Gewerkfthastliches. Unterstützung üer Textilarbeiter in Preußen. Durch Beschluß des Bundesrats vom 13. November zahlt das Reich ab 1. Oktober zu den Unterstützungen, die von Ge- nieinden und Kommunalverbänden an arbeitslose oder be- schränkte Zeit arbeitende Textilarbeiter und-Arbeiterinnen verabfolgt werden. Zuschüsse bis zur Höhe von 75 Proz. des Betrages. In Einzelfällen wird, wie Staatssekretär Helffcrich vor wenigen Tagen in der Haushaltskommission erklärte, sogar noch diese Höhe überschritten werden können. Da die Gemeinden außerdem Zuschüsse von Unternehmern oder Unternchmerverbänden und vom Staat zu erwarten haben, ist die Rköglichkeit ausreichender Unterstützung jetzt überall gegeben. Leider bleibt noch immer sehr viel zu wünschen übrig. In Baden und Bayern ist,_ wie berichtet, die Angelegenheit in befriedigender Weise geregelt. Soweit durch mißverständliche Interpretation der geltenden Bestimmungen Baden Anlaß zur Klage gab. ist durch neuerliche Beschlüsse die Ursache hierzu beseitigt worden. ?luch in Sachsen hat die Regierung ihre anfangs sehr bedenk- liche zurückhaltende Stellung aufgegeben. Es soll nach den Anweisungen der Regierung dort für ein kinderloses Ehepaar die Unterstützungssumme pro Woche jenem Teil entsprechen, der als Wochenteil eines Jahreseinkommens von 844—878 Bt. gilt. In Großstädten ist der Betrag zu erhöhen. Damit ist die Regierung den Wünschen der Arbeiter entgegen- gekommen. Soweit Widerstände gegen die Höhe der Beträge noch zu überwinden sind, liegen sie bei den Gemeinde- und Bezirksbchörden und den Unternehmern. Ganz anders aber liegt die Sache in Preußen. Im großen und kräftigsten Staate ist von oben herab noch so gut wie nichts geschehen. In den Gemeinden und Bezirksvcrbändcn wird die An- gelegenheit als„Armensache" behandelt und werden entsprechend niedrigere Unterstützungssätze festgelegt. Bis vor wenigen Tagen hatten die Provinz- und Bczirksbehörden noch keine amtlichen Mitteilungen über eventuelle Zuschüsse des Reiches oder Staates oder sonstige Anweisungen er- halten. Alle Gesuche der Arbeiterorganisation wurden von den Obcrpräsidenten, Regierungspräsidenten. Land- räten und Gemeindevorständcn abgewiesen mit den Worten:„Ja. w i r haben von keiner Seite eine amtliche Mitteilung erhalten. Was in den Zeitungen steht, geht uns nichts an. Wenn das aber wahr ist, was dort steht, d. h. wenn wir die bezeichneten Zuschüsse bekämen, dann könnten wir ganz anders zugreifen." Dabei ist die Notlage der preußi- schcn Textilarbeiter mit Händen zu greifen. Einige lohn- statistische Feststellungen mögen das beweisen. In Langen - bielau gaben 182 männliche und 375 weibliche Textilarbeiter in der Zeit vom 1. bis zum 27. November ihre Lohndüten bei der Organisationsleitung ab. Die Männer verdienten im Durchschnitt pro Woche alles in allem gerechnet 12,15 M.. die Frauen 8,69 M.; in Spremberg verdienten 64 Männer pro Woche 16,51 M., 96 Frauen 12,99 M.; in Sommerfeld 133 Männer und Frauen pro Woche 8,78 M.: in Forst 160 Männer 17,95 M., 128 Frauen 13,86 M. In Schlesien glaubt nian mit Einrichtung von Nähstuben, Ausgabe von Heimarbeit auszukommen. Gegen die Gewährung einer Bar- Unterstützung, welche die Unternehmer und Arbeiter fordern, wird die heftigste Opposition gemacht. Die höchsten Spitzen vertreten die Meinung: Barunterstütznng sei aus sittlichen Gründen verwerflich. Man hat deshalb die Durchführung der Unterstützungsaktion dem„Nationalen Frauendienst" über- wiesen. Die Arbeiter haben gegen diese Art der Regelung Einspruch erhoben. Eine Gauleiterkonferenz des Deutschen T e x ti l a r b e i te r V e r b a n d e s reichte schriftlichen Protest ein. Auch die drei vorhandenen Textilarbeiterverbände wandten sich in einer Eingabe an das preußische Ministerium und ersuchten um Abhilfe. Mit welchem Erfolge bleibt abzuwarten. Jedenfalls tut Eile not.
deutsches Reich. Teuerungszulage in der Handschuhindustrie. Der Verband der Lederarbeiler bat beim Verband der Leder» handichuhfabrilanten einen Antrag auf Teuerungszulage gestellt. Die Handschuhmacher hallen in mehreren Betrieben solcke Anträge ge- stellt, wurden aber mit ihren Ansuchen von den Fabrikanten dahin- gehend beschieden, daß man sich einer Teuerungszulage gegenüber zwar nicht grundsätzlich ablehnend verhalte, doch sei es angebracht, derartige Wünsche der Leitung des Fabrikantenverbandes zu unter- breiten, damit über dieie Angelegenheit von Organisation zu Organisation verhandelt werden könne. Daraufhin bar der Zentral- vorstand des Lederarbeiterverbandes dem Präsident des Fabrikanten- verbände« ein aussübrlich begründetes Gesuch um Gewährung einer allgemeinen zehnprozentigen Teuerungszulage unterbreitet.
/tuch ein Parteiretter. Urrter dem schönen Titel„Proletarische Palast- r e v o I t e" geistreichelt Herr Hans L e u ß in der„Welt am Montag" u. a. folgendermaßen über die Vorgänge in unserer Partei: „... Der„Vorwärts" sonnt sich und bläht sich und kündigt an, daß er in kurzer Zeit nicht nur die Mehrheit der Partei und der Fraktioit hinter sich haben werde, sondern auch die Mehrheit der Presse, die bürgerliche eingeschlossen. Einbildung ist schlimmer als das dreitägliche Fieber, sagt man in meiner Heimat. Selbst unter den Radikalsten der Sozialdemokratie sind seit Jahren alle ge- scheiten Leute mit denen anderer Richtungen einig in der Ein- schätzung der vegieveirden Mehrheit der„Vorwärts"-Redaktion, und jedermann weiß, wie diese einmütige Einschätzung ausfiel. Will man sie aber andeuten, so braucht man nur einen Satz aus dem Tviumphartikel des„Vorwärts" abzudrucken, den letzten; er lautet: „Die Partei e i n h e i t ruht festfundamentiert in der sozialen und politischen Entwickelung, die durch jene Gesetze des Kapitalismus bestimmt werden, die von den großen Theoretikern des Sozialis- m u s l ä n g st fest umrissen sind und die ihre k l a s- sich st e(?) Bestätigung finden wenden durch den ehernen Gang der neuesten weltgeschichtlichen Ereignisse." Dieses Gedröhn des Blödsinns ist mit Verlaub ein Brechmittel, und wenn so etwas an der Tete nicht nur der Demokratie, sondern sogar der Mehrehit der Presse sich bald zu sehen sich einbildet, dann weiß man mcht, ob man lachen soll oder das Gegenteil. Der Höhenwahn von Atenschen, die in„festumrissenen" Theorien den Schlüssel aller Erkenntnis zu besitzen meinen, ist die kläglichste aller Einbildungen und in der Tat schlimmer als das dreitägliche kalte Fieber.... Die Minderheit der Fraktion läßt im„Vorwärts" verlauten, daß sie gerade mit ihrer Verweigerung der Kredite die„Geschlossen- heit der Partei für die Zukunft gefestigt" habe; denn eine große Anzahl von Parteigenossen sei durch die Haltung der Fraktion enttäuscht gewesen. Dies ist cttva die Meinung Haas es, der vor � Verantw. Redakt.: AlsredWielevv. Neukölln. Lnseratenteil veranw
Monaten tm Reiche biefelSc Gesinnung durch Reden zu verbreiten und zu wecken gesucht hat, der er nun mit der Krsditverweigeruny genugtun will. Geher hat in der verlegenen Erklärung als einen Beweggrund der zwanzig Dis- senters und als ihren Zweck bezeichnet:„Dem in allen Ländern hervortretenden und wachsenden Friedensbedürfnis einen krä sti- gen An trieb zu geben." Erfüllte das Heraustreten der Zwanzig diesen schönen und guten Zweck, so müßte man es loben. Aber die Hoffnung ist eitel. S e lb st w en n d i e M e h r h e i t der sozial- demokratischen Fraktion sich nächstens an die Seite der Zwanzig stellen wollte, so würde die Wirkung nach allen Seiten nicht kräftig, sondern kläglich sein.... Aber man wird einwenden, daß die Wirkung nicht unmittelbar, sondern vermittels der öffentlichen Meinung, des Volks- willen s, erstrebt werde; daß man diesem Mut machen wolle, sich zu äußern und diese Aeußerung gegen den Krieg zu organi- sieren. Dieser Zweck ist an sich vernünftig und gut; aber das Mittel der Kroditverweigerung ist txizu weder nötig noch nützlich. Jenem Zweck dienen Handlungen und Kiurdgebungon der ganzen Fraktion weit besser, und meines Wissens würden die Zwanzig dazu- nicht nötig gehabt haben, auf die Gemeinschaft mit allen übrigen Mitgliedern der Fraktion zu verzichte». Wer sie wollten diese Gemeinschaft nicht. Ihnen lag viel- mehr daran, durch eine Demonstration die Herstellung ihrer Herrschaft in der Partei vorzubereiten, und sie rechnen darauf, daß ihnen die Leiden des Krieges, je länger sie dauern, guten Wind für ihre Segel bedeuten. Diese Spekulation wird vielleicht Glück haben. Die Zwanzig mögen thren Einslutz auf die Partei verstärken, aber die Partei selb st wird dadurch geschwächt werden. Der Zwist in den eigenen Reihen wird tödlich tief sitzen, und bei künf- tigen Wahlen wird er überall ollen denen vorgehalten werden, die in wenigen Monaten wie Triebsand in einem reißenden Strom sich verhalten haben. Furchtbar wird auf die„Mitläufer" wirken. wenn im Wahlkang>f die Tatsache auftaucht, die niemand weg- streiten kann, daß die sozialdemokratische Fraktion gerade dann flau und in ihrem Gefüge morsch wurde, als der Friedens- Bereitschaft Bethmanns und ihrem öffentlichen Ausdruck bei allen uns feindlichen. Reg i e r u n ge n und Parlamenten «er Ausdruck des Willens zu unserer Vernichtung entgegenstand. Schwer wird es den Männern um Haase werden, sich gegen den bitteren Vorhalt zu wehren, daß ihnen nicht nur diese Absicht unserer Feinde gleichgültig ist, sondern daß ihnen selbst die V er- wirklichung dieser Wsicht etwa als gute politische Chance für ihre Phantasien erscheinen würde. Was aber das Schlimmste ist: der Sieg des Radikalismus in der Partei würde die deutsche Arbeiterbewegung insofern lähmen, als die Gewerkschaften nachher ihre eigenen politischen Wege gehen müßten und würden. Der Riß wäre unheilbar. Wenn er kommt, wird man Hugo Haase für ihn verantwortlich machen, und mit Recht." Warum wir den reichlich konfusen Herzenserguß dieses Ein- gängers hier wiedergeben? Nun, weil wir überzeugt sind, daß die tiefgründigen Urteile über unser« Partei nicht ganz— verzeihen Sie bitte das harte Wort, Herr Hans Leutz— auf eigenem Miste ge- wachsen sind. Um eine so tiefe und rührende Besorgnis um das Schicksal unserer Partei zu verstehen, mutz man wissen, daß Herr Hans Leuß in sehr enger persönlicher Fühlung mit einer bestimm- ten kleinen Gruppe von Parteimitgltedern steht. Es sind das Leutchen, die an den Tischen eines bekannten Kaffeehauses die Geschicke der deutschen Sozialdemokratie überwachen. Sie haben sich, ebenso wie Herr Leuß, als Meister in der Kunst des„Um- lernens" erwiesen, wobei ihnen allerdings zustatten kam, daß sie nicht allzu sehr durch einen Ballast„festumvissener Theorien" ve- schwert, dafür aber von einem gütigen Schicksal desto reicher mit einer feinen, psychischen Disposition für nationale Inbrunst bedacht waren. Diese Kaffeehaussozialisten möchten dank ihrer besonders genialen Erleuchtung in allen Fragen der Politik und Volkswirt- schaft die Arbeiter, wie Schachfiguren auf ihrem diplomatischen Brettspiel hin- und herschieben. Und geht es dann nicht nach den von schwarzen Locken umwallten Köpfen dieser sozialisttschen Hindenburgs, dann schütten sie die Schalen ihres olympischen ZornS über die aus, die ihren großen staatSmännifchen Plänen im Wege stehen. DaS sind die Quellen, aus denen Herr Hans Leuß sein« Parteiweishett gesogen. Wer da es Leute in unserer Partei gibt, denen an einer Stimmungsmache gegen den Genossen Haas«, die Redaktion des„Vorwärts" und die ganz« s-sß Minorität recht viel gelegen ist. mag sie kommen, von welcher Seite sie will, ver- dienen die Ausführungen des Herrn Leutz doch immerhin Be- achtung.
Mus öer Partei. Ausschluß der Zwauzig aus der Fraktiou? Die.Voss. Ztg." ist unter Berufung auf einen Bericht der Mannheimer „VoltSstimme" in der Lag«, noch einige Interna auS der Fraktionssitzung nach der letzten ReichStagSsitzung mitzuteilen. Danach hatte der Vorsitzende der Generalkommisfion der BeWerk- schaften. Legten, in der ReichstagSsraktion beantragt, die Auf- Hebung der Fraktionsgemeinschaft mit den 20 Sepa« ratisten zu beschließen. Der Antrag wurde aber gegen 18 Stimmen abgelehnt und dann die bereits von uns zitierte Rüge beschlossen. Wie seitens des Fraktionsvorstandes erklärt wurde. soll dem zu Beginn der zweiten Januarwoche zusammentretenden Parteiausschuß die Frage der Trennung unterbreitet und sein Urteil darüber gehört werden.
Aus de» Orgauisatloueu. Der Bezirksausschuß Brandenburg zum Borgeheu der Miuderheit. Der Bezirksausschuß der Provinz Branden- bürg haj in einer Sitzung sich mit dem Vorgehen der Minderheit im Reichstage beschäftigt und beschlossen, seiner Auffassung in den Parteiblättern des Bezirks Ausdruck zu geben. Der Ausschuß ist der Auffassung, daß auch in der Erklärung der 20 Genossen nichts enthalten ist, was nicht schon in den bisherigen Reden und Er- llärungen der Fraktionsmehrheit zum Ausdruck gekommen wäre, mit Ausnahme der Schlußfolgerung, die Kredite abzulehnen. Weiter wird noch in der Erklärung am schärfsten das Aufgeben der Disziplin verurteilt. Zum Schluß richtet noch der Ausschutz an die Parteigenossen das dringende Ersuchen, in den Organi- sationen den zersetzenden Tendenzen der Disziplinlosigkeit entgegenzuwirken. • Der Kreisvorstand des 8. sächsischen Reichstags- Wahlkreises hat am 22. Dezember ISIS den Bericht des Lb- geordneten Genossen Rühle über die letzten Vorgänge im Reichs- tage entgegengenommen, seine Haltung gebilligt und nach ein- gehender Debatte folgende Resolution einstimmig(elf Mitglieder) angenommen: „Wir begrüßen die entschlossene Haltung der zwanzig Mitglieder unserer ReichstagSsraktion, die am 21. Dezember im Plenum des Reichstages unter Abgabe emer Erklärung gegen die neugeforderten Kriegskredite stimmten. Wir erblicken in dem Vorgehen der Genossen keinen Disziplin- bruch. sondern bewerten es alS den ersten dankenswerten Versuch. den von der Mehrheit seit dem 4. August aufgegebenen..... im Parlament wieder aufzunehmen. Wir hoffen, daß bald weitere Schritte in dieser Richtung folgen, und sichern jeder Aktion dieser Art unsere tatkräftigste Unter- siützung zu."___ ' Zch. Blicke. Berluu Drwt ü. Verlaa:«orwart» Buchdr. u. BerlaasäustäT
NoK eine Feststellung. Die Abgeordneten Adolf H off mann und Georg Lede- b o u r behaupten im„Vorwärts", in den„Lichtstrahlen" sei an- gekündigt worden, die internationalen Sozialisten Deutschlands hätten ihre Vertretung in Bern dem polnischen Genossen Radek übertragen. In den„Lichtstrahlen" hat davon nichts gestanden. Auch in einem von der Zimmerwalder Linken veröffentlichten Flugblatt stobt es nicht. Ich bin deshalb leider genötigt, festzustellen, daß die Ab- geordneten Adolf Hoffmann und Georg Ledebour aus einem vertraulichen Schreiben, das nicht an sie gerichtet war, eine Mitteilung veröffentlicht haben, von der sie sich wohl selbst sagen konnten, daß' sie für gewisse Nasen und Ohren nicht bestimmt war. Dagegen ist richtig, daß diejenige Opposition, die von den Ab- geordneten Adolf Hoffmann und Ge�org Ledebour vor- treten wird, mit den internationalen Sozialisten Deutschlands nichts zu tun hat. In dem erwähnten Schreiben steht sogar aus- drücklich, die internationalen Sozialisten Deutschlands sehen sich veranlaßt, zwischen sich und jener Opposition eine scharfe Tren- nungslinte zu ziehen. Julian Borchardt , Herausgeber und Redakteur der„Lichtstrahlen". *« * Zu der vorstehenden Zuschrift de? Genossen Julian Borchardt haben wir zu bemerken: lieber das Vorgeben der internattonalen Sozialisten Deutsch - lands waren in der Press« verschiedene Mitteilungen veröffentlicht worden, die uns bei Abfassung unserer Erklärung nicht zur Hand waren. So kam«s, daß wir als Quelle unserer Information irr- tümlich die„Lichtstrahlen" angaben. Tatsächlich war das, was wir erwähnt haben, aber bereits in aller Oeffentlichkeit bekannt. Als Beweis zitieren wir aus dem, was am 13. Dezember die ..Vossische Zeitung" aus einer Mitteilung der„Schwäbischen Tagwacht" entnommen hatte, die folgenden Stellen: „Es war vorauszusehen, daß es der auf der Zttnmevwaldxr Konferenz unterlegenen schärfsten Richtung schwer fallen werde, sich den Beschlüssen der Mehrheit unterzuordnen. Immerhin konnte man nicht annehmen, daß diese Richtung sich von jenen Beschlüssen, die der deutschen Sozialdemokratie nun seit zwei Monaten als das Glaubensbekenntnis des wahren Sozialismus verkündet werden, in aller Form lossagen,�« sogar direkt den Kamps gegen dieselben unter- nehmen würde. Das ist nun aber wirklich geschehen. Wie die „Lichtstrahlen" Julian Borchardts mitteilen, hat die auf der Zimmerwalder Konferenz unterlegene Linke eine Flug- blätterreihe„Internationale Flugblätter" herauszugeben be- gönnen. Sie richtet sich nicht etwa gegen die"Sozialimperialisten" und„Sozialpatrioten", auch nicht gegen den„Sumpf"(die Haase-Kautskh-Bernstein-Grupp«), sondern gegen— die Mehrheit der Zimmerwalder Konferenz. Die Mehrheit dieser Kon- ferenz hatte nämlich mit 22 gegen 13 Stimmen einen Rc- solutionsentwurf der Minderheit abgelehnt. Diese unterlegene Minderheit bezeichnet nun die Mehrheit(Richtung Ledebour-Adols Hofftnann) als Schönredner, die nichts Praktisches für den Frie- den täten. Die Minderheit von Zimmevwald sind„Männer der Tat". Sie wollen keine nutzlosen Friedenswünsche, sondern Ge- beimorganisationen, Straßendemonstrationen, Hungerrevolten, Streiks. Sie wollen die dritte Internationale konstituieren, in- dem sie entschieden mit den„Sozialpatrioten" brechen. Führer dieser Gruppe ist R a d e k- S o b e l s o h n, der sich be- kannllich weit vom Geschütz, in der Schweiz , aufhält. Wie die „Lichtstrahlen" mitteilen, hat sich auch in Deutschland eine Organisation dieser Minderheit gebildet,„Jnternatio- n a l e Sozialisten Deutschlands (I. D- S.)", welche sich dieses Programm zu eigen machen will. So hätten wir also auch noch eine Organisation der Minderheit der Minderheit." Die Verdächtigung Borchardts, als ob wir ein kompromittieren- des Geheimnis enthüllt hätten, ist also völlig hinfällig. Unser Hin- weis auf Rädels. Verhältnis zu den I. S. D. deckt sich sinngemäß völlig mit dem, was in aller Welt bereits durch die- Presse ver- breitet war.. Wenn Borchardt schließlich betont, die I. S- D. sähen sich veranlaßt, zwischen sich und uns eine scharfe Trennungslinie zu ziehen, so ist das nur eine recht kümmerliche Retourkutsche. Denn in Zimmerwald haben wir sofort und mit größter Entschiedenheit erklärt, daß wir zede auch nur äußerliche Gemeinschaft mit Radek von uns weisen müssen. Daher erklären sich auch zur Genüge seine beharrlichen giftigen Angriffe auf uns. Nur willkommen kann es uns sein, wenn es durch diese Auseinandersetzung möglichst überall bekannt wird, daß die deutsche Parteiopposition, wie sie im Reichs- tage und in den.Parteiorganrsatrönen sich betätigt, mit dem Trei- ben der Radek und Genossen absolut nichts zu schaffen hat. lleber die„Schönredner" und die. welche sich mit„einverstanden" erklärten, sowie über die„M änner der Tat" reden wir nach Friedensschluß. Berlin , 26. Dezember ISIS. Adolf Hoffmau». G. Ledebour.
Pietro Chiesa gestorben. AuS Rom wird uns geschrieben: Pietro Ehiesa. der einzige Arbeiter, der als Abgeordneter her italienischen Kammer angehörte, ist am Abend des 14. Dezember in Sampierdarena gestorben. Er hat ein echtes Proletarierschicksal gehabt: schwere Arbeit und Rot von früher Kindheit an. Kampf und Ver- solgung im ManneSalter, und dann, als ihm ein sorgenfreier und friedlicher Lebensabend zu winken schien, das schwere qualvolle Sterben an einer Krankheit seines Gewerbes, an Bleivergiftung. Chieia war 1858 in Caiale Monferrate als Sohn ganz armer Landarbeiter geboren worden. Er begann seine Laufbahn als unqualifizierter Arbeiter, als Stallknecht, Arbeiter auf den Reisfeldern, al» Schauermann im Halen von Marseille. Dann wandte er sich, nach Zeiten der bittersten Not, in denen er oft zu Fuß als Arbeitsuchender die französifche Grenze überschritten hatte, dem Lackiererberuf zu, den er in den Docks von Genua und zuletzt in den Werkstätten der Trambahnergesellschaft ausüble. Zu Anfang der neunziger Jahre begann er im Verein mit den Sozialisten Lexda und Vacca in dem industtiellen Ligurien die ersten sozia- listischen Organisationen zu gründen. Er hatte vielfältige polmsche Verfolgungen zu erleiden und mußte in den Maitagen des Jahres 1898 ins Ausland flüchten. Im Jahre IRX) wurde er al« erster sozialistischer Arbeiter in die Kammer gewählt, der er als Vertreter de« WahlkretleS von Sampierdarena bis zu feinem Tode angehörte. Er war auch Stadtverordneter und Provinziolrat von Sampierdarena , weiter Vizepräsident des Reichsarbeitsrates und Vertreter der Hasenarbeiter im Hafenkonsortium von Genua . Cbiesa war ein schlichter aber sehr wirkungsvoller Redner, dem die Kammer auch in den unruhigsten Sitzungen stets Aufmerksamkeit und Gehör schenkte. Was er m einem Bierteljahrhundert unermüdlichen Wirken» für die Partei- und Gewerkschaftsbewegung, besonders in Ligurien , getan und erzielt hat, läßt sich nicht in einem kurzen Nachruf würdigen. Die Arbeiter werden seines Tuns und seine« Wesens stets eingedenk fein: er war gut. schlicht und tüchtig und ein überzeugter Sozialist, der stets treu zur Sache der Partei stand. Obwobl er sich in den letzten Jahren ganz dem rechten Flügel der Partei zugewendet hatte. wollte er doch von Spalwngen in der proletarischen Bewegung nicht» wissen, blieb in unserer Organisation und arbeitete für die Partei- einheit. Der Stadttat von Sampierdarena trat gleich nach Bekannt- werden der Todesnachricht zu einer außerordentlichen Sitzung zu- sammen, in der er beschloß, ein Manifest an die Bürgerschaft zur Ehrung de» Verstorbenen zu veröffentlichen, die städtische Fahne für die Dauer einer Woche auf Halbmast zu hissen, die Beerdigung auf Kosten der Stadt vorzunehmen und am IS. d. M. eine außer- ordentliche Sitzung zum Gedächtnis des verdienten Toten zu halten.____'_" jaul Singer& So* Berlin 5 W. Hierzu 1 Beilage u. llnterhaltungSU.