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Kr. 28Z 42. Jahrgang

1« Heilage ües vorwärts

Voauerstag, 18. Juni 1425

Es gibt ei« ganz besonders freudloses und daher um so mühe- volleres Arbeitsringen, auf das man kaum oder gar nicht achtet, weil es so ziemlich abseits vom Anschaulichen einer Weltstadt liegt: das sind wie sie sich selbst nennen dieKoppelknechte', und wenn man so wenig an sie denkt, dann kommt es auch davon her. daß es sich bei diesem Berus um einige hundert Mann handelt, was hat das in einer Viermillionenstadt zu besagen?' Und außer- dem es geht um einen Beruf, der etwas auf den Aussterbeetat gesetzt ist. nicht so ganz, wie die Droschkenkutscher, die schon Gegen- stand einer Lolksklagemelodie geworden sind, aber immerhin ver- kümmert und arm an Hoffen wie an Gegenwartsgenießcn. Tragödie des Pferdes t Än wieviel Jahren wird das Pferd gänzlich aus dem Großstadt- - treiben geschwunden sein? Sicher recht bald, und man könnte von * edier Tragödie des Pferdes sprechen und schreiben, wären nicht die Hauptbeteiligten anderer Meinung und das sind in diesem Falle doch die Pferde selbst, die Jahrtausende Hindurch dem Menschen zu fronen und zu schuften. Mühen von seinen Schultern zu nehmen, Gewinn zu bringen, Krieg mitzumachen und den Schlach- tentod zu sterben hatten ohne von einem Landessürsten aus- gezeichnet zu werden oder nach dem Ende etwas anderes zu bedeuten als ein ganz armseliges Stück Aas, vor dem man sich die Nase zu- hielt. Ja, die Pferde dürsten anderer Meinung sein. Aber wir müßten auch die Meinung gewinnen, daß nach, l'nd man möchte fast sagen: mit ihnen die Hauptlasttragcnden,.die Soppelknechke. die Angestellten im pserdehandcl. sind. Sehen mir uns ihren Beruf einmal gründlich an, wir werden überrascht sein, weläs harte Pro- letenberuie es gibt, ohne daß sich dafür ein Dichter gesunden hätte. In diesem Berus gibt es keine Arbeitszeiisestlegung. hier herrscht noch eiv patriarchalisches Verhältnis und was das zu sagen hat. das weiß jeder, der selbst schon einmal auf Güte und Verständnis seines Arbeitgebers angewiesen war. von 4 llhr morgens bis S Uhr abends, so läßt sich hier ungefähr die Arbeitszest in Formel bringen, wobei man ober nicht vergessen darf, daß auch Nacht- wachen dazu kommen und daß plötzlich eine Reise angetreten «erden muß. Wir haben oft schon eine halbe Woche vollständig durcharbeiten wüsten, erklären die Arbeiter, die sich Koppclknechte nennen, und wenn man sich das von ihnen aus Einzelheiten be- gründen läßt, dann ist man überzeugt über das Schwere des Be- rufes. Im Stall. Ein Pferd, das zur Arbeit dienen soll, verlangt sorgsamste Pflege und macht Arbeiter oft wirklich zu knechten ihrer Bedürsniste und ihrer_ Cauncn. Denn Pferde haben Verstand, der mitunter an den eines Menschen heranragt, und sie wollen, weil sie wissen, daß sie wertvolle Arbeiter sind, auch Anerkennung und entsprechen- den Lohn in diesem Falle natürlich nur in Naturalien. Pserde. die vertaust werden sollen, wüsten gan, besonders behandelt und hergerichtet werden, man muß sie das Bild sei gestattet gerade zu auf Händen tragen. Welche Mühe muß verwendet werden auf das Putzen, auf das Frisieren, und aus die Besonderheiten, die aus 1 einem alten Klepper einen Feuergeift machen sollen! Und dann! müssen sie, um bei Gesundheit und Wohlbefinden zu verbleiben, bewegt" werden, müssen dem Kunden vorgeführt, vorgeritten, vor-! gefahren werden. A" dos hak der Koppelknecht zu besorgen. Aber i

damit ist es noch lange nicht getan der Händler begehrt von feinen Angestellten, daß sie geradezu Tierärzte sind, sie müflen für Krank- heitsfälle Bescheid wissen, müssen kupieren und noch anderes können, was eigenllich Aufgabe eines Chirurgen unter den Tierärzten fein sollte. Kommt er endlich zum Schlafen, dann ist dieser Arheiter sicherlich totmüde mit der Stallarbeit oder auch dem Transport von der Bahn ist es noch lange nicht erledigt, plötzlich sagt der Chef: Sic müssen aus die Reise gehen und dann beginnt erst die ganz mühselige und nicht eigens belohnte Arbeit. fluf üer Reife. Lei einem Transport bis zu acht Pferden kann und.darf" der Koppelknecht im Ilerwagen ichlasen. Ist dieser durch höhere ihahl seiner vierbeinigen Gäste vollgefüllt, dann hält man sich im Pack- wagen auf, um bei jeder Station sogleich den Wünschen der Pfleg- linge nachkommen zu können. Reisekosten werden vergütet, aber auch bei der längslpn Fahrtstrecke beträgt dies nicht mehr als fünf bis acht Mark für den Tag. Es besteht also nicht Geiahr, daß einer

Die Arbeit im Stall. dieser Angestellten eine fremde Stadt dazu benugt, um sich einmal gütlich.zu tun. ganz abgesehen vom Mangel an'Zeit und Freiheit. Das Tier ist Sklave des Menschen, und der Mensch wird wieder sein Sklave, je nachdem natürlich einer das Glück halte, Herr zu sein, oder vom Schicksal als Knecht geboren wurde. 3n diesem Be­rufe. wo Mensch vom Tier abhängig ist und selbst zum Arbeitstier wird, steckt ein gutes Kapitel prolelarischeu Lebens. Und wir wollen das nicht vergessen, haben wir uns einmal damit vertraut gemocht. Dieser Arbeiter kommt müde und mehr als schlafbedürftlg nach Hause, man kann ihm zuliebe nicht Tiere, die einen Wert darstellen und Gewinn werden lallen, vernachlässigen, die Arbeit geht weiter und der..Knecht", der sein Pferd liebt und in der Freude am Beruf

den einzigen Trost finden kann, darf dann daran denken, daß er Mensch ist, wenn sein Pflegling, das Tier in Menschenfron, ver- sorgt ist. verdienst. Der Perkaufspreis der Pferde bewegt sich wieder in de« Grenze« der Friedenszeit t der Arbeiter hat nicht annähernd den Verdienst von damals erreicht. 3m Durchschnitt stellt sich eine gute Kraft auf fünfundzwanzig Mark, nun kommt aber dazu, daß in dieser?lrbeits- ort keine Regelmäßigkeit der Entwicklung und kaum eine Abstufung gegeben ist. Die Losung: dem Tüchtigen freie Bahn, ist hier in einem gewiflen Sinne und bis zu bestimmten Grenzen verwirklicht: das entscheidet, was die Arbeitskraft dem Unternehmer wert ist, and der vierzehnjährige Junge kann hier, wo Sechzigjährige mit ihren Mann zu stellen haben, in einem Jahre die Anerkennung der vollwerligkeii erlangen. Es ist eine proletarische Betätigung, die arg abseits steht von allgemeiner Arbeitsregelung. Ein gewerk- ichastliches Ideal stellt es auf keinen Zall dar. Wäre es schwere Arbeitsleistung allein, man könnte sich abfinden und sich damit be- gnügen, dem einzelnen zum Kampf um Besserung zu raten. Indes hat der Berus auch seine Gefahren wie wenig andere. Man braucht sie kaum»äher zu schildern: Wie mancher wurde dauernd zum Krüppel oder, wenn ihm der Huf das Gesicht zerschlug, in be­jammernswerter Weise entstellt! Und das Besondere dieser Gefahr ist, daß man sich nicht davor schützen kann, daß sie unvermutet kommt und immer von körperlicher Qual begleitet ist. Nur ein Beispiel für die Tücke dieser Arbeitgesohren: Ein Mann führt zwei Pferde an einem Fenster vorbei, hinter dem eine Stenotypistin an chrer Maschine sitzt. Sie fährt, nachdem sie im Manuskript gelesen, in ihrer Arbeit fort und das Geräusch genügt, um ein Pserd scheu U machen. Eine schwere Verletzung am Fuß ist für den Begleiter ie Folge.

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Zwei Viertel sind es, die Mittelpunkt des Pferdehandels sind: dasLuxus"oiert«l um die Leipziger Straße und die Gegend östlich vom Alexanderplatz . Don fünfhundert Geschäften im Frieden b« stehen heute noch zwischen hundert und zweihundert. Dies ist ein Kapitel für sich aber daß Besitzer und Herren von einst heub? auch Koppelknechte geworde« sind, das gehört hierher und soll zum Nachdenken anregen. Zunehmende Proletarisierung auf der einen Seite, auf der anderen Verkümmern des Proletariats.

düstere Jährt.

Am Steuiner Vorortbahnhos steigst du in den Zug ein, der nach Bernau führt. Es ist eine Fahrt an Wiesen und Kornfeldern vorbei, eine Fahrt durch Sonne und Fruchtbarkeit. Die vierte Station ist Karow , dicht hinter dem Bahnhos liegt die Villen kolonie , saubere, gepflegte Privachäuschen, Gärten voll Obst und Blumen, ganz im Hintergrund zwei dunkelrote Fabrikschornsteine. deren schwere Arbeitsmelodie sich wie ein leiser, trübender Schatte« über die Helle der Landschaft legt. Dort liegt das Dorf Karo«, ein stilles, fleißiges Dorf, mit mehr oder minder wohlhabend» Bauern, mit Arbeitern, die die Notdurft des Lebens nach Berii« in die Maschinenfabriken zwingt, mit kleinen Krämern, die ihre Psennigwore schwerfällig absetzen, stündlich im Ringen mit den Lebecksnotwendigkeiten des Tages. Eine wunderbar frische, singende Lust streicht über dich hin. liebkosend möchte sie mit dir spielen. Und ein betäubender Schmerz überfällt den einsam Gehenden, wenn er in diese ewigen Lichter steht und dann an jene unselige Tot denkt, die hier vor einigen Tagen geschah. Es ist ein einsamer Weg. am Bahndamm entlang, wenn auch die Sanne ihn freundlicher macht und der pfeifende Wind dein Weggeselle ist. An dichten Büschen streifst du vorbei,«in schmaler Pfad, links herein, hier sträubt sich dunkles Gesträuch entsetzt nach allen Seiten. Eine leise Angst überfällt den Wanderer. Jene zertretene Stelle ist es, an der man die qualvoll ge- krümmte Leiche der kleinen Senta Eckart fand. Das Kleidchen zeriisen, lag sie gemordet, zertreten im Sand. Ein entsetzliches Grauen zieht durch die Seele. In diesem Gelände, voll Lachen, voll Blühen und Frohsinn mordete jemand ein Kind. Ein un- schuldiges Ding, das seinen Vater im Garten, zwischen Kirsch- und Birnbäumen, besucben wollte. Welche dunklen Kräfte waren hier am Werk? Armselig fühlen wir uns, so unendlich schwach jenen Krästen nacktester Bestialität gegenüber, die unserem Lebensflug wie Bleigewicht anhängen ustd die uns die gespenstischen Schatten der Nacht über den blühenden Frühling des Wiesenstegs werfen. Wer hfl* das Mädchen gesehen? Das furchtbare Verbrechen in Blank.cnburg, das am San»- abend voriger Woche entdeckt wurde, ist trotz der eitrigsten No» sorschungen der Kriminalpolizei noch in undurchdringliches

28,

Schnock.

Ein Roman von Lee und Sümpfen. Don Svend Fleuron .

Hüte dich, Schnock, jetzt kommt ein Fischer mit Weisheit und Verstand! Er hat Kleider an wie die Federn des Reihers, er hat Stöcke zum Fischen, die mit der Farbe des Himmels bemalt find und die Schnur ist graugrün wie die Stengel der langen Wasserpflanzen. Er schleicht an dem moorigen, wiegenden Ufer entlang und achtet genau daraüf. jegliche Bewegung auf dem Wasser zu vermeiden. Der Hecht ist scheu und flüchtig, wachsam und gewandt.!Vnn nur ein Stengel knackt, wenn nur ein Schneckenhaus ins Wasser plumpst, so, weiß er, hat das Tier ihn entdeckt. Er findet Stellen, wo, wie er glaubt, der Fisch sich aushält, und nun senkt er erwartungsvoll seinen Köder am Rande des Röhrichts oder an der Spitze der Landzunge hinab... Ein ganzes Stück hinter ihm kommt der Torfgräber, der strengsten Befehl erhalten hat. nicht ein Wort vernehmen zu lassen und so behutsam und vorsichtig wie möglich auf- zutreten Er hat die Flinte in Bereitschaft, voller Bedenken durch alle die Geschichten, die man ihm vomLindwurm" erzähl� hat dag sidse Anders Tochter ihn gesehen. Sie war dabei die Kühe zur Tränke zu führen, als er in einem Spritzer aus der Tiefe schoß und sich schüttelt« wie «in Hund. Sie hatte deutlich die Schuppen in seiner Mahne rasieln hören! Und Ole Hjulmann!».. Was für ein Kopf hat er erzahlt, ja. so groß wie der eines Kalbes, und die Haut an den Mundwinkeln schlug große, dicke Falten! Von den Augen hat er berichtet, daß sie gelb seien wie die eines Hasen! Die wallte der Totengräber dem Zeitungsmann schon stecken". In diesem Moment erklingt ein Warnungspfiff: das Zeichen des Redakteurs für ihn, stehenzubleiben, wo er gerade

.stand, und nicht durch sein plötzliches Erschctnen etwaige Chancen zu zerstören. Ein elektrischer Schlag ist durch den Sonntagsfischer ge- fahren... er steht einen Augenblick lang wie versteinert, in erwartungsvoller Spannung. Er bat einen Ruck gespürt und mit gesenkter Stange rollt er jetzt behutsam und vorsichtigt reichlich Seide vom Rädchen. Der Hecht hat gebissen das glaubt er bestimmt! Aber er wartet von Minute zu Minute, ohne daß die Leine sich im geringsten rührte. Ach, der Haken hat sich festgehängt. Sein bester, stärkster Fischl'öder, unter Hunderten ausgewählt mit eben dieser Tour im Auge! Vergebens versucht er jeden Kunstgriff, er kann ihn tzjcht freibekommen: er wird dos Fischen aufftecken und die Schnur preisgeben müssen. Es ist eine peinl-che Geschichte! Die Leute haben böse Zungen... und der Totengräber dort hinter ihm nein. das fehlte auch noch! Die Reise hier heraus in der erstickenden Hitze hat ihn außerdem schon lange zu einem Bade verlockt entschlossen wirst er die Kleider ab und steigt in die Wanne. Er schwimmt am Rande des Röhrichts entlang, wo etwas freies Wasser steht, als er mit einem Male einen Griff um sein linkes Bein fühlt. Es ist, als ob eine Gartenschere plötzlich zuschnappt! Unwillkürlich beginnt er zu rufen und um sich zu schlagen: aber im nächsten Augenblick wird er vom User weg und in das tiefere Wasser gezogen. 1 Er spürt, wie die Zähne des Ungeheuers immer tiefer in das Bein eindringen und ist nahe daran, die Besinnung zu verlieren, während er noch laut um Hilfe ruft. In größter Eile springt der Torfgräber herbei und kommt gerade zur rechten Zeit, um die Umrisse eines langen, schwarten Schattens aufzufangen, der unter dem Wasser wirt- schaftet. Auf gut Glück läßt er beide Schüsse aus ihn los... Gleichzeitig schreit der Redakteur noch fürchterlicher auf und erhebt sich aus dem Wasser: eine kalte, scharfe Schneide wie von einem Messer streift seinen Magen, während Schnock, aufgeschreckt durch die Schüsse, unter ihm hinweg verschwindet.

Andere Torfgräber kommen dazu, und man zieht den Un- glücklichen herauf. Das Blut schießt in mehreren Strahlen -aus seinem Fuße hervor: doch ein Knecht bindet das Bein mit seinem Hosenricmen ab. Man telephonien nach einem Arzt und holt einen Wagen, auf dem der Redakteur heim- gefahren wird. Der Biß war ernsthaft: der Arzt mußte die Wunde aus- waschen und verbinden. Auf der Außenseite des Gelenkes sah man die tiefen Spuren von Schnocks Oderzähneü: I« Zwischenräumen von mehr als Handbreite stand in zwei Reihen Wunde bei Wunde bis tief hinein ins Fleisch: deutlich konnte man den Biß der beiden Kiefcrhälsten eines großen Tieres feststellen. Der Weisheitsspruch des Orakels. Schnock würde beini Redakteur anbeißen, war somit wahrlich in Erfüllung ge- gangen! Dieses Geschehnis hauchte Leben in alle Geschichten der Gegend vom losgerissenen Krokodil, dem Linvwurm oder Drachen, der noch immer im Schwarzmoor hauste. Man mußte das Ungeheuer aus der Welt schaffen. Dieh und Pferde waren seit langem nicht mehr sicher gemeser. wenn sie zu den Schwemmen getrieben wurden und nun überfiel es gar badende Leute! Was für ein Tier war es? Man oerlangte auf das bestimmtest«, der Gemeinderat solle di« Sache aufklären. Verschiedene Sumpflöcher wurhen künstlich trockengelegt, aber es waren die falschen. In anderen zog man Waten mit einem Gespann für jeden Arm. Schnock war mehrmals nahe daran gewesen, gefangen zu werden: sie rettete sich dadurch. daß sie sich in den Morast eingrub und die Wate über sich hinwegschleppsn ließ. , Dann machte man sich daran, das ganze Moor trocken zu legen: man setzte die alten Windmühlen aus der Zeit des Torsitechens in Gang, ließ alle Spindeln schnurren und mahlte das Wasser des einen großen Tümpels m den anderen hinüber. .(Fortsetzung folgt.)