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Date: Wed, 7 May 2025 14:09:47 +0200
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Wendet sich Belarus nach Osten oder Westen?
 / Abteilung Internationaler Dialog, Friedrich-Ebert-Stiftung. - Bonn, 1999=
. - 6 S. =3D 23 Kb, Text
. - (Politikinformation Osteuropa ; 82)
&lt;br&gt;Electronic ed.: Bonn: FES Library, 2000
&lt;br&gt;&lt;br&gt;&lt;font size=3D-1&gt;&lt;i&gt;=A9 Friedrich-Ebert-Stif=
tung&lt;/i&gt;&lt;/font&gt;
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=3D"TITELINFO"></center><br><br>
<font size=3D"+1">
<!-- END BEGIN1 -->
Wendet sich Belarus nach Osten oder Westen?
 / Abteilung Internationaler Dialog, Friedrich-Ebert-Stiftung. - Bonn, 1999=
. - 6 S. =3D 23 Kb, Text
. - (Politikinformation Osteuropa ; 82)
<br>Electronic ed.: Bonn: FES Library, 2000
<br><br><font size=3D"-1"><i>=A9 Friedrich-Ebert-Stiftung</i></font>
<!-- START BEGIN2 -->
</font>
<br><br>
<center><img src=3D"https://library.fes.de/images/digbib/d_inhalt.gif" alt=
=3D"INHALT"></center><br><br>
<!-- END BEGIN2 -->

<p>
</p><ul>
<li>
<a href=3D"https://library.fes.de/fulltext/id/00717.htm#E10E1">Die beiden W=
ahlen von 1999 mi=DFgl=FCckten.</a><br>
</li><li>
<a href=3D"https://library.fes.de/fulltext/id/00717.htm#E10E2">Erste Gespr=
=E4che zwischen Regierung und Opposition</a><br>
</li><li>
<a href=3D"https://library.fes.de/fulltext/id/00717.htm#E10E3">Oppositionel=
le =84verschwinden".</a><br>
</li><li>
<a href=3D"https://library.fes.de/fulltext/id/00717.htm#E10E4">Auch an der =
Wirtschaftspolitik der Regierung w=E4chst die Kritik.</a><br>
</li><li>
<a href=3D"https://library.fes.de/fulltext/id/00717.htm#E10E5">Innerer Zwis=
t und Unterdr=FCckung schw=E4chen die Opposition.</a><br>
</li><li>
<a href=3D"https://library.fes.de/fulltext/id/00717.htm#E10E6">Ausl=E4ndisc=
her Druck zeigt erste Wirkungen.</a><br></li></ul>


<br><br>
<p align=3D"RIGHT"><font size=3D"-1"><i>Dezember 1999</i></font><br><br>
</p><p>Belarus ist der westlichste Staat der Nachfolgeorganisation der Sowj=
etunion, der GUS (Gemeinschaft Unabh=E4ngiger Staaten). Es grenzt schon heu=
te an die NATO (seit dem Beitritt Polens zum westlichen Verteidigungsb=FCnd=
nis) und ist ein k=FCnftiger Anrainerstaat der EU. Aber <b>wo liegt Belarus=
=92 Zukunft</b> - in der engeren Anbindung an Ru=DFland, der F=FChrungsmach=
t der GUS, oder in einer Ann=E4herung an die EU?=20
</p><p>Die Antwort hierauf ist noch weitgehend offen und h=E4ngt vom Verlau=
f des innenpolitischen Konflikts ab. Belarus steht am politischen Kreuzweg =
seiner k=FCnftigen Positionierung, sowohl auf wirtschafts- und gesellschaft=
spolitischem Feld, als in der Au=DFenpolitik. W=E4hrend die <b>Opposition</=
b> weitgehend aus den Protagonisten und Akteuren <b>f=FCr die Westwende</b>=
 besteht, die sich gegen eine Union mit Ru=DFland aussprechen, <b>betreibt =
Pr=E4sident Alexander Lukaschenko diese russische Wiedervereinigung</b> mit=
 Verve.=20
</p><p>1998 standen sich beide Lager unvers=F6hnlich gegen=FCber. Lukaschen=
ko konnte faktisch seine Politik durchsetzen. Die Opposition w=FCrde ihn am=
 liebsten wegen der zahlreichen Menschen- und B=FCrgerrechtsverletzungen zu=
r Verantwortung ziehen. Der Antagonismus kann angesichts der herrschenden K=
r=E4fteverh=E4ltnisse und Rahmenbedingungen nur durch beiderseitige <b>Komp=
romi=DFbereitschaft im Interesse des Landes </b>=FCberwunden werden. Diese =
Einsicht scheint im Herbst 1999 zu wachsen. Welche Ereignisse und Umst=E4nd=
e im abgelaufenen Jahr rechtfertigen diesen vorsichtigen Optimismus?=20
<br></p><p align=3D"CENTER">
<a name=3D"E10E1"></a>
</p><p align=3D"CENTER">
</p><center>
<font size=3D"+1">Die beiden Wahlen von 1999 mi=DFgl=FCckten.</font></cente=
r>
<br>
<p>Die von Lukaschenko auf April festgelegten und von der Opposition boykot=
tierten <b>Kommunalwahlen</b> (nur die KP unterst=FCtzte sie) sowie die vom=
 ehemaligen 13. Obersten Sowjet gegen den Widerstand von Lukaschenko initii=
erten <b>Pr=E4sidentschaftswahlen</b> im Mai bildeten die beiden H=F6hepunk=
te des politischen Konflikts. Die =DCberpr=FCfung des Kommunalwahlgesetzes =
durch die OSZE Monitoring-Gruppe in Minsk m=FCndete in der Beurteilung, =84=
das Kommunalwahlgesetz kann die freie und gerechte Durchf=FChrung des Wahlp=
rozesses nicht gew=E4hrleisten".=20
</p><p>Damit wurden erneut konkrete Chancen vertan, notwendige Schritte in =
Richtung leistungsf=E4higer kommunaler Selbstverwaltungsstrukturen zu unter=
nehmen. Die Exekutive hatte auf die angebotene <b>internationale Beratungsh=
ilfe</b> f=FCr die Ausarbeitung demokratischer Wahlstandards verzichtet. Di=
e Regierung schien zu bef=FCrchten, der demokratischen Opposition auf diese=
m Weg politische Mitwirkung einr=E4umen zu=20
</p><p>m=FCssen. Insofern konnte es auch nicht verwundern, wenn in- und aus=
l=E4ndische Experten =FCbereinstimmend das frisch verabschiedete Kommunalwa=
hlgesetz als ungen=FCgend einstuften.=20
</p><p>Somit wurden auch <b>keine Beobachter seitens der OSZE</b> oder ande=
rer internationaler Organisationen zu den Kommunalwahlen entsandt. Das offi=
zielle Wahlergebnis der Wahl von 98% aller Kommunalr=E4te bei einer Wahlbet=
eiligung von 70% mu=DF im Licht des Fehlens jeglicher objektiver Wahlkontro=
lle betrachtet werden. Zum Vergleich: Bei den politisch wesentlich wichtige=
ren Parlamentswahlen im Mai 1995 war die erforderliche  Wahlbeteiligung so =
gering, da=DF ebenfalls in zwei Wahlg=E4ngen lediglich 50% der Abgeordneten=
 gew=E4hlt wurden.
</p><p><b>F=FCr den 16. Mai rief die Opposition zu Pr=E4sidentschaftswahlen=
 auf</b>, weil die Amtszeit von Lukaschenko gem=E4=DF der Verfassung von 19=
94 im Juli auslief. Dieser h=E4lt jedoch seine Pr=E4sidentschaft bis zum No=
vember 2001 gerechtfertigt =96 auf der Grundlage seines Verfassungsputsches=
 vom November 1996. Mit der Festlegung des Wahldatums versuchte der 13. Obe=
rste Sowjet (noch knapp 40 Abgeordnete) zugleich sein politisches Comeback.=
 Die Regierung hatte in den vergangenen zwei Jahren unaufh=F6rlich versucht=
, den 13. Obersten Sowjet sowohl als Institution ins politische Abseits zu =
stellen, als auch einzelne Abgeordnete zu kriminalisieren. W=E4hrend der ge=
samten Vorbereitungszeit auf diese Wahlen demonstrierte der Staatsapparat o=
ffen seine Macht:=20
</p><ul>
<li>Am 1. M=E4rz wurde die gesamte <b>Wahlkommission</b> w=E4hrend ihrer Si=
tzung <b>festgenommen</b> und anschlie=DFend zu erheblichen Geldbu=DFen bzw=
. Gef=E4ngnis bis zu zehn Tagen verurteilt. Gegen den Vorsitzenden, Viktor =
Gontschar, wurde ein strafrechtliches Verfahren eingeleitet.=20
</li><li>Manche <b>Wahlhelfer</b>, die die erforderlichen Unterschriften f=
=FCr die Registrierung der beiden Pr=E4sidentschaftskandidaten, Sianon Posn=
jak (Vorsitzender der Belarussischen Volksfront, lebt im Ausland) und Micha=
el Tschygir (als Protest gegen das Referendum von 1996 als Ministerpr=E4sid=
ent zur=FCckgetreten) sammelten, wurden in den St=E4dten der Regionen <b>be=
straft</b>.
</li><li>Die <b>staatlichen Massenmedien</b> diskreditierten die Wahlen st=
=E4ndig als verfassungswidrig und wiesen auf die angeblich kriminelle Handl=
ung der Organisatoren hin.=20
</li><li>Sieben oppositionelle <b>Zeitungen</b> und elf Parteien bzw. gesel=
lschaftliche Organisationen wurden wegen =84Aufruf zu verfassungswidrigen W=
ahlen" <b>verwarnt</b>.=20
</li><li><b>Michael Tschygir</b> wurde unter dem Vorwand, er trage als vorm=
aliger Bankdirektor die Verantwortung f=FCr die Nichtr=FCckzahlung eines Kr=
edits, am 31. M=E4rz <b>verhaftet</b>. Seit dem 8. Mai ist der ehemalige In=
nenminister, Sacharenko, spurlos verschwunden. Er hatte sich ebenfalls als =
Oppositioneller exponiert.=20
</li></ul>
<p>Weil f=FCr die <b>Durchf=FChrung der Wahlen</b> keine Wahllokale existie=
rten, entschied die Wahlkommission sich f=FCr mobile Wahlurnen, d.h. Wahlhe=
lfer zogen mit diesen Urnen von Wohnung zu Wohnung. Die Wahldauer war vom 1=
6. Mai an auf zehn Tage festgelegt. Pr=E4sidentschaftskandidat Posnjak zog =
noch w=E4hrend der Wahlprozedur =96 unter Hinweis auf ihre Rechtswidrigkeit=
 =96 seine Kandidatur zur=FCck. Es gab noch weitere Ungereimtheiten: so kon=
nten z.B. 4000 Wahlhelfer im M=E4rz innerhalb von zwei Wochen nur 250.000 U=
nterschriften f=FCr die Registrierung der Pr=E4sidentschaftskandidaten samm=
eln; hingegen konnten etwa 2000 Helfer der Wahlkommission innerhalb von zeh=
n Tagen vier Millionen ausgef=FCllte Wahlzettel vorlegen.=20
<br></p><p align=3D"CENTER">
<a name=3D"E10E2"></a>
</p><p align=3D"CENTER">
</p><center>
<font size=3D"+1">Erste Gespr=E4che zwischen Regierung und Opposition</font=
></center>
<br>
<p>Die Aufrufe der Opposition und des 13. Obersten Sowjets nach dem 20. Jul=
i, die Befugnisse von Lukaschenko als Staatsoberhaupt nicht weiter anzuerke=
nnen, blieben erfolglos. Andererseits schien auch die Regierung =96 nunmehr=
 nach Einsch=E4tzung aller westlichen internationalen Institutionen nicht l=
=E4nger verfassungsrechtlich legitimiert =96 nicht weiter unger=FChrt auf i=
nnen- und au=DFenpolitischen Konfrontationskurs setzen zu wollen. Nach zahl=
reichen z=E4h verlaufenden vertraulichen <b>Treffen zwischen Hans Georg Wie=
ck, dem OSZE-Missionsleiter in Minsk, und Lukaschenko</b>, fand am 1. Augus=
t auf Initiative und unter Vermittlung der OSZE eine erste offizielle Begeg=
nung zwischen Vertretern der acht ma=DFgeblichen Oppositionsparteien und de=
r Regierung statt. Als Leiter der Oppositionsdelegation, die auch vom 13. O=
bersten Sowjet best=E4tigt wurde, w=E4hlte man Anatolij Lebedko, stellv. Vo=
rsitzender der Vereinigten B=FCrgerpartei.=20
</p><p><b>Gegenstand</b> <b>der</b> <b>Verhandlungen </b>sind:
</p><ul>
<li>Ausarbeitung eines Gesetzes f=FCr die Parlamentswahlen im n=E4chsten Ja=
hr (voraussichtlich im April)
</li><li>Status des neuen Parlaments
</li><li>ungehinderter Zugang der oppositionellen Parteien und Bewegungen z=
u den Massenmedien
</li></ul>
<p>Anscheinend, um die Ernsthaftigkeit der Dialogs mit der Opposition und i=
hre Kompromi=DFbereitschaft zu unterstreichen, best=E4tigte die belarussisc=
he Delegation am 20. August w=E4hrend der<b> Sitzung der UNO-Kommission f=
=FCr den Schutz der Menschenrechte in Genf</b>, ebenfalls die Bereitschaft =
der  Regierung, den vereinbarten 3-Punkte-Katalog zum positiven Abschlu=DF =
zu bringen. Damit verhinderte sie zugleich auch die vorgesehene Verabschied=
ung einer Resolution =FCber Menschenrechtsverletzungen in Belarus.
</p><p>Ob es sich lediglich um eine<b> taktische oder eine ernst gemeinte s=
trategische Kurs=E4nderung</b> handelt, dar=FCber kann zum jetzigen Zeitpun=
kt nur spekuliert werden. Zwei m=F6gliche Motive k=F6nnten eine Rolle spiel=
en:=20
</p><ul>
<li>Der <b>Vereinigungsproze=DF mit Ru=DFland stockt</b>. Eine Hinwendung n=
ach Westen w=FCrde Lukaschenko aus seiner einseitig auf Moskau orientierten=
 Isolation l=F6sen und ihm damit zugleich aufgrund seiner Popularit=E4t in =
Ru=DFland eine noch gr=F6=DFere Einwirkungsm=F6glichkeit auf die politische=
 Gestaltung verschaffen.=20
</li><li>Lukaschenko kann sich ohne gro=DFes Wagnis auf die Verhandlungen m=
it der Opposition einlassen. Die belarussische Opposition mu=DF mit dem nic=
ht mehr legalen Pr=E4sidenten verhandeln, d.h. sie verleiht ihm quasi durch=
 den Dialogproze=DF zumindest indirekt wieder Legitimit=E4t. Kontinuierlich=
 konstatieren Umfragen von der Opposition nahe stehenden soziologischen For=
schungsinstituten auf die <b>unangefochtene Beliebtheit von Lukaschenko in =
der Bev=F6lkerung</b> (zwischen 45-50%). Eine ernsthafte Alternative aus Kr=
eisen der Opposition ist nicht in Sicht. Die Verhandlungen bringen ihm zus=
=E4tzlich auch noch den Beifall des Westens verbunden mit Kreditzusagen ein=
.=20
</li></ul>
<p>Der Lakmus-Test ist auf jeden Fall das Verhandlungsergebnis zwischen Reg=
ierung und Opposition in Minsk.=20
</p><p>Anfang September fanden <b>drei Gespr=E4chsrunden</b> zwischen den K=
ontaktgruppen der Opposition =96 unter Leitung von M. Pastuchow, Vorsitzend=
er des Rechtsschutzzentrums der Massenmedien der belarussischen Journaliste=
nvereinigung =96 und der Regierung unter F=FChrung des Pr=E4sidentenberater=
s, M. Sazonow, statt und leiteten damit die Vorbereitungsphase des politisc=
hen Dialogs ein. =DCber den ungehinderten Zugang zu den Massenmedien konnte=
 noch nicht verhandelt werden, weil die Vertreter des staatlichen Radios un=
d Fernsehens nicht teilgenommen hatten.=20
<br></p><p align=3D"CENTER">
<a name=3D"E10E3"></a>
</p><p align=3D"CENTER">
</p><center>
<font size=3D"+1">Oppositionelle =84verschwinden".</font></center>
<br>
<p>Am 16. September =84verschwand" der stellvertretende Vorsitzende des 13.=
 Obersten Sowjets, <b>V. Gontschar</b>. Seitdem der Sprecher des 13. Oberst=
en Sowjets, S. Scharetzki, im Sommer aus Sicherheitsgr=FCnden nach Litauen =
=FCbersiedelte, hatte er sich zu einem der f=FChrenden Oppositionspolitiker=
 profiliert.=20
</p><p>Nach dem spurlosem =84Verschwinden" von Frau <b>T. Winnikowa</b>, de=
r fr=FCheren Leiterin der Belarussischen Nationalbank, im April und des ehe=
maligen Innenministers, <b>J. Sacharenko</b>, der sich aktiv an der Vorbere=
itung der oppositionellen Pr=E4sidentenwahlen am 16. Mai beteiligt hatte, a=
m 8. Mai ist nun mit Gontschar die dritte prominente Person unter mysteri=
=F6sen Umst=E4nden von der politischen Bildfl=E4che verschwunden. Dieses er=
innert =96 in der Methodik, wenngleich auch nicht in der Dimension =96 fata=
l an die stalinistische Praxis bis Anfang der 50er Jahre. F=FCr den 19. Sep=
tember war die Sitzung des Ausschusses des 13. Parlaments anberaumt, auf de=
r V. Gontschar =FCber die Vorhaben des Parlaments im Zusammenhang mit den a=
usgelaufenen pr=E4sidialen Befugnissen von Lukaschenko sprechen sollte. Die=
 Appelle der OSZE, des Europ=E4ischen Parlaments sowie etlicher europ=E4isc=
her Regierungen und russischer Demokraten an die belarussische Regierung, d=
as Verschwinden schnell aufzukl=E4ren, blieben ohne klare Antwort. =20
<br></p><p align=3D"CENTER">
<a name=3D"E10E4"></a>
</p><p align=3D"CENTER">
</p><center>
<font size=3D"+1">Auch an der Wirtschaftspolitik der Regierung w=E4chst die=
 Kritik.</font></center>
<br>
<p>Nicht nur die politische Opposition verfolgt die Versprechungen der Regi=
erung auf mehr Demokratie mit Skepsis. Auch auf Gewerkschaftsseite und im L=
ager der <b>Kleinunternehmer</b> hat das Verhalten der Exekutive die vorhan=
dene Frustration noch weiter verst=E4rkt. Am 1. September protestierten lan=
desweit die Besitzer von Kleinbetrieben gegen den Pr=E4sidentenerla=DF Nr. =
14, der den Kontrollorganen die Handhabe gibt, praktisch jedes Kleinunterne=
hmen jederzeit zu schlie=DFen. Grundlage hierf=FCr ist die Nachweispflicht =
der f=FCr den Ankauf einer Ware erforderlichen Devisen sowie eines Qualit=
=E4tszertifikats f=FCr jeden Warenartikel, in dem auch die genaue Herkunft =
vermerkt ist. Weil praktisch keine belarussische Bank Devisen verkauft und =
andererseits der belarussische Rubel eine pure Binnenw=E4hrung ist, erforde=
rte die Gesch=E4ftsf=FChrung f=FCr diese Berufsgruppe schon bislang ein hoh=
es Ma=DF an Kreativit=E4t. Nunmehr droht den Kleinunternehmen aber permanen=
t der Ruin durch Beschlagnahmung und Enteignung.=20
</p><p>Am 30. September hatten die <b>Gewerkschaften</b> =96 sowohl die una=
bh=E4ngigen, als auch die alten (F=F6deration) =96 in Minsk und in anderen =
St=E4dten zu Kundgebungen aufgerufen, um gegen niedrige L=F6hne, Inflation,=
 f=FCr die R=FCcknahme von Verordnungen, die die Produktionsentwicklung hem=
men, sowie gegen staatliche Aufhebung des Generaltarifvertrages zu protesti=
eren. Trotz aller Hindernisse, wie z.B. Anordnung von zus=E4tzlichen Arbeit=
sschichten an diesem Tag und Zuweisung eines vom Stadtzentrum weit entfernt=
en Platzes, der keinen Raum f=FCr gr=F6=DFere Menschenmengen bot, folgten a=
llein in Minsk etwa 10.000 Menschen dem Aufruf. Auf diese Demonstration rea=
gierte Lukaschenko mit einem Erla=DF, der den Betriebsbuchhaltungen k=FCnft=
ig untersagt, direkt die Gewerkschaftsbeitr=E4ge vom Lohn einzubehalten.=20
<br></p><p align=3D"CENTER">
<a name=3D"E10E5"></a>
</p><p align=3D"CENTER">
</p><center>
<font size=3D"+1">Innerer Zwist und Unterdr=FCckung schw=E4chen die Opposit=
ion.</font></center>
<br>
<p>Nachdem sich die Opposition schon w=E4hrend der gescheiterten =84Pr=E4si=
dentschaftswahlen" im Mai nicht als glaubhafte Alternative pr=E4sentieren h=
atte k=F6nnen, setzte sich der Proze=DF =FCber selbstverschuldeten Schw=E4c=
hung im September fort. Eine der =E4ltesten national-demokratischen Bewegun=
gen, <b>die Belarussische Volksfront, spaltete sich</b> anl=E4=DFlich des S=
treits um die Legitimit=E4t (Delegiertenschl=FCssel) der Einberufung ihres =
IV. Parteitages am 26. September in Minsk. W=E4hrend ein Teil der Volksfron=
tmitglieder weiterhin den im ausl=E4ndischen Exil lebenden F=FChrer, Sianon=
 Posnjak, als Vorsitzenden favorisieren, fordern seit l=E4ngerem andere, da=
=DF die politische F=FChrungsfigur im Land leben soll. Deren pr=E4ferierter=
 Parteif=FChrer ist deshalb W. Viatschorka.
</p><p>Die Posnjak-Anh=E4nger wiederum beschlossen einen neuen Parteinamen:=
 <b>Christlich-Konservative Partei Belarussische Volksfront</b>. F=FCr den =
30. Oktober riefen beide Parteien zu Parteikongressen auf, die auf Druck de=
r Stadtverwaltung in Minsk im selben Geb=E4ude stattfanden und erwartungsge=
m=E4=DF in handgreifliche Auseinandersetzungen und Polizeieinsatz m=FCndete=
n.
</p><p>Weiterhin ringen die acht Oppositionsparteien mit der Regierung in m=
=FChsamen Verhandlungen um das Zustandekommen eines rechtsstaatlichen Regel=
werks f=FCr die Medien, die vorgesehenen Parlamentswahlen und die k=FCnftig=
e Parlamentsordnung. Beide Seiten versuchten, der anderen Seite jeweils ihr=
e St=E4rke vor Augen zu f=FChren -  die Opposition mit einem machtvollen <b=
>Stra=DFenprotest</b>, die Regierung mit <b>repressiven Ma=DFnahmen</b> hie=
rauf. Am 17. Oktober demonstrierten etwa 20.000 B=FCrger in einem =84Freihe=
itsmarsch" gegen die bevorstehende Unterzeichnung des Unionsvertrages mit R=
u=DFland. Der Versuch, nach der Kundgebung von dem zugewiesenen Platz am St=
adtrand aus in das Stadtzentrum zu marschieren, wurde mit Polizeigewalt ges=
toppt, was in eine regelrechte Stra=DFenschlacht mit Verletzten auf beiden =
Seiten m=FCndete. Etwa 200 Personen wurden verhaftet, unter ihnen auch der =
Vorsitzende der Belarussischen Sozial-Demokratischen Partei, Nikolai Statke=
witsch, sowie Anatolij Lebedko. In der Untersuchungshaft wurde ihnen anwalt=
licher Beistand verweigert. Die Bitte der OSZE-Mission, sie zu besuchen, bl=
ieb ohne Antwort.=20
<br></p><p align=3D"CENTER">
<a name=3D"E10E6"></a>
</p><p align=3D"CENTER">
</p><center>
<font size=3D"+1">Ausl=E4ndischer Druck zeigt erste Wirkungen.</font></cent=
er>
<br>
<p>W=E4hrend <b>Washington, die OSZE und das Europ=E4ische Parlament</b> di=
e belarussische Regierung aufforderten, die verhafteten Teilnehmer frei zu =
lassen, stellte sich mit Ausnahme der Fraktion =84Jabloko" die russische Du=
ma auf die Seite von Lukaschenko, als er unter gro=DFem Beifall am 26. Okto=
ber vor dem russischen Parlament =FCber die Lage in Belarus aus seiner Sich=
t berichtete.=20
</p><p>Am sp=E4ten Abend des 31. Oktobers wurde zun=E4chst <b>Statkewitsch<=
/b>, in den n=E4chsten Tagen auch <b>Lebedko</b> sowie alle anderen Verhaft=
eten <b>freigelassen</b>. Anfang Dezember konnte auch <b>Tschygir</b> das G=
ef=E4ngnis verlassen. Bei dieser Freilassung handelt es sich wohl nicht um =
eine gro=DFm=FCtige Geste, sondern vielmehr eher um sorgf=E4ltige Inszenier=
ung auf der Grundlage n=FCchterner Interessenabw=E4gung:=20
</p><p>Am 29./30. Oktober hielt sich der <b>Leiter der OSZE-Arbeitsgruppe f=
=FCr Belarus</b>, der ehemalige rum=E4nische Au=DFenminister <b>A. Severin<=
/b>, in Minsk auf, um die Ergebnisse der Vorbereitungsphase des Dialogs zwi=
schen Regierung und Opposition zu beurteilen. Auf dem OSZE-Gipfeltreffen in=
 Istanbul, zu dem Lukaschenko eingeladen war, sollte auch =FCber die Mensch=
enrechtssituation in Belarus diskutiert werden. Im Abschlu=DFdokument, das =
von allen 54 Staats- und Regierungschefs (auch von Alexander Lukaschenko) u=
nterzeichnet wurde, wird im Artikel 22 betont, da=DF einzig durch den polit=
ischen Dialog in Belarus der Weg f=FCr freie und demokratische Wahlen zur E=
ntwicklung einer echten Demokratie f=FChrt. Allerdings haben bislang die st=
aatlichen Medien noch nicht =FCber die Vereinbarung berichten d=FCrfen.
</p><p>Zudem reiste <b>am 1./2. November eine Delegation der Europ=E4ischen=
 Union</b> nach Minsk, um sich mit der politischen und wirtschaftlichen Lag=
e vertraut zu machen. Im Zuge dieses Treffens unterzeichnete die Regierung =
ein F=F6rderprogramm f=FCr unabh=E4ngige Medien und NGOs (5,5 Mio. USD) f=
=FCr die demokratische und rechtsstaatliche Entwicklung. Vor zwei Jahren ha=
tte sich die Regierung dieser Unterst=FCtzungshilfe noch erfolgreich verwei=
gern k=F6nnen.=20
</p><p>In der <b>Medienpolitik</b> ist bislang nur politische Rhetorik, abe=
r keine wirkliche =C4nderung festzustellen. Anfang Oktober entzog das Press=
eministerium neun Zeitungen und Zeitschriften aus vorgeschobenen formal-jur=
istischen Gr=FCnden die Registrierung. Ein Beweis f=FCr die fortgesetzte Un=
terdr=FCckungspolitik ist auch der Fall des Rechtsschutzzentrums =84Fr=FChl=
ing 96". Ende Oktober konfiszierte die Polizei die gesamte technische Ausr=
=FCstung dieser NGO mit der Begr=FCndung, da=DF die gem=E4=DF den gesetzlic=
hen Vorschriften im B=FCro aufzubewahrenden Unterlagen =FCber die Besitzver=
h=E4ltnisse fehlen w=FCrden. Ins Blickfeld staatlicher Aufmerksamkeit gerie=
t =84Fr=FChling 96" wohl durch ihre Aktivit=E4t um die Aufkl=E4rung der Hin=
tergr=FCnde und Verantwortlichkeiten einer Trag=F6die, als am 30. Mai nach =
einem Rockkonzert fast 60 Menschen ums Leben kamen.
</p><p>Bislang ist Lukaschenko den nachpr=FCfbaren Beweis f=FCr den Aufbau =
demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen schuldig geblieben. Mit ein=
em fairen, auf Kompromi=DF orientierten politischen Dialog mit der Oppositi=
on k=F6nnte er anfangen, auf diese Weise die Grundlage f=FCr einen neuen po=
litischen Gesellschaftsvertrag liefern und damit zugleich auch die T=FCr zu=
m Europa der Integration =F6ffnen.
<!-- START END -->
</p><hr>
<font size=3D"-2">
=A9 <a href=3D"mailto:wwwadm@www.fes.de">Friedrich Ebert Stiftung</a>
| <a href=3D"https://library.fes.de/fulltext/id/support.html">technical sup=
port</a> | net edition=20
<a href=3D"mailto:walter.wimmer@fes.de">fes-library</a> | Februar 2000
</font></td></tr></tbody></table>
<!-- END END -->

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