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Mittwoch

8. September 1926

Unterhaltung und Wissen

Die jüdische Braut.

Erzählung von Mag Barthel.

In Holland tippelte ich mit zwei jungen Württembergern, die zum ersten Male aus der Heiterkeit schwäbischer Landschaft in die weite Welt vorstießen, um sich abzuschleifen. Als fröhlicher Be­gleiter lief neben uns der Jupp, ein Kölner Junge, in dessen zier­lichem Gesicht sich deutsches und romanisches Wesen glücklich mischten. Aber wir blieben nicht lange zusammen. Die Harmonie unferer Kameradschaft wurde empfindlich gestört, als der letzte Gulden ausgegeben war, jeder einzelne selbst um den Bissen Brot für den kommenden Tag kämpfen mußte und im besten Freund nur noch den lästigen, immer. hungrigen Weggefährten sah.

Der Sommertag lag wie ein golden erhiztes Blumenbeet über den leuchtenden Gärtnereien von Leyden und Haarlem , zitterte gläsern um die vornehme Pracht schöner Billen, verkühlte sich in den heiteren Kanälen und rauschte in den wie Springbrunnen starr, stolz und glanzvoll aufgestellten hohen Pappeln. Bei Scheveningen hatten wir auch im Meere gebadet, abseits den Kabinen der noblen Leute, und waren vielleicht noch glücklicher als sie. Jeden Fußbreit Erde und Ferne hatten wir erobert, mit unserm Wanderschweiße gedünkt, den fernen, sausenden Maschinen abgetroßt. In unserem Blute sang die Sehnsucht nach der Welt. Nun waren wir in der Welt, nun waren wir in der Freiheit unserer zwanzig Jahre, in der Leuchtkraft des schönen Sommertages, in der Sternenruhe mancher strahlenden Nacht.

Auf einem Jahrmarkt bek Haag gaben wir unser letztes Geld aus. An dem leichten Wagen, an dem wir unsere Getränke fauften, fam es zu einem Streit. Der Händler vermutete in uns fapital­fräftige Leute und behauptete, wir hätten noch nicht bezahlt. Aber da mischte sich ein alter Herr ins Gespräch.

Die Mijnheers haben bezahlt," sagte er, und ihr Geld ist genau so gutes Geld wie das der anderen Leute."

Um jenen Wagen hatten sich, angelockt von dem heftigen Wort­wechsel, viele Kirmesgäste gesammelt. Auch vier junge Mädchen eilten herbei. Das waren dieselben Mädchen, die uns vorher schon nach den grünen Büschen längs der Straße verlocken wollten, um dort unter freiem Himmel für einige Groschen ihre herzliche Liebes­bereitschaft zu erweisen. Diese Mädchen nahmen unsere Partei und begannen erst dann zu höhnen und zu spotten, als wir eilends die bunte Kirmes verließen, an einem dunklen Kanal anhielten, uns über das Brückengeländer beugten und in das ziehende Wasser spuckten, wie wir es den alten Fischern und Seeleuten abgesehen hatten.

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Am dritten Tage unserer Wanderschaft erreichten wir die Stadt Amsterdam und zogen unter dem maßlosen Jubel der Straßen­jungen ein. In der ersten Nacht blieben wir in einer schmutzigen Herberge, deren Adresse wir in Leyden erfahren hatten. Die nächsten Tage vergingen in der Hetze um das tägliche Brot. Der deutsche Hilfsverein und der Herr Konsul anders sein? blieben hart. Sie mußten ja Deutschland repräsen tieren. Was waren wir? Junge Abenteurer, wenn alles gut ging, arbeitsscheues Gesindel, wenn die Herren unter sich waren und die Klagen der reichen Pfeffersäcke über das Bettlerunwesen anhören mußten. In jenen Tagen, an denen wir sehr viel hungerten, zer­fchlug sich unsere Wanderfreundschaft. Die Württemberger reiften nach Deutschland zurück. Der Jupp hatte uns schon vorher ver. fassen. Sein zierliches Gesicht war ganz böse, als er falt und herz­los jeden Cent vorrechnete, den er mit uns geteilt hatte.

Endlich kam für kleine literarische Mitarbeit für mich ein wenig Geld, genug, um in einem billigen Kosthaus zu logieren und Beit zu gewinnen, um sich in die Geheimnisse der Stadt Amsterdam zu vertiefen. Schön war diese Stadt! Zwischen zwei Sonnen ver­gingen die Tage, zwischen dem Reichsmuseum und dem Judenviertel. Nein, auch das Licht des Museums kam ja aus der Joedenbreed straat und flammte aus den Bildern Rembrandts , vor allem aber aus seiner Jüdischen Braut".

Das Mädchen Anne in der Herberge war ein holländisches Mädchen. Sie verstand kein deutsches Wort. Da sie aber ein junges Mädchen war, verstand sie die bewegte Sprache der Augen, das leise Seufzen des Blutes, das Streicheln einer heißen Hand, den Liebeshunger der frühen Jahre. Jeden Morgen fam die Anne in mein dunkles, fensterloses Zimmer und weckte mich. Mit hellem Gelächter ertrug fie meine Umarmungen und Küsse und gab fie ver­ichwenderisch wieder zurüd. So kam jeden Morgen Licht in meine dunkle Stube, schönes Licht aus blauen Augen. Aber ich liebte Anne nicht so bedingungslos, wie ich früher geliebt hatte. Ich ließ mich nur lieben. Mein Herz hing im Reichsmuseum an der Jüdischen Braut", beugte sich und war wie die schöne junge Frau, die mit unfagbarer Anmut ihren Kopf an die breite Brust ihres Ge­liebten lehnt.

Zwei Mädchen arbeiteten in jenem Kosthaus, Anne und Gretje. Als nun diese Gretje eines Morgens in unsere Küsse und Um armungen hereinbrach, schämte ich mich. Das Mädchen aber lachte, und es war ein Glockenton in ihrer Stimme, der mich rührte und erschütterte. So hätte, wenn sie noch lebte, die Jüdische Braut" im Reichsmuseum gelacht! Gretje war nicht schön, nein, sie war dünn und mager, hatte über einer niedrigen Stirn wüste, schwarze Haare. Ihre Hände waren grob und verarbeitet. Ihre Kleider waren nur elende Fezzen. Sie mußte sehr arm sein. Und dennoch war sie durch ihr dunkles Gelächter mit dem Rembrandtbild ver schwestert.

An jenem Tage fand ich keine Ruhe vor den toten Gemälden. Immer hörte ich das Lachen des häßlichen Mädchens. Die Jüdische Braut" war in goldene und purpurne Gewänder gekleidet. Ihre Hände waren lieblich, samten war ihr Gesicht, paradiesisch blühte ihre Brust. Und doch: sie war für mich keine himmlisch Erhobene mehr, sie hatte ein irdisches Herz, und ihre Schwester war eine häß­liche Dienstmagd in einer Herberge.

Mit jener Gretje habe ich in den Wochen, als ich in dem Kost­haus wohnte, kaum ein Wort gewechselt. Auch die Küsse und Heim lichkeiten mit Anne hörten auf. Ich war wie behert und wollte zehnmal das Quartier wechseln und blieb doch, ließ mich von Gretje ansehen, hörte unter ihren geschwinden Augenblizen mein Herz heftiger schlagen, lag oft allein in der dunklen Kammer, lauschte ihren Schritten und war glücklich, wenn ihr zauberhaftes Lachen durch das Haus schwebte.

Das Judenquartier von Amsterdam ist ein Proletarierviertel. Die Diamantschleifer sind dort zu Hause, die kleinen Händler und Kaufleute. Und die schönsten Mädchen der Welt. Gegen die blühende Erde der holländischen Mädchen sind sie wie verwunschene

Beilage des Vorwärts

Merkwürdiges aus einem Proletarierstaat.

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WILLKOMMEN

RUSSLAND

In Rußland wurde der Führer der Gelben, der deutschnationale Abg. Geisler, freundlich auf­genommen. Dem Gen. Heinig wird die Einreise verboten, weil er für den Vorwärts" schreibt.

Herzlich willkommen, Towarischtsch Geisler!"

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Hilfe, Hilfe! Ein Vorwärts"-Berichterstatter!"

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Märchenfiguren. Auch noch im Schmuz und Dunkel einer Keller-| ruft; sehr bald treten dann die für seine Träume" typischen Erschei­wohnung und einer lichtlosen Gasse. Rembrandt wußte, warum er in diesem Stadtteil seine Welt und Umwelt in goldene und Schwarze Purpurfarben auflöfte und neu erschuf. Das Licht der Joedenbreedstraat hat auch die braven Bürger Amsterdams für alle

Zeiten verklärt.

Fast jeder Abend führte mich in jenes Quartier. Wenn die Nacht über die Stadt stürzte und in den langen, schwarzen Grachten die Lampen schwankten und funfelten, wenn die Cafés, Konzert hallen und Lichtspielhäuser sich wie fingende Schiffe aus dem das jüdische Quartier, sah in jeder Frau und in jedem Mädchen eine steinernen Käfig der Straßen löften, in dieser Zeit strich ich durch Ruth oder Rahel und war beglückt, wenn mich ein schwarzer Augen­bliz streifte. Dann schwebten die Lichterketten der Laternen wie rote und grüne Edelsteine in dem leise ziehenden Wasser der Kanäle und Grachten.

Herberge. Sie war nicht allein. Ihren schmalen Arm hielt ein voll­An einem Abend begegnete ich auch der Gretje aus meiner erblühtes jüdisches Mädchen. Im Vorüberstreifen hörte ich ihre rauhe Wüstensprache. Dann fiel Gretje mit ihrem gurrenden Ge­lächter ein, ihrem Taubengelächter, das man auch manchmal in den deutschen Wäldern hört, wenn Liebe die fleinen Bogelherzen überfällt.

Auch in mein Herz fiel in dieser Nacht der Hunger nach Liebe. Ruhelos lief ich durch schwarze Straßen. Jedes Licht aus ge­sicherten Stuben, in denen Jünglinge und Mädchen, Männer und Frauen zärtlich beieinander saßen, verbrannte mich. Wir leiden ja alle schon an der Liebe, ehe wir ihre Schmerzen und Freuden mit Leib und Seele erleben dürfen. Das aber wissen wir schon in der ersten Mannbarkeit, daß im Lächeln einer Frau die Süße und Bitternis einer ganzen Welt beschlossen liegt.... ( Schluß folgt.)

Träumen die Tiere? Ob die Tiere träumen, ist eine Frage, die neuerdings mehrfach erörtert wurde, so von dem Leipziger 30ologen Hempelmann in seiner Tierpsychologie". Diese Frage ist schon des wegen recht schwer zu beantworten, weil wir auch über den Traum des Menschen nicht sehr viel Klarheit befizen. Zum anderen aber ist es natürlich falsch und gefährlich aus gleichem Verhalten der Tiere auf gleiche Vorgänge wie beim Menschen schließen zu wollen, da wir über das Geistesleben der Tiere, wenn wir überhaupt von einem folchen sprechen wollen, doch recht wenig wissen. Immerhin lassen fich Vorgänge beobachten, die den Schluß zulassen, daß es auch bei höherstehenden Tieren so etwas wie einen Traum gibt.

lebhaft bewegen in charakteristischer Weise; manche geben Laute von Bei vielen Tieren wird beobachtet, daß sie sich im Schlafe sich: Hunde bellen, Kazen fauchen, Pferde wiehern. Ein Pferd, das den italienisch- türkischen Krieg mitgemacht hatte, fing fieben Wochen nach seiner Rückkehr an, nachts unruhig zu werden, indem es im Schlafe wieherte, mit den Hufen schlug und bissig war, während es am Tage und im wachen Zustande äußerst zahm war. Daß Hunde im Traum zu jagen scheinen, wird häufiger berichtet. lleber einen den Beinen ausschlägt oder zuckt. Solche Anfälle treten immer dann Hund wird mitgeteilt, daß er dabei in hohen Tönen bellt und mit auf, wenn er vorher in den Wald spazieren geführt worden ist. Er läßt sich auch fünstlich in diesen Zustand versetzen, indem man ihm den Waldgeruch durch einen vorgehaltenen Fichtenzweig hervor.

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Es ist natürlich unmöglich, festzustellen, ob der Hund oder das Pferd wirkliche Traumbilder gesehen haben oder anzugeben, welche Vorgänge sich in ihrem Zentralnervensystem abgespielt haben. Aber es liegt auf der Hand, daß, nach den Aeußerungen der Tiere im Schlafe zu urteilen wofür sich viel mehr Beispiele bringen lassen als die angeführten wir es hier mit Vorgängen zu tun haben, die dem Traum des Menschen ähnlich find es liegt fein Grund vor, nicht auch hier von Traum zu sprechen. B. S- tl- n. zugehen, hat jüngst die Steuerbehörde von Atlantic City in den Kapitalverschiebung. Einen seltsamen Weg, der Kapitalflucht nach­Goldzähne find steuerpflichtig. Es gibt verschiedene Wege der Bereinigten Staaten gewählt. Nach Zeitungsmeldungen hat der Steuereinnehmer dieser amerikanischen Stadt erklärt, daß unter Um­ständen goldene Zähne als besteuerbares Eigentum angesehen werden fönnen. So find die Goldzähne eines gewissen Mr. Riddler, deren Wert auf ungefähr 1200 Dollar geschätzt wird, mit einer Steuer von 30 Dollar belegt worden. Aber Mr. Riddler hat sich diese eigen­wird das Für und Wider dieser Steuer erörtert werden, und es artige Steuerveranlagung nicht gefallen lassen. In einem Prozeß werden außerdem Zahnärzte als Sachverständige zugezogen werden müssen, um den genauen Wert des goldenen Gebisses abzuschätzen. In der ersten Instanz hat sich das Gericht auf die Seite des Fiskus gestellt. Die Beunruhigung unter den Trägern von Goldzähnen ist, wie man sich denken kann, groß.

feine Kriminalität besigt, hat eine merkwürdig schnelle Methode, um Die Straffarte. Chikago, das keinen guten Namen in bezug auf Autofahrer, die zu schnell oder nicht auf der richtigen Seite fahren, zur Ordnung zu rufen. Wenn ein Autoführer eine diesbezügliche Bestimmung übertritt, dann wird er von einem Polizeiagenten ange­halten. Lekterer entnimmt seinem Protokollbuch eine Karte, schreibt hierauf die lebertretung mit der Strafe, welche darauf steht, und gibt diese dem Führer. Er selbst behält eine Kopie. Der Autoführer fährt nun mit dieser Karte innerhalb 36 Stunden auf ein Polizeibureau, hier zeigt er seine Straffarte vor, bezahlt die angegebene Strafe, und die Sache ist erledigt. Es kommt auch erhält eine Quittung die Sache wird einem Richter vorgetragen. Doch die Erfahrung vor, daß er nicht bezahlt, in dem Falle erhält er eine Vorladung und lehrt, daß dies nur sehr selten vorkommt und die meisten Führer sich eilen, ihre Straffarte zu bezahlen.

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Haushaltungen verbrauchten Sodamengen kommt von dem Magadisee Von der Quelle des Soda. Ein großer Teil der in europäischen in der englischen Kenya - Kolonie, einem See, der 20 Kilometer lang und sechs Kilometer breit ist und der im heißesten Sommer das Aus­sehen eines unbewegten gefrorenen Gees hat. Geine ganze Ober­fläche ist nämlich mit einer ungeheuren Anzahl von Sodakristallen bedeckt, so daß eine Person in aller Ruhe darüber spazieren kann.

Was alles auf der Welt gegessen wird. In China sind halb ausgebrütete Hühnereier besondere Leckerbissen, in Neu- Brunswijt ( Australien ) ist man Känguruhschwänze, in Birma geröstete rote Ameisen, in Rio de Janeiro Affenrippenstücke und Papageienpasteten, in Malabar Fledermäuse, im hohen Norden Ameritas Präeriewölfe, in Oftamerita Eichhörnchen, in Westindien und Japan . Ratten, am Amazonas Leoparden , in China Hunde, auf Ceylon Elefantenpfoten, in Italien gebadene Polypen, Seespinnen und kleine Weichtiere. Der Engländer Sham erklärt Löwenfleisch als Leckerbissen. Darwin mit besonderem Vergnügen Puma , Dr. Brown geschmolzenes Bären­fett als etwas Köstliches.