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Nr. 314 41. Jahrgang

1. Beilage des Vorwärts..

Menschenjagd am Schlesischen Bahnhof .

Die Keller der Stellenvermittler.- Schlepper und Schnitter.

Die Gegend um den Schlesischen Bahnhof , die Madai-, Bres­Lauer, Lange Straße, der Plaz vor dem Bahnhof und die angrenzen­den Straßenzüge haben seit jeher etwas Finjteres, ja Feindliches mit den alten, verräucherten Häusern, deren Fassaden geborsten sind, mit den vielen Kellerlokalen, die unheimlich genug ausschauen, und mit den Hotels, die nicht gerade verlockend aussehen. Hier um den Schlesischen Bahnhof herum haben immer lichtscheue Leute Schlupf winkel gefunden und, wenn es in den Kneipen und Kaschemmen

Im Vermittlerkeller.

mal hoch hergeht, weiß die Kriminalpolizei, daß wieder ein großes Ding gedreht" worden ist. In der Gegend am Schlesischen Bahn hof fizzen auch die Stellenvermittler und warten in ihren Kellern, die Bureau und Nachtquartier zugleich sind, auf die Opfer, an denen sie schweres Geld verdienen.

Die Schnitter.

Augenblicklich ist Haupt- und Hochsaison für die Vermittler, dann es handelt sich darum, landwirtschaftlichen Arbeitern, vor allem Schnittern, Arbeit und Stellung auf den großen Gütern zu ver­schaffen. Die Keller der Vermittler rings um den Schlesischen Bahn­ hof werden Tag und Nacht nicht leer. Wer bis zum Abend nicht auf das Land hat abgeschoben werden können, bleibt die Nacht in dumpfen, halbdunklen Kellern, wo der Bermittler, natürlich gegen Geld, Männern und Frauen Quartier gibt. Stumpf sind diese Menschen, schier vertiert von Armut und Elend. Aber aus ihren Blicken schreit es: Uns ist alles gleichgültig. Wir sind so elend, daß es schlechter gar nicht mehr werden kann!" Die Inhaberin eines folchen Kellers und Vermittlergeschäfts meinte sarkastisch:" Hier sieht es aus wie in einem Verbrecherkeller!", und spottete damit ihrer selbst, ohne zu wissen wie. Man muß unterscheiden zwischen den tonjeffionierten und den wilden Vermittlern. Können die ersteren, wenn auch nur bis zu einem gewissen und bescheidenen Ausmaß

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Die Venus von Syrakus .

Bon Clara Rahka.

Alle wollten helfen, alle! Doch die sieghaften Falconis verdrängten jeden anderen. Eine Stunde noch und länger hörte man ihre hämmernden Stimmen über den Hof tönen, dann endlich wurde es still, und Renzo tat, wonach ihn trok aller Müdigkeit verlangte: er machte sich daran, behutsam und leise seine herrliche Venus von ihren Hüllen zu befreien.

Und wie er unaufhaltsam in fortreißendem Sehnen arbeitete, sah er die ganzen Bettinaris um sich versammelt, wie sie gelacht und geholfen hatten, damals, in dem großen, halbdunklen Raume zu Syrafus.

Wie hatte ihn das Glück gesegnet seit dieser Zeit. Er zerrte ungeduldig am Werg und alten Lumpen. Bald, bald mußte er den weichen Schein des Marmors sehen, bald durfte er seine Hand auf die kühlen, feinen Formen legen. Und doch das Wunder barg dort jene unscheinbare Rolle: den Kopf der Venus. Hüte dich, Renzo hüte dich!" sprach es in ihm.

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So wie der junge Bildhauer das Gespräch über die geraubte Prinzessin unterwegs aufgefangen und hübsch her ausgeputzt weitergegeben hatte, so fing es auch mancher Rei­fende auf, der nicht westwärts nach Palermo , sondern östlich gen Taormina wanderte. Durch irgendeinen schmalen Spalt schlüpfte es in den sonst so abgeschlossenen, strengen Palazzo der Marchesa Ferrati und breitete sich dann mit allen erdenklichen Verzierungen vor der alten Dame aus.

Was war das nur für eine abenteuerliche, ja närrische Geschichte, in die ihr Neffe Sisto di Branco da verwickelt wurde! Hatte sie nicht gerade noch am Tage zuvor einen ausführlichen Bericht von ihm aus Rom erhalten?

Wie fonnte man es wagen, ihn zu verdächtigen! Er, der sich bezähmte, der langsam, doch unaufhörlich weiter vor­brang, bis zu jenen Stufen hin, auf denen der oberste Hirt stand, der allein lösen fonnte, was große menschliche Torheit gebunden hatte: er hätte niemals einen solchen Wahnsinn begangen, der alles zerstören, alle die mühevoll angeknüpften Fäden zerreißen mußte.

Nein, Sisto hatte mit dieser tollen und absurden Ge­schichte nichts zu tun. Sein Brief war erfüllt von männlichem Ernst und mehr nod, als das: von der schönsten Hoffnung. Nichts in seinem langen Briefe deutete auf Kopflosigkeit hin, nicht einmal Ungeduld zitterte zwischen den Zeilen. Ruhe,

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von der Polizei kontrolliert werden, ist bei den letzteren jede Kon­trolle natürlich unmöglich. Die Oberaufsicht durch die Polizei müßte aber, trotzdem anerkannt werden muß, daß sie den Bermittlern scharf auf die Finger sieht, noch größer und nachhaltiger sein. So sieht man zum Beispiel am Schlesischen Bahnhof Schilder, die nach dem Stellenvermittlungsgeseh durchaus unzulässig sind, weil sie durch Fortlassen des Wörtchens gewerbsmäßige vor Stellen­vermittlung irreführend find. Die Vermittler gehen nun folgender­maßen vor: Sie halten den Neudammer Anzeiger", den Lands­ berger General- Anzeiger " und den Rostocker Anzeiger", jene 3ei­tungen, in denen die Großgrundbesitzer inserieren, Schnitter und Vorschnitter suchen. Wenn sie genügend Menschenmaterial" zu­fammen haben, schreiben sie an die Befizer, bieten ihre Ware an und verlangen Geld. Nach dem Gesez dürfen sie 3 Mart pro Kopf für die Vermittlung verlangen nebst Er­stattung der wirklich gehaben Unkosten. In Wahrheit aber pressen fie bis 50, ja die wilden Vermittler bis 75 Mart pro kopf heraus. Es kommt auch nicht selteo vnr, daß der Gutsbesizer, der auf das Angebot eingeht, seinen Vorschnitter mit dem Geld nach Berlin zu dem Vermittler schickt, um die Leute abzuholen. Dann wissen es die Vermittler so einzurichten, daß der Vorschnitter bald mit ihnen unter einer Decke steckt und mit ihnen allerhand betrügerische Mant­pulationer unternimmt zum Schaden der Arbeiter. In anderen Fällen wiederum vertrinkt der Oberschnitter das Geld in Berlin , wobei man nicht weiß, ob der betreffende Vermittler nicht fräftig mithilft, und alle die, die auf Arbeit und endliches Unterkommen gehofft haben, find abermals geprellt und getäuscht. Die will tommensten Opfer sind für die Vermittler die polnischen Saison­arbeiter, die meist der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Hierdurch aber machen sich die Vermittler besonders strafbar, weil das Gesetz ihnen verbietet, ausländische Wanderarbeiter zu vermitteln, was ledig lich Angelegenheit der Deutschen Arbeiterzentrale für Ausländer ist.

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Die Schlepper.

Auf welche Weise und mit welchen Mitteln bekommen nun die Vermittler ihre Ware"? Da muß vorausgeschickt werden, daß es ihnen in der Hauptsache darauf antommt, ungeeignete Arbeiter zu vermitteln. Der Landwirt, der diese für die Landwirtschaft ganz unbrauchbaren Leute bekommt, schickt sie bald, manchmal schon nach acht Tagen, zurüd. Sie kommen dann abermals zum Vermittler, der sie abermals vermittelt und abermals Geld an ihnen verdient. Eine große Rolle spielen bei den Vermittlern die sogenannten Schlepper, gerissene Kerle, die Jagd auf Arbeitslose machen. Zu diesem Behuf wird im Frühjahr das Asyl für Obdachlose aufge­fucht und hier wählt man sich Leute aus, die keine Ahnung von land­wirtschaftlicher Arbeit haben, eine Sense noch niemals geführt haben, und dann natürlich nach furzer Zeit wieder vom Land zurück in Berlin sind. Ein reiches Betätigungsfeld aber für die Schlepper ist der Wartesaal vierter Klasse des Schlesischen Bahnhofs, der nie­mals leer wird von den vielen Unglücklichen, die auf Arbeit warten, von den langen Nachtwachen apathisch auf Koffern, Körben und dem Fußboden hoden und in ihrer Verzweiflung allen Versprechungen trauen, die der Schlepper ihnen macht. Ist mal jemand miß­trauisch und will sich vom Schlepper nicht zum Vermittlerkeller lotsen laffen, erklärt man ihm, daß er mit der Polizei in nähere, unliebsame Berührung kommt, wenn er sich an eine amtliche Stellenvermittlung wendet. Da manche von diesen Obdachlosen Grund haben, nicht von der Polizei in ein für sie peinliches Kreuzverhör genommen zu werden, folgen fie willig dem Schlepper. Der Schlepper bekommt pro Kopf 2 Mart. Da manche dieser Leute schon zu bekannt sind und von der kontrollierenden Polizei beobachtet werden, wenn sie sich im Wartesaal oder auf dem Bahnsteig blicken lassen, halten sie sich wieder Unteragenten, denen fie pro Kopf 1 Mart ge. ben. Man sieht, das Geschäft blüht und die Menschenjagd bringt etwas ein.

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Kraft, Sicherheit entzückt haben würde. So weltabgeschieden die Marchesa Ferrati lebte, es schien ihr doch, als müsse sie in dieses elende Getriebe hineingreifen und den Abwesenden und seine Zukunft beschützen.

Zeile um Zeile. Ein Brief, der Livia

Der alte Diener, der damals die Läden vor dem Bild am Fenster geschlossen hatte, erlebte es mit Staunen, daß die verhuzelte Ralesche hervorgeholt und für eine weite Fahrt hergerichtet werden mußte.

Die Marchesa wartete mit einer fühlen Entschlossenheit. Das alles war wohl nur ein Satansspiel des alten Prin­cipe und seiner Ratgeber: sie würde kommen und Zeugnis ablegen, so wie es ihre Pflicht war.

Und sie tam. Eines Tages fuhr die monströse Kalesche, mit Maultieren bespannt, in den weiten Hof des Principe di San Cataldo in jenen Hof, der von dem Gelächter der Efel erfüllt gewesen war, und die Diener kamen von allen Seiten und halfen der ehrwürdigen Marchesa. Ja, der Prinz selbst schritt die Treppe hinab und reichte ihr den Arm, wie wohl ihm in der Herzgegend ein wenig eng wurde.

Livia, die mit einer starrköpfigen Beharrlichkeit auf ihrer Verbannung bestand, hörte erst nach mehr als einer Stunde von der Ankunft der Marchesa.

Diese hatte sich in der Tiefe ihres Wagens so gründlich ausgedacht, was sie dem Prinzen sagen wollte, daß selbst ihre große Höflichkeit dem Alten feine Atempause ließ.

Ohne auch nur den Sessel zu beachten, den er ihr anbot, fagte sie ihm freimütig ihre Meinung in dieser, wie ihr schien, geradezu grotest boshaften und verächtlichen Angelegenheit, doch sie sagte es immerhin so, wie eine Dame spricht, so daß dem Prinzen nichts anderes übrig blieb, als in fochendem Schweigen zuzuhören. Klugerweise verhüllte sie alles, was den Plänen ihres Neffen zuwiderlaufen konnte, und sie rückte die unbeherrschte Handlungsweise des Prinzen in ein un­barmherziges Licht, wobei sie es nicht an Worten fehlen ließ, die der Prinz nur aufzuheben brauchte, um eine arge Ver­dächtigung gegen sich selbst daraus zu formen.

Merkwürdigerweise aber blieb er still. Er hatte sich so sehr die Finger verbrannt, daß es ihn nicht gelüftete, noch­mals irgend etwas aufzuheben, was immer es fei. Im Gegensatz zu seinem ersten Aufbrausen konnte es ihm jetzt gar nicht leise genug zugehen.

Fast im Flüsterton versuchte er es, sich ein wenig zu rechtfertigen. Und wenn ihm diese ganze Geschichte auch noch so unerklärlich war, er war gern bereit, sie zu begraben. Man fonnte dem Sisto nichts beweisen, so viel hatten auch seine Kundschafter schon festgestellt, und er fürchtete das Gelächter von Rom ; es war genug, daß Sizilien lachte.

Sonntag, 6. Juli 1924

Das Arbeitsamt der Stadt Berlin .

Um nun diesen geradezu haarsträubenden Zuständen ein Ende zu bereiten oder sie doch wenigstens einzudämmen, hat das Arbeits­amt der Stadt Berlin seit Marz auch eine Stellenvermittlung für landwirtschaftliche Arbeiter eingerichtet. Sie befindet sich Stralauer Platz 31 und ist in sauberen luftigen Baraden untergebracht, wo für die auf Stellung Wartenden in der mannigfachsten Weise gesorgt wird. Man gibt ihnen Unterhaltungsspiele und Bücher, um sich die 3eit zu vertreiben, Handwerker arbeiten für sie gegen ganz geringes Entgelt, und man bietet, wenn es nottut, auch Nachtquartier, für das man sich natürlich nicht bezahlen läßt. Die Vermittlung ist kostenlos, und man vermittelt nur geeignete Arbeitskräfte. Die Herren Land­wirte haben anfangs, wie Gutsbesizer nun mal so sind, von der Stellenvermittlung der Stadt Berlin nicht viel wissen wollen. Heute aber tann festgestellt werden, daß durch die Tätigkeit des Arbeits­amts die Arbeitskräfte auf dem Lande zugenommen haben. In der Beit vom 1. April bis 1. Juli hat das Arbeitsamt über 1000 Stellen vermittelt, während die gewerbsmäßigen Stellenvermittler nur etwa 2000-2500 permittelt haben.

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Leider

Das Arbeitsamt arbeitet, um die erschreckenden Mißstände auf diefem Gebiet zu beseitigen, Hand in Hand mit der Polizei und ist auch stets von den Polizeiorganen unterstützt worden. persagen die Gerichte. Bei der Staatsanwaltschaft liegen eine große Anzahl von Anzeigen gegen die Stellenvermittler, ohne daß etwas geschieht. Man hält hier anscheinend alle diese Sachen für Lappalien und fümmert sich nicht viel darum. Das Ge­

Ländliche Arbeitsuchende.

seh über Stellenvermittlung läuft noch bis zum Jahre 1930. Seine Bestimmungen sind zum Teil veraltet und unpraktisch. Sollen die Uebelstände auf dem Gebiete der Stellenvermittlung abgestellt wer= den, dann muß dieses Gesetz vor 1930 verschwinden.

Mit viel Achselzuden, Kopfwiegen und Gesten des Be­dauerns begleitete er die kampfesfrohen Reden seiner Be­sucherin und so fielen ihre geschliffenen Worte zu ihrem eigenen Staunen gleichsam in ein großes Federbett hinein, das willig nachgab und schließlich all die kleinen Pfeile begrub.

Bei so viel Zurückweichen versagen schließlich die best­erdachten Angriffe. Die Marchesa munderte sich zum Schlusse nicht einmal mehr, daß sie wiederum den Arm des Prinzen nahm und sich zu Livia hinaufführen ließ.

Auch jetzt zog sich der Alte diskret zurück. Er strich nur einige Male begütigend über seine Talgdrüse.

Aber auch Livia war von einer hehren Fassung, denn am Fenster saß, recht wie eine tüdische Dohle, Beatrice di San Cataldo. Da mußte man sparsam mit Borten und Gebärden sein.

Die Reden floffen in den üblichen Wendungen einer gesell­schaftlichen Zeremonie, und nur die Augen der jungen Livia fragten und erhielten eine Antwort.

Die Prinzessin dehnte das Gespräch bis zum faden­scheinigsten Gespinste dahin. Man kann warten, wenn die Antwort im Herzen ruht.

Doch als sie dann spät am Abend den Brief des Conte Sisto las, erfaßte sie ein findischer Uebermut.

Hatte Sisto seine Hand nicht in diesem Spiele, so konnte es nur der Prinz sein, und half sie nicht dem Liebsten, wenn fie dem Prinzen das Wasser abgrub, so gut als sie vermochte? Ja, ganz Rom sollte lachen, das sollte es!

Kaum war die würdige Marchesa abgereist, da bestand sie darauf, ihre Ehre müsse wiederhergestellt werden, kein Mittel dürfe unversucht bleiben, um das Geheimnis ihrer Entführung aufzudecken.

Wo der Prinz zehn Boten geschickt, da schickte die Prin­zeffin zwanzig, und so kam es, daß bald die ganze Gegend ringsum von dieser einen, sonderbaren Geschichte erfüllt war. Ja, Livia selbst fuhr im Lande herum, und es war ein statt­licher Zug, wenn sie in der hellblauen Rutsche daherkam, um= geben von einer Anzahl Reiter.

Auch in Mütterchens Rosinas stiller Gegend schlug die allgemeine Erregung einige Wellen. Das gab ihr und ihren beiden Freunden Anlaß zu erhöhter Heiterkeit. Die Ober­lippe des jungen Niccolò wurde allabendlich mit irgendeiner Salbe eingerieben, auf daß ein Bart sprießen sollte. Im übrigen gewöhnte er sich ein knappes, männliches Gebaren an, Mutter Rosina war längst wieder die alte dürre, fast gebrechlich wirkende Frau, der ein Vogelkopf auf langem, magerem Hals vornüberhing.

( Fortsehung folgt.)