). <b>Die <i>kokutai</i>-Ideologie war eine moderne nationalistische I=
deologie </b>(Maruyama pr=E4gte den Begriff des Ultra-Nationalismus)<b>, di=
e sich hervorragend dazu eignete, die potentiell destabilisierenden Folgen =
eines schnellen wirtschaftlichen und sozialen Modernisierungsprozesses durc=
h die Beschw=F6rung einer uralten mythischen Gemeinschaft der Japaner zu ba=
nnen. </b>Die Bev=F6lkerung wurde systematisch indoktriniert, die ber=FChmt=
en kaiserlichen Dekrete zur Erziehung und zum Milit=E4rwesen, die die Unter=
werfung unter den kaiserlichen Willen zum kategorischen Imperativ erkl=E4rt=
en, wurden in den Schulen und Kasernen unendlich oft verlesen und auswendig=
 gelernt. Die Wirksamkeit der <i>kokutai</i>-Ideologie war, so l=E4sst es s=
ich jedenfalls von heute aus interpretieren, einer der Gr=FCnde daf=FCr, da=
ss sich die Japaner vom Milit=E4r zum Krieg in Ostasien und im Pazifik verl=
eiten lie=DFen. Als der Tenno erstmals nach dem Abwurf der Hiroshima-Bombe =
im August 1945 sein Volk per Radio direkt ansprach und erkl=E4rte, er sei k=
ein Gott, sind Augenzeugen zufolge viele Zuh=F6rer in Ohnmacht gefallen. Di=
e Ambivalenz der <i>kokutai-</i>Ideologie liegt allerdings nicht allein in =
der systematisch erzeugten Unterwerfungshaltung der Untertanen, sondern auc=
h in der strukturellen Verantwortungslosigkeit des Tenno. <b>Daher der auch=
 heute noch gef=FChrte unl=F6sbare Streit, in welchem Ausma=DF dem Showa-Te=
nno die Schuld oder Mitschuld am Zweiten Weltkrieg in Ostasien zugewiesen w=
erden muss. Ganz offensichtlich war der Kaiser eher eine Art Marionette, di=
e von den verschiedenen Milit=E4rfraktionen (Heer gegen Marine, Generalstab=
 gegen Feldarmee, die einzelnen Armeen gegeneinander usw.) benutzt wurde, a=
ls ein aggressiver oberster Kriegsherr. </b>
</p><p>Als einer der gr=F6=DFten - wenn auch fragw=FCrdigen - Erfolge des j=
apanischen Konservatismus kann gelten, dass er es erreichte, die Institutio=
n des Tenno =FCber die Niederlage im Pazifikkrieg hinweg zu erhalten. <b>Au=
s (m=F6glicherweise irrigen) realpolitischen Erw=E4gungen heraus verzichtet=
en die amerikanischen Besatzer auf die Abdankung des Tenno und die v=F6llig=
e Zerst=F6rung der <i>kokutai</i>, stuften den Kaiser aber in der Verfassun=
g von 1949 herunter zum symbolischen Vertreter der =84Einheit der japanisch=
en Nation".</b> F=FCr rechtsradikale Gruppierungen, die osmotisch bis weit =
hinein in die LDP wirken, gilt die Herabsetzung des Kaisers seitdem als Akt=
 der Unterwerfung unter eine Japan fremde Herrschaftsform. Um so genauer ac=
hten japanische Demokraten darauf, dass die Grenze zwischen Kaisertum (und =
Shinto) und =84weltlicher" Politik auf keinen Fall =FCberschritten wird. De=
r Kaiserhof ist ebenso Gegenstand einer extrem unkritischen Medienverehrung=
 (die im Unterschied zur europ=E4ischen Regenbogenpresse auch nur Andeutung=
en von Missfallen ausschlie=DFt) wie ihm untersagt ist, auch nur andeutungs=
weise auf Politik und Gesellschaft einzuwirken. Dies sichert die <i>Imperia=
l Household Agency</i>, der der Premierminister vorsitzt. Der Begriff <i>ko=
kutai </i>ist bei der Mehrheit der Japaner verp=F6nt; zumindest wird er nic=
ht zur Bezeichnung Japans als Demokratie verwandt, sondern bezieht sich auf=
 eine alles andere als verkl=E4rte Vergangenheit, in der die Souver=E4nit=
=E4t vom Tenno ausging.=20
</p><p><b>Wenn ein konservativer japanischer Politiker heute =F6ffentlich d=
en  Begriff <i>kokutai </i>in den Mund nimmt, kann dies mehrerlei bedeuten.=
 Mori selbst zufolge handelte es sich um einen =84Versprecher" - ein Verspr=
echer allerdings, der zeigt, wie wenig der Regierungschef den Unterschied z=
wischen Kaisersouver=E4nit=E4t und Volkssouver=E4nit=E4t erfasst, geschweig=
e denn verinnerlicht hat. Die Bezugnahme auf die <i>kokutai </i>kann aber a=
uch ein Signal sein, ein Versuch, den diskriminierten Begriff wieder salonf=
=E4hig zu machen, mit dem Ziel einer schleichenden Revision der demokratisc=
hen Verfassung. Auf jeden Fall jedoch ist es ein Akt politischer Insensibil=
it=E4t, der auch sofort von der Opposition ger=FCgt wurde. Bevor es jedoch =
im Parlament zu einem Misstrauensvotum gegen Mori kommen konnte, lie=DF der=
 Premier die Versammlung aufl=F6sen, um den Weg f=FCr die Wahlen frei zu ma=
chen.</b>
<a name=3D"E283E3"></a>
<br><br></p><h2><b>Das Wahlergebnis</b></h2>
<p><b>Wenn man von der Handlungsf=E4higkeit der Regierung ausgeht, ist das =
Wahlergebnis (bei einer f=FCr Unterhauswahlen vergleichsweise geringen Wahl=
beteiligung von 63%) m=F6glicherweise das schlechteste vorstellbare: Auf de=
r einen Seite wurden die Koalitionsparteien deutlich geschw=E4cht; sie sind=
 heute st=E4rker aufeinander angewiesen als vor den Wahlen. F=FCr die LDP w=
ird dabei das schlechte Abschneiden der <i>New Conservative Party </i>das g=
eringere Problem sein: Diese Partei wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach=
 aufl=F6sen und in der LDP aufgehen. Bedenklicher ist, dass die LDP nun auf=
 Gedeih und Verderb auf die New Komeito angewiesen sein wird. Die New Komei=
to ist der politische Arm der einst militanten Sokka Gakei-Sekte, die sich =
in dem dramatischen Modernisierungs- und Urbanisierungsprozess nach dem End=
e des Zweiten Weltkriegs insbesondere der ihrer Wurzeln beraubten Land-Stad=
t-Emigranten angenommen hatte.</b> Seitdem kontrollieren die Sekte und ihre=
 Partei ganze Wohnviertel, deren Bewohner sie oft einem erheblichen Druck a=
ussetzen. Auf jeden Fall war in der Vergangenheit die Komeito dort, wo sie =
verwurzelt ist, auch politisch stark: Komeito-Kandidaten galten als sichere=
 Kandidaten. Auf der anderen Seite wirken Komeito und Sokka Gakei polarisie=
rend; ihre Anh=E4ngerschaft schien sicher, ist aber begrenzt, w=E4hrend vie=
le Japaner das missionarische Vorgehen der Sekte ablehnen.=20
</p><p><b>Das schlechte Abschneiden der Komeito in den Wahlen vom Juni ist =
auch darauf zur=FCckzuf=FChren, dass der wahltaktische Kompromiss zwischen =
der Partei und der LDP nur auf der Seite der Komeito funktionierte. Potenti=
elle eigene W=E4hler, die in bestimmten Wahlkreisen aufgerufen waren, f=FCr=
 den LDP-Kandidaten zu stimmen, folgten dem Aufruf; umgekehrt hielten sich =
die potentiellen LDP-W=E4hler nicht an die Aufforderung, f=FCr die Komeito =
zu stimmen.</b> Die Komeito ist also umstritten, und zwar nicht nur in der =
W=E4hlerschaft, sondern auch innerhalb der LDP-Elite. Die Frage ist nun, we=
lche Schl=FCsse die Komeito aus ihrer schweren Niederlage zieht: Wird sie d=
er LDP das Leben schwer machen, um das eigene Profil zu wahren, unter Umst=
=E4nden auch um den Preis eines Auszugs aus der Regierung?=20

</p><center><br><br><table width=3D"100%">
<tbody><tr>
<td colspan=3D"3" valign=3D"top">
<br>
<p><b>Unterhauswahlen, 25. Juni 2000. Verteilung der Parlamentssitze</b>
<br>
</p></td></tr>
<tr>
<td valign=3D"top"><b>Partei</b></td>
<td valign=3D"top"><b>Sitze</b></td>
<td valign=3D"top"><b>Verlust/Gewinn</b></td>
</tr><tr>
<td valign=3D"top">
<p>LDP
</p></td><td valign=3D"top">
<p>233
</p></td><td valign=3D"top">
<p>-38</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>DPJ
</p></td><td valign=3D"top">
<p>127
</p></td><td valign=3D"top">
<p>+32</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>Komeito
</p></td><td valign=3D"top">
<p>31
</p></td><td valign=3D"top">
<p>-11</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>Konservative Partei
</p></td><td valign=3D"top">
<p>7
</p></td><td valign=3D"top">
<p>-11</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>KP
</p></td><td valign=3D"top">
<p>20
</p></td><td valign=3D"top">
<p>-6</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>SDPJ
</p></td><td valign=3D"top">
<p>19
</p></td><td valign=3D"top">
<p>+5</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>Liberale
</p></td><td valign=3D"top">
<p>22
</p></td><td valign=3D"top">
<p>+4</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>Sonstige
</p></td><td valign=3D"top">
<p>21
</p></td><td valign=3D"top">
<p>+11</p></td>
</tr>
<tr>
<td colspan=3D"3" valign=3D"top"><br></td></tr></tbody></table></center><br=
><br>

<p><b>Auf der anderen Seite versahen die W=E4hler die Opposition nicht mit =
den notwendigen Stimmen, um die Regierungskoalition abl=F6sen zu k=F6nnen.<=
/b> <b>Die Demokratische Partei gewann 32 Mandate hinzu, und selbst die Soz=
ialdemokraten wurden nach Jahren eines nahezu unabwendbaren Niedergangs mit=
 f=FCnf neuen Parlamentssitzen belohnt (w=E4hrend die Kommunisten gegen den=
 Trend der letzten Jahre sechs Sitze verloren). Doch noch trennen mehr als =
100 Mandate die Demokraten von den Liberaldemokraten.</b> Dabei ist zu ber=
=FCcksichtigen, dass die LDP und insbesondere ihr Spitzenkandidat Mori unmi=
ttelbar vor den Wahlen erheblich an Popularit=E4t verloren hatten.=20
</p><p><b>Woran liegt es, dass sich die LDP ein weiteres Mal - wenn auch mi=
t Verlusten - behaupten konnte? An der wirtschaftlichen Situation kann es n=
icht liegen. Zwar sch=E4tzte die <i>Eco</i><i>nomic Planning Agency </i>das=
 Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2000 auf 2,4%. Doch diese hohe Wachs=
tumsrate ist eher ein Indikator f=FCr M=E4ngel der Wirtschaftsstatistik bzw=
. f=FCr die letzte Konjunkturspritze im Herbst 1999 als f=FCr die Gesundung=
 der Wirtschaft (auch das Jahr 1999 begann mit einer hohen Wachstumsrate im=
 ersten Quartal, der im dritten und vierten Quartal negative Wachstumsraten=
 folgten).</b>

</p><center><br><br><table width=3D"100%">
<tbody><tr>
<td colspan=3D"3" valign=3D"top">
<br>
<p><b>Wachstumsraten in Prozent</b>
<br>
</p></td></tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>1996
</p></td><td valign=3D"top"><br></td>
<td valign=3D"top">
<p> 4,4</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>1997
</p></td><td valign=3D"top"><br></td>
<td valign=3D"top">
<p>-1,0</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>1998
</p></td><td valign=3D"top"><br></td>
<td valign=3D"top">
<p>-1,9</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>1999=20
</p></td><td valign=3D"top">
<p>I
</p></td><td valign=3D"top">
<p> 1,5</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top"><br></td>
<td valign=3D"top">
<p>II
</p></td><td valign=3D"top">
<p> 1,0</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top"><br></td>
<td valign=3D"top">
<p>III
</p></td><td valign=3D"top">
<p>-1,0</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top"><br></td>
<td valign=3D"top">
<p>IV
</p></td><td valign=3D"top">
<p>-1,6</p></td>
</tr>
<tr>
<td valign=3D"top">
<p>2000
</p></td><td valign=3D"top">
<p>I
</p></td><td valign=3D"top">
<p> 2,4</p></td></tr></tbody></table></center><br><br>

<p><b>Die LDP gewann - wie immer - auf dem Lande und verlor in den Gro=DFst=
=E4dten. Auf dem Lande war und ist es leichter, die W=E4hler zu mobilisiere=
n, weil die Kontakte zwischen den Kandidaten und der W=E4hlerbev=F6lkerung =
enger sind als in den St=E4dten. </b>Dies zeigt sich nicht zuletzt am Wahle=
rfolg politischer Dynastien: Gerade auf dem Lande haben eingesessene Politi=
ker und deren S=F6hne bzw. Verwandte die besten Wahlchancen. Im Juni zog di=
e 26j=E4hrige Tochter Obuchis ins Parlament, und die Uralt-Politiker Miyaza=
wa und Nakasone, beide ehemalige Premierminister, hinterlie=DFen ihre Wahlk=
reise engen Verwandten, w=E4hrend sie selbst auf den Listenpl=E4tzen der LD=
P ihre Position behaupten konnten (die selbst gesetzte Regel, keine Kandida=
ten im Alter von =FCber 73 Jahren aufzustellen, wurde f=FCr diese beiden Au=
snahmen gebrochen).=20
</p><p><b>Zudem kann die regierende Partei ihrer lokalen Klientel auch mate=
rielle Vorteile versprechen. Dies zeigt die Auseinandersetzung um die staat=
liche Haushaltspolitik. Die von der LDP gef=FChrten Regierungen (mit Ausnah=
me der Regierung Hashimoto) betrieben seit 1991 eine expansive Haushaltspol=
itik, um die wirtschaftliche Stagnation zu =FCberwinden, ohne dass die enor=
men Konjunkturspritzen eine merkliche positive Wirkung auf die Konjunktur g=
ezeitigt h=E4tten. Die Konjunkturspritzen entfachten immer wieder (wie auch=
 im Jahre 2000) kurzfristige Strohfeuer, ohne die Konsum- und Investitionsn=
achfrage nachhaltig zu st=E4rken, so dass in den jeweils folgenden Quartale=
n die Wachstumsrate zur=FCckging bzw. sich ins Negative verkehrte.</b>=20
</p><p>Obwohl die konjunkturpolitischen Wirkungen der Haushaltspolitik im b=
esten Fall umstritten sind, waren ihre wahlpolitischen Konsequenzen eindeut=
ig: Hohe Staatsausgaben bedeuten hohe Bau- und Infrastrukturinvestitionen v=
or allem auf dem Lande und an der Peripherie. Unabh=E4ngig von deren =F6kon=
omischer Effizienz (die japanische <i>countryside  </i>ist bereits mit Infr=
astruktur zugepflastert, und die einkommenssteigernde Wirkung eines weitere=
n asphaltierten Feldwegs d=FCrfte marginal sein) bedeuteten sie Einkommen u=
nd Besch=E4ftigung f=FCr die l=E4ndlichen Wahlkreise. <b>Und da das Gewicht=
 einer l=E4ndlichen W=E4hlerstimme nach wie vor etwa doppelt so hoch ist wi=
e die einer gro=DFst=E4dtischen Stimme, zahlt sich die expansive Haushaltsp=
olitik nach wie vor aus (es kommt hinzu, dass die Bauindustrie zu den gro=
=DFz=FCgigsten Spendern der LDP geh=F6rt).</b>
</p><p><b>Die Demokraten waren im Wahlkampf mit der ebenso mutigen wie pote=
ntiell selbstm=F6rderischen Parole der haushaltspolitischen Konsolidierung =
angetreten.</b> Unter anderem forderten sie die Anhebung des steuerlichen F=
reibetrags von 2,1 Millionen Yen (ca. 40.0000 DM) auf 3,68 Millionen Yen. D=
ies h=E4tte vor allem die Bauern, die Kleinindustriellen, Einzelh=E4ndler u=
nd Bauunternehmer (es gibt in Japan 500.000 Bauunternehmen) getroffen, dere=
n deklariertes (nicht unbedingt deren wirkliches) Einkommen oft unter der a=
nvisierten Marge liegt. In den Gro=DFst=E4dten unterst=FCtzten viele W=E4hl=
er diese auf den ersten Blick =84unsoziale" Forderung, doch die Wahlen werd=
en - wie sich zeigte - auf dem Lande entschieden. <b>Die Demokraten sprache=
n bewusst die gro=DFst=E4dtische Bev=F6lkerungsmehrheit an, sind aber (noch=
) nicht in der Lage, diese Mehrheit zu mobilisieren. In den St=E4dten domin=
ieren Politikverdrossenheit, Wahlenthaltung und die Pr=E4ferenz f=FCr schil=
lernde Au=DFenseiter; stabile Loyalit=E4ten lassen sich nur schwer aufbauen=
.</b> <b>Dies gilt insbesondere f=FCr eine Partei, die erst vor wenigen Jah=
ren gegr=FCndet wurde und =FCber nur schwache organisatorische Strukturen u=
nd <i>de facto </i>keine Mitgliedschaft verf=FCgt - und die mit den beiden =
ebenfalls st=E4dtischen Parteien der Kommunisten und der Komeito um die Sti=
mmen der Gro=DFst=E4dter konkurrieren muss.</b>
</p><p><b>Was die weiteren Perspektiven des Parteiensystems angeht, haben s=
ich die Demokraten trotz des verbleibenden Abstands zur LDP endg=FCltig als=
 die zweite gro=DFe Partei des Landes etabliert. </b>Die <i>New Conservativ=
e Party </i>wird - wie gesagt - in K=FCrze in der LDP aufgehen, und die Lib=
eralen Ozawas sind trotz des Zugewinns von 4 Sitzen keine Kraft mehr, die d=
ie LDP gef=E4hrden k=F6nnte. <b>Die Bedrohung der LDP-Herrschaft durch eine=
 zweite gro=DFe konservative Partei mit reformistischem Impetus ist abgewen=
det. </b>Die Sozialdemokraten werden ebenfalls entweder in der Demokratisch=
en Partei aufgehen oder von der politischen B=FChne verschwinden: Sozialdem=
okraten wie Liberale sind Restposten, =DCberbleibsel vergangener Epochen (d=
ie Sozialdemokraten des stabilen =84Systems von 1955", die Liberalen der mi=
ttlerweile =FCberwundenen Turbulenzen in der ersten H=E4lfte der 90er Jahre=
). Komeito und Kommunisten haben eine vergleichsweise stabile, aber begrenz=
te W=E4hlerschaft (die, wie die Wahlen zeigten auch schrumpfen kann), sie w=
erden die kommenden Jahre =FCberleben, aber allenfalls als (potentielle) Ko=
alitionspartner von Bedeutung sein. <b>Der Kampf um die Regierungsmacht wir=
d in Zukunft zwischen LDP und Demokraten ausgetragen werden - wobei noch me=
hrere Wahlen stattfinden werden, bevor die Demokraten f=FCr die LDP eine wi=
rkliche Konkurrenz sind.</b>
</p><p><b>Denn was - neben der starken W=E4hlerbasis auf dem Lande - die St=
=E4rke der LDP ausmacht, ist der Anschein von Sicherheit, den sie einer in =
jeder Hinsicht verunsicherten Bev=F6lkerung bietet. Der japanische Konserva=
tismus war in den Jahrzehnten eines beispiellosen wirtschaftlichen Aufholpr=
ozesses das unter Umst=E4nden notwendige Gegenst=FCck des dramatischen wirt=
schaftlichen und sozialen Wandels. </b>Er garantierte, dass auch die Modern=
isierungsverlierer vom Wandel profitierten und nicht zu Gegnern der Moderni=
sierung wurden. Heute stehen die Institutionen, die den Aufholprozess m=F6g=
lich gemacht haben - von der Vorherrschaft der B=FCrokratie bis hin zur =84=
lebenslangen Besch=E4ftigung" - zur Disposition. Die LDP-Herrschaft ist ein=
e der wenigen Konstanten, die bleibt, auch wenn sie nicht mehr wie in der V=
ergangenheit als Garant grenzenloser Prosperit=E4t gelten kann. <b>Das Lebe=
n ist f=FCr viele Japaner riskanter geworden: Warum sollten sie noch das zu=
s=E4tzliche Risiko einer neuen Regierung eingehen?</b>
<a name=3D"E283E4"></a>
<br><br></p><h2><b>Wirtschaftspolitik und Staatshaushalt</b></h2>
<p><b>Die Demokraten haben mit der Haushaltspolitik die f=FCr die Zukunft e=
ntscheidende Frage aufgeworfen. Bei einer =F6ffentlichen Verschuldung von o=
ffiziell 130 Prozent des Sozialprodukts (=FCber die vielen Schattenhaushalt=
e und verdeckten Verpflichtungen, von den Pensionen der Eisenbahner bis hin=
 zu den verstaatlichten faulen Krediten der Banken, l=E4sst sich nur spekul=
ieren) droht Japan in eine Schuldenfalle zu geraten: Wenn der Zinssatz nich=
t mehr wie heute bei Null liegt, k=F6nnte sich der staatliche Schuldendiens=
t als nicht mehr beherrschbar erweisen (es gibt Projektionen, denen zufolge=
 der Schuldendienst unter bestimmten Bedingungen die gesamten Staatsausgabe=
n absorbieren wird).</b> Auf der anderen Seite ist nicht klar, ob eine aust=
erit=E4tsorientierte Haushaltspolitik nicht die wirtschaftliche Stagnation =
zur schweren Depression versch=E4rfen w=FCrde. Wenn die staatlichen Konjunk=
turspritzen auch nicht ausreichten, die private Nachfrage nachhaltig zu st=
=E4rken, so bleibt doch offen, wie sich die Wirtschaft ohne einen expansive=
n Haushalt entwickelt h=E4tte. <b>Es gibt die begr=FCndete These, dass die =
staatlich geschaffene Nachfrage nicht zu gro=DF, sondern zu klein war, um d=
ie Konjunktur effektiv zu beleben. Doch wie immer man die Wirkungen der Hau=
shaltspolitik beurteilt: <i>So fortgesetzt wer</i><i>den kann sie nicht</i>=
.</b>
</p><p><b>Das derzeitige Kernproblem der japanischen Wirtschaft liegt im un=
zureichenden privaten Konsum bzw. in der hohen und trotz der Krise wachsend=
en Ersparnisbildung der privaten Haushalte. Die Sparneigung w=E4chst trotz =
eines Zinssatzes in der N=E4he der Nullinie, und auch die fiskalische Expan=
sionspolitik hat hieran nichts ge=E4ndert.</b> Die Staatsausgaben sind offe=
nsichtlich einer sektoral (Bauwirtschaft) und lokal (die l=E4ndlichen Regio=
nen) begrenzten Bev=F6lkerungsgruppe zugute gekommen, w=E4hrend sie bei vie=
len st=E4dtischen Haushalten m=F6glicherweise das Gegenteil dessen bewirkt =
haben, was mit ihnen angestrebt war: Die Haushalte sparen u.U. auch in Anti=
zipation k=FCnftiger Steuererh=F6hungen.
</p><p><b>Insgesamt liegt der hohen Sparrate eine neue Risikowahrnehmung de=
r Arbeitnehmer zugrunde: Erstens ist erstmals die <i>Arbeits</i><i>losig</i=
><i>keit </i>zu einem breit perzipierten Risiko geworden, insbesondere f=FC=
r M=E4nner im mittleren Alter, die dem mittleren Management der Unternehmen=
 angeh=F6ren. Obwohl die offizielle Arbeitslosenquote im internationalen Ve=
rgleich niedrig ist, hat sich das <i>wahrge</i><i>nommene </i>Risiko der Ar=
beitslosigkeit mit der Aufk=FCndigung des der lebenslangen Besch=E4ftigung =
zugrunde liegenden informellen Sozialvertrags zwischen Arbeit und Kapital d=
rastisch erh=F6ht. Die Sicherung gegen Arbeitslosigkeit ist demgegen=FCber =
schwach, ein seit mehr als 20 Jahren Besch=E4ftigter kann maximal 300 Tage =
lang Arbeitslosengeld beziehen.</b> <b>Dar=FCber hinaus bedeutet in einem B=
esch=E4ftigungssystem mit unternehmensinterner Ausbildung der Verlust des J=
obs automatisch den Verlust der Qualifikation.</b> <b>Auch vor=FCbergehende=
 Arbeitslosigkeit ist fast immer mit einem Status- und Einkommensverlust ve=
rbunden.</b>=20
</p><p><b>Das zweite wahrgenommene Risiko ist Einkommenslosigkeit bzw. unzu=
reichendes Einkommen im Alter. Die Leistungen der offiziellen Rentenversich=
erung <i>(kozai nenkin) </i>gelten infolge der immer wieder beschworenen Al=
terung der Gesellschaft als wenig sicher; erste Ans=E4tze zur Reform des Re=
ntensystems laufen auf eine K=FCrzung der ohnehin wenig gro=DFz=FCgigen Lei=
stungen hinaus.</b> Die in Kleinunternehmen Besch=E4ftigten, Selbst=E4ndige=
n und mithelfenden Familienangeh=F6rigen sind in einem zweiten Rentensystem=
 <i>(kokusai nenkin) </i>mit niedrigen Beitr=E4gen und mit Leistungen versi=
chert, die auf keinen Fall ausreichen, um den Lebensstandard auch nur ann=
=E4hernd zu wahren. <b>Die betriebliche Alterssicherung befindet sich ebens=
o wie die privaten Lebensversicherungen in einer schweren Krise; in den let=
zten Jahren sind bereits drei gr=F6=DFere private Lebensversicherer pleite =
gegangen. Die Krise der Lebensversicherungen (die auch die betriebliche Alt=
erssicherung managen) geht darauf zur=FCck, dass den Versicherten in der Ve=
rgangenheit hohe (und einklagbare) Minimalertr=E4ge zugesagt wurden, diese =
Zusage aufgrund der niedrigen Ertr=E4ge auf die eigenen <i>assets </i>aber =
nicht gehalten werden konnte. F=FCr die Zukunft sind weitere Zusammenbr=FCc=
he zu erwarten.</b>
</p><p>Die auch in der Vergangenheit hohe Ersparnisbildung der privaten Hau=
shalte geht darauf zur=FCck, dass ein hoher Anteil der Sicherung gegen sozi=
ale Risiken privat - von den Unternehmen und von den Arbeitnehmern - getrag=
en wurde. Damit war die Wirkung automatischer Stabilisatoren in Krisenzeite=
n - in einer Rezession wachsen automatisch die Sozialausgaben des Staates, =
die einen antizyklischen Effekt zeitigen - in Japan weniger ausgepr=E4gt al=
s in anderen Industriel=E4ndern (einschlie=DFlich der USA). Die staatlichen=
 Konjunkturspritzen mussten und m=FCssen mit anderen Worten so volumin=F6s =
sein, weil sie auch die Schw=E4che der automatischen Stabilisatoren kompens=
ieren m=FCssen. Nun haben sich die Unternehmen (die ihre Mitarbeiter fr=FCh=
er auch in Krisenzeiten weiter besch=E4ftigten) in j=FCngster Zeit ihrem Te=
il der Verantwortung entzogen, so dass die soziale Sicherung gegen in der W=
ahrnehmung gewachsene Risiken die Haushalte noch st=E4rker als zuvor belast=
et.=20
</p><p><b>Die Ersparnisbildung bzw. der Konsum der Haushalte reagieren wede=
r auf geld- noch auf traditionelle fiskalpolitische Anreize, weil die Siche=
rung trotz hoher Ersparnisse offensichtlich als unzureichend angesehen wird=
. Ein Ausweg w=E4re die (partielle) Entprivatisierung sozialer Risiken, d.h=
. die St=E4rkung der =F6ffentlichen sozialen Sicherung (und damit der autom=
atischen Stabilisatoren), und zwar nicht nur und nicht in erster Linie im S=
inne einer quantitativen Steigerung der Leistungen (dies betr=E4fe die Arbe=
itslosenversicherung), sondern auch und vor allem im Sinne einer h=F6heren =
Glaubw=FCrdigkeit der Sicherungszusagen (insbesondere in der Alterssicherun=
g). Dies kann in einer politischen Kultur, in der =F6ffentliche Leistungen =
eher als Almosen denn als durch Beitragszahlungen erworbene Anrechte angese=
hen werden, freilich nur langfristig erfolgen</b>.
<!-- START END -->
</p><hr>
<font size=3D"-2">
=A9 <a href=3D"mailto:wwwadm@www.fes.de">Friedrich Ebert Stiftung</a>
| <a href=3D"https://library.fes.de/fulltext/stabsabteilung/support.html">t=
echnical support</a> | net edition=20
<a href=3D"mailto:walter.wimmer@fes.de">fes-library</a> | Januar 2001
</font></td></tr></tbody></table>
<!-- END END -->

</body></html>
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