CHRISTOPHER M. WHITE: Creating a Third World. Mexico, Cuba, and the United States During the Castro Era Albuquerque 2007 University of New Mexico Press, 264 S. B eim Vergleich der Geschichte Mexikos mit der Kubas lassen sich einige interessante Parallelen entdecken. Beide gehören der kleinen Gruppe von Ländern im lateinamerikanischen Raum an, die im 20. Jahrhundert Schauplatz einer veritablen Revolution waren. Gilt die mexikanische Revolution(1910–1929) als erster Fall einer markanten historischen Zäsur auf dem Subkontinent, so steht die kubanische Revolution(1959) für den folgenreichsten nationalgeschichtlichen Einschnitt in der Region, weil der politische Systemwechsel im Kontext des Kalten Krieges auch gewaltige geostrategische Implikationen generierte. Eine weitere Gemeinsamkeit bildet die Tatsache, dass es den Protagonisten der Revolution in beiden Fällen gelang, die politische Macht nach dem erfolgreichen Umsturz dauerhaft auf kleine Führungszirkel zu konzentrieren, wobei in Mexiko ein pseudodemokratisch/ autokratisches und in Kuba ein diktatorisches Herrschaftskonzept zum Tragen kam. Dies unterscheidet die beiden Länder von den zwei anderen lateinamerikanischen Schauplätzen»wirklicher« Revolutionen: In Nicaragua wurde das Machtmonopol der Sandinisten nach zehn, in Bolivien die Vorherrschaft des mnr nach zwölf Jahren gebrochen. Zum Zeitpunkt der Machtergreifung Castros blickte die mexikanische Partei der Institutionalisierten Revolution( pri ), die sich als Sachwalter des revolutionären Vermächtnisses verstand, bereits auf eine 30-jährige Regierungszeit zurück; 41 weitere Jahre sollten folgen. Eine dritte Parallele bezieht sich auf das ausgeprägte Interesse der Hegemonialmacht usa an der politischen und wirtschaftlichen Situation in Kuba und Mexiko, was in erster Linie auf die geographische Nähe zurückzuführen ist. Mexiko verlor Mitte des 19. Jahrhunderts fast die Hälfte seines Territoriums an die usa , was im Zusammenhang mit dem wachsenden Macht- und Wohlstandsgefälle die Etablierung unverkrampfter bilateraler Beziehungen lange Zeit – und in gewisser Weise bis heute – behindert hat. Lange Zeit schon Objekt der expansionistischen Begierde der usa , wurde Kuba nach Beendigung der spanischen Kolonialherrschaft in den ersten Jahrzehnten seiner republikanischen Existenz von Washington politisch unter Kuratel(»Platt-Amendment«) gestellt. Mit Ausnahme von Panama dürfte der Einfluss und die Abhängigkeit von den usa zur Mitte des 20. Jahrhunderts nirgendwo größer gewesen sein als dort. Mit dem Wechsel Kubas ins sowjetische Lager und den nachfolgenden Versuchen Castros, die kubanische Revolution in andere Länder Lateinamerikas zu exportieren, erhielt der Kalte Krieg in Nord- und Südamerika eine neue Dimension. ipg 4/2008 Rezensionen/Book Reviews 157
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