Archiv für Sozialgeschichte 51, 2011 591 Hans Manfred Bock Der Intellektuelle als Sozialfigur Neuere vergleichende Forschungen zu ihren Formen, Funktionen und Wandlungen Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern hat Deutschland wahrscheinlich die konfliktreichste, sicherlich aber die widersprüchlichste Intellektuellengeschichte. Es mag mit dieser Eigenart zusammenhängen, dass im Verlauf des 20. Jahrhunderts der Begriff des Intellektuellen die meiste Zeit als Schimpfwort gebraucht wurde und die Figur des Intellektuellen in der Gesellschaft wenig Anerkennung fand. Zwar ist die herabsetzende Beurteilung des Intellektuellen gegenwärtig einem eher wertneutralen Verständnis des Begriffs gewichen, aber seit rund 20 Jahren wird der»Tod des Intellektuellen« in Deutschland wie anderorts diskutiert und damit diese Sozialfigur zum historischen Requisit stilisiert. Wenn man den Intellektuellen als historische Sozialfigur auffassen, erst recht aber, wenn man deren Ableben diagnostizieren will, braucht man eine konzeptuell gesicherte Vorstellung von ihr. Da – trotz einiger sporadischer Arbeitsgruppen, die sich dem Thema gewidmet haben – im deutschsprachigen Raum die Beiträge zur Konzeptualisierung des Intellektuellen als Sozialfigur vereinzelt und verstreut geblieben sind, erscheint es sinnvoll, die in der Regel kohärenteren Forschungsansätze und-ergebnisse aus Frankreich und den angelsächsischen Ländern in den folgenden Bericht einzubeziehen, um die Perspektive für eine reflektiert vergleichende Sozialgeschichte der Intellektuellen in Deutschland zu öffnen. Der Begriff des Intellektuellen ist durch dessen säkulare Fremd- und Selbstcharakterisierung mit so vielen und gegensätzlichen Bedeutungsinhalten beladen, dass es bis heute keine allgemein zustimmungsfähige Definition für ihn gibt. Dennoch wurde er in den beiden letzten Jahrzehnten in mehreren europäischen Ländern zum Gegenstand zahlreicher Forschungsarbeiten. Von deren Leitfragen, Methodenpfaden und Ergebnissen soll im Folgenden berichtet werden. Und zwar mit der Maßgabe, dass vor allem die Studien berücksichtigt werden, die Bezug nehmen auf generelle Aspekte der Intellektuellen-Konstitution und auf die politischen Konflikt-Konstellationen, die ihre kritische Stellungnahme herausforderten. Damit sind die(ebenso erfreulich zahlreichen) Intellektuellenbiografien aus dem Bericht ausgegliedert, die vorzugsweise die singuläre Ideen- und Werkgeschichte eines Intellektuellen in den Vordergrund der Darstellung rücken. Es sollen also die konstitutiven und die kontextuellen Aspekte des Sozialtypus anhand der neueren Forschungsliteratur vorgestellt und erörtert werden, der in Frankreich seit rund 115 Jahren mit dem Begriff»intellectuel« bezeichnet wird, unter anderem Namen jedoch auch in anderen Ländern existiert und älter ist als seine Namensgebung in der Dreyfus-Affäre an der Wende zum 20. Jahrhundert. Im ersten Teil des Forschungsberichts werden die konstitutiven Merkmale des Sozialtypus»Intellektueller« referiert und generalisierend erörtert, die aus der Sichtung relevanter internationaler Wissenschaftspublikationen hervortreten(I.). Anschließend werden die Legitimationsgrundlagen der Intellektuellen resümiert, die jenseits ihrer Selbstrechtfertigung und ihrer Fremdkritik als hinreichende Gründe für ihre gesellschaftliche Anerkennung und Resonanz gelten können(II.). Für diese zivilgesellschaftliche Akzeptanz und Präsenz sind sie angewiesen auf Kommunikationskanäle in die Öffentlichkeit, die als kritische Instanz diese wesentlich konstituieren und aktivieren. Ihren Vektoren und Wandlungen sind die Kapitel III und IV gewidmet. Den räumlichen und zeitlichen Ver-
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Der Intellektuelle als Sozialfigur : neuere vergleichende Forschungen zu ihren Formen, Funktionen und Wandlungen
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