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Nr. 376+ 41.Jahrgang

des Vorwärts

2. Beilage des

Der republikanische Sonntag.

Schwarzrotgoldene Verfassungsfeier im Reich. Magdeburg , 11. Auguft.( Eigener Drahtbericht.) 30000 re publifanische Frontsoldaten nahmen in Magdeburg zu der Berfassungsfeier des Reichsbanners Schwarz- Rot­Gold auf dem Domplatz Aufstellung. Ueber 300 Reichsbanner­fahnen, darunter zwei, die bei den 1848er Revolutionskämpfen da bei gewesen sind, wurden mitgeführt. Einen solchen Massenauf marsch und einen solchen Fahnenwald hat dieser Blah noch nicht gesehen, trotzdem er in der wilhelminischen Zeit stets als Paradeplay für die große Garnison der Stadt Magdeburg benutzt wurde. Der Zug der Reichsbannermannschaften durch die Hauptstraßen der Stadt machte einen überwältigenden Eindruck auf die gesamte Bevölkerung. Dicht gedrängt umfäumten die Massen der Zuschauer die Straßen. Die ganze Stadt stand unter dem Zeichen Schwarz- rot- gold. An den Reichspräsidenten wurde telegraphisch ein Treuegelöbnis über­mittelt.

Riefendemonstrationen auch in Kassel und Chemnih.

Kaffel, 11. Auguft.( Eigener Drahtbericht.) Unter ganz außer­gewöhnlich starter Beteiligung ist am Sonnabend und Sonntag der Republikanische Tag in Raffel begangen worden. Seit Sonnabend nachmittag ist die Stadt in ein Farbenmeer von Schwarz­Rot- Gold gehüllt. Die Feier begann am Sonnabend abend mit einem Zapfenstreich. Aus allen Richtungen marschierten starte Züge des Reichsbanners nach dem im Herzen der Stadt gelegenen Friedrichsplatz. Am Sonntag morgen erfolgte auf demselben Blaze die Bannerweihe. Auch hierbei war die Beteiligung außerordentlich start. Die Weiherede hielt Landrat v. Harnad. Die Maffen zogen dann nach der Kriegergedächtnisstätte an der Karlsaue, wo eine Ge­dächtnisfeier für die Toten des Weltkrieges stattfand. Sowohl bei der Bannerweihe als auch bei der Gedächtnisfeier wirkte die Kapelle der Schuhpolizei in Uniform mit. Am Nachmittag setzte sich vom Friedrichsplatz aus ein gewaltiger Festzug in Bewegung. Aus der gesamten Umgegend waren die Gruppen des Reichsbanners herbei­geströmt, so daß zehntausende Reichsbannerleute ver­fammelt waren. Der Vorbeimarsch des Umzuges dauerte% Stunde. In den drei größten Lokalen der Stadt gingen dann die Nachmittags= feiern unter Mitwirkung der Arbeiterturner und sportler, sowie der Arbeiterfänger vor sich. Oberbürgermeister Scheidemann, Pro­fessor Schüding und Studienrat Schwarte hiellen Fest­ansprachen. Genosse Scheidemann führte u. a. aus: Das Reichs banner Schwarz- Rot- Gold ist eine republikanische Schußorganisation, geboren aus der Not unserer Zeit, eine Notgemeinschaft im Kampfe für die deutsche Republit, gegen die Reaktion. Abhold jeglicher Gewalt, steht die Organisation auf dem Boden der Demokratie, bereit, Leib und Leben einzusehen, wenn es sein muß, um die Ber­faffung zu schützen. Der wichtigste Punkt, gegen den sich jetzt die demokratische Republik wenden muß, ist die politische Reaktion, die Das geschichtlich Gewordene zurückschrauben, gleiche Rechte beseitigen, Vorrechte wieder einführen will. Der Bürgerblock, der in greifbare Nähe gerückt ist, soll das parlamentarische Machtinstrument der Reaktion werden. Unbeschadet aller sonstigen Meinungs­verschiedenheiten will und muß das Reichsbanner Schwarz- Rot- Gold alle zusammenschließen, die des guten Willens sind, unser Vaterland zu schützen und zu schirmen gegen alle, die es mit Gewalt bedrohen. Chemnih, 11. Auguft.( Eigener Drahtbericht.) Die Reichs­verfassungsfeier gestaltete sich zu einer wuchtigen Rundgebung für die Republik , wie sie Chemnih bisher noch nicht gesehen hat." Am Festzug und den Veranstaltungen auf dem Marktplatz beteiligten fich etwa 70000 bis 80000 Menschen.

Forst i. d. Laufig, 11. Auguft.( Eigener Drahtbericht.) Unter ungeheurer Beteiligung der Bevölkerung fanden am Sonnabend und Sonntag hier die Verfassungsfeiern statt. Im Mittel­punkt der Feier stand das Reichsbanner Schwarz- Rot- Gold", das bei dieser Gelegenheit zum ersten Male an die Deffentlichkeit trat. Am Sonnabendabend wurde von zirka 1000 Facelträgern ein Fackel­zug durch die Stadt veranstaltet, daran schloß sich ein großes Feuer­werk, das von über 8000 Personen besucht war. Am Sonntagmittag veranstaltete das Reichsbanner gemeinsam mit den Gewerkschaften einen Umzug durch die Stadt, der auf dem Festplatz vor den Toren endete. Bei dem Denkmal der im Kriege gefallenen Turner murden Kränze niedergelegt, die Fahnen des Banners wurden im Anschluß daran feierlich eingeweiht. Den Schluß der Feierlichkeiten bildete ein großes Bolksfest.

Berlin als Erholungsort.

Bon Dr. Erich Witte .

Taufende von Berlinern sind in diesem Jahre zur Erholung nach dem Ausland gereift; meist sind es solche, welche den Schutz der deutschen Landwirtschaft vor der ausländischen Konkurrenz durch Zölle fordern, und welche jedem, der über politische und wirtschaft liche Fragen anders als sie denkt, die nationale Gesinnung absprechen. Sie werden von manchen Berlinern beneidet, die nicht einmal die Mittel zu einer Reise nach einem deutschen Seebade oder einem deut­fchen Gebirge haben. Aber nicht nur die billigste, sondern auch die beste und abwechselungsreichste Erholung hat man in Berlin selbst.

Hält man sich vier Wochen in einem anderen Orte auf, tennt man in einigen Tagen die ganze Umgebung; man muß diefelben Spazier. gänge und Ausflüge immer und immer wieder machen; das ist schließlich langweilig. Ich benuße ein Buch 100 Ausflüge um Berlin ". Man fann indes noch viel mehr machen; wenn man an jedem der 365 Tage einen Ausflug machen wollte, hätte man nicht einmal nötig, zweimal denselben zu wählen.

Hand aufs Herz, liebe Berliner und Berlinerinnen, wie viele von Euch kennen die Umgebung genau! Auf einer Dampferfahrt durch den Charlottenburger Teil der Spree fragte mich neulich eine Dame, die seit dreißig Jahren in Berlin zu wohnen behauptete, ob das der Landwehrkanal wäre; als wir dann auf der Havel an Schwa­nenwerder vorbeikamen, glaubte fie, das sei die Pfaueninsel .

Gewiß", werden viele entgegnen, bei den guten Bahnverbin­dungen' tann man schnell die verschiedensten Gegenden erreichen; aber es ist immer dasselbe, Wasser und Wald." Hat aber nicht die Natur ihre Runft so meisterhaft verstanden, daß sie mit diesen beiden Mit­beln die größten Wirkungen hervorgebracht hat? Erscheint nicht selbst dieselbe Landschaft ganz anders zu verschiedenen Jahres- und Tages. zeiten? Am schönsten ist sie für mich am Morgen, wenn die Bäume eben erst aus ihren Träumen erwachen und vor Erstaunen mit dem Ropfe schütteln, daß ich sie schon so früh besuche.

Ich habe den durch Manzonis Dichtung Die Verlobten" poetisch so perflärten Comersee und den durch Schillers Wilhelm Tell" uns Deutschen so vertrauten Vierwaldstätter See gesehen. Aber eine noch poetischere Sprache spricht zu mir der Liepniß See, wenn ich um die mitten in ihm liegende Insel herumrudere. Kürzlich sah ich an ihm ein junges Mädchen fizen und einen Roman lejen; ,, mein liebes Fräulein", hätte ich am liebsten gesagt ,,, legen Sie Das Buch weg! Lassen Sie sich von den Bäumen die vielen weit

Hamburgs Bekenntnis zur Republik . Hamburg , 11. August. ( Eigener Drahtbericht.) Der Sonntag stand in Hamburg unter dem Zeichen der Verfassungsfeier. Schon am frühen Vormittag formierten fich in allen Bororten die Züge, um in startem Aufmarsch unter den wehenden schwarz- rot- goldenen Fahnen in das Stadtinnere zu marschieren. Auf der großen Moorwiese inmitten der Stadt trafen die Züge zusammen. Gegen Uhr hatte der Aufmarsch begonnen und erst um 10% Uhr war er beendet. Von vier Tribünen sprachen dann Redner der Sozialdemokratischen und Demokratischen Partei. Nach dem Hoch auf die Republik fang die Masse den dritten Bers des Deutschland­Liedes. Anschließend konzertierte die Ordnungspolizeikapelle auf dem Plaze. In Altona war die Verfassungsfeier mit der Banner weihe des Reichsbanners verbunden. Hierzu waren auch die benachbarten Gruppen des Reichsbanners in großer Zahl auf marschiert. Die Riesenhalle des Lunaparks fonnte die Erschienenen nicht alle aufnehmen. Es sprachen der Vorsitzende der Zentrums­ partei Hamburg und Genosse Senator Lampl.

Hitlers Kriegsrat.

,, Verdammt, wenn dieses Reichsbanner" sich so weiter entwidelt, bleibt uns nichts übrig als die blaue Brille."

Bremen , 11. Auguft.( Eigener Drahtbericht.) Unter großer Anteilnahme der Arbeiterschaft und der übrigen republikanischen Schichten der Bevölkerung fand in Bremen am Sonnabend und Sonntag der Republikanische Jugendtag Baffer tante" statt, zu dem mehrere tausend proletarischer und demokra tischer Jugendlicher aus ganz Nordwestdeutschland zusammengeströmt waren. Besonders start war die Hamburger Jugend vertreten. Ein­geleitet, wurde der Jugendtag durch eine öffentliche Rundgebung am Sonnabendabend auf einem Arbeitersportplaz. Am Sonntag mittag um 1 Uhr bewegte fich ein gewaltiger Demonstrations= zug, den die Polizei allerdings in die äußeren Straßen abdrängte, nach dem Stadtwall, wo die jugendlichen Republikaner Nordwest­deutschlands den Verfassungstag feierten.

Leider verlief die Veranstaltung nicht ohne Zwischenfälle. Un­glaublich herausfordernd benahm sich die Bremer Polizei, entsprechend des reaktionären Geistes in der Bremer Regierung. Sie schritt nicht nur gegen das Tragen roter Fahnen mit Vereinsbezeich nung ein, sie verbot sogar am Sonnabend das Tragen der schwarz- rot- goldenen Nationalflagge.(!) In einem Bremer Vorort überfiel ein Trupp von etwa 30 Kom munisten in der Dunkelheit eine Gruppe von etwa 10 Hamburger Jugendlichen, die von der Feier in ihre Quartiere heimkehrten. Sie schlugen fie mit Gummifnüppeln und raubten ihnen drei Fahnen. Auch die Hakenkreugler leifteten sich eine Heldentat". Sie

interessanteren Liebesgeschichten erzählen, die sie selbst beobachtet haben.

Ich werde nie den Abend vergessen, an dem ich durch die Ge­wässer der in tausend Lichtern erstrahlenden, traumvollen Inselstadt Benedig fuhr. Aber noch einen schöneren Anblick hatte ich neu­lich, als ich auf einem Stern- Dampfer von Leupi fam und nach sechsstündiger abwechselungsreicher Fahrt durch breite Seen und schmale Bäche unser Treptow im Lichterglanz vor mir liegen fah.

Ich habe den Rheinfall bei Schaffhausen und die Troll hätta fälle in Schweden , die größten Wafferfälle Europas , schäu­men sehen und tosen und donnern hören. Aber einen tieferen Ein­drud machen auf mich die märkischen Bächlein, die so leise flüstern, daß ich sie unter dem Gestrüpp suchen muß und ihnen zu­reden muß, doch nicht erst zu lauschen, ob sie ans Licht treten dürf­ten, sondern sich mutig hervorzuwagen.

Dienstag, 12. August 1924

rempelten im Stadtwalde jugendliche Republikaner an, wurden aber von Reichsbannerleuten mit einer Tracht Prügel nach Hause geschickt. Für die amtliche Verfassungsfeier am Montag hat sich fein Mitglied der reaktionären Bremer Regierung als Redner gefunden, die Festrede hält ein auswärtiger Demokrat.

Die Feier in Köln .

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Rundgebung am Sonntag war von bisher nicht gekannter Größe. Köln , 11. Auguft.( Eigener Drahtbericht.) Die republikanische Viele Tausende zogen niit schwarz- rot- goldenen Fahnen aus den Vororten zur großen Messehalle, die über 5000 Personen faßt und bereits lange vor Beginn überfüllt war. Bald mußte eine ebenso start besuchte Parallelversammlung veranstaltet werden. Der Prä­fident der Nationalversammlung von 1919, Genosse Dr. David, war Hauptredner, dessen Ausführungen stürmischen Beifall wedten. Zweiter Redner war der demokratische Abgeordnete Frei­ herr v. Richthofen, der die Weimarer Verfassung als Rettung des geeinten Deutschlands pries. Unter lauten Beifallskundgebungen wurde die Absendung eines Begrüßungstelegramms an die Wei­ marer Tagung des Reichsbanners Schwarz- Rot- Gold beschlossen. Der Abmarsch der Zehntausende dauerte Stunden. Die ge­waltige Demonstration war auch eine Antwort auf die Haltung des Kölner Zentrums, das eine Beteiligung an der republikanischen Ber­fassungsfeier aus nichtigen Gründen abgelehnt hatte.

Wirtschaft

Die Rechenfehler des Zechenverbandes.

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In Nr. 352 des Borwärts" vom 29. Juli d. I. veröffentlichten wir eine Zuschrift aus Fachkreisen, die sich mit der Verteilung der Lasten des Ruhrbergbaues unter der Wirkung der Micum Verträge befaßte. Veranlassung zu dieser Veröffent­lichung hatte eine vom Zechenverband aufgestellte Berechnung ges geben, worin der Nachweis zu führen versucht wurde, daß sich gegenwärtig der Verlust des Ruhrbergbaues bei einer Absatztonne Rohle auf 10,22 Goldmart belaufe. Diese Verlustziffer wurde von uns als eine Uebertreibung bezeichnet und dann der Nachweis geführt, daß der Mindererlös je Absatztonne 3,81 Mart betrage.

Dieser Artikel hat die 2a stenabteilung des Bergbaus Dereins zu einer Erwiderung veranlaßt. Es wird zwar nicht mehr behauptet, daß der Verlust bei einer Abfazztonne 10,22 Mart betrage, aber es wird der Versuch unternommen, cinzelne Positionen der von uns veröffentlichten Berechnung zu erschüttern. Daß der Versuch nicht gelungen ist, werden wir gleich sehen. Wir wollen in unserer Entgegnung dem Beispiel des Zechenverbandes folgen und die strittigen Positionen einzeln behandeln. 1.

Der

Selbstverbrauch und Deputattohlen. Bechenverband hatte in seiner Berechnung angegeben, daß im Zechen­selbstverbrauch und für Deputattohle 11 Prozent der Gesamt förderung benötigt würden. Wir hatten diesen Satz als zu hoc bestritten und 9 Prozent als ausreichend für die genannten Zwede bezeichnet. Dagegen mendet sich der Zechenverband mit dem Be­merken, daß der von ihm genannte Saz un angreifbar wäre. Zur Begründung wird dann ausgeführt:

Nach den dem Bergbauverein von den Zechen regelmäßig zugehenden Nachweisungen betrug in der Zeit vom 2. März bis 28. Juni d. I. die Förderung im besetzten Gebiet auss schließlich Regiezechen 21,93 Millionen Tonnen; ihr stand ein Selbstverbrauch von 2,51 Millionen Tonnen gegenüber, d, f. 11,45 Prozent."

Verzeihung, verehrte Herren, nicht so fühn! Die Rechnung ftimmt, aber unangreifbar ist die sachliche Angabe nicht. Dem Bechenverband dürfte doch wohl noch bekannt sein, daß im Mai infolge einer von ihm begünstigten Aussperrung der Berg­arbeiter die Förderung nur 1,6 Millionen Tonnen gegen 8,12 Mil­lionen im April und 8,22 Millionen Tonnen im März betrug. Im Mai dürfte der Selbstverbrauch mindestens 50 Prozent der Förderung betragen haben, denn die Fördermaschinen, Luft­ventilatoren und Wasserpumpen haben auch während der vier= wöchigen Aussperrung nicht im Ruhestande verharrt. Weil der Bechenverband in seine Berechnung den für den Zechenselbstverbrauch

schaftlichen Sozialismus" teilnahm. Damals fannte ich noch feine fremde Sprache, von ein paar Broden Franzöfifch abgesehen. Die Borträge waren gut verständlich, die Ausführungen eines Distuffions= redners aber wimmelten von Fremdwörtern, besonders fam öfter ,, Akkumulation des Kapitals"( nach dem Buche der Genoffin Rosa Luxemburg ) vor. Was ,, Affumulation" u. ä. bedeutete, davon hatte ich keine Ahnung, stellte mir aber irgend etwas Geheimnisvolles, Tiefsinniges darunter vor; denn ebensowenig wie viele andere Ur­beiter befaß ich ein Fremdwörterbuch. Erst als ich später alte und neuere Sprachen gelernt hatte, tam es mir zum Bewußtsein, wie oft ich über Fremdwörter in Zeitungen und Büchern verständnislos hinweggelesen hatte. Ich mache mir noch jest oft das Vergnügen, irgendein Fremdwort in der Zeitung irgendeinem Genossen vor­zulegen und ihn nach der Bedeutung zu fragen. In den meisten Fällen erfolgt keine Antwort. Dabei sind es gewöhnlich solche Freind­wörter, für die wir gute deutsche Wörter haben.

Ich habe von der englischen Ranallüfte sehnsuchtsvoll nach Süden geschaut, ob ich nicht einen Turm an der gegenüberlie genden französischen Küste entdecken könnte. Ich habe im Frühling auf dem Felsen gestanden, auf dem das herrliche Monato liegt, zu meinen Füßen auf der einen Seite die in der schönsten Farbenpracht prangende Riviera und auf der anderen Seite das die ältesten Kul­turländer bespülende Mittelländische Meer. Als ich fürzlich von den Bollersdorfer Höhen aus den Schermüßelsee und die Märscheint dem Temps" aber zu fimplistisch. Welcher Teufel mag tische Schweiz mit ihren wie ein grünes meer wogenden Tannenwäldern vor mir liegen fah, da fagte ich mir: ,, Reiset, Ihr reichen Patrioten, nur nach Italien , nach England, Schweden und der Schweiz . Ich kenne die Länder auch. Aber ich liebe meine märkischen Wälder und Seen mehr".

Fremdwörterunfug.

Von Erich Pagel.

Wer gegen die Fremdwörter auftritt, gerät leicht in den Ver­dacht der Deutschtümelei. Dabei handelt es sich um eine ernste An­gelegenheit, die mit der Vorliebe für oder Abneigung gegen fremde Völker gar nichts zu tun hat oder menigstens nichts zu tun haben sollte. Man muß sich vielmehr auf einen ganz anderen Boden stellen und fragen: ist das Fremdwort eingebeutscht, ist es jeder mann( auch dem ungelehrten Arbeiter!) verständlich, ist es entbehr lich? Die Frage der Verständlichkeit ist die allerwichtigste, gerade für uns Sozialisten, die wir den Massen Aufklärung bringen wollen. Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit noch sehr gut an ein Er­lebnis in der alten Arbeiterbildungsschule in der Grenadierstraße, wo ich als Siebzehnjähriger 1909 an einem Kurfus des Genossen Julian Borchardt über das Thema: Bom utopischen zum wissen

Sehr viele Fremdwörter fallen nicht den Zeitungsredaktionen, sondern den Nachrichtenbureaus zur Last und entstehen durch man­geindes Verständnis oder mangelhafte Kenntnisse des Uebersezers. Hier einige Beispiele: Macdonald sprach in London von einem Transfer der deutschen Zahlungen; in zwei Depeschen des BTB. tam das Wort vor. Dabei bedeutet es weiter nichts als lleber­tragung"( nämlich aus einer Währung in die andere), und so ist diefer Borgang auch in früheren Artikeln des Borwärts" bezeichnet worden. In einer Drahtung der Eca stand: Diese Auffassung er­den Ueberfeßer geritten haben, daß er gerade dieses eine Wort un­übersetzt ließ, anstatt einfältig" dafür zu sagen? entbehrliches Fremdwort schwindet. Hier eine kleine Blütenlese der Es wäre zu wünschen, daß auch aus den Leitartikeln usw. manch legten Tage: das sehr häufige" intransigent"( unverföhnlich) mit dem zugehörigen Hauptwort Intranfigenz", pretär" statt un ficher, mißlich", manifestieren" statt darlegen, zeigen", Intonse. quenz" statt Folgerichtigkeit" usw.

Kit- fin fin.

Träge schleicht die elektrische Straßenbahn einen steilen Berg hinauf, schreiend, mißtönend quietschend. Mühsam haspelt sie sich an einem Krankenhause, das breit ausladend an der Straße liegt, aus häßlichen gelben und roten Mauersteinen geflegt, vorbei. Das große Portal ist weit geöffnet, und just tritt eine kleine Schar von Männern aus dem Tor in den frühen Morgendunst, wo erwartungsvoll schon Frauen und Kinder flehen, und mitten unter diefen, unruhig an der langen Leine zerrend, ein dunkelgrauer Schäferhund.

Er hebt die Nase, wittert, fnurrt, schnauft, die Rute schwingt hin und her in furzen Sprüngen geht er die Leine an, es ist, als ob sich in ihm ein seltenes Erlebnis vorahnend vorbereite. Und die

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