Archiv für Sozialgeschichte 34, 1994 531
Das Nationalitätenproblem machte sich oftmals störend bemerkbar. Manchmal nur in der Form eines Sprachproblems, mit der Notwendigkeit, die Werbeliteratur in andere Sprachen zu übersetzen, wie etwa in Galizien(Buszko). In anderen Fällen allerdings diente der gleichzeitig mit der Arbeiterbewegung erwachsende Nationalismus dazu, die Bewegung zu spalten und zu schwächen. Dies war besonders stark in Böhmen und Mähren ausgeprägt(Janousek, Pilch). Ein anderes interessantes Beispiel lieferte die Aufnahme der italienischen Gastarbeiter in Vorarlberg(Nittersteiner). Daneben gab es den von der Kirche vielerorts geschürten Antisemitismus.
Wie zu erwarten, weisen die verschiedenen Beiträge unterschiedliche Interessenschwerpunkte, theoretische Ansätze und Ergebnisse auf. Auch erreichen nicht alle das wissenschaftliche Niveau der besten hier vertretenen Studien. Der Gesamteindruck bleibt der der Mannigfaltigkeit der Arbeitererfahrungen unter ganz unterschiedlichen Bedingungen, aber insgesamt wird die hergebrachte Hypothese der Schwäche der Provinz in der frühen Arbeiterbewegung in allen ihren Zweigen bestätigt. Die hier vorgelegten Studien allerdings machen klar, wieviel es auf diesem Gebiet noch nachzuholen gibt. Sidney Pollard, Sheffield
Dan S. White, Lost Comrades. Socialists of the Front Generation 1918-1945, Harvard UP, Cambridge, Mass. etc. 1992, XIII+ 255 S., hbd., 34,95$.
Die Analyse generationeller Verhaltensdifferenzierungen und ihrer Hintergründe hat in der politischen Sozialgeschichte Konjunktur. In der Tat spricht manches dafür, den Blick stärker auf jene Alterskohorten zu richten, die während der politisch prägenden Phasen des zweiten und dritten Lebensjahrzehnts jeweils spezifischen Sozialisationsszenarios ausgesetzt waren und dabei- mehr oder minder— ähnliche Verhaltensdispositionen verinnerlicht haben könnten. Der amerikanische Historiker Dan S. White(Albany, N.Y.) versucht dies am Beispiel einer Gruppe um 1895 geborener Persönlichkeiten bürgerlicher Herkunft, die sich im Laufe der 1920er Jahre als intellektuelle Nachwuchskräfte der sozialistischen Arbeiterbewegung in Europa zu profilieren vermochten: Hendrik de Man(Belgien), Oswald Mosley(Großbritannien), Marcel Deat(Frankreich) sowie Theodor Haubach und Carlo Mierendorff(Deutschland). Der Enthusiasmus, mit dem sie im Sommer 1914 zur (vermeintlichen) Verteidigung ihrer Vaterländer in den Krieg gezogen waren, sei Zwar schon bald tiefer Ernüchterung gewichen; diese Enttäuschung habe aber keineswegs ihre nationalen Loyalitäten geschwächt. Vielmehr hätten sie unter dem prägenden Eindruck des Kriegserlebnisses-»country, comrades, combat«(S. 19)- den Entschluß gefaßt, im Zeichen von Patriotismus und Demokratie für eine Überwindung der Klassengesellschaften der Vorkriegszeit einzutreten. Ohne den Rückhalt demokratischer Massenorganisationen war das nicht denkbar, und so schlossen sie sich allesamt der sozialistischen Bewegung an. Herkunft und wissenschaftliche Ausbildung sorgten allerdings dafür, daß ihre Bindung an deren materialistisch-deterministische Ideologie sehr locker blieb. Überdies stand der daraus gespeiste Attentismus der tonangebenden Funktionärsschichten dem aktivistischen Bemühen entgegen, ihre humanistischen Erneuerungsvorstellungen alsbald in die Tat umzusetzen.
De Man und seine Generationsgenossen setzten dagegen die Überzeugung, daß der Sozialismus praktisch auf den Weg gebracht werden könne, bevor der Kapitalismus an seinen immanenten Widersprüchen zugrunde gegangen sei, sofern es gelänge, der Arbeiterschaft und Teilen der Mittelschichten zündende Ideale anzubieten und mittels moderner Kommunikationsformen nahezubringen. Als zentrale Elemente dieser Mobilisierungsideologie