Einzelbild herunterladen
 
  

Mittwoch 10. März l92S

Unterhaltung unö �Dissen

Settage ües vorwärts

Sie graue Reiterin. Tagtäglich schleppte er Schritt für Schritt Die graue Reiterin Sorge mit. Und freute ihn dies, erfreute ihn das. Gleich zog sie am Zaum und er rnurde blaß. Sein Lächeln nerschwand und das bißchen Glück, Die Sorge faß grinsend ihm im Genick. Geschuftet, gedarbt und niemals gelacht. So ging es weiter bei Tag und Nacht. Doch eines Tages ward's chm zuviel Und die Graue ritt ihn sicher durchs Ziel. Er schwankte im Winde an einem Strick, Die Sorge faß grinsend ihm im Genick. Adolf Lehnert.

ver Toö unter Tage. Von Georg Niemeier. Piepmeyers Hein und ich sitzen am Fuß des ersten Bremsberges, zweite Grundstrecke, Zeche Ernst. Wir müssen die vollen Wagen ab- hängen, die von oben kommen. Irgendwoher: das schwarze Loch schweigt. Zwei Paar Schienenbänder blitzen stumm und funkelnd hinein bis die Finsternis sie verschluckt. Ein kohlenbeladener Hunt nach dem anderen schnurrt aus dem Dunkel ins Licht unserer beiden Bergmannslampen und donnert im gleichen Augenblick aus die eiserne Plattform: oft stieben die Funken. Wir hängen die Wagen vom Drahtseil ab. Mit gekrümmtem Rücken und steifen Muskeln schieben wir sie herum und werfen sie mit einem Ruck in das Gleis der Grundstrecke. In Schweigen. Zuweilen finden die ausgeleierten Räder nicht die Schienen, dann stemmt sich der Rücken gegen dos niedrige Hangende, ein Stöhnen und ein Ruck und zwei Räder des schweren Wagens sitzen drin im Gleis. Dieselbe Bewegung am anderen Wagencnde und der Schlepper surrt mit dem Wagen davon. Oft muß ein Fluch dabei helfen, wenn die Kiste sich klemmt. Ja, wenn der Bergmann nicht fluchen könnte, müßten die Pütts bankerott machen. Wenn die stumme, verbissene Wut nicht mehr ausreicht, wenn mit 5)ebebLumen und Lochhacken nichts mehr zu machen ist, wenn das Zeug und die Haut gerissen sind bei der Anstrengung, ein einziges ellenlanges Dunnerdunnerdunderkiel die Adern wollen platzen und schon läuft der Wagen hurtig auf den Schienen davon. Der Schweiß rinnt über unsere dreckgejchminkten Gesichter. .Je/ sagt Hein in einer etwas geruhigeren Zeit,.so muß et gehn, immer Ruckzuck, un wenn ich auch den Tag Geburtstag habe/ Die Wagen kommen spärlicher, der Hauptansturm scheint vorüber. Immer länger wird die Zeit, die vergeht, bis der leere Wagen an- springt, nachdem wir an dem knirschenden und stöhnenden Signal- droht gerissen und dajnit.aufgeklopp/ haben. Wir sitzen dann nebeneinander in der Grundstrccke auf einem Stempel. Oder machen uns eine Heizung, indem wir das Pik-, die kurzstielige, herz- förmige Kohlenschausel, mit der Spitze in die seitliche Holzverschalung stecken und unsere Lampen darunter stellen; aus so einem Karbid- ofen sitzt sich's gut, denn es ist kalt in unserer nur 90 Meter tiefen Pütt, zumal wenn wir mit unseren schweiß, und sickerwasierdurch- tränkten Kleidern in der zugigen Luft sitzen sollen. Müde liegt eines jeden Haupt auf den oerschränkten Armen, bis das plötzliche Auffahren des leeren Hunts uns'emporreißt, uns lauschen läßt auf das Leiserwerden des aufsaufcnden Wagens; ein Augenblick Toten - stille, in die» nur das Fallen der Tropfen vom Hangenden hinein- klingt und sie noch stiller werden läßt: dann wieder leises Summen, Schnurren, Rasseln und mit einem Krach steht wieder ein Wagen auf der Plattform, zitternd und in Verwunderung, daß er nicht von dem Anprall zerschmettert worden. Wieder keuchen unsere Leiber. Wieder Ruhe. Wir warten vergebens. Nachdem wir mehrmals aufgekloppt haben, setzen wir uns an den Fuß des Bremsberges. Piepmeyers Hein wird gesprächig, er hat ja heute Geburtstag, er wird sünfzig Jahre alt. Und ein Leben, sein Leben zieht an mir vorüber. Einfach erzählt er und derb und trocken und ist nichts Be- sonderes dabei gewesen. Und ist doch toll gewesen und stark. Viel- leicht auch nur in der Erinnerung. Oester kommt darin der alte Bergmannsspruch vor: Die Liebe und der Suff, die reiben den Berg- mann usf. Und auch die lächelnde Bemerkung, kein Bergmann dürfe älter werden als Zt> Jahre, ein alter Bergmannsglaube: oder Aberglaube sagen die Neunmalklugen. Hein erzählt weiter. Die Silhouetten belgischer Kohlenstädte ziehen vorüber und Zimmer avcc femmc" werden erwähnt. Antwerpens Krane kreischen. Das Glanzstück, eine Flottenparade vor der Insel Weight aus blauem Meer unter leuchtendem Himmel mit segelnden Wolken. Das Ganze eine Melodie, bald toll und überlustig, bald stumpfsinnig und monoton. Und dann die Heirat und der Tropfenfall fünfzehn ein- förmiger Jahre In diesem Pütt. Und doch die unbestimmte Hoff- nung, es wird nochmal anders..Mein ältester Junge soll... Et is'n ganz heller Kopp. Un wenn er dann Schulmeister is un wenn ick dann bei ihm wohne../ Hein hat seine Lampe aufgemacht, um Karbid nachzufüllen. Das Schattenbild seiner Hände tanzt in der Decke hin und her, während er die einzelnen Karbidbrocken im Unterteil des.Lämpkcns" zurechtdrückt. Wie zwei Riesenfäuste, die mit einem Menschenschädel spielen, sieht das Schattenspiel aus. Einen Augenblick schauen wir beide erschreckt hin. Kühl streicht eine modrige Luft. Faules Holz, zum Teil umhängt mit einem Leichen- wch aus fahlen Schimmelpilzen, leuchtet beharrlich aus der samt- farbenen Tiefe der Grundstrecke. Irgendwo rieselt Wasier Im Ge- stein, murmelt das Ungewiße. Tropfen fallen in die Stille: Ping- ping-pang. Immer wieder von vorn diese drei Töne.... Ein Zischen. Auf meine Lampe ist ein Tropfen gefallen und hat das Licht erwürgt. Das Schattenspiel und alles Sichtbare ist verschwunden; absolute Finsternis..Dunderkiel, haste Sticken?"' .Ja." Aber ein Streichholz nach dem anderen wird vergeblich an- gerissen; alle sind feucht. So bleiben wir ruhig aus dem Fleck sitzen; wenn einer der Schlepper zurückkommt, werden wir ja Licht kriegen. Ein Gespräch will nicht aufkommen. So versinken wir in unsere Ge- danken und in unsere Müdigkeit. Nur durch die Ohren sind wir verbunden mit der Umwelt, die sich kundgibt durch das dünne Rieseln des Wassers und das Fallen unserer drei Tropsen. Kälte und Feuchtigkeit kriechen an den Beinen herauf. Es kribbelt in den Fußen. Heins schwere Atemzüge rasieln. Auch mein Kops sinkt müde und müder. Die Gedanken drehen sich und wirbeln durcheinander. Wann der leere Wagen wohl aufgeht? Und scheint wohl die Sonne früh wenn ich ausfahre? Und die drei Tropsen, was machen die für einen Lärm? Sind die verrückt geworden? Ich muß sie sesthalten. sonst ersaufen wir ja in dem Tosen. Ich wache

verträume üie Zeit nicht!

,ven Seinen nimmt's öec Herr im Schlaf.''

H.

auf halb. Mein erster Blick fällt auf Hein: er sitzt mit träum- starren, wettaufgerissenen Augen neben mir. Ein Feuerstrahl schlug aus den Schienen und tauchte uns für die Dauer eines Blitzes in sein rotes Licht. Ein furchtbarer Schlag neben mir. die eiserne Plattform bebt. Und zwischen Traum und Wachsein prasiell von allen Seiten etwas gegen meinen Körper. Etwas Warmes läuft mir übers Gesicht, das schmeckt ein wenig salzig. Ein voller Wagen ist ohne Seil den Bremsberg hinuntergesaust: der eine Gedanke kann noch aufdämmern, dann hüllt ein grauer flockiger Nebel Hirn und Denken ein. Wie ich wieder zu mir komme, höre ich die Kumpels rufen, aufgeregt durcheinander laufen und oben im Bremsberg, in den gerade hinein mein erster Blick fällt, tanzen Lichter auf und ab. die Lampen der Bergleute, die von oben eilig herunterkommen. Und dann wendet sich mein Kopf, dorthin, wo Hein eben noch gesessen --- Ich mache eine Bewegung mit dem Arm zum Gesicht hin, da war mir doch etwas hineingespritzt, etwas, das noch warm ist, anders wie das kalte Wasser, mit dem ein Kumpel das Gesicht ab- wäscht. Ich fasse in eine weiche Masse, wie Gehirn Heins Ge­hirn! Da ruckt es durch meinen Körper und der Wahnsinn jagt einpn Augenblick wie ein Stöhnen durch meine Kehle. Daran merken die Kumpels, daß Ich zu mir gekommen bin. Tausend Fragen, auf die ich keine Antwort weiß, umschwirren mich wie Mücken und stechen in mein geschundenes Hirn. Wie ich aus all dem und dem Pütt herauskam, weiß ich nicht. Nur einen blutigen Breiklumpen sehe ich vor mir, so oft ich die Augen schließe, und die schwingenden Bergmannslampen und Ge- stalten,'die mit gebogenen Knien und krummem Rücken durch die niedrige Grundstrccke schreiten, und die wandernden, hüpfenden Schatten am ockerroten Ouerschlaggewölbc. Dann sind wir am Tage, im Licht tausendterziger Bogenlampen. Grell und unbarmherzig bescheinen sie olles. Die Leute, die über Tage arbeiten, kommen zusammen. Die Witwe, die vor einer Stunde noch nicht Witwe war, steht mit einem ihrer Buben auf dem Arm an der Schachtösfnung. Ihr Gesicht ist steinern. Wie der Tod. Als der Wagen mit Heins Leiche draußen ist, will etwas in ihr sich losmachen, es zuckt, ein Stein will losbrechen, aber kann nicht. Am folgenden Abend zu Beginn der Nachtschicht bin ich wieder auf dem Zechenplatz(in der Nachtschicht darauf konnte ich wieder unter Tage arbeiten, da mir nichts Wesentliches zugestoßen war, körperlich). Ich bin am Schacht und mit einer Gleichmütigkeit kommen und gehen die Wagen, als ob nie der Tod hier vorüber- getanzt sei. Aber er lauert ja ständig. Mau gewöhnt sich daran als Bergmann und lacht darüber. Wieder kommt Heins Frau mit ihrem Kind. Die Bergleute grüßen stumm; sie sieht es nicht und stellt sich an den Schacht und schaut hinein, wie wartend. Man hört nur das Surren der Seile und das jetzt leise Glückauf der einfahren- den Kumpels. Sonst Schweigen. Bis ein Kumpel die Frau bittet. nach Hause zu gehen, der Kleine müsie schlafen. Sie sieht den Sprecher aus kalten Augen an und sagt, sie wolle ihren Mann ab- holen. Die Bergleute schauen einander an, stumm in Mitleid und Hilflosigkeit. Dann bricht der Stein, ein furchtbares Lachen reißt sich los, bricht sich an den Hütten des Zechenplatzes, fällt in den Schacht. Ein Bergmann läßt im ersten Schreck die Lampe fallen. Das gellt in Mark und Bein. Und bevor der letzte Widerhall zer- flattert, ist die Frau mit dem Kind in den abgründigen Schacht ge- sprangen. Zwei Jahre später(ich hatte inzwischen mein Studium wieder aufgenommen) besuchte ich den Schacht und die allen Kumpels. Und gerade an jenem Tage fuhr der älteste Junge meines Freundes Hein er heißt Hein wie sein Dater zum erstenmal unter Tag; es war

sein 17. Geburtstag. Wird ihn der Tod unter Tage älter als SO werden lasten? Und ob er auch den alten Bergmannsspruch kennt und an ihn glaubt, stolz schaut er auf seine funkelnagelneue Berg. mannslampe und dann auf mich, als ich ihm ein Glückauf biete. Im Osten steigt strahlend die Sonne..-Hein, der junge Hein, aber fährt in die Nacht, zum Tod unter Tage.

Energieverbrauch beim Muflzieren. Interessante Untersuchungen und Messungen über den physischen Energieaufwand bei musikalischer Betätigung sind jetzt von A. Loewq und H. Schroetter in Wien angeftelll worden. Die beiden Forscher haben in ihren Arbeiten, über die sie in PslügersArchiv für Physiologie" berichten, den Einfluß untersucht, den die künstlerische Betätigung auf den Energieumsay des Körpers hat, und die Frage, wie weit die Umsetzungsprozeste durch die musikalische Arbeit ge- steigert werden. Sic benutzen dabei einen Apparat, an dem die Versuchspersonen wie Sänger usw. mittels Mundstückes bei zu- geklemmter Nase in eine Gasuhr atmeten. Zum Vergleich sei mitgeteilt, wie sich der Ruhcverbrauch an Energie bei anderer Tätigkeit steigert: bei einer Handnäherin um 13 Proz., bei einem Schreiber um 17 Proz., bei einem Maschinen- schreiber sschnelles Schreiben) um 31 Proz., Schneider 22 Proz.. Damenschuhmachcr 17 Pro,;., Herrenschnhmachcr 83 Proz.. Wasch- frau 80 Proz. Der Energieaufwand bei der Musik ist nun außer- gewöhnlich hoch. Lautes Singen erfordert einen Energieaufwand, der von 19 Proz. bis zu 83 Proz. steigt, wobei zu bedenken ist, daß allein die Atem- und Kchlkopsmnskulatur diesen ganzen Auf- wand bestreiten muß, allerdings nur für kurze Zeit gegenüber der Dauerarbeit jener Handarbeiter. Beim Klavierspiel können sogar noch größere Steigerungen des Sauerftofsvcrbrauches erfolgen� bis 270 Proz. Und auch bei den Streichinstrumenten liegen die Steigerungen noch über denen beim Gesang: bei der Violine wurden bis 125 Proz. gemessen, beim Cello bis 110 Proz., beim Kontrabaß wieder bis 270 Proz. Bei den ivtestungen der Bläser sind offenbar stölende Momente zu berücksichtigen, die Maßzahlen waren hier auffallend gering. Erheblich aber steigt der Energie- verbrauch beim Schlagwerk: die lang andauernden geschlagenen Wirbel bei der Pauke steigerten den Sauerstoffoerbrauch zeitweise bis 321 Proz. Auch dir Messungen der Atemmechanik und der Pulsfrequenz ergaben große Steigerungen. Geinestcn wurde schließlich auch beim Kapellmeister. Bei einem Dirigenten stieg der Saucrstoffvcrbrauch von 53 bis zu 113 Proz. Ein anderer Fall liegt besonders interessant. Einem Kapellmeister wurde suggeriert, er habe vor einem größeren Orchester die Tell- Ouvertüre von Rossini zu dirigieren. Sein Dirigieren geschah ver- hältnismäßig ruhig, die Zeichengebung vorwiegend durch Betätigung der Arm- und Schultermuskulatur. Der Energieaufwand stieg min bei dem mäßig bewegten Beginn um 53 Proz., bei der stärker be- wegten Fortsetzung um 120 Proz. Das ist ein Aufwand, wie er bei den Streichinstrumenten und bei nicht zu anstrengendem Klavier- spiel gefunden wurde und nur von dem bei schweren Klavierstücken. bei schwereren Kontrabaßpastagen und beim Schlagwerk übertrofs»n wurde. Natürlich müssen die reichlichen und weit ausladendesi Körperbewegungen mancher Kapellmeister den Energieumsatz vieler Schwerarbeiter übertreffen. Nebenbei bemerkt, scheint die hier konstatierte Steigerung des Sauerstoffverbrauches und der Atcmmechanik auch die Erklärung für jene bekannte Begleiterscheinung bei besonders leidenschaftlichen Klavierspielern u. a. Musikern zu geben: für das hörbare Ein- ziehen des Atems, das Schnauben und schwere Ausatmen beim Spiel. Man kennt es von so manchen Konzerten unserer größten Pianisten, daß diese Atembcwegungen bei Steigerung des Spiels bis weil in den Saal hinein hörbar werden. Es ist also nicht ganz so, wie man dann meist meint, daß eine bestere Selbstkontrolle der Atemtechnik solche unbewußten Erscheinungen verhüten kann.