Nr.368 41.Jahrgang Ausgabe A nr. 188
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Donnerstag, den 7. August 1924
Der deutsche Rechtsstandpunkt.
Mary entwickelt die Ansichten der Reichsregierung.
Condon, 6. Auguft.( Eigener Drahtbericht.) Die alliierten Delegationsführer hatten im Beisein je eines Delegierien- Bevollmächtigten und eines Sachverständigen heute, Mittwoch, kurz vor Mittag im Auswärtigen Amt zusammen mit Marg und Dr. Stresemann eine zweite Sigung. Reichskanzler Marg überreichte im Namen der deutschen Delegation die schriftlich formulierte Antwort auf das Memorandum der Alliierten. Der britische Schahlanzler Snowden schlug vor, die Prüfung der deutschen Antwort den zuständigen Ausschüssen zu überweisen. Herriot und andere Delegierte forderten, daß sie vorher von dem deutschen Dokumeni, das sie nod) gar nicht hätten lefen fönnen, Kenntnis nehmen müßten. Es wurde demgemäß beschlossen. Für abends 9 Uhr ift eine neue Zusammenkunft der Alliierten mit den deutschen Delegierten in Aussicht genommen. An dieser Sihung werden von jeder Delegation zwei Mitglieder und ein Sachverständiger teilnehmen. Die Veröffentlichung der deutschen Antwort wird be. sonders beschlossen werden. Havas teilt gleichwohl mit, die deutsche Antwort bejage u. a., daß die bisherigen Vorschläge über die militärische Räumung des Ruhrgebieis und über die fran3öjijd- belgische Eisenbahnregie im bejetten Gebiet dem Buchstaben des Versailler Bertrages und dem Geist des Dawes- Planes widersprächen.
Das Begleitschreiben, mit dem die deutsche Delegation ihre Antwort auf das Memorandum der Alliierten Macdonald überreichen lief, hat folgenden Wortlaut:
Herr Präsident! Entsprechend der in der gestrigen Sihung getroffenen Abrede beehre ich mich Eurer Exzellenz aubei Bemerkungen der deutschen Delegation zu den bisherigen Beschlüffen der interallierten Kommissionen zu übersenden. Die kürze der zur Berfügung stehenden Zeit hat es der deutschen Delegation nicht ermöglicht, fich über alle Einzelheiten der inferolliierten Befchlüffe und ihre Tragweite ein fidheres Urteil zu bilden. Ich bitte die Bemerkungen der deutschen Delegation, insbesondere ihre Formulierung, unter diefem Gesichtspunkte betrachten zu wollen. Dabei nehme ich au, daß die noch erforderliche Klärung im Wege der gegenseitigen Aussprache herbeigeführt werden wird.
Im übrigen gestatte ich mir, hervorzuheben, daß die vorliegenden interalliierten Beschlüsse nach Ansicht der deutschen Delegation den mit der Infraftsetzung des Sachverständigenplanes zufammenhängenden Fragenkomplex nicht erschöpfen. Die deutsche Delegation mus insbesondere entscheidenden Wert darauf legen, die Frage der militärischen Räumung der über den Vertrag von Bersailles hinaus besetzten Gebiete zur Erörterung zu stellen. Andererseits hat der Herr Präsident der zweiten Kommission in feinem Begleitfchreiben zu den Beschlüssen dieser Kommiffion erwähnt, daß die französischen und belgischen Heeresfachverständigen die Jufeilung von etwa 5000 französischen und belgischen Eisenbahnbediensteten auf bestimmten Streden des linkscheinischen Nehes verlangen. Die deutsche Delegation ist der Ansicht, daß diese Forderung mit dem Sachverständigenplan nicht Genehmigen Sie, Herr Präsident, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. gez. marg.
vereinbar ist.
Zwischenfall in der Mittagssitzung. London , 6. Auguft.( Funkbericht unseres Sonderforrefpondenten.) Die zweite gemeinsame Sihung der Alliierten mit den Deutschen hat nicht den Berlauf genommen, den man gewünscht und anfänglich erwartet hatte. Sie begann um 11% Uhr vormittags und dauerte bis 1 Uhr. Nachdem die deutsche Delegation ihre Stellungnahme zu den Beschlüffen der alliierten Konferenz nach Rüdsprache mit Macdonald am Dienstag abend schon am Mittwoch um 9 Uhr vormittags übermittelt und die Alliierten in einer gemeinsamen Sigung zum deutschen Memorandum und Begleitbrief Stellung genommen hatten, follte in der Chefbesprechung schon die Diskus
fion erfolgen. Die Sigung wurde eingeleitet durch eine
mündliche Erläuterung des deutschen Memorandums durch Marg. 3m Berlauf der Uebersehung der Ausführungen ins Französische machte Herriot einen Zwischenruf, der in drastischer Weise die Verwunderung der französischen Delegation über den deutschen Standpunkt zum Ausdruck brachte.
Auch Macdonald hat am Schlusse der Uebersehung ins Englifche geäußert, daß Marr eine Reihe von Fragen angeschnitten habe, die mit dem Gutachten nicht zujammenhängen. Tatsächlich ist ja in dem deutschen Memorandum und im Begleisbrief zum Memorandum und ebenso in der Rede von Marr u. a. die Räumungsfrage angeschnitten worden. Die Wirkung dieses Borgehens der deutschen Delegation bei den Aliierten ergab sich aus der sofortigen Bertagung der Sihung. Eine neue Chefbesprechung wurde auf 9 Uhr abends festgeseigt. Nach Rüdlehr von der Konferenz
ersetzte die deutsche Delegation den Dolmetscher Dr. Michaelis fofort durch einen anderen.
Es heißt, das Marg in seiner Erklärung lediglich den Wunsch
und die bestimmte Erwartung auf eine baldige Räumung des Ruhrgebiets zum Ausdrud gebracht habe. Diese Stelle der Ausführungen des Kanzlers wurde angeblich vom Dolmetscher in unglücklicher Form wiedergegeben. Da die Alliierten hiervon inzwifchen unterrichtet sein dürften, wird die gegen die deutsche Delegation tatsächlich herrschende Mißft immung teilweise behoben werden können. Aber aus dem Vorfall follte die deutsche Delegation ersehen, daß in London die Form des Vorgehens wieder
einmal alles ist!
Es ist nicht anzunehmen, daß die Absicht Herriots, mif Marr möglichst schnell in persönliche Fühlungnahme zu
treten, infolge dieses Zwischenfalls aufgegeben wird. In der Besprechung Herriot- Marg follen hauptsächlich die Möglichkeiten der militärischen Räumung des Ruhrgebietes in Verbindung mit wirtschaftlichen 3ugeständnissen Deutschlands untersucht werden, nachdem eine Behandlung des Problems der interalliierten Schulden im Augenblid vollkommen
aussichtslos iff.
Die vielfach in deutschen Kreisen, aber auch in London verbreitete Ansicht, als ob die Haltung der Amerikaner einer Unterstützung der deutschen Wünsche gleichfäme, ist nicht begründet.
Abgesehen davon, daß Morgan felbft sich zur Erholung in Schoffland befindet, haben die Bankiers zu verstehen gegeben, daß sie infolge der zahlreichen Angriffe, denen fie ob ihres jüngsten Vorgehens ausgesetzt waren, fich bis zum Abschluß der Berhandlungen zwischen den Staatsmännern mit ihren Meinungsäußerungen 3nrüdzuhalten wünschen.
Englisch - offiziöse Darstellung.
London , 6. Auguft.( WTB.) Reuter erfährt: Das wichtigste Ereignis des heutigen Tages war die Zusammenkunft des Rats der Bierzehn heute vormittag in Downing Street . An dieser Sigung nahmen teil: Die führenden Delegierten, eine Anzahl Sachverständiger usw. Großbritannien war vertreten durch Macdonald und Snowben, Frankreich durch Herriot und Clementel, Deutschland durch Marg und Stresemann . Letzteren standen zwei Sachverständige zur Seite. Der deutsche Reichsfanzler hielt eine Rede, in der er die wichtigsten Punkte der deutschen Denkschrift zusammenfaßte, da nicht genügend Abschriften zur Verfügung standen. Hierauf folgte eine Erörterung über das zu befolgende Verfahren, deren Hauptergebnis der Beschluß war, heute abend um 9 Uhr im Zimmer des Premierministers im Unterhaus wieder zusammenzukommen. Inzwischen hielt eine Anzahl Delegierter der im Rat der Bierzehn vertretenen Nationen Besprechungen ab, um die deutsche Dent. schrift durchzusehen und die verschiedenen darin aufgeworfenen Fragen zu prüfen. Einige dieser Fragen müssen offenbar wegen ihres technischen Charakters an Sachverständige verwiesen werden, andere, die mehr politische Bedeutung haben, fönnen am besten vom Rate der Vierzehn oder von der Bollkonferenz geregelt werden. Die Frage der militärischen Räumung des Ruhrgebiets, die als die Crur( das Kreuz! Reb.) der ganzen Lage angesehen wird, wird höchstwahrscheinlich von den felben Persönlichkeiten erörtert werden, die die Vollkonferenz bilden, aber nicht in ihrer Eigenschaft als Chefs der Delegationen der Alliiertenkonferenz. sondern als Minister ihrer Länder.
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der
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Moralisches Irresein.
Rom , Anfang August. Wir sind jetzt glücklich so weit gekommen, daß der sogenannte äußerste Flügel des Faschismus in Aussicht stellt, unter dem Rufe ,, Es lebe Dumin" die Berteidiger des Faschismus gegen die Opposition zusammenzuscharen. Freilich ist diese vornehme Parole, die als Parteisymbol einen Schergen wählt, nur von dem faschistischen Abgeordneten Farinacci lanciert worden, dessen geistige und moralische Minderwertigfeit notorisch ist und von niemand je bestritten wurde. Als Geisteselaborat Farinaccis haben natürlich diese Worte ebenso wenig Bedeutung, wie etwa die stenographische Aufnahme der Reden in einer Tobsüchtigenzelle. Bedeutung ge= winnen sie aber dadurch, daß sie im Regime aufgehobener Preßfreiheit gedruckt werden konnten, daß keines der unzähligen offiziellen Organe des Ministeriums aus dem übervollen Born ihrer ,, autorisierten Informationen" geschöpft hat, um das neue Parteimotto abzulehnen und schließlich durch die Tatsache, daß bei dem jüngsten Faschistenaufgebot in Albano bei Rom der verruchte, das Land entehrende Ruf wirklich Sind wir also soweit gekommen, daß ein erflungen ist.
Mann, der sich rühmt, elf bis zwölf Menschen ermordet zu haben und zwar alle ,, auf Bestellung", ein Mann, der es verfucht hat, im Moment der höchsten Spannung zwischen Italien und Jugoslawien , für viele Millionen Lire Waffen nach Jugoslawien zu verschieben und nur durch seine hohen Berbindungen im faschistischen Ministerium damals dem Zuchthaus entging, heute die faschistische Idee verkörpert, gegen die die pereinigte Opposition zu Felde zieht? Hat der Faschismus dan überragenden Schatten des ermordeten sozialistischen Bea tenners nichts entgegenzustellen als einen moralisch Toten? Der unbegrabenen Leiche Matteottis nichts als einen lebendig begrabenen Zuchthäusler? Niemand auch nicht der schlimmste Feind, nicht der größte Verächter des Faschismus hat ihn je beschimpft und besudelt, wie ihn Farinacci besudelt hat. Uno daß darauf kein offizielles Wort der Ablehnung erfolgt ist, das zeigt noch einmal, daß die leitenden Kreise des Faschismus heute ein Fremdförper sind im sittlichen Leben der Nation. abgesperrt von jedem lebendigen Austausch mit dem, was die Boltsseele bewegt, erschüttert und entrüftet.
Es mag als mangelnder Edelmut gegen den Gegner erscheinen, daß man dem Faschismus die Worte und den moralischen Unrat eines so nichtigen und nichtswürdigen Indipiduums wie Farinacci vorwirft und anrechnet. Daß man das tun fann und tun muß, daran ist der Faschismus selbst schuld. Für ihn und die Seinen gilt der Grundsatz der absoluten Unterwerfung des Untergeordneten gegenüber dem Uebergeordneten. Farinacci fagt nichts, was nicht Mussolini billigte, nichts, was nicht den gewöhnlichsten Faschisten religiöse heilige Rorm sein müßte. Ein fräftig faschistisches Halt das Maul" aus Mussolinis Munde hätte auf Farinaccis Drang nach politischer Tätigkeit dieselbe Wirkung gehabt, wie seinerzeit die österreichischen Kanonen auf seine Kriegsbegierde: er hätte sich sorgfältig und gründlich verkrochen. Der das Wort sprechen fonnte und darum sprechen mußte, hat geschwiegen. Er hat den faschistischen Extremismus als Stimmungsfache und Seelenverfassung definiert und scheint zu denken, es sei flug, für alle Fälle auch diesen Kessel unter Bression zu halten. Der Faschismus ist offenbar in eine chronische Periode der Fehler", der" Gaffes" eingetreten. Wie fönnte er fonft tatenlos feiner moralischen Gelbſtverstümmelung zusehen, die ihn dauernd untauglich machen wird
zum Felddienst der Geschichte?
Erst in der letzten Juliwoche hat sich die Situation so zu
Ueber Berlauf und Ergebnis der Abendfizung in London war gespitzt, daß von faschistischer Seite das Bedürfnis empfunbis zum Redaktionsschluß ein Bericht nicht eingetroffen.
Räumung und Regiepersonal.
Londoner Parallelkonferenz. London , 6. Auguft.( Reuter.) Die von der Konferenz nicht behandelten Fragen, wie die militärische Räumung der besetzten Gebiete, soweit die Besetzung über das Rheinlandablommen hinausgehf, und die Zurückbehaltung alllierter Eisenbahner werden einer eigens hierfür eingefeßten Organifation der großen Bierzehn" überwiesen werden, der je zwei Bertreter einer jeden Macht angehören, und die nicht als zur Konferenz gehörig, fondern vielmehr als außerhalb der Konferenz stehend zu betrachten ist.
Die Reparationskommission in London . Paris , 6. Auguft.( WTB.) Die Reparationskommission hat heute vormittag am Sitz der französischen Delegation in London in einer offiziöfen Sizung den Stand der Konferenzverhandiungen zusammen und wird dann vielleicht beschließen, die deutschen zur Kenntnis genommen. Sie tritt morgen vormittag wiederum Delegierten, die gestern schon sondiert worden find, offiziell
zu hören.
Ein Hungerftreifer in Paris . Der Hauptverurteilte in dem Kriegsprozeß gegen die sozialistische Zeitung„ Bonnet Rouge" wegen Defaitismus, Solsti, ist seit Montag in den Hungerstreit getreten, um gegen die Ablehnung seines provisorischen Freilassungsgesuches zu protestieren.
den wurde, in der Solidarität für einen der Mörder Matteottis ein Rennzeichen faschistischer Gesinnung zu erblicken. Dies geschah im Anschluß an die angeblichen Enthüllungen Cesare Roffis, der gesagt haben soll, er hätte nur als ,, Werkzeug des Höchsten" gehandelt, wie bereits telegraphisch be= richtet wurde. Daraufhin brachte das sehr streitbare Organ der katholischen Volkspartei, der„ Popolo", einen Leitartikel, in dem es hieß, daß die Justiz vor feiner Schwelle Halt machen würde. Diese Worte, in die einzustimmen die elementarste Besonnenheit der herrschenden Partei hätte raten sollen, brachte ein faschistisches Organ, das römische Impero", ganz aus dem Häuschen, weil ja der bloße Gedanke des gleichen Rechtes für alle eine Lästerung des Faschismus ift. Das Blatt schrieb also in seiner Nummer vom 26. Suni:
,, Es ist zwecklos, mehr oder weniger verschleiert auf Mussolini anzuspielen. Den Seerführer, den Retter des Vaterlandes, wird niemand anrühren. Der Faschismus wird es nie, um feinen Preis erlauben.... Wenn die Schwelle, die man mit dem Verdacht beAeußern), so werden die Schwarzhemden gute Wacht halten flecken möchte, die des Palastes Chigi ist( des Ministeriums des Das ist also euer Ziel, der Heerführer, der Faschismus? Ihr wollt unferen Führer beschuldigen, mit Berdacht und Infamie beflecken? Nur voran, Aasbande, ihr sollt an den Rechten kommen Dus faschistische Italien ruft: wer den Führer anrührt, wird zerstäubt werden. Denn der Führer ist außerhalb und über jedem Verdacht des leisesten Schattens von Schuld. Die Verschwörer der Kloake, die als Volksfreunde verkappten Bolfsverräter, scheinen, sich der