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1. Seilage öes vorwärts

voaaerstag, 2�.�aNl�2S

Die Mode teilte einmal streng die einzelnen Gesellschaftsklassen, schon Schiller sang in seinem«Freude schöner Götterfunke", «Was die Mode streng geteilt." Vieles ist anders geworden, man benimmt sich demokratischer. Die Mode hat sich allmählich in eine sehr vernünftige, emanzi- pierte Dame verwandelt. Allen Respekt vor den Fortschritten, die sie in den letzten Iahren gemacht hat. Alles ist praktischer und manchmal auch billiger geworden. Die Grundlinien der Mode sind nicht mehr launisch wie früher, sind schon seit langem, eben ihrer Bequemlichkeit und Einfachheit wegen, dieselben geblieben: kurzer Glocken- oder Faltenrock, glatt«, meist durchgehende Taille, Schlutz vorn, oder Schlupfform, und nur die Kleinigkeiten, die Bs- fätze usw. wechseln, denn schließlich will ja auch der Modeschneider leben. Früher benötigte man bis zu sieben Meter Stoff für ein Kleid, heute kommt man bereits mit zwei bis drei Meter aus, wobei man allerdings in Betracht ziehen muh, daß der Stoff heute dreimal so teuer ist. MoSern und modern ist zweierlei. Die einen behaupten, die Mode sei ein launisches Wesen, das sich jeden Moment anders gebe und dem man nachjagen müsse wie der Göttin des Glücks, um ihm immer zu genügen und modern zu sein. Gewiß ist sie das, denn sie ist einsichtig. Denn was hätten schließlich viele Leute zu tun, wenn sie nichts anzuziehen hätten? Aber es gibt Unterschiede. Die einen sitzen in Fauteuils und rauchen teure Zigaretten, sie jähren in Auws und tanzen im Kasino, sie trogen Schuhe aus KrokodUledcr vder. Schlangenhaut, die innen den Ausdruck des. Pariser Schtchmachers tragen, und führen, das usurste Modell von Drecoll spazieren, der Entwurf extra mit ein znrar hundert Ulork bezahlt, und pudern sich und haben rotgcmalte Lippen, nicht weil sie sonst alt und häßlich aussehen würden, sondern weil das eben modern und mondän ist. Aber auch die anderen sind jung und hübsch und wollen sich putzen ünd stehen mit großen Augen vor den Schaufenstern, in denen die neuesten Frühjahrs- modelle«von der Stange" angewiesen werden. Aber es ist merk- würdig, olles, was modern ist. ist viel teurer als gewöhnlich. Der Meter karierter Tast(liegt 80 Zentimeter breit) kostet 13,50 Ä. bis 16,50 M., während er sonst für 6,50 M. zu erstehen war. Dafür sind aber, so schreiben die Pariser Blätter, schottisch gemusterte Toltkleider augenblicklich große Diode. Und das helle Sommer- » tleidchen kostet 29,50 M. So daß man schließlich ausrechnet, daß

mgsi zwei Wochenlöhne unmöglich erübrigen kann und das alle noch einmal auffärbt. Man muß fich zu helfies wissen. Wer aber ein wenig Geschmack und Geschick hat und mtt der Nähmaschine umzugehen weiß, kann sich doch helfen: Der helle, luftige Stoff braucht nicht gerade»letzter Schick" zu sein, schön Ist er doch und kostet nur halb soviel wie sein moderner Bruder. Man läßt auch etwa, von dem vielen Besatz weg, eine einfache Spitze genügt und wirkt oft viel netter. Einfache Sachen sind Immer geschmackvoll, und wenn man jung und schlank ist, nimmt man es im selbstgeschneiderten Kleidchen auch mit der eleganten Dame auf, die das Modell von Drecoll trägt. Man muß es ver- stehen, sich einzurichten. Wenn einem geschmackvollen Menschen z. B. blau nicht steht, wird er blau eben nicht tragen, auch wenn diese Farbe Modefarbe geworden ist, und wenn man einen Meter Stoff dadurch sparen kann, begnüge man sich z. B. mit einem engen Aermel, statt den modernen weiten zu wählen. Wenn dos Kleid nur den Grundgesetzen der Mode folgt, wird es schön sein und nicht aus dem Rahmen des Modernen fallen. Und man wird das Kleid lange tragen können. Beim Wählen eines Kleides, sei es fertig gekauft oder selbst geschneidert, achte man deshalb daraus, daß es In keiner weise zu sehr einer Augenblicksmode folgt, zu kurz oder zu eng ist, irgendein ausfallendes Muster oder einen ausgeklügelten Schnitteffekt zeigt, dann wird man billig, praktisch und doch modern gekleidet sein vas Kleid der Jugend. Man trägt keine Korsetts mehr, sondern gesunde, durchgehend gearbeitete Ober- und Unterkleidung, die die natürliche» Linien des Körpers frei umfließt, man trägt Schuhe mit flachen Absätzen und bequeme kleine Hüte, die wirklich schützen und ohne chutnadel, diese Mordinstruniente unseligen Angedenkens, getrogen werden können. Aber in diese auf Hygiene und Zweckmäßigkeit gestellte Zeit ragt eine Tracht hinein, das Kleid der Zugendbcwcglerin, dos eigentlich ein Ueberbleibsel aus den Togen ist, da die Mode noch Schleppen, Wespentaillen und viele Unterröcke kannte, die Frau aber endlich begann, sich aus ihren Körper zu besinnen: also aus der Zeit der beginnenden Emanzipationsbeftrebungcn der Frau, deren Symbol das Reformkleid wurde. Aber die Mode hat heute alles wieder gutgemacht, abgesehen von ihren Extravaganzen natür- lich, ja sogar das Resonnkleid überflügelt, ist entschieden be-

quemer als das Kleid der Iugendbeweglerin mit dem kurzen Leib» chen und dem ziemlich langen und weiten Faltenrock. Womit nicht bestritten werden soll, daß es als Tanz- und Wanderkleid unserer Jugend schön ist: es ist ein lebendiges ftisches Bild, die hellen, flatternden Gewänder in Wald und Wiese, aber sie passen eben nur in Wald und wiese und für das junge, schlanke Mädchen, und nicht in das Bureau und den Fabriksaal, nicht in die llnkergrund- und die Sladtbaha. * Letzten Endes ist eben die Wahl der Kleidung doch, trotz der Unisormierungsbestrebungen der herrschenden Mode, eine rein per- sönliche Angelegenheit und muh dem Geschmack des einzelnen überlassen bleiben.

6]

Marcia Reale. Novelle von Andreas Latzko .

Kein Tag verging, ohne daß Cesare Pasquali brünstig seinen Schutzpatron gedankt hätte für das glückliche Ausammen- treffen mit dem deutschen Setzer. Wäre das spöttische Lächeln seines Freundes nicht gewesen, er hätte dem heiligen Nepo- muk, der sich immer noch gnädig gezeigt hatte, eine dicke Kerze gestiftet, so deutlich fühlte er, daß ohne Rat und Lzilfe dieses Fremden ein schlimmes Schicksal über ihn herein- gebrochen wäre in dem Gedränge der Hafenstadt. Von der verwitweten Bäuerin in Tirol war längst keine Rede mehr. Es war unheimlich, wie klar der Setzer mit seinem einzigen Auge die Menschen durchschaute und mit einem Scherz, den der Dümmste verstehen muhte, alles so vor einen hinzustellen verstand, wie er es mit seinem raschen Blick erfaßt hatte. Ein Leben lang hätte Pasquali über seinen 'Plan nachdenken können, ohne auf die einfache Walycheit zu kommen, daß seit der Rückkehr aus der Gefangenschaft auch in das kleine Tiroler Dorf die Männer heimgeflutet waren aus dem Felde und der Fremde. Ein immer noch ganz sauberes Frauenzimmer mit sechs Milchkühen im Stall,... mußte da erst einer aus Italien kommen?--- Es war ja... wenn man es recht bedachte... merk- würdig, daß der Setzer die 5)offnungen eines anderen so schlagfertig zu zerpsücken wußte, ohne daran zu denken, daß für Sizilien genau die gleichen Wahrheiten galten! Pasquali war es bange vor den Enttäuschungen, die seinem Freunde dort unten bevorstehen konnten, und das bestärkte ihn noch mehr in feinem Vorsatze mitzugehen. Es tonnte freilich auch sein, daß der Fremde recht behielt! Einen Kerl, der so voller Schnurren und Gescheitheit steckte, vergoß ein Mädel nicht leicbt! Vielleicht wurde er im Handumdrehen Weinbergbesitzer und stellte seinen Reisegefährtei? als Winzer oder Aufseher ein?... Und selbst, wenn es schief ging?... Pasquali hatte gelernt, daß man an der Seite des Setzers nie ganz verloren war! Hatte er nicht sofort am ersten Morgen ein deutsches Schiff entdeckt, das Ziegel für Nordbrasilien ver- staute? Irgend ein Gummikönig da drüben wollte einen Palast, ein richnges europäisches Heim sich leisten, nicht eine Tropenhütte, die nach jedem Wirbelwind neu aufgebaut werden mußte, Pasquali und der Setzer segneten täglich seinen Einfall, denn Ziegel ließen sich nicht mit dem Kran einladen, und bis der ganze Palast schubkarrenweise an Bord geschafft

war, gab es Arbeit für eine Woche. Ein Auge genügte dabei so gut wie acht Finger, welches Glück, daß es närrische Gummitönige gab und gerade, wenn man sie am nötigsten brauchte.... Pasquali lernte von seinem Freunde, das Wort Glück auf eine ganz neue Weife verwenden! Ver- krüppelt, obdachlos, keinen Soldo in der Tasche und doch vom Glück sich begünstigt fühlen.... das war ihm neu, er hätte nie gedacht, daß man tagelang Ziegel schleppen und dank- bar ein Liedchen dazu summen könne, als hätte man ohne Mühe am Kartentisch sein Geld verdient. Eine andere Neuigkeit war weniger nach dem Geschmack Pasqualis: das war die verfluchte Gewohnheit des Setzers, einen Teil des Tagelohns beiseite zu legen. Sparen?... Der Leinenweber sah gehässig auf das Büchlein, in das seine Forderung täglich eingetragen wurde und fand es geradezu tyrannisch, daß sein Freund nicht wenigstens am Abend ein halbes Stündchen in der Osteria bewilligte! Es war ja doch nicht dasselbe, ob man im Finstern, wenn alles schon schnarchte, hastig einen Zug aus der verborgenen Flasche tat, oder gemütlich im Wirtshaus sitzend sich ein Gläschen gut schmecken ließ. Aber böse konnte man dem Oesterreicher nicht sein, er verstand es, selbst das Sparen angenehm zu machen, und als am fünften Tage des Ziegeleinladens ein Paar wundervoll weiche, wollene Socken von Pasqualis eigenen Ersparnissen angeschafft wurden, da lächelte der Leinenweber so dumm- verlegen, wie vor dem Kunststück eines Jahrmarktzauberers und ging, als hätte er Teppiche unter den Füßen. Es schmeichelte ihm. daß der Setzer ihn erst ein wenig heraus- machen wollte, ehe er ihn zu seiner Braut brachte. Das Dewußssein, betreut zu werden, der Stolz eines Menschen zu sein, der sein eigenes Werk in ihm liebte, spornte zu Fleiß und Enthaltsamkeit an. Es war wie eine verspätete Kindheit, die er nie gekannt hiRte, an der Seite seiner armen, ver- witweten Mutter und in der Lehre, deren Schrecken nach fünfundzwanzig Iahren noch als Alpdruck durch seine Träume geisterten. So fügte er sich immer williger unter die Tyrannei seines Mentors und fühlte sich zugleich als Beschützer des schwächlichen engbrüstigen Setzers. Der ganze Hafen, sogar das Gesindel im Getreideschuppen, hatte Respekt vor ihrem Bündnis. Am stolzesten fühlte sich Pasquali, wenn fein Freund ihn nach Feierabend auf einen Spaziergang mitnahm und genau wie ein wißbegieriges Kind über alles belehrte, das die dumpfe Einfalt des Analphabeten Jahrzehnte lang erfolglos umtastet hatte. Auf keine Frage war der Setzer um Antwort verlegen, mit Geschichten, Gleichnissen. Schilderungen, die

Pasquali mit atemloser Gier in sich aufnahm, verdrängte er die abergläubischen Vorstellungen, die Unwissenheit und das Mißtrauen in das unbebaute Gehirn gesät hatten, und war selbst stolz auf die Helle, die allmählich den stumpfen Blick seines Schülers beseelte.... Auf der Circonvallazione di Mare saßen sie auf einer Bank, die wie eine Luftschiffgondel zwischen Meer und Himmel hing, sahen den Feuerball hinter das flammende Wasser versinken... und die Worte des Setzers führten den staunenden Pasquali auf die andere Seite der Erde, wo dieselbe Sonne auf dem Meer emporstieg, wenn sie hier niedersank, heißer als bei une, so heiß, daß die Menschen Sommer und Winter nackt im Freien schliefen und alle Nahrung mühelos auf Bäumen und Sträuchern fanden. So herrlich wußte der Setzer zu schildern, daß der Leinen- weder die Kokospalmen aus dem glühenden Dunst empor- ragen sah und sich am siebsten gleich eingeschifft hätte nach dem Märchenland. Ueberall, wo sie vorbeikamen, gab es solche Wunder, die immer schon dagewesen waren, aber nun erst ihren Sinn enthüllten, als wäre der Setzer mit einem Zauber- stab über Pasqualis blinde Augen gefahren. Glück!" dieses eine Wort faßte alle Weisheit des Oester- reichers zusammen. Alles, was er erzählte und lehrte, strebte noch dem Ziel: die Liebe zum Glück in Pasqualis Seele zu gießen. Wie bleichsüchtig und kümmerlich kauerten die Räume, wo die Circonvallazione über den Nordabhang lief, und gleich daneben, hinter ihrer Bank spreizten sich protzig die Palmen, die das Glück nach Süden gestreut hatte.Glück" undUnglück", nichtRecht" undUnrecht", wie auch Pas- quali mit den anderen allen gedacht hatte! Der liebe Gott streute allen Samen in den Wind, was nach Norden fiel, mußte kriechen und sterben und sich recken und strecken, um einen einzigen Strahl Sonne. Den Schwarzen da hinter dem Meer fiel alles in den Schoß. Pasquali neidete ihnen ihr Glück... aber in seinem Rücken, hinter den Bergen, wäre der Mann, der ohne alle Mittel eine dreitägige Fußreise angetreten hätte, elend fm Straßengraben erfroren, und der Schnee hätte ihn auch gleich begraben bis zum Morgen. Menschen verkümmerten in Nacht und Eis, wie die Bäumchen auf der anderen Seite der Promenade, während Pasquali mitten im Winter auf einer sonnigen Bank fein Abendbrot verzehrte. Auch Unrecht?... Alles kam nur darauf an, lehrte der Setzer, das Gluck zu bemerken! War es nicht Glück, mit verkrüppelter Hand heimzukehren, wenn man an den Nebenmann dachte, den dieselbe Granate mit zer- trümmertem Schädel ins Massengrab geschleudert hatte?.. (Forssetzung folgt.)