1. Beilage zum„Vorwärts" Berliner Nr. 92. Sonnabend, den 21. April 1894. 11. Jahrg. Die Stellung der Sozialdemokratie zur DolKsschnle. Genosse Erillenberger hielt am 12. April in der Sitzung der bayerischen Abgeordnetenkammer eine vortreff- tiche Rede über das bayerische Volksschulwesen, in der er eine Reihe von Ausführungen machte, die auch außerhalb Bayerns bekannt zu werden verdienen. Wir tbeilen des- halb nach dem stenographischen Berichte eine Reihe von Stellen hier mit: ...... Wir Sozialdemokraten gehen von der Anschauung aus, daß für die Volksschulen viel mehr zu geschehen hat, als bis jetzt geschehen ist, und zwar sowohl aus ethischen Gründen, als auch deshalb, weil die Volksschule die Bildungsanstalt ist, in der die große Mehrheit der Kinder derjenigen erzogen wird und nur erzogen werden kann, welche das meiste zur Erhaltung der g e- s a m m t e n Bildungsanstalten beizutragen haben. Durch unser bestehendes Steuerwesen sind die Kosten für all das, was vom Staate geleistet wird, größtentheils aus die Schultern der armen Leute, auf die Schultern des Volkes abgewälzt. Und aus diese» Mitteln, die von der G e s a m m t h e i t aufgebracht werden, wird vor allem für die höheren Schulen gesorgt, welche fast nur von den Kindern der herrschenden Klassen besucht werden, während die Bolksschule immer noch ist, wenn auch in etwas minderem Maß stabe als früher, als was Diesterweg sie bezeichnet hat, nämlich das Aschenbrödel unter den Bilkungsanstalten. Wir wollen es nun nicht mehr zugeben, daß die Volksschule das Aschenbrödel bleibe. Sie soll nicht blos eine Dressuranstalt für den großen Haufen sein, wie seinerzeit durch Schopen- Hauer ausgesprochen wurde- Wir sind leider von einem Zu- stände der Schule, wie Kant ihn präzisirt hat, nämlich daß die Anbahnung zu einem Erziehungsplane, durch welchen die Volks- schule kosmopolitisch gemacht werden soll und d.ie Kinder dem zukünftigen, besseren und nicht gegenwärtigen Zustande der Gesell schaft angepaßt werden sollen, getroffen werde, noch weit ent- fernt. Wir wollen und müffen daher mit allen Kräften darauf hinarbeiten, daß die Volksschule nicht blos eine Drillanstalt für den großen Haufen, für die„Kinder der Plebs", sondern eine Anstalt sei, in welcher die Menschlichkeit, in welchen allen alles gelehrt wird, wie von berühmten Pädagogen in früheren Jahr- Hunderten schon ausgesprochen worden ist. ...... Die Hauptgrundsätze, aus denen wir die Bolksschule ausbauen wollen, sind: Weltlichkeit. Unent- geltlichkeit und obligatorischer Besuch der Schule durch die Kinder aller Staats- angehörigen. Wir stehen damit nicht allein, sondern es giebt eine große Anzahl von Staaten, in denen diese Grundsätze mehr oder weniger schon durchgeführt sind. ...... Wir wissen sehr genau, daß von den jetzt h err s ch eu d en G e se ll sch a ftskr eis en das ab- solut nicht zu bekommen ist, was nothwendig wäre, um die Schule so zu gestalten, daß sie unserem Ideal entspricht. Diesem Köhlerglauben geben wir uns nicht hin, daß der heutige Staat, die heutige Ge- sellschast auch bei der größten Anstrengung unsererseits die Schulen so gestalten wird, wie wir es wünschen. Eine wirklich freie Volksschule, wie sie dem Kultur- grade der gegenwärtigen und nächst zukünftigen Zeit entspräche, kann nur in einem anderen Staatswesen, in einer anderen, besser organisirten Gesellschaft durchgeführt werden. Daher wird unsere Partei nach wie vor an dem Bestrebe» fest- halten, unsere Agitation so einzurichten, daß wir die politische Macht erringen, und wenn wir diese in tänden haben, dafür zu sorgen, das die Schule ein anderes esicht bekommt, als es gegenwärtig der Fall ist. Aber mittels einer radikalen Umgestaltung der Schule innerhalb der jetzigen Gesellschaft diese Gesellschaft stürzen zu wollen— derartigen Experimenten jagen wir nicht nach. ...... Es muß einmal ausgesprochen werden: die heute herrschende bürgerliche Gesellschaft an sich i st ungläubig, und zwar nicht der Libera- lismus allein, das will ich nicht sagen, ich greife weiter und sage, daß auch unter denjenigen Elementen, die ununterbrochen die Religion im Munde führen und von den„religiös- sittlichen" Momenten sprechen, die durch die Schule in das Volk hin- eingetragen werden sollen, der Unglaube praktisch gerade so vor- Händen ist, wie beim Liberalismus, daß es auch unter Jenen Leute giebt, die absolut nichts glauben, die nicht an die Existenz eines Gottes glauben, die es aber für nothwendig halten, das, was sie Religion zu nennen belieben, für die große Masse zu konserviren, weil durch dieselbe die Massen der Richlsbesitzenden am Gängelbande geführt werden können, zur Unterthänigkeit, Temuth und Zufriedenheit erzogen und darin erhalten und natürlich kräftig ausgebeutet werden können. Meine Herren! Das ist die Auffassung vom Zwecke der Religion in den meisten Kreisen der herrschenden Gesellschaft, in den Kreisen der sogenannten oberen Zehntausend. Das wird von denselben natürlich geleugnet; es wrrd mit Emphase behauptet, daß tief religiöse, sittliche Grundsätze in den Kreisen, die ich angeführt habe, vorhanden seien. Aber das Volk läßt sich darüber nicht mehr läuschen. Herr Dr. Schädler hat sogar von einem dreifachen Recht gesprochen, welches die Kirche aus die Schule zu haben glaubt: sie habe ein natürliches, ein göttliches und historisches Recht. Ueber das„göttliche" Recht der Kirche aus die Schule bin ich nicht unterrichtet. DaS natürliche kann ich, so sehr ich mich an- strenge, nicht finden, und was das historische Recht betrifft, so ist es jedenfalls ein sehr veraltetes Recht, ein Recht, das längst abgelöst ist durch die Entwickelung der Verhältnisse. Wenn man zugeben wollte, daß die Kirche heute noch ein historisches Recht auf die Schule habe, weil sie die eigentliche Gründerin der Schule sei, so könnte mit demselben Rechte die Kirche Anspruch machen auf die Juristerei— denn das Rechtsprechen war auch Jahr- hunderte lang ein Recht der Kirche— auf die ganze Gesetz- gebung, auf die Kunst, auf den Ackerbau und aus eine ganze An- zahl sonstiger Disziplinen, sogar die Nationalökonomie und die Musik nicht ausgeschloffen. Alle diese Dinge sind früher nicht blos von der Kirche gepflogen worden, sondern sie waren ausschließlich das geistige Eigen- thum der Kirche, so daß, wenn es richtig wäre, daß die Kirche ein historisches Recht auf die Schule habe, alle diese von mir eben genannten gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen auch heute noch unler der Kirche stehen müßten. Aber darauf können wir uns nicht einlassen; das ist ein Verlangen, welches mit aller Entschiedenheit von jedem Freund der Schule, welcher Partei auch immer er angehören mag, zurück- zuweisen ist. Die Mächte, mit denen wir zu kämpfen haben, um die Volksschule zu dem zu machen, was sie sein soll, sind die- selben, welche dem Grundsatze huldigen, den der preußische Minister v. Raumer seiner Zeit ausgesprochen hat. Der lautet: D i e höheren Stände sind in, Besitze aller Bildungsmittel, die unteren sollen sie gar nicht haben; das Volk soll nicht weiter unter- richtet werden, als es für seineArbeit paßt." Auch in diesem Hause sind Leute, die heute noch ans diesem Standpunkte des Ministers v. Raumer stehen, und wenn sie es auch nicht mit ganzer Klarheit und Ungenirtheit auszusprechen wagen, so kommt es doch bei jeder Gelegenheit zum Durchbruch, und� daraus erklären sich auch die haßerfüllten An- griffe gegen den Darwinismus, gegen die konfessionslose� Schule, weil dieselbe Raum lassen würde für Lehrgegenstände, die man am liebsten ganz beseitigen möchte. Das kann uns aber nicht abhalten, muß uns im Gegen- theil geradezu anspornen, auf unserem Standpunkt zu verharren, daß die Kirche mit der Schule nichts zu thun habe, daß vor allen Dingen die Verweltlichung der Schule durchzuführen sei. Dabei kommen wir auf ein Thema, welches höchst inter - effanter Natur ist, schon deshalb, weil es wieder einmal unseren Standpunkt zur Religion klarlegt. Der Herr Referent Dr. Daller hat vor ein paar Tagen davon gesprochen, daß er ein„Freund der Freiheit" sei und daß man die Lehrerbildung so einrichten müßte, daß sie der Gesinnung der Eltern, die Kinder in die Schule zu schicken haben, entspreche. Das wäre allerdings eine sehr weitgehende Freiheit, wie ich gerne zugestehe, aber auf diesem Standpunkt stehen wir ja in der Hauptsache. Wir wollen die denkbar größte Freiheit geben auf religiösem Gebiete. Wir sagen, unsere Schule soll alle die Fächer lehren, welche noth- wendig sind für das Fortkommen des Menschen in der heutigen Gesellschaft; weil es aber undenkbar ist— und zwar nennen wir auch undenkbar, was Diesterweg gesagt und was von mehreren Rednern hier vorgetragen wurde— undenkbar, einen „gemeinsamen Religionsunterricht" einzuführen, so sind wir der Meinung, daß, so lange es Konfessionen giebt, man auch einen speziell konfessionellen Unterricht braucht. Aber, meine Herren, der gehört nicht in die Schule, son dern soll ausschließlich der Kirche überlassen sein. Für diesen Religionsunterricht, für die religiöse Bildung, die den Kindern zu geben ist, dafür sollen die einzelnen Religions- genossenschaften und das Ermessen der Eltern sorgen, die damit zu thun haben, und darin sollen sie absolute Freiheit haben. Wir werden nicht im mindesten da hineinreden, aber wir verlangen auch. daß man keinen Zwang auf die Gesinnung Derjenigen übt, die in religiöser Beziehung auf einem anderen Standpunkte stehen. Meine Herren vom Zentrum. Sie schreien immer über Zwang, über angeblichen sozialdemokratischen Terro- rismus, über den Zwang, den die Sozialdemokraten ausüben wollen, um die Religion nicht blos aus der Schule, sondern überhaupt zu beseitigen. Ja, meine Herren, kann man denn noch mehr Freiheit gewähren, als daß man sagt: Ihr sollt im Religionsunterricht absolut frei sein, Ihr sollt den Religions- Unterricht ganz allein haben. die Schulverwaltung, die Staatsregierung u. f. w. sollen Euch gar nichts drein reden dürfen; aber wir wollen ihn blos nicht in der Schule haben, damit nicht in der Schule schon konfessionelle Verhetzung ge- trieben wird, wie sie thatsächlich bei dem konfessionellen Reli- gionsunterricht vielfach getrieben wurde bis in die neueste Zeit herein und auch heute noch. Freilich, Sie nennen es„Zwang", wenn man sich von Ihrem Terrorismus befreien will, und Ihre„Freiheit der Schule" wäre nichts Anderes, als die Frei- heit, den Schulunterricht zu beseitigen. /_ Loltsles. Der Kampf um den AusstellnngSPlatz, den wir in unserer Betrachtung über den„Gemeinstnn" der Haus- und Grundbesitzervereine streiften, ist jetzt bereits in vollem Gange. Den Charlottenburger Grundbesitzern, die die„Nonnenwiese" oder das Terrain um den Lietzensee anbieten, bringt man in Berlin O., wo man für den Treptower Park schwärmt, wenig Sympathie entgegen. Für den Treptower Park legt sich bc- sonders der Gruudbcsitzerverein„Südost" ins Zeug, natürlich wieder nur aus„Gememsinn". Auch die„Vossische Zeitung" agitirt mit merkwürdigem Eifer für diesen Platz. Da ist es nun interessant, zu sehen, daß sie unter den Gründen, die für den Treptower Park sprechen, auch den Umstand anführt, daß im Osten Berlins das arbeitende Volk zu Hause ist. Man hat nämlich gesagt, der Osten sei doch gar zu häßlich, als daß man die Fremden dorthin einladen dürfe. Das findet die„Vossische Zeitung" aber gar nicht. Sie meint, durch die Arbeitsamkeit seiner Bewohner werde der Osten gerade inter- essaut. Da hat sie Recht, die gute„Vossische", und wir können es der faulen Gesellschaft, die unter den Besuchern von Aus- stellern aller Art leider die Mehrzahl bildet, weil sie das Geld und die Zeit dazu hat, nicht dringend genug empfehlen, sich die Arbeiterviertel Berlins einmal genauer anzu- sehen. Wenn sie noch im stände ist, richtig zu sehen, und sich nicht durch arbeiterfeindliche Vorurtheile blenden läßt, dann wird sie bald merken, daß die Arbeiter doch nicht eine so faule und genußsüchtige Bande sind, als welche die bürgerliche Presse sie mit Vorliebe hinstellt. Vielleicht wird es den Herren und Damen der Bourgeoisie, wenn sie in ihren eleganten, bequemen Equipagen durch die schmutzigen Straßen des Ostens mit ihren lärmenden, rauchenden Fabriken und ihren traurigen Miethskasernen dahinfahren, auffallen, daß überall da, wo die Arbeit zu Hause ist, auch das Elend zu Hause ist. Viel- leicht wird der eine oder der andere von ihnen dann sogar auf die Idee kommen, daß Faulheit und Genußsucht ganz wo anders zu suchen sind. Wenn die Verlegung der Ausstellung nach dem Osten d iesen Erfolg haben könnte, dann wärezes in der Thal ein glücklicher Gedanke gewesen, mit den von Arbeitern geschaffenen Erzeugnissen des Gewerbes und der Industrie auch das Elend auszustellen, in welchem das Proletariat trotz aller Arbeit leben muß. Man hat ja lange genug bei Ausstellungen den Grundsatz befolgt, alles Häßliches und Peinliche, also vor allem die Armuth, von dem Auge der Be- sucher fern zu halten und ihnen nur die reiche, glänzende Seite des Ausstellungsortes zu zeigen. Es giebt auch in unseren Tagen schlaue Potemkins. welche pappene Dörfer errichten. wenn die Königin Bourgeoisie zu ihrer Belustigung inspiziren kommt. Aber schließlich verliert jedes Vergnügen seinen Reiz. wenn es sich zu oft wiederholt. Schon deshalb empfiehlt es sich, es auch einmal mit dem Gegentheil zu versuchen. Am Ende wird sich die Bourgeoisie sogar recht dankbar dafür erweisen. Sie ist übersättigt und dürstet nach immer neuen und immer stärkeren Reizen. Und die Armuth kennen zu lernen, das hat einen ganz eigenartigen Reiz,— so lange man sie nicht am eigenen Leibe zu erfahren braucht. Schulbäder. In einem Vortrage, den der praktische Arzt Dr. B l a s ch k o am Donnerstag Abend im Verein für gesund- heitsgemäße Erziehung hielt, betonte derselbe den großen Nutzen dieser Bäder für die Hautpflege der Kinder, des Hauptfaklors jür die Gesundheit. Die Brausebäder seien deshalb den Fluß- bädern vorzuziehen, weil einerseits die Raumverhältnisse der Großstadt der allgemeinen Anwendung dieser Bäder, die der Vortragende im Prinzip für die zweckmäßigsten hält, entgegen stehen, anderseits das Spreewasser in punkto Verseuchung durch Bakterien mindestens nicht zweifelsohne sei. Bezüglich der Billigkeit ständen die Brausebäder obenan. Dieselben lassen sich in einem beschränkten Räume mit ein Zwanzigstel des Kostenauf- wandes, für ein gewöhnliches Wannenbad, für eine größere An- zahl Personen zu gleicher Zeit herstellen. Ein wesentlicher Vor- theil sei noch darin zu erblicken, daß der Körper fortwährend durch frisches Wasser benetzt wird, was bei dem Wanner.bade leider nicht der Fall sei. Im Interesse einer rationelle» Gesundheitspflege müsse verlangt werden, so führte der Referent weiter aus, daß das Schulbad als nothwendiges Requisit der Schule» ebenso wie das.Turnenkbetrachtet werde, der große prophylaktische Werth werde noch ergänzt dadurch, daß das tägliche Schulbad rückwirkend auf das Reinigungsbedürfniß weiter Volkskreise günstigen Einfluß ausüben werde, soweit die mißlichen sozialen Verhältnisse das überhaupt gestatten. In der Debatte, die sich an den sehr anregenden Vortrag knüpfte, wurde festgestellt, daß die Groß- und Residenzstadt Berlin , wie schon oft, auch bezüg- lich der Schulbäder anderen Städten nachhinkt. Während anders Städte, München z. B., dieselben schon seit Jahren eingeführt haben, hat erst eine hiesige Gemeindeschule bis jetzt(ein zweites wird nächstens fertiggestellt) ein Schulbad aufzuweisen. Die absolute Nothwendigkeit dieser hygienischen Maßregel wurde drastisch illuftrirt durch die Mittheilung eines Redners(derselbe ist städtischer Lehrer), der erwähnte, daß er bei einer Recherche als Armenkommissar in der Weißenburgerstraße Mann, Frau und vierzehn Kinder in einem Zimmer gefunden habe, natürlich voll Schmutz starrend. Auf seine diesbezügliche Be- merkung sei ihm die Antwort geworden:„Schaffen Sie uns erst Brot!".... Selbstverständlich, wo soll bei solchen grauenhaften Wohnungsverhälrniffen der Sinn für Reinlichkeit herkommen? Die Gesellschaft, die sich ob des Schmutzes in den unteren Volksklassen entsetzt, darf nicht vergessen, daß sie selber durch sträfliche Ignoranz alle schlimmen Folgen, welche die Unsauberkeit für die Einzelnen sowohl, als auch für die Ge- sammtheit mit sich bringt, züchtet. Ueber die sog. Musterung der schulpflichtigen Kinder, die wir in Nr. 85 des„Vorwärts" behandelten, bemerkte der Vorsitzende Herr Dr. Jakustel, daß die Kommission, welcher diese Angelegenheit zur Erledigung über- geben sei, noch mit keinen praktischen Vorschlägen hervortreten könne; der Antrag habe in seiner jetzigen Form noch viele„Fuß- angeln" die das„Mißfallen" der Behörden, aus die man rechne, erregen könnten. Di- alte Geschichte! Wenn die„Fußangeln" beseitigt sind, wird der gute Kern, der in dem erwähnten An- trage steckt, aller Wahrscheinlichkeit nach auch„beseitigt" sei» und dann haben die weisen Stadtväter jedenfalls keine be- sonderen Einwendungen mehr zn machen. Die alte Komödie,„die Prämiirung Treudienender"»st mit dem gewohnten„Klimbim" von den sogenannten„großen" Berliner Gastwirthsvereinen wieder einmal zur Aufführung ge- bracht worden. Diese Vereinigungen zur Vertretung der krassesten Unternehmerintereffen versuchen es noch immer, im vollsten Lichte der Oeffentlichkeit mit ihrer vermeintlichen Arbeiterfreundlichkeit zu paradiren, und es finden sich auch immer noch liberale Stadt- verordnete, welche als Dekorationsstück solchen Schaustellungen beiwohnen. Daß diese Komödien nachgerade auch in bürgrr» liehen Kreisen allen Reiz verloren haben, ist aus der Thatsache ersichtlich, daß die bürgerliche Presse, welche früher Berichte über derartige„Harmoniefeste" in breitester Weise mit Wohlgefalle» kolportirte, jetzt nur noch sehr vereinzelt davon kurze Notiz nimmt. Der Prämiirungsrummel zieht nicht mehr, die elenden Arbeitsverhältnisse im Gastwirthsgewerbe sind nächgerade schon zu bekannt. An die Verkürzung der Arbeitszeit in den f Spandau « Militärwerkstätten scheint man maßgebenden Orts zu denken. Wenigstens sind jüngst im Feuerwerks-Laboratorium. in welchem mehrere tausend Arbeiter beschäftigt sind, die Arbeiterausscbüffe um ihre Meinung in diese: bedeutungsvollen Angelegenheit' be- fragt worden. Bis dato besteht für die einzelnen Betriede eine sehr verschiedenartige Arbeitszeit; in den einzelnen Branchen be- wegt sie sich zwischen 10 bis 16 Stunden. Demgegenüber scheint man jetzt an die Einführung einer durchgehend neunstündigen Arbeits- zeit zu denken. Bezeichnend für das Vertrauen, das den Direk- toren entgegengebracht wird, ist es, daß die Arbeiter sich dieser Neuerung gegenüber sehr reservirt verhalten. In Anbetracht. daß fast alle Arbeiten in Akkord ausgeführt werden, argwöhnen sie, daß.man nur ihre Leistungsfähigkeit erproben wolle, um eventuell später die Akkordlöhne herabsetzen zu können. Gäbe die Verwaltung die bindende Zusicherung, daß die bisherigen Akkord- und Tagelöhne weiter gezahlt werden sollen, so würden die Arbeiter mit Freuden eine Verkürzung der Arbeitszeit akzeptiren. Postalische Bureaukratie unter dem Zeiche» des Ver- kehrs. Die Benutzung der öffentlichen Fernsprechstellen ist dem Publikum sehr erschwert worden. Nachdem man bisher nach Erlegung der Gebühr von 25 Pf. sofort Zutritt zu dem Fern» sprecher erhielt, indem der Schalterbeamte zur Kontrolle über die vereinnahmten Gelder selbst eine Karte ausfüllte, ist neuerdings die Anordnung getroffen, daß die Person, die den öffentlichen Fernsprecher benutzen will, auf einem Depeschenformular Amt und Nummer der gewünschen Verbindung, sowie den Namen des Anzurufenden niederschreiben muß. Dann füllt der Postbeamte den Kopf aus, klebt eine Marke über 25 Pf. daraus, bucht den Fall, und nun erst erhält man Zutritt zu dem den Fernsprecher bedienenden Beamten. Auf einem stark besuchten Postamt kann man unter diesen Umständen oft lange Zeit warten, und maa thut daher in besonders eiligen Fällen wahrscheinlich besser, wen» man statt des Fernsprechers seine Füße in Bewegung setzt, un» seine Angelegenheit auszurichten. Daß eS die Arme» find, die für'theureS Geld die schlechteste Waare bekommen, zeigt sich neuerdings wieder ge- legentlich des„Butterkrieges", der von pommerschen Landwirthen gegen die hiesigen Fettwaarenschwindler geführt wird. Der Verbandsdirektor, Herr von Blanckenburg, theilt mit, daß neuerdings unter 235 Einkäufen von Butter sich 145 Fälle fanden, in denen die Fälschung mit Margarine fortgesetzt war. Di« Einkäufe erfolgten durch Arbeiterfrauen. selbst- verständlich bei Händlern, bei denen man Ursache hatte. Fälschungen zu vermuthen. Die Frauen zahlen für das Pfund Butter 1,00 bis 1,20 Mark. Da nun zum Fälschen meist Margarine zum Preise von 50 bis 60 Pf. das. Pfund und Butter zum Preise von 1,10 bis 1,15 M. das Pfund genommen wird, und die meisten Buttereinkäufe über 50 pCt. bis zu 75 pCt. mit Margarine verfälscht waren, ja 33 überhanpt nur aus Margarine bestanden, so sinv also die Arbeiterfrauen bei jedem Pfund um 30 Pf. bis 50 Pf. betrogen worden. Herr von Blanckenburg kündigt an, daß diese Händler unbarm> herzig den Gerichten überliefert werden sollen. AnwaltSschmerzen. Der„Voss. Ztg." wird geschrieben: „In eine eigenthümliche Nothlage sind die Anwälte des Amts- gerichts Charlottenburg dadurch versetzt worden, daß ein dortiger Prozeßrichler die Termine bereits um 8 Uhr � gngesetzl hat. Zu einer Zeit als«, in der die gesammten Boraus erst geöffnet »verde», die Post noch nicht eingegangen ist, eine Rücksprache mit dem Bureaupersonal über die laufenden Tagesgeschäfte noth- wendig ist, muß der Charlottenburger Anwalt, häufig auch der Berliner , bereits mit den Akten an der Terminsstelle erscheinen. Die Charlottenburger Anwälte haben sich in einer genieinsamen Eingabe an den Präsidenten des vorgesetzten Landgerichts II ge. »vandt und um Abhilfe gebeten; sie sind aber abschlägig be- schieden worden mit der Begründung, das Interesse der Anwälte
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