Auf den„ Dant" der bürgerlichen Parteien und ihrer Minister hat sie nie gerechnet- dafür fennt sie sie zu genau- aber der Dank der breiten Boltsmassen, die den deutschnationalen und kommunistischen Betrug am deutlichsten erkennen werden, wenn Rhein und Saar frei sind, ist ihr bei den fünftigen Wahlen sicher.
Am 26. April 1925 wurde Herr v. Hindenburg mit 14,7 von 30,4 millionen abgegebenen Stimmen zum Reichspräsidenten gewählt. Aber diese relative Mehrheit war offenbar nur ein Vertrauensvotum für eine bestimmte Person, nicht für eine bestimmte Politit. Mit dem Wahlaft vom 26. April war die politische Zeugungskraft der 14,7 Millionen völlig erschöpft, eine Politik in ihrem Sinne ist nie getrieben worden, auch unter der Regierung Luther- Schiele nicht, fie fonnte gar nicht getrieben werden. Wer stand hinter der Wahl Hindenburgs? Herr v. Loebell mit seinem Reichsbürgerrat, der Stahlhelm nebst den übrigen Rechtsverbänden, die Deutschnationalen, der Alldeutsche Berband usw. Mit halbem Herzen schließlich auch die Deutsche Bolkspartei.
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Dieser Gesellschaft war es gelungen, durch den Köder eines sehr populären Namens bei der Reichspräsidentenwahl einen Sieg zu erstreiten. Sie hatte gehofft und hofft auch heute noch mit Hilfe ihres Gewählten Politik in ihrem Sinne treiben zu können. Das ist ihr glücklicherweise nicht gelungen. Wäre es ihr gelungen, fo gäbe es heute feinen Reichspräsidenten, der dem Reichsaußenminister für die Erfolge der deutschen Außenpolitit seinen Dant aussprechen
fönnte.
Herr v. Hindenburg hat seinen Gegner vom 26. April, Herrn Marg, zum Reichskanzler ernannt. Er hat damit als fonſtitutionelles Staatsoberhaupt gehandelt und eine Regierung geschaffen, die mit der deutschen Volfsvertretung arbeiten fann. Schon dadurch ist zum Ausdruck gebracht, daß die relative Mehrheit vom 26. April als ständiger Faftor der Politik nicht eriſtiert.
Für ihre Führer bedeutet diese Entwicklung der Dinge eine starke Enttäuschung. Aber noch weniger als der einzelne Abgeordnete ist der Reichspräsident ,, an Aufträge gebunden". Trozdem hat es bis in die letzte Zeit hinein an Versuchen, ihn als Beauftragten einer bestimmten politischen Grup pierung zu betrachten und zu benußen, nicht gefehlt. Wer mag z. B. dem alten Herrn in den Ohren gelegen haben, bevor er nach Genf den vom Berliner Kabinett nicht befürworteten- Ratschlag erteilte, nicht für den Siz Polens im Bölkerbundsrat zu stimmen?
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Nicht zum erstenmal und wahrscheinlich nicht zum letztenmal haben die Führer der relativen Mehrheit vom 26. April durch solche Ratgeberei ihren Wunsch erkennen lassen, sich neben der vom Reichspräsidenten ernannten verfassungsmäßigen Regierung als eine Art Nebenregierung zu etablieren. Aber wie unvereinbar ihre Treibereien mit jeder Politik des Möglichen sind, zeigt der Dank Hindenburgs an Stresemann , dem sie sich nicht anschließen, und die von ihm ausgesprochene Hoffnung auf baldige Befreiung des besetzten Gebietes, die sie nicht teilen. Denn der Tag, an dem diese Befreiung erfolgt, wird für sie ein Tag der Niederlage sein!
Die beleidigte Reichswehr . Strafantrag gegen die ,, Brandenburger Zeitung". Brandenburg , 24. September. ( Eigener Drahtbericht.) Der Reichswehrminister hat gegen den verantwortlichen Redafteur der Brandenburger Zeitung" Genossen Friz Ebert einen Strafantrag wegen Beleidigung der Reichswehr im all gemeinen gestellt. Das Blatt hatte der Reichswehr staatsfeindliche politische Tätigkeit und Mißachtung der Reichsfarben vorgeworfen. Der Angeklagte wird vor Gericht den Wahrheitsbeweis dafür erbringen, daß dieser Vorwurf auf die unteren Organe der Reichswehr vell und ganz zutrifft, da sie sich nicht im geringsten um die Anweisungen von oben fümmern.
Das große Heer.
Bon Karl Hermann Franz.
Als ich morgens zur gewohnten Stunde den Zug bestieg, um mich zu meiner Arbeitsstätte zu begeben, war das Abteil, in das ich stieg, so überfüllt, daß ich nur noch mühsam am Fenster einen Stehplatz fand. Ich war an drei oder vier Wagen vorübergegangen, alle waren übermäßig befeßt. Es mußte etwas los fein, ein Sportfest etwa, das draußen abgehalten wurde, eine große Bersammlung, jedenfalls etwas Außergewöhnliches. Ich musterte meine Mitreisen den, doch das Gemeinsame, das Menschen mit gleichen Zielen verbindet, vermochte ich nicht zu entdecken. Niemand trug ein Bereinsabzeichen, auch politische Symbole waren nicht zu sehen. Eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft.
Nun studierte ich die Gesichter, die Mienen, die Bewegungen, wurde aber nur noch schwankender in meinem Urteil. So völlig verschiedene Menschen hatte ich bisher noch nie zusammengefunden. Allen nur denkbaren sozialen Schichten schienen sie zu entstammen, auch im Alter schwankten fie um einige Jahrzehnte. Der alte Mann im feierlichen Rock erinnerte an bessere Zeiten, vielleicht war es ein in der Inflation verarmter Rentier. Ein anderer mit melancholischem Gesicht und ergrautem Haar machte den Eindruck eines Schauspielers ohne Engagement. Der junge Mensch neben ihm schien ein nicht fertig gewordener Student zu sein. Auf den Bierbrauer mit furzer Samtjoppe und Hosen in den Stiefeln vermochte ich mir keinen Vers zu machen. Außerdem traf mein Auge Allerweltserschei nungen, Schreiber, Buchhalter, Angestellte aller Art, Spielbälle der drängenden Verhältnisse. Frauen sind nicht darunter, fuhr es mir durch den Sinn. Das Problem wurde immer verwickelter. Wie tamen diese Menschen zusammen, was verband sie, welchem Ziele fuhren fie entgegen?
Der Zug verlangsamte seine Geschwindigkeit, der Bahnhof tam in Sicht, knirschend legten sich die Bremsen an die Räder. Ich stieg aus. Alle Insassen des Abteils folgten mir. Aber auch die anderen Abteile leerten sich. Mit einem Male wimmelte der weite Bahnsteig von Menschen, Hunderte strömten durch die Sperre.
amten.
Was ist denn heute los?" fragte ich den mir bekannten Be.
Der zuckte die Achseln. Das ist heute schon der dritte Frühzug," erwiderte er, der völlig überfüllt ist."
Ich trat auf die Straße hinaus, eine wahre Bölferwanderung ergoß sich zwischen den Häusern, die Bürgersteige reichten nicht aus, auch über den Damm flutete die Menge. Alles strebte nach einer Richtung, mit einer fomischen und grotesten Haft, als wolle einer den anderen den Rang ablaufen. Mich packte die Neugier, was diese Menschenmassen vorwärts jagte. Das alles überholte mich, lief förmlich an mir vorüber, Männer, nur Männer, alt und jung, die gleichen Menschen, mit denen ich im Abteil gewesen, in dauernder Wiederholung.
Kommunisten- Parteitag.
Großer Sägebetrieb in Aussicht.
Die Kommunisten halten ihren Parteitag vom 27. November bis 1. Dezember in Essen ab. Referenten sind: Braun, Dengel, Thälmann , Geschte, Schneller. Leute, die zur Not ein Parteitagsreferat felber entwerfen fönnen, sind nicht darunter-, die sind alle schon hinausgeworfen.
Dieser Parteitag wird sich mit dem Krach in der KPD. befassen. Er soll die Weber, Scholem , Schütz, Urbahns, die Führer der 700 oppofitionellen Funktionäre, aus der KPD. hinauswerfen.
Kreuz- Zeitungs- Pleite.
Die Kreuz- Zeitung " muß saniert werden. Im Juni vorigen Jahres wurde ihr Verlag in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, von deren Kapital von 1 Million Mark Graf Westarp 250 000, zwei Herren von Alvensleben je 350 000 und 250 000 Mart übernahmen. Schon die Gründungsbilanz war insofern passiv, als die höheren Passiven nur durch das reichlich fittive Konto von 150 000 m. für den Verlagswert mit den Attiven aus geglichen werden konnten. Die Gründer hatten offenbar an dem hohen Aktienkapital von 1 Million mehr Vergnügen als an der vorfichtigen Bewertung der Betriebswerte. Für das erste Jahr 1925 ergab sich gleich ein Verlust von 109 624 m. Inzwischen scheint die Lage noch viel schlechter geworden zu sein, so daß eine scharfe Sanierung nötig geworden ist. Das Kapital wird nach den Beschlüssen der außerordentlichen Generalversammlung 10: 1 auf 100 000 m. zusammengelegt. Der Beschluß wurde einstimmig gefaßt. Die Aktienbefizer, die nach den bisher vorliegenden In formationen nur 581 150 m. eingezahlt haben, haben also die Zufammenlegung dem Einschuß des noch nicht eingezahlten Kapitals vorgezogen. Ihr Vertrauen in die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens ist also nicht sehr groß, und auf die Versicherung, daß das Bestehen der Kreuz- Zeitung " in jeder Weise sichergestellt sei, fällt dadurch ein etwas düsteres Licht. Die Beleuchtung wird durch die Tatsache auch nicht günstiger, daß im Aufsichtsrat der Kreuz Zeitung " A.-G. auch Oswald Spengler fizt, der bekanntlich den Untergang des Abendlandes " verfaßt hat.
Probleme der Weltwirtschaft.
Tagung des Vereins für Sozialpolitik".
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Wien , 24. September. ( Eigener Drahtbericht.) Die erste Sigung des Vereins für Sozialpolitit" brachte am Donnerstag zunächst die Begrüßungsreden. Bundespräsident Hai nisch legte dar, daß er den Kapitalismus für eine vorüber gehende Wirtschaftsform halte. Unter den Begrüßungsrednern befand sich auch der Vertreter der Arbeiterkammer Wiens, der u. a. bemerkte, der Verein für Sozialpolitik fei in den letzten Jahren darüber etwas ungehalten, daß sein Schußbefohlener, die Arbeiter schaft, etwas zu selbständig oder gar ungebärdig geworden ist".
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Dann folgten die Referate. Zuerst sprach Prof. Harms Riel über„ Strukturwandlungen der Weltwirtschaft". Er pries die Entwicklung in Amerita und erklärte, daß die Zukunft die höchste Entwicklung des fapitalistischen Geistes bringen werde. Prof. O1. denburg Berlin sprach über Zell - und Handelspolitik. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Weltwirtschaft sich zu einer Poli tit der Interessensalidarität entwickeln werde. In der Debatte sprachen u. a. der österreichische Sektionschef Schiller , der ausführlich die Ursachen der Krisen darlegte, dann der deutsche Ministerialrat Schönebeck , der sich offenbar verpflichtet fühlte, die deutschen Hochschutzölle zu verteidigen. Er vertrat die Ansicht, daß man nicht nur auf Fertigwaren, sondern auch auf Halbfabrikate hohe Zölle legen müsse, um ein geeignetes Inftrument für die Handelsvertragsverhandlungen zu haben. Es folgte Hilfer. Es folgte Hilfer. ding, der darauf hinwies, daß die Proportionalitätsverhältnisse verschoben worden seien und die organische Industrialisierung durch den Krieg unterbrochen worden sei. Der Kapitalismus führe jeßt
Nun stauten sich die Massen, es ging langsamer weiter, schließ lich nur nech Schritt um Schritt. Dann stand alles still, ich sah gerade auf den Marktplatz, in den die Straße mündete. Hier drängte sich Kopf an Kopf, aller Blicke richteten sich auf ein Haus, das verriegelt und verrammelt zu sein schien. Die Jalousien waren fest geschlossen, kein Fenster unbewehrt, die Tür mit schweren Brettern verwahrt. Auf der Holzbekleidung erkannte ich ein großes weißes Plakat, dessen Schrift ich nicht zu entziffern vermochte. Menfchen versuchten sich gewaltsam Eingang zu verschaffen, rüttelten an der Tür, zu der einige Stufen emporführten, und sprachen laut zu den Untenstehenden.
Langsam schob ich mich vor, schlüpfte da in eine Lücke, erspähte dort einen Durchgang und arbeitete mich bis an das geheimnisvolle Haus. Und las auf dem weißen Plakat in großer Pinselschrift:
„ Die Stelle des Adressenschreibers ist besetzt."
Ich starrte auf die Gesichter meiner Nebenmänner, erkannte den verarmten Rentier, den verkommenen Komödianten, den entwurzelten Offizier, den nicht fertig gewordenen Studenten, den entlassenen Bank beamten, den stellungslosen Bierbrauer und alle die anderen, die mit befümmerten Mienen nach einem Berdienst jagen. lnd begriff, was ihnen gemeinsam war, was sie verband und ihnen das Kainszeichen auf die Stirn brannte. Inpen waren es alle, die einer großen Armee zugehörten, auf deren Fahnen Hunger und Entbehrung stehen. Mitten im großen Heer der Armut stand ich, das sich im ewigen Kampfe um ein Stück Brot verblutet.
Der gefühlvolle Fakir. Durch die europäischen Hauptstädte reifen orientalische und abendländische Fafire, die den Schmerz überwunden haben und sich in Konzertfälen vor der staunenden Menge Peinigun gen aller Art unterziehen. Der französische Schriftsteller Paul Heuze hat seine Erfahrungen über diesen Gegenstand in einem Buche ge sammelt, das jetzt unter dem Titel Fakirs, fumistes et Cie." er scheint. Er schreibt darin:„ Es handelt sich um einen berühmten Fakir mit dem Doktortitel, der in einem Pariser Konzertsaal auftrat. Baul Heuze wollte, obgleich er eigentlich wenig Zweifel über diese Dinge hegte, sich vergewissern, daß der fragliche Fatir keineswegs fo gefühllos war, als man ihm die Hutnadeln durch die Wangen steckte. Mit Nadeln in seinem Körper begab sich der Fatir in die Reihen der Zuschauer. Eines Abends besuchte Heuzé mit einem Freunde die Vorführung; diefer hatte eine fleine Stednaedt in der Hand, eine ganz gewöhnliche, fleine Nadel. Als der Fakir bei ihnen vorbeiging, stach ihn der Freund argliftig mit der Nadel in das Gefäß. Der Fatir machte einen plöglichen heftigen Sprung, drehte sich dann mit wütenden Blicken um und gewann einen Augenblick darauf feine Raltblütigkeit wieder. Man fann nicht leugnen, daß er dann seinen Weg durch die Zuschauer fortsetzte, als hätte sich weiter nichts ereignet. Man sieht also, daß auch die gefühllosesten Menschen noch Gefühle haben, wenn man ihnen nur an der richtigen Stelle und im richtigen Augenblick Nadelstiche versetzt. Offenbar gibt es feine Menschen, die den Schmerz nicht empfinden, sondern nur solche, die ihn sich verbeißen.
zu einer höheren Organisationsphase, aber es tönne auch den Erben des Kapitalismus recht sein, wenn die Anarchie der Wirtschaft beseitigt werde.
Direkte Siedlungsaktion bei Wien .
Debatte im Parlament.
Wien , 24. September. ( Eigener Drahtbericht.) Vor einigen Tagen haben, wohl unter dem Eindruck der Propaganda„ Kolonien in der Heimat", eine Anzahl Arbeitslose, darunter Orga nisierte und Schutzbundgenossen, die sogenannte Oberau in dem Waldgebiet der Donauniederung unterhalb von Wien besetzt und dort sofort zu roden begonnen, um eine landwirtschaftliche Siedlung zu errichten. Das Land ist, als ehemals faiserlicher Besiz, jetzt Eigentum des Kriegsbeschädigtenfonds, und dessen Kuratorium hat, gestüßt auf Gutachten, wonach die Oberau dauernd überschwemmungsgefährdet, guten Trinkwassers ermangelnd und überhaupt ungesund ist, eine Verpachtung des Gebiets zu Siedlungszwecken abgelehnt, worauf den Arbeitslosen ein Ultimatum zur Räumung gestellt worden ist; das ganze Gebiet ist von. Gendarmen dicht umstellt, die befehlsgemäß auch die Heranbringung von Lebensmitteln hindern. Die Angelegenheit hat nun infolge einer dringenden Anfrage der Sozialdemokraten den Nationalrat beschäftigt.
Genosse Dr. Bauer begründete die Anfrage, die fordert, daß bei Räumung der Oberau gegen die Arbeitslosen nicht Gewalt angewendet wird, ferner daß der Minister für Landwirtschaft einen Blan zur Zurückführung der Arbeitslosen, die aus der Landwirtschaft stammen, in ihre früheren Berufe ausarbeitet, siedlungsland durch Enteignung sowie über Organisieund schließlich, daß Gefeßentwürfe über Schaffung von Be ung und Finanzierung von Ansiedelaktionen für Arbeitslose dem Nationalrat unverzüglich vorgelegt werden. Abg. Bauer erwähnte hierbei, daß die Ereignisse in der Oberau auch das große Problem der Beschäftigung von Arbeitslosen in der Landwirtschaft überhaupt aufwerfe und verlangte mit besonderem Hinweise auf die flomatischen Wanderarbeiter, daß die Aufnahme fremder Wanderarbeiter unter scharfe Kontrolle gestellt werde.
Bundeskanzler Dr. Ramet betonte in seiner Antwort, daß die zuständigen Stellen in Ausführung ihrer Aufträge nach den gesetzlichen Bestimmungen bei der Aufforderung an die Siedler, die Oberau zu räumen, sich bemühen werden, die Angelegenheit in friedlicher Weise zu regeln. Die Siedler aber und die Mitglieder des Vereins„ Kolonien in der Heimat" müßten sich an die Anordnungen der Behörden halten. Im gegenwärtigen Augenblic bestehe daher für den Bundeskanzler fein Anlaß, dem Landeshauptmann von Niederösterreich einen bestimmten Auftrag zu geben oder ein bestimmtes Verbot zu erlassen.
Landwirtschaftsminister Thaler erklärte u. a., die freiwilligen Zuweisungen von Land hätten viel mehr zum Erfolge geführt, als alle Gefeße und Verordnungen. Daher sei auch in dem vorliegenden Fall beabsichtigt, die Frage im Einver. nehmen mit den Besizern zu lösen. Auf die Frage nach Beschaffung von Siedlungsland durch Enteignung antwortete wirtschaftsminister zu sein, werde er von dem geltenden Eigen. er aber mit einem lauten Nein. Solange er die Ehre habe, Landtumsbegriff nicht abweichen.( Lebhafter Beifall rechts, Zwischenrufe.) Solange der Eigentumsbegriff nicht angetastet würde, so schloß der Minister, fönnten die Siedler seiner Unterstützung sicher sein.
Die beiden Minister, die da gesprochen haben, gehören der Christlich- Sozialen Partei an, ebenso der Landeshaupt. mann des Bundeslandes Niederösterreich, das eine christlich- soziale Mehrheit hat, da Wien eigenes Bundesland ist.
Die beiden Pfarrer Bachmann und Schafft, gegen die von der vorgesetzten Kirchenbehörde ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden war, weil sie beim Boltsentscheid für Gewissensfreiheit eintraten und sich gegen den Mißbrauch der Kanzel durch eine einseitige Stellungnahme gegen die entschädigungslose Fürstenenteignung gewandt hatten, trotzdem sie selbst Gegner des Bolfsentscheides waren, Der Bertreter der Anklage hatte die geringste Ordnungsstrafe bewurden am Donnerstag vom Disziplinargericht freigesprochen. antragt. Damit ist das Verfahren, das auf Treibereien des Frank furter Führers der Deutschnationalen, des Senatspräsidenten Dr. Heldmann zurückzuführen ist, schmählich zusammengebrochen.
Tolstoi und Gandhi . Der Freund und Biograph Tolstois, Paul Birukoff , gab fürzlich einen Band Tolstoi - Dokumente im Züricher Rotapfel- Verlag heraus, der den Briefwechsel des russischen Dichters mit führenden Männern des Orients umfaßt. Als besonders charafteristisch erscheinen darin Tolstois Bemühungen, mit seinen dafür ten zur Aufstellung eines weltumspannenden Bazifismus auf einaus östlicher Weltanschauung besonders prädestinierten Korresponden heitlich- religiöser Grundlage zu kommen. Für die unmittelbare politische Wirksamkeit der Tolstoischen Friedenslehre aber bringt der Briefwechsel in seinem Mahatma Gandi betreffenden Teile imponierende Beweise. Gandhi , der bekannte indische Unabhängigfeitsführer, der sein Ziel ohne gewaltsame Erhebung gegen die englischen Beherrscher des Landes erreichen wollte, bekennt sich in seinen Briefen an Tolstoi ausdrücklich als dessen begeisterten Berehrer und Schüler, der ihm das Wesentliche seiner politischen Anschauungen und Bragis verdante. Mag auch sein Kampf erfolglos geblieben sein: fein Kampf ist ein neuer Beitrag zu der Frage, ob geistige Bewegung praktische politische Folgen auszulösen vermögen.
Die umgetaufte Stadt. Die Italienreisenden, die jetzt die Eisen bahnlinie von Pisa benutzen, sind nicht wenig überrascht, auf dem Bahnhof von Avenza den Stationsnamen von einer dichten Firnisschicht bedeckt zu finden, so daß man ihn nicht mehr entziffern lann. deckten, sind auch entfernt worden, und man hat einen neuen Namen Die blauen Inschriften, die die Mauern des Stationsgebäudes bean ihre Stelle gesezt. Avenza heißt jezt Apua, da es in den apuanischen Alpen liegt. Der Grund für diese Namensänderung? In den Mauern dieser unseligen Stadt ist der Mann geboren worden, der jüngst ein Attentat auf Mussolini gewagt hat. Der Name dieses Ortes muß, so meinen die Faschisten, für alle Zeiten ein Eroberer eine Stadt bestrafen wollte, ließ er ihre Mauern aus dem Bewußtsein der Menschheit getilgt werden. Ehemals, wenn schleifen. Wieviel humaner ist das moderne Italien , das sich damit begnügt, einen Sturm auf einige Stationsschilder vorzunehmen. Ehemals glaubte man allerdings, daß ein Verbrechen nur die Ehre des Berbrechers beschmuge, und in ganz barbarischen Zeiten war man der Ansicht, daß damit auch die Ehre der Familie des Ver. brechers dahin sei. Mussolini blieb es vorbehalten, einer ganzen Stadt den guten Namen zu nehmen, weil in ihren Toren ein politischer Verbrecher geboren wurde, der dazu noch den größten Teil feines Lebens außerhalb der Stadtmauern geweilt hat.
Hugo Lederers Diana, das von der Stadt Berlin erworbene Bronze bildwerk, das seit einigen Monaten eine vorläufige Aufstellung am Barifer Blab, am Ende der Lindenpromenade hatte, ist gestern endgültig im Friedrichshain aufgestellt worden.
Erich Weinert- Abend. Am Montag, den 27. September, 8 Uhr, spricht Erich Beinert im Meistersaal, Röthener Str. 38, eigene politische und unpolitische Satiren.
Beinbergs" wurden aus dem Publikum Stinkbomben in den Saal ge Theaterslandal in Elberfeld . Bei der 24. Aufführung des Fröhlichen worfen. Es kam zu einem wüsten Standal und einer Schlägerei. Das herbeigerufene Ueberfallfommando verhaftete eine ganze Reihe der Unruhestifter. Die Vorstellung mußte unterbrochen werden, wurde jedoch schließlich zu Ende geführt.