Somttag 6. September 1�25
Unterhaltung unö AAtssen
Seilage öes vorwärts
Der Gefangene.
von Zahn Golsworthy. Än einem schönen Tag im Frühsommer, noch ehe die Vögel ihr Frühlingslied zum letztenmal sangen und die letzten Blüten von den Bäumen sielen, sahen wir in einem Garten in London , als unser Freund plötzlich sagte: .�horcht Da» ist ja ein Distelfink!'(Et waren viele Schwarz. omsekn. Drofleln und Meisen im Garten und des Nacht» ein« Eule: auch ein Christoph Kolumbus von einem Kuckuck, der diese» grüne Fleckchen Erde für die Gefilde von Kent und Surrey hielt, verirrte sich regelmäßig einmal im Jahr hierher: aber«inen Distelfink hatte man hier noch nie gesehen. ,Lch höre ihn— dort drüben!' sagt« unser Freund wieder, er- hob sich und ging auf da» Haus zu. Als er zurückkam, setzt« er sich wieder zu un» und bemerkt«: „Ich wußte nicht, daß ihr«inen Vogel im Käfig haltet!' Wir erklärten ihm. daß unser« Köchin«inen Kanarienvogel besitze. „Einen Bastard!' sagt« er kurz. Ein« tief- Erregung, die keiner von uns recht begreifen konnte, hatte ihn anscheinend ergriffen. Plötzlich brach es aus ihm hervor: „Ich kann es nicht ertragen, wenn man was Lebendiges—- Tier«, Vögel oder Menschen— in Käfige«insperrt. Ich hasse den Anblick, ja schon den Gedanken daran.' Er sah uns zornig an, als ob wir ihm in hinterlistiger Weise dies Geständnis entlockt hätten und fuhr rasch fort: „Dar einigen Iahren besuchte ich mit einem Freund, der sozial« Einrichtungen und Verhältnisse kennen lernen wollt«, ein« deutsch « Stadt. Eine» Tage, schlug er mir vor. ein Gefängnis mit ihm zu besichtigen. Ich hatte damals noch kilne» gesehen und willigte ein. Es war«in Tag gerade wie der heutig«—«in vollkommen klarer Himmel und alles log in einem frischen Sonnenglanz, wie man ihn nur in einigen Gegenden Deutschland » sehen kann. Da» Gefängnis. inmitten der Stadt, war von sternförmiger Gestalt, eines von denen. die man drüben nach dem Plan von Pentonoill« gebaut hatte. Da» System, sagt« man uns, war dasselbe, nach dem hier vor vielen Iahren gearbeitet wurde. Die Deutschen waren damals und sind zweifellos heut« noch von der Idee verblendet, ihre Gefangenen in vollkommener Einsamkeit halten zu müssen. Damals jedoch erblickten sie darin«in neue» Spielzeug und widmeten sich ihm mit jener fana. tischen Gründlichkeit, die den Deutschen besonders eigen ist. Ich will keine Beschreibung dsr Anstatt geben oder dessen, was wir dort sahen: ich muß sagen, daß sie ausgezeichnet geleitet wurde, sowett dies bei einer so entsetzlichen Einrichtung möglich Ist: der Direktor machte auf alle Fälle«inen günstigen Eindruck aus mich. Ich will nur etwas erzählen, da» ich nie wieder vergessen kann, well e» mir für ewige Zeiten al» Symbol der Gefangenschaft aller Lebewesen: Menschen oder Tiere, großer oder kleiner, vor Augen stehen wird.' Unser Freund hiell«inen Augenblick inne: dann fuhr er mit nach tieferer Erregung in der Stimme fort, ol» ob er sich Gewalt antun müßte, au» seiner gewöhnlichen Zurückhaltung herauszutreten „Wir hatten bereits das ganze düster« Gebäude besichtigt, als der Direktor meinen Freund fragt«, ob er«inen oder zwei der lebenslänglich Eingekerkerten zu sehen wünsch«. Lch will Ihnen einen zeigen,' sagte er..der schon seit siebenunb zwanzig Jahren hier ist. Sie können sich wohl denken'— ich erinnere mich noch genau seiner Wort«—.daß die lange Gefangenschaft ihn allmählich aufgebraucht hat.' Während wir nach der Zelle des Sträflings gingen, erzählte man un» sein« Geschichte. Cr war bei einem Kunsttischler in der Lehr« gewesen und hatte sich, als er noch ein Jungs war, einer Einbrecherbande angeschlossen, um seinen eigenen Herrn auszurauben. Bei dem Diebstahl ertappt, hatte er blindlings zugeschlagen und seinen Meister auf der Stell« getötet. Er wurde zum Tod« verurteill. aber dank irgend einer Hoheit, die der Anblick von Leichen— wenn ich nicht irre, bei der Schlacht von Sadowa— aus der Fassung gebracht hatte, zu lebenslänglichem Kerker begnadigt. Als wir in seiner Zell « traten, stand er. in seine Arbett vertieft, vollkommen ruhig da. Er sah aus wie ein Mann von sechzig, ob- gleich er nicht mehr al» secheundoizrzig sein konnte— eine gebeugte, zitternde, verwitterte Gestall. mit einer dunkelgrauen Schürze an- getan. Sein Gesicht hatte dieselbe mehlige Farbe, dasselbe mehlige Aussehen wie die Gesichter aller Gefangenen. Seine Züge waren so verwischt, daß sie ganz ausdruckslos erschienen: die Wangen waren hohl: die Augen groß, doch ihrer Farbe kann ich mich nicht mehr entsinnen, wenn sie überhaupt ein« Farbe hatten. Als wir einer nach dem anderen durch die eiserne Tür eintraten, nahm er seine rund« Mütze ab, die ebenfalls dunkelgrau war, wie alles um ihn her und wir sahen seinen staubigen, fast kahlen Kopf, der nur noch wenige borstige Grauhaare aufwies: er stand in dienstbereiter Haltung da und starrt« uns demütig an. Wie«in« Eule war er. die vom Tageslicht geblendet wird. Habt chr jemals ein kleines Kind gesehen, dos zum«rsten Mal« krank ist— voll Staunen und ängftticher Bs- stürzung über sein« ci'genen Schmerzen? Gerade so blickte er uns an. ab«r dabei mit solch unendlicher Güte! Wir hatten viele Ge- fangen« gesehen, doch er war der einzige, dessen Antlitz diese unge- deuerliche Güte zeigt«. Auch d«r Ion seiner Stimme:.Ja, Herr Direktor'—.nein, Herr Direktor'— so sanft und hoffnungslos— sie klingt mir wieder im Ohr— kein« Spur von Willenskraft besaß er mehr!' Unser Freund hielt inn« und runzelt« die Stirn bei dem angestrengten Nachdenken, sich die Szene wieder zu vergegenwärtigen. „Cr hiell in seiner Hand,' fing er bald wieder an...«in Stück steife» Papier , worauf«r da» Neue Testament in Blindenschrift abschrieb. Al, er mit seinen mageren Fingern über die Zeilen hinfuhr, um uns zu zeigen, wie leicht die Blinden sie zu lesen vermöchten, konnte man bemerken, daß seine Hände so staubig wie die eines Müllers aussahen. In der Zelle war nicht», wovon dieser Staub hätt« herrühren können und e» schien mir. als wäre es gar nicht Staub auf seinen Händen, sondern die Ausscheidung dieser menschlichen Pflanze. die hinwelkt«, in Staub zerfiel. Da, Blatt Papier bebte, als er es in die Höh« hiell, wie die Schwingen eines Insekts. Einer von uns fragte, wer das betreffend« System erfunden hätt« und zählle einige Nomen auf..Nein, nein,' sagt« er und zitternd vor Eifer quälte er sich, den richtigen Namen zu finden. Schließlich ließ er den Kopf sinken und murmell«:.Ach. Herr Direktor, ich kann nicht!' Dann stieß er auf einmal, sich förmlich überstürzend, den Namen hervor. Und in diesem Augenblick sah er zum ersten Male wirtlich wie«in Mensch au». Niemal, vorher hatte ich den Wert d-r Freiheit so klar erkannt, die wahre Bedeutung unseres Umganges mit anderen •) Au» dem im Verlage von Paul Zsolnay . Berlin , Wien . Peipzig, erschienenen Novellenband„Der Menschensischer'.
die Uebersichtigen. Nach reichlicher Lezollung und Bcfteurung ZNarschierl man gegen Hungersnot und Teuruax. Ein Scherenfernrohr sucht am Horizont. Doch ringsumher ist keine Feindesfront. Soweit man lief: Man hat nicht rangekonnt.
Rufsische Rdlt-Schützen. Dl« nicht so wie Sinowjekruftland fuhren, Die kriegen stets bedenkliche Zensuren. Doch Ruth nimmt somos immerhin in Kauf. Man seht sie runter. Aber im Verlauf Der nächsten Jahre kommt sie wieder rauf.
ölonüe Nöröer. Ein völkischer erörtert nie Probleme. vle Landsknechtsgarde hilft sich mit der Seme. Nur unverzagt: Es geht so leicht nicht schief. Ein Mord mit idealem Tatmotiv Der fand schon oft sein Ende im Archiv.
Enülich'ne Tat. Nun ist dem deutschen Volk vom Reichspräsidea In tiefer Not ein freundlich Lo» beschieden. Und jeder längst verstaubte Plahmajor Holt seine allen Vfirdenzeichen vor. So steigt das Vaterland zum Licht empor!
Menschen, die Notwendigkeit für den Geist, sich ununterbrochen durch Aug und Ohr zu betätigen: durch den Zwang, sich erinnern zu müssen und das zu verwerten, was im Gedächtnis haften blieb. Dieser Mensch hat eben nie im Leben sein Gedächtnis nötig gehabt: er war wie ein« Pflanze, die an einem Orte wuchs, wo kein Tau sie be- feuchten konnte. Das Leuchten zu beobachten, das über sein Gesicht glitt bei der bloßen Erinnerung eines Namens, wirkt« wie der An» blick eines einzigen grünen Dlättchens. das der Wurzel eines ver« dorrten Strauches entsprießt. Es ist wunderbar, sage ich euch, was der Mensch aushalten kann— mehr als jedes andere Lebewesen!' Unser Freund erhob sich und fing an, aus und ab zu gehen. .„Seine Well war nicht groß: ungefähr vierzehn Fuß lang und acht Fuß brett. Siebenundzwanzig Jahre hindurch hatte er darin gelebt, ohne auch.nur eine Maus zum Freund zu haben. Im Ge> fängnis wird alles grundlich getan. Bedenkt nur. welche ungeheure Lebenskraft der menschliche Organismus besitzen muß, wenn«in Mann das durchmachen soll,.. Was glaubt ihr,' fuhr er fort und wandt« sich uns zu.„hat dieses Rcstchen seiner Vernunft lebendig er- hallen?— Nun, ich will's euch sagen: Während wir noch immer sein« Blindenschrift betrachteten, zeigte er uns plötzlich ein Holzbrctt vom Umfange einer größeren Photographie. Es war das Bild eines jungen Mädchens, das inmitten eines Gartens faß, mit leuchtenden Blumen in der Hand. Im Hintergrund sah man einen schmalen. gewundenen Fluß, der mit Schilf bewachsen war. am Wasser stand ein merkwürdiger Vogel, fast wie ein Rabe anzuschauen und neben dem Mädchen ein Baum mit großen, hängenden Früchten, seltsam symmetrisch gezeichnet, so wie noch nie ein Baum gewachsen war und doch lag etwas darin, das man in allen Bäumen findet— es scheint, als ob sie eine Seele hätten und die Freude der Menschen wären. Das Mädchen starrte uns gerade ins Gesicht mit vollkommen runden. blauen Augen und die Blumen, die es in der Hand hielt, schienen un» ebenfalls anzustarren. Mir kam es vor. als ob das ganze Bild voll von— wie soll ich es nur nennen?— voll von Staunen und Verwunderung wäre. Es zeigte die primitiven Farben und die un- zulängliche Linienführung der frühen italienischen Meister und wie bei diesen konnte man sehen, daß der Schöpfer die Schwierigkeiten der Ausführung nur durch die liebevollste Hingabc bewältigt hall«. Einer von uns fragte ihn. ob er schon vor seiner Verurteilung Zeichnen gelernt hätte: doch der arme Kerl mißverstand die Frage. .Nein, nein,' sagte er..der Herr Direktor weiß ja. daß ich kein Modell hatte, es ist ein Phaittastebild!' Und das Lächeln, das über fein Ge- sicht huschte, hätte selbst einen Teufel zu Tränen rühren können! In dieses Bild hatte er alles hineingelegt, wonach fein Herz sich sehnt« — Frauen, Blumen, Vögel, Bäume, blauen Himmel und fließendes Walser— und das große Staunen seiner Seele, daß er von all dem ausgeschlossen war. Achtzehn Jahre lang, sagten sie, hätte er daran
gearbeitet, immer wieder sein Wert zerstört, um es von neuem an- zufangen, bis nach unzähligen Versuchen dieses Bild zustande kam. Es war ein Meisterstück. Ja, hier hauste er schon seit siebcnund- zwanzig Iahren, lebenslänglich dazu verdammt, lebendig begraben zu sein— ohne Gesicht, Gehör, Geruch gebrauchen zu können, ohne Fühlung mtt Natur oder. Menschen nehmen zu können, selbst ohne jede Erinnerung daran: und seine ausgehungerte Seele hatte diese Vision eines jungen Mädchens hervorgezaubert, mit den?lugen voll von Staunen und mit Blumen in der Hand. Es ist der höchste Triumph des menschlichen Geistes und das höchste Zeugnis für die Macht der Kunst gewesen, das ich je erlebt habe." Unser Freund lachte kurz auf:„Aber so fiihllo» und abge- stumpft sind wir Menschen, daß es mir im Augenblick gar nicht zum Bewußtsein kam, was für Qualen und Martern dieser Mann durchzumachen hatte. Doch bald darauf begriff ich's. Ich sah gerade seine Augen, als er dem Direktor auf eine Frage nach seiner Gesundheit zu antworten versucht«. Mein Lebtag werde ich den Anblick nicht wieder vergessen. Sie waren die verkörperte Tragödie— all die end- losen Jahre des Schweigens und der Einsamkeit, die er durchlebt hatte, all die endlosen Jahre, die ihm noch bevorstanden, ehe sie ihn auf dem Kirchhof draußen begruben, starrten uns daraus entgegen Es lag so viel überwältigendes Elend in- ihnen, wie ich es so unge- heuerfich in den Augen asler freien Menschen zusammengenommen noch nicht gefunden habe. Ich konnte den Anblick nicht ertragen und eilt« au» der Zelle. Seit damal» fühle ich, was die Rüsten bei ihren Rückfällen in die Barbarei fühlen sollen: Wie das Leiden heilig macht! Ich sühlle, daß wir uns alle vor ihm hätten beugen sollen: daß ich. obgleich frei und rechtschaffen, doch nur ein Scharlatan, ein Sünder war angesichts dieses lebenden Gekreuzigten. Was immer er aurii verbrochen hatte— ganz gleich, was er war— gegen diesen armen. verlorenen Menschen war so gesündigt worden, daß ich inir wie der Schmutz unter seinen Füßen vorkam. Wenn ich an ihn denke, der, so viel ich weiß, noch immer dort ist, faßt mich etwas wie Raseroi gegen mein eigenes Geschlecht. Dann fühle ich den ganzen unendliche» Jammer aller eingekerkerten Geschöpfe in der Welt." Unser Freund wandte sich ab und schmieg geraume Zeit.„Wie ich mich erinnere," sagt« er endlich,„fuhren wir mif dem Rückweq durch den Stadtpark. Dort war alles frei und hell: alle möglichen Bäum«— Linden, Blutbuchen, Eichen. Sykvmoren, Pappeln. Birken und Aepfelbäume— die in voller Blüte standen, strömten ihren Dust aus: seder Zweig, jedes Blatt schien vor Freude zu leuchten. Der Part war voll von Pögeln, den Symbolen der Freiheit, die im Sonnenlicht umherflogen und nach Herzenslust sangen. Ja. es war sck schön wie«in Märchen. Und ich mußte daran denken, wie in der ganzen Natur nur Menschen und Spinnen andere Geschöpfe so an- dauernd und langsam zu Tode quälen, und wie mir der Mensch