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Für unsere Kinder

das Volk, Weberei und Töpferei blühten, aus| Kupfer und Bronze stellte man Werkzeuge und Waffen her, und in den Tempeln und Palästen der herrschenden Intas häuften sich wunder­bare Gold- und Silberarbeiten und Edelstein­schätze. Festungen schirmten das weite Reich, das Land war der Länge nach von Nord nach Süd durch zwei Hauptstraßen durchzogen, von denen die eine in der Küstenebene und die andere im Hochland lief, und die beide durch zahlreiche Querstraßen verbunden waren. An den wohlgebauten Straßen standen in regel­mäßigen Zwischenräumen Vorratshäuser, Ka­fernen und Rasthäuser. Das dürftige Leben der heutigen zivilisierten Indianer Perus   unter der Herrschaft der Weißen verrät nichts von dieser großen Vergangenheit ihres Voltes. Daß aber die alten Berichte der Spanier wahr sind, mögen sie im einzelnen auch übertrieben sein, das bezeugen uns die Toten und ihre Gräber. Wenn man unsere Friedhöfe nach Hunderten von Jahren wieder aufgrübe, so würde man nur Knochen finden, und die Gräber könnten nicht lehren, wie wir gelebt haben, was für Werkzeuge und Waffen wir gebrauchten, wie wir uns kleideten und nährten. Anders die Gräber der Indianer Perus   aus früheren Tagen. Wie viele Völker jetziger und nament­lich vergangener Zeiten glaubten die Ketschua, das Indianervolk Perus  , der Gestorbene lebe als Geist fort. Doch dieser Geist, glaubten sie, führe ein ähnliches Leben wie die Lebenden, er brauche wie sie Speise und Trant, Geräte, Waffen und Spielzeuge. Bekommt er dies alles nicht, so muß er Mangel leiden und rächt sich dafür an den Lebenden. Die Geister der Ge­storbenen besitzen große Macht, und die Leben­den suchen sie sich wohlgesinnt zu machen. Man gibt dem Toten daher Nahrung, Kleidung, Ge­räte, Waffen mit ins Grab, furz Dinge, an denen sein Herz besonders hing. In Afrika  werden heute noch in manchen Gegenden beim Tode eines Häuptlings Stlaven und Sklavinnen getötet, damit ihre Geister dem Geiste ihres Herrn Dienste verrichten.

Einige Meilen nördlich von Lima  , der Haupt­stadt der südameritanischen Republik Peru  , liegt in der Küstenebene zwischen der himmelragen­den Kette der Anden und den Fluten des Stillen Ozeans das Totenfeld von Ancon. Diese riesige Gräberstätte ist an der Ober­fläche des Bodens weder durch Hügel, Steine oder sonst etwas gekennzeichnet. Das erschwert wohl das Auffinden der Gräber, hat aber auch ihrer Zerstörung gewehrt. Der Inhalt

dieser Gräber gibt uns ein reiches Bild von dem Leben der Indianer Perus   in früheren Zeiten. Auch bei uns gab man ja in vorgeschichtlichen Zeiten dem Gestorbenen allerlei Gegenstände mit ins Grab, deren er, wie man glaubte, im Geisterreiche bedurfte. Aber in dem feuchten Boden haben sich nur steinerne und metallene Werkzeuge, Waffen und Schmuckstücke erhalten. Alles andere ist vermodert. In der heißen Küstenebene Perus   dagegen regnet es nie. In dem trockenen, salpeterhaltigen Boden hat sich daher das Meiste erhalten, was den Toten mit ins Grab gegeben wurde. Wo aber diese heiße, wüstenartige Küstenebene von den Flüssen durch­schnitten wird, die von der Kordillere herab­stürzen, da blüte einst im Grün der Flußufer ein reiches Leben. Denn die Gräberfunde lehren uns, daß an der Küste eine noch höhere und wahrscheinlich auch ältere Kultur herrschte als im Innern auf dem Hochland, wo die Inkas saßen, die Beherrscher des Ketschuavolles, von denen uns die spanischen   Berichte melden.

Zur Bestattung ihrer Toten höhlten die In­dianer brunnenartige Vertiefungen mit Seiten­nischen in den Boden. Fischnetze und Muschel­schmuck in diesen Gräbern erinnern an die Nähe des Meeres. Schleudern, Schleudertaschen, Arte, Keulen erzählen von Jagd und Krieg, Spindeln und Garn weisen auf das Schaffen weiblicher Hände hin. Ein kleiner Behälter diente zur Auf­bewahrung von Schminke. Zu den Beigaben der Toten gehören weiter prächtig gemusterte und gefärbte Gewebe und bestickte Gewänder aus Lamawolle, Baumwolle oder Pflanzen­fasern, Kämme aus Holz, Sandalen, Polier­steine und hölzerne Löffel. Ferner finden wir Kuchen aus Maismehl, Maiskolben, Bataten, Erdnüsse, Sämereien. Auch Tierleichen fehlen nicht, so Tauben, Meerschweinchen, Hunde mit abgeschnittenen Ohren und Lamas.  - Das Lama lieferte Wolle und diente als Lasttier.- Ja, die Aufreihung der den Toten mitgegebenen Dinge ließe sich schier endlos weiterführen. Die tönernen Gefäße, die die Form von Tieren und Menschen haben, tupferne Werkzeuge und die goldenen und silbernen Schmucksachen haben sich natür­lich am besten erhalten. Neben Kinderleichen hat man bunte Federn, wunderlich geformte Steine, eine Puppenwiege und andere Spiel­sachen gefunden. Es sei hier an die in manchen Gegenden Europas   übliche Sitte erinnert, daß kleinen Mädchen eine Puppe in den Sarg ge­legt wird. Zum Teil wurden die Gruben für eine, zum Teil für mehrere Leichen hergerichtet. Es fehlte mithin nicht an Massengräbern".