spruch wahrscheinlich nicht stattgeben wird, da er ihn abgebaut| hat, ist er verpflichtet, den Einspruch an seine vorgesetzte Behörde, den Regierungspräsidenten weiterzuleiten, der sie an den Minister des Innern mit Stellungnahme weiter geben muß, falls auch er zur Abweisung kommen sollte. Der Minister des Innern prüft den Einspruch ebenfalls und gibt ihn dem Staatsministerium weiter, wenn er ihm nicht stattgeben will. Das Staatsministerium muß den Zentralabbauausschuß in Berlin erst hören, wenn es den Einspruch abweisen will. Jede vorgesetzte Behörde kann aber dem Einspruch stattgeben, wenn sie zu der Ueberzeugung gekommen, daß Unrecht geschehen ist. In diesem Falle ist der Beamte so zu behandeln, als ob die Versegung in den einstweiligen Ruhestand nicht erfolgt wäre. Es ist klar, daß die Möglichkeit der häufigen Nachprüfung einer Abbaumaßnahme durch die vorgesetzte Behörde, die den Abbau verfügende, dem abzubauenden Beamten unmittelbar vorgesetzte Behörde zur genauesten Beachtung der gesetzlichen Abbaubestimmungen Veranlassung geben wird; denn ein Stattgeben des Einspruchs kann für den Vorgesetzten des abgebauten Beamten zugleich eine erhebliche Rüge durch seine vorgesetzte Behörde sein, die nicht immer angenehm empfunden wird. Neben dem Einspruch steht dem Kreissekretär A. aber noch die Beschwerde im Dienstaufsichtswege Landrat, Regierungspräsident, Minister zu, die an teine Frist gebunden ist.
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Abs. 1 und 2( Bestimmungen über den Abbau zu erlassen!| weltanschaulich getrennt sind, im Reichsbanner Schwarzs d. V.) im Wege der Verordnung zu treffen". Die Zustim Rot- Gold. Sollen wir ihnen das verbieten? Sollen wir ihnen mung des Landtages ist also gar nicht erforderlich und tat- das wehren, was sie mit Herz und Hand erstreben und fächlich haben auch einige Länder ihre Abbauverordnungen ersehnen? ohne Zustimmung ihrer Parlamente erlassen. Will die preuBische Staatsregierung diesen Weg jedoch aus naheliegenden Gründen nicht beschreiten, vielleicht weil die Verordnung selbst anders zustande gekommen ist, so gehe sie den Weg der Not verordnung gemäß Artikel 55 der preußischen Verfassung und nehme den Ständigen Ausschuß des Landtages gemäß Artikel 26 in Anspruch, der jederzeit zusammentreten kann und erst vor kurzem wegen einer viel weniger wichtigen Sache zusammengetreten ist. Hier ist wirklich ein Notstand zu beseitigen, nämlich ein Rechtsnotstand, der schlimmer ist wie ein anderer.
Der alte Schwindel.
Die Deutschnationalen fühlen sich als Regierungspartei. Die Scherl- Presse benutzt die Anwesenheit des Genossen Breitscheid in London , um den alten Schwindel vom Landesverrat in neuer Auflage zu wiederholen. Trotzdem diese Leute dafür fräftig genug auf die Finger geklopft worden sind, können sie das Gewerbe der Berleumdung nicht lassen. Indessen hat der Schwindel diesmal eine neue Nüance. Der Tag" schreibt:
Wir stehen zum großdeutschen Gedanken, doch müffen wir uns als politische Bewegung schon jetzt die Frage vorlegen, gibt es eine Realisierung des großdeutschen Gedankens, und welche Wege führen zu dieser Realisierung? Nicht um diese Frage morgen zu lösen, sondern um daran zu arbeiten, damit, wenn die Idee einmal reif ist, wir nicht mit Lampen ohne Del dastehen. Ich sehe nur einen weg der Realisierung des großdeutschen Gedankens, den auf dem o= tratisch republikanischer Grundlage."
Die Jugend gehört der Republit, wer in Deutschland die Herrschaft der Reaktion und die Abwendung von Demokratie und Republik aufrichten will, der findet die lebendigsten politischen Kräfte gegen sich.
Abfuhr für Ludendorff.
Er hezt Deutsche gegen Deutsche . München , 5. August. ( Eigener Drahtbericht.) Die Bayerische Bolkspartei hat ihre Kampffront gegen die Kulturkämpferpolitik Ludendorffs erheblich verstärken können, indem sie den führenden General der alten bayerischen Armee, Freiherrn v. Gebsattel , der bei Ausbruch des Weltkrieges das dritte bayerische Armeekorps geführt hat, mit einer groß angelegten, in der Hauptsache politischen „ Die sozialdemokratische Partei hat ihren Parteiminister für Rede auf ihrem Armee- Abend" in München aufmarschieren ließ.
Auswärtiges, Herrn Breitscheid , zugleich mit der deutschen Delegation nach London entsandt, offenbar zur Stärkung der Autorität der deutschen Reichsregierung. Herr Breitscheid unterhandelt in erster Linie mit dem französischen Ministerpräsidenten und hat nach französischen Zeitungsnachrichten den Auftrag, die Boli til Herriots durch einen unmittelbaren Drud auf den Reichst anzler zu unterstüßen... Es erscheint uns mit der Würde der Reichsregierung unverein bar, daß der Vertreter einer Oppositionspartei, die gerade in auswärtigen Fragen im scharfen Gegen abzu den Erklärungen der Reichsregierung steht, zugleich mit ihr mit fremden Mächten verhandelt. Wir erwarten, daß der Reichskanzler das selbstherrliche Auftreten des Abgeordneten Breitscheid in aller Form zurüdweisen wird."
Der Bureaudirektor B. fann nur bei seinem Magistrat, der ihn abgebaut hat, Einspruch einlegen und dann beim Provinzialabbauausſchuß. Da es für ihn eine dem Magistrat vorgesetzte Behörde wie bei seinem Kollegen A. nicht gibt, so ist ihm auch die Beschwerde im Dienstaufsichtswege unmöglich. Sind nun gar bei seinem Abbau offensichtliche Gesetzes verlegungen vorgekommen, z. B. daß der Beamte vor seinem Abbau nicht gehört worden ist, oder daß er zwar gehört wurde, seinem Antrage auf Anhörung des Beamtenausschusses aber nicht entsprochen wurde, oder die Stelle nicht als solche abgebaut worden ist, sondern nur der Stelleninhaber, ohne daß zuvor entsprechend den Ausführungsbestimmungen zur Bersonalabbauverordnung verfahren worden wäre, so fann eine Nachprüfung durch eine höhere Instanz überhaupt nicht erfolgen, da der Provinzialbeschwerdeausschuß für einen Einspruch aus einem solchen Grunde nicht zuständig ist. Auch der Rechtsweg ist bei derartigen Gesetzesverletzungen ausgeDer Tag" stellt sich, als ob Marr der Reichs schlossen, da nach§ 105 der preußischen Personalabbauverordnung die Entscheidung der Verwaltungsbehörden, ob der Be- fanzler der Deutsch nationalen, die außenpolitiamte in den Ruhestand zu versetzen ist, für die Beurteilung fchen Erklärungen der Reichsregierung Ausfluß deutschnatioder vor den Gerichten geltend gemachten vermögensrechtlichen naler Politik und die Sozialdemokratie der schärfste Gegner Ansprüche maßgebend ist. der Außenpolitik der Regierung sei. Die Herren vom Tag" haben sich schon um vier Wochen weiter geglaubt. Noch sind die Deutschnationalen Oppositionspartei und die Regierung verfolgt eine Außenpolitik der Erfüllung, der Annahme der Gutachten, wie sie die Sozialdemokratie gefordert hat unter dem Geheul der Deuschnationalen und der Scherl- Presse. Kann man denn auf der Rechten die Rechtsregierung so wenig erwarten, daß man schon in Hoffnung und Vorfreude den Verstand verliert?
Noch schlechter wie die einfachen Beamten sind die Wahlbeamten in der Kommunalverwaltung gestellt, welche seinerzeit wohl unter Berücksichtigung ihrer fachlichen Eignung daneben vielfach auch noch nach politischen Gesichtspunkten gewählt worden sind und jetzt fast ausschließlich nach politischen Gesichtspuntten abgebaut werden sollen. Der Umstand, daß hier eine rein politische, wenigstens nach politischen Gefichtspunkten gewählte Körperschaft, nämlich die Stadtverordnetenversammlung über den Abbau beschließt, läßt es ganz ausgeschlossen erscheinen, daß bewußt oder unbewußt, meist bewußt nicht politische Gesichtspunkte im wesentlichen mit für den Abbau maßgebend sind. Da damit Geist und Sinn der Personalabbauverordung auf das gröblichste verlegt sind, sollte sie so schnell wie möglich, und zwar auch dann noch geändert werden, wenn ihre endgültige Aufhebung in absehbarer Zeit zu erwarten steht.
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Auch den Kommunalbeamten muß das Recht gegeben werden, mindestens an den Regierungspräsidenten als der nächsten Kommunalaufsichtsbehörde der Gemeinde zu appellieren, am besten auch noch an den Oberpräsidenten der Provinz. Die preußische Staatsregierung fönnte die notwendigen Aenderungen der Verordnung durch einen entsprechenden Erlaß selbständig vornehmen. Nach Artikel 18 Absah 3 der Personalabbauverordnung des Reiches vom 27. Oftober 1923 find ,, die Landesregierungen ermächtigt, die Regelung nach
Eine Engels- Erinnerung.
In der Weltbühne" schreibt Hellmut v. Gerlach in feinen Erinnerungen eines Junkers"":" " Der erste Sozialdemokrat, mit dem ich in Berührung fam, war auch gleich der berühmteste. Es war im Jahre 1894, als ich im Begriff stand, meine erste Studienreise nach England anzutreten. Ich faß in unserem Sozialkonservativen Klub mit Freiherrn v. UngernSternberg von der Kreuzzeitung", Rudolf v. Mosch vom„ Deutschen Adelsblatt", Rudolf Straß, J. E. Freiherrn v. Grotthuß und einigen anderen Herren unserer Abendrunde zusammen und berichtete von meinen Plänen. Da erklärte der Major Wachs aus dem Großen Generalstab, damals die strategisch- literarische Autorität für die ganze Rechtspresse:„ Wenn Sie nach London kommen, müssen Sie unbedingt meinen Freund Friedrich Engels aufsuchen." Ich horchte überrascht auf: Wie, der einzige noch lebende Heroe der internationalen Sozialdemokratie wurde von dem fonservativen Generalstabsmajor und Spezialisten für die strategische Bedeutung des Hafens von Biserta als ein Freund bezeichnet. Aber Wachs explizierte sich mit steigender Begeisterung. Die parteipolitische Gesinnung von Engels intereffiere ihn gar nicht. Aber als militärpolitischer Schrift steller müsse er sagen, daß er feinen Kollegen wegen seiner Kenntnis, feiner Sachlichkeit und seines flaren Urteils höher schäze als Engels. Er stehe deshalb in freundschaftlicher Korrespondenz mit ihm, und Engels werde mich gewiß herzlichst aufnehmen, wenn ich mit einem Empfehlungsbrief von ihm tomme..
Also geschah es. Engels sprach nicht ganz so enthusiastisch über Wachs, wie dieser über ihn geurteilt hatte. Aber er empfing mich jungen Menschen sehr freundschaftlich und lud mich wiederholt in sein Haus, obwohl ich ihm selbstverständlich von Beginn an erklärt hatte, ich sei nicht Sozialdemokrat, sondern chriftlich- sozial. Ich war ganz bezaubert davon, wie vollendet sachlich mir Engels, unter dem ich mir einen engen Parteifanatiker vorgestellt hatte, seinen Stand punkt darlegte. Er erklärte:
„ Wenn man im Ausland lebt, verlernt man den deutschen Aber glauben an die Heiligkeit der Firmenbezeichnung. Sehen Sie, was sich hier in England sozialdemokratisch nennt, das ist eine fleine Gefte,
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aus der nie etwas werden wird. Die Leute hassen und meiden mich, weil ich zwar an die englische Arbeiterbewegung, aber nicht an die Zukunft der sogenannten sozialdemokratischen Föderation glaube. England, das überhaupt noch keine sozialdemokratische Partei hat, wird wahrscheinlich das erste Land sein, das praktisch So zialismus treiben wird. Die Leute sind hier eben nicht doktrinär, sondern realpolitisch. Sehen Sie, da hat, zum Beispiel, unser liberaler Schazkanzler Sir William Harcourt erst gestern bei der Berteidigung einer radikalen Erbschaftssteuervorlage gesagt, die Befitenden könnten froh sein, wenn sie überhaupt etwas vererben dürf ten, da es keinen natürlichen Rechtsanspruch irgendeines Menschen
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In Glah hat in der vergangenen Woche die vierte Reichstagung des Reichsverbandes der Deutschen Windthorst- Bünde stattgefunden, in dem die 3entrumsjugend zusammengeschlossen ist. Diese Tagung war bei aller starten Betonung des deutschen Gedankens und des fatholischen Staatsgedanfens ein stürmisches Bekenntnis zur demokratischen Republif. Der Geschäftsführer der Windthorst- Bünde, Dr. Krone, erflärte über die Stellung zur Republik :
„ Der Augenblick kommt, wo auch das Herz und Gefühl in der Einstellung zur Republif mitspricht. Es ist mehr als nüchterner Verstand, es ist die Begeisterung, die hier mitwirkt. In diesem Geiste, der nicht räfonierend zu dieser Frage steht, sondern fühlt und lebt, stehen viele von uns mit anderen, von denen wir
auf das von einem andern erworbene Gut gäbe. Können Sie sich irgendeinen bürgerlichen Staatsmann des Kontinents denten, der einen so rein sozialistischen Gedanken zu äußern wagen würde? In vielen Dingen ist man eben in England weiter als irgendwo anders." Engels hat auf mich einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Dieser wahrhaft internationale Mensch sprach mit innigfter Wärme von Deutschland , hatte allerdings eine gründliche Abneigung gegen das Preußentum, für das ihm das Dreiklassenwahlrecht typisch schien. Er, der tiefgründige Gelehrte, der am liebsten in feiner Bibliothet empfing, war in der Unterhaltung ganz der fröhliche Rheinländer. Das trat besonders zutage bei einem Bierabend, zu dem er mich eingeladen hatte. Es geschah nach irgendeinem Sieg der Sozialdemokratie bei einer deutschen Nachwahl. Jedesmal pflegte er bei einem so erfreulichen Anlaß seine engsten internationalen Freunde in London zu einer Tonne Bier zu entbieten.„ Die Sache wird mir nachgerade etwas teuer. Die Sozialdemokratie siegt jetzt zu oft bei den Nachwahlen," sagte er lächelnd, als ich eintrat. Einer nach dem andern tamen sie, Deutsche , Tschechen, Ungarn , Russen, im ganzen etwa ein Dutzend Personen. Es wurde ein sehr pergnügter Abend, und ich, der Nichtsozialdemokrat, hatte keinen Augenblick den Eindruck, als Eindringling dazusitzen. Der sozialdemokratische Gastgeber war eben ein so natürlicher Mensch und ein so prachtvoller Kerl, daß jeder sich in seiner Gesellschaft wohlfühlen mußte."
Aus München wird geschrieben: Der hundertjährige Kalender hat die Münchener dieses Jahr alle zum Narren gehalten. Dem langen Winter, in dessen Eisrachen auch der zaghafte Frühling spurlos verschwand, sollte laut Voraussage ein Sommer folgen, so fornblumenblau, so voll goldener Nehren , in den Bergen, so verheißend und lockend, daß er alle erlittene Unbill vergessen machen würde. Zu Tausenden strömen aus allen Teilen des Reichs die feriendurfti gen und wanderlustigen Fremden nach Bayern , als gäbe es nur cinen Sommer, den auf den Almen zwischen Krachledernen und den schattenspendenden BelersGemsstugen, und nur eine Frische turm und die fühlen Hallen des Hofbräuhauses. Aber allen Wetterpropheten zum Trotz ist und bleibt der Sommer unberechenbar, lau
nisch, eigenwillig.
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Die letzte Ueberraschung, die der in den August hinüber duselnde Juli bereitete, war ein starker Schneefall auf der Zugspitze und den Alpenhöhen, der allen blauen Enzianträumen ein jähes Ende bereitete, und über München ein 40 Stunden anhaltender, wolfenbruch. artiger Regen, in dessen Bächen und Pfüßen alle Ausflugpläne er. tranfen. Das wurde sogar dem guten heiligen Petrus zu bunt; er ohne Besinnen aus ihrem Purpurbett erhob und so mild und warm flirrte so zornig mit den Himmelsschlüsseln, daß Frau Sonne sich über die Zugspige lächelte, daß allerorts der Schnee wie auf Kommando zerschmolz und in rauschenden Bächen die Hänge hinabfloß. Darauf hatte die wilde Isar, die grün und klar wie Gletscherwasser das alte München durchtost, nur gewartet, um mit jagender Ge
Für die Bayerische Volkspartei ist dies ein um so größerer Gewinn, als Herr v. Gebjattel troß seines Bekenntnisses zur wittelsbachischen Monarchie und zum Katholizismus parteipolitisch nicht zu ihr, sondern viel mehr zu den Deutsch nationalen zählt. Unter stürmischem Beifall der Versammlung richtete v. Gebfattel eine Warnung an diejenigen, die Rom und den Papst beschimpfen und damit zum religiösen Streitheßen. Jeder, der das deutsche Bolt jetzt auch noch damit zu vergiften unternimmt, sei genau so ein Verbrecher wie jene, die 1918 das herrliche deutsche Kaiserreich meineidig in Trümmer schlugen. Sollte es in Deutschland zu einem zweiten Kulturtampf lommen und zu einem Religionsfriege, dann tönnte das vielleicht doch das Ende des Deutschen Reiches sein.
Außer diesem Vorwurf des Reichszerstörertums mußte sich Ludendorff auch sagen lassen, daß auf seinen sogenannten„ Deutschen Tagen" doch nur Deutsche gegen Deutsche geheht werden. Wertvoller aber als diese gewiß nicht alltägliche Abfuhr Ludendorffs ist ein anderes Geständnis v. Gebsattels. Trotzdem er sich in seiner Rede wiederholt als Dolchstoßpolitiker in Reinkultur vorstellte, gab er an einer anderen Stelle doch wieder der Wahrheit vorstellte, gab er an einer anderen Stelle doch wieder der Wahrheit die Ehre, wenn er sagte:„ Wir mußten wohl den Krieg verlieren, weil wir ganz einfach erdrückt wurden von der ständig wachsenden, ungeheuren leber=
ahl unserer Gegner, in einer Zeit, in der wir felbft infolge der langen Dauer des Krieges immer blutleerer wurden. Das war wohl unser Schidfal." Das Interessanteste ist aber, was Freiherr v. Gebfaltel in diesem Zusammenhang über die sozialdemokratischen Arbeiter Nürnbergs , des Standortes des von ihm befehligten Armeekorps, fagte:„ Ich werde den Eindruck nie vergessen, den es mir machte, als mir gerade am ersten Mobilmachungstage die sozialdemokratischen Arbeiter Nürnbergs erklären ließen, sie wüßten, daß es fich in diesem Kriege nicht nur um den Bestand des Deutschen Reiches, sondern auch um die Existenz des deutschen Arbeiters handle. Gie dächten nicht daran, Schwierigkeiten zu bereiten. Sie würden alle fommen und ihre Pflicht tun, so gut wie die anderen. Und als ehemaliger tommandierender General des dritten Armeekorps
bin ich es meinen Soldaten, bin ich den Tausenden von Sozialdemokraten, die unter mir gefochten haben, schuldig, zu erklären: sie haben ihr Versprechen gehalten und treu ihre Pflicht erfüllt."
Ein besseres Zeugnis fonnte den„ paterlandslosen Ge= fellen" von gegnerischer Seite wohl nicht ausgestellt werden!
schwindigkeit anzuschwellen und wie ein weites brandendes, zur Springflut ausholendes Meer, das keine Fesseln und Schranken mege fennt, durch Gebirgsland, Wiesen, Dörfer und Städte zu stürmen. Sie hat Eile, die liebliche Isar, die nun plöglich zum drohenden, reißenden Strom angewachsen ist. In München ist alles auf den Beinen, Einheimische und Fremde, die nichts zu verlieren haben, und für die das immer steigende, fauchende, gischtsprigende Wasser ein unvergeßlicher Anblick bietet. Bis Mitternacht soll der Fluß steigen. Er hat schon den Stand von 1910 überschritten und wird bald den von 1899 erreichen. Auf den Anschlagzetteln steht zu lesen, daß die auf Urlaub weilenden Stromarbeiter, Schleusen- und Brückenwächter telegraphisch nach der Hauptstadt zurückgerufen worden sind und alle leitenden Beamten zur Stelle seien. Auf den Brücken drängt fich Kopf an Kopf; die Fluten steigen stündlich um 20 Zentimeter; sie wälzen schmußig gelbe Wellen mit hoch aufsprizenden weißen Kämmen, die gurgeind in gewaltig fochende Kessel verschwinden und mit ungeheurer Kraft wieder aufschnellen, sich hoch aufbäumen, die gefährdeten Ufer belecken und wie von Geißeln gepeitscht in nervenzerrüttendem Tempo weiter faufen. Die wuchtigen, jedem Druck trotzenden Brückenpfeiler sind im Wasser verschwunden, und nur die runden Bogen, die plötzlich lächerlich niedrig und unbedeutend ers scheinen, ragen über den Wellen. Die dunklen Stämme der Kostanienbäume in den Uferanlagen sind wie wegradiert nur noch die Kronen sind sichtbar und liegen wie große, grüne Kuppeln auf der Oberfläche des Waffers. Auf der Ludwigsbrüde, zwischen den beiden Armen der Jjar, ganz nah dem donnernden Fluß, sind die luftigen Buden der Auer Dult aufgeschlagen, Wunderdamen, Karuffells, türtischer Honig, Antiquitäten, Almenhütten, Bier und Würste alles was das Münchener Herz entzückt. Aus den Zigeunerwagen blinzeln die Lichter, winzige Sterne, die eine tückische Welle auslöschen fann. Wie seltsam, die Duft der Münchener dieses leichte, schaukelnde Leben, die Tische mit den Stühlen am Ufer, so dicht über dem gurgeinden todbringenden Wasser... Aber, wer unter den Zuschauern denkt an Tod? Wie gebannt folgt der Blick der dahinrasenden Flut, die mächtige Holzbalken von irgendeinem Holzladeplag und ganze Baumstämme wie herrenlose Flöße vor sich hintreibt. An anderen Stellen will man in den Wellen sogar Hirsche gesehen haben. Am Himmel leuchten schon längst die Sterne; es geht auf Mitternacht, und noch immer finden die auf den Brücken ongesammelten Menschenmassen feine Ruhe. Kochend vor Zorn und Leidenschaft rast die far dahin, als müsse sie sich rächen an dem H. Sched. Zwerggeschlecht, das sie gemeistert hat.
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Der Wanderer durch die Welt. Unter den Dichtern der jungen Generation nimmt Armin T. Wegner eine ausgeprägte Sonderftellung ein. Es spricht für die Echtheit. Reinheit und Kraft feines Dichtertums, daß man ihm feiner Stilgattung, feiner größeren Gruppe moderner Künftier einreihen kann, und daß seine Eigenart am stärksten in einer herben, dunkle Seelentiefen aufwühlenden, episch- lyrischen Verskunft zur Geltung fommt, die dem breiteren literarischen Publikum am wenigsten eingeht. Diesen Eindrud er hielt man bereits aus seinem vor etwa sieben Jahren erschienenen Gedichtbande Das Antlik der Städte", und er wird nachhaltig vera tieft durch seinen fürzlich erschienenen Gedichtband„ Die Straße