Nr. 537 40.Jahrgang Ausgabe Nr. 268
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Freitag, den 16. November 1923
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Baldwin droht mit Bruch.
Auffündigung der Entente?
und entscheidenden Periode wäre es für Frankreich ein wahres Geschenk vom Himmel, wenn Deutschland dem Chaos verfiele. Dem treibt es aber rettungslos zu, weil in der Re gierung des Reiches der feste Wille fehlt, die Reichszerstörer im Westen und Süden mit allen Mitteln niederzuschlagen.
Die Rede Baldwins.
London , 15. November. ( WTB.) Im Unterhaus er- dick und dünn eintritt. Die große Mehrheit der Konservativen Märte Ministerpräsident Baldwin, er habe den Alliierten dagegen, soweit ihre Ansichten in der„ Times", im" Daily mitgeteilt, daß die Mitwirtung Großbritanniens nicht un- Telegraph", im„ Observer" und anderen großen Blättern zum begrenzte Zeit durchgeführt werden könnte, wenn die Ausdruck fommen, hat erkannt, daß die bisherige Politit gegenwärtige Cage andauere. Es könne ich wierig fein, Frankreichs und ebenso ihre Duldung dant England nicht nur unbegrenzte Zeit die Bemühungen aufrechtzuerhalten, mit für Deutschland , sondern für die ganze Weit einschließlich des Alliierten zusammenzuarbeiten, die dies so schwierig machten. britischen Weltreichs verhängnisvoll ist. Es gibt endlich eine Baldwin erklärte im Unterhause weiter: Die Berhand- dritte Gruppe unter den Konservativen, die im„ Daily London, 15. November.( TU.) Am Borabend der Parlamenis lungen mit Amerika sind durch das Vorgehen 3 weier unserer Expreß" ein einflußreiches Sprachrohr besitzt und die eine auflösung gab Ministerpräsident Baldwin heute im Unterhaus Berbündeten zum Scheitern gebracht worden. Die erste Lösung der Schwierigkeiten darin erblickt, daß sich England ein Exposé seiner Politit, über die er in den allgemeinen NeuPflicht der neuen Regierung wird sein, die Gesamtfituation gänzlich aus den europäischen Angelegenheiten zurückziehe und wahren die Entscheidung dem Lande überläßt, und zwar in Erin bezug auf die Reparationsfrage erneut zu prüfen und feinen Handel fonsequent teils mit seinen Kolonien, teils mit widerung einer von Ramsey Macdonald , dem Führer der Arüber die notwendigen Schriffe zu entscheiden. Nord- und Südamerikas Ausbau, sich aber im übrigen gegen Rede mit einem Ueberblick über die auswärtige Lage. Bezugs beiterpartei, eingebrachten Interpellation. Baldwin begann feine die Konkurrenz der europäischen Länder mit zusammen- nehmend auf eine Bemerkung Ramsey Macdonalds gab Baldwin Das Unterhaus, das genau vor einem Jahre gewählt gebrochener Währung durch hohe Schutzölle immun halte. seiner mit diefem übereinstimmenden Auffassung Ausdruck, daß die wurde, hält jeßt seine letzte Tagung ab. Es muß aufgelöst Diefe außenpolitische Uneinigkeit im eigenen Lager dürfte englische Politit heute in den auswärtigen Fragen vor allem der werden, weil die tonservative Partei troß einer erdrückenden der Grund sein, warum Baldwin eine klare Entscheidung Geduld bedürfe. Die englische Regierung hätte über alles andere Mehrheit mit den bisherigen Mitteln der inneren und aus- bis nach den Wahlen am 5. Dezember zu verschieben hinaus gewünscht, eine schnelle Lösung des europäischen Problems märtigen Bolitit nicht länger regieren fann. Die Wirtschafts - bestrebt ist. Er gibt sich wohl den Anschein der Entschlossen- herbeizuführen, aber sie habe sich dabei daran erinnern müssen, dass Prise, die sich drüben in unverminderter, eher steigender Arbeit zu energischem Handeln und durchgreifenden Entschei- man den Tag des endgültigen Friedens in Europa beitslosigkeit ausdrückt, soll durch die Wiedereinfüh- dungen, fügt aber ausdrücklich hinzu, daß die neue Regienicht herbeizaubern rung des fußzölnerischen Systems behoben werden, deffen rung, also das nach den Wahlen neu zu bildende Kabinett, tönne, wenn man gleichzeitig eine neue Feindschaft in Abschaffung als das traditionelle Wert der Liberalen Partei an deffen Spize er zu bleiben hofft, jene wichtigen Entschlüsse Europa hervorrufe. Die Schaffung einer derartigen Mißftimmung anzusehen ist. Es würde sowohl den Ueberlieferungen der zu treffen haben wird. würde lediglich die Zeitdauer verlängern, in der eine Lösung erreicht englischen Politik wie auch den Empfindungen des englischen Was für Entschlüffe damit gemeint find, wird in der teils irgend nur möglichen Versuch zu unternehmen, diese werden könne, und deshalb sei es die Pflicht der Regierung, jeden Boltes widerstreben, wenn man eine derart fundamentale Lösung gemeinschaftlich mit allen Alliierten herbeizuführen. Menderung des britischen Staats- und Wirtschaftslebens ohne Jm gegenwärtigen Augenblicke fönne die Regierung nicht sagen, daß vorherige Befragung des Voltes vornehmen würde. So ihr Verfuch von Erfolg getrönt sei. Wenn man sich jedoch baran wurde es als eine Selbstverständlichkeit angefehen, als Bald erinnert, daß selbst Lloyd George nit allen Hilfsmitteln seiner Ge min auf dem tonservativen Parteitag von BIŋ mouth zu schicklichkeit und Eindrucsfähigkeit in einer so langen Zeit feinen gleich die Schußzollparole ausgab und sofortige Neuwahlen Bereits am letzten Sonntag hatte das gut informierte wundern, daß der jegigen Regierung in einer ungleich fürzeren Zeit, Erfolg zu verzeichnen gehabt habe, brauche man sich nicht darüber zu antündigte. fonservative Blatt Observer" behauptet, die englische Regie- ebenso wenig oder wenigstens tein befferer Erfolg beschrieben rung erwäge einen Schritt, der mit dem Ende der Entente gewesen sei. Die englische Regierung habe, als sie sich mit Amerita gleichbedeutend wäre, nämlich die Einberufung einer in Verbindung fette, die hoffnung gehabt, es werde nunmehr ein internationalen Reparationstonferenz wirklicher, wirffamer und produktiver Fortschritt erzielt werden, aber ohne Frankreich . Aehnliche Anspielungen hatte der es habe sich wieder wie fchon so oft vorher erwiesen, daß alle ihre Daily Telegraph " gemacht, der der Regierung nahesteht. Bemühungen durch die Aktion zweier ihrer eigenen Verbündeten zum vor allem aber mußte es besonders auffallen, daß der eng- mühungen um eine Zusammenarbeit mit Verbündeten fortzusehen, lische Bertreter in der Reparationstommiffion, Sir John die fie felbft fo schwer madyten. Er habe teine Mühe gescheut, die Bradbury, in seiner Erflärung zu der französischen Verbündeten wissen zu lassen, daß der heute noch im englischen Volke Initiative" betont hatte, er sei wenigstens zurzeit noch vorherrschende, nach einer Zusammenarbeit mit den Verbündeten Mitglied" dieser Reparationstommission. Man muß sich jetzt, drängende Geist um die Bedeutung der gestrigen Anfündigung Baldwins fich nicht mehr lange werde aufrechterhalten laffen, richtig zu würdigen, an die feierliche Mahnung erinnern, die wenn die gegenwärtige Situation noch länger andauern sollte. Went er in seiner Plymouther Rede an die Adresse Poincarés ge- alle Märtte, auf denen England feine Produktion abzusehen ge richtet hatte: Der französische Ministerpräsident möge es fich wohnt sei, fich in normalem Zustande befänden, so brauche England zweimal, dreimal und womöglich noch öfter überlegen, bevor er den ench- amerikanischen Vorschlag ablehne. Nun hat Poincaré , nenn auch vielleicht nicht formell, so doch zweifellos in der Sache den Konferenzplan abgelehnt, und es wäre danach nur logisch, wenn Frankreich die Folgen diefer Haltung at gewärtigen hätte.
Indes ist sich der Ministerpräsident dessen bewußt, daß weder die Arbeitslosigkeit noch die sonstigen Krisenerschei nungen der englischen Wirtschaft allein durch die Abschaffung des freihändlerischen Systems furiert werden könnten. Er weiß, daß die liberale und die Arbeiteropposition ihm antworten werden, daß sie die Schutzölle, falls sie überhaupt etwas nügen fönnten, was sie bestreiten, bie wahre Ursache der englischen Wirtschaftskatastrophe nicht beseitigen würden: nämlich den durch das Versailler Diktat und durch die tölpelhafte Gewaltpolitit der Siegermächte seit fünf Jahren bewirften chaotischen Zustand des europäischen Rontinents.
Deshalb hatte Baldwin in seiner Rede in Plymouth die Barolenausgabe für den neuen Wahlfeldzug mit einer greß zügig angelegten biplomatischen Aktion verbunden, bie, zumindest in ihren Grundriffen, auf der Tagung der britischen Reichskonferenz festgelegt und mit der Washingtoner Regierung vereinbart worden war.
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Der Plan einer internationalen Sachverständigen fonferenz war von Baldwin wenigstens ursprünglich als eine Art neue Friedenskonferenz zur Revision der deutfchen Reparationsverpflichtungen gedacht. Indessen war er fo vorsichtig, angesichts der von Poincaré zu erwartenden Einwände, die en Borschlag dahin einzuschränken, daß England fich eventuell damit zufrieden geben würde, daß lediglich eine Konferenz im Zusammenwirken mit der bereits bestehenden Reparationsfommission einberufen würde.
Trotz dieses Sugeständnisses ist bekanntlich der ganze Plan an den von Poincaré aufgetürmten Schwierigkeiten und Vorbehalten schließlich vollständig gescheitert. Und nun steht England vor der Frage, was es weiter zur Lösung des Re parationsproblems unternehmen solle nicht Deutschland , fondern sich selbst zuliebe.
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äußerst scharfen, teils äußerst verschwommenen Formel, die Baldwin gewählt hat und die wir an der Spike des Blattes wiedergeben, nur angedeutet: aber diese Andeutung tann nicht anders verstanden werden, als eine Anfündigung des Bruches mit der Entente.
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heute nicht unter einer derartigen Arbeitslosigkeit zu leiden. Die Beränderung dieser Märkte fei der Hauptgrund für die heutigen Zuenes Druces, den es n seiner ganzen Geschichte bisher noch nie er stände n England. England befnde sich tatsächlich n dem Zustande lebt habe. Darum schiage er rabitale Maßnahmen gegen diesen Zustand vor. Baldwin sprach dann von der Möglichkeit einer enormen Erporterhöhung in Deutschland , wenn dieses Land fich dem Freihandel widmen würde. In der Praxis wende fic diefe Schutzollpolilit in erster Linie gegen die Einfuhr aus Deutschland , aber es gebe auch noch andere Länder, die momentan die englische Industrie bedrohen.
Was bedeutet aber heutzutage prattisch der Bruch der Entente? Ift er nicht schon seit dem 5. Januar d. J., seit jenem Tage, an dem Bonar Law die Konferenz des Obersten Rates verließ und damit Poincaré freie Hand für die Ruhrbesetzung gab, zur Tatsache geworden? Und. nachdem in mehr als zehn Monaten ohnmächtiger Bassivität England den Franzosen be Hilfe für das besetzte Gebiet! wiesen hat, daß es die Macht mittel nicht besige oder nicht, anwenden wolle, die allein geeignet wären, sie zur Abkehr von Die Unterstützungen werden weiterbezahlt. ihrer verhängnisvollen Gewaltpolitik zu bringen, ist es noch zu Das Reichskabinett hat in seiner gestrigen Sitzung beschloffen, erwarten, daß die formelle Kündigung des Bündnisses auf von dem Gesamtkredit, der dem Reiche in Höhe von 900 Millionen Poincaré irgendeinen Eindruck machen könnte? Bird sich Mark von der Rentenbank zur Verfügung gestellt worden ist, einen insbesondere dadurch irgend etwas an dem Schidfal von Betrag im Werte von 100 millionen Rentenmart für die Rhein und Ruhr ändern? Das alles find Fragen, die Fortzahlung der Reichszuschäffe an die besetzten Gebiete, insbesondere wir Deutschen in aller Nüchternheit aufzuwerfen verpflichtet der Erwerbslofenuntergangen, bereitzustellen. find, nachdem die Ereignisse der letzten drei Jahre zur Genüge bewiesen haben, daß die Uneinigkeit der Alliierten sich immer nur auf unsere Kosten ausgewirkt hat.
Diese Frage ist teils im Zusammenhang mit der Arbeitslosigkeit, teils wegen des in den legten Jahren arg mitEntscheidend für den Beschluß des Reichskabinetts dürfte genommenen Brestiges des britischen Weltreiches von entder Umstand gewesen sein, daß ebenso wie die Sozialdemokra fcheidender Bedeutung, auch für den neuen Wahlkampf. Die tische Partei zuletzt auch der Fünfzehnerausschuß des Regierung weiß, daß die Erfolglosigkeit ihrer Außenpolitik der Allerdings bietet Frankreich verschiedene wunde Punkte, besetzten Gebiets gegen die geplante Sperrung der Unterstärkste Trumpf in der Hand ihrer Gegner ist und daß selbst die England um so eher auszunuzen in der Lage wäre, wenn stügungen Einspruch erhoben und auf die schweren in den eigenen Reihen die Hilflosigkeit zunächst Bonar Laws Amerita mit ihm gemeinsame Sache machen würde. Das sind Folgen hingewiesen hatte, die sich aus einer solchen unter und später Baldwins gegenüber der französischen Ruhrpolitit vor allem Mittel finanzieller Art: Wenn die Londoner , schiedlichen Behandlung des besetzten und unbesetzten Gebiets scharfe Kritit erfährt. Dieses Argument, verwendet durch so Börse, unterstützt durch New Vort, eine großzügige Offensive ergeben würden. routinierte, in Fragen der auswärtigen Politik so versierte gegen den französischen Frank einleiten will, wenn ferner die Es ist erfreulich, daß sich das Reichskabinett schließ Gegner wie Macdonald, Lloyd George , Asquith , Henderson, amerikanische Regierung auf der Bezahlung der Summen be- lich doch zu der Erkenntnis durchgerungen hat, die in diesem Morel usw. fönnte der konservativen Bartei verhängnisvoll steht, die Frankreich ihr schuldet, dann wird wahrscheinlich der Beschluß zum Ausdrud tommt. Es ist bedauerlich, daß werden, wenn sie sich nicht selbst entschloffen zeigte, einen Hochmut des französischen Militarismus sehr bald einer das Reichskabinett zu dieser Erkenntnis nicht ganz von selber neuen außenpolitischen Kurs einzuschlagen. pflaumenweichen Stimmung Platz machen. fam, sondern erst durch den stärksten Druck der öffentlichen Allerdings liegt die Schwierigkeit für Baldwin als Bartei- Indessen hat man den Eindruck, daß die Entschlüsse der Meinung zu ihr gebracht merden fonnte. führer darin, daß in den eigenen Reihen eine zahlenmäßig englischen Regierung noch nicht feststehen und daß zunächst Der Beschluß ist grundsäglich wichtig, weil durch ihn der nicht sehr starke, aber um so einflußreichere Gruppe, die der das Ergebnis der Neuwahlen abgewartet werden soll. Aber geniale Plan einer vorläufigen Preisgabe von „ Die Hards", für das Zusammengehen mit Frankreich durch in dieser für alle beteiligten Länder so überaus kritischen Rhein und Ruhr hoffentlich doch erledigt ist. Denn wollte