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7. Beilage ües vorwärts
Vteastag, 12. �a«oar 192S
Der Prozeß öer Mienfälsther. Die Erfchwindelnng der Kredite.
Stach Ringern Beratung beschloß da» Gericht zunächst, den KonkursoerwaUer Fieund von der Verpflichtung eines Sach> verständigen zu entbinden. Der Vorsigeute, Amtsgerichtsrat Dr. Feldbahn, wandte sich dann gegen die in verschiedenen Zeitungen erscheinenden Zeichnungen der Angeklagten und untersagte den Zeichnern jede weitere Tätigkeit im Gerichtssaal. Staatsanwaltschastsrat Kyser:„Den Angeklagten Rosner, der Wert daraus legt, als Baron von Blumenthal bezeichne» zu werden, bitte ich zu fragen, was er für die Adoption gezahlt Hot und aus welchen Gründen er sich hat adoptieren lassen.' R.-A. Dr. Brandt: „Der Angeklagte Rösner legt gar keinen Wert aus den Barans» titel.' Es entspinnt sich über diesen Gegenstand eine längere Dis- lussion, in deren Verfolg der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Brandt gegen die Vermutung des Staatsonwaltschaftsrates Dr. Kipser, daß Rösner mit dem Adelstitel Schwindeleien im größten Stile beab- fichtigt habe, scharf protestiert, weil der Staatsanwalt dafür nicht einen Schatten des Beweises habe. Nach diesem Zwischenfall wandte sich die Beweisausnahme dem Hauptteil der Anklage, der Er- schwindelung der Fürstenwalder Kredite, zu, durch die die Stadtjpartasse in Fürstenwalde um etwa SlBlXXl Mark ge-
schädigt worden ist. Bei der Gewährung der Kredite auf Grund und wertlos« angeklagte Sparkassendirektor Dauber mitgewirkt, und
der Aktienpakete mit falschen und
ien Aktien hatte der mit-
er hat sich wegen Bestechung und Betruges zu verantworten. Dauber mar mit dem Angeklagten, Werner Iacobi, befreundet. Iacobi war auch mit der Bataoia iveoen Vermittlung von Krediten in Verbindung gekommen. Er vermittelte nun auch die Bekanntschaft von Rösner, Vocck und Römer mit Daubcr. Wie der Angeklagte Rösner angibt, wurde Anfang Juni 1924 zum ersten Male mit Dauber oerhandelt. Es sollten Aktien in Depot gegeben und beliehen werden. Dabei kam zur Sprache, daß die Bataoia für ihre Lasolith'Versahren eine Fabriterweiterung erstrebe und dabei machte Dreuber den Vorschlag. in Ketschendorf die Viktoria G. m. b. H., die zum Verkauf stand, zu erwerben. Der Angeklagte Rösner schildert dann, daß das erste Aktienpaket am 18. Juni der Sparkasse übergeben wurde, und daß man darauf 19 090 Mark Kredit erhielt, wovon ein Teil zur An- zahlung lür den Ankauf des Fabrikarundstückez verwendet wurde. ?n der Folgezeit, Juli-August bis Anfang Dezember, wurden immer g öhere Posten B r e m er Volkskämmerei-Aktien sowie Magdeburger Bergwerksoktien in Depot gegeben und darauf Bcleihungen erzielt. Reben den gefälschten Aktien waren in den Aktienpaketen auch größere Posten zwar echter, aber wertloser Aktien. Auf eine Frage eines Beisitzers erklärt« Rösner, daß die gefälschten Aktien Phantafiedrucke darstellten. Man habe richtig angenommen, daß eine Prooinzbank die echten Aktien nicht kennen werde, da in der Inflationszeit eine Unmenge von Aktien auf dem Markt erschienen seien. Nach der Pause gab der Angeklagte Werner Iacobi ein« mehr- stündige Schilderung der Entwicklung seiner Beziehun- gen zu der Batavia und über die Entwicklung der durch Um vormittelten Beziehungen mit der Fürstenwalder Sladtsparkasie. Er sei beauftragt worden,"Kredite aus Depots von Aktien, die durch einen Notar hinterlegt worden feien, zu beschaffen. Da ihm das nicht möglich war, habe er vorgeschlagen, mit dem Sparkasfendirektor Tauber in Fürstenwalde zu verhandeln. Dauber habe sich dann auch bereit erklärt, Aktien in Depot? zu nehmen und Kredite einzn- räumen. Vorher sei aus Vorschlag Daubers die Viktoria G. m. b. H. mit den dazugehörigen Fabritgrundstücken für 3ä 000 Mark erworben worden. Daubcr habe zuerst 3709 Mark Provision und im ganzen etwa 13 099 Mark erhalten. Er, Werner Iacobi, wurde Geschäftsführer der Liktorin-Gcsellschaft. Zunächst habe er outgläubig die Aktienpakete nach Fürsteiiwalde gebracht. Erst später habe er bei einem Vergleich mit dem Depotschein die Fälschungen p'merkt und nun nicht mehr zurück gekonnt. Staatsanwaltschastsrat Knser verlangte von dem Angeklagten Auskunft, wo die u n- geheure Summe von nahezu einer Million Mark. die als Kredite auf die Aktiendepots bei der Fürstenwalder Spar- kasie an verschiedenen Stellen ausgenommen worden find, geblieben se'en. Wenn die Angeklagten keine glaubhafte Erklärung hierfür abgeben könnten, müßte er annehmen, daß ein großer Teil des Geldes noch in ihrem Besitze sich befinde. Der Angeklagte Werner
Iacobi rechnete vor. daß die Geld«? ptm Teil traf da« Konto von Blumenthal gegangen seien, zum anderen Teil zu Rückzahlungen für andere Kredit« und zur Beteiligung am Holzsyndikat und für Grundstückserwerbungen benutzt worden seien. Der weitere An- geklagte Günther Iacobi wurde aus seinem Beruf als Kon- ditor von seinem Bruder herausgerissen und zum Buchhalter der Viktoria ernannt. Der Angeklagte erklärte, daß er als Botenjunge angestellt worden sei. In die Bücher habe er nur eingetragen, was ihm diktiert wurde. Vors.:»Haben Sie nie selbständig Eintragungen gemacht?' Angekl.:»Nur einmal, aber da war es nicht richtig.' (Heiterkeit.) Staatsanwalt:»Hat der Angeklagte sich keine Gedanken «macht, woher sein Bruder, der oermögenÄos war, die vielen Aktien hatte?' Aegekl.:»Von Geschäiten hatte ich keine Ahnung.' Rechtsanwalt Heinrich WeNhauer stellt« daraus den Antrag, den Haftbefehl gegen Günther Iacobi aufzuheben. Es habe
sich zur Genüge erwiesen, daß er nicht Mittäter sei, sondern nur mit- geschleppt worden sei. Der Angeklagte befinde sich seit 12 Monaten in Untersuchungshaft. Ein Beschluß über die Haftentlasiung wurde zunächst zurückgestellt. Heute kommt der Fall der Fälschung der Elberfelder Glanzaktien zur Erörterung.
Ttof öer Auktion.
Der ungeheizte, verräucherte Saal ist leicht erwälint*tm der Fülle der dichtgedrängten Menschen. Die meisten stehen, einige haben vor Beginn der Vorstellung einen Parkettplatz auf Stühlen und Klubsesieln erwischt. Auf wie lange?— denn auch diese Sitz- gelegenhette« gehören zur Versteigerungsmosse. Die Lust ist wie geladen mtt elektrischen Spannungen, man taxiert sich gegenseitig, hier fühlen sich nicht Verkäufer, sondern die Käufer als Konkur- renten. Man ist beruhigt, wenn das Aeußere der Mitbieter auf nicht allzu große Zahlungskrast schließen läßt, wird aber in diesem Punkte oft getäuscht, da stets eine Reihe von Händlern darunter ist.— Mit Nippessachen, Vasen, Service» usw. setzt da» Präludium ein.— meistens ein schauriger Kitsch, der selbst die paar heraus- springenden Mark nicht wert ist, zuweilen aber auch ein künstlerisch wertvolles altes Stück, das der Kenner, der echt und Talmi zu unterscheiden weiß, verstohlen schmunzelnd nach Haus« trägt. In der Möglichkeit solcher Zufallstreffer besteht eben der Reiz der Auktionen, dieser Abfalloerwertungsanstalten des Warenverkehrs. Dauert dem verehrten Publikum indessen die Beschäftigung mit dem kleinen Murkskram zu lange, so gibt es seinen Unwillen durch Zu- rufe deutlich zu erkennen. Um es bei Laune zu erhalten, bringt der Mann mit dem Hammer zwischendurch einen Ledersesiel, einen Schrank und dergleichen. Nun hat das Steigerungsfieber olle, Käufer und Nichtkäufer, ergriffen. Immer wieder bei demselben Gegenstand fällt das schicksalsschwere»Zum ersten, zum zweiten und...' in den Raum. Immer zaghafter werden die Gebot« ausgesprochen, gleichsam aus einem tiefen seelischen Zwiespalt heraus: möchtest du doch nicht der letzte sein!(in Gedanken an das schwach gefüllte Portemonnaie) und: möchtest du der letzte bleiben! (im Anblick des lockenden, heiß begehrten Gegenstandes). Ge- mischter Gefühle voll entfernt sich ein solcher.Sieger' von der Walstatt. Das beste an allen Auktionen aber sind die Männer mit dem Hammer. Ein richtiger Sluktionator ist einer der Haupterpo- nenten des nüchternen, wirklichkeitszugewandten Großstadthumors. Auf jeder Fiedel sucht er zu kratzen, um sie für eine»Beinahe— Stradivari' zu erklären, die nicht echten Perserteppiche sind bei ihm echt— deutsch , zersetzte Gebetbrücken kommentiert er:»Je abjebet't se sind, je wertvoller sind se,' um uns zwischendurch immer wieder zu versichern:„Allens jcschenkt, wenn Se's Jeld nich rechnen!' In kritischen Fällen versucht er es vor dem entscheidenden Hammerschlag mit den Brüchen und fängt an zu zählen:»Zweieinhalb, zweidrei- oiertel' usw. Ein guter Auktionator weiß nicht nur sein Publikum richtig einzutaxieren, sondern auch bis zum Schluß in vergnügter Laune zu erhalten. Und die früheren Besitzer der versteigerten
Herrlichketten? Wenn sie der Auktion beiwohnen, mag Ihnen diese» stückweise Verfeilschen und Versteigern der für sie mit tausend liebe« Erinnerungen beladenen Sachen wie Tempelsschändung erscheine». Bittere Stunden, bitterer noch, zumal für die Frauen, als die Zeit des materiellen Zusammenbruchs, die diesem letzten Schritte vorauf- ging. Aber da» Leben der Großstadt geht seinen Gang, unerbitt- lich, ohne Sentimentalität, über das Schicksal des einzelnen und und Schwachen hinweg... Die unzulänglichen Serliner Stücken. Folge des wachsende» Linnenschisfahrtsverkehrs. Da» Anwachsen des Binnenschifsahrtsverkehrs in der letzten Zeit. da, sich auch in einer vermehrten Ausnutzung und Vergrößerung der Schiffsräume auswirkt, hat da» Wasier- und Brückenbauamt der Stadt Berlin vor die schwierige Ausgabe gestellt, sich diesen neuen Verhältnissen anzupassen. Während bi» vor kurzer Zeit auf den Berliner Gewäsiern nur Zillen bis 399 Tonnen Laderaum fuhren, find jetzt Schiffe mit S99 b i» 6 9 0 Tonnen Rauminhatt keine Seltenheit mehr. Darüber hinau» sind aber Schiffe im Bau, die 1999 und mehr Tonnen Rauminhalt aufweisen und die gleichfalls die Spree und die Berliner Kanäle defahren werden. Die Berliner Brücken, die alle mehr als 39 Jahre all sind, werden einem derartigen Verkehr nicht mehr gewachsen fein und es ergibt sich die Notwendigkeit, die Durchsahrten, die äugen- blicklich die großen Schiffe behindern und zu Umwegen zwingen, zu vergrößern. Au, diesem Grunde müsien die Waisen-, Schilling»- und Oberbaumbrücke vergrößert werden. AI » ganz besonder» notwendig hat sich aber die bauliche verände- rung der Friedrich- Karl- und Alsenbrück« erwiesen. Diese Brücke, die eine ganz veraltete Guheisenkonstruktion Hot, ist vor etwa 60 Iahren erbaut und wies ursprünglich zwei schmale Durchfahrten zum Humboldt-Hafen auf, die in den neunziger Iahren um eine dritte, etwas breitere vermehrt wurden. Auch diese Durch- fahrt ist jetzt schon zu schmal geworden. Anfang 1909 wurde die Alsenbrück«, die damals schon den Anforderungen nicht mehr genügte, erneuert. Jetzt hat man nun beide Brücken abgerissen, da sie bau-
fällig und für den anwachsenden Schiffsverkehr nicht mehr brauchbar waren. Die Eisenkonstruktion der Alsenbrücke, die noch sehr gut erhalten ist, soll an anderer Stelle Verwendung finden. Von dem Wiederaufbau der Alsenbrücke will man jedoch Abstand nehmen, da für diese ein direktes Bedürfnis nicht mehr vorliegt. An Stelle der alten Friedrich-Karl-Brücke soll eine 179 Meter lange und 12 Meter breite Hängebrücke errichtet werden, die im Prinzip der Kölner Rheinbrücke gleichen soll. Für die Schiffahrt wird in der Mitte eine 96,3 Meter breite und 4,39 Meter hohe Durchfahrt geschaffen, die auch ziemlich großen Schiffen Raum bietet. Daneben werden zwei seitliche Durchlässe von je 36,9 Meter Breite für die Ladestraße des Humboldt-Hafens errichtet werden. An der einen Uferseite ist man gegenwärtig mit dem Abbruch der Brücken beschäftigt, während auf der anderen schon die Aufbauarbeiten vor- genommen werden. Trotz emsiger Arbeit wird es aber kaum gelingen, die neue Brücke vor Mttte des nächsten Jahres fertig- zustellen. Der Fußgängerverkehr wird bis dahin durch eine Not- brücke aufrechterhatten werden. 5er zweistöckige Tunnel unter der Friedrichstrahe. Der Magistrat legt den Stadtverordneten jetzt den von uns schon«rwälMe» Plan vor, zwischen den Nordsüd-undUnter- g r u n d b a h n h ö f e n»F r i e d r i ch st a d t' den unter de? Friedrichstraße von der Leipziger Straße zur Mohrenstraße führen- den Tunnel»zwei stöckig auezubauen, damtt für die in dem bisher einstöckigen Tunnel aus beiden Richtungen aufein- anderprollendenMassen der einsteigenden Fahrgäste ein« Trennung möglich wird. Don dem Bahnsteig der Nordsüd- bahn soll man künftig ohne Treppe in das obeic Stockwerk des Tunnels gelangen, während aus dem unteren Stockwerk eine Treppe zu diesem Bahnsteig hinausführt. Eine ähnliche Anlage gibt es bereits am Bahnhos.Papestraße', wo gleichfalls ein Tunnel mit Trennung der Verkehrsrichtungen besteht. In dem Tunnel unter. der Friedrichstraße ist vor seiner Einmündung aus den Bahnhof in der Mohrenstvaße eine zunächst gemeinsame Zu- und Apgangstreppe vorgesehen, die auf 3,90 Meter verbreitert wird. Erst aus dem Zwischenpodest wird hier der Umsteigeverkehr getrennt. Die Kosten dieses Umbaues sind auf 159 999 Mark veranschlagt. Eine grü nd- l i ch e Lösung der Verkehrsschwierigkeiten könnte durch B e r-- schiebung de» N o r d f ü d b a h n h o f e s nach der
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Die Passion. Roman von Clara vicbig.
Mit Eva war er gut Freund. Sie waren sich viel allein Lberlassen. Die Kinder lagen hinten auf dem Altan , es war niemand sonst da. Sie setzten sich zusammen in den Salon und spielten den 5)errn und die Frau vom Hause. Dann vergaß Eva für Stunden ihr Schicksal, an dem sie krankte: sie lachte sogar aus vollem Halse. Rudi war so lustig, Rudi war so komisch, er rauchte, statt seine Arbeiten für die Scbule zu machen, sagte, beim Rauchen siele ihm schon alles von selber zu, er brauche es nicht zu lernen, und es sei doch alles nur blauer Dunst. Er saß dann im Sessel, legte Eva die Beine auf den Schoß und pafste. Das war eigenllich sehr ungezogen und unschicklich. Eva sprang oft- mals rasch auf, so daß seine langen Beine herunterfielen, und schalt, aber dann schmeichelte er ihr. Und sie wollte nicht Spielverderberin sein, sie ging auf seinen Ton ein und lachte. Ohr Lachen kam nicht von Herzen, das Herz wußte nichts davon: aber es war immerhin doch ein Lochen, und es zer- streute..,. Rudi war ein leidenschaftlicher Raucher, keine? in der Untersekunda rauchte soviel wie er. Er verrauchte sein ganzes Taschengeld. Eines Tages bettelte er Eva an:„Streck du mir doch was vor für Zigaretten!" „Ich habe ja nichts. „Doch hast du. Er blinzelte noch dem alten Porte- monnaie hin, das auf dem Piano lag. Frau Lpmmlein hatte es hingelegt, ehe sie bald nach Tisch fortging:„Zwei Mark sind drin, Eva. Holen Sie Wurst rauf und ein Viertel Butter zum Abendbrot, und ein paar Flaschen Bier!" „Gib mir'ne Mark davon." schmeichelte er.„Eine Mark nur. Cochenl"........„ „Wie kann ich das?! Sie war ernstlich betroffen: was siel ihm bloß ein? Er faßte sie zärtlich um:„Du gibst mir'ne Mark, nicht wahr?! Für die andere holst du dann ein, und wenn du nicht genug hast, kannst du ja einfach beim Kaufmann schuldig bleiben. Und dann sagst du nachher zu Tante, du hast die eine Mark verloren." Er nabm sich schon die eine Mark. Und als sie ihm die wieder entreißen wollte, laut aufschrie, sprang er mit einem gewandten Satz aufs Brett des geöffneten Fensters:„Ich springe herunter, wenn du sie mir nicht läßt!
Und auch wenn du Tanten ein Wort davon sagst, springe ich herunter— das schwöre ich di/." Da übermannte sie ein heftiger Schreck: der tolle Junge! Wahrhaftig, der wäre imstande, das zu tun! Sie packte ihn
ah, da war der Abend wieder da, jener stille Abend unter nächtlichem Himmel, der so schön war, und der ihr doch soviel Leid gebracht hatte! Wieder stieg es lockend auf aus dunkler Tiefe, es winkte, es zog sie— sie mußte sich hinabstürzen und wollte doch eigentlich nicht. Es war eine Gewalt in ihr, die stärker war als ihr eigener Wille. Sie schrie:„Nicht, nicht!" Sie hielt noch immer die Hände gegen ihre Augen gepreßt, ihr war sehr schwindlig. „Na, siehste!" Rudi sprang herab vom Fensterbrett. „Ich laufe jetzt rasch mal runter, hol mir Zigaretten herauf. Aber wenn du was sagst, dann"— er hob den Finger und wies auf das Fensterbrett—„dann weißt, du. was ich tue!" Sie weinte herzbrechend, aber sie hielt ihn nicht zurück.— Nun war ein Gebeimnis zwischen ihnen. Eva litt darunter. So sehr ihr sonst die gemütlichen Nachmittage im Salon, allein mit Rudi, behagt hatten, um so viel weniger angenehm waren sie ihr jetzt. Sie hatte geradezu eine Scheu davor. Rudi wurde immer dreister: er o«rlangte jetzt öfter Geld von ihr, verlangte es wie sein gutes Recht. Und sie hatte nicht die Kraft, sich ihm zu widersetzen, denn dann sprang er gleich wieder zum Fenster, trat iveit hinaus auf die äußere Fensterbank, hüpfte da herum, stand auf einem Bein, streckte das andere weit in die Luft, schnitt Grimassen, trieb allerlei halsbrecherischen Unfug, so daß sie vor Angst fast umkam. Ihr Herz klopfte rasend, jeden Augenblick glaubte sie ihn hinabstürzen zu sehen, glaubte selber zu stürzen, empfand alle Qualen der eigenen Schwäche, fand aber nicht die Energie, zu sagen:„Meinetwegen, dann spring runter!" Er lachte sie zum Schluß immer aus, aber sie konnte nicht mitlachen, sie weinte jedesmal. Es drängte sie oft, Frau Lämmlein alles zu gestehen— ach, daß die doch gar so oft ausging! Frau Lämmlein hatte jetzt einen Begleiter gefunden, „der Mann einer guten Freundin von mir." erzählte sie Er hielt sich nur kurz in Berlin auf. sie mußte sich ihm widmen und ihm die Sehenswürdigkeiten zeigen. Run blieb Rudi auch Sonntags zu Haus, denn Frau Lämmlein nahm
den Neffen jetzt nicht mit auf ihre Ausslüge: so waren als? auch die Sonntagnachmittage keine Ruhepunkte mehr für Eva: es gab kein Sicherholen. Und jetzt wußte Eva auch, was das für Kinder waren, die hier unter Frau Lämmleins sorgfältige Obhut gcgebeo waie». Der Kaufmann an der Eck", bei dem sie nun schon so und so oft etwas schuldig geblieben war, war ein chole- rischer Mann, er ärgerte sich immer, daß die Lämmlein ihrem Mädchen, diesem oerängstigten jungen Ding, das nur leise vorbrachte, was es holen sollte, sehr v't nicht genügendes Geld mitgab. Dieser Kaufmann schimpfte laut:„Immer zieht se los, alle Tage seh ich sie hier vorbeirennen, immer fein angezogen. Und zu Hause läßt sie die Kinder im Dreck verkommen, diese unglücklichen Würmer, von Geburt an un- glücklich, vordem sie ans Tageslicht kamen!" Eva hatte nicht gefragt:„Warum sind sie so unglücklich, und schon vor ihrer Geburt unglücklich?" Sie brauchte es nicht zu fragen, sie wußte sich selber Die Antwort. Am Bett der kleinen Ida kniete sie nieder, nahm weinend das blond- lockige Köpfchen an ihre Brust und streichelte es zärtlich. Bon jetzt ab gab sie sich viel mehr Mühe mit den Kindern. Sie war längst nicht mehr so lässig bei dieser Ar- beit. Waren die alle denn nicht wie ihre Geschwister, ihr nah, ach so nah verwandt?! „Schuften Sie sich doch nicht so ab," sagte die Lämmlein. „Es ist wirklich nicht nötig, daß sie die Kinder xmal am Tage waschen— wer kann das denn durchführen? Die wer- den ja viel zu sehr verwöhnt!" Verwöhnt, verwöhnt—?! Eva hatte ewen bitteren Geschmack auf der Zunge und ein bitteres Gefühl im Herzen: das Leben verwöhnte einen schon nicht. Mit einer unend- lichen Trauer sah sie oft auf die Kinder, die niemand de- suchte, die von niemand geherzt wurden, die hier lagen wie auf einer fernen Insel im Ozean, die keiner Seele bekannt war. Ach, wenn sie nur nicht immer durch jeden Blick, den sie diesen armen Kleinen schenkte, erinnert würde an das eigene Geschick! Sie seufzte unter der Last dieser Vergleiche, sie trug schwer daran— ach, wenn sie doch nur fortkäme von hier! Das kam rascher, als Eva gehofft hatte. Der Kaufmann an der Ecke hatte eines Mittags Frau Lämmlein gestellt. Ge- rade als sie forteilte im neuen Sommerhut, den ein Blumen- kränz zierte. Er rechnete ihr vor, daß sie nun schon mtt so »md so viel Mark bei ihm im Buch stand, es war noch immer nicht alles beglichen worden. ___(Forffeßung folgt.)