680 Forschungsberichte und Rezensionen
kleinen Handwerksbetrieben 16, wenn nicht noch mehr, beim Hauspersonal im Prinzip selbst 24 Stunden betrug, wo die Wohnung i. d. R. in einem einzigen Raum für die ganze Familie bestand, in einer Holzbaracke, später zunehmend in einem Mietsblock, ohne fließendes Wasser, ohne Kanalisation, an einer ungepflasterten Straße, da war das Leben sicherlich nicht dolce. Nur ausnahmsweise trübt Zarnowska die beschriebene Not den Blick so weit, daß sie etwas unpräzise formuliert, z. B. wenn sie schreibt, daß in den 1880er Jahren unter der nicht-proletarischen Bevölkerung auf 1 000 Einwohner 18, unter der proletarischen dagegen 40 Personen starben(S. 131).- Soweit es Zarnowska darauf ankam,»ein Porträt der Warschauer Arbeiterschaft um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zu skizzieren«, ist ihr das in ihrem(von der Wochenschrift Polityka preisgekrönten) Buch in hohem Maß gelungen. Wie bei so vielen Arbeiten polnischer Historiker wäre auch bei dieser zu bedauern, wenn sie über den polnischen Leserkreis hinaus kaum bekannt würde, Wenn einmal eine Übersetzung erschiene, sollte sie enthalten, was der Leser, der Warschau nicht sehr genau kennt, schon in der polnischen Ausgabe vermissen wird: einen Stadtplan.
‚Jürgen Rojahn, Amsterdam
Ulrich Herbert, Geschichte der Ausländerbeschäftigung in Deutschland 1880 bis 1980. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter(= Dietz Taschenbuch 19), Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Berlin/Bonn 1986, 272 S., kart., 16,80 DM.
Der Autor setzt sich die anspruchsvollen Ziele, erstens einen Gesamtüberblick über die Ausländerbeschäftigung in Deutschland geben zu wollen, der— zweitens— gut lesbar für»Nichthistoriker« wie für Spezialisten sein soll. Um das Urteil vorwegzunehmen: Der Überblick ist gelungen, ob Lesbarkeit und Anschaulichkeit auch für Laien gewährleistet sind, sei offen gelassen.
Der informative Band ist chronologisch aufgebaut:»»Leutemangel« und>»Überfremdungsgefahr im Kaiserreich seit 1880«, die Entwicklung vom»Saisonarbeiter zum Zwangsarbeiter« im Ersten Weltkrieg, das Zwischenspiel Weimarer Republik,»Arbeit als Beute« im Dritten Reich bis 1945, schließlich»Gastarbeiter« in der Wachstumsgesellschaft«. Mit dem Schlußpunkt 1980 endet der Band vor der durch Regierungswechsel und Rückkehrförderung eingeleiteten Debatte um Ausländer in der Bundesrepublik. Systematische Fragestellungen und analytische Herangehensweise kommen durch den chronologischen Aufbau nicht zu kurz. Nicht nur entsprechen die entscheidenden Veränderungen der Politik gegenüber ausländischen Arbeitskräften den Zäsuren der deutschen Geschichte, sondern Fragen von allgemeiner Bedeutung werden am Ende jedes Kapitels aufgegriffen. Das Literaturverzeichnis ist ausführlich, die Literaturhinweise enthalten alles Wichtige. In der Einleitung wird über einen Sammelband zum Thema»Auswanderer— Wanderarbeiter— Gastarbeiter« in Deutschland abwertend angemerkt, daß»wichtige Bereiche(Erster, Zweiter Weltkrieg) durch DDR-Historiker besetzt sind, deren Ansatz, gerade was die Frage der Kontinuität angeht, nicht unproblematisch ist«(S. 12). Glücklicherweise bleibt es bei dieser Deklamation, in den folgenden Kapiteln wird die einschlägige DDR-Literatur, werden besonders die ATbeiten des Rostocker Zentrums zur»Fremdarbeiterpolitik des Imperialismus«, differenziert und vollständig einbezogen, die Debatte um die Kontinuitätsfrage referiert und wohl auch definitiv beantwortet.
Herberts Überblick stellt nach zahlreichen Hinweisen auf die Tradition der Ausländerbeschäftigung in Deutschland den ersten umfassend informierenden Überblick dar. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war bisher nur durch eine Reihe fast vergessener älterer Werke zu Einzelfragen abgedeckt(Britschgi-Schimmer, Michels-Lindner), nur die Ruhr-Polen hatten ein großes Maß an Aufmerksamkeit gefunden(KleBßmann, Myrzynowska, Stefanski). Da die italienisch- und polnischsprachigen Zeitungen für Arbeitsmigranten dieser Zeit in Deutsch