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ttt.512 57. Jahrgang

2. Heilage öes Vorwärts

Sonnabttiü,. Oktober 1�20

Nartow gegen Sinowjew Enöe in Tumult.

Hilferding (fortfahrend): Tie Koinnrumsten hetzen uns jchon seit langein zu-m Kriege gegen Frankreich . Führende Männer in Rußland haben sogar ten Gedanken propagiert, daß dieser Krieg noch von der jetzigen bürgerlichen Regierung nnkernommen werden muß. Der von Sinowjew gestern ganz plötzlich vorgeschlagene / Kuhbandel über die Bedingungen ist nur ein Manöver, um unsere Einigkeit auf dem rechten Flügel zu zerspalten.(Sehr ricbtigl rechts.) Sinowjew geht dabei »vieder von der russischen Psvchologie aus und vergißt, daß wir Deutschs da anders denken. Wenn ein Genosie Sinowjew zu ent- scheiden hat, ob ein Mann wie Ledebour in der deutschsn Arbeiter- beuvgung einen Vertrauensposten auszuüben hat, dann pfeifen wir auf ein solches Exekutivkomitee.(Großer Beifall rechts. Un- ruhe links.) Ich frage Sinowjew , ob er diesen Handel über die 21 Punkte nur als Einzelperson macht oder ob daS Exekutiv- kamivee dahinter steckt, denn das wäre doch sehr verwunderlich, nachdem das Exekutivkonntee noch in seiner letzten Sitzung uns Lumpen und Verräter genannt hat.(Sehr richtig! rechts.) Aber das Ganze ist unserer Meinung nach unwahr. Genau so wie schon di« 21 Punkte unwahr sind Es bestätigt die Anschauung von Crispien, daß die Russen schon in Moskau ganz anders ge- sprochen hätten, wenn Täumig und Stöcker gemeinsam mit Crrspien und Dittmann vorgegangen wären.(Lebhafte Zustim­mung rechts.) Die Borwürfe Sinowjews gegen uns sind so wenig aufrichtig wie seine jetzige Verhandlungsbereitschaft.(Stürmischer Beifall rechts. Große Unruhe links. Nachdem es dem Präsidenten gelungen ist, die Ruhe wiederherzustellen, fährt der Redner fort:) Da? ist Demagogie, das ist e»n Verbrechen an der deutschen Ar. beiterschaft.(Beifall rechts.) Redner weist nochmals auf die Punkte hin, die für die RechtKnnaibihängigrn unannehmbar find. Das ist besonders die Aufhebung der Autonomie der an- geschlossenen Parteien, die geforderte Zertrümmerung der Gewerkschaftsint er nationale, die diktatorische A u S- schließ» ng von Parteigenossen und das militärische Kommando des Exekutivkomitees. Kabaktschjrw- Bulgarien begrüßt im Namen der Kom- mun-isten Bulgariens das deutsche Proletariat. Er gibt in fran- zösischer Sprache eine Schilderung der Entwicklung oer kommuni- stischön Partei Bulgariens und betont, daß in Bulgarien die Linkssozialisten frühzeitig von den Sozialreformisten vom Schlage Scheidemanns sich getrennt haben und trotz aller Verfolgungen die Masse« für sich gewonnen haben. Kabaktfchjew richtet an das deutsche Proletariat die eindringliche Mahnung, sich der einzig wahren revolutionären kommunistischen Dritten Internationale anzuschließen, und teilt mit, daß die bulgarischen Gewerkschaften vollkommen in das kommunistische Lager übergegangen seien. (Beifall links.) Nach geschäftlichen Mitteilungen wird die Vo-rmittagSsitzuing geschlossen. Vor Eintritt in die Tagesordnung verliest der Dorsitzande ein BegrüßungÄelcgvamm der lettlän duschen Arbeiterschaft. Darauf eogreift der Vorsitzende der russischen Menschewiki Martoff da« Wort, her IS Jahre in Sibirien gefangen war und dem eS in Rußland verboten ist, zu sprechen. Mit leibhaftem Beifall der Rechten wird er begrüßt. Martoff spricht zunächst einige Be- grüßungSworte in deutscher Sprache und wünscht, daß die Unab­hängigen auf ihrem Parteitag gekräftigt und doppelt einflußreich hervorgehen möchtc«.(Beifall rechts.) Darauf wird seine Rode von Stein übersetzt: Der KomenuniSmuS hat in demagogischer Weise versucht und versucht eS weiterhin, die tiefe Unzufriedenheit der Völker auS.M- nützen, die der Militarismus unter den europäischen Völkern ge- schaffen hat- An der Niederläge der Arbeiter in Finnland , Ungarn und Bayern sehen wir, mit welch furchtbaren Folgen für die Avbeitersckiast diese Taktik verbunden ist.(Un- riche links.) Die Leute an der Spitze der Dritten Internationale wissen daber ganz genau, daß ihr größter Feind gerade im Z e n. t r u m sitzt, wo die klassenbewußten,«cht revolutionären Marxisten ihre für die Arbeiterklasse fruchtbare Taktik bcckundcn. Nicht mit

Unrecht hat ein angesehener Bolschewistenführe-r neulich gesagt: DäumigistunsvielgefährlicheralsScheidemann, (Hört, hört!) Wir sind treu geblieben den Lehren von Marx und teilen nicht den Glauben an sozialistische Wunder. Die 21 Punkte sind nur der Ausdruck der kommunistischen Ideologie mit ihrer Vereinigung schwacher Sekten und Parteien. ES ist häufig in der Dritten Internationale so: die russische Regierung diktiert und die andern drücken ihren Stempel darunter. Für Rußland war es not- wendig, für die Bolfchewiki eine feste Mauer aufzurichten gegen das Eindringen jener Elemente, die für sich und ihre Partei ein M i tb e st i m m u n g s re ch t forderten.(Sehr richtig!) Des- halb ist es verständlich, daß die Abzüge dieses Antwortschreibens, die unsere Partei gsniacht hat, beschlagnahmt und vernichtet wurden.(Stürmische Pfuirufe rechts.) Als der Vorsitzende Braß fagse, daß die Borsitzeichen sich einverstanden erklärt hätten, daß keine Zwischenrufe gemacht werden sollten, stellt der Mit- vorfitzende dies in Abrede.(Stürmischer Beifall rechts.) Der Redner fährt fort: Alle diese 21 Punkte erinnern cm daS Ultimatum Oesterreichs an Serbien. (Tobender Lärm links.) Das klassenbewußt« Proletariat aller Länder war darüber so erschreckt, daß es den Verhandlungen des Kongresses der Dritten Jnternatio- nale nicht immer die nötige Aufmerksamkeit schenkte, die sehr not- wendig gewesen wäre, gerade zu einer Zeit» als die rote Armee die Polen zurückgeschlagen hatte. Damit war es den Machthaber» von Moskau aber nicht genug. Sie setzten ihren Siegesmarsch fort, verschleppten vor den Augen der ganzen Welt den Feieden, um so kimMch eine Revolution in Polen hervorzurufen und eine KriegSfurie in Deutschland und Oesterreich zu entfache», um am Rhein einen Krieg gegen die Entente aufzu- nehmen. Das gequälte russische Volk tvurde in dieser Lebensstage nicht gehört.(Stürmisches Hört! hört!) Auch die Dritte Intel . nationale wurde nicht gefragt.(Hört! hört!) Einzig die Kommu- nistische Partei Rußlands betrieb diese verbrecherische Politik. Wie verbrecherisch diese Politik war, ersah man aus dem vollkommenen Versagen der polnischen Arbeiterschaft, an der Niederlage der Armee, die zu dem furchtbaren Friede» von Riga geführt hat. Wen» Sinowjew gestern gesagt hat, die Kommunisten wollten Deutschland gar nicht in einen Krieg mit Frankreich hetzen, so erinnere ich an daS Wort Trotzkis: Wir werden mit der Entente den Eutscheidungs- kämpf am Nheiu führen. Ebenso hat in Soldau der russische Oberkommandant vor deutschen Nationalisten erklärt, daß Rußland Westpreußen wieder dem deutschen Vaterland zurückgeben werde, noch mehr, er hat erklärt, in Anbetracht deS agrarischen Cha- rakterZ dieser Provinz würden keine Sowjets errichtet.(Stür- misches Hört! hört! rechts, während die Linke verlegen schweigt.) Dies zeigt Ihnen, wie es der Vorsitzende des Exekutivkomitees mit der Wahrheit nimmt.(Stürmischer Tumult links.) Es ist Lüge, wenn die Bolschewiki behaupten, daß die Wcltrevolution vor der Tür steht. In den westeuropäischen Ländern, besonders den siegreichen, sind dazu noch kaum die ersten Vorbedin- g u n g e n gegeben. Die Bolschewiki tun es nur, um ihre«igen« Herrschaft an der Macht zu halten und wenden dazu die zwelfel- haftesten Mittel an, ohne Rücksicht darauf, wie sie aus die davon Betroffenen wirken.(Sehr richtig! vechtS. Stürmischer Protest IrnkS.) Wie sehr die russische Revolution Ökonomisch krank ist, haben die Genossen gesehen, die in Rußland waren. Wie sehr sie politisch krank ist, das haben Sie gestern aus der Rede Sinowjews gesehen. Auch in der Ostpolitik haben die Bolschewiki Wege eingeschlagen, die sogar aus dem zweiten Kongreß der Dritten Internationale gerügt wurden, besonders wegen des Bündnisses mit dem reaktionären Enver Pascha . Aber auch diese Kritik wurde einfach unterdrückt, wie immer. Das Verbrechen der Hinschlachtung vou 1 Million Armenier läßt sickf anscheinend leichter verwischen, als die Verbrechen eines Smillie, eines Hue und Hilferding. (Sehr wahr!) Die Polschewiki erkennen für sich gar wohl sin Koalition?- recht mit den Bürgerlichen an. So ist zum Beispiel die sibirische Regierung zusammengesetzt aus Kadetten, das sind Liberale, Rechts soziali st en und Kommuni st en.

(Lebhafte? Hört? hört? rechts. Unruhe kinkS.) Falsch ist besern. ders, was Sinowjew über den Terror gesagt hott. Der Terror in Rußland ist zurzeit nichts anderes als ei» rabiates Mittel zur Einschüchterung andersdenkender Genosse». Unter Sinowjews Regierung wurden in Petersburg in einer Nacht 800 Mensche« erschossen, darunter Genossen meiner Partei. Hundert« von Mitglieder« der Sozialrevolutionäre wurden erschossen, und wenn Sinowjew heute behauptet, daß es wegen Mordanschlages auf Lenin war, so ist das Lüge, denn der Anschlag auf Lenin war im August 1S18, und der Mörder war bereits 1 Jahr vorher aus der Partei der Sozialrevolutionäre ausgeschlossen worden.(Hört! hört! rechts.) Daran sehen Sie die Wahrheitsliebe des Vorsitzende« des Exekutivkomitees. Ist es nicht fürchterlich, wenn Sozialisten den Terror nicht nur gegen Konterrevolutionäre zur Anwendung bringen, sondern auch gegen friedliche Sozialisten.(Sehr richtig? rechts.) Schon die Tatsach«, daß Frauen von ihren Fa- mitten getrennt werben, um als Geisel zu diene«, legt Zeugnis ab. waS wir für einen schrecklichen Terror in Rußland durchmachen müssen: Erschießungen, Vemrteilungen zur ZwangS. arbeit, strenge Strafen für Teilnahme an Streiks»der für korpo- rative Forderungen, Verbot an die Arbeiter, Vertreter bestimmter Parteien in die Sowjets zu Wülsten, ZwaagSabschiebunz an bi« Front wegen menschewistischer Gesinnung, daS wird«lS Schule de? reinen Sozialismus gelehrt.(Hört! hört! rechts.) Parteigenossen, wir fordern da? Proletariat Europas auf, den Terror für un- zulässig zu erklären, auch für Rußland . Wir sondern, daß man das russische Proletariat von solcher Herrschaft befreit. In Rußland hat sich dieser fürchterliche Zustand mir durchzusetzen vermocht im Kampfe gegen die besten Parteige- »offen. Nichts hat mir den Tiefftand der russischen Revaluiion mehr zum Bewußtsein gebracht, als die Frage mancher deutscher Parteigenossen, wie eS mir wohl ergehen würde, wen« ich nach Rußland zurückkehre, da ich gegen Sinowjew gesprochen habe.(Hört, hört! rechts.) Ich muß schon heute fürchten, daß für jSdeS Wort, das ich hier offen gesagt habe, gegen meine Parteigenossen in grausamster Werse vorgegangen wird, vo« bauen Hundert« im Gefängnis schmachten.(To­sender Lärm. Pfuiruf« rechts! Zahlreiche Delegier:» springen gegeneinander auf. Zuruf«: Lügner! Gegenzurufe: D a 1 eh t Ihr Euer Rußland ! Nachdem eS dem Vorsitzenden nach längerer Zeit gelungen ist, die Ordnung wieder herzustellen. fährt der Redner fort.) Gegen diese Niederträchtigkeiten haben wir immer mit aller Macht protestiert, denn die Schmach Ruß- l a n d s und des russischen Proletariats bedeutet die Schande der ganzen Welt.(Beifall rechts.) Ich habe von meiner Partei den Auftraff bekommen, Sie aufzurufen zum Kampfs gegen den Kapitalismus, aber zugleich soll ich auch die fürchrer- -liche Herrschaft der Lolschewiste« aufdecken. Ich lasse mich dabei auch von persönlichen Drohungen nicht schrecken. Die Ablehnung der?1 Punkte ist nur«in notwendiger Schritt vorwärts aus dem Wege zu einer wirklichen, die gesamten«vo- lutionären Proletarier umfassenden sozialistischen Internationale. Die revolutionäre Internationale aller Länder kann nicht ent- stehen durch blutdürstige Sozmliste«, sie kann nur von den revolutionären Parteien der westeuropäischen Länder herbeigeführt werden.(Großer Beifall rechts. Huhu-. Rufe links, es entsteht ein fürchterlicher Tumult, die De - legierten dringen aufeinander ein, es scheint, als ob es zum Handgemenge kommen sollte. Endlich gelingt eS dem Präst- denten, dem nächsten Redner Äosowski, dem Vertreter der russischen Gewerkschaften, das Wort zu erteilen.) Losowski wendet sich zunächst gegen die Ausführungen Marioffs und w«st auf den Zwiespalt hin, der darin besteht, daß den Bolschewisten

Das Licht der Heimat. 40] Von August Hinrichs . Dierk wollte sich wehren, er hatte längftjwn Arbeiter ab­gestreift. er fühlte sich überlegen und sah die Sache vom Stand- Punkt des Unternehmers an. Aber Törner grub mit seinen Worten tiefer, riß alle alten Wunden wieder auf und legte seine geheimste Sehnsucht bloß. Er malte die seligen Kinder- träume, und Dierk war es, als sähe er den Himmel blau und unendlich über der Heide leuchten. Er malte mit grausamen starben das Leben der Armen in engen Hinterhäusern, das graue Elend der Masse, und Dierk sah seine Mutter stehen, müde, alt. vertrieben von der Heimat, den betrunkenen Vater all das Erbärmliche, Niedrige, Elende, er schauerte zusammen. Ja. seine ganze Jugend hatte er geopfert, sich herauSzu- arbeiten und jetzt? Und seine Mutter? Törner sah, wie es in Dierk arbeitete? da faßte er seine Hände und preßte sie leidenschaftlich.O. Sie wollten sich herausreißen, loskommen; aber wie feige ist diese Flucht. Nein, kämpfen sollen Sie. wie wir alle! Das Recht ist auf dem Marsch, die.Freiheit unterwegs. Aufgerüttelt bab ich sie, zusammengeschlossen zu einem Ganzen, die Macht haben wir! Ein Wort und alle Röder stehen still! Aber Führer brauchen wir. Führer, die mehr können als andere die leiten können und dazu muß ich Sie haben, gerade Sie!" Ich? was könnte ich tun?" Die Tat. sagten Sie einmal, nur die Tat kann uns helfen! Und heute ist sie da, die erlösende Tat! Kommen Sie nur!" Dierk sah sich uw: er fand sich nicht so schnell hinein in die glühende Leidenschaft Dörners. Aber der wies verächtlich mif seine aukaesvannte Zeichnung:DaS da? daS hat wohl Zeit oder sind Sie zu feige?" Da rang sich etwa? los in Dierk. ES wox ibm als ftele eine ungeheure Last von ihm ab.Feige?" brüllte er und sprang hoch. Nun denn!" sagte Dörner und riß schon die Tur auf: Also vorwärts!" Im Riesensaal des großen VoftshanfeS stand die Menge Kopf an Kopf gedrängt. Das Unerhörte malte sich in ihren Augen war es nicht furchtbar, was sie vorhatten? Die Ord-

nung der Welt wollten sie niederreißen. Herr und Knecht, das alte heilige Verhältnis, sollte zusammenstürzen, nicht mehr bitten wollte man, nein, verlangen und fordern, und das Recht, das man den Bettelnden verweigerte, mit kühnen Fäusten greifen. Unermüdlich hatte Dörner im Stillen gearbeitet. In sämtlichen Fabriken waren Ausschüsse gewählt, die alle Forderungen, welche man stellen wollte, beraten hatten mehr Lohn und kürzere Arbeitszeit. Aber Dörner hatte der- ächtlich gelacht, damit wäre nichts gewonnen. Und dann hatte er geredet, und seine glühende Begeisterung� zeigte ihnen die lockende Zukunft. Hatten sie mit ihrer Hände Arbeit nicht erst allen Reichtum geschaffen? Wer gab jenen daS Recht, mehr zu besitzen als andere? Alle Schätze der Natur und des Bodens die Erde selbst gehörten sie nicht allen gemein- sam, gerade so wie die blaue Kupvel des Himmels? Er malte ihnen ein lockendes Paradies Arbeit, nun ja, die war nötig aber würde sie nicht eine Erholung sein, wenn jeder sein eigener Herr war? Es sollte nicht reich und arm mehr geben, Brüder, nur noch Brüder! Und sein Feuer sprang über zu her lauschenden Menge, seine Glutz entzündete den schlummernden Funken in ihrer Brust, seine Leidenschaft riß sse im Sturm mit sich fort. Die Führer der Gewerkschaften traten ihm entgegen, das wollten sie nicht, das nicht! Besseren Lohn, ja. kürzere Arbeits- -eit und daS Recht, sich zusammenzusebließen. Aber vernünftig bleiben, nur verlangen, was zu erreichen war und uns Die Fabrik leisten konnte. Und nun riß dieser junge Menstfi chnen die Führung aus der Hand. Sie wurden übertchrieen. Was Vernunft war man nicht vernünftig gewesen ein ganzes Leben lang? Was Ruhe hatten sie nicht das Maul halten müssen von klein auf? Dörner sprang auf die Bühne seine dunklen Augen glühten, er reckte die Arme weit auseinander:Brüder!" schrie er,Brüder!" Da riß er die Massen<m sich, die Fäuste flogen in die Luft, und ein wilder Schrei gellte durch den Saal. Die Führer waren aeschlagen. Der'/am aufgebaute Verband, das klug bereitete Werk jahrelanger, stiller und emsiger Arbeit, versagte und entglitt ihren Händen, in die Luft geblasen von der lodernden Rede eines Einzigen. .Heute mußte es sich entscheiden. Zum letzten Beschluß war di« Menge versammelt. Aus allen Fabriken drängten sich die Massen heran, fiillten den Saal, die Gänge, den Garten und die Straßen, Kovf an Kopf. Ein alter Gewerkschaftsführer stand aitf der Bühne, der-

zweifelt sprach er auf die Menge ein; klar, überzeugend und eindringlich wies er nach, daß nur in strengster Ordnung, nur mit größter Mäßigung etwas zu emichen fei. Die Kasten würden bald leer sein, die Unternebmer anderer Städte, ja, ganz Deutschlands .' würden die hiesigen unterstützen, wenn man solch maßlose Forderungen aufstelle. Er sprach gut. Klingend und klar waren seine Satze, scharf seine Worte. Der Verband war sein Lebenswerk, er wußte ihn zu verteidigen. Zwei Schreiben lagen vor ihm: eins enthielt die von ihm selbst aufgestellten Forderungen, dos andere die schrankenlosen deS jungen Dörner. Punkt füe Punkt zergliederte er. Die Leute wurden unruhig, die Zahl der Lerftöndigen wuchs. Natürlich, man mußte bescheiden sein, nur ddS ver- langen, waS auch durchzusetzen war. Andere, jüngere, wehrten unwillig ab und machten trotzige Gesichter. Nichts da, nichts von Vergleich mid Bettelkram Sturm und Umsturz verlangten sie. Sie riefen dazwischen, wurden zur Ruhe verwiesen und sahen sich um nach Dörner. Wo blieb der heute? Da, da war er. Er drängte durch die Reihen, man machte Platz, schob ihn nach vorn. Aber er war nicht allein, wen zag er mit stcb? Ah, den kannte man, einer der Ingenieur» war's. WaS wollte der hier? Vielleicht noch vermitteln? Svattreden flogen gerade der- das war der richtiae nicht einmal von der Hochschule war der. Sonderbar daß die Menge die ihn desweaen bewundern, zum mindesten aber achten Zollte. ihn nicht für voll ansah, weil er nur auS ihren eigenen Reihen stammte. Dierk hörte sie reden, hörte, wie mißtrauisch, erbärmlich. kleinlich diese Menge war. Aber es emvörte ihn nicht, be- leidigte ihn nicht einmal. Nur, wie traurig, wie demütigend wir das. So klein hatte daS Leben alle diele Menschen ae- macht, so niedrig, daß sie ganz unbewußt und stlbstverssä�dlich den Gebildeten als anderen Menschen ansahm, der nichts mit ihnen gemsin haben durfte. So niedrig, so hoffnungslos niedrig mocht die Rot die Menschen. Und sah erfaßte ihn ein heiße? Mitleid. WaS war lein Vater gewesen, solange er Bauer war und was hatte die Fabrik a»S ihm aemacht? Ein heiliger Zorn wallt? in ibm auf. Plötzlich fühlte er sich selbst als Sohn diese? Volkes, fühlte, wie auch er gelitten hatte diese ganzen Jahre hindurch. Wie schwer, fast unmöassch war daS, aufzissteigen zu den Höhen der anderen zwei Welten und eine meilentiefe Kluft. Gortt. folgt.