Einzelbild herunterladen
 

Nr. 464 43. Jahrg. Ausgabe A nr. 237

Bezugspreis.

Wöchentlich 70 Pfennig, monatlich 3, Reichsmart voraus zahlbar. Unter Kreuzband für Deutschland , Danzig , Saar- und Memelgebiet. Desterreich, Litauen , Luxemburg 4,50 Reichsmart, für das übrige Ausland 5.50 Reichsmart pro Monat.

Der Vorwärts" mit der illustrier­ten Sonntagsbeilage Bolt und Zeit" fowie den Beilagen Unterhaltung und Wissen". Aus der Filmwelt", Frauenstimme", Der Kinder­freund", Jugend- Borwärts" und Blid in die Bücherwelt" erscheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. Telegramm- Adresse:

Sozialdemokrat Berlin "

Morgenausgabe

Vorwärts

Berliner Volksblatt

10 Pfennig

Anzeigenpreise:

Die einfpaltige Nonpareille. geile 80 Pfennia. Reklamezeile 5, Reichsmart. Ricine Anzeigen" das fettgedruckte Wort 25 Pfennig ( zuläffia zwei fettaedruckte Worte). jedes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengefuche das erste Wort 15 Pfennig. iedes weitere Wort 10 Pfennia. Worte über 15 Buch­ftaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmarkt Reile 60 Pfennig. Familienanzeigen für Abonnenten

Beile 40 Pfennia.

Anzeigen für die nächste Nummer müssen bis Uhr nachmittags im Sauptgeschäft, Berlin SW 68, Linden­ftraße 3, abgegeben werden. Geöffnet Don 8% Uhr früb bis 5 Uhr nachm.

Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Redaktion und Verlag: Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297.

Sonnabend, den 2. Oktober 1926

Vorwärts- Verlag G.m. b. H., Berlin SW. 68, Lindenstr.3

Bostschedkonto: Berlin 37 530

-

Bankkonto: Bant der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Wallstr. 65: Diskonto- Gesellschaft. Depofitentafle Lindenstr. 3.

Mussolinis Enthüller.

-

Seine einstigen Mitarbeiter. Der Einbruch in die deutsche Botschaft. Bon einer italienischen Persönlichkeit, die durch ihre| zurückzuführen, daß Mussolini erfahren hatte, daß in einem Safe Stellung ganz besonders gut in der Lage ist, die Maßnahmen der der deutschen Botschaft faschistischen Regierung zu beobachten, wird uns geschrieben:

Der außerordentliche scharfe Borstoß, den Mussolini nach dem Bombenattentat des Lucchetti gegen die im Auslande lebenden antifaschistischen Emigranten unternahm, deren sofortige Ausweisung insbesondere von der französischen Regierung ver­langte, ist nicht auf das Attentat selbst zurückzuführen, sondern hängt mit ganz anderen Dingen zusammen. Bei allem Haß, den er gegen die sozialistischen, demokratischen und katholischen Emigranten empfindet, die sich insbesondere um den Parifer ,, Corriere degli Italiani" geschart haben, richtet sich seine Wut in noch viel höherem

Maße gegen

einige feiner infimsten Mitarbeiter,

die im Laufe dieses Jahres über die Grenze gegangen sind und die bereits angefangen haben, schwerwiegende Enthüllungen gegen ihn zu veröffentlichen. Es handelt sich um seinen ehemaligen Pressechef Cefare Roffi, um seinen früheren Privatfefretär und Steno graphen Benedetto Fasciolo und um den letzten Chefredakteur der faschistischen Tageszeitung Il Nuovo Paese", Carlo Bazzi.

Diese drei ehemaligen Mitarbeiter und Freunde Mussolinis, die mit ihm aus verschiedenen Gründen gebrochen haben, sind über die Grenze

unter Mitnahme einer Unzahl von gravierenden Original­dokumenten geflohen,

ein weißer Umschlag

enthalten sei, der für einige politische Persönlichkeiten Italiens fehr kompromittierende Dokumente enthalte. Mussolini beschloß nun, sich in den Besitz dieser Dofumnete zu setzen. Mit Hilfe eines unge freuen Dieners der Botschaft verschaffte sich die römische Polizei. Nachschlüssel zum Safe sowie zum Garten und zu den Amtsräumen der Botschaft. Doch spielte der Diener eine Doppel­rolle, verriet Mussolini und

In der Nacht zum 4. März 1923, in der der Anschlag erfolgen sollte, benachrichtigte den Botschafter, Freiherrn von Neurath. versteckten sich der Botschafter, dessen Sohn und zwei Beamte der Botschaft, die mit Revolvern bewaffnet waren, im Garten der Bot­schaft. Nach einiger Zeit sahen sie zwei Leute durch eine Neben tür in den Garten eindringen, während drei weitere Schmiere standen. Die beiden Männer, die im Besitz eines Planes des Hauses waren, gingen auf den Geldschrank zu, machten ihn auf und bemächtigten sid; des bewußten Umschlages der allerdings nur noch unbe= schriebene Blätter enthielt und gingen wieder hinaus. Doch stießen sie jetzt auf den Botschafter und dessen Begleiter, die sie fest nahmen. Es stellte sich heraus, daß

-

-

die Einbrecher ein Carabinierihauptmann und ein Polizeikommissar

waren! Die drei anderen, Unteroffiziere der Carabinieri, ergriffen die Flucht. Der Boffchaffer enfließ die beiden Festgenommenen erst, mit deren Veröffentlichung fie in einer in Brüffel erscheinenden Zeit nachdem er auf Grund ihrer Geständniffe ein Protokoll aufgefeht schrift Quaderni del Nuovo Paese"( Hefte des neuen Baterlandes") begonnen haben. Das im Juni erschienene erste Heft( an deffen Spitze Mussolini stand) gegenzuzeichnen gezwungen wurde. hatte, das ein hoher Beamter des italienischen Auswärtigen Amtes hat allen drakonischen Verboten zum Troß auch in Italien Im Berliner Auswärtigen Amt gibt es einen eingehende Be selbst weite Verbreitung gefunden und ungeheuren Eindruck gericht des Botschafters von Neurath über dieses seltsame Abenteuer. macht. Während der Vollversammlung des Völferbundes in Genf erhielten nun alle Delegationsmitglieder ein Eremplar dieser ersten Nummer nebst einem Wasch zettel zugefchickt, der den Inhalt der nächsten Nummer angab. Als Mufflini da­von hörte, war er überaus bestürzt und benutzte nun den gerade in diesen Tagen erfolgten Anschlag, um mit drohenden Worten gegen Frankreich die Ausweisung der Emigranten zu fordern, womit er übrigens glatt abfiel.

Unter den zu erwartenden Enthüllungen befindet sich u. a. eine Darstellung, die gerade für deutsche Leser von besonderem Interesse ist, weil sie den Einbruch betrifft, der vor einigen Jahren in die deutsche Botschaft in Rom versucht wurde, über den die deutsche Presse seinerzeit berichtet hat. Dieser Einbruchsversuch ist darauf

Die Betrauung Pilsudskis .

Das neue Kabinett. Warschau , 1. Oktober. ( EP.) Das neue polnische Kabinett hat folgende Zusammensetzung: Ministerpräsidium und Heereswesen: Pilsudski ; Außenminister: 3 alesti; Innenminister: Sklad­towiti; Finanzminister: larner; Justizminister: Meu ß- towicz; Candwirtschaftsminister: io3abifowity; Minister für Handel und Industrie: Kwiatkowsky; Berlehr: Romadi; Arbeitsminister: 3 urtiswicza. Das Unterrichtsministerium ift noch nicht besetzt.

Mussolinis Rache.

Rom, 1. Oktober .( WTB.) Wie Tribuna" berichtet, wurden 15 polififche Emigranten der italienischen Staatsangehörig­feit für verlustig erklärt. Darunter befinden sich der frühere Pressechef Rossi, der frühere Privatsekretär Mussolinis Fasciola, der frühere Herausgeber des Paefe", Cicco ifi, sowie fein Nachfolger, der frühere Herausgeber des Nuovo Paese" Bazi, dazu kommen mehrere Redakteure des Pariser Emigranten­blattes Corriere degli italiani" und endlich der Universitäts­professor Salvenini und der Abg. Massimo Tribuna" verlangt in einem Kommentar zu dieser Meldung, daß auch Nitti jetzt der Staatsangehörigkeit für verlustig erklärt wird.

Rocca.

trauen ausgedrückt wurde, werden als Kandidaten nicht genannt. Wie verlautet, hat Pilsudski dem Sozialisten Moraczewski das Ministerium für öffentliche Arbeiten angeboten, über dessen An­nahme der Vorstand der PPS . berät.

Ein russisches Angebot an Polen. Warschau, 1. Oktober .( Eigener Drahtbericht.) Im Zusammen­hang mit dem russisch- litauischen Batt hatte Staatssekretär Knoll als Bertreter des Außenministers den russischen Gesandten Woj off zu sich gebeten. Wojtoff soll im Berlauf der Unterredung folgenden offiziellen Vorschlag der russischen Re­gierung gemacht haben: Die Sowjetregierung ist bereit, ihr Desinteressement an Wilna offiziell zu erklären, wenn sich Polen bereit erklärt, mit der Sowjetregierung ein Sonderabkommen über gegenseitige Neutralität abzuschließen. Dieser Vorschlag hat in Warschau großes Aufsehen erregt.

Stahlpakt unter Staatenkontrolle!

Märchen zur Begründung des Regierungsrücktritts. Warschau, 1. Oktober .( Eigener Drahtbericht.) Die Regierungs­presse warnt davor, den am Donnerstag erfolgten unerwarteten Rücktritt der Regierung als eine Niederlage und ein Nachgeben der Regierung, des Staatspräsidenten oder gar Pilsudskis anzusehen und motiviert dies mit außenpolitischer Gefahr. Der seit mehreren Tagen andauernde Kampf zwischen Regierung und Sejm schwäche bedeutend das Ansehen Polens vor dem Ausland, das diese Forderung der französischen Sozialisten. Gelegenheit zu allerlei Vorstößen auszunügen versucht. Gemeint Paris, 1. Oftober.( Eigener Drahtbericht.) Im Auftrage der wird damit in erster Linie der russisch litauische Ber sozialistische Kammerfraktion hat Léon Blum eine Interpellation trag sowie die russischen Verständigungsabsichten Rumänien zum französisch- deutsch- luxemburgisch- belgischen Rohstahltrust einge­gegenüb wobei dieses durch endgültigen Verzicht auf bracht. Blum verlangt von der Regierung Aufklärung über die Beffarabien(?) das polnisch- rumänische Bündnis feines Tragweite dieses Bertrags. Die französische sozialistische Partei Wertes für Rumänien berauben wolle. Rußland soll sich aber nicht lehnt diese Art von Verträgen keineswegs ab. Sie sieht in ihnen nur auf diese beiden Intrigen gegen Polen beschränken, sondern sogar die Möglichkeit von Friedensgarantien, aber sie ist beabsichtige weiter, in den Völkerbund einzutreten(?), der Auffassung, daß solche Verträge nur unter Staatston. um auf diese Weise eine völlige Jfolierung Bolens zu bewirken. trolle abgeschlossen werden können. Die Interpellation ist aus= Aus diesen Beweggründen habe die Regierung am Donnerstag führlich begründet. In der Linkspresse stößt der Zusammenschluß ihren Rücktritt beschlossen, um einer neuen Regierung Platz zu der Schwerindustrie auf mannigfache Bedenten. So gibt machen, welche den Kampffiegreich durchführen und fich I'Deuvre" der Befürchtung Ausdruck, daß die Verständigung auf auch im Auslande Autorität zu verschaffen verstehen werde. Mit der Kosten der Arbeiterschaft und der Verbraucher Bildung einer solchen Regierung hat der Staatspräsident am Freitag abgeschloffen sei und bedauert, daß die beteiligten Regierungen fich vormittag den Marschall Pilsudski beauftragt, der voraussicht die Möglichkeit einer direkten Teilnahme an den Verhandlungen lich neben dem Bosten des Ministerpräsidenten Kriegsminister haben entgehen lassen. Denn der Zusammenschluß fo mächtiger bleiben wird. Die übrigen Ministerposten werden mit kleinen Aus- privatwirtschaftlicher Interessen bedeute eine Gefahr für die nahmen mit den bisherigen Inhabern befeht werden. Der Allgemeinheit, wenn sie nicht unter der Kontrelle der Staaten Janenminister und der Unterrichtsminister jedoch, benen das Miftehen.

Der Hamburger Streik.

Die Verantwortung des Reichsarbeitsministers.

Es sind jetzt genau dreißig Jahre her, als die Hamburger Hafenarbeiter einen in der Geschichte der Arbeiterbewegung Rampf gegen ein machttrunkenes Unternehmertum führen, denkwürdigen Lohnkampf unternahmen. Sie mußten den dem es als eine unerhörte Auflehnung erschien, daß gewöhn­dern auskömmlich zu leben. liche Arbeiter den Anspruch erhoben, nicht nur notdürfig, son­

geringste Ausschreitung mit schweren polizeilichen und gericht­Aber die Hamburger Hafenarbeiter, wenn sie auch die lichen Folgen büßen mußten, waren immerhin frei, ge= stüßt auf ihre Organisation, den Kampf zu führen. Bor 30 Jahren! Heute hat der Reichsarbeits­minister Dr. Brauns der Organisation die Waffe des Streits aus der Hand geschlagen.

Der Minister hat den Oberregierungsrat Dr. Grabein nach Hamburg als Schlichter geschickt, nachdem die Ham­burger Hafenarbeiter beschlossen hatten, den Schiedsspruch des Schlichtungsausschusses, der ihnen jede Lohnerhöhung ver­weigerte abzulehnen und die Arbeit niederzu­legen. Der von Dr. Brauns nach Hamburg detachierte Schlichter versuchte zunächst in freier Bereinbarung die Par­teien zu einigen. Als dieser Versuch mißlungen war, leitete Dr. Grabein auf Anweisung des Ministers von Amts wegen ein Schlichtungsverfahren ein. Hier wie in den vorhergehen­den Verhandlungen gab der Abgesandte des Reichsarbeits­ministers flar zu erkennen, daß keine Erhöhung der Löhne durch Schiedsspruch zu erwarten sei, wenn die Par­Der Reichsarbeitsminister wollte nur die Lohnerhöhung, die teien ihr nicht vorherzustimmten. Anders ausgedrückt: auch die Unternehmer wollten. Und zwar wollte der Reichsarbeitsminister feine Lohnerhöhung ohne die Zu Stimmung der Unternehmer, wegen der schwebenden Lage auf Lohnproblem auf der ganzen Linie aufge= den Werften und weil durch eine solche Lohnerhöhung das rollt würde.

-

an=

Dieser Standpunkt ist zu verstehen. wenn man sich in die macht nun einmal feine Sozialpolitik ohne, geschweige denn Gedankengänge des Reichsarbeitsministers hineinversetzt. Er geblich unabhängigen gegen die Unternehmer. Er fann also auch keinen Schlichter ermächtigen, etwas zu tun, Oberregierungsrat- wenn er auch unabhängiger Schlichter was die Unternehmer nicht ausdrücklich wollen. Und ein ist- den Willen des Ministers handeln. ift fann in einer so grundsäßlichen Frage nicht gut gegen

-

Nun aber fommit etwas, was man mit dem besten Willen Die Unternehmer erklärten, daß sie selbst einer Lohnerhöhung nicht mehr begreifen und auch beileibe nicht billigen kann. nicht zustimmen würden. Wenn aber der Vertreter des Ministers den Arbeitern entgegenkommen und die Grundlöhne durch Schiedsspruch erhöhen würde, dann würden die Unter­nehmer sich damit abfinden. Aber der Oberregierungs­rat hatte vom Minister, mit dem er in telephonischer Ver­bindung stand, eine gebundene Marschroute: Keine Lohn­erhöhung ohne die Stimmen der Unterneh= mer, wegen der Konsequenzen für die gesamte Wirtschaft. Dementsprechend fällte er seinen Schieds­spruch".

Und nun tommt das Ungeheuerliche: diesen Schieds­spruch erklärte der Reichsarbeitsminister für verbindlich, b. h. er nahm damit der Organisation das legale Recht, die Unternehmer durch eine Niederlegung der Arbeiter zu einem Entgegenkommen zu zwingen. Und damit auch die Besizer der Seeschiffswerften sich nicht. beklagen sollen, erklärte Dr. Brauns auch den Schiedsspruch für ver­bindlich, der den Ne un stundenta g- trotz Krise- für ein weiteres Jahr festlegte. So forgt der Reichsarbeitsminister dafür, daß der Achtstundentag in allernächster Zeit" in Deutschland Gesez wird.

Dieser Schiedsspruch und diese doppelte Verbindlichkeits­erklärung haben eine Tragweite, die nicht übersehen werden darf. Die furchtbare Wirtschaftskrise, die in Deutschland mehr als zwei Millionen Menschen zur Untätigkeit verurteilt, viel­leicht ebenso viel Menschen zur Kurzarbeit, hat ihre wesentliche Ursache in der sogenannten Rationalisierung, d. h. in der technischen Anpassung der deutschen Industrie an die ame= rikanischen technischen Fortschritte. Der Krieg und die In­flation hatten die deutschen Industriellen bisher von dieser Anstrengung befreit. Nun muß mit einem Ruck das Ver­säumte nachgeholt werden.

Diesen Rud machen aber die Löhne nicht mit. Es ent­steht also eine Kluft zwischen Produktivität und Rauftraft. Es gibt nur eine wirksame Möglichkeit, der Krise Herr zu werden: die Löhne so zu steigern, daß sie mit der Produktivität Schritt halten. Dieser wirtschaftlichen Notwendigkeit verschließt sich der Reichs­arbeitsminister. Er geht aber noch weiter Er verschließt den Gewerkschaften die Möglichkeit, die Macht der Organisation in die Wagschale zu werfen, um die Wirtschaft wieder ins Gleich­gewicht zu bringen,