_______ Heilage öes Vorwärts
Soxer-Seppel als Sotj<hastsattach6. Der Mann mit der„Dichteriiis". Boxer-Seppel, der mit seinem bürgerlichen Nnmen Hans Haas heißt, aber als Berufsboxer unter den Namen Seppe! Huber auftritt, hatte sich wieder einnial vor Gericht zu verantworten. Diesmal mar er wegen Rückfallsbetruges und Urkundenfälschung angeklagt. Boxer-Seppel hatte im März 1921 bei einer Blumenhändlerin ein großes Biumenarrangsment bestellt, das angeblich der Tänzerin Scharet zugeschickt werden sollte. Er nannte sich Atkinson, Mitglied der Interalliierten Kommission und Attache bei der amerikanischen Botschaft. Als er bezahlen sollte, erklärte er, daß er seine Briestasche im Botschafts- bureau liegen gelassen habe? da das Bureau aber augenblicklich ge- schlössen sei, brauche er Geld, um mit einem Auto nach seiner Wohnung zu fahren. Die Blumenhändlerin ließ sich auch durch dies« Erzählung betören und lieh ihm noch Geld für das Auto, nachdem ihr Herr Attache versprochen hatte, am Abend wiederzukommen und zu bezahlen. Er hatte auch über das ge- liehene Geld eine Quittung ausgestellt mit der Unterschrift„Atkinson, Botschaftsrat U S.." Wer sich aber nicht sehen lieh, war der Herr Botschaftsrat._(Sr ist erst später ermittelt worden, nachdem er wegen einer Schießaffäre ins Gefängnis gekommen war. Dem Gericht machte der Angeklagte in der Verhandlung schwere Vorwürfe, weil man ihn habe solange im Gefängnis sitzen lassen. Er habe während seiner Haft Zahnoereiterung bekommen und habe sich infolgedessen 11 Füllungen vom Zahnarzt einsetzen lassen müssen. Er fürchte, seinen Beruf als Boxer nicht weiter ausüben zu können, weil ja bei einem Schlage ins Gesicht die Füllungen herausspringen würden. Allerdings hätte er sich die Plombierung auf Staatskosten aU Untersuchungsgefangener machen lassen. Eharakteristisch ist, daß sich Boxcr-Sepvcl in seinen Gesuchen und Eingaben in Gedichten und Versen an die Behörde wandte. Ms ihm dies schließlich untersagt wurde, erklärte Boxer» Seppe! in einem neuen Reim, daß er im Gefängnis an der „Dichteritis" erkrankt fei. Der Gerichtshof nahm jedoch auf all« dies« Einwendungen keine Rücksicht, sondern verurteilte ihn wegen Diebstahls im Rückfall und Urkundenfälschung zu vier Monaten Gefängnis. Jedoch wurde die Strafe als verbüßt angesehen. ReingefaNcne Briefkastenmarder. Einen großangelegten Sckwindel bat die Kriminal- dienststelle unmittelbar vor der Ausführung durcbleuzt. Diebeiden Hauptnnlernehnter, ein früherer Festangestellter Heine und ein Chemiker Donath, sowie ihre beiden Helfershelfer.?wei schon mehrfach bestrafte Männer, wurden unmittelbar vor der Ausführung ihres Planes festgenommen. Heine und Donath hatten für sich und ihre Spießgesellen Postdienstmützen und eine Sammelkasse beschafft und«S darauf abgesehen, unausfällig einem Briefkasten seines Inhalts zu berauben. Sie hatten einen Kasten am Tempel- hofer Ufer auSgewädlt, in den gewöhnlich von Angestellten der Babn- Spedition vom Anhalter Bahnhof die Avise über zu expedierende Güter hineingetan werden. Heine erregte Verdacht und Post- direktor Uhse ließ durch die Beamten der Kriminalpostdienststelle eingehende Beobachtungen anstellen. So gelang eS. d i e B a n d e zu fasse n. Als sie sich daran machte, den Briefkasten zu öffnen, wurde sie festgenommen. Die Bande besaß einen Schlüssel zum Briefkasten und Donath hatte auch einen gutgearbeitetcn Stempel angefertigt, mit dem die Stückgüter zur llebernahme gestemvclt werden sollten.
Der höfliche Straheubahnschaffncr. Di« Verwaltung der Berliner Straßenbahn nimmt, wie die Reichszentrale für deutsche Verkehrswerbung mitteilt, Veranlassung, ihr« Angestellten nachdrücklichst auf höfliches Benehmen gegenüber den Fahrgästen hinzuweisen. So werden die Schaffner besonders daran erinnert, daß sie die Borweisung von Zeitkarten mit höflichem Dank zu bestätigen haben. In gleicher Weise sollen sie sich den Inhabern von Freifahrkarten gegenüber verhalten, damit nicht der Anschein erweckt wird, als würben die zahlenden Fahrgäste besser behandelt, als die Inhaber von Fvcifahrkarten. Weiter ist vor Abfahrt vor den Haltestellen Umschau nach Fahrgästen zu halten. Ist der vorder« Wagen besetzt, so soll der Beamte höflich das Publikum auf den Beiwagen verweisen. Der Schaffner des hinteren Wagens soll gewissenhaft warten, bis die vom Triebwagen abgewiesenen Fahrgäste in den Beiwagen ein- gestiegen sind. Um den Nachtarbeitern die voll« Ausnutzung der Wochenkarte zu ermöglichen, hat sich die Straßenbahn damit einverstanden erklärt, daß für die Heimfahrt am Sonntag Ibis 8 Uhr morgens das am Montag freigebliebene Fahrten-
ZNittwoch, 25. Kpril m3
fcld benutzt werden darf. Das bisher vielfach geübt« Berfahren, dem Nachtarbeiter für die Fahrt zur Arbeitsstelle am Montag abend beide Fahrtenfeldcr für Montag zu entwerten, darf also in Zukunft nicht mehr angewendet werden. Im übrigen gelten natürlich Wochenkarten, mit Ausnahme der für die oben bezeichneten Nacht- arbeiter, nicht für die Fahrt am Sonntag. Die Löhne öer Strofgefangensn. Wir veröffentlichten kürzlich unter der Ueberfchrift„Das Elend der Strafgefangenen" einen Artikel, in dem hauptsächlich über die Löhne der Strafgefangenen Klage geführt wurde. Soweit in dem Artikel Einzelfälle angeführt wurden, sind Ermittlungen eingeleitet worden; allgemein führt der Amtliche Preußische Pressedienst schon jetzt zu dem Thema folgendes aus: „Bedürfnisse privater Unternehmer werden in den Strafanstalten nur in beschränktem Maße und nur insoweit berück- sichtigt, als Arbeiten für Reichs- und Staatsbetriebe nicht zu be- schaffen sind. Wenn in vereinzelten Fällen noch geringe Löhne gezahlt werden, so liegt dies daran, daß der Staat durch ältere Verträge gebunden ist. Im übrigen wird seit geraumer Zeit auf eine Annäherung an die Löhne der freien Arbeiter nachdrücklich hingewirkt; die Verträge werden nach Möglichkeit so abgeschlossen, daß sich die Löhne automatisch mit dem Lebenshaltungsindcx er- höhen. Eine völlige Gleichstellung der von den Unternehmern zu zahlenden Betrüge mit den Löhnen freier Arbeiter läßt sich wegen der besonderen Verhältnisse der Gesangenenarbeit, insbesondere der Unzuträglichkeiten, die diese Arbeiten mit sich bringen, nicht erzielen. — Für die dem einzelnen Gefangenen zu gewährende Arbeits- belohnung waren bisher für das ganze Reich Höchstsätze fest- gesetzt. Seit dem 1. April 1923 ist die preußische Justizverwaltung hiervon abgegangen, und es wird ein bestimmter Teil des in der Anstalt aufkommenden Arbeitsoerdienstes den Gefangenen als Ar- bcitsbelohnung zugeteilt. Dieses Verfahren hat eine beträchtliche Steigerung der Arbeitsbelohnungen zur Folge. Zum Schutz vor dringender Rot erhält jeder mittellose Ge- langen« bei der Entlassung einen bestimmten Betrag aus Staatsmitteln. Die Kleidung wird instand gesetzt, ohne daß es eines Antrages bedarf: nötigenfalls werden Kleidungsstücke von der Anstalt beschafft. Hierfür werden die denkbar billigsten Preise berechnet, und zwar auch nur dann, wenn der Gefangene genügend Mittel hat."__ Unduldsamkeit gegen eine Tote. Auf dem Friedhofe in Oberschöneweide sollte die Leiche einer durch Gasvergiftung freiwillig aus dem Leben geschiedenen Frau H. beigesetzt werden. Hierbei kam es zu peinlichen Szenen. Der Fried- Hofsbeamte ordnet« an, daß die Leiche, weil sie angeblich schau stark in Verwesung übergegangen sei. nicht durch den Hovptein- gang getragen werde. Hätte sich denn, so muß man fragen, der Geruch im Seiteneingang weniger als im Haupteingang be- merkbar gemacht? Der wahre Grund der mit den heutigen Anschau- ungen in keiner Weise übereinstimmenden Anordnung war natürlich eine allzu persönlich« Stellungnahme des Deamten gegen Menschen, die sich zum Freitod entschließen. Solch« Zeilen, in denen de? Sslbsttnörder ohne Sang und Klang in einer Kirchhofsecke oer- scharrt werden mußte, sollten doch endgültig vorbei sein. Erst auf energischen Protest der Leidtragenden zog der Fried- Hofsbeamte seine unduldsam« Anordnung zurück.
Landeskonferenz der Mieterverbände. Die Tagung der Vertreter der preußischen Mieterverbände, die am 21. und 22. d. M. in Berlin stattfand, kam einmütig zu dem Beschluß, innerhalb des Bundes deutscher Mietervereine<Sitz Dresden ) einen Preußischen Landesverband zu grün- den. Sämtliche preußischen Provinzial- und Gauverbände haben sich sofort dem Preußischen Landesverband angeschlossen. Zum ersten Porsitzenden wurde einstimmig der Vorsitzende des Gaues Berlin . Genosse D z i e y k. gewählt, der auch die Geschäftsführung des Verbandes übernommen hat. Mehrere Vorstandsämter wur- den für die Vertteter der Gewerkschaften offengehalten. Die Aus- führung des Reichsmietengesetzes, die namentlich im besetzten Gebiet sehr zu wünschen übrig läßt, wurde fcharf kritisiert. Das aus allen Verbänden vorliegende umfangreicke Material soll sofort bearbeitet und alsdann den zuständigen Behörden unter- breitet werden. Eine Reihe anderer wichtiger Fragen gelangte gleichfalls zur Besprechung. Es herrschte völlige Einmütigkeit darüber, daß die Mietervcrbände durch eine straffere Organisation ihren Einfluß auf die Behörden erheblich ver- stärken und in allen Fragen einmütig vorgehen müssen, zumal der Housbesitz mit großen Mitteln und mit allen Kräften an der Durchlöcherung des Mieterschutzes und der Beseitigung der Zwangs- Wirtschaft arbeitet. Am 23 d. M. begab sich ein« größere Depu-
ZWischen Ostern und Pfingsten. Die fünfzig Tage, die zwischen Ostern und Pfingsten liegen, haben gewiß keine besondere Signatur und keinen besonderen Inhalt. Und doch haben sie ein besonders Reizvolles, denn diele Zeit zwischen Ostern und Pfingsten hat etwas Unruhvolles in der Natur und im Menschen. In der Natur ein großes, gewaltiges Ringen aus dem Dunkel des Winters nach neuer Sonne, neuem Segen, noch Licht und Klarheit auf allen Wegen. Nichts kann reizvoller fein, als das Beobachten gewissermaßen des Augenauffchlagens der Natur nach langem, bangem Winterschlaf, des ersten kräftigen Atemholens nach langer Winterstarre. Freilich, so viele Leute der Großstadt, die Armen und Aermsten, die in Quergebäuden und Hinterhäusern wohnen, die nur Häuser und Mauern und Dächer und qualmend- Fabrikschornsteine erblicken, wissen nichts, oder ahnen nur ein wenig von der zarten Schönheit der ersten grünen Blätter, von der zier- lichen Form der ersten Knospe. Dieses Unruhevolle der Natur, diele große Revolution aus der Finsternis zum Licht, aus der Freudlosig- ksit zur Sonnenfreude und dem Festesglanz purpurn prunkender Sonnenuntergänge teilt sich auch dem Menschen mit. Freilich, wenn jene glücklichen Sterblichen, die von Kargheit und Dürftigkeit und ewigem Mangel nichts wissen, die Unruhe des Frühlings ins Blut schlägt, greifen sie zum Kursbuch und fahren mit dem nächsten Zug nach den Stätten, an denen der Frühling alle sein« Reize am wunder- vollsten entfaltet. Diese fünfzig Tage beweisen, daß auch der Früh- ling einen scharfen Trennungsstrich zieht zwischen arm und reich. Der Arme freut sich, wenn der Frühling im Land steht, daß er weniger Kohle und weniger Licht braucht, und der Reiche nimmt die Unruhe, die ihm der Frühling ins Blut gelegt, fetzt sich auf die Eisen- bahn und fährt aus dem grauen, grämlichen Steinbaukasten der Großstadt der Sonne entgegen. Und so muß man zu dem Schluß kommen, daß die fünfzig Tage zwischen Ostern und Pfingsten doch nichts Besonderes haben, denn so ist es zu allen Zeiten des Jahres, daß der Reiche alles hat, was er will und wünscht, und daß der Arme immer darbt und an das Notwendigste zum Lebensunterhalt denken darf. Die falsche Stütze. Sie wollten»ein Ding drehen". In Steglitz wurde vor einiger Zeit die hochbetogte Witwe Puppe das Opfer eines Raubmordversuches. Sie hatte sich um eine Stütze bemüht und eincs Tages meldete sich bei ihr eine solch«, die ihr Vertrauen fand. Am Abend erbat sich die neue Hausgenossin, die sich«inen falschen Namen beigelegt hatte und in Wirklichkeit Mari« Seidel hieß, Urlaub, weil sie«inen Schneiderkursus mitmache. In Wirklichkeit traf sie ssch mit dem Drechsler M a tz l a t, mit dem sie sich schon vorher verständigt hatte, um bei der alten Frau„e i n Ding zu drehen". Tie Seidel kehrte mit dem Matzlat in d:e Wohnung d-er Greisin zurück, um das Silberzeug und die Schmuck- fachen zu rauben. Als Matzlat das Zimmer betrat, schreckte die Greisin aus dem Schlaf empor und schrie um Hilfe. Nunmehr be- arbeitete MaMat den Kopf der alten Frau mit einem Totschläger und brachte ihr mehrere schwer Verwundungen bei. Nach Angabe der Frau Puppe hielt der Täter sie für tot: obwohl sie bei vollem Bewußffein war, rührte sie sich nicht, denn sie fürchtet«, daß man sie sonst töten würde. Tatsächlich merkte sie auch, wie man ihr die Hand hoch hielt, als ob man sich überzeugen wolle, ob sie noch Lebenszeichen von sich gebe. Nachdem die Wohnung ausgeplündert worden war, suchten die Täter das Weite. Matzlat und die Seidel hatten sich nunmehr vor dem Schwurgericht des Landgerichts III wegen versuchten Raubmordes zu verantworten. Wegen Begünstigung war der Arbeiter Oskar Krause mitangetlagt, zu dem der Raub hingeschafft worden war. Bor Gericht bestritten die beiden Hauptangeklagten, daß sie die Absicht gehabt hätten, die Witwe zu ermorden. Es sei ihnen nur auf den Diebstahl angekommen. Nur dadurch, daß die Witwe erwachte, will sich Matzlat dazu haben hinreißen lasscn, die alte Frau zu betäuben. Die Geschworenen sprachen die Angeklagten Matzlat und Seidel nur sckiuldig des versuchten Totschlages unter Zubilligung mildernder Uinständs, während sie Krause, der in Abrede ge- stellt hatte, von der Tat etwas gewußt zu haben, freisprachen. Matzlat wurde zu fünf Jahren zwei Monaten Ge- fängnis, die Seidel zu zwei Jahren sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Beiden wurden drei Monate auf die Untersuchungshast angerechnet.
(Äichdruck vcrbotrn. Der Mclik-Verlaft, Derlin.1 Drei Soldaken. 94] von John dos Passos . Aus dem«lmerikanischen M-nuIkript vdersedt von Julian Sampttj. „Erzähl mir doch davon, Kamerad. Ich fühle meine Hand nicht so, wenn ich mit jemandem spreche... Meine Abteilung war in Koblenz . Da habe ich Chris getroffen. Dann war ich in Straßburg , wo wir'ne feine Zeit verlebt haben. Donnerwetter, alles in dieser Stadt richtig pittoresk, gerade so, wie mir einer zu Hause immer erzählte, dessen Eltern aus Italien gekommen waren. Da unten traf ich ein Mädchen, das mir erzählte, sie wolle da mal runter kommen. um nach iffrem Bruder zu sehen, der in der Fremdenlegion sei." Andrews und Chrisfield lachten. „Warum lacht ihr?" fragte Al mit eifriger und gespann- ter Stimme. „Wirklich und wahrhaftig, ich werde sie heiraten, wenn ich je hier rauskomme. Sie ist das beste kleine Mädchen, das mir je begegnet ist. Sie war Kellnerin in einem Restaurant.. Ich blieb und blieb, immer länger. Jeden Tag deichte ich, werde den nächsten Tng fahren. Na, der Krieg war vorbei... Hat denn der Mensch überhaupt keine Rechte mehr? Dann begann die Militärpolizei Straßburg zu bearbeiten. Und da habe ich gemacht, daß ich fortkam. Und jetzt sieht es aus, als ob ich nie wieder zurück könnte." „Sag', Audi)," fiel Chrisfield plötzllch ein,„wollen'mal 'runtergehen und einen trinken." „Gut. Al, sollen wir dir was mit'raufbringen?" „Nein. Ich will still liegen und die Hand in Alkohol baden dann und wann... Wie dem auch sei, es ist heute der erste Mai. Verrückt, auszugehen. Man kann euch fassen. Ausstände sollen bevorstehen." „Das habe ich ja ganz vergessen. Es ist der erste Mai heute!" rief Andrews.„Generalstreik zum Protest gegen den Krieg mit Rußland und.. „Einer sagte mir." unterbrach Al mit schriller Stimme, „eine Revolution werde kommen" „Komm mit, Andy," sagte Chrisfield von der Tür aus. Auf der Treppe drückt? Chrisfield Andrews' Arm hart. „Sag', Andy," Chrisfield legte seine Lippen nahe an Andrews' Ohr und sprach heiser flüsternd:„Du bist der einige, der weiß
— du weißt was. Du und der Sergeant. Sag' hier keinem was. damit sie mich nicht fassen können, hörst du?" „Gut, Chris, werde kein Wort sagen. Aber Mann, nimm dich doch ein wenig zusammen. Du bist nicht der einzige, der mal einen erschossen..." „Halt doch's Maul, hörst du?" murmelte Chrisfield wild. Sie gingen die Treppe schweigend hinunter. In dem Raum neben der Bar saß der Chink in seine Zeitung vertieft. „Ist der Franzose?" flüsterte Andrews. „Weiß nicht, was er ist. Ist kein Weißer", sagte Chrisfield. „Aber er verrät bestimmt nichts." „Wissen Sie, was vorgeht?" fragte Andrews auf ftan - zösifch und ging an den Clfink heran. „Wo?" Der Chink stand auf, warf aus seinen Schlitzaugen einen mißtrauischen Blick zu Andrews hinüber. „Draußen, auf den Straßen, in Paris , überall wo die Leute draußen sind und was unternehmen können. Was halten Sie von der Revolution?" Der Chink zog die Schultern zusammen.„Es ist vieles möglich auf der Welt", murmelte er. „Meinen Sie wirklich, daß man an einem Tags wie diesem die ganze Armee und die Regierung über den Haufen werfen kann?" „Wer?" warf Chrisfield ein. „Nun. das Volk, Cbris, das gewöhnliche Volk, wie du und ich, das müde ist, herumkommandiert zu werden, das müde ist, niedergetreten zu werden von anderen Leuten, nicht besser und nicht mebr als man selbst, die nur das Glück hatten, an die richtige Stelle in diesem System zu kommen." „Wissen Sie, was ich tun werde, wenn bis Revolution kommt?" brach der Chink ein mit plötzlicher Intensität und schlug sich mit der einen Hand auf die Brust.„Ich werde geradeaus in einen dieser Iuwefierläden in der Rue Royale gehen und meine Taschen anfüllen und nach Hause kommen mit den Händen voller Diamanten." „Welchen Sinn soll das haben?" fragte Andrews. „Welchen Sinn? Ich werde sie im Hof oergraben und warten. Ich werde sie am Ende doch brauchen Wissen Sie, was das heißt, Ihre Revolution? Ein anderes System! So lange es noch ein System gibt, wird es immer Menschen geben, die man mit Diamanten kaufen kann. Das ist so auf der Welt." „Aber die Diamanten werden ja nichts wert sein. Nur die Arbeit, die wird Wert haben." „Wollen abwarten", sagte der Chink.
„Meinst du wirklich, Andy, daß eine Revolution kommen kann un' keine Sklaven mehr sein werden, un' wir herum» laufen können wie Zivilisten? Ich glaub's nicht. Kerls wie wir haben nicht Mumm genug, gegen dos System anzugehen. Andy." „Viele Systeme find früher schon untergegangen. Auch dieses �System wird seinem Schicksal nicht entgehen." „Sie kämpfen gegen die Garde Räpublicaine dort unten vorm Ostbahnhof", sagte der Chink mit tonloser Stimme. „Was wollt Ihr hier unten? Bleibt lieber oben. Man kann nie wissen, was die Polizei unternimmt hier bei uns." „Zwei Flaschen Weißwein, Chink", sagte Chrisfield. „Wann wirst du blechen?" „Gleich. Der da hat mir fünfzig Frank gegeben." „Reich also?" sagte der Chink mit Haß in der Stimme und wandte sich zu Andrews. Er ging hinüber zur Bar und schloß die Tür sorgsam hinter sich. Ein plötzliches Klingeln der Glocke ertönte. Laute Stimmen und stampfende Füße. Andrews und Chrisfield gm- gen auf Zehenspitzen in den dunklen Korridor, wo sie eine lange Zeit standen, wartend und die faulige Lust widerwillig einatmende Schließlich kam der Chink mit drei Flaschen Weiß- wein wieder. „S-e haben Recht", sagt« er zu Andrews.„Auf der Avenue Magenta werden Barrikaden errichtet." Als er Cbrisfield wieder in das Zimmer folgte, sah An- drews einen Mann auf dem Fensterbrett rauchend sitzen. Er war gekleidet wie ein Secondleutnant, seine Gamaschen waren glänzend gepufft, und er rauchte eine lange, weihe Zigaretten- spitze. Seine Nägel waren sorgfältig manikürt. „Das ist Slippern, Andy", stellte Chrisfield vor.„Das ist 'n alter Kamerad von mir." „So?" „Du hast deine Unfform ausgezogen. Sehr dumm", sagte Slippern.„Wenn sie dich nun fassen?" „Habe nicht die Absicht, mich fassen zu lassen", antwortete Andrews. „Wir haben Wein", meinte Chrisfield. Andrews ging hinüber zum Bett. Al lag dort und wand sich vor Schmerzen. „Hallo." sagte er,„was gibt's Neues?" „Barrikaden sollen beim Ostbahnhof gebaut werden. Kann vielleicht was werden." (Fortsetzung folgt.)