Kriegspresseamts sei. sondern seit August 1914 ehrenamtlich und unentgeltlich internationale politische Aufgaben auf dringenden Wunsch der Reichsleitung übernommen habe. Den ziemlich beut- lich erhobenen Vorwurf, daß er Reichsgelder in unzu- lässiger Weise verwende, weist er als unerhörte Ver- dächtigung und Kränkung seiner Person zurück. Dem»Westfälischen Volksblatt" führt er außerdem zu Gemüte, daß der Weg, den der Reichstag jetzt eingeschlagen habe, bereits in der Friedens» kundgebung des Pap st es vorgezeichnet war, wie der Papst auch während des Krieges immer betont habe, daß nur ein Friede der Verständigung und des Ausgleichs ein Ende des Krieges herbei- führen kann. Herr Erzberger kündigt an, daß er weitere Schritte gegen das Blatt unternehmen werde.
Die neue rutsche Regierung. Die Gewaltmahnahmen gegen die Maximalisten. Stockholm , 28. Juli. (Eig. Drahtbericht des„Vorwärts".) Die Sovjet-Depeschcn melden: Ter Justizministcr Efremow, der Sozialminister Barvschow und der Bizepremicr Nekrasow vertreten die radikal-demokratischc Fortschrittspartei in der Regierung. Die neue Regierung wird aus je fünf bürgerlichen und fünf Sovjet-Vertretern bestehen. Die von Martoff geführten in Opposition gegen den Ar- beiterrat stehenden Internationalisten fordern die Armee zu cnt- schicdcnem festen Widerstand und zur Wahrung der Disziplin auf, da dir Revolution und die Grenzgebiete in Gefahr seien und eine Stärkung der imperialistischen Erobcrungslust drohe. Mit Kcrenskis Zustimmung entsenden die Exekutivkomitees des allrussischen Sovjet-Kongrcsics und der Baucrnräte 70 Kommissare an alle Frontarmccn. Zeretclli kündigte schärfste Bekämpfung gegen revolutionäre Bestrebungen an. Die Kricgöliga wurde geschlossen und der Vorsitzende der Invaliden- organisation verhaftet. Wie die Petersburger Telcgraphen-Agentur meldet, Hot der Vollzugsausschuß des Arbeiter- und Soldaten- r a t S gegen II Stimmen bei ö Enthaltungen und einer Gesamt- stimmrnzohl von über 300 einen Antrag angenommen, wo- nach die Gruppe der Maximalisten angeklagt werden soll, die Ruhe- störungen organisiert, zur Meuterei gehetzt und deutsches Geld an- genommen zu haben. Es wird öffentliche gerichtliche Aburteilung verlangt, auch gegen Lenin und Zwowiew. Die Fraktion der Maxi- maliften wird aufgefordert, unverzüglich die Haltung ihrer Führer zu brandmarken. Alle von den Gerichtsbehörden verfolgten Personen sollen bis zum Urteil von der Teilnahme an den Vollzugsausschüssen ausgeschlossen sein. Schließlich wird dem Petersburger Arbeiter» und Soldatenrat empfohlen, seine Entschließung über die Neu- Wahl aller seiner Mitglieder ungesäumt zur Aus- führung zu bringen. Äuch die Schließung der russischen Grenzen stellt einen Akt dieses Verfolgungsfeldzuges dar, der nach den bisherigen Ersah- rungen zwar die Kerker füllen wird, aber darüber hinaus keinen Segen stiften dürfte. Die Petersburger Telegraphen-Agentur er- läutert den gestern mitgeteilten Beschluß der Vorläufigen Regie- rung dahin: er sei„teils die Folge der dringenden Notwendigkeit, den Schutz der russischen Grenzen zu verstärken, teils des beträcht- lichen Zustroms von verschiedenen verdächtigen und unerwünschten Personen in das Land. Was die Schließung der Grenzen gegen den Austritt aus Rußland betrifft, so ist diese Maßregel die Folge des Wunsches der Regierung, die verbrecherischen Ele- mcnte, die sich der Justiz entziehen, aufzusuchen und die zahlreichen in Rußland sich aufhaltenden Spione zu entdecken. Da die Regierung sich über die Unzuträglichkeiten, die diese Maßnahme für die Bevölkerung mit sich bringt, klar ist, hat sie sie nur für die beschränkte Zeit bis zum Ib. August fest- gesetzt." Ein Petersburger Sonderkorrespondent ReuterS meldet: Die Bestimmung ist telegraphisch erlassen worden. Nur diejenigen, die spätestens am 26. Juli um Mitternacht an der Grenze angekommen sind, können abreisen oder werden zugelassen. Nur Personen, die diplomatische Pässe haben, ferner diplomatische Kurirre dürfen die Grenze überschreiten. Personen, die per Schiff ankommen, dürfen landen, wenn im Augenblick, wo die Verfügung das betreffende Grenzland erreichte, sie den nächsten fremden Hafen bereits verlassen hatten und einen Erlaubnisschein zum Betreten
russischen Boden? besitzen. In besonderen Fällen kann durch den Kriegsminister und den Minister des Auswärtigen eine Erlaubnis erteilt werden. Der Petersburger Korrespondent der„Stampa" berichtet, daß sich in verschiedenen Fabriken Gerichtshöfe der regte- rungst reuen Arbeiter gebildet hätten, die diejenigen Ar- beiter, die an den Ausständen und Unruhen der letzten Woche teil- genommen hoben, zur Verantwortung ziehen. die Wahlen für üie ruffische Konstituante. Die Wahlen in Heer und Marine.— Wahlschwierigkeiten. Der Petersburger Korrespondent des Ukrainischen Bureaus berichtet: Zum ersten Male in der Geschichte Rußlands werden in einigen Monaten die russischen Soldaten und Matrosen von dem ihnen kürzlich zugesprochenen Wahlrecht Gebrauch machen und ihre Vertreter in die Konstituierend« Versammlung wählen. Die Wahl- kommission, welch« von der Provisorischen Regierung eingesetzt wurde, hat für die Wahlordnu ngdes Heeres und der Marine fol- gende Verordnung erlassen: Tie Baltische Flotte wählt mit der Nordfront; die Schwarzmeerflotte teils mit der rumänischen, teils mit der Kaukasusfront; die Murmanflotte mit der Bevölkerung von Archangelsk , und schließlich die Flotte des Stillen Ozeans in der Hafenstadt, die ihrem Standort am nächsten liegt. An jeder Front haben sich b e r e i t S W a h l k'o m i t« e s gebildet. Nur die- jcnigcn Soldaten und Mvtoosen, welche sich mehr oder weniger grober Verstöße gegen das Strafgesetz schuldig gemacht haben, gehen ihres WahlretbteS verlustig. Um sich eme richtige Vorstellung zu machen von den außer- ordentlichen Schwierigkeiten, mit denen die Wahlen für die Kon- stituierende Versammlung vornehmlich in Sibirien verbunden sind, muß man bedenken, daß in manchen Gebieten dieses ungeheuer großen Landes zuweilen auf Hunderte von Quadrat. kilometern ein einziger Wähler kommt. Ferner sind die Verkehrsmittel äußerst primitiv. Aus diesen Gründen hat die Kommission, welche die Konstituierende Versammlung vorbereitet, beschlossen, für die Gouvernements von Olonetz, Archangelsk , Ja- kutsk, für Kamtschatka und die Gebiet« jenseits des Kaspischen Meeres das relativ-majoritäre Wahlsystem anzu- nehmen. Auf diese Weise werden Neuwahlen vermieden. Im übrigen Rußland kommt das proportionelle Wahl- system zur Anwendung. tzenüersons russische Cinörücke. Henderson hält mit der Mitteilung seiner in Rußland emp» fangenen Eindrücke nicht zurück. Wir gaben vor einigen Tagen schon einige Acuherungen wieder. Jetzt bringt die„Times" Aus- führlicheres. Danach hat er über die Lage in Rußland gesagt: Die Mehrheit des russischen Volkes ist für den Krieg begeistert und nicht deutschfreundlich und für einen Sonderfrieden. Eine Gegenrevolution ist unwahrscheinlich Die Zukunft liege im wcsent- lichen in den Händen des neuen Oberhauptes, das vom allrussischen Arbeiter- und Soldatenkongreß erwählt werden würde. Der Kon- g r e tz sei die Vertretung derjenigen Elemente, die vermutlich die führende Partei der gesetzgebenden Versammlung sein würden. Diese von den Maximalisten scharf zu unterscheidenden g e- mäßigteren wiewohl durchaus revolutionären Sozialisten hätten ihre eigenen festen Ansichten hinsichtlich der Beendigung des Krieges. Sie betrachteten es als notwendig, daß die organi- sierten Demokratien der Ententeländer ebenso wie de r-M i t tebm ä ch t e ihre Regierungen zu einer sofortigen Ncuformulirrung der Kricgszicle veranlaßten. Sie forderten, daß diese Kriegsziele öffentlich amtlich, ohne Trug oder Zweideutigkeit erklärt würden und im Einklang stehen müßten mit ihrer eigenen Formel: Keine Annexionen, keine Entschädigungen, verbunden mit dem klar erklärten Recht der Völker, über ihre eigenen Geschicke zu entscheiderr. Sie wünschten sehnlichst eine Zusammenkunft von Vertretern der alliierten Regierungen ein- schließlich der Vereinigten Staaten , da sie der Hoffnung seien, daß daraufhin ihre Regierung werde» ankün- digcn können, daß die während des Krieges abgeschlossenen Ver- träge revidiert seien unter vollständiger Aufgabe aller mit ihren eigenen Erklärungen unvereinbaren Absichten. Da sie an Konstan- tmopel dächten, und betreffend Mesopotamiens Zweifel hegten, so
Chaos hinabgleitet und daS darum für uns— bis weit über den Weltkrieg hinaus— ein Quell dauernder Beunruhigung sein müßte, sondern es erfordert ein e r h o l t e s, k o n s o l i- diertes, kräftiges und freies Rußland , das willens und imstande ist, ein schwerwiegendes Wort in die Wage zu werfen, die zwischen Krieg und Frieden schwankt! Was-auf der anderen Seite die Entente mit Rußland vor Hot, ist jetzt ziemlich klar. Es soll, obgleich militärisch geschwächt, die Rolle des Lückenbüßers spielen, bis die ersehnte amerikanische Hilfe herangekommen ist. Was die unteren Volksklassen Rußlands dazu sagen, kann nach dem zynischen Wort Briands Frankreich kalt lassen. Ein demokratischer Weltbesreier erscheint in bengalischer Beleuch- trmg. Rußland kann wieder kosakisch werden und Deutschland mit ihm. Den Weltbesreiern ist das egal, wenn nur die Machtziele ihres chauvinistischen Ehrgeizes erreicht werden. Elsoß-Lotihringen, dos Saargebiet, die Grenzen von 1790. Das ist ihr Ideal, dessen Verwirklichung alle Träume von einem international gesicherten Rechtsfrieden vernichten müßte. Will und soll Rußland dafür zugrunde gehen? »• * Der ReichStagsabg. Stresemann(natl.) hatte folgende kurze Anfrage an den Reichskanzler gerichtet: „Nach Mitteilungen aus der neutralen Presse ist im Fe- bruar 1917 zwischen der französischen und russischen Regierung ein geheimes Abkommen abgeschlossen worden, in dem Frank- reich folgende Zusicherungen erteilt werden: 1. Frankreich erhält Elsaß-Lothringen zurück mit den Grenzen von 1799, 2. Frankreich erhält das Saargebiet, 3. Bezüglich der Rheinproving erhält Frankreich eine Art von Prioritätsrecht, wonach es über diejenigen Teile der Provinz, die es braucht, verfügen kann, aus dem Rest der Provinz ober in irgendeiner Form ein Puffer- staat gebildet wird,. 4. Frankreich erhält Syrien . Ist der Herr Reichskanzler in der Lage, über das Be- stehen eines derartigen Abkommens Mitteilung zu machen?" Die Antwort hat der Reichskanzler in seinen Darlegungen an die Pressevertreter bereits erteiltz.
Erzberger als Zrieüensvermittler. „Grundlagen einer Verständigung stnd da'." Die„Kölnische Volkszeitung" meldet aus Zürich : Der Chef- redakteur der„Neuen Züricher Nachrichten", Baumberger, hatte gestern eine Unterrodung mit dem in Zürich eingetroffenen deutschen Reichstagsabgeovdneten E r z b e r g e r, in der dieser erklärte, der Mi» Reichskanzler fasse seine Mission als Friedens- kanzler auf und«benso der Reichstag . Er führt die Berechtigung dieser Auffassung«ruf vollwertige Garantien zurück, die er besitze. Di« Berufung von Dr. Michaelis bedeute keine Abschwä» chu ng der Friedensresolution des Reichstags, sondern sie sei eine Verstärkung derselben in allen Toilen. Zur Stunde liege immer noch die Möglichkeit vor, einen vierten Kriegswinter zu vermeiden. Die Grundlagen für eine Verständigung mit England seien effektiv da. Erzberger fuhr dann fort:„Wäre mir in nächster Zeit Gelegenheit geboten, mich mit Lloyd George oder Balfvur oder einem ihrer erste» Vertrauensmänner zu unterhalten, so würden wir unS sehr wahrscheinlich in wenigen Stunden über die BerständigungS-, daS heißt die FriedenSbosiS, so weit geeinigt haben, daß die amtlichen Friedensverhandlungen fofart beginnen könnten." Baumberger sagte hierauf:..Diese letzteren Sätze sind von so ungeheurer Wichtigkeit, daß ich Sie ausdrücklich frage, ob ich dieselben wörtlich veröffentlichen darf." Erzberger erwiderte:„Tun Sie es ruhig, ich verbürge mich dafür." « Da»„Wests. VolkSbl." in Paderbovn hatte gegen Erz- !>«rg«r ziemlich heftige Angriffe erhoben, die dieser in einem längeren Schreiben, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt, zurückweist. Er stellt zunächst fest, daß er nicht Leiter des
Nationalhaß an öer Zront. Westfront, den 23. Juli. Vor einigen Tagen stürzte in dem französischen Städtchen Char- leville«in Knabe beim Spielen in die M-aaS. Der bayerische In- fanterist Schnabel, der vorbeiging, sprang dem Verunglückten nach und rette ihn unter Lebensgefahr vom sicheren Tode. Schnabel kam soeben aus den Kämpfen an der Aisne . Der Gerette ist der Sohn einer Frau Levi, deren Mann aus französischer Seite gegen uns kämpft. Die Tat des deutschen Infanteristen wird viel besprochen. Ist sie etwas Besonderes? Gewiß, in jenem Sinne, in dem sie auch in München und Hamburg gelobt worden wäre. Aber ist sie etwas Besonderes, weil es sich hier um einen deutschen Infanteristen und einem französischen Knaben handelte? Mein Zimmermädchen ist anderer Ansicht.„Glauben Sie etwa, mein Herr"— sagte sie—, „daß ein Franzose anders gehandelt hätte?" Ich glaube es nicht. Sondern der tapfere Mann ist immer tapfer— und der Feige ist immer feige. Alle Güte ist spontan. Der Infanterist Schnabel hat nicht nachgedacht, ob dos mit dem Wasser ringende Kind anderen Stammes war als er selber. Wer seine Tat als eine besondere Heldentat hinstellt, da jener Knabe Jogues Levi und nicht Michael Götze heißt, der hat von dem Nationalhaß an der Front, wie er bei den Söldaten hüben und drüben praktisch sich auslebt, eine schlechte Vorstellung. Auf die Gefahr hin, nicht verstanden zu werden, behaupte ich, daß es einen lebenden Nationalhaß an den Fron- :«» hier in Frankreich kaum gibt. Es gibt im okkupier- ten Belgien und Nordfrankreich zahllose'Patrioten, die jeden Deut- schen hassen— als den Sieger und Eindringling, als den Reprä- sentanten der okkupierenden Macht. Und es mag Deutsche hier draußen hinter den Fronten geben, die darauf scharf und hitzig reagieren. Aber diese Haßgefühle nehmen mit jedem Kilometer, den man frontwärtS wandert, ab. Und von den kämpfenden Truppen darf man behaupten, daß es einen Nationalhaß als bestimmenden Motor ihre? Handelns und Kämpfens nicht gibt. Es gibt Roheiten und Brutalitäten in der Hitze des Kampfes auf beiden Seiten. Aber gibt«S die nicht auch in Bayern und Schlesien , in der Bretagne und in Wales ? Der rohe Mann ist immer roh, wenn die Gelegenheit günsttg ist. Nicht aus natürlichem Haß, sondern unter einem un- geheuren militärisch-politischen Muß— teils freiwillig, teils ge» horchend, bekämpfen sich die Heere mit täglich zunehmender Rück- stchtSIosigkeit. E» ist durchaus nicht so. daß der Nationalhaß den Soldaten angeboren ist. Distanz zum Feinde muß ih� vielmehr immer
wieder aus höheren militärischen Gründen eingeschärft und befohlen werden. An allen ruhigen Frontstellen, bei allen kriegführenden Heeren spielen die sogenannten Verbrüderungen ihre große Rolle. Aber auch in den wildesten Trichterkämpfen der letzten Mo- nate haben sich ergreisende Vorgänge abgespielt, bei denen mili- tärische Notwendigkeit und menschlicher Bruderinstinkt in tragischen Konflikt gerieten. Wer erinnert sich nicht der erschütternden Szene aus dem Schützengrabenroman des Franzosen Barbusse, wo im Morgengrauen bei Soncheg eine Gruppe total erschöpfter Deutschen und Franzofen sich gegenüberstehen und nicht wissen,'wer der Ge- fangene des andern ist, nein, angeboren, natürlich ist dem Soldaten der Nattonakhaß nicht. Immer wieder haben sich in allen Heeren die Armeeleitnngen gezwungen gesehen, das allzu weitgehende Fra- ternisieren mit den Gefangenen durch scharfe Verbote einzudämmen. Wie oft haben wir das freundliche Verhalten der deutschen Soldaten gegenüber Engländern und Franzosen aus eigener Beobachtung rühmen können, und man glaube doch nicht, daß es drüben anders ist. Die französischen Armeebefehle, wie z. B. der seinerzeit von uns veröffentlichte des General Bazelaire in Vcrdun, beweisen das Gegenteil. Roheiten gegen unfeve Gefangenen passieren meist hinter der Front durch französische Zivilisten, völkerrechtswidrige Verwendung geschieht auf Befehl höherer Kommandostellen. Wir haben keinen gewichtigen Grund anzunehmen, daß der französische oder englische Frontsoldat dies« Befehle mit anderen Gefühlen ausführt als unser Landsmann, wenn er gegnerisch« Gefangen« im harten Vergeltungslager beauffichtigt. Die Psyche des kämpfenden Soldaten wird allen ein Rätsel bleiben, seien sie im Felde oder in der Heimat, die nicht selber mit der Handgranate an der Brustwehr gestanden haben. Aber so viel kann getrost behauptet werden: mit der Seele auch des von lauter- sten Motiven bewegten Patrioten am hauptstädtischen Redaktions- tisch aller Länder hat sie wenig gemein. Der Soldat, nicht die Elite, sondern der Durchschnitt, die große Masse— er handelt viel weniger aus bewußten und individuellen Motiven des Hasses, der Begeiste- rung, des Opferwillens als vielmehr aus unwiderstehlich sozia- len Instinkten. Der französische Jurist Georges Bounet, der selber zwei Jahre lang an der Front gestanden hat, wirst in einem jüngst erschienenen Büchlein„Die Seele des Soldaten" die Frage auf, warum ein Soldat seiner Kompagnie, der eben noch eine auf- rührerische Rede gehalten hat, eine Viertelstunde später an der Spitze seines Zuges tapfer fiel. Er läßt die verschiedenen Motwe Revue passieren, Gott, Vaterland, Freiheitsideal, Ehrgeiz, Ent- sagung, Opferfreudigkeit. All das hat in den ersten Wochen des kriegerischen Elans vielleicht eine Rolle gespielt. Aber mit diesem ,„theatralischen Heroismus", wie er es nennt, ist es heut« vorder Wofür stirbt der emfache Soldat, der mittlere Typus, der geduldig,
iresigniert, manchmal mit Murren, aber stets mit großer Einfachheit feine Pflicht tut?„Je mehr ich nachdenke, um so klarer wird es mir, daß in diesem Kampfe, an dem die gesamte Nation teilnimmt, die unwiderstehliche Macht der Gesellschaft über die Individuen das entscheidende Element ist. Seit Beginn des Krieges haben wir alle, Hochgestellte wie Niedrige, das Gefühl von einer Kraft domi- niert zu sein, die uns rüttelt und schüttelt, bis sie uns zerbricht. Diese Beschränkung der persönlichen Freiheit ist dem einen mehr, dem anderen weniger bewußt. Aber alle, wenn man sie nach dem Sinn dieser Knechtschaft fragt, antworten mit Argumenten sozialer Natur." In diesem Hexenkessel der Gefühle und Antriebe aber spielt der Nationalhaß die kleinste Rolle. Es ist kein Zufall, daß derselbe Autor, der seinen Landsleuten die ungeschminkte Wahrheit über das„Heldentum" des Frontsoldaten sagt, seinem Büchlein«in Ka- pitel einverleibt hat, das den protestierenden Titel trägt:„La legende du Locke"—„DaS Märchen vom Boche". Die Psyche des kämpfenden Soldaten hat ihre eigene Logik. Wenn die Legende vom Nattonalhaß Wahrheit wäre, wie kommt es, daß man nirgends die Tugenden des Gegners bereitwilliger aner- kennt, als im vordersten Graben? Man muß in die Sturmkom- pagnien gehen, um zu hören, daß auch der Gegner tapfer kämpft, daß seine Artillerie famos schießt, daß seine Flieger tollkühne Stück- llein aufführen. Ich besuchte jüngst unsere London -Flieger. Sie waren stolz auf ihre Erfolge. Sie brannten darauf, möglichst bald über der kanonengcspickten feindlichen Hauptstadt wieder zu er- scheinen, ihr möglichst nachhaltigen Schaden beizufügen, ihr noch mehr Speicher und Fabriken«inzuwerfen als das letztemaL Aber zugleich hörte ich in ihrem Kreise die anerkennendsten Wovte über ihre englischen Gegner. Scharfen Spott gegen alle Art Haßgesang, zahlreich« Beispiele menschlicher Kameradschaft auf beiden Seiten und ähnliche Urteile habe ich jüngst in unserer standnschen Marine gehört, wenigsten? was die Leute von der englischen Royal-Navy detrifft. Der Nationalhaß spielt im Kampf der öffentlichen Meinungen eine große Rolle. Man braucht ihn nicht zu schüren. Aber man schafft ihn mit moralischen Redensarten auch nicht auS der Welt. Auf systematische Beschimpfung kann ein Volk nicht durch ein Achsel- zucken oder Lobeshhmnen auf den Gegner antworten. Aber dieser Nationalhaß tobt unversönlich von Volk zu Volk. Ihn abzubauen wird erst jahrzehntelanger Friedcnsarbeit gelingen. An der Front existiert er schon heute kaum noch. Am wenigsten bei unS Deutschen . Wir wollen daS nicht vargessen. Aber wir brauchen auch nicht viel Aufhebens davon zu machen. Der Infanterist Schnabel rettete den kleinen Levh ohne nachzudenken. Das Menschliche versteht sich immer von selbst. Dr. Lldolf Köster, Kriegsberichterstatter.