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Nr. 36643.Jahrgang

1. Beilage des Vorwärts

Freitag, 6. August 1926

Das Wochenende

Vielleicht kommen wir auch einmal dahin, unsere Ausflüge an das Ende der Woche zu verlegen. Bislang waren es ja eigentlich auch bloß Week- end- Fahrten. Wer Geld hat, kann sich Sonntags in Saarow Piestom erholen, in den Harz oder nach Dresden gondeln. Ob sich aber für einen tnappen Sonntag eine solche Spritztour lohnt, sei dahingestellt. Man will sich ja schließlich erholen, ohne wie die Autler den Ehrgeiz des Kilometerfressens zu haben. Die Eisenbahn verwaltung ist zwar so entgegenkommend, wirklich billige Sonder züge bereit zu halten; auch einzelne Hotelbefizer bequemen sich bereits zu Preisemmäßigungen. Wochenendfahrten sind eine herrliche Angelegenheit, doch sollten fie für alle fein. Der Arbeiter, der die ganze Woche eifrig schafft, verdient wohl, mit einem Sonntag in Der freien Natur belohnt zu werden; seine Lungen gebrauchen diesen Feiertag, wenn man schon das rein Seelische nicht berücksichtigen mill. Die Jugend hat das glüdlicherweise erkannt; sie wandert jeben Samstag hinaus. Die immerhin beneidenswerten Befizer von Automobilen, Segelbooten usw. haben sich stets allein zu helfen gewußt. Der Arbeiter fann höchstens mit einer Sonntagsfahrkarte nach Strausberg fahren. Auch das ist sehr schön, gewiß, aber solange man noch eine britte und vierte Klasse unterscheidet, wird auch der neidisch flingende Schrei nach Gerechtigkeit nicht verhallen. Amerika ist z. B. auch in dieser Beziehung wieder viel großzügiger; man tennt bort nicht solche Unterschiede, wenn man Wochenend macht. Alles fährt hinaus, und alles lagert sich, wo es möchte. Hier fchreden uns überall manchmal mehr als überflüffige Tafeln: Es ift verboten Das beliebte preußische Muster! Alles das gehört zur Wochenendfahrt, möglicherweise auch der frühere Laden­ichlus. Es ist dies in erster Linie eine Frage der Bequemlichkeit, und

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Die Figurantin.

Roman eines Dienstmädchens von Léon Frapié . Autorisierte Ueberlegung aus dem Französischen von Kunde- Grazia. Die Musitſtunden zu ermäßigtem Preis forderten die größten Opfer der Eigenliebe. Frau Coton entschädigte sich an dem Dienstmädchen für ihre Servilität gegenüber den Schülern und deren Eltern. Die Kinder ahnten diese böswillige Neigung ihrer Mutter und taten das mögliche, Sulette zu verflatschen. Germaine log mit unschuldiger, faltblütiger Miene. Und Sulette wurde mit scharfen Worten verfolgt, weil sie zum Fenster hinausgeschaut, sich gähnend gesetzt, in den Spiegel gesehen hatte.

Abends fam Herr Coton mürrisch, noch ganz gebeugt vom amtlichen Verdruß, nach Hause; er emfpand gleichfalls das Bedürfnis, seiner galligen Laune freien Lauf zu lassen, zu befehlen, jemand herunterzumachen. Schon im Vor­zimmer entdeckten die Augen des kleinlichen Schreibers irgendein geringfügiges Etwas in der Wirtschaft zum Kritisieren. Er ermangelte nicht, das Dienstmädchen wegen des Aufräumens in der Schlafkammer auszuschelten; niemals plazierte man sein Halstuch und seine ausgetretenen Haus­schuhe an den richtigen Fleck.

3.

Eines Tages fah die Gemüsehändlerin, daß Sulette mit finsterer und sorgenvoller Miene eintrat.

"

Was, Dienen ist nicht immer luftig, armes Kind?" Die aushorchende Wendung ließ Sulette plöglich in Schmähungen ausbrechen: Glauben Sie, daß der Herr mich schief anschaut und mir wütend seine Kleider zum Ausbürsten hinwirft, als wenn ich schuld wäre, daß er gewendete Ueber­zieher, ausgebefferte Hofen und schmutzige Wäsche trägt?" Die unvermeidliche verleumderische" Vergeltung setzte Die Gemüsehändlerin redete sich, indem sie einen Holzlöffel eingefochten Krautes schwang, selbst in But:

Und soviel ist sicher, mein liebes Kind, daß Ihre Herrschaft Sie verwünscht und Sie der Grund ihrer Dürftigkeit, ihres Schmußes find! Um geduldet zu werden, müßten Sie fich abarbeiten, ohne Essen, ohne etwas zu brauchen, ohne Lohn... ach, ich kenne die Verhältnisse der aanzen Leute aus der Nachbarschaft mit achthundert Franken Miete: das Mädchen ist für alle diese Similibürger zugleich Stolz und Strafe.

Der Eintritt von zwei Wirtschafterinen mit neugierigem und schwazhaftem Gesichtsausdruck hielt die Händlerin nicht ab, ihre Berichte auszupaden:

da mangelt es noch an Reformen. ingekündigte Züge, um nur eins herauszugreifen, dürfen natürlich nicht plötzlich ausfallen. Den Mangel an Beteiligung entschuldigte bisher weniger die Geldkrisis als das leidige Wetter, das ausgerechnet Sonntags ungünstig zu sein pflegte.

Was in der Mark fehlt.

In den Berliner Zeitungen ist in der letzten Zeit mit Recht über Mängel in den Hotels und Restaurants der märkischen Kur­und Erholungsorte Klage geführt worden. Die Sachlichkeit, mit der die Dinge behandelt worden sind, läßt erkennen, daß nur Anregungen gegeben werden sollen, deren Erfüllung in erster Linie im Interesse der märkischen Gemeinden liegt. Vor allen Dingen müssen die Preise herabgefeht werden. Vor dem Kriege war die Mark Branden­burg von den Berlinern recht vernachlässigt. Sie wußten zumeist an der Ostsee , im Riesengebirge oder in der Sächsischen Schweiz beffer Bescheid als in der Mart. Die Mark wurde, von zwei oder drei Plätzen abgesehen, im wesentlichen nur von Touristen besucht, die des Sonntags früh hinauszogen. Die Zahl der Wanderer, die schon am Sonnabend los30g und draußen übernachtete, war sehr gering und außerdem waren es zumeist Leute, denen wenig an einem guten Bett als an ganz billigen Preisen lag, junge Leute, die in Scheunen und ähnlichen Gebäuden Massenquartiere forderten. Nur eine ver. hältnismäßig geringe Zahl Berliner Familien verbrachte die Ferien­zeit in der Mark. Erst im vergangenen Jahre machte sich hierin ein Umschwung bemerkbar, der auf die erstartte Wander- und Jugend­bewegung und auf die Entwicklung des Automobilwesens zurückzus führen ist. Die interessierten Kreise in der Mart haben diese Be­wegung erkannt und sind ihrerseits bestrebt, ihr Rechnung zu tragen. Nur fann dem neuen Bedürfnis nicht von heute auf morgen ent­sprochen werden. Der Verband Märkischer Kur- und Erholungsorte, dessen Vorstand sich aus Bürgermeistern und Gemeindevorstehern zusammensetzt, hat in diesem Jahre mit der Organisation des Wochenend erst beginnen fönnen, wie ja diese Be­wegung auch in Berlin in diesem Sommer erst Wurzel gefaßt hat.

Wie es in Zukunft werden soll.

Ausbau des Unterkunfts- fowie Verpflegungswesens in der Mark und Berbefferung der Verkehrsverhältnisse ist vor allem notwendig. Die märkischen Gaststätten haben ein Interesse daran, daß ihre Gäste sich bei ihnen wohlfühlen. Was der Gast für jeden Fall verlangen tann, ist ein fauberes Zimmer, gute Betten und gute Speisen und Getränke sowie eine anständige Bedienung. Nicht nur in der Mark Brandenburg gibt es in dieser Beziehung vereinzelt Mißstände. Der im Wachsen begriffene Wochenendverkehr stellt aber mannigfacher Beziehung neue Ansprüche an die Gemeinden, an die Hotels und Gastwirte, die schnell erfüllt werden müssen. Der genannte Verband hat bereits begonnen für das nächste Jahr eine Neuorganisation durchzuführen, in der durch Zusammenarbeit mit den Ortsbehörden, mit den Hotels und den Gastwirten ein Zimmernachweis für alle in Betracht kommenden Behörden eingeführt wird, der um so not­wendiger ist, als infolge der Wohnungsnot die Zahl der zur Ver­fügung stehenden Räume in vielen Orten sehr zurückgegangen ist. Auf der anderen Seite aber wäre es auch zu begrüßen, wenn die Wochenendbewegung in Berlin den Erfolg haben würde, daß die Be­

,, So steht die Sache, ftellen Sie sich vor, Herr Coton hat auf ein im Verwaltungsfach nötiges Examen, von dem seine ganze Karriere abhing, verzichtet, weil dreihundert Franken für Nachhilfestunden auszugeben waren und man deshalb mehrere Monate ein Mädchen hätte entbehren müssen. Herr Coton war im Zweifel, ob er beim ersten Male durchkäme;| seine Frau wollte dieser Beraubung niemals zustimmen, und darum wird ihr Mann, statt aufzusteigen, dreißig Jahre zu den Subalternen zählen... und würde Frau Coton nicht zu den Subalternen zählen. größeren Nutzen haben, wenn sie ihre Wirtschaft allein versorgte, als daß fie monatlich fünfzig Franken durch Stundengeben verdiente? Ja, aber ohne Dienstmädchen gehört man nicht zu den besseren Leuten; merken Sie sich das, Kleine, das Bürgertum beginnt mit dem Besitz eines Dienstmädchens, und Ihre Herrschaften würden lieber Brot­rinden effen, als das Befehlen lassen.

Gleichsam zum Abschluß verabfolgte die Obsthändlerin der Wagschale mit dem Löffel einen Stoß, der es erließ, das Gewicht genau zu vervollständigen. Sie gab den beiden Wirt­schafterinnen, ohne Sulette fertig bedient zu haben. Diese wandte sich indes der Straße zu, um das sie faszinierende und verwirrende Pariser Leben zu besehen und zu belauschen: das verschiedenartig abgetönte Geroll der mit Lasten aller Art bepackten Wagen, die unterschiedlich gekleideten Fuß­gänger, deren lebhafte Gesichter Gedanken und Leidenschaften verrieten, die belebten Fenster und die Läden mit den bezeich­nenden Inschriften. Welcher Gegensatz zu dem schweigfamen Aeußeren der Landbewohner und ihrer verfallenen Häuser zum Geräusch ihrer plumpen Karren!

Sulette begriff, daß sie trop größtem Elend nie mehr zur Einfachheit der heimatlichen Scholle umkehren fönne. Als die beiden Wirtschafterinnen zur Tür hinaus waren, wechselte die Händlerin mit einer vorübergehenden jungen Person, die einen auffälligen Hut trug und mit großer ge­röteter Hand die Schleppe ihres Kleides aufhob, ein freund­schaftliches Zeichen, dann rief sie:

,, Es ist ein Unglück, die Dienstmädchen können ihren Be­ruf nicht wechseln. Was soll ein Mädchen vom Lande in Baris anfangen, wenn es nicht dient?"

Sie langte Sulette ein Bündel Karotten herüber, und das frivole, hämische Gesicht strafte ihre Worte Lügen: im Gegenteil, es gab allerdings eine dem Mädchen vom Lande gebotene Hilfe, einen gewissermaßen obligatorischen Beruf für die mit ihrem Schicksal unzufriedenen Landmädchen. Sulette ging lächelnd, ohne zu wissen warum, hinaus.

Seit diesem Morgen mühte sie sich mit dem Fleiß eines gehezten Tieres ab, die feuchten Schuhe huschten von Zimmer zu Zimmer; da sie tein Recht zum Reden besaß, sah man sie

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pölkerung der Reichshauptstadt sich daran gewöhnt, Zimmer für die Sonnabende und Sonntage während des ganzen Sommers zu mieten. Der Gastwirt oder Pensionsinhaber kann sich dann besser einrichten und seinem Gaft für billiges Geld mehr bieten, als wenn er nur ganz gelegentlich, bei besonders schönem Wetter tommt. Dann wäre es auch möglich, in den einzelnen Gemeinden Einrichtungen und Ver­anstaltungen für den Eintritt schlechten Wetters vorzusehen, um für solche Tage den Ausflüglern besondere Bequemlichkeiten bieten zu können. Auch der Ausbau des Automobilverkehrs nach den ent­legeneren märkischen Orten ist um so notwendiger, als die Eisen­bahnbehörde sich nur sehr zögernd den neuen Verhältnissen anpaßt. Diese Bestrebungen werden für das nächste Jahr hoffentlich einigen Erfolg haben. Es wird im eigensten Interesse der Reichseisenbahn liegen, daß auch sie für eine beffere Beförderung der Berliner in die Mart hinaus und zurück sorgt und daß das System der Rück­fahrkarten weiter ausgebaut wird.

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Der gute Wille, dem Berliner ein angenehmes Wochenende in

der Mark zu schaffen, ist überall ficher vorhanden. Man darf freilich die großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, nicht vergessen, unter denen die kleineren Gemeinden, gerade in der Mart Brandenburg zu leiden haben. In diesem Jahr hat es bisher nur drei Sonntage mit gutem Wetter gegeben und mancher Plan, für den Ausbau von Gemeindeinrichtungen und für Berbesserung in Privathäusern, mußte wegen des schlechten Geschäfts zurückgestellt werden. Dennoch haben viele Gemeinden neue Bäder angelegt, bestehende ausgebaut, in den Wäldern Wegweiser angebracht, Ruhebänke aufgestellt und Prome­nadenwege geschaffen. Bis zum nächsten Frühjahr soll die Organi fation der märkischen Gemeinden eine ganze Reihe von Verbesserun gen für den Wochenendverkehr durchgeführt haben.

schweigsam unter den verfolgenden Blicken ihrer fünf Ge­bieter rastlos sich bücken, erheben, Sachen herzutragen und wegschaffen. Alle Augenblicke rief man ,, Marie!", lief hinter ihr her. Frau Coton pries das System an: Man muß diesen Mädchen auf dem Nacken bleiben, andernfalls wäre gar fein Nußen aus ihnen zu ziehen!"

Krant davon, daß sie sich nicht in dem Kreise liebevoller Gesichter erholen fonnte, nahm Sulette die Leidenschaft an, fremde Kinder, denen sie zufällig auf der Treppe begegnete, in ihre Arme zu schließen, und wahrhaftig, sie füßte auch den kleinen Friedrich auf die Baden, der ihr nach Herzenslust Faustschläge verabreichte. Bald wurde er mit Vorsatz bös artig. Hatte Sulette seine Aufmerksamkeit durch Lieb fosungen erreicht, so bewirkte sie zu gleicher Zeit, daß er das barsche Wesen der Eltern gewahr wurde und sie nachzuahmen fuchte. So hatte das Dienstmädchen beim besten Willen nur den Einfluß auf die Kinder, sie egoistisch und ungerecht zu machen.

Troß ihrem Kummer fam Sulette mit dem Instinkt der verscheuchten Kaße nicht mehr zur Gemüsehändlerin mit dem mütterlichen, unflätigen Lachen; sie übertrug ihre Kundschaft dem großen Kolonialwarengeschäft des Quartiers.

Gleich das erste Mal umdrängten sie die Kommis dienst­befliffen an der Straßenauslage: Sie wünschen, mein Fräu­lein?" Während der eine ihr zulächelte, sie mit seinem Atem ftreifte, fast mit dem Schnurrbart berührte, büdte sich ein zweiter und betastete, scheinbar eine Etitette geraberichtend, ihre Taille, ein anderer verwunderte sich im Borübergehen: ,, Ah, die hübsche Brünette!" Der sie bediente, ergriff beim Einhändigen der Note ihre Finger.

Die folgenden Male wurden ihre Galanterien noch tecer. Sulette erkannte die Unmöglichkeit, sich dieser zudringlichen Vertraulichkeit, die gleichsam als faufmännischer Brauch ge­ftattet war, zu erwehren; wird doch von den Verkäufern in erster Linie die Gabe beansprucht, die Dienstmädchen ver­führen zu können.

Und Sulette begann von Liebe zu träumen. Zu den schlimmsten Entbehrungen verurteilt, fragte sie sich besorgt, ob ihr das natürliche Glück auch wegen ihrer niedrigen Stel­lung versagt bliebe und man ihr immer nur statt einer auf­richtigen Zuneigung den Trug des Lasters gewähren würde.

Bei den nur seltenen Veranlassungen, wo man sie allein mit Aufträgen fortschickte, fog sie jetzt förmlich den Himmel ein, füßte die Luft der Straße, berauschte sich an Bhantasien und Vorstellungen: ,, Ach, ein natürliches Leben haben! Liebe! Fröhlichkeit! Güte! Sich frei entwickeln! schreien! fingen! sei:: ganzes Leben zeigen dürfen!"

( Fortfegung folgt.)