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Nr. 5ö4�ZS.Iahrgakg
Heilage öes Vorwärts
Mittwoch, zo. November 1921
GroßSerüu Serlm im Dunkeln. Gestern abend tonnte man sich, wenn man Berlin betrat, in die Zelt des Krieges und in die Verhältnisse der besetzten Gebiete zurück- versetzt glauben. Die riesige Stadt vegetierte mit schwachen, zum größten Teil sogar mit erloschenen Lichtern dahin. Die Bahnhöfe waren in eine höchst melancholische Schummrigtcit getaucht, die sich draußen fortsetzte und sich in manchen Straßen zu vollendeter Dunkel- heit verdichtete. Aber man hatte doch auch seine trostreichen Licht- blicke. Liier und da blitzte und strahlte in funkelndem Glanz elek- irischer Kronen und Birnen ein Hotelpalast, der mit eigener Licht- anlage arbeitet. Und während die großen Restaurants oft in völliger Dunkelheit dalagen, strotzten und protzten die Restaurants dieser zu- meist von Ausländern bewohnten Hotels im üppigsten Lichterglanz. Ein paar Schritte, und alles war wieder dunkel, kalt und trostlos. Von den Theatern haben die meisten ihre eigenen Lichtanlagen und konnten infolgedessen spielen. Die Kinos mußten jedoch mit wenigen Ausnahmen schließen. Die Geschäfte, die nur auf elek- irisches Licht angewiesen waren, schlössen sehr früh,, die anderen waren plötzlich sehr stolz auf ihre reine Glühlichtbeleuchtung. Nicht minder stolz und zufrieden waren auch die zahlreichen Familien Groß-Berlins, in denen das Gas als Beleuchtungsquelle noch immer feine unbestrittene Herrschaft ausübt. Die anderen waren übel dran und suchten sich mit Ctearinlichten oder Petroleumlampen zu be- helfen. Die Wirkungen aus den verkehr. Die Straßenbahn ruhte vollkommen. Da der Abbruch der Stromliescrung eine große Anzahl Wagen auf der Strecke traf, so mußten die Wagen nach und nach in die Depots geholt werden Das war ober erst durch Verhandlungen mit der Streikleitung möq- lich, wodurch erreicht wurde, daß in der Zeit zwischen 4 und 6� Uhr nachmittags die Kraftwerke das Stromnetz der Straßenbahn wieder einschalteten, damit die seit Stunden aus den Straßen stehenden Wogen den Bahnhof noch erreichen konnten. Die Tatsache, daß eine Anzahl Wagen eine Zeitlang auf offener Strecke liegen blieben, hat zu allen möglichen entstellenden Berichten Anlaß gegeben. In Wahr- heit ober hotte der Betriebsrat der Straßenbahndirektion um 12 Uhr mittag» mitgeteilt, daß die Straßenbahnwagen bis um 2 Uhr im Depot sein müßten. Die Straßenbahndirektion hat aber trotzdem nicht die erforderlichen Anweisungen gegeben. Als dann die Wagen auf der Strecke liegen blieben, wurde von der Streikleitung das An- gebot gemacht, durch Ueberschaltung auf die Pufferbatterien für eine Stund« Strom zu liefern. Dieses Angebot wurde vom Etadtbaurat Adler nach Rücksprache mit Oberbürgermeister BSß ansang» abgelehnt und erst nach einer Stunde angenommen. Wenn ollo auch jetzt noch einige Wagen auf der Strecke liegen, so trifft die Derantwortling dafür den Maaistrat. Es ist auch Beunruhigung darüber entstanden, daß die Kranken- Häuser unter der Stromsperre leiden werden. Allgemein kann an- genommen werden, daß die ösfenlllchen Krankenhäuser mit Lichk versehen sind. und zwar zum großen Teil durch eigene Lichtanlogen. Wo diese fehlen, wird die Streikleitung dokür sorgen, daß die Krankenhäuser mit Strom verschen werden. Für private Krankenhäuser und Kli- niken hingegen kann kein Strom geliefert werden. Um zu oerhindern, daß die Baugrube der Nord-Süd-Bahn er- säuft, werden,— ein Zeichen hohen Verantwortungsgefühls bei den Streikenden—. die Pumpen in Gang gehalten werden. Würde da» nicht geschehen, so würde ein Schoden von 6 Millionen Mark entstehen. Auch die Fernsprechämter sind In Mitleidenschakt gezogen worden, besonders die Aemter Hanla, Norden. Moritz- platz , Zentrum. Kurfürst, Lützow, Alexander, K ö n i g st a d t und Humboldt, sowie die Fernsprechanstalten in Neukölln, Tempelhof und W e i ß e n s e e.
Der Unbekannte aus �sien.
„Es gibt doch noch Merkwürdiges geschieht zuweilen in dieseni großen Berlin . Oder ist es nicht sehr merkwürdig, wenn da in Schöneberg und Neukölln Zettel verteilt werden, auf denen ein„Unbekannter aus Asien "', so nennt er sich selbst, einen Aufruf an alle armen, kranken, notleiden- den Brüder und Schu estern. insbesondere Arbeitslosen und Kriegs- beschädigten, erläßt und darin verspricht, eine gewaltige Lebens- mittelverteilung stattfinden zu lassen, wozu leder Pack« Material, wie Körbe, Taschen usw., mitbringen solle. Am merk- würdigsten aber ist es, daß tatsächlich am Sonntagmorgen an der bezeichneten Stelle, und zwar in einem Restaurant in Schöneberg , eine nicht unbeträchtliche Menge von Lebensmitteln, als da sind: Mehl, Nudeln, Grieß, Erbsen. Salz. Kaffee und Kaffeezusatz, Weiß- brötchen und Brot vollkommen unentgeltlich verteilt wurden. Man wird immer noch geneigt sein, an einen Bluff oder einen Reklametrick zu glauben, aber wenn uns bei einem Besuch auch noch nicht alles klar wurde, manches hellte sich doch auf. Der geheimnis- volle Unbekannte aus Asien heißt schlicht bürgerlich Sonnen st ern und soll aus Litauen stammen. Er hat sich offenbar mit der indischen bzw. buddhistischen Philosophie und Mystik beschäftigt und nennt, wie man das auch bei Theosophen und Okkultisten beobachten kann, Indien als seine Wahlheimat. Unser guter Sonnenstern nun übt ein Gewerbe aus. da» zwar bei den Behörden. in keinem guten Ansehen steht, wohl aber bei vielen Menschen, die irgendeinen seeli- schen Kummer leiden: Er weissagt, und zwar aus den Linien der Hand; auch betreibt er eine Art magnetopathische Heilkunde. Die Armen und Kriegsbeschädigten berät er umsonst, die anderen be- zahlen nach bestem Können. Der Mann hat großen Zulauf und nimmt viel Geld ein. Das Geld aber gebraucht er« sagen wir vor- sichtshalber teilweise, um dafür Lebensmittel zu kaufen, die er wieder an die arme und kranke Bevölkerung unentgeltlich verteilen läßt. Der Clenöszug im Morgengrauen. Um 8 Uhr sollt« die Verteilung sein, um S Uhr kamen bereits die � ersten Frauen und Männer an und stellten sich in dieser fürchterlichen � Kälte, die gerade über Nacht erstanden war. draußen vor dem Hause auf. Um 8 Ubr waren es etwa an die Zgg Menschen, gegen Uhr, als die Verteilung begann, weit über 1000. Inzwischen wurde im Innern des Lokals alles vorbereitet. Da lagen buchstäblich große Berge von Lebensmitteln, säuberlich«ingetütet. Da waren ein vaar große Waschkörbe voll frischer, appetit- licher Brötchen. An einen Tisch setzten sich zwei Ltstenführer, vor der Tür postierte sich ein Ordner, der den Leuten als Ausweis einen Bon überreichte, und dann begann die Verteilung. Zuerst rief man die alten und die kranken Leute und die Schwerkriegsbeschädigten hinein. Di« Tür tat sich auf und herein wankte ein Zug des Elends, daß sich einem da» Herz im Leibe herumdrehen konnte. Von zwei Freunden geführt, tasteten sich zwei Kriegsblind« heran.
gute Menschen.. Hinter ihnen ein Kriegsinoalide auf Krücken: ihm fehlten beid? Beine. Weitere Kriegsinvaltden, denen Arme oder Beine fehlten, folgten. Mütterchen wankten dann herein ohne Zahl, die alten, verbrauchten Frauen des Proletariats. Einige hotten ihren kleinen Enkel bei sich, armselige, unterernährte Geschöpfe, denen der Hunger au» den matten Kinderaugen sah. Und diese Alten sind so unerhört dankbar. Eine kann sich gar nicht fassen: „Nein, daß es so was gibt. Daß man noch an uns denkt. Es gibt doch noch gute Menschen." Man geleitet sie zu einem Stuhl und reicht ihr den warmen Trank. Sie schlürft ihn mit tiefem Behagen, sie lebt wieder auf, ihre Augen werden hell, ihr Mund gesprächig. Und sie schildert den langen. langen Weg ihres Leides. Inzwischen schiebt sich der Zug der tiefsten menschlichen Not unaufhaltsam in das Lokal. Die Listen- führer fragen nach Namen und Wohnung, ob krank, ob arbeitslos, wieviel Kinder unter 14 Jahren, und je nachdem die Auskunft aus- fällt, werden die Gaben zugemessen. Einige haben wohl gemeint, es gebe große Massen und sie haben sich einen Ii4-Zentner-Sack mit- gebracht. Andere wieder haben der ganzen Geschichte mißtraut und stnd ohne ein Behältnis gekommen. Als sie aber ftlhen, daß es wirklich etwas gab, sind sie mit hineingegangen, und nun wissen sie nicht, wohin mit dem Segen, und sie stopten sich die Taschen ihres ach so ärmlichen und zerschlissenen Anzuges voll. Plötzsich entsteht draußen vor. dem Schaufenster eine große Un- ruhe. Die Menschen drängen sich in dichten Knäueln heran. Die Kälte, der Hunger, die dünne Kleidung, das lange Warten, alle? das macht sie unwillig. Aber die Ordner in Gemeinschaft mit einigen Schutzpolizisten besänftigen die Menschen wieder. Inzwischen geht die Verteilung Ihren Gang. Jetzt sind andere an der Reihe, Männer der Arbeit, mit einem trotzigen, verbissenen Ausdruck im Gesicht. Man merkt es ihnen an. wie sehr ihr Stolz darunter leidet, diese Gaben annehmen zu müssen. Lreuöe am Wohltun oSer.. I Es wird weder nach einem politischen noch einem resigiäsen Be» tenntnis gefragt. Die Nahrungsmittel enthalten keinerlei Hinweise, Anpreisungen oder Reklamen. Auch auf der Straße unter den Menschen selber wird keinerlei Propaganda für irgendwen und irgendwas betrieben. U ebersteht man diesen unendlichen Zug mensch- sichen Elends und denkt man daran, daß eine halbe Stunde entfernt auf dem Kurfürstendamm und der Tauentzienstraße ein ebenso un- unterbrochener Zug menschlichen Luxus hinströmt, so fühlt man mit tiefer Beschämung, wie unsäglich klein und gemein diese selbstgerechte bürgerliche Gesellschaft ist, die Staat und Gemeinde jene Mittel ver- weigert, die allein imstande wären, die Not der Massen zu bannen, ohne daß sie es nötig haben, nach der Lebensmittelvertdlung eines Mannes zu stehen, dessen Handlung zwar menschlich edel und rein anmutet, dessen letzte Motive aber doch nur wieder er selbst und kein anderer kennt.
�Xplosionsunglück in einer Aünühölzfabrik. Eine Arbeikerin getöiel, zwei schwer verlehl. Ein folgenschwere» Explosionsunglück in einer Zündholzfabrik, da» auf den unvorschriftsmäßig gehandhabten Kochprozeß einer Zündholzmasse zurückgeführt wird, ereignete sich gestern in der
Zündwarenfobrik von Otto Dusedann in Weißensee auf dem Grundstück Lichtenberger Straße- Verlorener Weg. In dem Laboratorium der Fabrik war gestern mittag die ISjährige Arbeiterin Elisa H e l l w i g aus der Friedrichftr. 2g in Weißensee mit dem Zubereiten einer Zündholzmosse beschäftigt, als plötzlich aus noch nicht ganz aufgeklärten Ursachen eine furchtbare Explosion erfolgte. Krachend stürzt« ein Teil des leicht gebauten Hauses zusammen, eine mächtige Flamme schlug zum Himmel empor und die ganze Umgebung war im Nu in dichte erstickende Rauch- wölken gehüllt. Als Hilfe zur Stelle war, fand man die Arbeiterin Elisa Hellwig nur noch als Leiche auf: sie war auf der Stelle getötet worden. Der ISjähriae Arbeiter Herbert Schulz aus der GürtePr. 6 in Weißensee erlitt schwere Verletzungen an der rechten Gcsichtsfeite, so daß feine Uebcrführung nach dem Augusia-Viktoria-Krankenhaus erfolgen mußte. Ferner wurde die 30 Jahre alte Arbeiterin Frau Luise Opitz aus der Berliner Allee 73, die Koks zum Feuerungskessel bringen wollte, durch das zusammen st ürzende Gebäude begraben und trug schwere Verletzungen im Rücken davon. Dieses Unglück dürfte wieder einmal zu einer gründlichen Re- vifion der Nemcren Fabriken anregen, in denen feuergefährliche und Explosivstoffe sehr oft unter Nichtbeachtung der polizeilichen Bor- schriften verarbeitet werden. Vor allem ist eine sachgemäße Auf-
flärunjj darüber notwendig, ob die Herstellung dieser gefährlichen Dinge allein von so jugendlichen Personen getätigt werden darf. Der ErmorSete im Relsekoffer. Verhaftung des Tälers. Ew Kapitalverbrechen, das vorgestern in dem Hause Metzer Straß« 14 verübt wurde, ist gestern durch den Transport der Leiche des Ermordeten in Eberswolde entdeckt worden. Dort war auf dem Bahnhof ein Mann aufgefallen, der einen ganz durchnäßten oroßen Reifekoffer mit sich sühne. Kriminalbeamte stellten den Mann, unterluchten den Koffer und fanden darin die Leiche eines erwachse- nen Manne». Mehrere Schußwunden und ein Knebel im Munde ließen erkennen, daß es sich um hos Opfer eines Kapitalverbrechens handelte. Der Transporteur des unheimlichen Gepäckstückes wurde verhaftet und sofort eine eingehende Untersuchung eingeleitet. Die Ermittelungen ergaben, daß der Verhaftete der 28 Jahre alte Kauf- mann Alfred Tiede ist, der bei einem Ehepaar Hasknthal in der Metzer Straße 14 wohnte. Der Tote in dem Koffer wurde fest- gestellt gls sein Wirt, der 4S Jahre alte Ingenieur Hasenthal . Tieke hat diesen, soweit bisher festgestellt werden konnte, erschossen und mit Hilfe der Frau Hasenthal die Leiche sodann in den großen Reise- koffer gepackt. Nachdem sie ihn dann noch verschnürt hatten, hatten sie ihn mit der Bahn nach Ebcrswaid« hinausgeschafft.
K]
Aräulem.
Bon Paul Enderling . Hermann hörte nur. daß er gleich gehen konnte, und riß fetn Portemonnaie aus der Tasche.„Hier, Vater." Julius Görke nahm den Schein und trug ihn zum Kassen- schrank. Aber mitten auf dem Weg hielt er inne: Der Schein hatte an der unteren linken Ecke das winzige Kreuz, mit dem er feine Papier« zu Hause gezeichnet... Hermann sah. wie der Pater zur Elastüre ging und sie verschloß. Er hatte das Portemonnaie noch in der Hand und ver- suchte es zu schließen. Es war so merkwürdig schwer zu schließen... Er konnte es nicht verhindern, daß ein paar Geldstücke herausrollten. Der Pater stand vor ihm und starrte ihn an. Den Schein hatte er noch in der Hand. Hermann stand, durch den Tisch getrennt, ihm gegenüber. Was Vater nur für ein sonderbares Gesicht machte! Hermann versuchte höhnisch zu lächeln. Aber es kam nur eine Grimasse zustande. „Wo hast du den Schein her?" fragte Vater leise. Er zischte fast. „Den Schein?" sagte Hermann.„Ach so, den Schein, hahaha „Lach nicht!" brüllte Julius Görke jäh auf. Hermann fühlte sich plötzlich ganz ruhig. Sein Gehirn arbeitete mit unerhörter Konzentration. Er weiß, daß ich das Geld genommen habe, dachte er,— Ich muß hinaus. Und er dachte nichts anderes. Er maß den Ahftand bis zur Türe. Der Schlüssel stak noch drin. „Du bist ein Dieb!" brüllte Görke.„Du wirst ins Gefäng- Nis dafür kommen." Nein, dachte Hermann. Dahin komme ich nicht; es gibt noch einen anderen Ausweg— noch einen anderen.„Sprich nicht so laut," sagte er nur. „Ich werde noch viel lauter reden. Ich werde es allen Herren im Kontor sagen, daß du ein Dieb bist, und morgen wird es ganz Danzig wissen, daß mein Sohn ein Dieb ist." „Es ist wohl besser. Bater, daß du die Familie nicht kompromittierst." sagte Hermann mit der gleichen unnatürlichen i Muhe.„Ich kann dir ja jetzt alle» ersetzen und rets« fort. Ich
verspreche dir, daß ihr mich nicht mehr zu sehen bekommen werdet." „Das könnte dir so passen," höhnte der Vater.„Nein, erst muß der Dieb seine Strafe haben, nach Recht und Gesetz. Dann kann er geben, wohin er will." „Hast du mich nicht dazu gebracht?" Hermann sah dem Dater in die Augen. „Ich? Ich?" Julius Görke griff nach dem großen Haupt- buch auf dem Tisch, als wolle er damit auf den Sohn ein» schlagen. In diesem Augenblick stürzte Hermann zur Türe. Cr schloß sie auf und stürmte hinaus. Hinter sich hörte er die gellende Stimme des Daters. „Haltet ihn! Laßt ihn nicht los!" Hermann lief- dem Fli'sse zu. Die Fähre kam gerade an. Er steckte dem Fährmann Geld in die Hand und kam bald auf die andere Seite. Ohne sich umzusehen, lief er auf die Mole zu. Es wehte ein scharfer, eisiger Wind der die ersten Schnee- körnchen mit sich trug und ihm ins Gesicht schlug. Hermann spürte es nicht. Er war wie von Glut überströmt. Einen Augenblick mußte er steben bleiben, da sein Herz zu stark schlug. Als er sich umblickte, sah er, daß der Laie» und ein paar Herren auf seinem Ufer waren und andere an- riefen und heftig winkten. Er sah, daß sie ihn nerfokgten, und bemerkte einen Matrosen unter ihnen. Das Wehen des blauen Mützenbandes war deutlich zu sehen. Hermann drückte fest auf sein Herz und lief über die großen Quadersteine, in deren Fugen und Rissen Wasser stand. Einmal wäre er fast an dem runden Rand abgerutscht in das seichte Wasser hinein. Er erschrak und lief nun in der Mitte. Schnurgerade in der Mitte. Er lief wie auf festen, geraden Bohlen. Sein Hut war längst herabgefallen. Er spürte, wie seine Haare durch- näßt waren. „Holt! Halt!" hörte er hinter sich die heisere Stimme de» Matrosen. Run war er am Leuchtturm, an den Granitstufen sick haltend, bog er um die Spitze der Mole. Einen Aguenblick dachte er, daß er hier einmal mit Fräulein gesessen hatte..., die nun Fräulein Annemarie Tessmer hieß und bald Lothars Frau würde... Da» Häuflein der Verfolger kam näher, voran d«r Ma»
trofe. Sie gestikulierten heftig mit den Armen und schrien etwas, das er nicht verstand. Ohne zu zögern, lief Hermann in die heranstürmenden eisigen Wellen, die ihn über und über bespritzten, und sprang dann mit einem Satz in die Flut. In raschen Stößen schwamm er hinaus. Er spürte eine ungeahnte Kraft in sich und ward ihrer fast froh bewußt. Aber als sich Mantel und Kleider mehr und mehr mit Wasser voll- sogen, erlahmten seine Arme. Als er merkte, daß die Kräfte ihn verließen, warf er sich hintenüber und schloß die Augen.„Sibylle", sagte er noch einmal. Eine bohe schwarze Welle packte ihn. riß ihn hoch empor und wirbelte ihn hinab. Mitten auf der Mole stand Jülius Görke.„Er ist krank," sagte er immer wieder.„Er ist krank. Man kann ihn doch nicht dabineinlaufen lassen. Ich zahle, was ihr wollt, was ihr wollt!" Der alte Krüger stützte den Chef, der plötzlich merkwür- big schwach und schwer wurde, und der die Augen unnatürlich aufgerissen hielt Als Julius Görke feinen Sohn einen Augenblick auf der Welle treiben sah, schrie er auf und sank vornüber auf die Steinmole. An allen Gliedern zitternd, versuchte Krüger h-n Chef emporzuzerren. Es glückte ihm nicht. Eine Möwe schoß jubelnd und schreiend in den Wind bin- aus, der zum Sb'rm anwuchs. Eine Weile stand sie über den schäumenden Wellen still, und es schien, als ob sie über Aer- manns Grab klagend kreischte. Dann flatterte sie fort in das Schneegestöber hinein. Au skia n g. Annemarie saß am Fenster— Annemarie, die einmal „Frö"lein" gewesen war und nun Frau Framius hieß. Die Elektrischen donnerten drunten vorüber. In der kleinen Allee mit den kleinen, kümmerlichen Bäumchen. deren Kranen jeßt mitten im Sommer schon braune Spitzen zeigten. spielten Kinder um einen Sandhaufen. Drüben standen himmelbobe Häuser mit angeklebten Balkons und Erkern in dicken Stuckverzierungen. Es war kein schöner Blick von diesem Platz: aber wenn sie das Fenster öffnete und ssch hinausbeugte, sab sie zur Rech» ten das Rathaus, wo ihr Mann arbeitete und Pläne für das Volksbad eine« Arbettervorortes von Berlin zeichnete. tSchluß folgt.)