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Subject: Kaschmir - FES: Referat Asien und Pazifik: Aktuelle Berichte
Date: Wed, 7 May 2025 15:00:26 +0200
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Asien und Pazifik">

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 Asia, Entwicklungspolitik, international development cooperation, internat=
ionale Zusammenarbeit, international cooperation, Indien, Pakistan, Kaschmi=
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<i>Kurzberichte aus der internationalen Entwicklungszusammenarbeit Asien un=
d Pazifik</i>

<h3>Kaschmir: Vehikel des indisch-pakistanischen Konflikts</h3>

<p>von Manfred Haack, Friedrich-Ebert-Stiftung Indien, und Gunter Lehrke, F=
riedrich-Ebert-Stiftung Pakistan

<br>20. Februar 2002

</p><p>Download als <a href=3D"https://library.fes.de/pdf-files/iez/01233.p=
df" target=3D"_blank"> pdf-Datei</a>

<b>

</b></p><ul><b>

<li>Der 11. September und seine Folgen haben das politische Koordinatensyst=
em S=FCdasiens grundlegend ver=E4ndert.</li>



<li>Nach dem Attentat auf das Parlament von Jammu und Kaschmir sieht Indien=
 sich als Opfer des internationalen Terrorismus.</li>

<li>Indien r=FCckt den Anschlag auf das Parlament in Delhi in die N=E4he de=
s 11. September und versucht auf diese Weise, die Versch=E4rfung des Konfli=
kts mit Pakistan zu legitimieren.</li>

<li>Sowohl f=FCr Indien als auch f=FCr Pakistan spiegelt sich in Kaschmir e=
in Teil der politischen Identit=E4t. Es ist Ausdruck der Spannweite des s=
=E4kularen F=F6deralismus Indiens bzw. Cornerstone des muslimischen Staates=
 Pakistan.</li>

<li>Kaschmir ist Vehikel eines zum Fundamentalkonflikt aufgetriebenen Gegen=
satzes. Daher fehlt der politische Wille zur einfachen Konfliktl=F6sung.</l=
i>

<li>Die Verh=E4rtung der indischen Haltung geht auf einen ideologisch motiv=
ierten Paradigmenwechsel  in der Regierungskoalition von Premierminister Va=
jpayee  zur=FCck.</li>

<li>Die Kosten-Nutzen-Rechnung der milit=E4risch sinnlosen und politisch fr=
uchtlosen Eskalation des Konflikts ist verheerend.</li>

<li>Nachdem beide Kontrahenten sich aus ihrer politischen Zwangslage offenb=
ar nicht mehr eigenst=E4ndig befreien k=F6nnen, erscheint eine von au=DFen =
aufgezwungene Vermittlung unvermeidlich.</li>

</b></ul><b>

</b>

<h4>Die Folgen des 11. Septembers</h4>

<p>Nach dem Attentat auf das World Trade Centre in New York ist es weltweit=
 und besonders in Asien zu politischen Positionswechseln gekommen, die das =
Koordinatensystem der s=FCdasiatischen Politik grundlegend ver=E4ndert habe=
n.

</p><p>Die indische Regierung hatte mit der umgehend erkl=E4rten, in der =
=D6ffentlichkeit freilich nicht unumstrittenen Bereitschaft, der amerikanis=
ch gef=FChrten Anti-Terrorismus-Koalition beizutreten, erf=FCllt, was sie d=
er strategischen Partnerschaft mit den USA schuldig zu sein glaubte. Parall=
el zu der ern=FCchternden Erfahrung, dass konkrete Angebote von Basen, Flug=
pl=E4tzen und =DCberflugrechten in Washington mit h=F6flichem Desinteresse =
quittiert wurden, musste die politische Klasse Indiens allerdings mit anseh=
en, wie es Pakistan mit einem fulminanten Drahtseilakt seines Milit=E4rpr=
=E4sidenten gelang, das Stigma eines rogue state abzusch=FCtteln und zum Sc=
hl=FCsselpartner der amerikanischen Afghanistan-Kampagne aufzusteigen.

</p><p>Pakistan hat in der Situation mehr getan als =FCber den eigenen Scha=
tten zu springen. Musharraf hat sich zum Politikwechsel gegen=FCber Afghani=
stan und im eigenen Lande entschlossen - zun=E4chst auch auf die Gefahr hin=
, sein Land in b=FCrgerkriegs=E4hnliche Zust=E4nde zu versetzen. Die Optimi=
sten in Pakistan haben schlie=DFlich Recht behalten; eine gro=DFe Solidarit=
=E4tswelle f=FCr die Taliban hat es nicht gegeben. F=FCr Pakistan war dies =
eine wichtige Selbsterfahrung. Nach dem          11. September und der folg=
enden Bombardierung Afghanistans durch die USA hatte man in Pakistan nicht =
ausgeschlossen, dass es den Islamisten gelingen k=F6nnte, Millionen zu mobi=
lisieren. Es waren aber nur einige Zehntausende und die Regierung blieb Her=
r der Lage.

</p><h4>Die Anschl=E4ge nach dem 11. September</h4>

<p>Am 1. Oktober kamen bei einem terroristischen Anschlag auf das Parlament=
 von Jammu und Kaschmir in Srinagar 38 Menschen ums Leben. Es =FCberrascht =
nicht, dass alsbald die von Pakistan aus operierenden Gruppen Jaish-e-Moham=
mad und Lashkar-e-Taiba um die Urheberschaft wetteiferten, wohl aber, dass =
der pakistanische Pr=E4sident Musharraf dem indischen Premierminister Vajpa=
yee telefonisch sein Beileid aussprach. Dennoch bewirkte das Srinagar-Atten=
tat eine kategorische =C4nderung der indischen Position innerhalb der Anti-=
Terrorismus-Koalition. Nachdem Indien auf amerikanisches Dr=E4ngen zun=E4ch=
st zugesichert hatte, den riskanten Seitenwechsel Musharrafs vom Sponsor de=
r Taliban zum Verb=FCndeten der USA nicht als g=FCnstige Gelegenheit zum ei=
genen Vorteil auszunutzen, reklamierte Au=DFenminister Jaswant Singh nun in=
 Washington mit deutlichem Verweis auf Pakistan, dass Indien ebenfalls Opfe=
r des internationalen Terrorismus sei.

</p><p>Als am 13. Dezember f=FCnf vermutlich aus dem pakistanischen Teil Ka=
schmirs kommende Terroristen versuchten, das indische Parlament in New Delh=
i zu st=FCrmen, und dabei schlie=DFlich acht Sicherheitsleute und einen G=
=E4rtner mit in den Tod nahmen, schien in Indien der Geduldsfaden zu rei=DF=
en. Im Nachhinein sieht es freilich eher so aus, als h=E4tte man auf ein Er=
eignis dieser Art geradezu gewartet. Was n=E4mlich folgte, sah wie eine  in=
dische    Kopie   der   amerikanischen =DCberinterpretation des 11. Septemb=
er aus. Die ruchlose Tat einer Handvoll von Selbstmordattent=E4tern verwand=
elte sich binnen Stunden in einen Angriff auf das Symbol der indischen Demo=
kratie, mithin auf die Demokratie selbst und schlie=DFlich in eine Kriegser=
kl=E4rung an die Indische Union. Dieser semantischen Eskalation folgte die =
planm=E4=DFige Steigerung der politischen Feindseligkeiten gegen=FCber Paki=
stan.

</p><p>Das indische Vorgehen wurde auf pakistanischer Seite mit erkennbarer=
 Irritation verfolgt, zumal die dortige Regierung das Attentat umgehend ver=
urteilt und Musharraf in den Grenzen seiner derzeitigen M=F6glichkeiten seh=
r wohl begonnen hatte, den Bewegungsspielraum islamistischer Extremisten ei=
nzuschr=E4nken.

</p><p>Die Gr=FCnde f=FCr die dramatische Zuspitzung des Konflikts, die bei=
de L=E4nder p=FCnktlich zu Weihnachten - zumindest rhetorisch - an die Schw=
elle eines neuerlichen Krieges brachte, liegen freilich =FCberwiegend auf i=
ndischer Seite und haben mit dem =DCberfall auf das Parlament nur mittelbar=
 zu tun.

</p><p>Das im Sprachgebrauch - =C4hnlichkeiten sind rein zuf=E4llig - auf d=
as Datum reduzierte und solcherma=DFen als "13. Dezember" ikonisierte Ereig=
nis gab Indien endlich Gelegenheit, die politisch korrekte Rangordnung wied=
erherzustellen: "Indien ist Opfer, Pakistan ist T=E4ter".

</p><p>Obschon diese =DCbertreibungen erkennbar der =F6ffentlichen Pflege d=
es politischen Selbstbewusstseins dienten, spielte offenbar die ernsthafte =
Absicht mit, den Drive der amerikanischen Kampagne auf den grenz=FCberschre=
itenden Terrorismus in Kaschmir zu lenken. Merkw=FCrdigerweise wurde dabei =
=FCbersehen, dass ein amerikanisches Engagement in Kaschmir unausweichlich =
zu eben der Internationalisierung des Kaschmir-Konflikts f=FChren muss, die=
 Indien bisher kategorisch abgelehnt hat.

</p><p>Ein weiterer, innenpolitischer Grund f=FCr das unproduktive indische=
 Brinkmanship (einer Politik des =E4u=DFersten Risikos) sind die f=FCr Febr=
uar angesetzten Landtagswahlen in Uttar Pradesh. Nach den bisherigen Umfrag=
en muss die in New Delhi die Mitte-Rechts-Koalition anf=FChrende BJP in die=
sem mit 130 Millionen Einwohnern bev=F6lkerungsreichsten Unionsstaat mit ei=
ner Niederlage rechnen. Zu den ungeschriebenen Gesetzen des indischen polit=
ischen Systems geh=F6rt aber, dass, wer in Uttar Pradesh verliert, auch auf=
 Unionsebene nicht gewinnen kann.

</p><h4>Konfliktpolitik</h4>

<p>In Kaschmir spiegelt sich f=FCr Indien wie f=FCr Pakistan ein Teil ihrer=
 politischen Identit=E4t. Dem einen ist Kaschmir Ausdruck der Spannweite de=
s s=E4kularen F=F6deralismus, dem anderen Cornerstone des muslimischen Staa=
tes in der Erbfolge Britisch-Indiens. Und beide haben dabei das Bed=FCrfnis=
 der Kaschmirer, ihre Identit=E4t selbst zu bestimmen, mehr oder weniger ve=
rdr=E4ngt.

G=E4be es sonst keinen Streit zwischen Indien und Pakistan, k=F6nnte man si=
ch f=FCr das Kaschmirproblem eine konditionierte - etwa von verschr=E4nkten=
 indisch-pakistanischen Hoheitsrechten =FCberdachte - Autonomiel=F6sung vor=
stellen.

</p><p>In Wirklichkeit ist Kaschmir freilich nur Vehikel eines zum Fundamen=
talkonflikt aufgetriebenen Gegensatzes, der beide L=E4nder zu ihrem Nachtei=
l permanent am Rande eines Krieges gefangen h=E4lt. So liefert der unbew=E4=
ltigte Konflikt beiden auch immer wieder den Vorwand, =FCberf=E4llige Refor=
men auf die lange Bank zu schieben. Nicht von ungef=E4hr f=E4llt die im let=
zten Jahr zwischen Gipfeldiplomatie und Kriegsandrohung changierende Politi=
k Indiens mit dem offenkundig werdenden Scheitern seiner viel gepriesenen N=
ew Economy zusammen. F=FCr Pakistan bleibt Kaschmir wiederum eine Grundfrag=
e, die eng mit der nationalen Identit=E4t verbunden ist - wie dort anl=E4ss=
lich des am 5. Februar wieder einmal als Feiertag begangenen Kashmir Day in=
 vielen Reden deutlich gemacht wurde.

</p><p>Haupts=E4chlich geht die Verh=E4rtung der indischen Haltung gegen=FC=
ber Pakistan allerdings auf einen politischen Paradigmenwechsel in der Regi=
erung von Premierminister Atal Behari Vajpayee zur=FCck. In dessen Bharatiy=
a Janata Party (BJP), die eine Koalition von 24 Parteien anf=FChrt, scheine=
n die Hardliner um Innenminister Lal K. Advani, Au=DFenminister Jaswant Sin=
gh und besonders Sicherheitsberater Brajesh Mishra die Oberhand gewonnen zu=
 haben. Mishra wird nachgesagt, er habe seit der Regierungs=FCbernahme durc=
h die BJP nur zwei Ziele verfolgt, n=E4mlich Indien zur Nuklearmacht zu erh=
eben und Pakistan als St=F6rfaktor f=FCr die indische Politik ein f=FCr all=
e Mal auszuschalten. Letzteres reflektiert in seiner unbesch=F6nigten Milit=
anz die hindunationalistische Ideologie der BJP, deren extremistische Eifer=
er bedenkenlos die Grenze zum Rassismus =FCberschreiten. Diese Gruppen, die=
 im Innern bereits den B=FCrgerkrieg gegen die gro=DFe muslimische Minderhe=
it =FCben, liefern nat=FCrlich auch f=FCr jede politische Drohgeb=E4rde geg=
en=FCber Pakistan die martialische Ger=E4uschkulisse.

</p><h4>Gipfeltreffen in Agra</h4>

<p>Die j=FCngste Zuspitzung des indisch-pakistanischen Konflikts hatte ein =
halbes Jahr zuvor mit einem neuerlichen Anlauf zu seiner Entsch=E4rfung beg=
onnen.

</p><p>In etwas =FCberraschendem Gegensatz zu der bis dahin geltenden Doktr=
in - solange Pakistan den grenz=FCberschreitenden Terrorismus nicht unterbi=
ndet, werde es keinen Dialog geben - hatte Premierminister Vajpayee den pak=
istanischen Milit=E4rmachthaber General Pervez Musharraf zu einem Gipfeltre=
ffen nach Agra eingeladen.

</p><p>Schon der Zeitverzug von acht Wochen zwischen Einladung und endg=FCl=
tigem Termin gab den Bedenkentr=E4gern und Entspannungsgegnern auf beiden S=
eiten reichlich Gelegenheit, die Erfolgschancen des Treffens mal mit =FCber=
zogenen Erwartungen, mal mit d=FCsterem Zweckpessimismus zu torpedieren. Fo=
lglich wurde dem Gipfel, als ein wie auch immer gearteter Durchbruch in der=
 Kaschmir-Frage vorhersehbar ausblieb, kurz und b=FCndig sein Scheitern att=
estiert. Gegen diesen als selffulfilling prophecy daherkommenden Befund hat=
ten gewisse Fortschritte auf anderen Gebieten wie auch der Wert des politis=
chen Dialogs an sich keinen Bestand. Schon am Tag danach meldeten sich in N=
ew Delhi die Hardliner zur=FCck und erkl=E4rten alle in Agra erzielten Ann=
=E4herungen als gegenstandslos.

</p><p>Musharraf, der sich wenige Tage vor dem Treffen selbst zum Pr=E4side=
nten ernannt hatte, um mit Vajpayee "auf gleicher Augenh=F6he" verhandeln z=
u k=F6nnen, kam bei dem Treffen aus pakistanischer Sicht sehr gut heraus, a=
uch wenn er mit leeren H=E4nden zur=FCckkehrte. Sein Image als souver=E4ner=
 Staatsmann hatte gewonnen.

</p><p>Jenseits der aktuellen Bewertung kommt dem Agra-Summit aus zwei Gr=
=FCnden historische Bedeutung zu. Einmal war er das erste Treffen dieser Ar=
t nach dem Kargil-Krieg im Fr=FChsommer 1999, nach dem Machtwechsel in Paki=
stan 1999 und nach einer gewissen Bewegung in der indischen Kaschmir-Politi=
k. Zum anderen hat die Inszenierung des Gipfels als Medienereignis die poli=
tische Phantasie =FCber das immense Entwicklungspotential gutnachbarlicher =
Beziehungen zwischen beiden L=E4ndern befl=FCgelt.

</p><h4>Interessen in und an Kaschmir</h4>

<p>Der indische Verteidigungsminister George Fernandes hat sicher Recht mit=
 seinem Kommentar, dass ein f=FCnf Jahrzehnte lang bestehender Konflikt nic=
ht in f=FCnfst=FCndigen Verhandlungen gel=F6st werden kann. Der Kaschmir-Ko=
nflikt ist allerdings nicht deshalb so z=E4hlebig, weil seine L=F6sung an s=
ich kompliziert w=E4re, sondern weil bislang weder Indien noch Pakistan den=
 politischen Willen hatten, die mit einer Konfliktl=F6sung verbundenen Kons=
equenzen zu tragen.

</p><p>F=FCr den Staat Pakistan ist die Forderung nach einer "Befreiung" de=
r mehrheitlich muslimischen Bev=F6lkerung im indisch gehaltenen Teil Kaschm=
irs konstitutiv. Deshalb galt in der Vergangenheit die Unterst=FCtzung all =
derer, die diesen "Befreiungskampf" mehr oder weniger gewaltsam f=FChrten, =
als legitim. Dass von Anbeginn Eindringlinge dabei waren, die anderes als d=
ie Selbstbestimmung der Kaschmirer im Schilde f=FChrten, steht au=DFer Frag=
e. Deshalb l=E4sst sich heute nicht ohne weiteres auseinander sortieren, we=
r in den Northern Frontier Provinces islamistischer Terrorist, heimatloser =
Mudjahedin oder authentischer Freiheitsk=E4mpfer ist. Letzteren kann keine =
pakistanische Regierung, die im Amt bleiben will, ihre Unterst=FCtzung vers=
agen - zumindest nicht, solange Indien nicht zu substantiellen Zugest=E4ndn=
issen in Kaschmir bereit ist.

</p><p>Dagegen ist aus indischer Sicht die Zugeh=F6rigkeit von Jammu und Ka=
schmir zur Indischen Union nicht verhandelbar. Indien sieht sich als Demokr=
atie politisch und historisch im Recht und meint im =FCbrigen, seinen Beitr=
ag zum Kompromi=DF bereits mit der de facto-Anerkennung der Kaschmir teilen=
den Line of Control geleistet zu haben. Die Schw=E4che dieser Position ist,=
 dass Indien seinen Anspruch in Kaschmir mittlerweile auch gegen die dortig=
e Bev=F6lkerung durchzusetzen sucht und deshalb als Besatzungsmacht auftrit=
t. Anf=E4nglich moderate Autonomieforderungen wurden nicht ernstgenommen un=
d die indische Herrschaft statt dessen mit viel Repression und gef=E4lschte=
n Wahlen befestigt. Folglich hat sich das urspr=FCngliche Autonomiebegehren=
 inzwischen zum Unabh=E4ngigkeitsverlangen versteift.

</p><p>Inwieweit die z=F6gerlichen Kontakte zur All Party Hurriyat Conferen=
ce, einer Koalition kaschmirischer Autonomie-Initiativen, daran noch etwas =
=E4ndern k=F6nnen, h=E4ngt davon ab, ob diese Gruppierungen eine Mehrheit r=
e-pr=E4sentieren und von einer solchen bei den im Herbst f=E4lligen Wahlen =
in Jammu und Kaschmir ein Mandat bekommen.

</p><p>Mittlerweile gewinnt auch in Delhi die Idee an Boden, mit einer Auto=
nomiel=F6sung "innerhalb" der Indischen Union k=F6nne man den gordischen Kn=
oten durchschlagen. Dass dies allein die Sicherheitsprobleme in Kaschmir ni=
cht l=F6sen w=FCrde, hat der Misserfolg eines einseitig von der indischen A=
rmee ausgerufenen Waffenstillstandes gezeigt. Unter diesem Blickwinkel war =
schon die vage Aussicht, mit Musharraf einen Modus vivendi an der Line of C=
ontrol vereinbaren zu k=F6nnen, Grund genug f=FCr Vajpayee, mit der Einladu=
ng nach Agra =FCber seinen Schatten zu springen.

</p><h4>Pakistans interner Kampf</h4>

<p>Die pakistanische Milit=E4rregierung hat indessen gegen Ende des Jahres =
2001 - mit einer unverzeihlichen Versp=E4tung, wie manche meinen - die Schl=
inge um die "Jihad"-Gruppen im Lande enger gezogen, indem sie Maulana Masoo=
d Azhar, Hafiz Mohammad Saeed und rund 100 ihrer Anh=E4nger verhaftete. Bei=
de sind die K=F6pfe der aktivsten Gruppen der "Freiheitsk=E4mpfer f=FCr Kas=
chmir", der Jaish-e-Mohammad (K=E4mpfer Mohammeds) und der Lashkar-e-Taiba =
(Truppe der Gerechten). Die rund einhundert Festgenommenen hielten sich in =
verschiedenen Teilen Pakistans auf, und ihre B=FCros in St=E4dten wie Karat=
schi, Islamabad, Multan, Bahawalpur, Rahim Yar Khan und Sukkur wurden in de=
n letzten Tagen des alten Jahres geschlossen und versiegelt. Um die beiden =
Bewegungen ist es danach ruhig geworden, nicht verhaftete Mitglieder sind a=
bgetaucht.

</p><p>Im Zuge der internationalen Anti-Terror-Kampagne nach dem 11. Septem=
ber  verfolgt das Regime die Jihadis in Pakistan sowie islamistische Partei=
en. Es tut dies aber erst nach dem Anschlag  auf  das indische  Parlament  =
am   13. Dezember und den ernsten Spannungen mit dem gro=DFen Nachbar mit d=
er notwendigen H=E4rte. Nun warfen die Jihadis und islamistischen Parteien =
Musharraf vor, von dem f=FCr Pakistan seit 53 Jahren geltenden Standpunkt i=
n Bezug auf Kaschmir abzur=FCcken. Diese Furcht wurde besonders durch die A=
nk=FCndigung des pakistanischen Au=DFenministers Abdul Sattar gen=E4hrt, Fe=
stgenommene dieser Gruppen k=F6nnten an die internationale Koalition gegen =
den Terror ausgeliefert werden.

</p><p>Der Staatspr=E4sident, General Pervez Musharraf, hatte von Anfang se=
iner Regierungszeit an immer wieder erkl=E4rt, er werde nicht zulassen, das=
s Jihadis seinem Regime Probleme machen. W=E4hrend seiner gesamten Regierun=
gszeit gab es immer wieder -  wenn auch halbherzige - Versuche, islamistisc=
hen Gruppen und deren K=E4mpfern das Handwerk zu legen. Der Innenminister, =
Moinuddin Haider, beschloss zu Beginn des Jahres 2001, die Jihadi-Gruppen, =
die Terroristen Unterschlupf gew=E4hren, zu zerschlagen. Ihnen wurde verbot=
en, Geld f=FCr ihre Sache zu sammeln, und man beschlagnahmte Waffen bei ihn=
en. =D6ffentliche Auftritte und Presseerkl=E4rungen von Vertretern dieser G=
ruppen wurden untersagt.

</p><p>Nachdem Musharraf nach dem 11. September beschlossen hatte, die amer=
ikanischen Aktionen gegen die Taliban in Afghanistan zu unterst=FCtzen, beg=
ann ein strikteres Vorgehen gegen die islamistischen Kampfgruppen. Als erst=
es wurde das B=FCro der relativ kleinen Taliban-nahen Organisation Harkate =
Jehade Islami in Lahore geschlossen und die Mitarbeiter verhaftet. Dann fol=
gte das Verbot der Harkat ul Mujahedin und das Einfrieren ihrer Bankkonten.=
 Kurz darauf wurden die Jaish-e-Mohammad und die Lashkar-e-Taiba zu Terrori=
sten erkl=E4rt. Ihre Konten wurden dem Zugang verschlossen.

</p><p>Dies hat in der =F6ffentlichen Meinung Pakistans zu dem Eindruck gef=
=FChrt, dass Pr=E4sident Muscharraf den Freiheitskampf der Kaschmirer gesch=
w=E4cht habe. Damit ist er in eine schwierige Position geraten, weil wohl d=
ie =FCberw=E4ltigende Mehrheit der Bev=F6lkerung den Kampf und die K=E4mpfe=
r f=FCr ein unabh=E4ngiges Kaschmir unterst=FCtzt. Deshalb kann es sich der=
 Pr=E4sident nicht erlauben, von der alten Position Pakistans abzur=FCcken,=
 die ein Plebiszit der Kaschmirer fordert.

</p><p>Eine immer offene Frage in Pakistan ist die, welche Rolle der milit=
=E4rische Geheimdienst ISI (Inter Services Intelligence) spielt, und wie we=
it Musharraf ihn im Griff hat. Dieser hat zwar den Chef des ISI ausgewechse=
lt, dennoch besteht der Eindruck fort, dass dieser Dienst weiterhin durch s=
eine gefestigten internen Strukturen und starke islamistische Kr=E4fte ein =
Eigenleben f=FChrt, das sich jeglicher Kontrolle entzieht. Der ISI hat die =
Taliban gef=F6rdert und personell wie materiell unterst=FCtzt und ist auch =
an den K=E4mpfen im indischen Kaschmir beteiligt. Musharraf hat es zwar ges=
chafft, das internationale Image seines Landes nach dem 11. September deutl=
ich zu verbessern, muss sich aber weiterhin Zweifel an seiner Vertrauensw=
=FCrdigkeit gefallen lassen, solange es ihm nicht gelingt, einerseits den J=
ihadi-Sumpf trockenzulegen und andererseits f=FCr Transparenz hinsichtlich =
des ISI zu sorgen. An der Erreichung des letzteren wird in Pakistan sehr ge=
zweifelt.

</p><p>Am Samstag, dem 12. Januar, hielt Musharraf im nationalen Fernsehen =
seine mit Spannung erwartete Rede an die Nation, in der er das Verbot weite=
rer f=FCnf islamistischer Bewegungen ank=FCndigte und klar die pakistanisch=
e Stellung zur Kaschmir-Frage best=E4tigte. Der ISI wurde aufgefordert, die=
 nun folgenden Aktionen zu unterst=FCtzen und der Polizei Hilfestellung zu =
leisten. Gro=DFe =DCberraschungen bot die Rede nicht, sie wurde aber in Pak=
istan gut aufgenommen, da sie klare Positionen unterstrich - es waren die r=
ichtigen Worte zur rechten Zeit. In den Tagen darauf folgte die Verhaftung =
von mehr als 2000 weiteren Personen. Die Koranschulen werden noch st=E4rker=
 kontrolliert, und den Mullahs wurde verboten, w=E4hrend der Gebete in den =
Moscheen politische Reden zu halten; sie sollen sich strikt auf die Rezitat=
ion der heiligen Schriften beschr=E4nken. Fernziel ist es, die Koranschulen=
 in das nationale Bildungssystem zu integrieren und dort einen umfassenden =
Lehrplan einzuf=FChren. Die notwendigen Mittel daf=FCr sind allerdings nirg=
endwo zu sehen.

</p><p>Zu den anhaltenden Spannungen mit Indien sagte Musharraf, sein Land =
sei uneingeschr=E4nkt und jederzeit verteidigungsbereit. Die Kaschmir-Frage=
 bleibt damit weiterhin ungel=F6st, und Pakistan m=F6chte sie im Gegensatz =
zu Indien international behandelt sehen. Musharraf f=E4hrt fort, Indien sei=
ne Hand anzubieten und immer wieder Gespr=E4che einzufordern - wie zuletzt =
am Kashmir Day.

</p><p>Indien indessen will weiterhin mehr Taten von Pakistan gegen den Ter=
rorismus sehen und h=E4lt den Druck aufrecht. Die =D6ffentlichkeit in Pakis=
tan diskutiert seitdem noch st=E4rker die Frage, wie denn eigentlich Terror=
ismus zu definieren sei, und es herrscht die Meinung vor, dass auch Indien =
sich in Kaschmir des Terrorismus schuldig macht. Au=DFerdem besteht der Ver=
dacht, dass indische Geheimdienste f=FCr St=F6rman=F6ver in Pakistan verant=
wortlich sind.

</p><p>Die interne Lage in Pakistan bleibt angespannt. Immer wieder melden =
sich Jihadis aus dem Untergrund, und selbst in der Hauptstadt Islamabad kom=
mt es zu Anschl=E4gen auf Fahrzeuge ausl=E4ndischer Einrichtungen. Die sich=
 derzeit eher versch=E4rfende Situation in Afghanistan, die nur schwer zu k=
ontrollierende pakistanisch-afghanische Grenze und die Situation der afghan=
ischen Fl=FCchtlinge in Pakistan werden das Land weiter in Atem halten. Der=
weil stehen in diesem Jahr nationale Wahlen und die R=FCckkehr zur parlamen=
tarischen Demokratie an. Angesichts des Kampfes Pakistans an so vielen Gren=
zen wird es zu einer von Musharraf, seinen Gener=E4len und dem von ihm gesc=
haffenen National Reconstruction Bureau kontrollierten Guarded Democracy ko=
mmen. Nicht so schlecht, wie wohl die Mehrheit in Pakistan meint, denn das =
Land muss Stabilit=E4t demonstrieren, um die Wirtschaft wieder in Gang zu b=
ringen, und weiter daran arbeiten, internationale Reputation und Glaubw=FCr=
digkeit zu gewinnen und zu erhalten - was man den Parteien nicht unbedingt =
zutraut.

</p><h4>Show down ohne Exit Option</h4>

<p>Zwei Nachrichten =FCber die j=FCngste indisch-pakistanische Konfrontatio=
n haben die Aufmerksamkeit der globalisierten =D6ffentlichkeit erregt, n=E4=
mlich der Superlativ, entlang der indisch-pakistanischen Grenze f=E4nde die=
 gr=F6=DFte Truppenkonzentration seit 1971 statt, und der alarmierende Hinw=
eis, dass beide Seiten =FCber Atomwaffen verf=FCgten. F=FCr Indien best=E4t=
igte sich damit die schon mit den Nukleartests gemachte Erfahrung, dass es =
drastischer Aktionen bedarf, um international ernst genommen zu werden. Ob =
der Truppenaufmarsch tats=E4chlich auf diesen psychologischen Effekt abziel=
te, steht freilich dahin - milit=E4risch macht er jedenfalls wenig Sinn. Ab=
gesehen von der Zerst=F6rung l=E4ngst ger=E4umter Terroristen-Camps gibt es=
 keine operativen Ziele, und f=FCr weiterreichende Absichten - etwa die sei=
t kurzem in der indischen Presse ventilierte Idee von einer Eroberung des p=
akistanischen Teils von Kaschmir - fehlen von der Luftunterst=FCtzung bis z=
ur Logistik alle Voraussetzungen. Problematischer ist, dass Indien nach dem=
 Aufbau seiner milit=E4rischen Drohkulisse offenbar =FCber keine Exit-Strat=
egie verf=FCgt und deshalb ersatzweise die politische Rhetorik versch=E4rft=
. So tr=E4gt die =C4u=DFerung von Premierminister Vajpayee, Indien werde di=
e Line of Control niemals als Kompromiss akzeptieren, wenig zu einer Deeska=
lation - um die sich mittlerweile besonders die USA bem=FChen - bei.

</p><p>Die Kosten-Nutzen-Rechnung des milit=E4risch sinnlosen und politisch=
 fruchtlosen show downs ist verheerend. Beide Seiten investieren Milliarden=
summen, die dringend f=FCr Zukunftsprojekte ben=F6tigt werden, in eine unbe=
w=E4ltigte Vergangenheit. Mehr als der autorit=E4r regierte Feudalstaat Pak=
istan muss sich allerdings das demokratische Indien sein Verharren in einer=
 den Mustern des Kalten Krieges folgenden Politik vorwerfen lassen. Der zug=
runde liegende Irrtum, eine Politik der St=E4rke f=FChre zur Schw=E4chung d=
es Gegners und folglich zum eigenen Vorteil, scheint der indischen Politik =
die Erkenntnis zu versagen, dass von einem geschw=E4chten Pakistan Gefahren=
 ausgehen, w=E4hrend nur ein selbstbewusst starkes =FCber Verhandlungsmasse=
 verf=FCgt.

</p><p>Es gibt aber auch Politiker in Indien und Intellektuelle allemal, di=
e in den Kategorien von Win-win-Strategien denken, ohne die Konflikte in ei=
ner globalisierten Welt nicht mehr l=F6sbar sind.

</p><p>Der fr=FChere Foreign Secretary J.N. Dixit verpackt diese Einsicht i=
n ein Scenario, nach dem der indisch-pakistanische Konflikt l=E4ngst durch =
massive amerikanische Einflussnahme hinter den Kulissen internationalisiert=
 sei. Immerhin verf=FCgen die USA mit ihrer - f=FCr die in Afghanistan verf=
olgten Zwecke =FCberdimensionierten - milit=E4rischen Pr=E4senz in der Regi=
on =FCber die Mittel, sowohl das pakistanische als auch das indische Nuklea=
rwaffenpotential mit konventionellen Pr=E4zisionswaffen auszuschalten. Ande=
rerseits f=E4llt auf, dass gegen allen Anschein einer bedrohlichen Lage bis=
her weder der UN-Sicherheitsrat noch andere internationale Gremien Krisensi=
tzungen veranstaltet haben. Die gro=DFen M=E4chte werden allerdings gewiss =
daf=FCr sorgen, dass ihre seit l=E4ngerem auf Zentralasien gerichteten wirt=
schaftlichen und strategischen Interessen nicht von einem aus dem Ruder lau=
fenden Dauerkonflikt um ein vergleichsweise unbedeutendes Hochgebirgstal be=
sch=E4digt werden.

</p><p>Nachdem beide Kontrahenten sich offenbar aus ihrer politischen Zwang=
slage nicht mehr eigenst=E4ndig befreien k=F6nnen, d=FCrfte letztlich auch =
der indische Widerstand gegen eine von au=DFen aufgezwungene Vermittlung be=
grenzt sein.

</p><p>Dass eine solche neben den USA auch von Russland und China unbeschad=
et deren fr=FCheren Klientelverh=E4ltnissen unterst=FCtzt werden wird, darf=
 im Blick auf die ver=E4nderte Weltlage als sicher gelten. Welche Rolle die=
 Europ=E4er dabei spielen k=F6nnen, h=E4ngt freilich davon ab, ob sie sich =
au=DFenpolitisch k=FCnftig auch jenseits der Osterweiterung der EU engagier=
en wollen.





</p><p><a href=3D"http://www.fes.de/" target=3D"_blank">Friedrich-Ebert-Sti=
ftung</a> | net edition: <a href=3D"mailto:urmila.goel@fes.de">Urmila Goel<=
/a> | <a href=3D"http://www.fes.de/international/asien/" target=3D"_blank">=
Die

Friedrich-Ebert-Stiftung in Asien</a>



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