676 Forschungsberichte und Rezensionen
kennt, eröffnet sich eine bisher unbekannte Lebens- und Arbeitswelt, Die Herausgeberin verzichtet darauf, die Beiträge abschließend zu kommentieren, Das ist kein Mangel, zumal die Einleitung diesbezügliche Vorarbeit leistet, sondern steigert eher die Wirkung der lebensgeschichtlichen Erinnerungen. Diese Art der Spurensicherung führt nicht allein zu wissenschaftlichem Erkenntnisfortschritt, sondern, was auch anderen Arbeiten zur Anregung dienen sollte, zu steter Nachvollziehbarkeit des Geschilderten beim Leser- sei er Wissenschaftler oder historisch interessierter Laie, Die Herausgeberin bittet diejenigen Leser, die über Erfahrungen als Dienstboten berichten können oder die sogar bereits über entsprechende Aufzeichnungen verfügen, diese dem Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien, Dr. Karl Lueger-Ring 1, 1010 Wien, zugänglich zu machen. Angesichts der Tatsache, daß insbesondere die sogenannte»Innenperspektive« der Betroffenen kaum anders quellenmäßig rekonstruiert werden kann, möchte sich der Rezensent diesem Appell nachdrücklich anschließen. Peter Blum, Marburg
Anna Zamowska(Red.), WoköFtradycji kultury robotniczej w Polsce[Um die Tradition der Arbeiterkultur in Polen], Panstwowy Instytut Wydawniczy, Warszawa 1986, 510 S., brosch., ZE. 350,—.
Außer einer kurzen Einleitung Zarnowskas sowie einem Personen-, einem Periodika- und einem Organisationenregister enthält der Band sechzehn Artikel, die vorzugsweise der Ertrag der Diskussionen einer Gruppe von Warschauer Historikern und Ethnographen in den Jahren 1980/81 sind. Die Beiträge wurden im Herbst 1981 vorgelegt, die Einleitung datiert vom»Januar 1982«, Außer dem von A. Zadrozyriska beziehen sich die Beiträge auf den Zeitraum von der Mitte des 19, Jahrhunderts bis zum Jahr 1939, Der Begriff der Arbeiterkultur wurde so weit gefaßt, daß sich vielerlei darunter subsumieren läßt; im Vordergrund des Interesses steht die Kultur der Arbeiter als»eine Massenerscheinung, die konstituiert wird durch Verhaltensweisen[...], die[...] mit einer gewissen Regelmäßigkeit vorkommen und sich an gemeinsamen gesellschaftlichen Leitbildern und Mustern orientieren«(ZarAowska, S. 6 f.). Dennoch scheint bei einigen Artikeln die Aufnahme in diesen Band vom Inhalt her nur schwer begründbar, so bei dem von 4. Goreniowa, die anhand zweier Romane (des 1928 zunächst in französischer Sprache unter dem Titel»Je brüle Paris« in’Humanite veröffentlichten Romans Palg Pary? von B. Jasinski und des zwei Jahre später publizierten Gegenstücks Pale Moskwe[Ich verbrenne Moskau] von E. Jezierski[d.i. E. Krüger, 1925-1935 Zensor in Warschau]) den Versuch unternimmt, das Bild der beiden Autoren von der Masse, für die sie schrieben, zu rekonstruieren. Manche Beiträge scheinen(trotz frisierter Titel) nur mittelbar relevant, so der von M. Niefyksza über die Entwicklung der drei führenden Industriestädte des»Königreichs«(Warschau, ZLödz, Sosnowiec/Becken von Dabrowa) sowie der von W. Pruss über die Rolle des Handwerks in Warschau. Aber einige der Beiträge, die man vielleicht in einem Band zum Thema»Arbeiterkultur« nicht erwarten würde, sind nichtsdestoweniger interessant, so der von L. Hass über das Wahlverhalten, die politisch-sozialen Präferenzen der Arbeiter im Interbellum, Andere scheinen eher ohne viel Aufwand erstellte routinemäßige Gelegenheitsprodukte, so die drei übrigen der unter dem Obertitel»Politische Kultur« vereinten Beiträge: von /. Myslirnski über das»Modell« des sozialistischen Periodikums für Arbeiter vor 1918, von J/. Holzer über die Organisationsstruktur der polnischen Arbeiterparteien des Interbellum, von /. Tomicki über das»Modell« des Arbeiterfunktionärs bei den polnischen Sozialisten jener Zeit. Von ähnlicher Qualität ist der Beitrag von J. Zarnowski, der ein Thema behandelt, dem an sich im Rahmen dieses Bands besonderes Interesse zukäme: das Verhältnis der polnischen Arbeiter zur katholischen Kirche. Angesichts der demokratisch-progressiven Aureole, in der die katholische Kirche Polens neuerlich erscheint, mag es berechtigt sein, daran zu erinnern(und es scheint, daß es