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ITr. 537 5S. Jahrgang

1. Heilage öes Vorwärts

Sonntag, 13. November 1921

Die Tragödie öes Saargebietes. Der Völkerbund als Deckmantel und Schutzpatron des Annexionismus.

Am gestrigen Tage ist den Mitgliedern des Reichstages ein Weißbuch zugegangen, in dem der bisherige Lei- densweg der Saarbevölkerung geschildert wird. Gleichzeitig erscheint der 362 Seiten starke Band im Buch- Handel unter dem TitelDas Saargebiet unter der Herrschaft des Waffenstillstandsabkommens und des Vertrages von Ver- sailles", Verlag von Georg Stilke, Berlin 1921. Es vergeht seit drei Jahren keine Woche, in der sich die deutsche Oeffentlichkeit nicht mit unerfreulichen Nachrichten aus dem Saargebiet beschäftigen muß. Zu- weilen handelt es sich um schwerwiegende Ereignisse, die die Aufmerksamkeit des Zeitungslesers mehrere Tage hindurch in Spannung halten, so bei dem seinerzeitigen Beamtenstreik im August 1929, der sich infolge des Solidaritätsgefühls der Ar- beiterschast zu einem General st reik ausdehnte, der mit allen Mitteln der militärischen Fremdherrschaft unterdrückt wurde. Indes hinterlassen diese Eeschehnisie in der deutschen öffentlichen Meinung nur das dumpfe Gefühl eines ungesun» den und urchaltbaren Zustandes. ohne daß es bisher unserem Volke möglich war, ein zusammenfassendes Bild über das zu gewinnen, was sich im Saargebiet seit Jahr und Tag abspielt. Dieses Bild gewinnt man aber durch die Lektüre des neuerschienenen Weißbuches, an dem auch die sozialdemo- kratische Arbeiterbewegung nicht achtlos vorübergehen kann, zumal es vor allem die Tragödie eines wichtigen Bestandtelles des deutschen Proletariats widerspiegelt. Zum richtigen Verständnis der Tragödie der Saarbevölke- rung muß man sich vergegenwärtigen, mit welcher Hartnäckig- keit das siegreiche Frankreich die glatte Annexion dieses rein deutschen Gebietes betrieben hat. Es ist bekannt und wird von Andr6 Tardieu in seinem Buche Laix" be­stätigt, daß die französische Annexionsforderung erst nach zähem Ringen am Wider st and Wilsons und Lloyd Georges scheiterte, wobei letzterer bereits damals das Wort gebraulbte, daß man teinneuesElsaß-Lothringen schaffen dürfe. F, die Franzosen war diese Wendung der Dinge eine um so schwerere Enttäuschung, als sie sich in den Waffenstill» standsmonaten mit allen Mitteln bemüht hatten, im Saargebiet selbst Stimmung für den Anschluß an Frankreich zu machen. Die Geschichte dieser Beeinflussungsversuche nimmt in dem Weißbuche einen beträchtlichen Raum ein und beginnt bereits am Tage des Einzuges der französischen Truppen in Saar » louis November 1918), als man die dortigen städtischen Behörden zwingen wollte, den kommandierenden General Le- comte amtlich zu begrüßen, was abgelehnt wurde. Was nun später an Versuchen unternommen wurde, die Einwohner des Saargebietes Deutschland abspenstig zu machen, läßt sich hier im einzelnen gar nicht darlegen. Weder das Zuckerbrot, noch die Peitsche, die abwechselnd verwendet wurden, vermochten irgendein nennenswertes Ergebnis zu erzielen. Eine im Kreise Saarlouis , auf den es die Franzosen ganz besonders abgesehen hatten, inszenierte Propaganda, um die Bevölkerung von den Wahlen zur deutschen Nationalversammlung abzuhalten, hatte das Er- gebnis, daß 83 P r o z. der Wahlbeteillgten an die Urnen schritten, also der gleiche Durch- schnitt wie im übrigen Deutschen Reiche bei den damaligen Wahlen! Gegenüber dieser eindnicks- vollen Ziffer, die für die wahre Gesinnung der Saardeutschen kennzeichnend ist, wirken die zahllosen Flugschriften, Gedichte usw., die später zu dem gleichen Zweck der Stimmungsmache zugunsten Frankreichs verbreitet wurden, geradezu lächerlich. Weniger harmlos waren aber die P r e s s i o n s m i t t e l. die angewandt wurden, als die Ergebnislosigkeit der Propaganda offenbar wurde. Interessant ist z. B. die Geschichte derWahl" eines neuen Bürgermeisters in Saarlouis am 13. Mai 1919 an Stelle des von den Franzosen wegen seiner Treue zum Deutschen Reiche ausgewiesenen Dr. Gilles. Ein franzosenfreunolicher Arzt.

Dr. Hector(von dem man an einer anderen Stelle erfährt, daß er einen Monat vorher vergebens versucht hatte, zuerst den Bürgermeister Dr. Gilles, sodann die Stadtverordneten zu bewegen, eine Deputation nach Paris zu entsenden!), war vom Kommandanten, General Andlauer, zum prooisori- schen Bürgermeister bestellt worden. In der Stadtverordneten- sitzung erklärte der Leutnant Fabvier als Vertreter des Militärverwalters,der Herr General wünsche, daß Herr Hector gewählt werde"'. Schamloser kann der militärische Druck kaum ausgeübt werden. Ein sehr trübes Kapitel bildet die im Friedensvertrag vorgesehene Ernennung der Regierungskom- Mission durch den Völkerbundrat, die in dessen Sitzung vom 13. Februar 1929 in London vollzogen wurde. Das Amtsblatt des Völkerbundes gibt hierüber nähere Ausschlüsse. Als Berichterstatter fungierte irgendein griechischerStaats- mann" venizelistischer Prägung, namens Demetrius Cacla- manos, der sogleich erklärte, daß der Borsitz in der Regie» rungskommission dem französischen Mitgliede zu- kommen müsse, weil die wirtschaftliche Entwicklung und überhaupt das Wohlergehen der Bevölkerung zum großen Teil von derUnterstützung" abhänge, die ihr die französische Re- gierung angedeihen lassen würde! Dieser Vorschlag wurde na- türlich einstimmig angenommen, wie übrigens alle anderen Vorschläge des Herrn Caclamanos. Unter anderem wurde, seinen Anregungen gemäß, das Gehalt eines jeden Re- gierungsmitgliedes auf 190 909 Frank jährlich festgesetzt (gleich heute über 2 Millionen Mark!). Der Vorsitzende, der Franzose Rault, bekommt darr, er hinaus noch eine Dienst» aufwandsentschädigung von 50 000 Fr. jährlich, also im ganzen über 3 Millionen Mark Jahresgehaltl Ueberhaupt ist diese Regierungskommission, die als Treu- händerin gedacht war, eine regelrechte Filiale der französischen Regierung. Ausschlaggebend ist natürlich der französische Vorsitzende. den Caclamanos in seinem Bericht als dasausführende Organ" der Regierungskommission selbst bezeichnet hatte. Daß ihm irgendwelche Schwierigkeiten von dem belgischen Mitgliede, Major Lambert, erwachsen, ist nicht anzunehmen, auch das kanadische Mitglied Wangh wird sich nicht sehr übermäßig gegen die Französierungsoersuche sträuben wollen. Was den Dänen, Graf Moltke-Huitfeldt, anbelangt, so han- dell es sich um einen schon vor dem Kriege ständig inPa- r i s lebenden Aristokraten und Rennstallbesitzer, der auch während de« Krieges in Paris lebte, nur daß er sich dort vor- sichtshalber Graf Huitfeldt nannte, weil ihm wohl fein voller Name zu belastend schien. Dieser.dänische" Vertreter hat sich in Saarbrücken durch sein Privatleben bereits so kompro- mittiert, daß er mitsamt den Pariser Kokotten, die er mitge- bracht hatte, nach Saargemünd (Lochringen) übersiedeln mußte. Von dort ausregiert" er das Saargebiet weiter mit seinen zwei Millionen Jahresgehalt. Und nun zum Saarländischen Vertreter. Nr- sprünglich war der kommissarische Landrat von Saarlouis v. B o ch ernannt worden. Als der Streit um das Beamten- statut ausbrach, der zu einem Generalstreit führte, versuchte Boch die Interessen der saarländischen Beamten wahr- zunehmen. Er wurde überstimmt und reichte ein Rücktritts- gesuch ein. Diesem wurde in der Völterbundratsitzung vom 20. September 1920 in Paris auf Vorschlag Caclamanos' natürlich stattgegeben und als Ersatzmann wurde kein an- derer als Dr. Hector(siehe oben!) bestimmt. Nun konn- ten die HerrenTreuhänder" gänzlich ungestört an die Knech- tung und Französierung des Saargebiets herangehen. Der Ton. den die Regierungstommission und namentlich Herr Rault der deutschen Regierung gegenüber anschlägt, ist bewußt und planmäßig provokatorisch und unhöflich. Darüber geben zahlreiche Dokumente des Weihbuches Aufschluß. Weil in drei Fällen infolge offenkundiger Versehen unter- geordneter Schreibkräfte im preußischen Ministerium des In-

nern Zirkulartelegramme von Berlin aus auch an die Polizeibehörden in Saarbrücken versandt worden waren, erhebt Herr Raultin nachdrücklich st er Form Ein- spruch" gegen dieseVerletzung der Bestimmungen des Ver- sailler Friedensvertrages" und teilt feierlich-drohend mit, daß eres nicht unterlassen werde, den Rat des Völkerbundes" da- von in Kenntnis zu setzen; auch mache eralle V o r b e- halte bezüglich der Folgen(!), zu denen dieser Zwischenfall(!) Anlaß bieten kann". Dieser kleine rauflustige Gernegroß hat offenbar gar kein Gefühl für das L ä ch e r- l i ch e seines Benehmens. Indessen betreiben die Pariser Auftraggeber des Herrn Rault planmäßig die Lostrennung des Saargebietes. In schroffem Widerspruch zum Versailler Friedensvertrag ver- suchen sie das Saarbecken als einen selbständigen Staat hinzu- stellen, beantragen sie beim Weltpo st verein usw. seine Zulassung, konstruieren sie den staatsrechtlichen BegriffE i- genschaft als Saareinwohner", führen sie die Frankenwährung zuerst für die Grubenlöhne ein, die sie gerade jetzt zu verallgemeinern versuchen, und anderes mehr. Am 9. August 1920 teilt die französische Botschaft in Berlin der Reichsregierung mit, daß Frankreich mit der Wahrnch- mung der saarländischen Auslandsinteressen beauf- tragt worden ist. Einen Monat später(25. September 1920) teilt sie uns mit, daß die französische Regierung damitein- oerstanden(I) ist, den im Ausland ansässigen Angehörigen des Saargebiets den Schutz ihrer diplomatischen und konsu- larischen Agenten angedeihen zu lasien". Danach ist Deutsch - land für das SaargebietAusland", und Herr Laurent wäre der diplomatische Vertreter der Saar in Verlin! Gegen diese Anmaßung hat die Reichsregierung unter Berufung auf den Versailler Vertrag wiederholt Einspruch erhoben, doch hat die französische Regierung vorsichtshalber bisher zu diesen Pro- testen nicht Stellung genommen. Der Friedensvertrag sah auch die Ablösung der französi- fchen Besatzungstruppen durch eine zu bildende örtliche Gendar- merie vor. Die französischen Truppen sind Herne noch da und_ die Gendarmerie ist französisch! Letztere wird sogar mit poli-' zellichen Recherchen polittscher Natur beauftragt! Zusammenfasiend läßt sich sagen, daß diese Dokumente als die furchtbar st e Anklage gegen die Anwen- dung eines der ungerechte st en Abschnitte des Versailler Diktates wirken. Als Sozialdemokraten könnten wir nur wünschen, nie- mals in die Lage zu kommen, ein solches Buch besprechen zu müsien: denn seine Lektüre ist geeignet, in Deutschland Haß und Verachtung gegen Frankreich zu erwecken. Anderer- seits sind wir aber verpflichtet, diese zum Himmel schreienden Dinge zur Sprache zu bringen. Wir schulden es insbesondere der proletarischen Bevölkerung des deutschen Saargebietes, die wir nicht in ihrer politischen Entrechtung im Stiche lassen dürfen. Als Sozialdemokraten, die wir grundsätzliche Anhänger des Dölkerbundgedankens sind, würden wir es auch vorziehen, über die Tätigkeit des Völkerbundes auch einmal Gutes berichten zu können. Aber das, was sich bisher in der Ange- legenheit des Saargebietes abgespielt hat, ist nur geeignet, den letzten Rest des Vertrauens, den die deutsche Arbeiterschaft in die Idee des Völkerbundes noch setzt, zu untergraben. Es handelt sich da um einen europäischen Skan- d a l, dem schleunigst ein Ende gemacht werden muß. Und weil wir den Völkerhaß leidenschaftlich bekämpfen, weil wir die Aera des wahren Völkerbundes inbrünstig herbei- sehen, gerade deshalb wollen w i r unsere Stimme gegen diese Schande erheben und weisen wir alle Freunde des Völkerfriedens und des Völkerrechts im In- und Auslande. weisen wir namentlich die sozialdemokratische und gewerkschaftliche Internationale auf das neue Weißbuch hin: es gilt, die Entstehung eines neuen Elsaß - Lothringens zu verhindern! *« _ Saarbrücken . 12. November. (WTB.) Der Verband der Saar » brücker hat wegen der Ausweisung des verantwortlichen Schrift- ! leiters der sozialdemokratischenVolksstimme", Braun, der nun- mehr auf unbestimmte Zeit abgeschoben ist. eine Eingabe an die Regierungskommission gerichtet, in der dagegen Verwahrung ein- gelegt wird, daß gegen Mitglieder der Presse infolge ihrer beruf. lichen Tätigkeit mll Ausweisung vorgegangen wird.

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Grase Qrfen&cppicli tSctiew.! Einzig.seltene Ausstellung-Stücke, darunfer feinste chinesische Ecreu�hisse

Budolph fferizog, Berlin C 2

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