tcbarf. Werden die Anteile der Länder und Gemeinden an den großen Reichssteuern oerkürzt, dann müssen die Länder die Hauszinssteuer in vollem Maße anspannen und somit bereits in allernächster Zeit die vorgesehenen H ö ch st sätze er- heben, so daß die Friedensmiete bald stark überschritten sein wird. Das ist auch die A b s i ch t der Reichsregierung und der Regierungsparteien. Die Hauszinssteuer wird bei einem Satz von 20 Proz. der Friedensmiete eine Milliarde, bei 30 Proz. sogar eineinhalb Milliarden erbringen. Da die Länder im Jahre 1 9 2 4 aus der Hauszinssteuer nur eine Einnahme von 4S(3 Millionen gehabt haben, so soll also rund eine Milliarde neuer Lasten auf diesem Wege erbracht werden. Was aber bedeutet dieser Betrag im Bergleich mit anderen Reichs st euer n? Er ist höher als der Ertrag der gesamten Lohn» st e u e r von 21 Millionen Lohn- und Gehaltsempfängern. Er ist ebenso hoch wie der Ertrag der Umsatz st euer von 1% Proz. aus jeden einzelnen Umsatz. Er ist dreimal so hoch als die E i n k o m m e n st e u e r der 7 Millionen Selbständigen in Industrie, Handel und Gewerbe und vier» m a l so hoch als der Gesaintertrag der Vermögens- und Erbschafts st euer zusammen. Die Sozialdemokratie hat im Steuerausschuß alles versucht, um diese Pläne der Regierungsparteien zum Scheitern zu bringen Sie hat beantragt: 1. daß der Ertrng der Mktsteuer ta Höhe von 20 Proz.•cT Friedensmicte lediglich zur Förderung des Wohnungsbaues Ver- Wendung findet, 2. daß bis zu 10 proz. des Steueraufkommens zu IRsetbeihilsen für zahlungsschwache und unfähige Mieter zu verwenden sind, 3. daß die Abgabe auch von den landwirtschaftlichen Gebäuden erhoben wird, 4. daß die Miete ab 1. April 192K die Ariedensmiete nicht übersteigen darf. S. daß die Mindesthöhe der gesetzlichen Miete vom Reichstage festgesetzt wird und nicht von der Reichsregierung, K. daß von dem Ertrag der Wohnungsabgab« 10 Proz. an das Reich abzuführen sind, damit dieses Mittel bedürftigen De- z i r k e n zum Wohnungsbau überwiesen und zur Verbilligung der Bauausführungen und der Baustofferzeugung zu verwenden ist, 7. daß dos Aufkommen für den Wohungsbau nur zum Vau vom Kleinwohnungen für die minderbemittelte Bevölkerung und für kinderreiche Aamilien, sowie zur Erhaltung dieser Altwohnungen zu verwenden ist. Bis auf den letzten Antrag, der in abgeschwächter Form Annahme fand, sind alle AnträgederSozialdemo» k r a t i e von den Regierungsparteien nieder» gestimmtworden. Man will die Gelegenheit ausnützen, um mit dem Brotwucher zugleich dem Mietwucher freie Bahn zu bereiten. Dieser Plan muß zuschanden werden. Er bedroht nicht nur die Existenz des einzelnen, er bedroht auch die Existenz der deutschen Wirtschaft.
Der preußische Iuftizetat. Beginnt die Reinigung? Im stauptausschuß des Preußischen Landtags begann am Montag die Beratung des Iustizetats. Der für das Jahr 192S be- nötigte Zuschuß beträgt 123,3 Millionen Mark. Die Iustizverwol- tung kostet also in Preußen pro Kops und Jahr 4 Mark. In diesem Jahre werden, wie der Iustizminister betonte, etwa 5 4 Prozent der Ausgaben durch Einnahmen gedeckt. Die Beratungen.des Ausschusses waren diesmal sehr aus Moll gestimmt: denn alles stand noch unter dem Eindruck des Ausgangs, den die Beratungen des Höfle-Ausschusses genommen haben. Gen. K u t t n« r, der im Vorbeigehen die Höhe der Geldstrafen und die niedrige Entschädigung der Laienrichter und Zeugen kritisiert«. knüpfte in seiner Kritik an die Feststellungen des Höfle-Lus» s ch u s s e s an. Diese Feststellungen, so betonte Gen. KÜttner, müßten doch auch dem Justizministerium sehr zu denken geben Die Höste- Affäre sei aber schließlich nut ein Ausschnitt aus der
Die Reichswehr spielt. Eine Reichswehrkapelle macht Platzmusik: Täterä bumbum, täterä quiekquiek! Feldgraue mit blitzenden Instrumenten Umstehn im Halbkreis den Dirigenten Der, wie qjn Uhrwerk so exakt, Die rechte Hand bewegt im Takt. Und um lzsp Kapelle drängt sich herum Gaffend und lauschend das Publikum: Kirchgänger im Bratenrock und Zylinder, Spreewälder Ammen, storchbeinig« Kinder; Mit roten Gesichtern, im Festtagsgewande Ganze Familien, Besucher vom Lande; Alte„Aktive", jetzt bei der Justiz; Ladenfräuleins von Gerson und Tietz; Reichswchrrekruten, die Ausgang haben; Stahlhelmleute und Heldenknaben Dom Werwolf und vom Iungdeutschlandorden, Deren Sehnsucht ein frisch-sromm-fröhllches Morden, Mit Eichenknüppel und Hakenkreuz, Fürwahr die würdigen Enkel Teuts. Beifallsklatschen. Das Stück ist ex. Es war der Marsch„Friiderieus Rex". Nun folgt das Lied von der„Wacht am Rhein"; Ein Oberlehrer fällt dröhnend ein. Gestützt auf den Regenschirm, gleicht er bald Dem Germaniabild auf dem Niederwald. Der Schwur verhallt mit Sturmgebraus, Die Bläser gießen die. Spucke aus, Und dann ertönt nach neuen Noten Das Lied von der Flagge, der schwarweißroten.--- Ich weiß, Herr Geßler pflegt bloß zu lächeln, Wagt einer die Reichswehr durchzuhecheln, Und schwört im Reichstag immer aufs neue Auf ihre unentwegte Treue. Doch ist es ihm auch unbequem, Ich frage bescheiden: Treue zu wem? Hält ausgerechnet solche Musik Er für ein Bekenntnis zur Republik, Der, wenn wir alle nicht falsch berichtet, Die Truppe sich doch durch Eid verpflichtet? Herr Wehrminister, erklären Sie--- 2* horch? Ein Wagnerpotpourril Dom Sommerwind über den Platz getragen, Säuselt es:„Nie sollst du mich befragen!" Peter Michel.
Barmat, Affäre, und hier müsse doch einmal die Frage be- antwortet werden, wie es denn überhaupt zu dem ganzen Barmat- Feldzug gekommen fei, aufwessenAnweisungendie Staats- anwaltschaft in der Barmat-Angelegenheit gehandelt habe. Zwischen Staatsanwaltschaft und Presse hätten zweifellos die engsten Beziehungen bestanden, und das Justizministerium habe die Pflicht, die Herren, die die Indiskretionen begangen haben, fest- zustellen. So eifrig die Staatsanwallschaft in der Barmat-Affäre gewesen, so schlapp sei sie, wenn es sich um den Schutz der Republik handle: noch immer lächerlich geringe Strafen für die Beschimpfun- gen des republikanischen Staates und seiner Repräsentanten! Genosse Kuttner ließ den Magdeburger Prozeß, den Fall K r o n e r, das Kesseltreiben gegen das Reichsbanner, besonders den Striegauer Fall, und die vielen Einzelfälle Revue passieren, wo deutschnationale und völkische Richter sich in einer geradezu un- erträglichen Art parteipolitisch betätigten. Der Justizminister bestätigte, daß verschieden« solche Fälle vorliegen. Wo besonders grobe Derftöhe vorgekommen seien, sei die Oberstaatsanwaltschast beauftragt worden, das Disziplinarverfahren einzuleiten.— Staatssekretär Fritze gibt eine ausführliche Dar- stellung über die Entwicklung des Barmat-Falles. Er gibt zu, daß die jungen Staatsanwälte einen bis zum Fanatismus gehenden lleber- eifer an den Tag gelegt hätten, den man nicht billigen könne. Den Indiskretionen gegenüber der Presse werde nachgegangen. Ende Dezember 1923, als der Verdacht der Untreue gegenüber Beamten der Staatsbank auftauchte, feien zwischen Finanz- und Iustizministe- rium Verhandlungen geführt worden. Die Bedenken des Justiz- Ministeriums, daß ein Vorgehen der Staatsanwaltschaft die Staats» dank doch auch finanziell berühre, seien vom Finanzministerium, das die Bsrhaftungen von Rühe und H e l b i g verlangte, nicht geteilt worden. Der deutschnationale Abg. Deerberg sprach sehr zurück- haltend. Er gab die im Höfle-Ausschuß aufgedeckten M i ß st ä n d« im großen und ganzen zu und warnte lediglich vor Derall.gemeinerun- gen. Da Deerberg auch den Abbruch des Magdeburger Prozesies kritisiert hatte, erklärte der Iustizminister, daß die Wisderausnahme von dem Gesundheitszustand des Abg. Scheidemann abhängig sei.
tzöfle-Urteil und Rechtspresse. Verschweigung.— Fälschungen.— Kritik an den eigenen Vertretern. Die moralische und politische Bedeutung de« Urteils, das der preußische Untersuchungsausschuß mit allen gegen die kommuni- stischen Stimmen am Sonnabend gefällt hat, geht am klarsten aus der Verlegenheit der Rechtspresse hervor. Die„Kreuzzeitung " und der„Tag" nehmen von dem Beschluß überhaupt mit keiner Zeile Kenntnis. Der„ßokalan�eiger" bringt ihn an möglichst ver- steckter Stelle. Di«„Deutsche Zeitung" kürzt ihn kunstgerecht und unterschlägt u. a. die Sätze, die eine moralische Vernichtung jener Staatsanwälte bedeuten, für die sie sich bisher so warm ein- gesetzt hat. Aber diese Fälschungen genügen dem edlen Blatt offen- bar nicht. In einem kurzen Kommentar versucht es, diesen Beschluß zu entwerten: „Bei diesen Feststellungen darf man nicht aus den Augen ver- lieren, daß es sich hier lediglich um da» durch das INehrheitsoowm entstandene Gutachten eines parlamentarischen Untersuchung?- ausschusses handelt. Ob aber ein gerichtliches Verfahren diesen, Spruche beipflichten würde, das scheint uns doch recht fraglich." Die„Deutsche Zeitung" versucht also damit den Anschein zu er- wecken, als wären die D e u t s ch n a t i o n a l e n bei diesem Beschluß majorisiert worden. Dabei hatte sie in den einleitenden Zeilen selbst mitgeteilt, daß die Feststellungen mit allen Stimmen gegen die der Kommunisten getroffen worden waren. Klammert sich das völkische Blatt etwa daran, daß die drei Kommunisten dagegen gestimmt haben, um daraus zu deduzieren, daß es sich ja„nur um ein Mehr- heitsvotum handele? Die„Deutsche Tageszeitung" hingegen hat ollein den Mut, die moralische Nieder la ge einzugestehen, die dieser Beschluß für die deutschnationale Presse bedeutet. Sie spricht chre„außerordent- liche Verwunderung" darüber aus, daß„die Vertreter der Rechts- Parteien sich schließlich von der systematischen Stimmungsmache der Linkspresse so weit haben beeinflussen lasten." Nun sind die Sorgen der deutschnationalen Wähler um ihre Vertreter im Parlament glücklich um ein« neue vermehrt!
verusuvg im Irianou-Prozeß. In dem Trianon-Wohn- stättengesellschafts- Prozeß hat, wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, die Staatsanwaltschaft gegen da» freisvrechende Urteil Berufung eingelegt.
Warnung vor Routiniers. Bei den Philharmonikern wie beim Blüthner-Orchester sind die Kapellmeisterstellen oersaut. Merkwürdiges Zusammentreffen. So wenig erfreulich bei routinierlich arbeitenden Musikensembles ein häufiger Wechsel der Führung ist, so sehr ist die plötzlich notwendig gewordene Aenderung zu begrüßen. Heißt dieser neue Prozeß doch an beiden Stellen Wille zum Neuaufbau, zur künstlerischen Reorga- nisasion. In der Philharmonie hat der höchst beschlagene, roütinierte. aber künstlerisch ganz farblose,, ohne tiefe Impulse monoton taktie- rend« Hagel das Niveau der populären Konzerte nicht gehoben, sondern gesenkt. Absolut wie relativ, etwa im Hinblick auf feine Vorgänger Hildebrand und Ztunwald. Das muß anders werden. Die höchststehende Kunstgemeinschast wird schlaff, wenn sie nicht im Training des Uebens gehalten wird, wenn ihr nicht Probleme ge- stellt werden, wenn aus dem Handwerklichen heraus nicht täglich und dauernd stilbildend«, künstlerische Werte erzogen werden. Die Routine wird auf die Dauer Künstlern vom Format der Phil- harmoniker langweilig. Die Wahl des ideen- und kenntnisreichen, dabei temperamentvollen und höchst künsllerhaft intentioniertcn Orchestererziehers Julius P r ü w e r ist herzhaft zu begrüßen. Schwerer, verantwortungsvoller ist die gleiche Wahlsorge beim Blüthner-Orchester. Julius K o p s ch hat, obgleich er viel lernte und obgleich er sich große Mühe gab, versagt. Die Konzerte waren leer. Unordentlichkciten in der Begleitung wurden häusig. neben Gesun- dem und Kräftigem behauptete sich das Schwache. Gebrechliche. Unsere Warnungen im vorigen Jahre verhallten vergeblich. Jetzt möchte man ruf�n: discitc, monitil Lernet, ihr seid gewarnt! Die kritische Saison bricht im Herbst an. Sie will nur noch Gesundes, Lebensfrohes sehen, will sich nicht mit Halbheiten begnügen, die dem Tod versollen sind. Es muß zum Blüthner-Orchester, will es den beiden anderen Orchestern gegenüber konkurrenzfähig werden, eine junge, zielbewußte, zupackende, besessen arbeitende Kraft kommen. Ein Mensch mit Ideen, mit fühlendem Herzen, mit dem Wunsch, das Beste, nicht das Gute, das Außergewöhnliche, nicht das Alltägliche zu leisten. Also bitte, keinen Routinier, der alles kann und daher nicht nötig hat, zu studieren. Keinen bequemen Mann, der leicht zufrieden ist. Keinen, der das übernimmt, was da ist an Leistung, sondern einen, der beherzt von vorn, von unten anfängt. Keinen mit der üblichen guten. Hand und dem freundlichen Blick ins Orchester. Sondern einen gesunden, jungen, vom Geist seiner Aul- gäbe erfüllten, modernen Musiker, einen, der mit ganzem Herzen sich und sein Können in den heiligen Dienst der Arbeit stellt, einen Idealisten, einen Fanatiker, einen Musikgläubigen. Ich nenne den Namen, den Mann, der dem Blüthner-Orchester helfen kann, groß zu werden: Ioscha H o r e n st c i n. Und wenn e r nicht, so denke man an Unger, an Sticdry, an Waghalter. __ Kurt Singer .
Unseren Romonleiern wird es fchmerzsich aufgefallen fein, daß der letzte Absatz der Romanfortsetzung in unserer«vonntagsnummer in sinnstörender Weise enlstellt worden ist. Wir wiederholen den Absatz in richtiger Form an der Spitze der heutigen Fortsetzung. Elte Satte, der Führer der franzöfiichen Expressionisten— Gruppe der Musiker, der berühmten„Six": Satie . Lwneggcr, Gauel, Milhand. Auric, Poulenc , ist in Paris im Alter von bS Jahren gestorben.
Es geht bergab. Vom kommunistischen Parteitag. In der gestrige» Vormittagssigung des kommunistischen Partei- tages herrschte wieder Flaute st immun g. Nach Erledigung einiger geschäftlicher Angelegenheiten trug Herr Schneller van der Zentrale den politischen Bericht vor. Ueber die Stärke der kom- munistischen Bewegung in Deutschland hörte man nichts. Daß es aber mit ihr nicht zum Besten steht, geht aus der Klage über die ungeheuren Verluste bei den Reichstags- und Präsidentenwahlen her- vor. Weite Kreise der Partei, so sagte Schneller, seien über diesen Mißerfolg äußer st enttäuscht. Und das sei erklärlich, denn seit dem Frankfurter Parteitag im Mai des vorigen Jahres habe die Kommunistische Partei nicht weniger als 112 Millionen Flug- blätter und Broschüren verbreitet ohne das sonstige Agitations- Material. Außerdem hätten die Kommunisten von den Russen in der Veranstaltung von Demonstrationen doch so sehr viel aelcriN. Woran liegt es nun, daß die Kommunistische Partei so unaufhaltsam zurückgeht? Schneller führt das darauf zurück, daß die neue Zen- trale bei der Absetzung der Brandler-Leute ein o o l l st ä n d i g e s Chaos vorgefunden habe. Außerdem gab es seitdem immer- währende Kämpfe mit der Rechten und der Ultralinken in der Partei. Gegen die Rechte sei mit der größten Schärfe vorgegangen worden. Es sei dafür gesorgt, daß sie auch künstig strengstens überwacht werde. Große Sorge bereitet der Zentrale auch das Verhalten der U l t r a l i n k e n unter Führung der Schalem, Rosenberg und Katz. Sie hätten ein gemeingefährliches Spiel mit der Par- t e i getrieben, das jetzt zerstört werden müsse. Schalem ruft da- zwischen:„Knüppelgarde!" Danach muß man annehmen, daß die Ultralinten Furcht davor haben, von ihre» Parteifreunden Prügel zu beziehen, wenn sie nicht bald von ihren Abweichungen vom Mos» kauer Dogma ablassen. Weiter, so sagt Schneller, müsse dafür ge- sorgt werden, daß das Vertrauen zu den Führern nicht untergraben werde. Und er ruft Schalem zu:„wer nur meckern will, soll in den KasfeeNatsch gehen!" Danach gab S t ö ck e r den parlamentarischen Bericht. Cr bezeichnet es als Ausgabe der kommunistischen Fraktion, den demokratischen Parlainentarismus zu demaskieren. Nach einer Mittagspause von mehr als dreistündiger Dauer werden die Beratungen fortgesetzt. In die Eintönigkeit der Sitzung fällt eine kleine Rebellion der..U l t ra l i n k e n". Der Vorsitzende wollte neben dem Bericht der Zentrale auch den des Ver- treters der Exekutive zur Diskuision stellen, danach sollten die Zlb- stimmungen über die vorgelegten Resolutionen stottsindcn. Es sei dazu bemerkt, daß allein die Zentrale eine Resolution von 3 1 großen Druckseiten vorgelegt hat. die knapp berechnet 10 Meter In der Länge mißt, von der geistigen Tiefe gar nicht zu reden. Scholem erblickte in dem Vorschlag des Vorsitzenden eine Ueberrumpelung. er beantragte die Trennung der Diskussion und die Verschiebung der Abstimmung bis Mittwoch. Der„ultralinke" Antrag wurde gegen drei Stimmen abgelehnt. Scholem erklärte darauf, daß er und feine„ultralinken" Genossen jetzt nur eine kurze Erklärung abgeben würden, an der politischen Diskussion wollen sie sich erst am Mittwoch und Donnerstag beteiligen. Nach diesem wenig ausregendeii'Zwischenspiel schleppte sich die Diskussion niehrers Stunden lang in immer gleichem Einerlei hin. Hin und wieder marschierte eine„Betriebsdele- pation" auf. Der Redner spricht seine einstudierten Sätze heruMer, rechts und links von ihm halten wie bei einem Begräbnis zwei Genossen die Ehrenwache. Selbst dieses von Moskau über- nommene Klischee vermag die über dem ganzen liegende trübselige Stimmung nicht zu verbessern. Später kam es noch einmal zu einem kleinen Scharmütze! zwischen Scholem und seinen Widersachern. Es lief in der Debatte ein Antrag ein, wonach Scholem und Rosenberg das Wort ergreifen sollen. Scholem rief erst dazwischen, er habe seiner Er- tlärung nichts hinzuzufügen. Nachdem aber Ruth Fischer selbst aus die Tribüne gestiegen war und die„ultralinken" Schal e m, Dr. Rosenberg und Kotz beschuldigt hatte, daß sie hier kneifen wallten, was Scholem wiederum als„Quatsch" bezeichnete, mutzte er schließlich sich doch zu einer Diskussionsrede bequemen. Er erklärte, er wolle nur auf gewisse demagogische Entstellungen erwidern, und setzte dann auseinander, daß die Zentrale keinen Anlaß gehabt habe. die Frankfurter Politik zu ändern und. bis zur Reichs- Präsidentenwahl habe volle Einigkeit bestanden. Erst spät« sei es zu den Dlsserenze» gekommen und nun würden er und feine Freunds als„U l t r a l i n k e" beschimpft, weil die anderen eine Schwen» kung in der Politik nach rechts vorgenommen hätten. ver 24. wellstiedenskougreß wird in diesem Jahr in Pari» vom 1. bis 6. September unmittelbar vor der 6. Völkerbunds» tagung abgehalten werden.
Amundsen-Vorlräge. in Versin. Zwischen Amundsen und der Berliner Konzertdirektion Hermann Wolff und Jules Sachs wurde vereinbart, daß Amundsen Mitte September noch vor seiner Amerikarets« Vorträge in Berlin und einigen europäischen Groß- städten hält. Die genannte Direktion verpflichtet ferner Hjalmar Riiser Larsen, den zweiten Kommandierenden der Expedition, der in Amundsen« Flugzeug die Polfahrt mitmachte, zu einer Reihe von Wiederholungen des Amundsenschen Vortrages, die im Oktober in mitteleuropäischen Großstädten stattfinden. Viele farbige Lichtbilder noch den Originalaufnahmen erläutern die Vortrage. ver betende Gerichtshof. Die große Gerichtsverhandlung im ..Affenprozeß" in Dayton wurde nut Gebet eröffnet. Die Verteidigung erhob dagegen Einspruch, indem sie fragte, ob das vor dem Gerichts- hos gebräuchlich sei. Der Richter bejahte dies insofern, als das Gebet gebräuchlich sei, wenn ein Pfarrer anwesend sei. Die Verteidigung er- klärte sich mit dieser Ausnahme einverstanden, verbat sich aber das Gebet für die weiteren Verhandlungen. Darauf betete der gesamte Ge- richtshof. Der Pfarrer erflehte den göttlichen Beistand für den Ge- richtshof, die Verteidiger und die Zeiwngsleute. Darauf begann die Verhandlung, nachdem die unteren Gerichtsbeamten sich geweigert botten, zwei Stühle für die Verteidigung heranzuschaffen. Der Gehilfe der Verteidigung mußte die Stühle selbst holen, worüber sich hie Per- tcidigung entrüstete. Der Gerichtssaal war überfüllt, da Bryan sprechen wird. Dieser hatte vor Beginn der Derhandtung ein« Volts« Versammlung veranstaltet mit dem Thema:„Gorilla oder Gott ". Im Anschluß an die Versammlung wurde ein Choral gesungen. den eine Drehorgel begleitete. Dann wurde gebetet. „kleine Geschichten aus großer Zeit" veröffentlicht der praktische Arzt Dr. Georg K. Landmann in der Zeitschrift„Dos andere Deutsch- land". Wir geben eine dieser„kleinen Geschichten" wieder: Der gelehrte Korpsarzt. Als Bataillonsarzt bei der Infanterie halte ich im Sommer 1915 an der Ostfront in der Gegend von Kal- varia(Litauen ) ein« große Anzahl von rätselhaften Fieberfällen beobachtet, die sich in kein? der bekannten Krankheitsbilder einreihen ließen. Ich war damals noch jung und für die Wissenschaft begeistert und hatte deshalb nichts Eiligeres zu tun. als einen kurzen Aufsaß darüber für die„Münchener Medizinische Wochenschrift" zu schreiben, der auch gedruckt wurde. Da ich durch den Krieg aus meinem Berliner wissenschaftlichen Tätigkeitsfeld« herausgerissen worden war, freute ich mich, durch jene Veröffentlichung doch wenigstens etwa» für die Wissenschaft getan zu Hachen, wenn es auch nicht viel war. Aber ich hatte die Rechnung ohne den Wirt, d. h. ohne den Vorgesetzten, gemacht. Denn ich hatte es unterlassen, diesen vor der Lerösfent- lichung meines Auflatzes die vorgeschriebene Mitteilung zu machen und um die Erlaubnis zur Publikation einzukonnnen. Eines Tage, wurde ich also zum Korpsarzt, Generaloberarzt Z., bestellt. Nachdem dieser groß« Mann mich und meinen Aufsatz noch allen Regeln der Kunst heruntergemacht hatte, daß ich ganz verschüchtert dastand, fragte er mich:„Wie alt sind Sie?"„26 Jahre, Herr Generalober. arzt."„Ich bin 53 Jahre alt und habe auch noch nichts geschrieben!" brüllte mich da der Gewaltige an.— Bald darauf wurde ich zum Feldlazarett versetzt. Leopold Zehner Proseffor. Leopold Jehner. der dl« neue Staatliche Schauspielschule leiten wird, wurde zum Professor ernannt.