ArchivgutLöbe, PaulArchivgut
- TitelLöbe, Paul
- Signatur1/PLAB
- Entstehung
Biografie, Organisations- oder Verwaltungsgeschichte
Paul Löbe wurde am 14.12.1875 in Liegnitz als Sohn eines Tischlers und einer Heimarbeiterin geboren. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte er von 1890 - 1895 eine Lehre als Schriftsetzer. Löbes Interesse an Politik wurde schon frühzeitig im Elternhaus geweckt, wo am Abend die Reichstagsreden von Bebel, Liebknecht und anderen Sozialdemokraten gelesen und diskutiert wurden. Als Sechzehnjähriger verfaßte Löbe seine ersten Berichte und Artikel für die Breslauer "Volkswacht".
Während seiner Wanderschaft, die ihn durch Deutschland, Österreich, Ungarn, den Balkan und Italien führte, wurde er 1895 in Dessau Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und des Buchdruckerverbandes. 1898 kehrte er zunächst nach Liegnitz zurück,übersiedelte dann aber nach Breslau, wo er in die Druckerei der Sozialdemokratischen "Volkswacht" eintrat und ab 1899 Mitglied der Redaktion war. Für seine Artikel wurde Löbe mehrfach mit Geld- und Haftstrafen belangt, u.a. verbrachte er ein Jahr wegen "Aufreizung zum Klassenhaß" (er hatte einen Aufruf gegen das preußische Dreiklassenwahlrecht verfaßt) in Einzelhaft.
Schon ein Jahr nach seiner Übersiedelung nach Breslau wurde Löbe an die Spitze der Breslauer SPD berufen. 1904 erhielt er ein Mandat für die Stadtverordnetenversammlung, 1915 für den Schlesischen Provinzial-Landtag.
1919 wurde Löbe in die Weimarer Nationalversammlung gewählt, wo er im Juni des gleichen Jahres das Amt des Vizepräsidenten übernahm. Ein Jahr später erhielt Löbe ein Reichstagsmandat; am 25.6.1920 wurde er zum Reichstagspräsidenten gewählt, Eine Kandidatur für das Amt des Reichspräsidenten, die ihm nach Eberts Tod vom SPD-Parteivorstand angetragen wurde, lehnte Löbe ab.
Die Funktion des Reichstagspräsidenten übte Löbe (von einer mehrmonatigen Unterbrechung 1924 abgesehen) bis zu den Juliwahlen 1932 aus; nachdem die Nationalsozialisten stärkste Fraktion im Reichstag geworden waren, wurde Hermann Göring sein Nachfolger.
Löbe trat in die Redaktion des "Vorwärts" ein, der er noch bis 1933 angehörte. Nach einer Durchsuchung seiner Berliner Wohnung wurde er verhaftet und zunächst in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz, dann nach Spandau gebracht. Mitte August kam er in das Breslauer Polizeigefängnis und dann in das Konzentrationslager Dürrgoy. Nach der Auflösung dieses Lagers verbrachte er weitere Monate in Haft in Berlin, bevor er im Dezember 1933 entlassen wurde.
Seinen Lebensunterhalt verdiente Löbe in den folgenden Jahren als Korrektor beim Verlag Walter de Gruyter. Er beteiligte sich mehrfach an illegalen Treffen von Sozialdemokraten in Berlin, hatte Kontakte zu Wilhelm Leuschner, Julius Leber u.a.; später stand er auch mit Goerdeler in Verbindung.
Nach dem 20. Juli 1944 wurde Löbe erneut verhaftet und einige Zeit im KZ Groß-Rosen bei Striegau festgehalten. Das Kriegsende erlebte er in Ullersdorf.
Im Juli 1945 kehrte Paul Löbe nach Berlin zurück. Er gehörte dem Berliner Zentralausschuß der SPD an und wurde Redakteur der Zeitung "Volk", trat aber entschieden gegen eine Vereinigung von SPD und KPD ein.
Von 1946 - 1948 war Löbe Lizenzträger und Mitherausgeber des "Telegraf". 1947 wurde er Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses des SPD-Landesverbandes Berlin und des Außenpolitischen Ausschusses der SPD. 1948 wurde er von Berlin in den Parlamentarischen Rat entsandt. Auch dem ersten Deutschen Bundestag gehörte Paul Löbe an. Am 7.9.1949 eröffnete er als Alterspräsident das Parlament.
Neben seiner parlamentarischen Arbeit engagierte sich Löbe bei den landsmannschaftlichen Gruppen der Vertriebenen. Beim Schlesiertag 1953 in Köln löste Löbes Äußerung, daß es zur Lösung der Vertriebenenfrage "keine neue Austreibung geben könne", Kontroversen aus. 1953 verzichtete Löbe auf eine erneute Kandidatur für den Bundestag.
1954 übernahm er das Amt des Präsidenten des Kuratoriums Unteilbares Deutschland.
Paul Löbe starb am 3.8.1967 inBonn.
Zur Biographie v.a.: Der Weg war lang. Lebenserinnerungen von Paul Löbe, 2. veränderte und erweiterte Auflage, Berlin 1954; Arno Scholz, Walther G. Oschilewski (Hrsg.): Ein großes Vorbild. Paul Löbe zum Gedächtnis, Berlin 1968; Helmut Neubach: Paul Löbe, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. XV, Berlin 1987Archivierungsgeschichte / Bestandsgenese
Beim Nachlaß Löbe handelt es sich um einen Teilnachlaß, der nahezu ausschließlich Unterlagen aus der Zeit von 1945 - 1967 enthält. Schriftstücke und Dokumente aus früherer Zeit wurden bei einem Bombenangriff vernichtet, der am 30.1.1944 Löbes Wohnung in Berlin-Wilmersdorf traf.
Der Nachlaß im AdsD enthält u.a. Korrespondenz, die Löbe im Rahmen seiner parlamentarischen Tätigkeit und seiner politischen Funktionen nach 1945 geführt hat; ein großer Teil des Schriftverkehrs ergab sich aus Löbes Stellung als ehemaliger Reichstagspräsident, aus seiner früheren Tätigkeit in der Breslauer Sozialdemokratie und seinen Kontakten zur Flüchtlingsbevölkerung.
So finden sich hier biographische Angaben zu schlesischen Sozialdemokraten, Bescheinigungen für Wiedergutmachungsverfahren, Aussagen über die Parteizugehörigkeit einzelner Personen, wissenschaftliche Anfragen, Einladungen und Tagungsunterlagen, Glückwünsche etc. Auch publizistische Äußerungen des Nachlassers - Reden, Artikel etc. - liegen vor. Dagegen sind Sachakten in nennenswertem Umfang nicht erhalten.
Bei der Neuordnung und -verzeichnung des Nachlasses zeigte es sich, daß die bestehende Registratur zahlreiche Unregelmäßigkeiten aufwies. der Bestand wurde deshalb vor der Verzeichnung neu geordnet; dabei wurde die "Allgemeine und persönliche Korrespondenz" chronologisch nach Jahren und innerhalb der einzelnen Jahrgänge alphabetisch nach Korrespondenzpartnern geordnet. Die Glückwunschpost wurde nach Anlässen gegliedert.
Die "Publizistischen Äußerungen" wurden nach chronologischen Gesichtspunkten neu geordnet.
Bei der Verzeichnung der umfangreichen Korrespondenz wurden jeweils die wichtigsten Korrespondenzpartner namentlich erfaßt. Der "Enthält"-Vermerk gibt Hinweise auf den Inhalt der wichtigsten Vorgänge. Alle im Text aufgeführten Namen wurden durch ein Register erschlossen.