nc.437 � 4S. Jahrgang_ Mittwoch, 14. September 1423
NuUentaumek Wir sind gleichsam über Nacht zu Millionären geworden. Wir leben in einer Welt von Nullen, in einer geradezu unheimlichen Welt. Der Wert der Null wird uns recht klargemacht. Was vor langen Zeiten einmal 10 Pf. kostete und trotzdem nicht einmal als billig empfunden wurde, hat in den letzten Jahren der Reihe nach eine Mark, zehn, hundert, taufend, zehntaufend, hunderttausend gekostet und kostet jetzt Millionen. Die Zahl der Nullen ist gewachsen, überall� aber sie sind all« nicht mehr wert als das, was wir uns früher einmal für 10 Pf. kaufen konnten. Noch scheint diese Entwicklung nicht am Ende zu sein. Alle, die bei jeder neuen Null, an die wir uns gewöhnen mußten, sagten, daß es fo nicht mehr weiter gehen könne, haben unrecht gehabt. Ihre Prophezeiung war selbst gleich Null, jheuic sind etwa drei Millionen gleich 10 Goldpfennige bald werden zehn, hundert, tausend Millionen ebensoviel wert sein. Unser Zahlen- fassungsve-rmögen dehnt sich, geht in die Weite, bald werden wir mit Sonnenjahren wie mit etwas Alltäglichem rechnen. Unsere Jugend gewöhnt sich sehr schnell daran, sie lernt in Zahlen denken. die Nullen, die manchem von uns in der Schulzeit so viel« Kops- schmerzen verursachten, machen auf das neue Geschlecht keinen Eindruck mehr. Und das ist gut so in jeder Hinsicht. Doch die Alten gehen an den Nullen zugrunde. Sie sind ausgewachsen in der Anschauung, daß die Null etwas sehr Seltsames und Bedeuten- des sei. Durch die Null wurden die Einer zu Zehnern, Hunderten, zu Millionen und Milliarden. Weiter konnten sie selten denken. Und das war schon sehr viel. Man denke, Milliarden, und alles durch die geheimnisvoll« Null. All« Tage kann man es erleben. wie sich die Gedanken der alt«n Leute seltsam verwirren, wenn die Nullmaschine im Hirn arbeiten sollt«. Kommt der Gasmann und verlangt„210", ein altes Mütterchen ist allein zu Hause. Sie guckt ihn groß an und seufzt:„Ach, mein Gott, 210, dafiir hat mein Mann einmal den ganzen Monat arbeiten müssen und heute bezahlt man damit gerade den Gasmann." Sie g«ht, holt zwei funkelnagel- neue Hundertmarkscheine und«inen Fllnfzigmarkschein und fragt mißgelaunt den Gasmann, ob er ihr 4V M. wiedergeben könne. Der schaut sie groß an.„Aber Mütterchen." sagt er dann lachend, „doch nicht 210 Mark, sondern zweihuichertzehntausend Mark." Die alt« Frau starrt ihn entgeist«rt an, fassungslos. Sie kann das Zahlenungeheuer, sie kann die Welt nicht mehr begreifen. Leis« lösen sich einige Tränen aus ihren müden Augen. Zufällig kommt ein« junge Frau, ein« Nachbarin, die Treppe herauf. Sie muß ihr helfen, den Mann zu bezahlen. Lange noch, nachdem er gegongen war. saß die alte Frau wi« geistesabwesend. Nie hatte sie über die Nullen ernsthaft nachgedacht. Nun waren die Nullen über sie gekommen und si« war ihnen unterlegen. * Man schreibt uns: Wohl ein dutzendmol ist uns in den letzten Iahren das elck- irische Licht vor der Nase ausgegangen: Betriebsstörung. Und wenn es auch niemals lang« dauerte, so war es doch mehr als peinlich, plötzlich jeder Lichtquelle beraubt zu sein, sich zu überlegen, wo Streichhölzer stehen und mit diesen Sekundenflömmchcn auf die Suche nach einem elenden Lichtstümpfchen zu gehen. Wie leicht kann in der Nacht irgend etwas passieren. Man braucht Licht, es versagt wieder einmal wegen Betriebsstörung und— die Katastrophe ist da. Kurz und gut, wir entschlossen uns, eine der alten Petroleum- lampen wieder in Betrieb zu nehmen. Sicher ist sicher. So eine Funzel ist stets zur Hand und man kann sich auf ihr trübes Licht so bestimmt verlasien, wie man es auf den hellen Glanz des clek- irischen leider noch nicht kann. Wir hatten auch noch eine Petroleumkann« aufgestöbert und um die handelt es sich jetzt. Richtiger aber um den Klempnermeister, der uns die drei kleinen Löcher, die in der Kanne waren, reparieren sollte. Dieser Meister war ein altes Männchen und noch unermüdlich bei der Arbeit. Nach kurzer Zeit kam unser Junge mit der reparierten Kanne zurück. „Denkt mal," sagte er lachend,„der Meister will dafür 10 000 M. haben."„Wieviel will er haben?" fragten wir erstaunt.„Zehn- tausend Mark." Wir sahen uns an, konnten aber nicht lachen wie der Junge. Hier sprang nämlich ein« der tiefsten Fragen unserer Zeit plötzlich empor. Auf der einen Seite die Raffer, die gar nicht
hohe Preise genug nehmen können und auf der anderen einer, der sich scheut, den Zahlcnwahnsinn mitzumachen. Meine Frau be- richtte:„Als ich letzt einem Bettler 10 000 M. gab, hat er kein Wort gesagt. Wir können also den, Meister nicht 10 000 M. geben. Sie ging hinüber und sprach mit dem Alten. Der hatte müde ge. lächelt und erklärt: Er könn-e sich an die hohen Zahlen nicht mehr gewöhnen und es sei ihm unmöglich, seinen Kunden so hohe Preise abzufordern. Sie verstünden, wie er es meinte. Da haben wir ihn denn gestagt, ob er mit 800 000 M. bezahlt sei, und er ist ganz glücklich gewesen und hat gesagt:„Aber selbstverständlich. Und wenn Sie mal wieder'nc Kleinigkeit haben, so bringen Sie's nur rüber. Das kostet nichts!" Wenn die großen Geldmacher nur ein wenig von der anstän- digen Gesinnung dieses Alten hätten, würde es bester um uns stehen. Der IrauenmorS in Neknickenöorf. Ein neues Geständnis des Mörders. Die weiteren Ermittlungen zur Aufklärung des Mordes an der Krankenpflegerin P le t t i g haben nunmehr ergeben, daß es sich auch in diesem Falle um einen Raubmord handelt. Das von der Mordkommission zusammengetragene Belastungsmaterial erwies sich als so schwer, daß der Mörder Weiß schließlich einsah, daß seine Darstellung unglaubwürdig war, und er bequemte sich dann auch zu einem neuen Geständnis. Weiß war arbeitslos, und die Unterstützung, die er bezog, ver- brauchte er für sich selbst. Sein Verdienst als Metallsammler war auch nicht groß, und dieses Geld übersandte er seiner Frau. Er war immer tiefer in Schulden geraten und hatte sogar die Wohnungseinrichtung oerpfändet. An dem fraglichen Abend hatte er einen großen Teil seiner Barschaft mit dem Mädchen durch- gebracht. Morgens, als sein Rausch verflogen war, reiste in ihm der Plan, die Pflegerin umzubringen, um ihr Geld, ihre neue Strick- jacke, den goldenen Ring und die braune Ledertosche zu bekommen. Schnell entschlosten ging er in die Küche und holte sich dort die Mordwerkzeuge. Während das Mädchen auf dem Bettrand saß, schlug er es nieder. Er vollendete den Mord, indem er mit einem Messer und einer Gabel blindlings sein Opfer bearbeitete. Er selbst hatte sich dabei Verletzungen an der Hand zugezogen. Nachdem er seine Beutestück« zu Geld gemacht hatte, machte er sich in aller Ruhe dabei, die Wohnung von dem Blute zu reinigen. Trotzdem er dabei große Sorgfalt verwendete, gelang ihm dies nicht ganz. Bei einer Durchsuchung in der Wohnung wurden noch viele Flecke gefunden, und die chemische Untersuchung hat ergeben, daß es sich um Mcnschenblut handelt. Der Mörder hatte sich für sein Alibi einen Entwurf gemacht und ihn abgeändert in sein Notizbuch eingetragen. Fleischvergiftungen in Wilmersdorf . vor kurzem verstarb im Diktoria-Krankenhaus zu Schöneberg der Bureaugshilse Nickel aus der Iohannisbrrger Straße 6 zu Wilmersdorf , vermutlich infolge Ber giftung durch v«r- dorbcnes Fleisch. Die von den Behörden angestellten Nach- fcrschungen sind noch nicht zum Abschluß gelangt. Die Angelegen- heit ist der Staatsanwaltschaft übergeben. Bon unterrichteter Seite wird uns dazu mitg«teilt: Am Freitag, den 7. bzw. Sonnabend, den ». September, bezogen mehrere Familien sogenanntes„Kasseler K a m m st ü ck" aus dem in der Johannisberger Straße befindlichen Laden des Schlächters Emil Rodies. Schon während der Zube- reitung verbreitete dos Fleisch«inen penetranten Geruch. Beim Durchschneiden entdeckte man in der Mitte einige tintenschwarze geäderte Streifen. Bei mehreren Leuten, die von dem Fleisch gegessen hatten, trat bald nach dem Genuß Uebelkeit und Unwohl- s c i n ein. während Herr N., der vermutlich ein besonders stark ver- giftetcs Stück gegessen hatte, nach einwöchigen schweren Leiden verstarb. Erst durch die Nachricht van dem Todesfall wurde den Mitgliedern der weiteren beteiligten Familien klar, in welch großer Gefahr für Leben und Gesundheit auch sie geschwebt haben mögen. Das kaufende Publikum sollte verdorbene Lebensmittel möglichst sofort zurückgeben und Fleischermeister, bei denen feststeht, daß sie erwiesenermaßen bewußt verdorbenes Fleisch verkaufen, sofort zur Anzeige bringen.__ 60 Zentner Zucker beschlagnahmt. Gestern vormittag wurden bei dem Kaufmann Karl Hanisch in Lichtenrade , Bahn- hofstr. Z4, rund 60 Zentner Zucker beschlagnahmt, nachdem sich H. geweigert hatte, den Zucker an seine Kundschaft zu oerkaufen.
--i Kilian. Roman von Jakob Bührer . Die Genugtuung begann. Was war Besitz, Reichtum dem nimmer Rastenden? Nichts! Die wachsende Macht schuf Befriedigung. Schon sprach Billwanger and Comp, ein ge° wichtiges Wort mit bei einer Reihe anderer Unternehmungen, bei der Nordbahn, bei der'Südseegesellschast, sogar beim Stahltrust und anderswo. Wo neues organisiert, wo Leben erweckt werden sollte, war man dabei!— Ueberslüssig zu sagen, daß ich mit dem Herzen bei der Sache war, daß ich meine letzte Energie dafür ausgab. Das ist eben Amerika , daß es seine letzten Energien und zuerst die der Menschen aus- beutet. Da brachte mich eines Tages ein scheinbar unbedeutender Vorfall zur Besinnung. Wir hatten in Ohio eine große Fabrik, die ausschließlich den bekannten Briefheftapparat„Fix" her- stellte, der sich seinerzeit in so wenig Monaten die Welt er- oberte. Nun kam eines Tages ein junger Schreiber darauf, weyn man die beiden Nadeln des Apparates mit einem Feilercktoß einkerbe, so ließe sich die Maschine wesentlich ver- einfachen. Er lief mit dieser Entdeckung zu Levy-Brothers, die sofort auf den Witz eingingen. Sie nannten ihren Appa- rat„Quickly", entfalteten eine Riesenreklame und innert Wochen fielen die Bestellungen auf„Fix" um die Hälfte, ja auf ein Viertel. Der Direktor in Ohio tat. was man in einem solchen Falle tut: er stellte die Hälfte der arbeitslos gewor- denen Arbeiter vor die Türe, den Rest setzte er auf Halblohn, solange bis sich ein neuer Erwerbszweig gefunden hätte, nach dem'fieberhaft Ausschau gehalten wurde. Nun hatte just damals die Sozialdemokratie in Amerika wieder einen neuen Anlauf genommen. Die Führerschaft griff gierig nach dem Vorfall, um den Beweis ihrer Existenz und Macht zu erbringen. Die Arbeiter in Ohio traten in Streik, worauf der Direktor mit Aussperrung antwortete. Nun drohte man mit einem Gesamtstreik in allen Werken der Billwanger and Comp. Wir durften uns nicht einschüchtern lassen und antworteten überhaupt nicht. Daraus Generalstreik. Die erste Folge für mich war, daß ich seit sechs oder sieben Jahren zum erstenmal stundenlang nichts zu tun hatte, daß ich nicht fortwährend vor Fragen und Aufgaben gestellt war. Einfach nichts zu tun! Da begann ich nachzudenken, wie dieser Streik
entstanden sei, nämlich, weil einer darauf kam, daß man mit zwei Feilenstößen einen Apparat vereinfachen konnte!... Das war eine unglaubliche Verrücktheit: weil einer etwas einfacher, besser machte, weil ein Fortschritt erreicht wurde, litten Hunderte Not, kam es zu Streit und Kampf!— Wenn Levy-Brothers zum Billwanger-Konzern gehört hätten, so wäre dieser unsinnig« Zwischenfall nicht möglich gewesen. Kam denn dieser Streik, jeder Streik, alle Arbeitslosig- keit nicht einfach daher, weil es eine Konkurrenz gab? Liebe Mutter Iuliette, ich will es Dir nur gestehen. Ich bin hier das Gegenteil von einem Sozialisten geworden. Wenn einer arbeitet wie ein amerikanischer Geschäftsmann, dann sind ihm die Slchtstundentag-Herren mit ihrem ewigen Verlangen nach Bequemlichkeit ein Greuel, mehr, sie sind ihm ein Verrat am Sinn des Lebens, der dahin geht, zu schaffen, zu arbeiten! Nun stellte mich aber der Vorfall mit dem Fix- binder vor die Erkenntnis, daß es auch bei uns nicht klappt. Wir Unternehmer schufteten drauflos, ohne uns Rechenschaft über den Sinn unserer Unternehmungen zu geben. Wie das Hühnlein aus dem Ei schlüpft und sofort davon rennt, wie es über Jahr und Tag Eier legt, ohne sich darum zu kümmern. ob es nötig ist oder nicht, so folgen die Fabrikanten einem dunkeln Trieb, erzeugen drauflos, ohne klare Erkenntnis: ist es auch vernünftig? Wohl hat man eine unklare Ahnung: dies alles dient dem Fortschritt. Und wie anders wären wir zu den Schätzen hinter Wäldern und Wüsten gelangt, wie anders wäre die Menschheit zu ihrem Reichtum gekommen, als durch die lockende Macht des Geldes? Diese Wahrheit verkennen hieße Stumpfsinn: erst der Kapitalismus und seine Kinder Indu- strie und Technik haben die E/de zu einem menschenwürdigen kulturmöglichen Aufenthaltsort gemacht. Und trotzdem: wenn ein Fortschritt erzielt wurde, litten Hunderte Rot. Kam es zu Kampf und Streit, kam es zu Krieg!— Mit einem Wort, Mutter Iuliette, ich sah mich wieder, wie damals in der Rue Morronnier, vor die Frag« gestellt: wozu dient das alles? Nicht mehr die Kleinkrämerei, sondern der Industrialismus der Welt? Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich über diesen Anfall von Selbstbesinnung hinweggekommen wäre, zumal der Streik nach sieben Wochen mit einer glatten Niederlage der Arbeiter endete, wenn ich nicht kurz vor diesem Friedensschluß das Opfer eines Attentates geworden wäre.
Das Märchen öes Strafgefangenen. Eine Schohgräbergeschichte. Durch ein raffiniertes Schwindelmanöver und seine Leicht» gläubigkeit ist der Gefangenenaufseher R ö ß n e r um Stellung und Freiheit gekommen. Er war im Strafgefängnis Plötzensee als Auf» sther tätig. Unter den Inhaftierten befand sich der Kaufmann Friedrich F r i g g e, der eine mehrjährige Gefängnisstrafe zu ver- büßen hatte. Frigg« gelang es, das Vertrauen feines Gefängnis- aufsehers zu erhalten. Er teilt« Nöhner mit, daß er einen Gold- schätz, bestehend aus goldenen Ketten und Brillantschmuck im Laubengeländc in Westend vergraben habe. Rößner solle den Schatz in Sicherheit bringen und den Erlös mit ihm teilen. Der Ge- fangenenaufseher grub nun eines Nachts an der bezeichneten Stelle, aber der Goldschatz war nicht da. Als er am nächsten Tage dem Häftling von seinen vergeblichen Bemühungen Mitteilung macht«, kehrte dieser den Spieß um und behauptete, daß der Aufscher den Schatz unterschlagen habe. Er drohte Rößner mit einer Anzeige» wenn er ihm nicht zur Flucht verhelfe. Der dadurch eingeschüchterte Röhner ging nun auf den Fluchtplan«in. Eines Nachts öffnete er dem Gefangenen die Zellentür, ver st eckte ihn in der Hunde« Hütte, bis er selbst Außendienst hatte. Nachdem er noch dem Flüchtling einen Zivilanzug verschafft hatte, half er ihm noch über die Mauer des Gefängnishofes, indem Frigge auf die Schultern des Aufsehers stieg und sich dann davonmachte' Um den Verdacht ab- zulenken, war vorher am Gitterfenster der Zelle ein Strick befestigt worden, so daß der Anschein erweckt wurde, als ob Frigge auf diese Weise entflohen sei. Ein„Kassiber", der aber nachträglich im Gefängnis gefunden wurde, verriet die ganze Flucht. Rößner wurde verhaftet und hatte sich vor dem Landgericht III wegen vorsätzlicher Gefongenenbefreiung und Bestechung zu ver- antworten. Auch Frigge ist bald wieder ergriffen worden. Er war wegen aktiver Bestechung mitangeklagt. Rechtsanwalt Dr. Brandt machte für Rößner geltend, daß er das Opfer eines raffi- nierten Planes geworden fei. Die ganz« Geschichte mit dem Goldschatz fei erfunden gewesen und nur darauf berechnet, den Aus- seher den Wünschen des Häftlings gefügig zu mache». Im übrigen habe Rößner sich auch bemüht, den Schaden wieder gut zu machen, indem er selbst die Wiederoerhafiung Frigges herbeiführte. Die Strafkammer trug diesen Gesichtspunkten auch Rechnung und sah von der an sich verwirkten Zuchthausstrafe ab, billig»e Rößner mildernde Umstände zu und erkannte gegen ihn auf 1 Jahr 6 Monate Gefängnis. Frigge erhielt eine Zusatz st rase von 1 Jahr Gefängnis.
„Wählt Pfannkuchen!" Ein alter Partsigenosie schreibt uns: Daß der Name unseres jüngstverstorbenen Genossen Wilhelm P f a n n k u ch auch humoristische Berwsndung finden kann, bekundet folgender Vorfall aus dem Jahre 1884. Als Hasenclever bei der Reichstagswahl infolge Doppelwahl das ihm zugesallens Mandat im 6. Berliner Wahlkreise abgelehnt hatte, wurde Pfanntuch hier aufgestellt. Ein findiger Bäckermeister kam auf den originellen Einfall, seinen Namen zu Geschäftszweckcn auszunutzen. An fämt- lichsn Wahllokalen stellte er Gehilfen mit riesigen Körben voll frischer Psannkuchen auf. Wenn Wähler kamen, tönte ihnen von dorther der schallende Ruf:„Wählt Psann» tuchen!" entgegen. Und tatsächlich wußten die Wähler dos An- genehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Unser Genosse wurde mit großer Majorität gewählt und die appetitliche War« fand reißenden Absaiz. « Die Einäscherung Wilhelm Pfannkuchs findet am Donners- tag, den 20. d. M., nachmittags 6 Uhr. im Krematorium G e. r i ch t st r a ß e statt. Teilnahme nur mit Korten, die vom Bezirks- sekretariat herausgegeben werden. Di« Mitglieder der Reichstags fraktion, die an der Bestattungsfeier teilnehmen wollen, können eine Einlaßkarte im Fraktionssekretariat erhalten.
Spenden der Laubenkolonisien. Der Verein der Klein- gartenpächter der Stadt Berlin in Blankenburg verteilte am Montag, den 17. September, an 500 arme Frauen und Männer des Bezirks Mitte Feld- und Gartenfrüchts. Die Beschenkten waren in der Gemeindeschule Ruppiner Straße versammelt. Nach einer Ansprache des Vorsitzenden und Gesangsvorträgen des Männer- gesangvereins„Einigkeit", Bezirk Mitte , wurden die Gaben verteilt.
Nämlich, als ich eines Abends aus einer Versammlung unserer Aktionäre auf die Straße trat, wurde ich im Augen- blick, als ich mein Automobil bestieg, von hinten angeschossen. Ein Lungenschuß, der in drei Wochen völlig ausgeheilt war. Der Schütze wurde erwischt, und sein-e Einvernahme führte zur Verhaftung von etwa dreißig Anarchisten. Ich sah die Gesellschaft bei der Hauptverhandlung, in der ich anwesend sein mußte. Unter den ziemlich verwegenen Burschen saß auch eine Frau. Ich erkannte in ihr sofort eine Dame, die ich seinerzeit in Genf kennengelernt hatte. Aus ge- wissen Gründen habe ich Dir nie von ihr erzählt, doch kann ich Dir heute gestehen, daß ich jene Dame heimlich heiß, wenn auch hoffnungslos liebte. Irgendwie ist sie nie aus meinein Herzen entschwunden, und wahrend all der Zeit in der Rue Morronnier war sie vorwurfsvolle Erinnerung, und der von ihr angefachte Wille zu einer neuen und besseren Welt ist es im letzten und tiefften Grund«, der mich aus jener Philister- gaffe hinauspeitschte. Hier in Amerika hatte ich sie freilich fast ganz vergessen. Um so größer war nun die Ueberraschung, sie unter solchen Umständen wiederzufinden. Die Bande stand unter der Anklage, eine Verschwörung gegen die New Dorker Geldaristokratie angezettelt zu haben, wofür der Beweis ziemlich lückenlos erbracht schien. Sie wur» den alle mit ein bis sieben Iahren Zuchthaus bestraft. Am Shlimmsten kam der Bursche weg. der auf mich geschossen atte, ein frischer Kerl, dem ich gerne geHolsen, wenn er sich früher an mich gewandt hätte. Meine Bekannte aus Genf erhielt achtzehn Monate. Als ihr Urteil verkündet wurde, stürzten mir die Tränen aus den Augen..Sie selber saß ruhig und unbewegt. Nie werde ich vergessen, wie einfach und klar sie sich verteidigte. Und ganz unvergeßlich und von tiefster Wirkung war, als sie mit leise gehobener Stimme erklärte:„Das Unglück ist, daß es der Kapitalismus bis heute nicht verstanden hat, die Welt- Produktion zu organisieren, so daß die widersinnige Konkur- renz, die daraus folgende Feindschaft der Klaffen, die Kriege nicht aufhören!" Der Gerichtspräsident, ein sehr vornehmer und kluger Kopf, verneigte sich und sagte:„Ich gebe Ihnen recht. Die Sache ist nur— wir glauben nicht, daß die Menschen ohne Konkurrenz und ohne die Peiffche Kapital auch wirtlich arbeiten!"—