FES BRIEFING einstweilige Verfügungen nicht genau befolgt werden, und sie auf hohe Geldstrafen verklagen und/oder Entschädigung für entgangene Einnahmen einfordern. In der Konsequenz kommt es in Australien nur äußerst selten zu Arbeitskampfmaßnahmen. GEWERKSCHAFTEN UND IHRE KERNAUFGABEN Australische Gewerkschaften und der Gewerkschaftsbund engagieren sich auf breiter Front für die Belange ihrer Mitglieder. Dazu gehört an erster Stelle der Einsatz für angemessene Bezahlung, sei es durch Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite im Rahmen von Tarifverträgen oder durch Eingaben und Stellungnahmen bei der Fair Work Commission zur regelmäßigen Anpassung der betreffenden Awards(s. o.). Weiterhin gibt es laufende Bemühungen um Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Ausweitung der Arbeitnehmer_innenrechte und-ansprüche in Reaktion auf soziale Härten, wie etwa beim Anspruch auf Freistellung zur Pflege von Angehörigen oder bei Fällen häuslicher Gewalt; hier gab es zuletzt 2022 bedeutsame Verbesserungen. Eine wichtige Rolle spielt auch der Einsatz für Verbesserungen beim Arbeits- und Gesundheitsschutz; die erfolgreichen Gewerkschaftskampagnen für die Kompensation von Gesundheitsschäden durch Asbest Anfang der 2000er Jahre hatten diesbezüglich Leuchtturmcharakter. Außerdem reagieren die Gewerkschaften auf problematische Entwicklungen in der modernen Arbeitswelt und setzen sich erfolgreich für die Begrenzung von Zeitverträgen ein, ebenso wie für die bessere Wahrung von Rechten Arbeitnehmender in der Plattformökonomie. In der COVID-Krise setzten sich australische Gewerkschaften maßgeblich für die Schaffung des sogenannten JobKeeper-Programms ein, mit dem die Regierung die Fortbeschäftigung von Arbeitnehmenden durch Subventionszahlungen an die Unternehmen über einen Zeitraum von rund 18 Monaten 2020/21 unterstützte, kritisierte allerdings die Ausgestaltung im Detail, da verschiedene Beschäftigungstypen aus Gewerkschaftssicht grundlos ausgeschlossen waren. Auch für die angemessene Finanzierung der Arbeitslosenhilfe – seit März 2020 unter dem Begriff JobSeeker – setzen sich die Gewerkschaften regelmäßig ein. Angesichts des großen Drucks durch stark steigende Lebenshaltungskosten in den Jahren 2022–24 ließ der Gewerkschaftsbund eine Untersuchung zu Vorwürfen der Preistreiberei durch die dominanten Supermarktketten Coles und Woolworth durchführen. Im Ergebnis hat die Regierung im Oktober 2025 einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der solche Praktiken verhindern soll und nun in die parlamentarische Debatte gehen wird. GEWERKSCHAFTEN UND IHR(POLITISCHES) GEWICHT b edeutende Gewerkschaftspositionen inne: Das Paradebeispiel Bob Hawke wurde bereits oben genannt – nach elf Jahren als Generalsekretär des Gewerkschaftsbunds ACTU wurde er 1983 Premierminister. Einer seiner Nachfolger als ACTU Generalsekretär, Greg Combet, war von 2009-13 Minister in der Bundesregierung, gleiches gilt für die früheren ACTU-Präsidenten Martin Ferguson und Simon Crean. Der frühere LaborParteichef Bill Shorten leitete von 2001-2007 die Australian Workers Union. In den einzelnen Bundesstaaten lassen sich viele ähnliche Verbindungen aufzeigen, und auch in der aktuellen Labor-Bundesregierung in Canberra sind mehrere ehemals hochrangige Gewerkschaftsfunktionäre vertreten, darunter Industrieminister Tim Ayres(zuvor Generalsekretär der AMWU in New South Wales) und der stellvertretende Premierminister Richard Marles (zuvor stv. Generalsekretär des ACTU). Hintergrund ist die enge Assoziation einzelner Gewerkschaften mit den traditionellen Pateiflügeln der Labor-Partei in den Bundesstaaten, die dadurch bei der Vorauswahl( pre-selection) von Kandidat_innen in den einzelnen Wahlkreisen für die Bundes- oder Landtagswahlen ihren Einfluss geltend machen und eigene Mitglieder gezielt platzieren können. Vereinzelt war in den letzten Jahren zu beobachten, dass aus dem Gewerkschaftsmilieu auch Unterstützung für Positionen der Grünen Partei( Australian Greens) und deren Vertreter_innen laut wurde, aber unter dem Strich ist die enge Verbindung zwischen den Gewerkschaften und der Labor Party weiterhin ungebrochen und bildet den entscheidenden Hebel, um Gewerkschaftspositionen im australischen Politikbetrieb Geltung zu verschaffen. Andreas Radtke, Friedrich-Ebert-Stiftung, Canberra KONTAKT Friedrich-Ebert-Stiftung| Referat Asien und Pazifik Hiroshimastraße 28| 10785 Berlin Verantwortlich: Franziska Richter, Referentin für Gewerkschaftsarbeit in Asien, Franziska.Richter@fes.de Die australischen Gewerkschaften genießen trotz des erheblichen Rückgangs der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeitnehmer_innenschaft in den vergangenen Jahrzehnten durch die engen Verbindungen in die ALP weiterhin enormes politisches Gewicht. Die große Mehrzahl der hoch- und höchstrangigen Labor-Politiker lässt sich mit einer Gewerkschaft assoziieren; viele hatten im Laufe ihrer Karriere zuvor 6 Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-EbertStiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden.
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2025
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