Nr. ZS3�Z§. Jahrgang
Heilage öes vorwärts
Dienstag, Ib. Mguft192t
GroßSerün Wähler, merkst du was! Die bürgerlichen„VolkSfreunde" melde« sich. Immer vor Wahlen genießen wir das heitere Schauspiel, daß die bürgerlichen Parteien ihr warme» Herz für die Minderbemittelten entdecken. Luch jetzt, w« in Derlln neue Wahlen der Stadtverordneten und der Dezirtsverordneten zu vollziehen sind, sehen wir wieder dieses bürgerliche Liebeswerben um die Gunst der werktätigen Re- völterung. Unter kräftigem Geschimpfe auf die sozialistisch« Wirt- schaft in Berlin benutzt die bürgerliche Presse alle möglichen und unmöglichen Lnläsi«, den Wählern die nichtsozialistischen Parteien in empfehlende Erinnerung zu bringen. Lehrreich ist, wie z. D. der d e u t s ch n a t i o n a l e„B e r- liner Lokalanzeige r� die Nachricht ausschlachtet, wegen der Geldknappheit im Stadtsäckel beabsichtige die Parkvcrwaltung, a u f Schmuckplätzen und in Parkanlagen Gartenflächen zur Errichtung von Lerkaufshallen usw. zu ver» mieten. Wenn es sich darum handelt, an diesen Erholungsstätten mehr als bisher den Derkauf einfacher Erfrischungen sz. L. von Obst, Gebäck, alkoholfreien Getränken) zu ermöglichen, so wird das der Bevölkerung, denken wir, nur willkommen sein. Der biedere „Lokalanzeiger* aber bauscht die Sache auf zu einem Attentat gegen die Erholungsstätten der minderbemittelten Bevölkerungsschichten, schreit über Berschandelung der Parks und will seine Leser glauben machen, daß dort die Entstehung von Nummelplätzen zu befürchten sei.„Die Proletarier", sagt er,„können sich bei„ihren" Stadtvätern bedanken, wenn ihnen die Möglichkeit, in den Parks Körper und Geist zu erholen, jetzt genommen wird."„Die P r o l«- tarier"— so steht's im.Lokalanzeiger"! Ach, feit wann vertritt der„Lokalanzeiger" die Interessen des Proletariats? Wenn die Partei des„Lokalanzeigers", die„Deutschnational« Volks- partei, im Rathaus eine ausschlaggebende Bedeutung erlangte ja, da könnte die minderbemittelte Bevölkerung mos erleben! Diese kläglich« Art des Wählerfangs ist auch der d e m o k r a t i- s ch e n Presse nicht fremd. Als in den Sommerserien die A u ß e n- spielplätze Berlins wegen Aufbrauchung der ver- fügbaren Mittel geschlossen werden mußten, schrieb die demokratische„Bossischo Zeitung":„völlig unverständlich wäre es, wenn die bekanntlich stark links orientierte Stadtverord- netenversammlung diesem Beschluß beiträte, wenn man bedenkt, daß sie mit diesem Beschluß gerade die Kinder ihrer Wähler trifft. Hoffentlich wird der Sturm der Entrüstung, der sich bereits in allen Schichten der Bevölkerung bemerkbar macht, den unsozialen Ent- sckluß der Stadtväter hinwegfegen. Wenn nicht, so werden sicher die Däter der benachteiligten Kinder der Stadt Berlin bei den bevor- stehenden Neuwahlen die Quittung für dieses Sommergcschenk überreichen." Das Preßorgan der Demokraten ereifert« sich über einen „unsozialen Entschluß der Stadtväter", aber der Magistrat hatte die Schließung der Spielplätze angeordnet, ohne die Stadtväter nach ihrer Meinung zu fragen. Was die scheinbar von Sorg« für die Kinder diktierte Stilübung der„Voss. Ztg." bezweckt«, zeigt ihr Appell an die Däter, die al» Wähler die Quittung geben sollen. Glaubt da- Blatt, daß irgendein Mensch, der die„Demo- kroten" des Berliner Rathauses kennt, auf solchen Köder anbeißen wird? Gerade die Berliner Kommunalfreisinnigen, die Dorläüfer der heutigen„Demokrat« n", haben Jahrzehnte hindurch den Forderungen der Sozialdemokratie für den Nachwuchs der Minderbemittelten zähesten Widerstand entgegen- gesetzt. Daß diese Kreise jetzt sich als Schützer der Kinder des Volks aufspielen wollen, dazu gehört wirklich eine tüchtige Portion Keckheit._ Kommunistische Schweigsamkeit. Radikalsein zieht nicht mehr. Die katastrophalen Niederschläge, die in jüngster Zeit über die Kommunisten hereinbrachen, haben diese veranlaßt, sich in einen s
Schafspelz zu kleiden und ihre Wolfsnatur für eine Zeitlang zu verleugnen. Sie, die den Klassenkampf in der rücksichtslosesten Form predigten und Arbeitcrblut als die Blüte betrachten, aus welcher sie den dicksten Honig saugen, sind plötzlich in ihrer Agitation so unscheinbar geworden, daß man meinen könnte, sie stehen rechts von der SPD. vorsichtig, wie dies« Leute sind, erproben sie ihre neue Taktik zunächst an der Landbevölkerung, um erst dort einmal festen Fuß zu fassen, weil ja nach russischem Muster der Bauer die Seele des Bolschewismus ist. So hatte die BKPD. die Bewohner von Werlsee am 13. d. M. zu einer öffentlichen Volksversammlung nach Fangschleuse einge- laden, in der Stadtverordneter N a w r o ck i über die wirtschaftliche und politische Lage Deutschlands referieren wollte. Bis von dem etwa fünf Kilometer entfernten Erkner waren die Parteifreunde des Referenten herbeigeeilt. Ihr Führer war ein Zweizentnermann mit einem rassereinen Dackel. Tornisterbepackte Wandervögel fanden sich ein und endlich, nach einstündigem Warten, begann das Referat. N a w r o ck i gab ein« äußerst zahme Skizzie- rung der heutigen Lage, Eine Stunde war um, und noch immer tonnte der Redner nicht sagen, mit welchen Mitteln die Kommunisten die sozialen Schäden heilen wollen. Er sprach von Klassenkampf und Einheitsfront, bezeichnet« die Unterzeichnung des Ultimatums als„ein Verbrechen", nannte jedoch mit keinem Worte die Ziele der VKPD. — wohl in Vorahnung des kommenden Gewitters. Unsere sich zufällig zu ihrer Erholung in Werlsee aufhaltenden Genossen F u ß und Richard W o l d k gingen sofort mit rück- sichtsloser Schärf« auf den kommunistischen Singsang ein und ent- rollten die Ziele der VKPD., weil ja die Versammlung dazu ein verbrieftes Recht hat. Immer unruhiger wurden die Leninisten, es hagelte Beleidigungen gegen unsere Redner, die Schläge saßen. von dem Genossen Fuß verlangte ein Kommunist den Nachweis, daß er wirklich SPD .» Mann sei: könne er sich hier als solcher nicht aus- weisen, so muß man ihn für einen Abgesandten der Antibolschewisti- schen Liga halten. Aber alle Verleumdungen prallten ab: die von uns applizierten Ohrfeigen saßen. Mit der Dcrschweigunqstaktik war es nichts. Einige Kommunisten nickten während der Red« unserer Genossen mehrmals zustimmend mit dem Kopfe, und so kann auch diese Versammlung als ein großer moralischer Erfolg für uns gebucht werden. Mögen unsere dortigen Genossen ihre Pflicht tun, um die gewerkschafl- liche Niederlage der Kommuni st en auch politisch zu vollenden._ Die Geputzte«. viele lieben ja den Glanz, und sei's auch nur bei anderen, was wieder eine der Schmuck- und Modenschauen bewies, die diesmal in die Kammersäle(Teltowcr Str.) ein breiteres, nicht ganz auf den absoluten Luxus eingestelltes Publikum gelockt hatte. Schein- wcrferlicht machte den mit Teppichen belegten Vorführungsraum und alles, was sich auf ihm bewegte, begehrenswert. Durch einen Vortrag wurde das Publikum erst in die nötige Stimmung gebracht und dann erschienen Schmuck und Moden am lebenden Modell. Die Probierdamen kamen, durch elegante, abgezirkelte Be- wegungen alle Schönheiten der Kleider und des Schmucks unter- streichend. Mitunter gingen sie wie aufgedreht« Puppen. Das ein- gefroren« Lächeln könnte temperamentvolle Zuschauer tatsächlich bald zu irgendeiner kleinen unschuldigen Aktion verleiten, um auch mal ein Mienenspiel in diesen so zuckersüß zurechtgemachten Lärv- che« zu sehen. Ein Dämchen wiegte sich zudem so in den Hüften und drehte sich derart in den Schultern, daß man wahrhaftig an einen kollerig gewordenen Pfau erinnert wurde. Die große Menge dieser Kleider, in die die kamillengebleichten, rotgefärbten und schwarzhaarigen Probierdamen gesteckt waren, sind für vom Glück und von zahlungskräftigen Männern verwöfmte Frauen bestimmt, die füer den kommenden Winter wenig Stoff gebrauchen werden. Sie erscheinen hübsch ausgezogen. Ohne neuqieriq zu fein und sich irgendwie zu bemühen, bekommt man die Schulterblätter in Details zu sehen. Etliche Kleider(sie hatten oft schon stimmungs- volle Namen) fielen angenehm auf durch die Einfachheit in Stoff und Farbe bei vollendeter Harmonie. Die Zuschauer waren sehr beifallsfreudig und viele von ihnen, man merkte es, daß sie auf dem Gebiete der Schneiderkunst und des Kunstgewerbes ihr täglich Brot verdienen, nahmen Zlnregungen in Hülle und Fülle mit. Trotz Wohnung?- und MieteinigungSamt. Folgender haarsträubender Fall wird uns aus Leserkreisen be- richtet: Eine 60jährige Dame bewohnt al, Zwangsmieterin � des Mietseinigungsamtes Eharlottenburg«in leeres vorderzim- m« r der P a s s a u e r Straße 26 III gelegenen Sechszimmerwohnung. Der Kontrakrinhaber der Wohnung hat den Hinteren Teil der Wohnung, bestehend aus 2 Stuben, Kammer und Küche,
wo sich auch die Wasserleitung und die Toilette befindet, an einen Angestellten des Berliner Wohnungsamtes möbliert ver» mietet. Dieser verweigert der 60jährigen Zwangsmieterin den Zutritt zur Wasserleitung und zur Toilate. Der größtenteil außerhalb Berlins wohnende Inhaber der Wohnung als Hausherr, das zuständige Polizeirevier, das Wohnungsamt Charlottenburg und da» Mietseinigungsamt Chorlottenburg behaupten, zur Beseitigung dieser Mißstände nicht in der Lag» zu sein. Es bleiben also von einer Sechszimmerwohnung 3 Zimmer un» benutzt, weil der Bewohner des hinteren Teils der Wohnung die Alleinbenutzung von Toilette und Wasserleitung für sich in Anspruch nimmt und lich keine Instanz findet, die etwas dagegen tun zu können glaubt. Berli«— Riga . Ein neuer internationaler Zug wird vom 16. August ob zwischen Berlin und Riga gefahren, und zwar mit Anschluß nach und von den Schnellzügen D 11 und D 12, die seit längerer Zeit bereits zwischen Paris , London und Ostend « und Warschau gefahren werden. Mit der Einlegung dieses Schnellzugspaares wird also«in« neue Verbindung, die zweite dieser Art, zwischen Paris und Riga geschaffen werden. Der Schnellzug D 7 wird von Charlotten burg erstmalig am 16. August um 5.28 Uhr abends abfahren, von Friedrichstraß« um 5,51 und vom Schlesischen Bahnhof um 6,15 abends. Der Gegenzug 0 8 verläßt Riga um 10,20 abends (erstmalig am 19. August) und trifft nach fast 21stündiger Fahrt am 20. Auqust abends 8,10 an der deutschen Grenze in Eydtkuhncn ein. Er fährt um 12,18 nachts von Königsberg ab, ab Marienburg 3,00 nachts, ab Firchau 6.30 vormittags, an Sckssefischer Bahnhof 1,09, an Friedrichstraß« 1,30, an Charlottenburg 1,54 mittags. Di« deutsche Zollabfertigung findet in Firchau und Marienburg, die polnisch« in König und Dirschau statt, zu welcliem Zwecke an diesen Orten einige Aufenthalt« vorgesehen sind. Neben den beiden oben erwähnten Schlafwagen von und nach Paris bzw. Ostende wird der Zug nur noch Wagen 1. und 2. Klasse führen und einen Speisewagen. der zwischen Berlin und Schneidemübl in den Zug eingestellt wird. Zur Benutzung dieses Zuges ist ein Paß mit polnischem Visum er« forderlich._ Tie fünf Worte auf der lklnsichtskarte. Bei der Versendung von Ansichtskarten als Drucksachen hatten sich Unstimmigkeiten ergeben. Die Oberpastdirektion teilt uns auf unsere Anfrage nunmehr folgendes mit:„Bezüglich der Versendung von Ansichtskarten gelten folgende Vorschriften: „Ansichtskarten können als Drucksachenkarten(zu 15 Pf.) ver- sandt werden, wenn sie, abgesehen von der Angabe des Absenders und des Absendungstaqs. keine handschriftlichen Zusätze und Aende- rungen enthalten. Bei Ansichtskarten, die als Drucksache gegen die ermäßigte Gebühr von 15 Pf. befördert werden sollen, ist es zulässig, auf der vorder feite Grüße oder ähnliche Höflichkeitsformeln mit höchstens fünf Worten niederzuschreiben. Außerdem können auf derartigen Karten, wie aus Drucksachen überhaupt, Absendungstag, Unterschrift, Stand und Wohnort nebst Wohnung des Absenders handschriftlich angegeben werden." Gegen die Angabe mehrerer Absender bestehen keine Bedenken: ebenso nicht gegen Angaben wie„Herzl. Grüße vom Rügener Ostseestrand". Im übrigen unterliegen Ansichtskarten der Postkartengcbühr."
Schulstreik in Staaken . In der Gartenstadt Staaken wird der K a ni p f um dio freie Schule zu einem Schulstreik fuhren. Eine Eltcrnvei- saminlung forderte die S-bassung eines NotgcsetzeS, das die ail� dem konfessionellen Religionsunterricht auSgcslhiedenen Kinder in freien Schulen zusammenfassen läßt. Da monatelange �leihand« liingen mir den Bebörden zu keinem Ergebnis geführt hatten, be« schloß die Elternschaft, am 16. August in den Schulstreik zu treten.
Aus der Reinickendorfer Wohlfahrkspflege. Die Walder- holungs statte Schönholz nimmt noch kränkliche und unter- ernährte Schulkinder aus Reinickendorf und Rosenlhal zu 4- bis Swöchigcr Kur auf. Die Gebühr beträgt täglich 2,40 M.: bei Be- dürftigkeit kann sie auf Antrag ermäßigt oder ganz erlassen werden. Die Kinder erhalten dort Quäkerspeisung, ein nahrhaftes Mittag- essen und Vesper(K— 1 Liter Milch mit Brötchen). Bei kühlem Wetter ist eine Decke mitzubringen. Meldungen haben in den Schulen beim Schularzt zu erfolgen.— Die Quäkerspeisung für Schulkinder setzt mit Beginn der Schule aus und wird erst wieder nach den Michaelisserien aufgenommen. Di« Spei- sung der Kleinkinder und Mütter wird fortgesetzt. Sie findet statt für Reinickendorf -Ost im Kindergarten Seebad , für
Die Rächer. Roman von Hermann Wagner.
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voll süßer Melancholie dachte sie an ihr Leben. Sie durfte zufrieden sein, denn es gab wenig, das ihr gefehlt hotte. Als junges Mädchen hatte sie zuweilen davon ge- träumt, über blaue Berge hinzufliegen. Ein solcher Flug war ihr Leben gewesen. Ein sanftes Hingleiten über die Dinge, die sie mit Interesse betrachtete und von denen sie, wa« ihr gerade gefiel, kostete, sich an keinem übernehmend, sich an nichts bindend. Sie hatte jederzeit heiter sein dürfen. Und sie hatte rn« Feinde gehobt. Sie hatte es auch ni« nötig gehabt, zu be- fehlen, ein Wunsch, von ihr kaum empfunden, war ihr auch schon erfüllt worden, von Menschen, denen es ein Glück aus- machte, ihr zu dienen. Ihre kurze Ehe war ein einziger solcher Frauendienst gewesen. Sie liebte ihren Mann zwar nicht, aber sie war ihm zugetan. Es freute sie. daß er um sie war. jederzeit. mit einer Zärtlichkeit, die sie ganz einhüllte, die nicht forderte. die nur gab. Sie nahm, nahm immerzu, und streute das Genommene aus, wie Blumen, die man vor sich auf den Weg warf, um ihre Schönheit, die einem diente, zu zertreten. Die Blumen konnten nie ein Ende nehmen, ihre Zahl war un- beschränkt, stets aufs neue blühten sie für sie, von ihrem Mann gepflegt, der sie dann abriß, um sie ihr zu schenken. Sie brauchte nicht zu fordern, alles wurde ihr gegeben. Daß ihr Mann starb, war ein Mißton, doch er klang nur eine Weile, wurde davongetragen in Fernen, denen sie rasch enteilt war und nach denen sie nicht mehr zurückblickte. Eines war vorbei, anderes kam, in ewigem leichtem Wechsel, der nichts Aufregendes oder nur Ueberraschendes hatte, denn alles Schöne, was sich ihr zuneigte, gehörte ja ihr. Sie nahm es oder sie verschmäht« es oder sie schenkte es fort,— sie hotte kein Herz, das hart und grausam war, wenn«»«ich nicht ihr Glück ausmachte, mitfühlend jemandem Gutes zu erweisen. Sie tat niemandem etwas Schlechtes. Mehr kam ihr nicht zu. Reisner war der erste Mensch, der es oerschmähte, ihr zu diene» D« üb«waschte sie mehr, och es sie kränkte, Und
nicht nur das. Es reizte sie, einen Menschen zu sehen, der offenbar von einem ihr Unverständlichen durchwühlt war. der einer Leidenschaft folgte, wo sie doch immer nur einer Neigung gefolgt war. Sie kannte keine Leidenschaften, sie lagen ihrem Wesen fern. Und doch hätte sie gern von ihnen genippt, neugierig gemacht, von dem Kitzeln eines leichten Grufelns erfaßt. Allein sie schrie bald auf, denn sie war seinem brutalen Zugreifen nicht gewachsen. Er nahm sie und unterjochte sie, die es nie gelernt hatte, sich zu wehren, da sie nie ver- gewaltigt worden war. Sie wollt« bloß spielen. Dos will auch ich nur, sagte er zu ihr, aber ich spiele mein Spiel, und du spielst es mit! So spielt« sie es mit, viele Jahre hindurch. im Grunde froh darüber, daß ein Zweiter es ihr abnahm, sich Gedanken zu machen. Er legte ihr das, was sie glauben sollte, fertig vor, und sie nahm es an, obne es zu prüfen. denn sie war träge. Langsam und gleichmütig schlich die Zeit. Und doch ertappte sie sich in einer Stunde, da die Ein- samkeit sie zu sich selber rief, dabei, wie sie es allmählich wahrnahm, daß ihr Leben nutzlos verrann. Zuerst wollte sie die Augen schließen und sich blind stellen. Allein die Er- kenntnis kam wieder. Und mit ihr der erste Anflug eines Hasses, der sich gegen den richtete, der ihr vielerlei genom- men und noch nie etwas gegeben hatte. Sie hätte ihn viel- leicht geliebt, wenn ihn nach ihrer Liebe verlangt hätte. So aber nahm er bloß ihr Spiel. Deshalb fing sie an, ihn zu hassen. Sie glaubt« auch nicht mehr an ihn, es schien ihr. daß seine Kraft etwas Hohles habe, seine Phantasie etwas, das lahm war, und daß auch sein Glück zu hinken anfing. Sie wußte nicht, wie das gekommen war, denn äußerlich stand er noch auf jener ansehnlichen Höhe, zu der er sich herauf- geschraubt hatte. Lag es an seinen Worten? Sie hatten nicht mehr das blind Sicher« der früheren Tage. Er war müde. Es war wohl so, daß er selber nicht mehr an sich glaubte,— wie sollte es ihm da auch möglich sein, den Glauben anderer an ihn wach zu halten! Er war kein nüchternes Arbeitstalent wie etwa Herr Friedrich Saalburg, sondern ein Mann, der, um zu wirken, überraschen, überrumpeln mußte. Doch die Tage der Ueberraschungen waren vorbei. Langsam fing auch er schon a», grau zu werden.
Mit der Grausamkeit einer Frau, die enttäuscht ist, wandte Frau von Märisch ihre Gedanken ohne Uebergang einem anderen zu. Noch fand sie es ein wenig lächerlich. Frau Saalburg zu heißen, und doch spielte sie, halb un» eingestanden, schon mit der Idee, diesem Mann nachzugeben, nicht sich oder Saalburg zur Freude, sondern Reisner zum Schmerz, der wähnte, sie für immer festzuhalten. Die Art' Saalburgs kam am meisten der ihres ersten Mannes nahe.' Noch einmal hoffte sie, zu fliegen, wenn auch nicht über blaue Berge, so doch über eine schöne Landschaft hin, deren saftfarbige'r Herbst sie lockte. Sie war es müde geworden, nur zu säen, während ein anderer erntete, sie sehnte sich nach der Zärtlichkeit eines, deri wie ihr erster Mann, sein Glück darin fand, sie. anzubeten. Ach, sie war erst so alt, wie ein Liebender ihr sagte, daß sie es fei! Ihr Haß gegen Reisner wuchs noch, wenn sie daran dachte, wie schlau und doch mit welcher Offenheit dieser Mann sich ihres Namens bediente, sobald er es im Interesse seines Geschäftes für nötig gehalten hatte. Gerade hier glaubte er, sie fest in der Hand zu haben. Du stehst und fällst mtt mir, sagte er zu ihr, wenn ich zu» gründe gehe, dann bist auch du verloren! Es gruselte sie bei diesem Gedanken, und sie schloß die Augen, um nicht sehen zu müssen. Bestand denn Gefahr. daß er fiel? Sie wußte nicht einmal, wie sehr sie bei seinen Unternehmungen, die mit den Iahren ständig gewechsell hatten, engagiert war. Sie mißtraute ihm. Und je größer dieses Mißtrauen wurde— es wuchs, einmal entstanden, mit der Schnellig- keit eines Brandes, dessen Flammen auf leicht entzündliche Stoffe übergreifen—, um so angstvoller drängte es sie zu einem klaren Kopf und einer ruhigen Hand, die sie allein retten konnten. War es schon zu spät? Sie bereute, Friedrich Saalburg nicht eingeweiht zu haben, denn mit einem Mal sah sie auch den Mann in ihm, der allein imstande war, ihr wirksam bei- zustehen. Plötzlich erinnerte sie sich auch eines Briefes, den sie heute morgen erhalten hatte und in dem ein Fremder sie bot, daß sie ihn empfange: er sei in der Lage, ihr nicht unwichtige Aufklärungen geschäftlicher Art zu geben. (Forts, folgt.)