JTc.4l$ ♦ AH. Jahrgang
Seilage öes vorwärts
Dienstag. S. September 1H22
Das Privatkapital auf der Lauer. Zu dem„Gutachten" des Sachverständigenausschusses für die städtischen Werke.
Allzulange schon währt der Streit über die beste Vetnebssorm unserer städtischen Werke, der sich bekanntlich immer mehr zu einem Kampf um die Organisationsvorschläge des Oberbürger. Meisters und des Stadtbaurats Horten ausgewachsen hatte. Zur schnelleren Entscheidung hatten die städtischen Körperschaften einen Ausschuß von Sachverständigen berufen, dessen Gutachten nun- mehr vorliegt. Wir hatten es von vornherein für außerordentlich bedenklich gehalten, diesen Ausschuß in der Hauptsache aus Der- tretern privatkapitalistischer Betriebe und privat- kapitalistischer Interessen zusammenzusetzen, wir erken- nen nun, daß es ebenso falsch war, diesem Ausschuß die Prüfung der Wirtschaftlichkeit der Werke ganz allgemein zu übertragen, ohne ihm zugleich die konkrete Aufgabe zu stellen, die beste Organi- fotionsform unter voller Erhaltung des gemeinwirtschaftlichen Charak- ters der Betriebe zu finden. Denn nur darauf konnte es nach Lage der Sache ankommen. So aber wurde diesem Ausschuß die Mög- lichkeit gegeben, in der Form eines Gutachtens die Auslieferung der kommunalen Werke und Betriebe an das Privatkapital zu propa- gieren und dadurch die ganze Frage auf ein vollkommen abwegiges Gleis zu schieben. Es konnte keinem Kenner unserer politischen und wirtschaftlichen Berhältnisse zweifelhaft fein, daß die Vertreter pri- vatkapitalistischer Betriebe bei einer solchen Frage nicht aus ihrer Haut herausgehen würden und daß sie zu einem— sicherlich von ihnen als objektiv empfundenen— Jnteresscngutachten kommen mußten.(Um so unverständlicher bleibt allerdings d>c Unterschrift eines dieser Ausschußmitglieder unter dem Gesamt- outachten.) Sie schlagen vor, die eigentlichen Erwerbsbetricbe dem Privatkapital auszuliefern und die von ihnen abzutrennenden Heiz- und Maschinenanlagen in kommunaler Regie zu belassen, da sie Wohlfahrts einrichtungen darstellten, bei denen sich die„nöti- gen Boraussetzungen" für privatkapitalistische Form nicht finden lassen. „Wär' der Gedank' nicht so verwünscht gescheit, Man wär' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen!" öesitz- uns Detriebsgefellschasten. Bei den Betrieben, die Ueberschüsse abwerfen, Dividenden ein- bringen können, muß das Privatkapital herangezogen werden, sie können sich fönst nicht auf den Beinen halten, aber die„Wohlfahrls- einrichtungen" darf die Stadt gnädigst behalten, hier lassen sich auch in städtischer Regie bessere Wirtschaftsergcbnisse erzielen! Als beste Form des gemcinwirtschaftlichen Betriebes schlägt das Gutachten die Trennung in Besitz- und Betriebsgesellschasten vor, und auch hierbei soll die eigentliche Verdienerin, die Vciriebsges ellschaft, am stärksten mit Privatkapiial durchsetzt sein. Dies wird so motiviert: Zur Sanie- rung der Werke braucht die Bcsitzqesellschast Geld: dieses Geld wird sie allein nicht erhalten, sondern hier muß als Garant die Betriebs- gesellschaft auftreten, die deshalb ein Institut sein muß,„das den Geldgebern tatsächlich Vertrauen einflöst"— in unser geliebtes Deutsch übertragen heißt das: hier sollen die Aktien ganz oder über- wiegend in den Händen des Großkapitals liegen. Die Begründung des aanzen �uif nicht weniger als 25 Foliodruckfeitcn ausgeführten Vorschlages läßt überall dort, wo einmal ein unvorsichtiges Wort den so geschickt gemalten Vorhang des„Gutachtens" zerreißt, die ganze Brutalität der rein kapitalistischen Einstellung der Gutachter erken- wen. Die Wirtschaitspolititer vom Schlage der„Lokal- An- z e i q e r"- Journalisten, die nach dem gemcinwirtschaftlichen Bc- triebe schreien und gleichzeitig über jede Tariferhöhung Krokodils - tränen vergießen, wird es interessieren, zu hören, daß der wesentliche Vorteil der neuen Betriebsform in einer schnellen Erhöhung der Ta- rife gesehen wird. Interessen der A l lg e m e i n b c i t scheiden ja dann„erfreulicherweise" aus, die Werke sind kerne Wohlfahrts-, son- dern Erwerbsdetriebe. <ks lebe sie Divisense! Uns selbst interessiert es außerdem, daß der zweite Rentabili- tätsfaktor in der Beseitigung des„Uebermaßes von sozialen Bedin- gungen" für die Arbeiterschaft(S. 20) gefunden wird sowie darin,
daß„Löhne und Gehälter in angemessenes Verhältnis zur Ergän- zung zu bringen find".(S. 1S.> Man sieht also, wessen sich die Arbeiterschaft bei der privatwirtschaftlichen Form des Betriebes zu versehen hätte, und die Lohnpolitik der H o ch b a h.= Gesellschaft gibt ja das lebendige Beispiel dafür. Es kann natürlich keinem Zweifel unterliegen, daß die Vorschläge des Gutachterausschusses auf den entschlossensten Widerstand der Sozialdemokratie stoßen werden, da das Interesse der Skadt wie der venölkerung die strikte Ablehnung einer solchen Verschleuderung dödtischen Besitzes an das Pri- vatkapital gebieterisch erfordert. Es kann nicht scharf genug hervor- gehoben werden, daß die Stadt Berlin ihren eigenen Kredit aufs schwerste gefährden würde, wenn sie sich auf die hier vorgeschlagene Weise ihres wertvollsten Besitzes entäußerte. Und andererseits kann keine städtische Verwaltung die Interessen der Konsumenten ihrer Werke und die Interessen ihrer Arbeitnehmerschaft nicht leichtfertig einem Konsortium von Großverdiene rn auf Kosten der Allgemeinheit anvertrauen. * Nicht:„Zurück zur privatwirtschaftlichen Form" kann die Parole dieser schweren Uebergangszeit lauten, sondern: Vertiefung der gemeinwirtschaftlichen Form, Durchdringung des alten bureaukrati - fchen Apparates kommunaler(wie staatlicher) Betriebe mit der Er- kenntnis moderner Wirtschaftspolitik, Umwandlung der städtischen Werke in Formen, die eine erhöhte Rentabilität und zeitgemäße Produktion unter voll st er Erhaltung des ge- meinwirtschaftlichen Besitzes gewährleisten. Wo hier der Hebel anzusetzen, zeigt das in seinem Kern so verfehlte Gutachten erfreu- licherweise Seite auf Seite. Und was es da selbst für möglich hält, wo Riesengewinne für das Privatkapital nicht zu erwarten wären, bei den maschinentechnischen und Heizanlagen, das muß bei den übrigen Werken und Betrieben möglich gemacht werden: Um- gestaltung und Reorganisation ohne Preisgabe der Interessen der Allgemeinheit. Wenn die städtischen Behörden das ihnen nun vor- liegende Dokument privatkapitalistischen Denkens in diesem Sinne verwerten, dann wird es trotz allem und ollem nicht vergeblich ge- schrieben sein.
Die neuen Posttarife. Die rufende Entwertung der Mark hat auch die Reichspost- Verwaltung zu beschleunigtem Handeln angespornt. Der beim Reichs- Postministerium errichtete B-erkehrsbeirat trat Montag vormittag 10 Uhr zusammen, um zu den neuen Entwürfen für die Erhöhung der Po st-, Postscheck-, Telegraphen- und Fernsprechgebühren Stellung zu nehmen und um sich außerdem über die Maßnahmen zur Beschleunigung von Aende- rungen im Gcbührenwesen prinzipiell auszusprechen. Reichspost- minister Giesberts, der die Versammlung eröffnete, überraschte diese damit, daß er die dem Reichsrat schon zugegangenen Entwürfe als bereits überholt erklärte und ein« Ergänzung dieser Entwürfe, die in den letzten Tagen fertiggestellt worden war, vorlegte. Diese Eni- würfe, die heute ursprünglich besprochen werden sollten, hotten als Ausgangspunkt eine Fernbriefqebühr von 0 M. und iahen durchweg eine 100pr.?zsntige Erhöhung der bestehenden Gebübren vor. Von einer Erhöhung der Zeitungsgebühr war in dieser Vor- läge mit Rücksicht auf die große Notlage der Presse Abstand ge- nommen worden. Wie der ,�Soz. Parlomentsdienst" mitteilt, wurde beschlosicn, einer Verdoppelung der Postgebühren, soweit sie sich auf Briefleudungen bezüchcn, zuzustimmen. Es kostet also ab 1. Oktober eine Postkarte im Ortsverkehr 1,ä0 M., im Fernverk-chr 3 M.: ein Brief im Ortsverkehr bis 20 Gramm 2 M., bis 100 Gramm 4 M.. bis 250 Gramm 6 M.: ein vrief im Fernverkehr bis 20 Gramm 6 M., bis 100 Gramm 8 M. bis 250 Gramm 10 M. Die Beförde- rung von Drucksachen, Gcschäftspapiercn und Warenproben wurde «benfalls entsvrechcnd erhöht. Für ein Kilo-Päckchen soll in Zukunft 12 Mark Porto gezahlt werden.— Uebcr tue anderen Gebührensätze wurde noch kein Beschluß gefaßt. Für Fernsprech- gebühren hat das Reichspostministerium eine Erhöhung von 700 Pro- zent vorgeschlagen.
Die Teuerung. Notstandsmaßnahmen der Stadt. Der Magistrat beschäftigte � sich gestern in außerordentlicher Sitzung mit der Frage, durch welche Maßnahmen der augenblick- lichen Teuerung und der sprunghaften Preisbildung zu begegnen fei. Der Oberbürgermeister legte dar, welche Maßnahmen bereits in Kraft gesetzt sind, um die Käufer des notwendigen Lebens- bedarfs schon jetzt vor Uebervorteilung zu schützen. Die Besprechung richtete sich sodann auf die Gefahr, daß die Kohlen-, Brot-, Milch- und Fleischversorgung versagt, und auf die Pflichten gegen die Empfänger öffentlicher Unterstützung, gegen Sozial- rentner, Greise, Sieche, Jugendliche und kranke Personen. Dazu kommt noch die Steigerung der Wohnungsmiete. Der Ma- gistrat war darüber einig, daß trotz der kommenden Verschlechterung der Finanzlage Berlins Notstandsmaßnahmen erforderlich feien. Ueber deren Richtung und Umfang wird der Magistrat sich am Mittwoch schlüssig machen, um sodann an die Stadtverordneten- Versammlung heranzutreten. Das Zugeständnis an den Handel. Der Hauptausschuß der Preisprüfungs stelle Berlin hat, wie wir bereits meldeten, den Beschluß gefaßt, in die Kalku- lation des Verkaufspreises an Stelle des Gestehunqspreises den Wiederbeschaffunaspreis der einzelnen Waren einzu- setzen. Dieser Beschluß ist zustande gekommen trotz Bekanntgab« der entgegenstehenden bisherigen Reichsgerichtsurteile. Ungeachtet dieses Beschlusses wird so meldet das Nachrichtenamt des Magistrats, die Preispriisungsstelle nach wie vor jeder wucherischen Aus- Nutzung der Marktlage entgegentreten. Die ver- brauchende Bevölkerung wird hierauf hingewiesen. Anzeigen von Verstößen Und anzubringen bei der Wucherabteilung der Polizei oder der Preisprüfungsstelle und ihren Nebenstellen in den Stadt- bezirken. » Das Nachrichtenamt bringt auch in Erinnerung, daß die Preisaushangverordnung des Magistrats vom 8. Januar 1021 nach wie vor gültig ist. Das Kammergericht Berlin hat als letzte Instanz die Gültigkeit dieser Verordnung für die Gegen- stände des notwendigen Lebcnsbsdarfs durch Urteil vom 30. Juni 1922 gleichfalls anerkannt. Diese Gegenstände sind daher auszu- preisen. Anzeigen von Verstößen gegen die Prcisaushangs- ordnung sind gleichfalls bei der Wucherabteilung der Polizei oder de? Preisprüfungsstelle und ihren Nebenstellen anzubringen. Der Mors an üem Schupobeamten. Die Persönlichkeil des Mörders noch unaufgeklärt. Zu der Erschießung des Polizei-Oberwachtineisters Botchen wird uns noch mitgeteilt: Im Laufe des gestrigen Vormittags sind vom Polizeiamt Mitte der Kriminalpolizei, das mit der Aufklärung des Verbrechens beschäftigt ist, eine Reihe von Zeugen ermittelt worden, die über die schwere Bluttat und die Verfolgung des Täters folgende Angaben machen: Der Oberwachtmeister ist nicht auf dem Rummel- platz selbst, sondern vor diesem an der Ecke der Neuen König- und Lietzmannstraße erschossen worden. Zwei gut- gekleidete Männer, der Täter und ein anderer, der einen modernen grauen Anzug trug, waren dort in Streit geraten. Beide sprachen nicht Deutsch . Der eine zog plötzlich eine Pistole, die ihm aber entfiel. Als nun der Oberwachtmeister hinzukam, um den Mann festzustellen und ihm die Pistole wegzunehmen, bückte sich dieser schnell, hob die Waffe auf und drückte auf den Polizeibeamten ab, der, ins Herz ge- troffen, auf der Stelle tot zusammenbrach. Der Täter mischte sich nun unter die vorüberziehenden Demonstranten. Augenzeugen des Vorfalles und Polizeibeamte nahmen die Ver- folgung des Täters auf. Ein Augenzeuge hatte beob- achtet, daß der Täter im Zuge einen Mantel und einen Hut erhalten hatte. An dem Königstor verließ dieser, so verkleidet, den Demonstrationszug und bestieg einen Straßenbahnwagen. Der Zeuge verfolgte ihn und bestieg gleich- falls den Wagen mit dem Rufe:„Da? ist der Mörder!" Der Mann aber antwortete ihm:„Was willst du von mir? Ich bin Kriminal- beamter!" Zur gleichen Zeit zeigte er auch eine Erkennungsmarke mit der Nummer 1679 und zog auch wieder die Pistole. Der
Der Sprung in die Welk. Ein Iungarbeikerroman von Artur Zickler. (Schluß.) „Es wird rauh und frostig draußen, Gerda— es wäre schön, wenn ich hier bleiben könnte. Ich habe die Stadt lieb- gewonnen, wenn ich mich aber frage, warum, weiß ich deutlich: nur wegen dir. Wenn du wieder von mir weggehst, falle ich in eine kalte Leere: ich liebe dich mehr als alle Menschen, die jemals um mich waren, mehr als meine Heimat und alle Wanderschaft. Du bist der erste Mensch, den ich so heftig liebe. so mächtig, daß ich mich selbst erst durch dich kennenlerne. Da- bei bist du mir rätselhaft, und ich ahne doch, wie anders dein Wesen ist als meines; denn du wanderst uurch die Männer wie ich durch die Reviere, ewig sehnsüchtig nach anderen Bildern und Horizonten. � Jetzt wanderst du durch mich, ich möckste dich festhalten..•" Jäh fuhr ihre Hand nach seinen Augen, damit er ihr Gesicht nicht sehen solle. Er wehrte sich nicht dagegen, hielt still, bis er ihren Atem spürte und ihre feuchte Wange. „Jetzt muß ich nach Hause gehen." Sie brachen auf. Ein langer Weg— zu kurz für Hans und seine Lust, bei dem Mädchen zu sein. Einsam die Straßen heimzu. Gerdas Hauch noch in der dunklen Stube. Wie schmerzhaft süß, ein Narr der Liebe zu sein! Erinnerung glitt in Traum, Traum in Schlaf, der Schlaf in frühes Erwachen. Kühl rauschte der Morgen wand sich in Nebeln und matter Dämmerung. Das Frühvol'k hastete durch die Straßen: Bäck-rjungen, Dienst- mädchen Arbeiter. Zur rechten Zeit langte Hans in der Nahe von Gerdas Wohnung an. Sie trat aus dem Hause, eilte leichten Fußes vor ihm her.„Gerda!" Sie wandte sich: ihre Augen waren ein wenig müd. Sie traten in einen Hausflur und küßten sich. Wie tapfer ist sie. dachte er; zwölf Stunden jeden Tag bediente sie im Warenhaus für schlechten Lohn em launisches Publikum, hatte zu Hause sicherlich nock genug der Arbeit— und fand noch Zeit, Kraft. Liebe und Geduld, das heiße Herz eines liebestollen Burschen zu verkühlen. Sie schritten eilig dahin. Bon den Türmen hallten drei Schlage. „Wir haben noch fünf Minuten Zeit." sagte Gerda, und st- bogen in die Anlagen ein. setzten sich auf eine Bank und blickten aus das stürzende Waffer. Wie rätselhaft war sie doch — und wie schön! Die Minuten rauschten dahin wie das
Wasser. Bang duckte sich seine Seele vor der Dämonie des Vergehens. Alles fließt... So verwehten Wochen wie ein Lied und wie eine Ge- bärde. Die Tagen wurden kürzer, warfen Regen und Schnee, die Bäume standen dürr und entlaubt. Eines Tages kam Gerad nicht mehr, dafür fand Hans einen Brief von ihr am nächsten Morgen vor. Mein lieber Freund! Wir dürfen uns eine Woche lang nicht sehen. Ich will nicht danach fragen, wie dir dabei ums Herz ist, denn ich bin müde geworden. Wir wollen einmal ausruhen voneinander. Wenn wir uns dann nach einer Frist wiedersehen, werden wir wissen, was wir uns noch zu sagen haben und was wir uns noch sind. Vis dahin bleibe guten Mutes und der treue Freund deiner Gerda. Hans fühlte den Schlag, den er lange gefürchtet hatte. als einen körperlichen Schmerz in der Brust, der sich zitternd in alle Glieder verteilte. Dann lachte er bitter und laut, setzte sich an den Tisch und schrieb, ohne sich zu besinnen, auf ein Blatt Papier : „Du spielst mit Menschen, wie mit Puppen!" Als er den Brief in den Kasten geworfen hatte, reute es ihn schon. Er wollte einen zweiten hinterherschicken und fand keine Worte mehr. In niederträchtiger Trägheit verrannen die Stunden der Arbeit, leer schlich der Abend und brachte keinen Schlaf. Hans schrak vom Lager auf, als der Brief- tröger klopfte. Gerdas Antwort:„Lebe wohl!" Hagel trieb an die Scheiben Das rulztige Wetter! Hans warf sicb auf den Fußboden und weinte, schrie wie ein Mensch in der Folter. Hartgefroren die Straße, silbergrauer Reif auf dem Ge- strüpp, auf den toten Feldern, und der Wind schneidend kalt, hohl tönend, grell-wfeifend. Knarrendes Krähengelärm. O, Hans war'fröhlich, fang sogar: ..... bist ja noch so jung! Hast ja noch zum Sterben Immer Zeit genung...!" Da war er wieder am Marschieren, da war wieder die Landstraße, da blieb wieder alles hinter ihm. was Leid und Freude hieß— und vor ihm die Zukunft. Schwarzes Haar und schwarze Augen, was will das zur Treue taugen: Liebe schafft nur trüben Sinn— laß fahren dahin! Dichten konnte er also such noch, und das Pläneschmieden würde sich wieder einstellen: ja, er war ein patenter Kerl, nur für seine Liebste
nicht patent genug. Vielleicht war er auch nur ein Schlapp- schwänz, ein Weiberknecht und Schürzenjäger, ein Heulpeter und Gemüteles, und es geschah ihm alles ganz recht. Ganz gleich, er hatte niemand als sich selbst, das mußte fürs erste reichen. Wenn er sich selbst nicht verlor, mußte alles andere halb so wichtig sein. Ein Mann ist noch zu anderen Dingen berufen, als Mädchen um Liebe anzubetteln, und manchmal ist auch der Harnisch sein Bett. Er war in die Welt gesprungen, um zu schwimmen, auch um die Klippen herum. Es war die Zeit gekommen, sich zu fragen, ob er nicht noch andere Dinge liebte als schlanke Mädchen, leise Lieder und weiße Wolken, nämlich Härte und Widerstand, Kampf und Entbehrung, Trotz und Enthaltung. Die Sehnsucht allein tat es nicht— tausend Werke warten in der Welt auf tapfere Kerle. Und er wollte einer sein. Eine kleine Geschichte fiel ihm ein, die ein Russe geschrieben hatte, die Geschichte vom Sperling, den der Habicht belauert.„Mag auch über uns der Habicht kreisen, noch wollen wir kämpfen— zum Teufel auch!" Noch wollen wir kämpfen— zum Teufel auch! So ging Hans aufrecht in den kalten Winter hinein, ent- schloffen, das Ziel zu finden, das er suchte. Das, was er hinter sich hatte, gehörte ja noch zum Vor- spiel seines Lebens, war ein Präludium der Wandlungen, in dem die Grundmotive der Vollendung anschlugen. Er wollte die großen Meere befahren, die Länder der Erde bereisen, wachfen am Leid und aufblühen in der Freude des Menschen- seins, wollte sich stählen in Arbeit und Not, kühn werden in Gefahren, stolz in Versuchungen, heiter in der Ueberwindung. Das Ohr wollte er an den Boden legen, um die kommenden Gewalten zu späben, denen Feindschaft oder Treue anzusagen war: um des Volkes willen, dem sein Herz geborte. Es mußte etwas bleiben, wenn sich die Wässer des Auftriebes und der Sehnsüchte verlaufen hatten— Hans Onfreder der Mann, Hans der Ritter, gefchient in das Eisen der klaren Tat. Hans lief durch die Gänge seiner Seele wie ein Bergmann durch die Stollen eines Schachtes, mit dem Hammer die Wände abklopfend, um die Metalle aufzuspüren, die zu bergen sich lohnte. Fruchtbar sollte sein Gehirn werden, eine Scheuer der Erkenntnis für alle, auf die es ankam, feine Stimme wollte er zur Glocke gießen, weithin im Lande vernehmbar. Denn das neue Lied vom neuen Leben mußte gesungen wer- den, die neue Jugend mußte kommen und mächtig werden — damit nicht die apokalyptischen Reiter, deren Roßhufe un- geduldig an den Grenzen des Erdenschicksals scharrten, höhn- lachend über Ohnmächtige stieben!